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Full text of "Handbuch der Frauenbewegung"

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r 



Handbuch 



der 



Frauenbewegung 



taeransgegeben von 



Helene Lange und Gertrud Biumer 



LTefl: 

Die Geschichte der Frauenbewegung in den Enltorlindem 

H Teil: 

Pruenbewegong und soxiale Frsoenfhitigkeit in Dentsehlaad nach 

Qnzelgebieten 

nL Teil: 

Der Stand der Franenbildong in den Enltorlindem 

IV. Teü: 

deatsehe Fran im Bemf 



Berlin S. 
W. Moeser Buchhandlung 



Handbuch der Frauenbewegung 

' / herausgegeben von 

Helene Lange und Gertrud Bäumer 



EL Teü 



Der Stand der Frauenbildung 



in den 



Kulturländern 



Mitarbeiter am IH Teil: 

OcrtFOd Binmer, Mmrj J. LyniWnalra, Hargapete Henaehka« 

Hedwig Hayl, Anguite Flekart, Roilka Seliwlnimar, BmlUa Banz, 

Martina 6. Kramara, Ida Falba-Hanaan, Dlraktor Olaf Berg, 

Anna Hlarta-Ratzlna, Alexandra Gripanberg« IL Beaamertaj, 

P. Kneralilra^BelnKihniltt, Profeeaor Dr. J. Wyaligrani, 

Profaaaor Dr. Heinrieh Blaehoff; Dr. med. Maria Kalopothakta, 

Blee Cammeo, Dr. phO. Carolina lOehaills de Vaaeoneelloa, 

Maria Ctoyri de Pldal, Dr. phO. Jane Seberzer 



Berlin S. 
W. Moeaer Buchhandlung 



V.3 



Autorisierter fotomechanischer Nachdnjcl< der Originalausgabe 
erschienen bei W. Moeser Buchhandlung, Bertin 1901 — 1915 



© F. A. HertiiQ Verlagsbuchhandlung, München 



CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothel( 

Handbuch der Frauenbewegung / hrsg. von Helene 
Lange u. Gertrud Bdumer. — Nachdr. — Weinheim. Basel: Bettz. 

ISBN 3-407-59000-8 

NE: Lange, Helene [Hrsg.] 

Teil 3. -^ Der Stand der Frauenbildung in den 

Kutturldndem 



Der Stand der Frauenbildung in den Kulturlindem / 

Mitarb. am III. Teil: Gertrud B&umer . . . 

— Autoris. fotomechan. Nachdr. d. Orig.-Ausg., 

erschienen bei Moeser. Berlin 1901 — 1915. — 

Weinheim. Basel: Bettz, 1980. 

(Handbuch der Frauenbewegung; Teil 3) 

ISBN 3-407-59003-2 

NE: B&umer, Gertrud [Mitarb.] 



© 1980 Bettz Vertag • Weinheim und Basel 
Printed in Qermany 

ISBN 3 407 59003 2 



IHIZOC^"^ /^"^ 



Vo rwo rt. 



Wir Qbergeben den dritten Teil unseres Handbuchs erst nach 
dem vierten der Öffentlichkeit Die Herausgabe des Bandes ist 
bis beute von uns hinausgeschoben worden in der Hoffnung, dass 
die in Aussicht stehende Reform der höheren Mädchenschule in 
Preussen noch früh genug abgeschlossen sein würde, um der 
Darstellung des deutschen Frauenbildungswesens in unserem Buche 
hinzugefügt zu werden. Diese Hoffnung hat sich aber nicht er- 
füllt Da der Zeitpunkt für das Erscheinen der betreffenden 
ministeriellen Verfügung noch nicht absehbar ist, glaubten wir 
unsere auslandischen Mitarbeiter auf die Veröffentlichung ihrer 
Beitrage und unsere Leser auf die Vervollständigung des Werics 
nicht langer warten lassen zu dürfen. Die behördlicherseits bereits 
gegebenen Richtlinien der Reform sind selbstverständlich von uns 
in vollem Umfange berücksichtigt worden. 

Der dritte Band ist nach dem Prinzip des ersten Bandes 
unseres Handbuchs zusammengestellt worden. Er bietet in Einzel- 
darstellimgen den Stand des gesamten Frauenbildungswesens in 
den Kulturländern von der Volksschule bis zur Universität Da- 
bei ist die Berufsbildimg nur in den auslandischen Darstellungen 
berücksichtigt, in Bezug auf Deutschland ist dieses ganze Gebiet 
dem IV. Teil, der von der Erwerbsthatigkeit der Frauen in Deutsch- 
land handelt, zugewiesen worden. Unter demselben Gesichtspunkt 
steht die Behandlung der Lehrerinnenfrage in dem Abschnitt über 
Deutschland. Alles, was zur Darstellung des Lehrerinnen beruf s 
gehört, vor allem die wirtschaftlichen Verhaltnisse, ist dem IV. Teil 
zugewiesen und hier nur insofern herangezogen, als es zur Kenn- 
zeichnung der Schule wichtig ist Die Bearbeitung der einzelnen 
Lander ist, wie im ersten Teil, meistens Inländern übertragen worden. 
Eine schematische Obereinstimmung der einzelnen Skizzen ist hier 
so wenig wie im ersten Teil beabsichtigt; wohl ist eine gewisse 
Vollständigkeit der Angaben nach einem bestimmten Plan an- 
gestrebt und dafür gesorgt, dass jeder Artikel auf eine Reihe von 
Fragen nach Organisation, Statistik etc. Auskunft giebt Aber es 



VI 

hiesse der Eigenart der Entwicklung und der Verhaltnisse in den 
verschiedenen Ländern Zwang anthun und der berechtigten Sub- 
jektivität der Verfasser zu enge Fesseb anlegen, wollte man ein 
stärkeres Hervortreten irgend einer Schulgattung vor der andern, 
ein eingehenderes Verweilen bei den sozialen oder kulturellen 
Grundlagen des Bildungswesens, eine grössere BerQcksichtigung 
der historischen Entwicklung u. s. w. zu Gunsten einer allgemeinen 
Schablone redigierend beseitigen. Wir glauben, dass die Einzel- 
darstellungen auch in ihrer formalen Mannichfaltigkeit ein 
lebendigeres und deutlicheres Bild geben werden, als eine streng 
tabellenmässige Zusammenstellung von Daten und Zahlen. 

In Bezug auf Deutschland haben wir geglaubt, mehr bieten 
zu sollen, als die DarsteUung des gegenwärtigen Standes der 
Frauenbildung. Es ist hier die historische Entwicklung, soweit 
es im Rahmen des Bandes möglich war, eingehend berOcksichtigt 
worden. Dabei waren zwei Gesichtspunkte fOr uns bestimmend. 
Einmal war es die Thatsache, dass eine zusammenfassende Dar- 
stellung der Frauenbildungsgeschichte in der Fachlitteratur fehlt; 
die vorhandenen sind z. T. veraltet, z. T. in den grossen päda- 
gogischen Encyklopädien schwer zugänglich, z. T. auch um&ssen 
sie nur Einzelgebiete, z. B. die höhere Mädchenschule. Andrer- 
seits meinten wir aber auch, dass die Bewegung, in der wir selbst 
stehen, an der wir mitarbeiten, auch historisch erfasst werden 
muss, um richtig verstanden und wirksam weiter gefOhrt werden 
zu können. Für das wohlwollende Entgegenkommen des 
preussischen Kultusministeriums, durch das uns die amtlichen Er- 
hebungen Ober Mittel- und höhere Mädchenschulen vom av.Juni 1901 
zugänglich gemacht und somit die Herstellung der betreffenden 
statistischen Tabellen ermöglicht wurde, sagen wir an dieser 
Stelle unsem ergebensten Dank. 

Was nun die Darstellungen der Frauenbildung im Auslande 
betrifft, so glauben wir, dass sie in mehrfacher Hinsicht von 
Nutzen sein können. 

Unserer deutschen Frauenbildungsbewegung hoffen wir einen 
Dienst zu leisten, indem wir die Bildungssysteme und die Fort- 
schritte des Auslandes in ihrer Gesamtheit einem deutschen Leser- 
kreis zugänglich machen. Seit die Zeitschrift fOr das ausländische 
Unterrichtswesen eingegangen ist, fehlt thatsächlich jede In- 
formationsquelle. Zusammenfassende Darstellungen des Untenichts- 
wesens der verschiedenen Kulturländer giebt es wenige; sie pflq;en 
auch weiteren Kreisen selten bekannt zu werden. Viele wird die 



vn 

fremde Sprache dem deutachen Publikum Oberhaupt verschliessen. 
FOr alle aber, die an der Hebung unseres Mädchenbildungswesens 
interessiert oder beteiligt sind, erscheint es uns unumgänglich 
notwendig, durch die Kenntnis der zum Teil weiter vorgeschrittenen 
ausländischen Verhältnisse sich das Urteil zu scharfen, den Blick 
zu weiten, die Einsicht zu vertiefen. Wenn das Verständnis fOr 
unsre eigene historische Entwickliug vor dem oberflächlichen 
(^Radikalismus' schätzt, der ausländische Systeme ohne weiteres 
auf deutsche Verhältnisse Obertr a g en zu können meint, so wird 
andrerseits die Kenntnis des fremden Bildungswesens den 
ebenso einseitigen Glauben an die absolute Gfltigkeit der 
heimischen Anschauungen Ober Frauen- und Mädchenbildung 
korrigieren. 

Auch dem weiteren Kreise der deutschen Frauenbewegung 
hoffen wir durch diesen Band unseres Handbuchs dienen zu können. 
Er zeigt die engen Beziehungen der Frauenbildung zur sozialen 
und rechtlichen Stellung der Frau, er zeigt ihre Bedeutung fOr 
die Entwicklung der Frauenbewegimg im allgemeinen und die 
Rockwirkung des Kampfes der Frau auf den Charakter der 
Mädchenerziehung. Er zeigt, in welchem Masse und in welchem 
Sinne die Frauenfrage eine Bildungsfrage ist und als solche gelöst 
werden kann, und so wird er vielleicht nOtzlich sein zur Wertung 
und Erfüllung der Aufgaben, die der Frauenbewegung auf erzieh- 
lichem Gebiet erwachsen. 

Die Lehrer und Lehrerinnen, die diesen Band benutzen, bitten 
wir im Auge zu behalten, dass auch dieser Band ein Teil des 
Handbuchs der Frauenbewegung ist und dadiu-ch seine bestimmte 
Aufgabe zugewiesen erhielt Nicht in dem Sinne, als ob er eine 
Tendenz in propagandistischer Form zum Ausdruck bringen sollte. 
Aber in Bezug auf den Gesichtswinkel, unter dem er das ganze 
Gebiet des Mädchenbildimgswesens betrachtet Es war Au%abe 
der einzelnen Darstellungen, die Frauenbildung zu erfassen als 
einen Ausdruck der besonderen Stelliug, die soziale und all- 
gemein kulturelle Verhältnisse den Frauen eines Landes zuweisen. 
War aber die Aufgabe so gestellt, so war die allgemeine 
pädagogische Entwicklung nur insoweit zu berücksichtigen« als sie 
in der Frauenbildung zu besonderen, von der Knabenbildung ver- 
schiedenen Erscheinungen führte. Und ebenso wenig konnte die 
Summe von Einzelheiten geboten werden, die dem pädagogisch 
interessierten Leser zur Vervollständigung des Bildes wichtig sein 
mögen. 



Einen Ahnlichen Vorbehalt haben wir aber auch nach der 
anderen Seite zu machen, nämlich unsem Mitarbeiterinnen in der 
Frauenbewegung gegenOber. Der Band schildert nicht den Kampf 
um die Frauenbildung, sondern die Verhaltnisse, aus denen er 
hervorging, die Ergebnisse, zu denen er fahrte. Was man that, 
um vorwärts zu kommen, das" sollte in diesem Teil zurOcktreten, 
das zu schildern war Aufgabe des ersten Bandes. Wir möchten 
auch in diesem Zusammenhang noch einmal betonen, dass die 
einzelnen Teile unseres Handbuchs einander durchaus voraussetzen. 
Das war unbedingt geboten, wenn wir nicht zu ermOdenden 
Wiederholungen gezwungen sein wollten. 

Wir stehen mit der Veröffentlichung dieses Bandes am Ende 
eines Unternehmens, dessen Umfang und Schwierigkeiten wir 
anfangs nicht ahnten. Wenn uns auch die Arbeit daran von 
Anfang bis zu Ende eine stete Freude gewesen ist, so war doch 
die Sorge fast noch grösser. Waren wir uns doch der schweren 
Verantwortung bewusst, die wir auf uns nahmen der grossen 
Kulturbewegung gegenüber, der unser Buch dienen sollte. Wir 
hatten unsere Aufgabe nicht lösen können, wenn wir nicht bei 
unsem Mitarbeitern volles Verständnis fOr die Schwierigkeiten und 
bereitwilligstes Eingehen auf unsere Absichten gefunden hätten. 
Wir danken ihnen, wie all denen, die uns durch Auskunft- 
erteilung etc. unterstQtzt haben. 

Wir haben uns bei der Lösung unserer Aufgabe von der 
Oberzeugung leiten lassen, dass nur eine objektive, von jeder 
Tendenzmacherei freie Darstellung unserer Sache nützen kann. 
Und so legen wir unser Handbuch unsem Mitkämpfenden und 
imsem Gegnern mit dem Wunsche in die Hände, dass es bei 
beiden seine Mission erfülle. 

Halensee-Berlin, im November 1902. 



Helene Lange. Gertmd Bftiimer. 



Inhalt. 



Geschichte und Stand der Frauenbildung in Deutsch- 
land« Von Gertrud Bäumer z 

LitteiBtnr z 

L Das MAdchenbildungswesen im Mittelalter a 

1. Das Erziehungswesen der Frauenklöster ... a 

2. Frauenbüdung in Laienkreisen 9 

3. Die BegrOndung der weltlichen Madchenschule . 13 

IL Das Madchenbildungswesen von der Reformation bis 

zum 1^ Jahrhundert Z9 

1. Die Mfldchenerziehung im Zeitalter der Re- 
formation 19 

a) Humanismus und Frauenbüdung .... Z9 

b) Die Entwicklung der Madchenvolksschule 
durch die Reformation ai 

2. Madchenerziehung im Zeitalter des grossen Krieges 27 
^ Allgemeines 27 

a) Die Pädagogen des Z7. Jahrhunderts über 
Madchenerziehung og 

b) Die Volksmadchenschule im Z7. Jahrhundert 33 

3. Madchenbildung im Zeitalter des Pietismus und 

der Aufklarung 39 

Allgemeines 39 

a) Die Volksschule im z8. Jahrhundert ... 41 

b) Die AnfiLnge der höheren Madchenschule . 46 

4. Madchenbildungs-Bestrebungen auf katholischem 
Gebiet 68 

in. Die Madchenbildung im Z9. Jahxiiunden 7a 

1. Das Aufblähen der deutschen Schule in der ersten 

Hälfte des Jahrhunderts 7a 

Allgemeines 7a 

a) Die Entwicklung der Volksschule .... 75 

b) Die Entwicklung der höheren Madchen- 
schule nach den Freiheitskriegen .... 80 



X 

Scitt 

2. Die Entwicklung der deutschen Mädchenschule 
von der Mitte des 19. Jahxiiunderts bis zur 

Gegenwart 90 

Allgemeines 90 

a) Die moderne Volksschule 9a 

b) Die moderne höhere Mädchenschule und 

der Kampf um die höhere Frauenbildung . Z04 

c) Gymnasialbildung und Studium 133 

TabiUefi I^IX hinter za8 

Der Kindergarten. Von Mary J. Lyschinska ..... 229 

DieMftdchen«Fortbüdüng88chiile.VonMargareteHen8chke 243 

Litteratur 143 

1. Geschichtlicher Rflckblick 144 

2. Besondere Organisation einzelner Anstalten . . 247 

3. Gegenwärtiger Stand der Gesetzgebung .... 149 

4. Prinzipienfragen 150 

Die hauswirtschaftliche Schule. Von Hedwig Heyl. . . 153 

Der Stand der Frauenbildung in Österreich. Von 

Auguste Fickert x6o 

Der Stand der Frauenbildung in Ungarn. Von R o s i k a 

Schwimmer 191 

Der Stand der Frauenbildung in der Schweiz. Von 

Emilie Benz . 207 

L Volksschule 907 

IL Fortbildungs- und Haushaltungsschulen. Berufsschulen aao 

in. Höhere Töchterschulen 2^ 

IV. Lehrerinnenbildungsanstalten 299 

V, Universität 231 

Der Stand der Frauenbildung in Holland. Von 

Martina G. Kramers 236 

L Berufsbildung der Mädchen 236 

n. Der Elementarunterricht 240 

nL Der Sekundflrunterricht 241 

IV. Der höhere Unterricht 243 



XI 

Seite 

Die Frauenbfldung in Grossbritannien und Irland. 

Von Gertrud Bäumer 244 

Litteratur 244 

L Die Elementarschule 345 

1. Geschichtlicher RQckblick 245 

JL Grossbritannien 245 

B. Irland 252 

2. Gegenwärtiger Stand 251 

A. Grossbritannien . i 251 

B. Iriand 2S^ 

IL Allgemeine, gewerbliche und künstierische Fortbildung 258 

DL Höhere Frauenbüdung 262 

1. Historische Entwicklung 262 

2. Die modemeGestaltung der höheren Frauenbildung 267 

A. Die höheren Schulen fOr Mädchen .... 267 

B. Frauenstudium und Lehrerinnenbildung . . 275 

Frauenbildung in Dänemark. Von Mag. art Ida 

Falbe-Hansen 287 

L Der Elementarunterricht 2B7 

n. Fortbildungsunterricht 290 

nL Der Sekundärunterricht 29z 

IV. Lehrerinnenbildung 294 

V. Universität 295 

Der Stand der Frauenbildung in Norwegen. Von 

Direktor Olaf Berg, Christiania 301 

I. Die Volksschule 30z 

A. Die Volksschule auf dem Lande .... 30 z 

B. Die Volksschule in den St&dten 302 

IL Fortbildungs- und Haushaltungsschulen 304 

nL Höhere Schulen 305 

IV. Die Ausbildung der Lehrerizmen 311 

V. Die Universität 3Z4 

Frauenbildung in Schweden. Von Anna Hierta- 

Retzius 314 

L Die Volksschulen 3Z4 

n. Volkshochschulen fOr Frauen 318 



Xü 

nL Höhere Midchenschulen 3x9 

IV. Schulen fOr gemeinsamen Unterricht von Mfldchen und 

Knaben 32z 

V. Der Unterricht der Frauen in den Universitäten . . . 322 

VL Der praktische Unterricht der Frauen 323 

A. Haushaltungsschulen 322 

B. Kochschulen 3^ 

C. Technische Schulen 324 

Das Unterrichtsbudget vom Jahre X900 325 

Die llädchenerziehung in Fixmland« Von Alexandra 

Gripenberg 326 

Der Stand der Frauenbildtxng in Russland. Von 

M. Bessmertny 331 

L Elementarunterricht 33z 

n. Sekundflnmterricht 333 

nL Fachunterricht 335 

rV. Studium und Universität 337 

Der Stand der Frauenbildung in Polen. Von 

P. Kuczalska-Reinschmitt 339 

L Historischer RQckblick 339 

n. Der gegenwärtige Stand der Mfldchenerziehung in Polen 344 

A. Russisch -Polen 

1. Volksschule 344 

2. Sekundftrunterricht 345 

3. Privatunterricht 346 

4. Universität 347 

B. österreichisch -Polen 347 

1. Volksschule 347 

2. Sekundftrunterricht 351 

3. Universität 352 

Das llädchenschulwesen in Frankreich« Von Pro- 
fessor Dr. J. Wychgram 355 

Der Stand der Frauenbildtmg in Belgien. Von Pro- 
fessor Dr. Heinrich Bischoff 371 

I. Elementarunterricht 371 

IL Gewerbe- und Haushaltnngsschulen 376 



xin 

nL Der mittlere Unterricht 377 

IV. Der Normalunterricht 380 

V. UnivenitÄt 98a 

Frauenbfldung in Griechenland. Von Dr. med. Maria 

Kalopothakis 385 

Die FrauenbUdung in Italien, Von Bice Cammeo . 393 

I. Historische EinfOhrung 393 

IL Elementarschalwesen 397 

m. Höhere Schalen 399 

FrauenbUdung in Portugal und Spanien. 

L Frauenbildung inPortugal. VonDr.phil. Carolina 

Michaelis de Vasconcellos 408 

n. Frauenbildung in Spanien. VonDr.phil. Carolina 
Michaelis de Vasconcellos und Maria Goyri 

de Pidal 436 

Frauenbildung in den Vereinigten Staaten von 

Amerika. Von Dr. phiL Jane Scherzer 435 

L Elementarunterricht 438 

IL Höherer Unterricht 440 

nL Studium 443 

IV. Technische und berufliche Ausbildung 444 

V. Mingel in unserem Bildungswesen 450 

Sachregister 45t 



^^S^ 



Der Stand 



der 



Frauenbildung 



in den 



Kulturländern 



Ge3chichte und Stand 
der Frauenbiidun^ in Deut3chiand 

Von 6«rtrad BAnmer. 



Litteratur. 

iLine auch nur einigerznassen ausreichende Darstellung der Ent- 
wicklung des gesamten Madchenschulwesens in Deutschland giebt es 
nicht Sie könnte auch heute noch nicht geschrieben werden, da 
das notwendige historische Material noch lange nicht in genOgender 
Reichhaltigkeit vorliegt. Aus den wenigen Zeugnissen, Uiicunden 
und Dokumenten zur Geschichte der MAdchenschule und der 
Frauenerziehung, die der Forschung zugänglich gemacht sind, iUlt 
nur auf beschränkte Zeiträume und Einzelgebiete einiges Licht, 
weite Strecken aber bleiben im DunkeL Die in grossem Massstabe 
unternommenen Bestrebungen der nGesellschaft für deutsche Erziehungs- 
und Schulgeschichte" werden mit der Zeit auch für eine in wissen- 
schaftiichem Sinn erschöpfende Geschichte des Mfldchenschulwesens 
eine Grundlage schaffen. Die bis jetzt vorliegenden bibliographischen 
SammelbAnde, sowie die in den .yMitteilungen'' der Gesellschaft ver- 
öffentlichten BAaterialien sind für diese Darstellung benutzt Eine wert- 
volle Vorarbeit zur Beschaffung der historischen Litteratur zur Mädchen- 
schule hat die Leipziger höhere Mftdchenschule geleistet die unter 
Leitung des Herrn Oberlehrer Krusche eine Bibliothek zur Geschichte 
der Frauenbildung angelegt hat und jährlich mit ihrem Programm 
ein chronologisch und sachlich geordnetes Verzeichnis neu erschienener 
oder neu aufgefundener Fachlitteratur veröffentlicht 

Der erste Versuch einer Geschichte derMftdchenbildung — abgesehen 
von ftlteren, die nur noch historisches Interesse haben » ist das Buch 
von Karl Strack: Geschichte der weiblichen Bildung in Deutschland 
(Gütersloh 1879); aber es entspricht aus den genannten Gründen 
weder in Bezug auf die Reichhaltigkeit des Bilaterials, noch in Bezug 
auf die kulturhistorische und zeitgeschichtliche Beleuchtung und Ein- 
reihung der einzelnen Daten dem wissenschaftlichen Bedürfnis. Eine 
kurz gefasste Obersicht der Geschichte der höheren Mädchenschule giebt 

im Auftrage des preussischen Kultusministeriums für die Welt- 

HABdbaeh der FrAueiibewe(aB(. HL Tefl. X 



— 2 — 

aussteUung in Chicago verfasste Schrift von Helene Lange: Ent- 
wicklung und Stand des höheren Mädchenschulwesens in Deutschland 
(Berlin 1893). Eine eingehende Darstellung hat die höhere Mfldchen- 
schule von ihren Anfingen bis auf die Gegenwart erfahren durch 
Professor Dr. J. Wychgram in K. A. Schmidts Geschichte der Er- 
ziehung. Bd. V. 2. (Stuttgart 1901.) 

Im Qbrigen ist man auf die allgemeinen Darstellungen der Endehungs- 
geschichte angewiesen, auf Werke, wie KL Schmidt: Geschichte der 
Pädagogik (in. AufL herausg. von Wichard Lange, Coethen 2873^76, 
4. Aufl. X8Q3), wie das schon genannte umfangreiche Werk von K. 
A. Schmid: (beschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere 
Zeit Bearbeitet mit einer Anzahl von (^lehrten. Fortgesetzt von 
Georg Schmid. Bd. I— V 2 (Stuttgart 1884^x901); femer Heppe: 
(beschichte des deutschen Volksschulwesens. 5 Bande ((}otha 1858 ff.) 
u. a. m. An dieser Stelle sollen, wie gesagt, nur die Gesamtdar- 
stellungen genannt werden. Etwas reichlicher ist die Litteratnr über 
einzelne Zeitabschnitte oder Sondergebiete des Mftdchenbildungs- 
wesens vertreten; sie ist in den Fussnoten zu den einzelnen Ab* 
schnitten zu finden. 



Das Madchenbfldungswesen im Mittelalter. 

1. 
Daa ErziehuDgBwesen der Frauenklöater. 

JL/ie Greschichte des weiblichen Unterrichtswesens in Deutsch- 
land beginnt mit der GrOndimg der ersten Frauenkloster, d. h. mit der 
grossen angelsächsischen Kolonisationsbewegung im 8. Jahrhundert 
In der Schar der Gleichgesinnten, die mit dem Angelsachsen 
Wynfrith, dem ,^po8tel der Deutschen", die Kulturstätten ihrer 
irischen Heimat mit dem Barbarenlande vertauschten — um Christi 
und seines heiligen Glaubens willen — spielten Frauen eine her- 
vorragende Rolle. Mit ihrem frischen Bildungsenthusiasmus trugen 
die Angelsachsen auch den bei ihnen besonders ausgeprägten 
Gedanken einer der männlichen nahezu gleichstehenden klöster- 
lichen Frauenbildung nach Deutschland. Hiess es doch von den 
angelsächsischen Frauen, dass sie „udt den anziehenden Werken 
der lateinischen Dichter häufig die Nadel iind den Spinnrocken 
vertauschten', hatte doch der gelehrte Aldhelm von Malmesbury 
in seinem an die Insassinnen des ostsächsischen Frauenklosters 



— 3 — 

gerichteten Traktat ^^de virginum laude^ gerOhxnt, daas 
die Frauen j^mit emsigem Bienenfleiss Gesetz, Propheten und 
Evangelium 'samt den Kommentaren der Kirchenvater auf ihren 
vierfachen Sinn hin, den historischen, allegorischen, tropologischen 
und anagogischen, durchforschen, sich mit chronologischen und 
geschichtlichen Untersuchungen abgeben oder orthographischen, 
metrischen und grammatikalischen Arbeiten nach Aldhelms Vor- 
bild obliegen.* *) 

Dürftig und rein zufälligen Charakters sind die Nachrichten 
Ober die pädagogische Thatigkeit der ersten Frauenklöster. Sie 
haften immer nur an dem Leben und dem Wirken hervorragender 
Persönlichkeiten; Qber die Lebensordnung der Gemeinschaft, ihre 
Forderungen und Normen im Speziellen ist wenig Qberliefert 
Ausserhalb der Frauenklöster existiert keine Frauenbildung. Die 
Töchter der Vornehmen, fOr die man hier und da ein gewisses Mass 
von Kenntnissen fOr geziemend hielt, suchten gleichfalls dort Unter- 
weisung.*) Aus der Zeit vor Bonifadus sind uns nur aus dem Westen 
und Südwesten, aus den mit romanischen Elementen durchsetzten 
Diözesen Chur, Metz, Trier, Köln, Lüttich die Namen von Frauen- 
klöstem überliefert In dem eigentlich deutschen Gebiet aber setzte 
nun an mehreren Stellen zugleich ihre Arbeit ein. „Die frommen 
Frauen'' berichtet der Biograph des Bonifadus, ,, waren 
Chunihilt imd ihre Tochter Berchtgit, Chimitrud und Teda, Lioba 
und Waltpurgis, die Schwester des Willibolt und Wimibolt. 
Chunihilt und ihre Tochter Berchtgit wurden, da sie in allen freien 
Künsten*) wohl unterrichtet waren, in dem Gebiet der Thüringer 
als Lehrerinnen angestellt, Chunitrud wurde nach Bayern gesandt, 
um dort des göttlichen Wortes Samen auszustreuen, Teda schlug 
ihren Wohnsitz in den am Flusse Main bdegenen Orten Kitzingen 
und Ochsenfurt auf^ der Lioba trug er auf, in Bischofsheim der 
dort versammdten Schar von Jungfrauen vorzustehen." 



<) Leo BOahoft Aldhdm TOn MilmwhBry. Leipsirer Disaerution 1894. 

*) Weiahold. Die dentsdiea Fnacn is dem ICIttdalter. m.Aiifl. Wien 1697. Bd. L 
S. xx^ 

^ Ost MinelAltcr abcmahm is diesen »lieben freien KOnsten' die proieaen Uatenidits- 
gefensttnde der Römer, die lofcnaante Encykloptdieu Es sind drei sprschlidie Fieber: 
GraBBUtik, Rhetorik und Dialektik, die ala das Trivinm besrifhnet werden, und vier mathe> 
matierhe Fieber: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Biiiaik, die man uater dem Titel 
QnadriTian zasammeniaasL Unter Grammatik Tersteht daa Mittelalter «die Kanst, die 
Dichter sa eridirea und richtif su sprechen and sa schreibea' (aach Marias Victoriaas) ; 
die Rhetorik aad Dialektik tretea ia dea Kloeterschalea fofea die Gramantik last gaas 
nrOck. — DerEadnreck der gesaanea weltiicfaea Wisseai cbaft ist aber das Verstiadais der 
Schrift. 



— 4 — 

Das sind die Namen und Wirkungsstätten der ersten deutschen 
Lehrerinnen« 

Eine einzige von diesen Frauengestalten hat die Überlieferung 
mit PersönlichkeitszQgen umkleidet; sie steht dem Bonifadus selbst 
ebenbürtig zur Seite, durch gemeinsame Arbeit — und auch durch 
Beziehungen einer selten zarten Freundschaft ihm verbunden. Es 
ist die angelsAchsische Nonne Leobgytha oder Lioba, die 
Äbtissin vom Tauberbischofsheim, eine Art weiblicher praeceptor 
Germaniar. ») 

Sie war von klein auf in der Grammatik und in den andern freien 
Künsten unterrichtet, und strebte nun danach, auch ,,der geistlichen 
Wissenschaft Vollendung zu erlangen*. Sie kannte die Bflcher 
des alten und neuen Testaments im Wortlaute auswendig — keine 
ihrer SchQlerinnen konnte sie beim Vorlesen um ein Wörtlein 
betrogen — ; sie kannte auch die Aussprüche der Väter und die 
kanonischen Beschlüsse, sie kannte die ,,Rechtssatze des ganzen 
kirchlichen Gemeinwesens". „Fürsten liebten sie. Vornehme 
empfingen- sie, Bischöfe nahmen sie mit Freuden auf, unterredeten 
sich mit ihr über das Wort des Lebens und besprachen oft mit 
ihr kirchliche Einrichtungen, da sie in den Schriften sehr gelehrt 
und vorsichtig im Rat war. Sie jedoch wandte ihre ganze Sorge 
auf ihr b^fonnenes Unternehmen, und die Frauenklöster gleichsam 
als Führerin der geistlichen Heerscharen besuchend, regte sie alle 
an, in wechselseitigem Streben den Ruhm der Vollendung zu 
erlangen.'' Sie war die einzige Frau, der es gestattet war, im 
Eioster der Fuldaer Mönche ihr Gebet zu verrichten. Und als 
sie am aS. September 780 starb, wurde dem Wunsche des 
Bonifadus, ihm zur Seite möge sie bestattet sein, durch ihre Bei- 
setzung in der Klosterkirche zu Fulda entsprochen. 

Ihr Wissen und Wirken stellt die Höhe der Frauenbildung 
der Zeit dar, es birgt weltliche und geistliche, litterarische und 
praktische Elemente, sem Grundzug ist geistlich. Die Beschäftigung 
mit Handarbeiten scheint in den von ihr geleiteten Eiöstem mehr 
zurückgetreten zu sein. Zweifellos aber wurden sie geübt Wie 
weit ihre Schülerinnen ihr glichen, wissen wir nicht 



>) VfL Radolf Ton Fulda. Ltbea der haOiffaD Uoba. Naeh der Anifmbe der 
Ma n ume n to Gemmaiae, Obersetst von Dr. Wilhelm AradL (Geedüchtitcfareibcr der 
deotedicn VoneiL VUL JhrdL e. Bd.) 1863. 



— 5 — 

In der gewaltigen Bildungsbewegung der karolingischen Zeit 
treten die Frauen mehr zurück. Der geniale Plan des grossen 
Karl: Allgemeiner Volksunterricht, Laienunterricht scheint zu- 
nächst nur den Männern zu gelten. Freilich verlangte Karl von 
seinen Töchtern, wie Einhart berichtet, dass sie die Hoüschule 
besuchten,*) — wonach ihr Sinn nicht sonderlich gestanden zu 
haben scheint — und ihre Gespielen aus den vornehmen Ge- 
schlechtem des Landes haben ihre Unterweisung geteilt Aber 
in den denkwQrdigen Kapitularen, in denen uns zum erstenmal 
der Gedanke der allgemeinen Volksschule entgegentritt, heisst es 
immer nur von den Söhnen, dass sie schulpflichtig sein sollten,*) 
während allerdings die Kenntnis des Glaubens und des Vater- 
unsers von allen, Ifännem und Frauen, unter Androhung strengster 
Strafen veriangt wird. 

Ludwig der Fromme gab dem aufblähenden geistigen Leben 
eine einseitig geistlich mönchische Richtung. Schroffer sonderte 
er klösterliches Leben von weltlicher Bildung; unter ihm bahnte 
sich an den Domstiften und Klöstern die Trennung der inneren 
und äusseren Schule an: die innere ist f&r die dem Mönchsstande 
Novizen, die äussere Dir die bildungsuchenden Laien, 

in die Welt zurückkehrten. Immerhin kam die festere Orga- 
nisation, die dem Unterrichtswesen unter Ludwig dem Frommen 
wurde, auch der Gestaltung des weiblichen Unterrichts zu Gute. 
So erlie8s8z7das Konzil zu Aachen in einer institutio sanctimonialium 
auch Bestimmungen über die Handhabung des klösterlichen Er- 
ziehungswesens, der das Schreiben des heiligen Hieronymus an 
Laeta als Richtschnur gesetzt wurde. Nur wurde aus der hier 
vorgeschrid>enen LektQre, die die ganze heilige Schrift umfasste, 
der Heptateuch und das Hohelied gestrichen, da man befilrchtete, 
die Mädchen worden sie in anderem als dem höheren geistlichen 
Sinnfittsen. Die Väterschriften jedoch, desCyprian, des 
und IQarius wurden beibehalten. 

Von der Durchftlhrung solcher Beschlüsse darf man sich 
zu hohe Vorstellung machen, sie sollen ein Ideal aufstellen, wie 
der naive Euer dieser Zeit viele aufstellte, deren Verwirklichung 
weit hinter der Forderung zurQckblieb. Immerhin war es ein Ziel, 



• I» 1«l«IMlM^f 



Einhardi Vita Kär, IL c i^ 

I) Ib dflB BffhlütiB 4« Maiafcr Kouili tob 8x3 hdift ts: difimm est ot filio« 
■UM doacBt ad irhnlMii ahm ad aMoasteria ahm teas pr a a by tc r i i ot idam fithoürani rccte 
diacnt at ct iito o s« dwn i n i faai , ot doai alioa edoeerc vakaat; vgL auch K. A. Sehiaid. 
Gatcbkkta dar EratahoBf n X. 5.199. 



— 6 — 

dem in einer sich standig vermehrenden Zalil von Frauenklöstem 
— es sind bis 900 in Deutschland ca. 70 nachweisbar — nach- 
gestrebt wurde. 

Das Schulwesen der Frauenklöster scheint in dieser Zeit seiner 
Konsolidierung etwa folgende Elemente umfasst zu haben: Der 
Leseunterricht bq;innt mit dem lateinischen Psalter, den die 
Nonnen lesen lernen mussten, — wenn auch, wie es scheint, das 
Verständnis des Gelesenen nicht unbedingt verlangt wurde.*) 
Dann folgten, entsprechend dem Brief an die Laeta, die Übrigen 
biblischen Bflcher. Gegen die LektOre der weltlichen Klassiker 
erhob das Zeitalter Ludwigs des Frommen Einspruch, im Gegen- 
satz zu den Tendenzen des grossen Karl; hier wirkte erneuernd 
und wieder belebend erst eine spätere Zeit Ob es im bildungs- 
fremden Deutschland den angelsächsischen Nonnen gelingen konnte, 
aber dieses Notwendigste hinaus jetzt schon einen Unterricht in 
der Grammatik imd den Übrigen Fächern des Triviums mit Erfolg 
einzuführen, das erschemt fraglich. Sicher aber haben sie selbst 
diese Bildung besessen. GeQbt wurde auch das Schreiben, und 
dass es die Nonnen zu einer gewissen Fertigkeit darin brachten, 
beweist vielleicht am besten das 789 von Karl dem Grossen er- 
lassene Verbot, dass die Nonnen ihre Kunst zur gegenseitigen 
Mitteilung weltlicher Liebeslieder missbrauchten. Das Verbot bezog 
sich aber wohl mehr auf den westlichen Teil des Frankenreiches, 
der auch nac^i der Teilung des Reiches dem eigentlichen Deutschland 
bedeutend vorauseilte. 

Dort war auch die Bildung der forstlichen Frauen eine höher- 
stehende als im Osten. Karls des Kahlen Gemahlin Irmindrud 
wird von Zeitgenossen (Scotus Erigena) ihrer Gelehrsamkeit willen 
besungen, und Dhuoda, die Markgräfin von Septimanien, schrieb 
ein ,,liber manualis" ior ihren Sohn und hielt die Gelehrsamkeit 
so hoch, dass sie ihn ermahnte, sich j^plurima librorum Volumina* 
zu verschaffen. 

In Deutschland hob sich erst im zo. Jahrhundert die Frauen- 
bildung der Klöster auf eine bis dahin nicht erreichte Höhe. 

Zu Anfang des zo. Jahrhunderts, als nach dem Niedeigang der 
karolingischen Herrschaft der Mittelpunkt des Reiches mehr nach 
Osten verlegt wurde, begannen die sächsischen Frauenklöster aufzu- 
blühen. Ihre Stellung wurde um so bedeutungsvoller, als in Sachsen 



>) VfL Hanek. KirtfaeBfesdiidite Dentscfalanda. n. a. Anfl. t9oa S.796ff. 
>) Die hdHife Hüdegard Tcntand t. B. vor ihrer Erleacfatmif den Inhalt nidtt. VfL 
Watteabach. Deotsdüaads Geadiichtsqaenca in Mittelalter. DL Anfl. S,a3ß. 



ihre Zahl die der Mönchsklöster Obertraf. Herford, das ca. 823 ge- 
gründet wurde, trat an die Spitze, später löste die Tochteranstalt 
Gandersheim es ab. In Herford wurden die Töchter der sachsischen 
Grossen erzogen. Auch die spätere Kaiserin Mähthild ist dort 
gebildet; allerdings hat sie es nicht einmal zum Lesen-lemen gebracht 
Sie lernte es erst nach dem Tode Heinrichs L, dessen Verständnis für 
die Bedeutung des karolingischen Kulturerbes nicht eben tief war. 
Lernte sein Sohn Otto L doch erst als Mann lesen, und Latein 
niemals. 

Aber mit ihm setzt die schnell aufwärtssteigende Bildungs- 
entwicklung des Ottonischen Zeitalters ein, imd es sind die Höfe 
der Grossen, von denen die Anrq;ungungen zu weiterem wissen- 
schaftlichen Streben auf die Frauenklöster zurückwirkten. In 
Gandersheim ist es die Äbtissin Gerberg, die Nichte Otto L, die, 
selbst diurch gelehrte Männer in klassischen Studien unterrichtet, 
das geistige Leben weckt, den Horizont erweitert Zweifellos 
steht die Gandersheimer Klosterschule durchaus auf der Höhe der 
männlichen Schulen. Zur Beurteilung ihrer Grösse giebt die 
Angabe der Hrotsuith, dass der magistra verschiedene Ge- 
hilfinnen zur Seite* gestanden hätten, einen Anhaltspunkt Nach 
den Zeugnissen, die in der litterarischen Thätigkeit der berühmten 
Hrotsuith zu finden sind, las man lateinische Dichter, unterrichtete 
Dialektik, Arithmetik und Musik nachBoethius, Martianus Capeila u. a. 
imd trieb Metrik.^) 

Auch in den minder hervorragenden Frauenklöstem fügte 
diese Zeit dem Unterricht neue Stoffe hinzu. So wird der 
Grammatikunterricht allgemeiner; wir haben aus Frauenklöstem 
verschiedenster Gegenden des Reichs direkt Zeugnisse dafür, dass 
er erteilt wurde.*) Indirekt beweisen auch die litterarischen 
Leistungen der Nonnen, wie sie von Hrotsuith von Ganders- 
heim,*) Hazecha von Quedlinburg (970—987), von Herrad von 
Landsberg im zs. Jahrhundert u. a. in lateinischer Sprache vor- 
liegen, dass man die Grammatik in den Klpsterschulen pflegte. 
Die heilige Hildegard fi:-eilich (geb. Z098, gest 1x79) musste die 
Nachbesserung ihrer Schriften in Bezug auf j^casus, tempora und 
genera* einem yfideli viro* übertragen.^) Im Abschreiben von 



Haack a. a. O. Bd. DL S. 300 ff. 

>) VgL Fr. A. Specht. Geschichte des UBtenichtsweMni is Denttdüand Ton den 
Sitestes Z e i tep bis znr Ifitte des drsinhBte& JshrhmdcTts. S tuilgs it i8^. S. ti6^ 
^ Hrotraiths Didttnafan fiülea etwa is die Zeit tob 957— 9B0. 
^ Weiahold e. e. O. L S. 164. 



— 8 — 

Handschriften scheinen nach mancherlei Zeugnissen des la. Jahr- 
hunderts die Frauenklöster besonders Hervorragendes geleistet 
zu haben.') 

Zeigt das Beispiel der Herrad von Landsberg, die mit den 
anderen Klosterzöglingen zu Hohenberg auf dem Odilienberge von 
der gelehrten Äbtissin Richlint in allen sieben freien KOnsten 
unterrichtet war, dass man nicht in Gandersheim allein neben dem 
Trivium auch des Quadriviums sich befleissigte, so spricht eine 
Angabe in der Vita des Bischoüs Burchard von Worms dafOr, dass 
man solche Kexmtnis im zi. Jahrhundert sogar fOr geziemend 
hielt Burchard liess seine Schwester, die, lu^prOnglich weltlichem 
Stande bestimmt, nichts als den Psalter gelernt hatte, noch ausser 
in der Klostexr^el und asketischen Schriften im Computus*) 
unterweisen, als sie in spateren Jahren Äbtissin eines Klosters 
werden sollte. Bei den christlichen Seherinnen des Z2. imd 
Z3. Jahrhunderts, so etwa in der heiligen Hildegardis neun Bflchem 
Physica, mischen sich die Geheimnisse des Quadriviiuns seltsam 
mit dem mystischen Schauen göttlicher Offenbarung. 

Obersieht man die Bildung der Frauenklöster, die entsprechend 
der Entwicklimg des Klosterlebens Überhaupt in der Ottonenzdt 
eine zweite BlQte erlebte und bis Ausgang des za. Jahrhunderts 
etwa auf der Höhe bleibt, so steht sie, von einigen Ausnahmen 
abgesehen, — so vor allem den sachsischen Frauenklöstem im 
zo. und dem Beginn des zz. Jahrhunderts, denen um ihrer guten 
gelehrten Schulen willen zuweilen auch zu geistlichem oder welt- 
lichem Stande bestimmte Knaben zur Erziehimg g^eben wurden') 
— im allgemeinen tiefer als die Bildung der grossen Mönchsklöster, 
der eigentlichen Statten mittelalterlicher Wissenschaft. Auch lag 
der geistlich-wissenschaftliche Unterricht der Nonnen zuweilen in 
mannlichen Händen, wenn keine weiblichen Kräfte vorhanden 
waren. Das war aber nur in solchen Frauenklöstem der Fall, die 
einem naheliegenden Mönchskloster angeschlossen und unter- 
geordnet waren. 

Ober die Schulzucht der Frauenklöster enthalt die schon er- 
wähnte Aachener institutio sanctimonialium (8Z7) Besti m m ung e n , 
fiür deren strenge AusftUirung wir eine Reihe von Beweisen haben, 
und deren Befolgung bei den Kindern auch durch Schläge er- 



t) VfL dua Specht a. a. O. S. «tsü 

I) Der Compntu oder die Urdüidie Zehrechatinf ist für die Xlöeter einer der 
widttifttes Gegeaetlnde des Qoedrivii 
*) VfL Specht e. e. O. S. fli 



— 9 — 

zwungen wurde. Die Widerspenstige erhielt wohl von der 
magistra oder scholastica: einn guoten strich an ir rehte wange. 
Und dass er eben nicht sanft war, ist auch bezeugt: daz ör 
süste ir lange,') wird von der Wirkung des j^striches'' berichtet 



FSnuienbfldnng In Laienkreisen. 

Es ist schon in dem vorbeiziehenden Kapitel darauf hin- 
gewiesen, dass die nicht zu geistlichem Stande bestimmten Frauen« 
soweit man eine Bildung fOr sie für nötig hielt, zum grOssten 
Teil auch der FOrsoiige der Klöster Qbergeben wurden. Nur 
FOrstinnen — von den Töchtern Karls des Grossen bis zu 
den gelehrten Frauen der Ottonen, Gerberg, der Äbtissin von 
Quedlinburg und Hadavig, der berOhmten Herzogin von 
Schwaben, den Nichten Ottos L, Theophano, der Griechin und 
der Kaiserin Kunigunde und den fränkischen Königinnen Gisela 
von Burgund und Agnes von Poitiers — empfingen zuweilen 
eine private wissenschaftliche Unterweisung durch gelehrte Manner. 
Viele jedoch auch von ihnen suchten, wie die Töchter der Vor- 
nehmen, Aufnahme in den äusseren Schulen der Frauenklöster.*) 

Die Erziehimg von Mädchen, die nicht im Kloster verbleiben 
sollten, war im frohen Mittelalter als dem asketischen Zweck des 
Klosterlebens widersprechend verboten,*) in den Praemonstratenser 
Nonnenklöstern blieb dies Gebot bestehen. Die Benediktiner- 
klöster aber erschlossen sich den Laientöchtem, und vom zo. Jahr- 
hundert ab wurde es immer mehr Sitte, vornehme Mädchen im 
Kloster erziehen zu lassen. Diese Sitte brachte zur Zeit der 
fränkischen Könige die Schulen der süddeutschen Frauenklöster 
zur Blüte. Sie nahmen Mädchen vom 7. Jahre an auf. Der 
Unterricht erstreckte sich hier auf Lesen und Schreiben. Der 
Lesestoff war der Psalter, der, wie das häufig bezeugt ist, das 
gewöhnliche und allgemein benutzte Andachtsbuch der Frauen 
war.^) Vielfach wurde er auch in den Schulen auswendig gelernt 



I) Specht A. a. O. S.a75i 

*) Ob die Scfaeidaag der ioBereB und iaeeeren Schule bei den FraneaUOeten •!!• 
durchfefilhrt wurde, ist nicht üestfestellL 

*) Capitiikre Ton 803^ Patrologia ktiaa ed. Mifae 97, 9j6. S. Caesarii Regula ed 
Vlrfiuet bei Miyae «7, zie& 

4) VgL den die Beiefe bei Weiahold e. a. O. S. zz6£ und Specht a. a. O. 
S. aja Des tcfawenriefeadste Zeufais flir die aüffeBeiBe V etb r ei t uu f des Paaltera uater 
dea Fraaea ist wohl die Toa beidea sitierte Stelle des Sacheaspiefels : saltere uade alle 
bOhe, die t6 godes dAaeste höret, dieTrowea pleget tö leseae, hach der der Psalter su dea 
▼omcswcise wcibUchaa Eibetackea gehOrL 



— lO — 



Dazu kam die Qbliche und fQr ebenso wichtig gehaltene Unter- 
weisung in den weiblichen Arbeiten des Spinnens, Gewand- 
schneidens, Nahens, Webens und Stickens. 

Solche Unterweisung und die Verpflegung im Kloster musste 
natürlich von den Eltern der Kinder bezahlt werden — durch 
Stiftungen von Land oder anderem Besitztum. Sie war also nur 
Bq^terten zugänglich. 

Es geht aber aus mancherlei mittelalterlichen Zeugnissen 
hervor, dass auch unter den Frauen des Volkes eine gewisse 
Elementarbildung verbreitet war. Von der Kirche wurde die 
Kenntnis des Glaubens und des Vaterunsers verlangt Beide 
gelten als die sogenannten ^^PatenstOcke", d. h. es ist die Pflicht 
der Taufpaten, den Kindern diese beiden Stacke » und wenn 
möglich auch das Ave Maria — einzuprägen. Nach Berthold 
von Regensburg sollte einem Kinde, das mit 14 Jahren diese 
beiden Stücke nicht gelernt hat, das kirchliche Begräbnis versagt 
sein. Auch die Kenntnis des Lesens ist unter den Frauen des 
Volkes, d. h. der Städte, nicht ungewöhnlich. Schon aus dem 
zz. Jahrhimdert wird von dem seltsamen Heiligen Marianus Scottus 
zu Regensburg berichtet, dass er viele Psalterien abschrieb, um 
sie an bedürftige Witwen und arme Kleriker zu verteilen. 

Frauen und Kleriker — das ist für das ganze Mittelalter be- 
zeichnend — erscheinen als die eigentlichen Pfleger gelehrter 
Künste. Den Männern galt, mit nicht sehr zahlreichen Ausnahmen, 
solche Beschäftigung als pfäffisch imd weibisch. Das ist auch 
das Hauptmerkmal jener geistigen Entwickelungsepoche, in der 
wir das Mittelalter auf seiner Höhe sehen, des Kreises, in dem 
seine glänzenden Züge sich zu einem besonders farbenprächtigen 
Bilde vereinigen, des Rittertums. 

Der Ritterstand ist eine neue gesellschaftliche Klasse, die sich 
zu Ende des iz. Jahrhunderts unter französischem Einflnss ent- 
wickelte, eine Klasse, die die alten Standesgrenzen und -Ord- 
nungen verschob und sich nach eigenen Sitten und Satzungen 
gestaltete. Es würde hier zu weit führen, die Elemente dieser 
geschichtlichen Erscheinung einzeln nachzuweisen, die verschiedenen 
Stufen ihres Werdens und VerfiEÜls darzustellen, imd zu zeigen, 
wie aus dem Wesen des Ritterstandes sich der höfische Frauen- 
dienst entwickelte. Die eigentümliche Stellung, zu der der Minne- 
dienst die Frau erhob, machte eine sehr sorgsame Erziehung not- 
wendig. Eine Bildung vor allem zur Befriedigung der gesellschaft- 
licben Ansprüche, die das neue Leben an die Frauen stellte. 



— II — 

Diese Ansprache aber richteten sich aut die Erf&liung des 
höfischen Ideals vom gesellschaftlichen Verkehr, auf die j^moraliteit'' 
Sie zogen in doppelter Hinsicht weltliche Demente in die Madchen- 
erziehimg hinein. Einmal musste fOr die gefordeten gesellschaft- 
lichen Fertigkeiten eine besondere Unterweisung eintreten, wie sie 
das Kloster nicht zu geben vermochte. Andrerseits verlangte die 
Vervollkommnung in der höfischen Lebenskunst die Kenntnis der 
modernen weltlichen Litteratur, die als ihr Kodex galt, die 
Kenntnis vor allem der firanzösischen Dichtung, in der sie ihre 
Vorbilder hatten 

So sind zunächst die Dementarfilcher des Lesens imd Schreibens 
£ut durchgehend unter den Frauen der höfischen Kreise verbreitet 
Sie wurden im Kloster oder wohl auch privatim bei einem Geist- 
lichen gelernt Als Lesestoffe traten aber nun neben den Psalter 
an Stelle der Kirchenvater mehr und mehr die Erzeugnisse der 
höfischen Dichtung. Die deutsche und die französische Litteratur 
hidten ihren Einzug in das Mfldchenbildungswesen. In der Dichtung 
fimd man die Helden und Heldinnen höfischen Lebens, denen man 
zu gleichen sich bemühte. 

Thomasin von Zirklarre nennt im ,, welschen Gast" die BOcher, 
aus denen die Frauen höfische Sitte lernen sollten: 

juncvrouwen suln gern vememen 

Andromaches, da von si nemen 

mOgen bilde und guote l^re, 

des habent si beidiu vrum und 6re. 

si suln beeren von Enlt. 

daz sie die volgen Sne nlt 

si suln euch Pftnelop^ 

der vrouwen volgn und Oenonft, 

Gsljftna und Blancheflör, 

unde SördSmör. 

Sint si niht alle küneginne, 

si mugen ez sin an schoenem Sinne, i) 



In der Dichtung von den verliebten Kindern Floris und 
Blantseflure, auch in der Tristrangeschichte sind Vorbilder höfischer 
Bildung gerühmt So heisst es von Floris und Blantseflure: 



>> ThoBum ▼. m^— 104a Noch Juan Luis ViTct Hngm 1540) in dar institotio 
M HiriirtMiM Uaft, dnss aan in Spanien den AnadU, Floriaant, Tristnn, in Fnuik- 
rtkh Tjiwrtnf, Paris and Vtenna, Panthna and .Sirtwria. Mdotina o. a^ in Balgitn Flora and 
~' T,ooiirila and Canaonii, ^fiamna and TUsbo vtrscfalinfe (e. 5). 



— Z2 — 

Got hftte den kinden gegeben 

daz sie in fOnf jAren 

dar zuo komen wAren 

daz sie künden vor den liuten 

in ladne betiuten 

allez das ir wille was 

Eingehender noch berichtet das Lied von der gesellschaftlichen 
Vollkommenheit der Isot: 

diu schoene si künde 
ir spräche dk von Develln 
si künde franzois imt latin, 
videlen wol ze pilse 
in wftlhischer wlse. 
ire vinger die künden 
swenne sl*s begmiden, 
die Uren wol geraeren 
und üf der harphen fQeren 
die doene mit gewalte: 
si steigete imde valte 
die noten behendedlche. 
ouch sanc diu saeldenrlche 
suoz unde wol von munde. ^) 



Und immer wieder wird betont, dass sie schreiben und lesen 

konnte: 

diu sQeze Isöt, diu reine, 

si sanc, si schreip und si las 

heisst es an einer andern Stelle,') die dann ausführlich alle die 

französischen Strophen aufzählt, die Isolde beherrschte. Und an 

einer andern:*) 

SI künde schoemu hantspil 

schoener behendekeite vü: 

briev' und schanzune tihten, 

ihr getihte schöne slihten 

si künde schriben unde lesen. 

Auch in Hartmanns Iwein ist von einem Mädchen die Rede, das 
französisch versteht: 

yund vor in beiden saz ein magt, 
diu vil wol, ist mir gesagt, 
walhisch lesen künde* . . . 



I) Tristan ▼• TsfiBtt. 
«) ▼. SosSL 
1) V. 8i4x£ 



— 13 — 

Der Lehrmeister des Französischen war wohl meist ein 
Franzose; vielleicht häufig der Spielmann, der die Mädchen des 
Adels auch in der j^moräliteit^ zu unterweisen hatte. *0 

Denn neben dieser Bildung durch litterarisches Beispiel sorgte 
man auch fbr praktische Erziehung zu feiner Sitte und den fest 
bestimmten vornehmen Formen des geselligen Vericehrs. Die 
Kunst des gesellschaftlichen Benehmens wurde in dem Worte 
mordlitdt zusammengefasst 

Die Ausbildung in diesen Dingen lag in den Hflnden einer 
yZuhtmeisterinne' *) (auch wohl zQhtmuoter, magezoginne genannt), 
oder es wurde, wie schon angedeutet, ein Spidmann, ein Fahrender 
damit betraut*) Vielfach auch — wie das aus dem Gudrunlied 
z. B. hervorgeht — wurden Mädchen, imd zwar schon vom siebenten 
Jahre an, an einen Hof geschickt, um dort Lebensart zu lernen. 
Zu den notwendigen Erfordernissen höfischen Wesens gehörte 
dann auch die Fertigkeit im Tanzen, Singen und Saitenspiel, *) und 
in den schon erwähnten weiblichen Nadelarbeiten. Auch die in 
der vornehmen Gesellschaft beliebten Brettspiele des Mittelalters: 
Dame, Wurüzabel oder Buff und vor allem das Schadispiel 
mussten die Mädchen frOh lernen.*} 

Mit dem Rittertum schwand die Grundlage, in der die vor- 
nehme weltliche Frauenbildung des Mittelalters wurzelte, während 
andrerseits die klösterliche Frauenbildung in den alten, seit dem 
Konzil von Aachen 817 unverändert beibehaltenen Formen er- 
starrte. Der scholastische Didaktiker Vincent von Beauvais") 
vermag fbr die Mädchenerziehung nur die alten Grundsätze und 
Vorschriften aus dem Briefe des Hieronymus an die Laeta an- 
zufilhren und in gleichem Sinne zu glossieren. 

Hier bringt erst die geistige Entwicklung späterer Jahrhunderte 
neue Ideale. 



Die BagrOndmig der wettliehen Kftdehensetaide. 

Mit dem Aufblähen der Städte und dem Erstarken des 
Bürgertums gegen Ausgang des Mittelalters wachsen und ver- 
ändern sich die Ansprüche, die an die Schule gestellt werden. 



I) Tristan ▼. 8004; Jir atistar dar spOcrnnD.* 
>) Wcinhold ft. «. O. L Bd. xzzL 
*) Tristan ▼. 800& 

^ Specht a. a. O. S. mgx, Wainhold a. a. O. I. S. msfL 

^ Vincast von BaaaTala, Hand- and Lchitedi tor kflnifffrtm PHunn and ihr« 
Lchnr von Fr. Chr. Schlossar. Frankfurt a. IL 18191 Tafl L S. I97£ 



— 14 — 

Umstände verschiedenster Art wirken zusammen^ um das Monopol 
der Kirche auf dem Gebiete des Schulwesens zu erschottem. 
Einmal sind es die grossen politischen Stürme, die auch in den 
stillen Häfen des Jugendimterrichts die Wasser aufrührten. Die 
Städte, die im Elampf zwischen Kaiser und Papst oft auf Seite 
des weltlichen Machthabers standen, mussten den Wimsch nach 
unabhängigen eigenen Bildungsstätten haben; zudem liegt das 
Streben, das Schulwesen selbst in die Hand zu bekommen, in 
den allgemeinen freiheitlichen Tendenzen des mächtig aufstrebenden 
Büx^gertums durchaus mit bq;rQndet Dazu kommt, dass that- 
sächlich die vorhandenen Pfarr- und Klosterschulen den An- 
forderungen der Zeit nicht voll genügten, sowohl numerisch nicht, 
als auch in Bezug auf den Inhalt der Bildung, den sie vermittelten. 
Die sprachliche Entwicklung, die an Stelle des Latein im welt- 
lichen Urkundenwesen und Geschäftsverkehr das Deutsche setzte, 
schuf ein neues Bedürfnis: den Unterricht im deutschen Lesen 
und Schreiben. So sehen wir etwa im 13. Jahrhundert einen 
bedeutungsvollen Wandel im Schulwesen sich anbahnen, einen 
Wandel, der sowohl die äussere Stellung als auch den inneren 
Charakter der Schule berührt Sein Resultat ist die lateinische 
oder deutsche Stadtschule und die deutsche Privatschule, die 
Winkelschule oder Nebenschule. 

Die wachsende Nachfrage nach deutschem Lese- und Schreib- 
unterricht zu befriedigen, fanden sich nur allzuviele brotlose 
Scholaren und Kleriker, so viele, dass die Städte bald zu einer 
Art zünftiger Regelung des Schulhandwerks gezwungen waren. 
Gq[en die vom Rat konzessionierten oder auf öffentliche Kosten 
angestellten Schulmeister oder Lehrfrauen erhob sich dann häufig 
der Scholasticus, der oberste Beamte im kirchlichen Schulwesen 
der Stadt, w^en des Schadens, der daraus den Stiftsschulen 
erwuchs. Dann hatte der Rat die private oder städtische Anstalt 
gegen die Ansprüche der Kirche zu verteidigen, imd es folgte oft 
ein langer und erbitterter Kämpft der meist mit einem mehr oder 
weniger vollständigen Si^e der Stadt endigte. Solche Kämpfe 
beobachten wir im 14. und 15. Jahrhimdert in einer grossen 
Zahl nord- und süddeutscher Städte. Es handelt sich dabei 
jedoch — und das muss man festhalten — durchaus um Macht- 
befugnisse äusserer Art, um materielle Vorteile, keineswegs um 
prinzipielle geistige Gegensätze. 



I) VfL data R J. Ka«mm«L Geschieht« des denischen S^ulwesens im Oberfsnre 
lüttelslter cor NcnseiL Leipzif i8te. Ksp. m. — Friedrich PanUea. Geschichte 
des fslehrtaa UaiaRidits. Lc^air 1885. S. 13 ft, v^ anch a, Aaü» xSpdi 



— 15 — 

Aus demselben Bedürfiiis nun» das die Stadtschulen und 
Winkelschulen schuf, und zum Teil unter denselben Kämpfen, ent- 
stand die private und die stadtische Mädchenschule. 
Schon im 13. Jahrhundert und wohl auch früher mag hie und da 
ein Scholar, dem vorhandenen BedOrfnis entsprechend, sich auf 
den Unterricht der Mägdelein geworfen haben, sei es, dass er 
ihnen die geforderten „PatenstQcke" beibrachte, oder sie gar im 
Lesen imd Schreiben unterwies. Das wird nun freilich nicht eben 
die BlQte des Standes gewesen sein. Ein lateinisches Gedicht des 
13. Jahrhunderts rOhmt einem jungen Mann die VorzQge und die 
guten Aussichten des Gelehrtenberuft imd sagt am Schluss: 



Si vero grammaticam nequis scire plene, 
Defectu ingenü, defectu crumene, 
Horas et psalterium discas valde bene, 
Scolas, si necesse est puellarum tene.*) 

Im westlichen und nördlichen Deutschland sind die Beghinen 
vielfach an der GrQndung solcher Winkelschulen fOr die Mädchen 
des niederen BOrgerstandes beteiligt. Von den Niederlanden 
kommend, grOnden sie im 13. und 14. Jahrhundert in den nieder- 
rheinischen Städten, in Köbi, Wesel, Dasseldorf, ihre Nieder- 
lassungen imd verbreiteten sich von da auch weiter nach Hannover, 
Braimschweig, Hamburg, Lobeck. Ob sie in all diesen Städten 
Mädchenschulen hatten, ist nicht bezeugt Nachgewiesen ist ihre 
unterrichtliche Thätigkeit z. B. in Stommeln bei Köln und vor 
allem in WeseL*) Nicht immer scheint man ihren Bestrebungen 
freundlich gesinnt gewesen zu sein. In Geldern z. B. gestattete 
man ihnen die Niederlassung nur, wenn sie sich des Mädchen- 
unterrichts enthielten. 

Später wirkten, auch von den Niederlanden her, die BrOder 
vom gemeinsamen Leben auf die Hebung des Mädchenuntenichts. 

I) SokiMr Unttfwcisimf b< durfta n s. B. di« llldfhim, die tpiter ins Kloster eia- 
traftea, wo die Kenntnie des Lesens and ScfareibeBs Bedtagmif der Anfiishme war. VgL 
Mose in der Zeitschrift ftkr die CeichJchts des OberriMins. L S. ed^ 

*) Zeitsciuift f&r deutsche PhOolofic. V. S. 8i^ In freier deutscher Oberertiimy 
wttrde der Vers etws Isoten: 

Kennst dn die Grstnimtik aach nicht so recht er&ssen. 
Bist Dn schwadien Geist* s vieUeicfat oder sdiwadi bei TTiiSin. 
Lcrae nnr den Psalter gut and die Hören lichtif , 
So bist Dn srtiHessHch inaner noch xum Midchenlehrer tachtif . 
S) VgL Friedrich Nettesheim. Geschichte der Sdinlen im alten HcROgtnm Geldern 
and in den benadibarten Landesteücn. Düsseldorf i8Bz. S. 50^ — Kaemmel a. a. O. 
S. 6& & 15«. — Ed. Meyer. Gcsdiichte des hamborgischen Sdinl- andUatenichtswesens 
im Ifittelalter. Hamborg 184^ S. 15». 



— i6 — 

Schwesternhäuser der Hieronymianer waren z. B« in Essen, in Köln 
und in mancher westfisQischen Stadt >) Von Amersfoort in Holland 
berichtet man, dass dort zur Zeit der Hieronymianer BOrgertOchter 
und Dienstmädchen lateinische Lieder gesungen hätten. 

In den Niederlanden kam es auch zuerst zur Gründung 
städtischer Mädchenschulen. Zwei zufiülig erhaltene Urkunden') 
legen Zeugnis davon ab, dass auch um die Mädchenschule der 
Kampf zwischen Rat und Kapitel entbrannte, die eine aus BrQssel 
vom 35. Oktober 1320, die andre aus Emmerich vom 26k April 1445. 
In beiden Fällen haben die Borger ihre Kinder nicht der Latein- 
schule des Kapitels, sondern den in der Stadt wie es scheint sehr 
zahlreich vorhandenen deutschen Winkelschulen anvertraut, die 
ohne Konzession des Scholasticus, aber unter dem Schutze der 
BOrgerschaft bestanden. Der Scholasticus hat diesem Usus gtgCD^ 
über sein Privilegium und seinen Vorteil geltend gemacht Die 
Entscheidung, die in BrQssel durch den regierenden Herzog von 
Brabant, in Emmerich durch beiderseitige Einigimg zustande kommt, 
ist in beiden Fällen ziemlich ähnlich. In Brüssel kommt das 
Kapitel den Wünschen der Bürger insofern nach, als es an Stelle 
der einzigen „von altersher" neben der Lateinschule bestehenden 
kleinen Schule für die Mädchen fünf Unterlehrer für die Knaben 
und fünf Unterlehrer oder Unterlehrerinnen für Mädchen ein- 
setzt, die aber verpflichtet werden, ihre Schüler nicht weiter als 
bis zum Donat zu unterrichten, damit die Knaben dann in die 
hohe Schule übergehen. Gemeinsamer Unterricht der Geschlechter 
wird abgelehnt, nur Geschwistern ist es gestattet, dieselbe Schule, 
sei es die für Knaben oder fbr Mädchen, zu besuchen. In Emme- 
rich genehmigt das Kapitel dem Rat die Bestallung von einer oder 
zwei „vrouwen personen" für den Mädchenunterricht unter dem 
Vorbdhalt des Bestätigungsrechtes und unter der Bedingung, dass 
die Bürgerschaft es nicht hindere, wenn doch jemand seine Tochter 
in die grosse Schule (also jedenfalls die lateinische Kapitelschule} 
schicken wolle. Doch muss jede j^rectriz" für die ihr gewährte 
Genehmigung des Kapitels dem Lehrer der Lateinschule eine Ab- 
gabe zahlen. Städtische Mädchenschulen sind ausserdem nach- 
gewiesen in Venlo und Xanten. Die Schule in Xanten stand 
unter der Leitung einer Hieronymianerin Allegundis von Horstmar, 
sie zählte 1497 84 adlige und bürgerliche Schülerinnen.*) 

I) Nettctheia ft. A. O. S.53fil Kacmm«! a. «. O. S.ai9ff. 
^ Abfedradst bei Johaanei Maller. Vor^ und frtthrefonnatoiisdie Schulordnungen 
in deotsclier und niederilndUcfaer Sprache, z. Abt Ztdiopan z8B^ S. 5 fll, S. 53 ft. 

*) VfiNetteaheim a.a.O. S.84fl— Janiien, GeecUchtedesdeota^enVolkiL S.aa. 



In deutschen Städten begegnen wir um diese Zeit nur privaten 
deutschen Mädchenschulen, deren Inhaber wie die der deutschen 
Schreibschulen Oberhaupt sich einer zünftigen Regelung unterwerfen 
mussten. Von solchen Schulen hören wir im 14. und 15. Jahr- 
hundert z. B. aus Mainz,*) Speier,') Frankfurt a. M.,*) Ueberlingen, 
Bamberg, Nomberg, Augsburg,^) Goar.") Als Unterrichtende 
treten durchweg ^Lehrfrauen** auf. Ihre Rechte sind durch die 
i^Handwerksordnung' gegen die der Lehrer genau abgegrenzt So 
bestimmt die Paktverschreibung des lateinischen Schulmeisters von 
Ueberlingen (30. Jan. 1456)»*) dass die j^Wantzenrutinin^, eine 
Lehrfirau, die ,ytöchterlein lert^, fidr jeden Knaben, den sie etwa 
aufhinunt, dem Schulmeister eine Entschädigung zahlen mOsse, 
fidr seinen j^abgang." Aus' Bamberg existiert eine Ordnung 
ftlr die deutschen Schulmeister imd Schulfrauen von 1491, die das 
Schulgeld festsetzt und ihnen verbietet, etwa durch geringere 
Forderungen einem Kollegen die Kinder abzuspannen. Nach 
dieser Ordnung ist die Stellung und das Einkommen der Lehrer 
und Lehrerinnen ganz gleich. 

Nicht nur die Thatsache des Mädchenunterrichts und der Amts- 
thätigkeit von Schulfrauen, sondern auch die allgemeine Inanspruch- 
nahme dieser Einrichtungen durch das Volk beweist folgende 
Notiz aus einem Bericht der Nürnberger Chronik Ober einen Besuch 
Friedrichs HL in der Stadt 

Item in dem jar in der creutzwochen da giengen die teutschen 
Schreiber mit im lerknaben und lermaidlein, auch des gleichen die 1er- 
frawen mit im maidlein und kneblein auf die vesten zu NOrmberg in 
die purk ins keppelein mit irm teutschen gesang und sungen darinnen, 
und giengen darnach herausz in den purkhof und sungen umb die Unden. 
und da sah kaiser Fridrich ausz seim newen stflbiein neben der cappeien 
und warf seim auszgeber güldein herab und der ersten rott hiess er 
geben s gOldein, und etlicher einen güldein, und aber zwen, darnach 
und er grosse rott het 

I) Bodmana. Rhciaf. AlL I, 9a Duuch Ut di« Schule tchon zu Ende des 13. Jahr- 



S) Mone. Zcittchrift iQr die Geacfaidtte des Obenheiu JL S. 264. Zu dem geasen 
Abedmitt vgL auch S. Lorens. Volkscniehuac und VeUtsunterricht im ipitcraa Mittel- 
aller* PadertMMB und Mflnster iBBfj, 

>) Die BeedbOcher enrihnen aeit t^ eine »Lyae, die die Kinder leret.*^ 

^ Berah. Kaiaaer. Geacfaicfate dea Volkaaehnlweseas ia Worttemberf. Stattfart 
1895. Bd. z. S. 17. 

*) Ob die X4aB doit beateheade Mldcbeaachale eiae acidtiacbe oder private war, iat 



•) Job. Möller a. a. O. S. •7£ 
1) A. a. O. S. lOBC 

Haadbacb der Fraaeabewef anf. in. Ted 



— i8 — 

Da vordert ein rat die gOldein von den Schreibern und lerfrawen 
alle wider. 

Item darnach am suntag nach unsers lieben herm auffart da vordert 
der kaiser und pat einen erbem rat, es wer im ein grosz wolgevallen 
dise kind alle peiainander zu sehen« 

Un darnach, am suntag, da komen pei vier tansent lerkneblein und 
maidlein nach der predig in den graben unter der vesten, den gab man 
lekkuchen, lladen, wein und pir etc. ao— 87. Mai 2407 (nicht X481 wie 
Lorenz a. a. O. angiebt).*) 

Ziehen wir aus den berichteten Thatsachen, denen eine ein- 
gehende Spezialforschung gewiss aus manchem städtischen Archiv 
noch weiteres Material hinzufügen könnte, ein Fadt, mit dem wir 
zugleich zu der vielumstrittenen Frage nach der Begründung der 
Mädchenschule Stellung nehmen: Allerdings bestanden schon vor 
der Reformation Mädchenschulen — abgesehen von der durch die 
Nonnenkloster ausgeübten xinterrichtlichen Thätigkeit; aber sie 
sind, wenigstens in Deutsdiland, soweit unsere Kenntnis reicht, 
durchaus privaten Charakters, Unternehmungen von Schulmeistern 
und Lehrfrauen, die auf das unter den Frauen überall erwachende 
Bedür£ais nach einer Elementarbildung spekulieren und ihren 
Beruf als Handwerk, als Erwerb betreiben. Die Städte betrachten sie 
noch nicht, wie die Lateinschulen, als eine Notwendigkeit imd unter- 
stützen sie in keiner Weise, wie das doch bei den Lateinschulen 
mindestens durch Gewährung des Lokals regelmässig geschah. 
Man betrachtet auch die Lehrpersonen nicht als städtische bezw. 
kirchliche Beamte, sondern nur als Handwerktreibende, die einer 
Zunftordnung zu unterstellen sind. 

Zu einer öffentlichen Angelegenheit im eigentlichen Sinne 
wurde die Mädchenbildung erst durch die Reformation. 



>) Abf«dnMki in »Die Chromkcn der frlakischcD Stldte.* NSnbcrf. IV.Bd. Leipsis 
iBpL S. s|Bi t. 



— 19 — 



IL 



Das Mädchenbildunpswesen von der Reformation bis 

zum ig. Jahrhtmderti 

1. 

Die K&dehenerziehiiiiir im Zeltalter der Reformation. 

a) Humanismus und Frauenbildung. 

Wenn die Geschichtsschreibung in Bezug auf die Kultur- 
entwicklung im aUgemeinen noch schwanken kann« welcher der 
beiden gewaltigen Renaissancebewegungen des z6. Jahrhunderts 
fidr Deutschland die grössere Bedeutung zuzuschreiben sei, dem 
Humanismus oder der Reformation, so liegt die Entscheidung 
dieser Frage in Bezug auf die Madchenschule ziemlich klar. Es ist 
hier nicht der Ort auszuführen, warum die italienische Renaissance 
in germanischer Konception des freien, den ganzen Menschen und 
das ganze Dasein erfassenden Zuges entbehrte, warum sie zu einer 
Bewegung der zünftigen Gelehrtenwelt einschrumpfte. Jedenfalls 
bestimmt dieser ihr Charakter die Art, wie sie über Stellung und 
Bildung der Frau urteilte; er prägt sich auch aus im Wesen der 
Frauen, die von der htmianistischen Bewegung berührt wurden. 
Wie hölzern wirken Frauen wie Charitas Pirkheimer neben 
einer jener glanzenden Gestalten der italienischen Gesellschaft, 
neben Vittoria Colonna oder Isabella von Este! Der deutsche 
Humanismus interessierte sich nicht für Frauenbildung. Sein 
Erziehungsobjekt ist der Knabe, .und fast wie in Rousseaus Emile 
die Madchenerziehung erst Bedeutung gewinnt, weil ihre Erfolge 
für das spätere Leben des Mannes von Wichtigkeit werden, so 
gedenkt auch die pädagogische Litteratur der deutschen Humanisten 
der Mädchenbildung meist nur, soweit sie f&r das Wohl der um 
den Mann gruppierten und in ihm centrierenden Familie in 
Betracht kommt 

Die wichtigsten Äusserungen über die Bildung der Mädchen 
aus den Kreisen des deutsch -niederländischen Humanismus sind 
wohl die des Erasmus. Es war gewiss nicht wirkimgslos, wenn 
Erasmus in seinen ausserordentlich beliebten und verbreiteten 
pädagogischen Schriften den Eltern grössere Sorgfalt in der 
Erziehung der Tochter zur Pflicht machte, wenn auch seine Vor- 
schläge mehr Negatives als Positives enthielten, mehr darauf ein- 
gingen, wovor die Mädchen zu bewahren, als wozu sie zu leiten 

a* 



sein sollten. Wissenschaftliche Bildung hfllt Erasmus zur Ertialtung 
dnes edlen, keuschen Sinnes fOr sehr wichtig und geeignet, will 
aber darin jeden seiner eigenen Ansicht folgen lassen. Vor Tanz 
und leichtfertiger Musik, Romanen, Liebesliedem und unzüchtigen 
Gemälden aber solle man Madchen sorgfiLltig bewahren, ebenso 
vor MOssiggang, der die Neigung zu solchen Dingen nährt Auch 
Wimpheling empfiehlt gel^entlich, die Madchen an Handarbeiten 
zu gewöhnen, um sie vom Schwatzen fem zu halten. 

Bei dem vielseitigen Austausch von Schriften und den zahl- 
reichen persönlichen BerOhrungen zwischen den Humanisten aller 
Lander konnte auch f flr Deutschland die bedeutsamste Schrift zur 
Madchenerziehung aus humanistischen Kreisen wichtig werden, die 
Institutio feminae christianae des Spaniers Juan Luiz Vives.*) 
Bedeutungsvoll ist diese Schrift in doppelter ICnsicht Einmal 
steht seine Einschätzung der Frau platonischen imd aristotelischen 
Gedanken näher. Die Frau hat ftlr ihn einen unmittelbaren EiniQuss 
auf die Wohlfahrt der Gesamtheit; eine Regeneration der menschlichen 
Gesellschaft, wie Vives sie verwirklichen möchte, hängt geradezu 
von der sittlichen imd geistigen Hebung der Frauen ab. Und dann 
sucht er die Mittel zu dieser Hebung entschieden in wissenschaft- 
licher Bildung, die aber nicht um ihrer selbst willen, sondern mit 
ROcksicht auf ihren ethischen Gehalt und ihre ^Virkimg auf den 
Charakter angeeignet werden soll So empfiehlt er neben den 
Kirchenvätern und den christlichen Philosophen Plato, Qcero, 
Seneca. Aufs entschiedenste aber — und darin teilt er jenen 
engherzig asketischen Zug, der den älteren Humanismus vielfach 
kennzeichnet — erklärt er sich gtgcn aUe erotische Dichtung, 
antike wie moderne. Auch in mancher andern Hinsicht, vor 
allem in der Forderung, dass die Frau in vollkommener ZurOck- 
gezogenheit nur dem Hause angehören und auch ihre Kenntnisse 
nie anders als zur eigenen sittlichen Vervollkommnung anwenden 
sollte — schon die Mitteilung an andre erscheint als ein bedenk- 
liches Heraustreten aus der gebotenen Zxn-Qckhaltung — , steht 
Vives durchaus auf dem Boden der altkirchlichen Didaktiker, des 
Vincentius von Beauvais sowohl als des Hieronymus. Das Fest- 
halten an diesem alten Frauenideal charakterisiert auch die hervor- 
ragendsten Frauen des deutschen Humanistenkreises. 

>) Eine dsotsdie Obcnetsmif cndiien Z544 in AagAnrgi Von ^nd ei w ejiim g agmer 
Qiristlichc& Fimwca. Verdeutscfat dnrch Joluuuiem Bnmoaem. 

*) VgL Wychf r&m, Juan Luis Vlvet* Sduiften ober weiUicfa« Bfldmif. Wien 1803. 

Gtcfairtitg dar Enidmaf . Bd. V a. Stottfwt 190X. 



— 21 — 

Wie der Humaniamus als Kulturströmung ausschliesslich einer 
Gelehrtenaristokratie angehörte, so waren auch seine Ideale von 
Frauenbildung nur in den höheren Ständen erfoUbar, und sind nur 
von wenigen erfüllt worden. Es ist der Typus der deutschen 
Gelehrtentochter, den wir in seinen Kreisen zum erstenmal finden. 
Neben der Gräfin Barbara von Worttemberg, deren Namen 
wir in der Briefsammlung des Reuchlin treffen, \md der Erzherzogin 
Margareta von Oesterreich, die dem Nidas von Wyle zu 
seiner Seneca- Übersetzung Anregung und sogar Hilfe spendete, 
ist da Isabella Fugger und Juliana Peutinger, die als vier- 
jähriges Kind den Kaiser Sigismund bei seinem Einzug lateinisch 
begrOsste, und ihre gelehrte Mutter Margareta Welser, vor 
allem aber Charitas Pirkheimer, die Oberin der Nomberger 
Clariasinnen, in deren Schicksal sich das Weltgeschick der 
Bewegung, der sie angehört, tragisch wiederholte: die Verdrängung 
einer vornehmen, aristokratischen Kultur durch eine volkstümliche 
Bewegung von elementarer Kraft und robust -selbstbewusster 
Lebensfilhi^eit 

Aus dieser Bewq^ung, nicht aus dem rasch verwehten Geistes- 
fiUhling des Humanismus, sollte auch der Frauenbildung eine Ernte 
erwachsen. 



b) die Entwicklung der Mädchenvolksschule durch die 

Reformation. 

Hatte der Humaniamus seine Gedanken zur Bildungsreform in 
aristokratischem Sinne zu verwirklichen gesucht, d. h. war es ihm 
mehr darauf angekommen, den einzelnen zu einer möglichst hohen 
Gelehrsamkeit, nicht möglichst viele zu einem notwendigen 
Minimum an Bildung zu führen, so wies die Grundtendenz der 
Reformation auf eine aUgemeine Laienbildung. Sie musste * so 
weit reichen, um dem einzelnen jene Selbständigkeit des sittlichen 
imd intellektuellen Gewissens, die die Reformation forderte, zu er- 
mö^chen, d. h. sie musste ihn zum eigenen Lesen der Schrift 
befiLhigen und ihm die Kenntnis des reinen Glaubens vermitteln. 
Nur so wurde die Grundlage geschaffen, auf der sich das neue Ideal 
der christlichen Gemeinschaft verwirklichen konnte. Aber nicht niur 
aus der neuen Auffassung des geistlichen Menschen, auch aus der 
neuen Betrachtung des natürlichen, für die Erde bestimmten er- 
gaben sich neue Antriebe zur Hebung d6r Bildung. Die Hoch- 
schätzung weltlicher Berufe, vor allem die neue Wertung des 



Hauses als Kulturstätte und die Erkenntnis von der Bedeutung 
der Frau an dieser Stelle führte zu dem Gedanken« dass Bildung 
auch um der irdischen Wohlfahrt willen ein Gemeingut — und 
zwar beider Geschlechter — werden müsse. Gerade dieser Gedanke 
ist für Luther ein Hauptausgangspunkt Er fahrt in seinen 
Konsequenzen von der philologisch- theologischen Bildung des 
Mittelalters zur realen der modernen Zeit In ihm wurzelt die 
Forderung einer allgemeinen Madchenbildung. Luther hat sie in 
diesem Zusammenhang immer wieder den Gemeinden eingeschärft, 
und wo er Gelegenheit hatte, auch praktisch an ihrer Erf&Ilung 
gearbeitet 

»Wenn nun gleich keine Seele wflre und man der Schulen und 
Sprachen gar nicht bedOrfte um der Schrift und Gottes willen, so 
wflre doch allein diese Ursache genugsam, die allerbesten Schulen, 
beides fOr Knaben und MAgdlein, an allen Orten aufzurichten, dass 
die Welt auch ihren weltlichen Stand flusserlich zu halten doch 
bedarf feiner geschickter Mflnner und Frauen, dass die Mflnner wo! 
regieren könnten Land und Leute, die Frauen wohl ziehen und halten 
könnten Haus, Kinder und Gesinde.* 

Diese Worte aus dem Brief an die Ratsherrn mögen hier 
statt vieler anderer privater und öffentlicher Äusserungen Luthers 
Gedanken Ober Madchenbildung vertreten. 

Hn anderes ist ebenso wichtig: die prinzipielle Übertragung 
es Schulwesens, auch der Madchenbildung, an die weltliche 
Behörde, an die Magistrate und die Landesregierungen, die Aus- 
gestaltung und DurchfClhrung einer, wie wir gesehen haben, 
bereits Qberall beginnenden Bewegung auf einer neuen Grundlage. 

Selbstverständlich hat auch auf dem Gebiet des Madchen- 
schulwesens die Reformation manches zerstört sie hat die 
Bildungsarbeit der Frauenklöster — Ober deren Axisdehnung aller- 
dings auf Grund des vorhandenen Materials kein rechter Oberblick 
zu gewinnen ist — z. T. axi^B;ehoben, z. T. durch das ungeheure 
Misstrauen, das sie gegen die Kurche erweckte und alles, was von 
ihr ausging, beeinträchtigt ohne sofort einen vollgiltigen Ersatz 
schaffen zu können. Einzebie Reformatoren haben darum auch 
versucht, an die Arbeit der Frauenklöster anzuknüpfen: so 
gestattete die auf Bugenhagen zurQckführende mecklenburgische 
(1552) und ponunersiche Kirchenordnung (1563) den Jungfrauen- 
klöstem die Fortsetzung ihrer Erziehungsarbeit mit dem Vorbehalt 
dass die Zöglinge nicht zur Ablegung der GelQbde gezwungen 
worden. Aber auch, wo man diese Anknüpfung nicht versuchte. 



— 23 — 

wo mit den Klöstern die Mädchen-Bildungsstätten thatsächlich zum 
Opfer fielen« war das, was die Reformation schuf, unvergleichlich 
grosser, als was sie vernichtete. 

Überschauen wir die Reihe der Kirchenordnungen, Visitations- 
bestimmungen und Stiftungsurkxmden, die von dem Streben der 
Reformatoren in Bezug auf die Mädchenbildung Zeugnis ablegen, 
so ergiebt sich schliesslich deutlich ein letztes Moment, wodurch 
die Reformation eine allgemeine Wiedererweckung der Mädchen- 
bildung zur Folge hatte: das ist der gewaltige Kampf der Geister 
als solcher, der jede Partei, vor allem aber die, die als reformierende 
die Beweislast f&r den Ernst ihres WoUens trug, zu einem Werben 
um die Menschenseelen zwang, besonders aber um die Jugend, in 
der die Zukunft, der Sieg oder die Niederlage beschlossen war. 

In der pädagogischen Litteratur der Reformatoren fi-eilich 
spielt die Mädchenschule nur eine sehr dOrftige Rolle. Eingehende 
Abhandlungen darüber giebt es hier sogar noch weniger als bei 
den Humanisten. Gelegentliche Äusserungen finden sich am 
häufigsten bei Luther selbst Neben ihm wäre der hessische 
Reformator Franz Lambert zu nennen, der in seiner Schrift: 
„Ober die Propheten, Gelehrsamkeit und Sprachen und Ober 
Buchstabe und Geisf* (1524) von der Notwend^eit der Mädchen- 
schule spricht, auch etwa Johannes Agricola, von dem wir 
ein Schulbuch haben „130 gemeine FragstQcke fOr die jungen 
Kinder in der deutschen Mägdleinschule zu Eisleben" (1527). und 
aus der zweiten Generation der Reformatoren vor aUem Andreas 
Musculus; er hat in einem ausführlichen Traktat eine Art Lehr- 
plan für die Mädchenschule im Sinne der Reformation aufgestellt 
und begründet: „Jungfiawschule. Gestellet und geordnet auff die 
newlichste auffgerichten Christlichen Schulen in gehaltener 
Visitation der Mark Brandenburgk. Frankfurt an der Oder 1574. 

Die wichtigsten Dokumente filr die Arbeit der Reformatoren 
an der Mädchenschule finden wir in den Visitations- und Schul- 
ordnungen. Und da tritt uns vor aUem die Fürsorge Bugenhagens 
in einer Reihe von niederdeutschen Kirchenordnungen entgegen. 

Im allgemeinen zeigt die Mädchenvolksschule, wie die Re- 
formation sie plante, und z. T. verwirklichte, ziemlich überein- 
stimmende Züge. 

I) Ein ▼oUtttadifet VenHrhnii ilmtlicfacr biihcr bekaiinkcr evaBfciischer Scfaul- 
ordnmfCB des tS. Jahriiimdcrt t. bei G«orf Mens: Das Sdnüwesea der demscfaca 
RefomMkm im x& Jshrfaimdert Hddelbcrf 1900. Gesammek und sbfedmdEt sind die 
rcfonnatonsdieii SduilordsimfeD bei Richter: Die ersiifelischen Kirdienordaanffea des 
i& Jmhrbaaderts, and Vormbaam: EveiifcliscIieSchiilordnnnfeB z.Bd. Die aadtfolfeBden 
asAihruBfCii grOaden sich anf das gesamte ia diesen Werken Tsmidiaete MateriaL 



_ 24 — 

In der Mehrzahl der Schulordnungen, die Oberhaupt die Er- 
richtung von Mädchenschulen fordern oder voraussetzen — es sind 
annähernd 40 — beschränkt sich diese Forderung auf Städte. 
Die Ponunersche Kirchenordnung (1563) ^) spricht sogar nur von 
grossen Städten, einige andere dagegen von Städten und Flecken. 
Nur wenige — vielleicht der vierte Teil — ordnet auch fOr die 
Dörfer Mädchenunterricht an, in einem FaUe (Kurhessen) mit dem 
Vorbehalt: „wenn es möglich ist" und in einem andern mit aus- 
drücklicher Beschränkung auf grosse Dörfer (Lüneburg). Die 
Untenichtsgegenstände sind durchgehend Lesen, Schreiben (natürlich 
Deutsch) und Religion: Catechismus, Psalmen, geistliche Lieder 
und mehr oder weniger Sprüche und „biblische Historien*'. In 
Bezug auf das Schreiben weichen einzelne Bestimmungen ab. 
Die Braunschweigische Kirchenordnung (f&r Braunschweig-Stadt, 
1598) z. B. und die von ihr abhängige Hamburger (1529) ver- 
langen kein Schreiben, eine spätere für Braunschweig-Wolfenbüttel 
^543 (^ ^ Braimschweig-Land) fordert Schreiben und Lesen, 
,jnindestens aber Lesen.'' Zuweilen werden nur die Elemente des 
Bekenntnisses gefordert (Stralsunder il a.). Vereinzelt kommen 
auch .JHlandarbeiten" als Unterrichtsgegenstand vor. So bestimmt 
die Hessiche Reformationsordnung des Franz Lambert (1526), die 
aUerdings nie in Kraft getreten ist, imd auch die niedersächsische 
(1583) und die Lüneburgische Kirchenordnung (1564) Nähen imd 
Stricken bzw. Wirken als Lehrfächer der Mädchenschule. In der 
auf Luthers ,^Anhaltung" begründeten Mädchenschule in Witten- 
berg (1533) kommt zu den gewöhnlichen Fächern noch Rechnen, 
d. h. „das Q£fem und etwas von der Arithmetica" und Singen. 
Auch die Strassburger Schulordnung von 159B fasst „auch 
bissweilen Rechnen" neben Lesen, Schreiben und Catechismus 
ins Auge. 

Ober das Alter der Schulpflicht, die damals natürlich nur eine 
moralische war, wird wenig gesagt Jedenfalls sind zs Jahre die 
Grenze nach oben, und zumeist wird der Kreis der Schulpflichtigen 
mit dem Ausdruck ,,alle Mägdlein unter zs Jahren" umschrieben. 
Für die Dauer der Schulpflicht werden, wenn solche Angaben ge- 
macht werden, ein oder höchstens zwei Jahre (in den Bugen- 
hagenschen Kirchenordnungen) angesetzt Die tägliche Untenichts- 
zeit wird verschieden angenommen, von ein bis (höchstens) zwei 
Stunden täglich bis zu vier Stunden. Die Angaben darüber sind 



I) VormbAom L S. J77. 



— «5 — 

nicht sehr häufig und manchmal unbestimmt In Wittenberg dauert 
der Unterricht von j^morgens, wenn man zur Predigt läutet, bis 
man zu Tisch bleset", und dazu drei Stunden nachmittags. Bedin- 
gung ist dass die Stunden am hellen Tage gehalten werden, und es 
ist auch kulturhistorisch interessant dass die Schulhäuser an einem 
(^ehrlichen, unverdächtigen Orf* liegen und dass die Mädchen 
keinen zu weiten Schulweg haben sollten. In Braunschweig mOssen 
deshalb vier Jungfrauenschulen , eine in jedem Stadtviertel, er- 
richtet werden, und auch in Hamburg eine in jedem j^Carspel". 

Eine sehr bemerkenswerte Thatsache ist es, dass fast alle 
Verordnungen Ober den Mädchenimterricht getrennte Mädchen- 
schulen verlangen. Wo gemeinsamer Unterricht ins Auge gefasst 
wird, scheint es mehr der leichteren DurchfQhrung w^en, als aus 
prinzipiellen GrOnden zu geschehen. Es handelt sich da meist um 
kleinere Städte oder gar Dörfer, wo fOr getrennten Mädchenunter- 
richt keine Lehrkräfte zu beschaffen sind. Es wird dann verlangt, 
dass die Geschlechter gesonderte Plätze bekommen. Ja, zuweilen 
wird von den Eltern nur dort verlangt, ihre Mädchen zur Schule 
zu schicken, wo eine besondere Mädchenschule besteht In Bingen 
wird einem Privatschulmeister, der Knaben xmd Mädchen unter- 
richtete, geboten, ,ySich der Knaben zu lehren hinfbro zu ent- 
halten", da sich der gemeinsame Unterricht der guten Zucht wegen 
nicht gebühre. >) 

Ebenso hielt man firaglos die Unterweisung der Mädchen diurch 
Lehrerinnen fOrdasNaturgemässeundZiemliche. Der Massstab ftlr 
ihre Befähigung zu ihrem Amt ist bescheiden, „eine ehrliche, unbe- 
rOchtigte, fromme Matrone", damit sind die Anforderungen meist 
umschrieben. Zuweilen reflektiert die Kirchenordnxmg, besonders für 
kleine Orte, auf die Frau des Küsters und des Predigers. Wo der 
Mädchenunterricht dem Schulmeister übertragen wird, handelt es sich 
meist nicht um besonderen Unterricht fOr Mädchen, sondern um ge- 
meinsame Klassen; oder man setzt den Schulmeister ein, weil man 
keine Frau gefunden hat, die willig imd geschickt zur Schule war. 
So hat man die Einsetzung des Schulmeisters in Wittenberg sicher 
auf den Mangel einer weiblichen Lehrkraft zurückzufilhren, da 
Luther selbst sich ja einige Jahre vorher bemüht hatte, das Fräu- 
lein V. Kanitz zur Lehrerin ftlr Wittenberg zu gewinnen.*) An 



I) MittcilaBftn der GeadlfchAft fikr Eniehimf»- und Sdnilfeschidtto XV. x S. 96. 

*) De Wette, L^ithen Briefe JXL rjo.^ß6. In GriaaBUi Ueee Luther der Maf dalena 
Staupitz im Kloetcr RAume tbr eine Mldchensdnüe einriditen. In Meiaecn 
154« eise berOhmte Lehrerin, Gertraud MoUerin, die auch Latein Terstand. 



— 26 — 

manchen Orten scheint es sich allmählich als eine Gewohnheit her- 
ausgebildet zu haben, demKOster den Madchenunterricht zu Ober- 
tragen, und er scheint das einmal erlangte Privilegium nicht gern 
an eine Frau abgetreten zu haben. So heisst es in den Visitations- 
akten von 1578 von einer thOringischen Stadt: ,,Nachdem sich ein 
Weib unternommen, Mägdleins-Schul zu halten, die doch von einem 
Superintendenten imd Rath dem Kirchner zuvor allw^e unter- 
geben gewesen, als ist dieselbe Mägdlein-Schul dem Custodi wieder 
gäntzlich befohlen.* 

Charakteristisch für die trotz allem niedrige Schätzung des 
Mädchenschulwesens ist es, dass man den Madchenlehrer gar nicht 
eigentlich als Lehrer rechnete. In einem Visitationsbericht von 
X569 heisst es von dem Stadtchen Heldburg: ,,£s waren zur 
Kirchenvisitation vorbeschieden: R Schubert, Schuelmeister, 
N. Diegeritz, Kantor, J. Schubert, Kirchner und der jungen Jimgck- 
frauen Schuelmeister*. V In der Stadt Nauen kam diese Schätzung 
spater einmal zu noch empfindlicherem Ausdruck. Als ein wohl- 
habender Borger 1784 den Lehrern ein Legat aussetzte, wurde der 
Madchenlehrer von der Verteilung ausgeschlossen und ihm auf 
seine Beschwerde bedeutet, er gehöre nicht zu den Lehrern.'} 

Ziemlich Obereinstimmend ist auch die Besoldimg der Schul- 
fiauen geregelt Der Rat gewahrt ihnen fi*eie Wohnimg und Frei- 
heit von allen borgerlichen Abgaben. Dazu kommt das Schulgeld, 
das die. Kinder bezahlen, je nach Vermögen der Eltern, die in 
eindringlichster Form gemahnt werden, der schweren Arbeit der 
Lehrfrau zu gedenken und ihr den Lohn nicht zu karg zu be- 
messen, ihr auch zuweilen etwas in die KOche zu liefern. Ganz 
Arme sind aber frei. Wenn die EinkOnfte der Schulfrau zu niedrig 
sind und die Gemeinde ist wohlhabend, so zahlt sie wohl einen 
Zuschuss, und diese Besoldung durch den Rat ist in manchen 
Verordnungen gleich in Aussicht genommen. 

In Braunschweig (1543) sollte die Schulmeisterin aus dem 
gemeinen Kasten jahrlich 30 oder 30 Gulden in Vierteljahrsraten 
ausgezahlt bekommen, und 20 Gulden ihre Gehilfin. Zuweilen 
giebt die Stadt auch wohl Holzgeld, häufiger aber ge- 
hört das zu dem i^pretium^, das die Kinder zahlen mOssen. Die 
Besoldung der Lehrer durch den gemeinen Kasten ist durchschnitt- 



I) Vgl Conrad Fischer. Geschichte des denttdieB Volksschullehrentandes. Zweite 
Auflege. Hjumorer Z89B. Bd. L S. 91. 

*i Znr Schulfesdiichte der Stadt Nenen. Mitteaimfen der GeeeUschaft iDr Eniehuiin- 
nad Sdiulgeschidite IV. Heft L S. 33fL 



— 27 — 

lieb höher. Ausserdem kommen zu seinem Gehalt noch die Ein- 
nahmen aus seinen zahlreichen Nebenämtern, die fllr die Lehrerin 
weglallen. 

Die kommunale und kirchliche Fürsorge fllr die Mädchen- 
schule konnte aber gegen die immer energischer aufstrebenden 
Winkelschulen um so weniger nachhaltig einwirken, als sie viel- 
fach nicht ausreichend war, um die private Befriedigung der Nach- 
frage ganz entbehrlich zu machen. So entwickelt sich, unter 
starker Beteiligung des weiblichen Geschlechts, schon jetzt, und 
mehr noch im 17. und z8. Jahrhtmdert ein ausgedehntes Privat- 
schulwesen, das besonders die Madchenbildung vielfach zum Gegen- 
stand kaufmännischer Spekulation machte, imd den geringwertigsten 
Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts auslieferte. 



2. 
Mftdehenerziehung Im Zeitalter des grossen Krieges. 

Allgemeines. 

Das 17. Jahrhundert, das Zeitalter des grossen Krieges, war 
wenig geeignet, die Erziehungsbestrebimgen der Reformation gleich- 
massig weiter zu entwickeln. Nicht nur, weil die wirthschaftliche 
ZeiTüttung, die Unsicherheit aller sozialen und politischen Ver- 
haltnisse, die Entvölkerung der Ortschaften, die Verrohimg der 
Massen die denkbar ungünstigsten äusseren Vorbedingungen f&r eine 
Entwicklung der Volkserziehung schufen, sondern auch, weil das 
geistige Leben die Zerrissenheit der allgemeinen kulturellen Ver- 
hältnisse, die Gewaltsamkeit im äussern Geschehen wiederspiegelte. 
Der Protestantismus war in der Orthodoxie erstarrt tmd unfähig, 
die Kulturbestrebungen der Reformation in ihrer Grösse und Tiefe 
weiterzutragen. Aus dem grossen, Kräfte lösenden Kampf war 
ein unfruchtbares, kleinliches, alle grosse Initiative zerreibendes 
Zanken geworden. Und neben dem lärmenden Streit um Formeln 
und Buchstaben bereitet sich still ein neues, gewaltiges Ringen vor: 
Der Todeskampf der alten Scholastik mit der empirischen, natur- 
wissenschaftlich fundierten Welterklärung, zu der Kepler imd 
GalOei das Eingangsthor gefunden hatten. So ist das 17. Jahr- 
hundert eine Zeit geistiger 2^erfallenheit unharmonischer Viel- 
gestaltigkeit: neben eiskaltem Dogmatismus die weiche, innige 
Mystik Jakob Böhmes und die nervöse, haltlose Schwärmerei der 
Labadisten, neben den ersten kohnen Gedanken der neuen Natur- 



— a8 — 

Hexenprozesse und Ketzerverfolgung und ein aber- 
gläubisches Flochten vor der Vermessenheit menschlichen Wissens. 
Bezeichnend für das Wesen der Zeit ist das Leben» die Geistes- 
entwicklung der Frau, die man als das i, Wimder des Jahrhtmderts* 
allgemein verehrte: der gelehrten Anna Maria van Schur- 
mann. Es geht etwas von dem Faustsehnen ihrer Tage durch 
die schwerfällig gelehrte Abhandlung» in der sie filr eine wissen- 
schaftliche Bildung ihres Geschlechts eintritt: De ingenii muliebris 
ad doctrinam et meliores litteras aptitudine (Leyden 164z) Ot 
Unter den Gründen, die sie fOr die Berechtigimg der Frauen 
zu höherem Studium anführt, nennt sie besoniders die Gefahren, 
die dem unwissenden Weibe durch ketzerische Lehren drohen, 
und die Notwendigkeit, ihrem unsteten und leicht zu vei wliieuden 
Geiste einen Halt in der Wissenschaft zu geben. Sie selbst aber 
hat an diesem Halt verzweifelt; die heimliche Gewissensangst, die 
unter der drückenden Schwere atisserer Not und innerer Hilflosig- 
keit in den besten Menschen der Zeit lebendig wurde, das tiefe 
Misstrauen g^en die Zuverlässigkeit menschlicher Erkenntnis liess 
sie im Schoss der labadisfischen Sekte inneren Frieden suchen. 
Es ist auflaUend, dass die Zeit an hervorragenden Frauen reicher 
ist als das Jahrhtmdert der Reformation. Man wird auch dafiir 
den Grund zu suchen haben in der allgemeinen sozialen Unge- 
bundenheit, die dem Individuum weitere Möglichkeiten zu seiner 
Bethatigung gestattete. 

Eine in ihren geistigen Elementen so unausgeglichene, wider- 
spruchsvolle Kultur ist nicht flELhig, auf erziehlichem Gebiet Ein- 
heitliches zu schaffen. Ihre Zerrissenheit spi^elt sich in der Ent- 
wicklung des Unterrichtswesens wieder: gänzlicher Verfall auf der 
einen, neue schöpferische Plane imd Gedanken auf der andern 
Seite, hier dank der kräftigen Initiative eines einzelnen rasches 
Aufblühen, dort ein haltloses, abenteuerliches Experimentieren, 
noch öfter aber vollkommene Stumpfheit imd Gleichgiltigkeit oben 
und unten. Sofern die Entwicklung über die Reformation hinaus- 
schreitet, geschieht es sporadisch, in Einzelreformen, aus denen 
sich erst in ganz allmählicher Verbreitung imd Fortbildung Ende 
des 18. Jahrhunderts eine gewisse Einheitlichkeit des Ganzen ent- 
wickelt Und so erhalten wir auch für die Geschichte und den 
Stand der Mädchenbildung kein einheitliches Bild, sondern eine 
Menge von Einzelthatsachen und -Zusammenhängen, in denen auch 

>) VfL Nihcres bei A. v. H an stein. Die Frauen In der Gesdudste de* dentschen 
Gcieteelebens de* la und 19. Jahrhunderts. Bd. L Leipsic 1899. S. aBC 



— 39 — 

die heterogenen Elemente und Strebungen der Zeit zur Geltung 
kommen: auf der einen Seite die weitesten Zugeständnisse an die 
Notwendigkeit tieferer wissenschaftlicher Bildung fOr die Frauen, 
auf der andern der in der Zeit der Hexenprozesse nur zu begreif- 
liche Wunsch, die Frau vor dem gefthrlichen Kampf zu behüten, 
in dem der Mann sich kaum Rat wusste, wenn möglich auch die 
primitivsten Waffen zu diesem Kampf vor ihr zu verschliessen. — 
FOr die einzelnen Thatsachen eine sachliche Ziisammmfaisung zu 
finden, ist hier schwerer als in der Darstellung des reformatorischen 
Erzidiungswesens. Die — immerhin nicht ganz scharf durchzu- 
führende — Scheidung der theoretischen Entwicklung von der 
praktischen Gestaltung des weiblichen Erziehungswesens ermöglicht 
am ersten eine Obersicht 

s) Die Pädagogen des 27. Jahrhunderts Ober MAdchen- 

erziehung. 

Die Pädagogik des 17. Jahrhunderts erscheint gewissermassen 
repräsentiert in dem Wirken des Mannes, der in der Begründung 
seiner Erziehungslehre den Schritt zum Empirismus wagte, den 
die deutsche VHssenschaft ihrerseits noch nicht gethan hatte: 
Amos Comenius. 

Der W^ zu ihm führt jedoch an zwei andern Pädagogen 
vorbei, die in mehrfacher Hinsicht — der eine von ihnen auch in 
Bezug auf die Mfldchenerziehung — als seine Vorgänger zu be- 
trachten sind: Johann Heinrich Aisted und Valentin Andrea. 
Hatte Aisted in seinen pädagogischen Schriften >) der Mädchen- 
erziehung wenig gedacht imd ausdrücklich das T>atrin fbr einen 
unnOtzen oder gar schädlichen Luxusartikel im Mädchenunterricht 
erklärt, so legt Andrea in seinem pädagogischen Hauptwerk 
Rei publicae christianopolitanae descriptio (16x9) schon mehr 
Gewicht auf die wissenschafUiche Bildung der Frauen. V5n dem 
Grundsatz ausgehend, dass Wissenschaft ein Gemeingut aller 
sein solle, will er auch die Frau nicht davon ausschliessen; in 
seinem „Christen -Staar' wird das Mädchen zur geistig eben- 
bürtigen Gefährtin des Mannes erzogen, imd zwar durch Lehre- 
rinnen, die aber ebenso vorgebildet sind wie die Lehrer. 

Hier tritt also der Gedanke, die Frau der höheren Bildung 
teilhaft werden zu lassen, als ein sozialer auf; so gut wie man 



>) VgL die QiwIlauulcfawsiM bei Schmid m a. S. zooC 



— 30 — 

allen Volkskreisen, auch den niederen, Wege zu höherer Bildung 
erschliessen soll, so auch den Frauen. 

Auf dieselbe Grundlage stellt sich Comenius selbst:') 

„Wenn einer fragt: was soll daraus werden, wenn die Handwerker, 
die Bauern, die SacktrSger und sogar die Weibsbilder zu Gelehnen 
werden? so antworte: wenn auf gehörige Weise diese allgemeine 
Büdung der Jugend eingerichtet ist, so wird es fortan keinem von allen 
an einem guten Stoff des Denkens, WOnschens, Strebens und Arbeitens 

fehlen." 

« 

Auch, so sagt er, aus irgend welchen andern Gründen, etwa 
auf Grund der Autorität der Schrift, die ,,dem Weibe nicht ge* 
stattet, dass sie lehre* (i. Tim. 2, za) kann nicht das Recht ge* 
folgert werden, sie von den ,,Studien der Weisheit (sei es in 
lateinischer Sprache oder in Obersetzungen mittelst der Mutter- 
sprache) tlberhaupt ganz auszuschliessen.* 

« 

yDenn sie sind in gleicher Weise Gottes Ebenbilder; in gleicher 
Weise Inhaber der Gnade und des zukQnfdgen Reiches; in gleicher 
Weise mit beweglichem Geiste und umfassender Weisheit (oft mehr 
als unser Geschlecht) ausgerüstet; auf gleiche Weise steht ihnen der 
Zugang zur Herrlichkeit offen, da Gott selbst sich ihrer bedient hat 
zur Regierung der Völker, den Königen und Fürsten die heilsamsten 
Ratschläge zu geben, zur Wissenschaft der Heilkunde und zu anderen 
für das Menschengeschlecht wohlthfltigen Zwecken, auch zum pro- 
phetischen Amt, und um die Priester und Bischöfe auf ihre Pflicht 
aufmerksam zu machen. Warum sollen wir sie nun wohl zum Lesen- 
lemen zulassen, nachher von den Büchern wegtreiben? Fürchten wir 
Unbesonnenheit? Aber je mehr wir den Gedanken Beschäftigung 
geben, desto weniger Raum wird die Unbesonnenheit finden, welche 
ans dem Müssiggang zu entstehen pflegt" 

Eine spätere, eingehendere Zusammenfassimg all dieser Reform- 
gedanken zur Mädchenerziehimg finden wir bei Veit Ludwig 
von Seckendorff. Die Ausführungen in seinem Hauptwerk*) 
sind auch dadurch interessant und bedeutsam, dass sie in ihrer 
konkreteren Ausprägung manche Rückschlüsse auf den Stand der 
Öffentlichen Mädchenerziehung im 17. Jahrhundert zulassen. Noch 



VfL die «Grosse Didaktik'* in der Obersetzimf von Dr. Theodor Llon in der 
Bibliothek ptdsfOfisdier Klassiker, n. AnfL T,snfrntalKS 1883. Kap. DL 

*) Herrn Veit Lndwif s von Seckendorff Quisten— Stat in Drcy Bficher ab- 
fetheilet etc. Leipsif 2693 (H DC XCEI) Cap. ÜL DL 6. S. 6ox £ Von besserer Erdefamf 
des weibUdien Gesdiledits nnd denen Jnnffran-Sdiiilen, die bei der Reformatioa intendirt 
aber unterlassen worden. Was frosser Schade durch Verwahrlosunf dieser besseren Auf- 
crsiefaunf entsteht, und wie viel Nutz hinfefen ndt dieser Anttellunf zu sfhsffm 



— 31 — 

in der Litteratur des i8. Jahrhunderts finden wir sie — z. B. in 
den moralischen Wochenschriften — des öfteren rOhmend er- 
wähnt. Sie mögen deshalb ausftlhrlich hier stehen: 

Bey diesem Anlass ist auch uicht unnQtzlich etwas von der Auf* 
erziehung und Erbauung im Christenthum wegen des weiblichen Ge- 
schlechts zu gedencken. Es ist kein geringer Fehler, dass man dissfalls 
so wenig darauff siebet und das Weibsvolck zum Theil zu schlecht und zu 
sdavisch, theüs zu hoch und ohne Ordnung halt Die TOrken haben 
der weiblichen Schwachheit damit rathen und ihren Gebrechen vor- 
kommen wollen, dass sie die Weiber in der grossesten Unwissenheit, 
auch verdeckt und versperret erhalten, also bloss die fleischliche und 
viehische Belustigung an ihnen suchen. Die Christen wissen zwar, 
dass die Weiber Mitgenossen der Seeligkeit seyn, denn St Paulus 
sagt: Hie ist kein Mann noch Weib, sondern sie sind allezumal einer 
in Christo Jesu. 

Ist also eine grosse und unverantwortliche Nachlässigkeit, dass so 
wenig Sorge fflr die Unterweisung und gute Erziehung des weiblichen 
Geschlechtes getragen wird. Ein sehr weniges geschiehet in den 
Mflgdlein-Schulen und bleibet gemeiniglich nur bey demallenmtersten 
Grad der Catechisation. Gleichwohl spQret man, wie fähig das Weibs- 
Volck aller Lehre ist, dazu man sie ziehen will; so weiss man auch, was 
sie in Regierung der GemUther vermögen und dass sich auch die ge- 
lehrtesten und muthigsten Männer selten des Weiber-Regiments ent- 
brechen können. 

Es hat auch das weibliche Geschlechte etliche Susserliche Vortheile, 
sie stecken nicht so sehr in den weltlichen schweren Geschafften, sie leben 
massiger, sie kommen nicht unter so viel böse GesellschaffL Wil man 
sagen: gelehrte Weiber haben zuweilen nichts gutes gestiftet sondern 
sich zur Beförderung alter und neuer Ketzereyen gebrauchen lassen, 
das entschuldiget unsere Fahriassigkeit nicht dann die MSnner haben 
dergleichen und noch vielmehr gethan, desswegen doch das Studiren 
nicht unterlassen wird. So ist auch eine Mittel-Strasse zu treffen und 
könte das Weibsvolck nur in den besten Stacken des Christenthums 
und der Sitten-Lehre unterwiesen, von Curiositaten und Aberglauben 
aber, welche der Unwissenheit anhanget und bey dem weiblichen Ge- 
schlecht so Wohls der blinde Eyfer sehr gewöhnlich ist abgehalten 
werden, zumal sie auch so lange Zeit nicht als die Manns-Personen zu 
Studiren haben, indem sie eher erwachsen und im Ehestande zur 
hansslichen Sorge gerathen. Die Jungfrauen-Qöster. wann der grosse 
Zwang und Einbildung der verdienstlichen Heiligkeit davon geblieben, 
hingegen eine Christliche Auferziehung in wahrem Christenthum und 
anderen hausslichen Tugenden und Geschicklichkeiten besser beob- 
achtet worden wflre nebenst Gestattung der Heyrath nach einer jeden 
Gelegenheit hatten nicht anders als gelobet werden können. Der 



_ 32 — 

grosse Missbrauch, so vor der Reformation darinnen verspQret worden, 
hat sie zwar verhasst und <Vde gemacht: dennoch aber ist etlicher 
Orten auf eine Wiederaufrichtung gedacht worden, davon insonderheit 
des GlorwQrdigen Churffirst Augusten zu Sachsen mit der Ritterschaft 
und Städten des ChurfOrstenthums getroffene Verabscheidung Anno 1555 
merckwQrdig und in der Landes-Ordnung zu finden; darinnen ver- 
heissen wird drey so genannte Jungfrau-Schulen, jede vor 40 Personen, 
im Lande zu stifften, darinnen addiche und bOrgerliche Töchter im 
achten Jahre ihres Alters aufgenommen und drey Jahr in Zucht und 
Gottesfurcht unterwiesen werden sollten. *) Aber wie anders Gutes mehr 
ist auch dieses ohne effect geblieben, so doch ein herrlich Ezempel 
gegeben hatte, dem hin und wieder nachzufolgen gewesen wlre. Es 
hat auch kein Stand mehr als der Adel und andere vornehme Personen 
so viel Ursache hierauf zu gedenken, weil die Erfahrung bezeugt, wie 
sonderlich bey Vermehrung der Familien und Abnehmung der Mittel 
durch Unterlassung guter Erziehung und Versorgung sogar schimpff- 
liche und Argeriiche Ezempel Qbel gerathener Töchter hAulfig entstehen. 
Diesen Vorschlag hat ein Gottseliger Teutscher FOrst vor einigen 
Jahren auch wieder rege gemacht und darQber allerley Bedenken ab- 
fassen lassen, ist aber damit schlaffen gangen, und wird also ein so 
gut und nOtzlich Werck besorglich nur in Gedancken und Wunsch be- 
stehen. 

Mit diesem letzten Satz bezieht sich Seckendorff auf einen 
Plan des Herzogs Ernst von Gotha, ein Stift für unversorgte 
adlige Frauen zu errichten, das mit einer Madchen-Enüehungsanstalt 
verbunden werden sollte. Seckendorff hatte dazu den Plan aus- 
gearbeitet, ') die Gründung ist jedoch nicht vollzogen worden. Da 
Seckendorff die letzten Jahre seines Lebens (er starb 169a) in 
Halle war, und in engen Beziehungen zu Francke stand, so liegt 
die Vermutung nahe, dass er diesem die Anregung zum Gynaeceum 
gab, um so einen Lieblingsgedanken doch noch verwirklicht zu sehen. 

Neben der auf den Höhen der Pädagogik herrschenden An- 
schauung, dass man nur durch eine tiefere Bildung die Frau g^en 
alle die schweren inneren Geüahren der Zeit schützen könne, 
finden wir aber ebenso die spiessbOrgerliche Angst vor dem Viel- 
wissen, das einen schwachen Geist erst recht solchen Gefahren 
preisgiebt, und die nüchterne Beschränkung der Unterrichtsgegen- 
stände auf das, was im praktischen Leben nachher nützlich, ja 



I) Es haadehe sieh dabei vm weibUdie PttaUekattidteii sa den Fttrsteasduüem die 
aber Mlmell wieder eingisscii. 

•) Des Material daza ist TerOffeBtltdit in den Mttteilttngen der GeseUscfaaft fflr Dentsdie 
Enidiunf»- nnd Sdmlfeeehidite. HL 1899. S. 17681 



— 33 — 

unumgänglich nötig sein wQrde. Diesen Standpunkt nimmt 
Moscheroscb ein in seinem for die Zeit ungemein bezeichnenden 
Buch „Insomnis cura Parentum*.') Geistliche LektOre ist die einzige, 
die zu lesen Jungfirauen fronunen kann »»Nicht leset leichtfertige 
BOcher,' welche die einfältige Tugend von Gott ab und zum 
Teufel fahren. Fliehet sie als ein Gifft, welches kan eure Seele 
tödten". Und das ist der Kemsatz seiner Madchenerziehungslehre: 
,Jn einer Jungfrauen Hand gehören diese zwey StQcke: ein Bett- 
buch und eine Spindel'*. Freilich geht er nicht so weit, wie 
unvemOnftige verängstete Eltern wohl in der Einschränkung der 
weiblichen Bildung gehen wollten: bis zum Verbot des Schreiben- 
lemens. »«Zum Bettbuch gehöret eine Feder"* heisst es bei ihm. 

yDsrum weil meine meynung ist, dass jhr just vnd fertig Schreiben 
vnd Rechnen lernet; auff dass, wo jhr durch Gottes gnädige Schickung 
in einen Heyraht kommen solte, da verrechnete Dienste sind, jhr eurem 

Mann möchtet zu hfilffe seyn zu dem, wo einem solchen Weib 

der Mann durch den zeitlichen Todt entfallen solte, Sie Wissenschaft 
habe jhrer Sachen, vnd nicht alles durch fremde und misslicher 
Freunde bände verrichten mflsse. Vber das offt einer Jungfrauen 
vm dieser einigen Vrsach willen, nemlich so sie wohl rechnen vnd 
schreiben kan, ein herrlicher Heyraht zugestanden.** 

Die Volks-Mädchenschule im 17. Jahrhundert 

Die Fortentwicklung der Volks-Mädchenschule im 17. Jahr- 
hundert zeigt eine Reihe von Merkmalen, die, in zwei Gruppen 
zusammengefasst, auf den ersten Anschein einander zu wider- 
sprechen scheinen: auf der einen Seite die thatsächliche Ver- 
nachlässigung des Mädchenunterrichts weiter Landstriche infolge der 
Kriegswirren und die gegen das Zeitalter der Reformation stetig 
und in immer weiteren Volkskreisen gewachsene Angst vor den 
Gefiüuren des "^AHssens, die der Schule in ihren Bemühungen 
Schwierigkeiten entgegensetzte; auf der andern die auf den 
grossen Anstoss in der Reformation hin unbewusst und gewisser- 
massen durch eigene Kraft sich vollziehende Festigung des 
Gedankens, daus auch die Mädchen allenthalben unterrichtlicher 
Fürsorge teilhaftig werden müssten. Die Erkenntnis dieser Not- 
wendigkeit ist, trotzdem ihr thatsächlich aus Mangel an Mitteln 
und an Lehrkräften häufig nicht entsprochen wurde, unmerklich in 

I) ChilttBfhn V«nnldiniiu oder Scholdife Vonorf Eine* Trsim Vatten. Bcjr 
Joiiism HochbotrObtMtd fcfUiriichitsB Zciton den Soinigen xar lotstOD NAduidit hindor* 
durch Haatt-Michaol Motcherotch. StimMborf 1653* C ZIVC 

Haadbneh dor Franonbowosnas. UL Tefl. 3 



— 34 — 



das Volksbewusstsein eingedrungen und diktiert die Voraussetzungen, 
von denen neue Bestrebungen auf unterrichtlichem Gebiet aus- 
gingen. So sehen wir in den hier und da unternommenen 
Reform versuchen grösseren Stils Oberall den MAdchenimterricht 
eine immerhin bemerkenswerte BerQcksichtigung erfSahren» wenn 
auch, wie angedeutet, der Gq^ensatz zwischen diesen Bestrebungen 
und dem allgemeinen Stand auf dem Gebiet der Madchenerziehung 
noch grösser war als bei den Knab^ 

Nur die wesenflichen dieser pädagogischen Neubildungen 
können hier erwähnt werden. 

Von den vielumstrittenen didaktischen KOnsten des Ratichius 
haben auch die Mädchen von Coethen und Weimar profitiert; ja, 
man darf vielleicht annehmen, dass Ratke, der ja auch vor allem 
Frauen die Möglichkeit verdankt, seine Plane in grossem Mass- 
stabe auszuführen, die Mägdlein in bis dahin ungewohnter Weise 
zum Unterricht heranzog. Dass die Bestimmung, es solle bei dem 
Mädchentmterricht gerade so gehalten werden, wie bei dem 
Knabenunterricht, immer mit besonderem Nachdruck hervorgehoben 
wird, legt wenigstens den Gedanken nahe, als werde damit etwas 
Aussergewöhnliches gefordert Es soll hier wie dort in drei 
Klassen das Lesen durch das Schreiben gelernt imd eine „Sprach- 
lehre* daran geschlossen, der Katechismus und das Bibellesen in 
eben der Reihenfolge und in eben dem Umfang getrieben werden 
wie bei den Knaben imd mit den älteren auch das Rechnen 
geübt werden. Als ein Zeichen des beginnenden Zurücktretens 
der Frau von der Mitarbeit an der Schule ist es charakteristisch, 
dass von den drei Klassen der Coethener Mägdleinschule niu* die 
beiden letzten der ySchulmristerin**, die oberste aber ihrem Sohn 
anvertraut wird, dem man sehr anempfiehlt, „kün£ftig auch das 
Rechnen bei dem Rectore oder sonst'' zu üben, damit er ,4n der 
Regula de tri vnd was der anhängig, fertig werde vnd die 
superiores recht unterweisen könne.* Auch die Normierung des 
Gehalts für die Schulmeisterin und ihren Sohn ist bezeichnend: 
Thomas Stiglitz: 33 Cid vom Rat, 8 SchfL Rocken, 6 Malter Holz, 

seine Mutter: 2 Cid. vom Rat, 8 SchfL Rocken, 6 Malter Holz 

za Cid. Hospital, v. Rat u. 6 v. 

fürstl Amt 
Dazu bekommt Thomas Stiglitz noch 4 Kannen Wein.>) 

G. Krause. Wolffanr Ratidiiiu im lichte seiner nad der ZcitfeBoesen Briefe 
und als Didacticus ia Coethen und Mardcbnrf. Leipiif 1870. S. 94« S. xxpfl Zu Ratke 
vgl L Obr. R. A. Schmid. Geschichte der Eniehunr JRa S. x ff. und die dort Teneidi- 
aete litteratnr. 



- 35 — 

Auch in der von Ratke beeinfiussten Weimariscben Schul- 
ordnung von 1619 wird des Mädchenunterrichts gedacht» und es 
werden getrennte Schulen f&r die Mädchen gefordert 

Eine hervorragendere Stelle ninunt die Madcheqerziehui^ ein 
in den Refonnbestrebungen des Herzogs Ernst von Goth^Der 
auf seine Anregung verfasste Schulmethodua^ steixtähm gleich- 
massigen Elementarunterricht für Knaben und Mädchen vor. Er 
bestimmt nach den einleitenden Worten, ,,dass die Knaben und 

Mägdlein in diesem löblichen FOrstenthimi durchgängig 

im Catechismo und dessen Verstände, auserlesenen biblischen 
SprOchen, Psalmen tmd Gebethlein, wie auch im Lesen, Schreiben, 
Singen, Rechnen und, wo man mehr als einen Praeceptorem hat, 
in Wissenschaft etlicher nOtzlicher, teils natQrlicher, teils weltlicher 
und anderer Dinge in guter Ordnimg nach und nach unterrichtet, 
und dameben zu christlicher Zucht imd guten Sitten angeführet 
werden mögen.* 

Soweit wie der Gothaer Schuhnethodus, der den Mädchenunter- 
richt an den durch ihn gegebenen entscheidenden Fortschritten der 
Volksschule, dem Schulzwang, der festeren imd ausgebildeteren 
Organisation des Unterrichts, der Einführung der Realien etc. 
vollen Anteil nehmen lässt, gehen die Verordnungen zur 
Reorganisation des Schulwesens, die in anderen deutschen 
Gebieten nach dem grossen Kriege erschienen, im allgemeinen 
nicht Die landgräflich Hessische Schulordnung von 1656*) Qber- 
lässt den Mädchenunterricht zum Teil der nach dem Kri^e 
besonders tiefstehenden Privatf&rsorge; andere, wie z. B. « die 
Magdeburger von demselben Jahr,*) oder die Gostrower von 
1663 setzen die Ziele der Mägdleinschulen, deren Wiederauf- 
richtung sie wünschen, niedriger an als die der Knaben- Volks- 
schule. In den Anforderungen, die man an die Lehrerin stellt, 
kommt das besonders deutlich zum Ausdruck. Die Magdeburger 
Ordnung fordert zu Lehrerinnen ,,redliche, gottfOrchtige Weiber, 
so fertig lesen, etwas schreiben und wohl neben können.* Manche 
andere Bestimmimgen setzen die' Ziele* fOr die gemeinsame Er- 
ziehung Oberhaupt viel weniger weit als die Gothaer, ja sie gehen 
noch hinter die Anforderungen der Reformatoren zurQck: die 



I) Abgedrnckt bei Vormbanm IL S. 995. 
^ Vorabana IL S. 47a 
*) A. A. O. S. 493 Aam. 

^ A. •.as.6o6f: 

3* 



_ 36 - 

Calenbergsche Schulordnung und die Hildesheimer*) verlangen 
nur Lesen und den Katechismus von beiden Geschlechtern. 
Daneben geht aus den Schulordnungen häufig schon hervor, wie 
die Eltern sich gegen das Schreibenlemen der MAdchen stemmten. 
Schon die Ordnung der Jungfirauenschule zu Naumburg *) von 
z6io verlangt das Schreiben nur von den MadcUen, deren Eltern 
es gestatten wollen. Schulordnungen aus dem Anfang des 
z8. Jahrhunderts — wie die Sachsen-Eisenachsche von 1705 — *) 
beschäftigen sich ausdrückUch mit der Abneigung der Eltern gegen 
den Schreibimterricht fbr Madchen und bestimmen, dass darauf^ 
als auf ein Üiörichtes Vorurteil, nicht ROcksicht genommen werden 
sollte. tJ)as Schreiben aber muss mit den Magdlein sowohl als 
mit den Knaben getrieben werden und ist durchaus den Eltern 
nicht zu verstatten, dass sie ihre Töchter unter einigem Vor- 
wand, als dOrften dieselben das Schreiben zu was BOsem an- 
wenden, davon abhalten wollen, vielmehr können sie sich durch 
das Schreiben in Aufieeichnung biblischer Sprüche und Predigten 
erbauen, zu geschweigen, dass es auch sonst bei ihnen in fol- 
genden Jahren Nutzen haben kann.*' Dieselben Ausführungen 
finden wir wieder in einer ganzen Reihe von Schulordnungen des 
z8. Jahrhunderts, *) ja bis ins 19. hinein.*) 

Charakteristisch für das 17. Jahrhundert ist auch das Zurück- 
treten der Frauen aus dem öffentlichen Schulwesen. Viel seltener 
als die Schulordnungen des 16. verlangen die des 17. Jahrhunderts 
die Erteilimg des Madchenimterrichts durch Frauen. Das erklärt 
sich aus vielen Gründen. Einmal aus der allgemeinen wirtschaft- 
lichen Lage. Es ist die Zeit des Niedergangs der Hand- 
werke in Deutschland unter dem FJnflnss der Veränderungen im 
Welthandel Aus den Handwerken, die ihren Mann vielfach nicht 
mehr nährten, drängten viele zu den Schulmeisterposten, für die 
nur eine leicht zu erwerbende Befähigung verlangt wurde. Es 
kommt dazu, dass nach dem grossen Kriege die Städte keine 
Mittel fbr die Schule aufbringen konnten, daus daher die Lehrer- 



>) A. A. o. n. s. 675. 

*) A. A. O. S. 644. 

*) A. A. O. S. 103C 

^ A. A. O. m S. X7Z. 

>) So die WOrtemborfische (1799) VormbAom m. S. 39B; Ordamif für die 
deotodien Sduücn in Heilbroon (rT^B) a. a. O. S. 436 a. a. 

I) Eine SdnilordBimr für HeHcs-DarBetAdt noch vom Jehre 18x3 beediiftifft sich nkt 
diesem Widcrstuid der Ehem. VieOeicht fehl hier Aber die Weifemnf , dAs PApier su 
liefen, mehr enf Armut xoro^ Als Aof llisttrmiien. 



— 37 — 

stellen bestenfalls nicht anders als mit kirchlichen Nebenämtern, 
dem des KOsters imd Glöckners, verbunden besetzt wurden; 
femer dass die Madchenbildung im allgemeinen mehr der Privat- 
thatigkeit Qberlassen wurde, ^Is zur Zeit des Aufschwungs im 
vorigen Jahrhundert, und dass man andererseits, gerade um eine 
sichtbare Abgrenzung zu schaffen gegen die in weitestem Masse 
von Frauen geleiteten Klippschulen, in den Öffentlichen Schulen 
Lehrer anstellte. Ausserdem fällt natOrlich auch — und in dem 
folgenden Jahrhundert, wo die Ansprüche sich steigern, noch 
mehr — ins Gewicht, dass den Frauen jede Gelegenheit zu 
einer Berufsbildimg fehlte. 

Ober die Besoldung der Schulfrauen, die wir hier imd da in 
stadtischem Dienst noch finden, ist Allgemeingiltiges nicht an- 
zugeben. Sie ist zu sehr nicht von Prinzipien, sondern von dem 
jeweiligen Vermögen der Städte bestimmt Jedenfalls war eine 
Schulfrau in Dietz im Nassauischen, die 20 Gulden imd 3 Malter 
Korn jahrlich erhielt, eine der Bestgestellten ihres Standes. 

Je seltener die Frau im öffentlichen Schuldienst wird, um so 
häufiger finden wir sie als Inhaberin von Winkelschulen. Es ist 
eine stehende Einrichtung, dass die Frau des stadtischen Knaben- 
lehrers nebenher die Magdlein privatim unterweist, aber wir finden 
Frauen auch ebenso oft als selbständige Unternehmerinnen von 
Privatschulen.*) Als solche wurden sie häufig fOr eine gute 
Partie gehalten und gern geheiratet; der Mann, der vielleicht aus 
allerlei Gründen die Konzession fOr eine Schule nicht bekommen 
hatte, oder die meist geforderte PrQfung scheute, Qbte dann unter 
dem Schutze ihrer Konzession auch das Schulhandwerk. In einer 
-Verordnung Ober die deutschen Privatschulen zu Berlin *) wird das 
ausdrflcklich fOr unzulässig erklart 

Ober das Oberhandnehmen der "^A^nkelschulen wird in allen 
Urkunden zum Schulwesen des 17. Jahrhunderts geklagt Aber 
auch die schärfsten Massr^eln scheinen nicht viel dagegen ausge- 
richtet zu haben. Als typisches Beispiel mag für diese Verfaält- 



I) X609 hatte HcRor Christua tob SadiMn «tf «in Geracfa vm Grttadmif einer 
Midfhenedmle geantwortet, ,,ob nicht rataam and enphesalicher, daaa ein jeder Hanirmtcr 
aeine Tochter bey lidi in seinem eigenen Hanae oder bey aeinen Freunden erziehen, und 
dietclben xar Gotteafnrcht, Chriatlichen und Adlidien Tugenden, und soaderlidi in der 
Hanahaltaag beatea Flciaaes aelbaten untenichtan laaae.** 

f) Wo kommunale Ifiddienadiulen unter einem Lehrer atehen, figuriert die Ehefrau 
m e iit ala aeine Gehilfin, dann fiberlieaa man ihr nach dem Tode dea Mannen zuweilen die 
Schnle; vgL die Beatallungaurkuade einer Jungfer-Schulmeiaterin für die Marienachule m 
Berlin. Mirkiache Forschungen DL S. 196 1 

S) Vormhaam HL S. 44a 



- 38 - 

nisse die Geschichte des Privatschulwesens ixiLOneburgO etwas 
eingehender dargestellt werden. 

Dabei sei es gestattet, in die Schulgeschichte des i8. Jahrhunderts 
vorzugreifen. 

Im Jahre 1570 war in LOneburg ein ,,teutscher Schulhalter* 
von der Stadt aus angestellt» dessen Frau ,»fumhemer Burger 
Tochter, alhier vnnd ausserhalbenn* annimmt, um sie im ,,Lesen, 
schreiben, Rechen, hauben wirken, sticken. Neben ynnd was sie 
sunst wüst zu lernen* zu unterrichten. Neben dem Ratsschul- 
meister aber lehrt em Winkellehrer, „beide megedekenn vnnd 
knabenn* in „Teudsch lesenn, schreibenn vnd Rechen,* Unter 
dem folgenden Ratsschulmeister werden der AA^nkelschulen so 
viele, dass er sich nicht nähren kann. Deshalb bedroht der Rat 
1588 die Winkelschulen mit Strafen und befiehlt, dass „alle Lehr- 
weseken,*) so biss dahero Lehrkinder gehabt, dess Kinderlehrens 
sich enthalten sollten.* Die Verbote halfen aber nichts, tmd man 
gab dann nach und liess sie gewahren. Als 1669 ein Ratschul- 
meister stirbt, bittet seine Witwe den Rat ,,die Wahl des neuen 
Schuldieners dahin zu richten, dass ihre Tochter dabey mOge ge- 
lassen werden,* d h. wohl einen unverheirateten Schulmeister an- 
zustellen oder einen, dessen Frau keinen Anspruch darauf macht, 
den Madchenunterricht zu geben. 1689 waren in LOnebiu-g 
41 Winkelschulen, die meist von Lehrweseken geleitet wurden, 
X747 gar 47, Von 145 Kindern, die 1757 konfirmiert wurden, 
hatten nur 46 die städtischen Schulen besucht, alle andern die 
Klippschulen. Es wird dann, da die Kinder in diesen Schulen arg 
vernachlässigt werden, weil es den Schulhalterinnen an Kenntnis 
fehlt, durch Ratsbeschluss von 1757 festgesetzt, dass jede, die 
kleine Kinder in Buchstabieren, Lesen und Katechismus unter- 
richten wollte, dies Begehr bei Gericht vorbringen, und, wenn 
gegen ihre Führung nichts zu sagen war, sich beim Superinten- 
denten zum Examen stellen sollte, um dann vom Gericht kon- 
zessioniert zu werden.*) 

Die Winkelschulmeister fohrten ihren Existenzkampf wie die 
andern Gewerbetreibenden häufig durch Zusammenschluss zu einer 
Zunft, der auch die Lesemeisterinnen sich anschlössen; das geschah 

I) NmIi der kleinen Monographie von W. Schoneeke Ober die LOn^tiryer Scfareib- 
und Rechenmeister in den Mitteilanfen der GceeUidiaft für dentidie Emehonfi- nnd Schol- 
fesdiidite IV. S. 1x9 £ 

S) Wed er de utt ch; Lehnrnse ^ Lehrtantc. 

>) Diese Sitte des »Pneposittu-Examens* für Ldirerinnen ohne Prttfungt x engni» hat 
sich in Mecklenburg bis heote erhalten. 



— 39 — 

z. B. in Lobeck. Dasa wie unter den Schulmeistern, so auch 
unter den Lehrfrauen viele schlechte Elemente waren, ist selbst- 
verständlich. So wurden z. B. in Lobeck von Ratswegen Er- 
kundigungen Ober ,,die nicht vergünstigten LesemQtter" eingezogen, 
da verlautete, „dass Weiber, die zu Falle gekommen sind, Ammen, 
Kupplerinnen, Dirnen, die Leuten nicht dienen wollten, und wie 
man sagt, auf ihre eigene Hand sizen, und sich mit allerlei Volk 
nähren, sollen teils auch mit Schule halten/' 

Dass das Winkelschulwesen auch anderswo, in Soddeutsch- 
land, in Sachsen, in Hessen, in Berlin u. s. w. blQhte, dafiOr sind 
Qberall Bel^e zu finden. >) Auch die Verliältnisse, unter denen 
die Lehrerinnen an der Privatschule mitwirkten, scheinen Qberall 
so ziemlich dieselben. 

Erst die Inangriflfhahme der Volkserziehung durch den Staat 
vermochte im Laufe oder vielmehr erst gegen Ende des 18. Jahr- 
himderts das Unwesen der Winkelschulen zurQckzudammen. *) 



MfldehtnbUdong im Zeitalter des Pietismus und der AnlkULrung. 

Allgemeines. 
In dem Werden des Erziehimgswesens im 18. Jahrhundert hebt 



sich in erster Linie die Wirkung eines wirtschaftlich-sozialen Faktors 
mit besonderer Deutlichkeit heraus. Schon im siebzehnten Jahr- 
hundert erfährt die soziale Schichtung in Deutschland eine be- 
deutungsvolle Verschiebung. Der grosse BOrgerstand sank infolge 
der Veränderungen im Welthandel, denen Deutschland sich nicht 
anzupassen vermochte, von seiner f&hrenden Stellung herab. An 
seine Stelle trat der Beamtenstand, wie er sich um die Person der 
unzähligen kleinen Monarchen entwickelte, als ein sehr viel 
weniger leistungsfähiger, aber um so selbstbewusster auftretender 
Kulturträger. Dieser Beamtenstand, dessen AllQren die höheren 
Kreise des BOrgertums annahmen, schuf in seiner beschränkten 
Exklusivität einen Klassengegensatz von schärferer Ausprägung, als 
das Mittelalter sie gegeben, imd von sehr viel geringerer kultureller 



>) Z. B. bei Htppe, Gctchichto des deatschen VolkMcholwaaia. Gotha, 1851SC; 
Koarad Fitchtr, Geschichte des deutschea VolksachuUehrentaades, HaanoTer Z89B 
Bd. X, S. xoB, i7o£, ac6U «53« «Sß^ Vormbaoiii, ETaageUschc SdiialordiumfeB, Bd. IL 
Ritterthanten: Baitrtfe sar Caichichfc des BerUacr Etemeatartchulweseaa. Mirkiacfae 
FoftchuBfaB DL S. 176 C 

*; Fischer a. a. O. Bd. IL S. 41 L 



_ 40 — 

Berechtigung. Den niederen Mittelstand drückt diese als , von Standet* 
sich konsolidierende Gesellschaftsklasse eine Stufe tiefer hinab. 
Das ^gemeine Volk* existierte für den nach Titeln und Ehren 
jagenden Stab der kleinen Herrscher ä la Louis XIV. Oberhaupt 
nicht Die Folge ist die allgemeine Vernachlässigung der Volks- 
schule, der keine der gebietenden sozialen Mächte half^ sich aus 
dem Verfall im grossen Kri^e zu erheben. Hier setzt nun, im 
27. Jahrhundert schon vereinzelt, im i8. dann entschiedener, ein neuer 
Faktor ein, der gestaltend auf die Entwicklung der Schule wirkte: 
der Pietismus, der die Blicke der massgebenden Kreise wieder 
auf die Bedürfhisse des Volkes lichtete und die Erziehung der 
Geringsten mit neuer Wflrme umfasste. Damit stehen wir am 
Anfange der Regeneration des Volksschulwesens, die sich dann« 
durch thatkräftige Monarchen, vor allem in Preussen, mächtig 
gefördert, im Laufe des 18. Jahrhunderts überall anbahnt 

An den Beamtenstand knüpft aber eine zweite bedeutsame 
Entwicklung der Mädchenerziehung an, die Entstehung der 
höheren Mädchenschule, die durch diesen ihren sozialen Ur- 
. Sprung für lange hinaus, ja, bis auf unsere Tage, ihr bestimmtes 
Gepräge erhielt Die Kultur, durch die sich die höheren 
Gesellschaftsklassen von den Leuten „geringen Standes* imter- 
schieden, war wurzellos, unkräftig, unvolkstümlich. Sie war etwas 
rein Dekoratives, das eine erschreckende Leere umkleidete. Die 
Formen lieh Frankreich. Seltsam genug nahmen sie sich aus, die 
luxuriösen Ausdrucksmittel einer glänzenden, selbstbewussten, ein- 
heitlichen und produktionskräftigen Kultur, in der geistlosen, pe- 
dantischen Nachahmung durch den Deutschen des 17. Jahr- 
himderts. 

Diese Kultur aber, die ihren eigentlichen Ausdruck in der 
Lebenskunst der vornehmen Gesellschaft fand, wies auch der Frau 
eine wichtige Rolle an. Man musste auch ihr die Fertigkeiten 
anerziehen, durch die sich Leute von |,Kondition* von dem ge* 
meinen Volk unterschieden. Und so erlebt Deutschland in einer 
verzopften, veräusserlichten Renaissance, am Ende der ganzen 
Reihe der Kulturvölker, noch eine verzopfte geistige Emanzipation 
der Frau. Es ist das entscheidende, bis heute noch nicht über- 
wundene Missgeschick der höheren Frauenbildung in Deutschland, 
dass der erste Schritt aus der Keller-Küche-Kinderstubensphäre 
hinaus die Frau der höheren Stände in diese oberflächliche Schein- 
kultur hineinführte, die sie für lange Zeit dem Mutterboden echten 
nationalen Lebens entfremdete. Dies Missgeschick hatte neben 



_ 41 — 

allem andern die Folge, dass viele von den Männern, denen 
an der Gesundung des gesellschaftlichen Lebens gelegen war, wie 
der brave Moscherosch, und später etwa Justus Moser, Gegner 
einer höheren Frauenbildung an sich wurden. 

Aber es kommt mit diesem äusseren Glanz auch ein bedeut- 
samer geistiger Besitz in dieser ausländischen Kultur zu den 
Deutschen: das sind die Gedanken der fremden Phflosophie, die 
Errungenschaften der holländischen, englischen, französischen Auf- 
klärung, eines Descartes, Spinoza, Bayle, Bacon, Locke, die, wenn 
auch erst durch Jahrzehnte nur im Besitz einer nach wenigen 
zählenden Geisteaaristokratie, doch schliesslich auf die Erziehung 
weiterer Kreise Einfluss gewannen. Die B^;rQndung der Erziehung 
zur Sittlichkeit auf die dem Menschen innewohnende Vernunft, 
und die Anschauung, dass die Tugend von der rechten Er- 
kenntnis und Einsicht abhängig sei das sind die Ausgangspunkte, 
von denen aus man schliesslich auch zu der Forderung einer ge- 
wissen Bildung der Frauen kommen musste. Nur sehr allmählich 
freilich und durchaus nicht bei der Masse der Frauen hat sich 
diese Forderung gegen die seichte ä la mode-Strömung durch- 
setzen können. 

Die Kultur der Aufklärung, die ihrem Wesen und ihrer Her- 
Inmft nach zunächst nur in höheren Kreisen Bedeutung gewann, 
wixiLt dann, in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts, auch auf 
die Volkserziehung, auf die Volksschule zurQck. Das war die 
Folge einerseits der Entwicklung der Pädagogik, andrerseits der 
gegen die französische Revolution hin allmählich wachsenden Er- 
kenntnis von der politischen Bedeutung des öffentlichen Erziehungs- 



Diesen Entwicklungsreihen werden wir nun zu folgen haben. 

a) Die Volksschule im x8. Jahrhundert 

Das Geschick der Volksmädchenbildung identifiziert sich von 
der Reformation an in zunehmendem Masse — wenn auch selbst- 
vertändlich mit zeitweiligen Rückschritten — mit dem der Volks- 
schule überhaupt Das z8. Jahrhundurt bringt diesen Prozess der 
Angleichung der elementaren Mädchenbildung an die der Knaben 
annähernd zum Abschluss. Freilich nur annähernd. 

Zu Anfang des Jahrhunderts stand die Mädchenbildung, wie 
es scheint, allgemein unter der Knabenbildung. Noch 17x0 hatte 
eine Visitation, die König Friedrich L in Preussen abhalten liess. 



1 



— 42 — 

nur den Zweck, festzustellen, ob in jedem Dorf ein Schulmeister 
sei, der die Knaben im Lesen, Schreiben und Katechismus unter- 
wiese; die hessische Konsistorialordnung von 1726 konstatiert, 
daas in den Dörfern ^die wenigsten gemeinen Weibsleute recht 
lesen, die Mannspersonen aber nicht schreiben können/' Justus 
Moser lässt in den „patriotischen Phantasien*' eine alte Frau ver- 
sichern, dass unter allen, die mit ihr aufgewachsen, kein einziger 
gewesen sd, der schreiben konnte, und zum Schluss meint sie im 
Sinne des Verfassers: „Was die Madchen betrifiEt, o ich 
möchte keines heyrathen, das lesen und schreiben kann.'' 

Das zeigt, wie die Zustände auf dem Lande waren. Dass 
man auch in den Städten vielfach an die Mädchenbildung niedrigere 
Anforderungen stellte, als an die der Knaben, beweisen die schon 
erwähnten Bestimmungen der Schulordnungen, Dtem nicht mit 
der Abneigung gegen den Schreibunterricht der Mädchen diirchzu- 
lassen, Bestimmungen, die zum Teil auch städtische Verhältnisse 
im Auge hatten. 

Das konnte auch kaum anders werden, so lange es den Eltern 
selbst überlassen war, ob sie ihren Kindern eine Schulbildung 
geben wollten oder nicht Da war es selbstverständlich, dass man 
höchstens den Knaben die Zeit opferte, die der häuslichen Arbeit 
entzogen wurde. Deshalb hatte der eine grosse Fortschritt des 
z8. Jahrhunderts, die Einführung des Schulzwangs, für die Mäd- 
chen seine besondere Bedeutung. Er entzog die elementare Mäd- 
chenbildung — wenigstens zunächst in der Theorie — der Will- 
kür der Dtem und stellte sie auf eine gesicherte Grundlage. Im 
übrigen nimmt die Mädchenschule an der in mehr ab einer 
I£nsicht bedeutungsvollen Entwicklung der Volksschule teil. 

Diese Entwicklung steht in ihren Anfängen imter dem Zeichen 
des Pietismus. Schon bei Spener finden wir das Interesse filr 
den Volksunterricht, das sowohl bei den weltlichen Behörden, als 
bei der Geistlichkeit in starkem Rückgang begriffen war. In Berlin 
sorgte er f&r Gründung und Verbreitung von Parochialschulen filr 
Knaben und Mädchen. ^ In grossem Maasstabe nimmt Francke in 
Halle diese Bestrebungen auf. In seinen Anstalten entspricht der 
Elementarunterricht der Mädchen ganz dem der Knaben, abgesehen 
davon, dass bei den „Waysenmägdlein" noch für eine ausgiebige 
hauswirtschaftliche Unterweisung gesorgt wurde. ') Nicht nur in den 



I) VgL lliridtehe FondumreB DL S. 009 C 

*) A. G. Franckei ptdafogische Schriften. Hng:. ▼. Kniner. LaafeoMdzA 1876. 
S. 189 ff. 



— 43 — 

Gründungen von Armenschulen und Waisenhäusern nach Halli- 
schem Muster, auch durch die Erwärmung imd Belebung des 
Interesses f&r den Volksunterricht, durch die Erregung des sozialen 
Gewissens Qberall, wohin seine Beziehungen reichten, dokumentiert 
sich der Einfluss Frankes und seiner SchQler. 

Von eminenter Bedeutung ist die Aufoahme dieser Anregimg 
durch den Staat Den bahnbrechenden Schritt that Preussen. 
Was die Prindpia rq^iativa 1736 mit den sie vorbereitenden und 
ergänzenden Verfügungen, was das General-Landschulreglement 
Z773 und die entsprechende Schulordnung fbr Schlesien, was 
schliesslich das persönliche, thatkräftige Eingreifen Friedrich V/il» 
heims L und Friedrichs des Grossen der Volksschule schenkte, 
ist ein dreifaches: Die schon erwähnte Einfühnmg der Schul- 
pflicht, die Erklärung der Schulunteriialtungskosten zur „gemeinen 
Last,*' d. h. zugleich als Sache der Gemeinden und des Staates, 
und schliesslich die ersten Veranstaltungen zur Heranbildung eines 
Lehrerstandes durch Seminare — auch eine Folge des Wirkens 
von A. H. Francke. 

Durch diesen letzten Schritt freilich, und die damit in Ver- 
bindung stehende EinfDhrung oder Verschärfung der Amts-Ein- 
trittsprOfimgen, wurde zunächst die weibliche Mitarbeit am Volks- 
unterricht zurQckgeschoben, da in den ersten fün£dg Jahren der 
SeminargrOndungen niemand an Ausbildungsanstalten fflr Lehre- 
rinnen dachten. 

Das musste, wo die Geschlechter getrennte Schulen hatten, 
auf den Mädchenunterricht verhängnisvoll zurückwirken, da er 
nun, anstatt auf seinem Gebiet zu einem fthigen Lehrpersonal zu 
gelangen, vielfach auf die minderwertigen Demente angewiesen 
war, die an der Knabenschule nicht unterkamen. 

Zu den Fortschritten durch Erschaffung von Institutionen 
zur Hebung der Schule kommt die praktische Förderung des 
Schulwesens im einzelnen. Entstanden doch durch die Initiative 
des Königs bis 1738 im Bezirk der Königsberger Kammer 8^ neue 
Dorfschulen! >) Dazu kommt fehier in der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts die Entwicklung der Pädagogik, die freilich — ausge- 
nommen vielleicht die Rochowschen Bestrebungen, die von staricem 
unmittelbaren Einfluss waren — zumeist erst um die Wende des 
Jahrhunderts auf die Gestaltung der Schule im allgemeinen ein- 
wirken konnte. 



I) Claotaiticr. G«achi^te des prtu«i»cfaen Untcrriditsfetcttn. Bcriia 1876. S. la 
Thilo. FrraMitdics VolkssdiohfcseB nach Caichichf imd Stttisdh. Godu 1867. S. aa 



— 44 — 

LangeZdt hindurch entsprach derStand desSchulwesens denBe- 
Stimmungen der ,yPrindpia* noch keineswegs. Daswar angesichts des 
Tiefstandes der Landbevölkerung, der Interesselosigkeit oder gar 
Bildimgsfeindlichkeit der Patrone und vor allem der mangelhaften 
Bildung der Lehrer kern Wunder. So lange es noch alsNonngalt,daas 
der Lehrer ein nicht voll beschäftigter Handwerker war, und die Be- 
soldung sich dementsprechend bemass, fehlten zu emer grOnd- 
lichen Besserung der Schule die Grundbedingungen. Und manch 
einer war in bezug auf die Landbevölkerung Qberhaupt gegen 
Reformen. Justus Moser befiirchtet Landflucht und Aus- 
wanderungssucht als Folge solcher Bestrebimgen und halt es f&r 
viel wichtiger, dass Landkinder an einem Tage drei StrOmpfe 
„knfltten'', ab dass sie lesen und schreiben können. 

Noch Z787 äussert sich die R^erung von Pommern in einem 
Gutachten Ober die Schulverhaltnisse, dass man auf dem Lande 
denllnterricht der Mädchen ^bloss aufs Lesen und auf dieAniangs- 
grOnde der Religionswahrheiten, verbunden mit dem Vortrag der 
Lebenspflichten " einschränken könne.') 

Waren in andren deutschen Gebieten die Voraussetzungen 
fOr die Entwicklung der Volksschule z. T. gOnstigere als in den 
preussischen Provinzen, war dort, besonders in West- und Mittel- 
deutschland, der Stand des Elementarschulwesens nicht ganz so 
tief, so war auch fast durchweg die Thätigkeit der Regierungen 
weniger lebhaft und durchgreifend. Mit der Einführung des 
Schulzwanges folgten eine Reihe deutscher Staaten, neben 
kleineren, wie Anhalt -Bemburg (1746), Holstein -Gottorp (1733) 
Braimschweig (175a) etc., vor allem Baden (1749—6^, Baden- 
Durlach (1774) u. s. w. Einzelne, wie Gotha, waren schon vor- 
angegangen. Das schulpflichtige Alter ist meist fOr Knaben und 
Mädchen gleich angesetzt und umfasst in den verschiedenen 
deutschen Ländern auch verschieden lange Zeit Die ^Principia 
regulativa" bestimmen das 5. — za. Jahr, das Generallandschul- 
reglement das 5. — 13. oder 14. Jahr, die Braunschweig'sche Schul- 
ordnung von 1753 lässt schon mit dem 4. Jahre den Schulunterricht 
bq^innen und bis zum 14. Jahre dauern, die Bremöi-Verdenschen 
Landschulen nahmen die Kinder von 8 — 14 Jahren auf. Vereinzelt 
bemisst sich auch die Schulpflichtigkeit für Knaben und Mädchen 
verschieden. In Holstein-Gottorp wurden die Mädchen bis zum 15.» 
die Knaben bis zum 16. Jahre in der Schule behalten.*) 

1) Amuden des prenssischeii Schul- und Eirchenweiens. IL Bd. x. Heft. S. zx^ 
*) Die bohe Zahl erkllit tich darmoi, dAM dort die Kinder nur eine bestimmte Zeit 
des Jahres sarSdiule gingen und zwar jeder Jahrfanf so einer andern, damit immer Kinder 
sur Feldaibdt verfüfbar waren. VfL fOr die Scbnlordnmifen Vormbanm UL 



— 45 — 

Auch in bezug auf die Lehrerbildung gingen die übrigen 
Staaten durch Gründung von Seminaren in ähnlicher Weise vor 
wie Preussen, und auch hier finden wir die Erscheinung, dass 
die Lehrerinnen in der Folge ganz in den Privatunterricht zurück- 
geschoben wurden, wo sie übrigens auch schon anfingen, nicht 
mehr zu genügen. Charakteristisch ist ein Aufiruf im ,^agazin 
für Frauenzimmer*', in dem ein ,J^atriot" in Schweinfurt 
zur Besetzung einer von ihm geplanten Mädchenschule eine 
Lehrerin sucht und sich erbietet, ihr die nötigen Kenntnisse 
unentgeltlich beizubringen.*) In Hessen finden wir noch 1733 
„Schulmeisterinnen*' an öffentlichen Dementarschulen, aber wie es 
scheint, nicht viele. 

In den öffentlichen Mädchenschulen ist es dem Schulmeister 
zuweilen gestattet, seine Frau helfen zu lassen, z. B. in Sachsen.*) 
Die Urteile über diese Frauen sind manchmal günstige. Ein 
Inspektionsbericht hebt hervor, man habe „bei ihnen noch eine 
ziemliche Geschicklichkeit und Erkenntnis" gefunden und es sei 
kein Grund, „diese Weiber in ihren Haussgemeinen schweigen 
zu lassen'*. *) 

Vollkommen durchgef&hrt ist die Gleichstellung der Mädchen- 
bildung mit der der Knaben im z8. 'Jahrhundert im übrigen 
Deutschland so wenig wie in Preussen, z. T. wq;en des Wider- 
standes der Bevölkerung — in Hessen z. B. hatte man bis ins 19. Jahr- 
htmdert hinein Schwierigkeit, das Schreiben als Unterrichtsgegen- 
stand der Mädchenschule durchzusetzen — ^) z. T. aber auch, weil 
das Lehrpersonal der Mädchenschule sich aus den angeführten 
Gründen nicht auf gleicher Stufe mit dem der Knabenschulen 
erhielt 

In den Städten waren die Mädchen nach wie vor zum 
grösseren Teil der Privaterziehung überlassen. Auf die Winkel- 
schulen an dieser Stelle noch einmal zurückzukommen, erübrigt 
sich, weil die Verhältnisse L a. dieselben blieben, wie die schon 
besprochenen des 17. Jahrhunderts, und weil andrerseits ihre 
Arbeit, insofern sie sich weiter entwickelte, in der Geschichte der 
höheren Mädchenschule einen Platz findet 



>) 1761^ X. TcQ S. 981^ 

*) Koarad Fiaehcr a. a. O. Bd.z S-igSC 

^ A.a.O. S.as0L 

^ VgL dia Schalordamif voa tSzs bei Happa. 



- 46 - 

b) Die Anfange der höheren Mädchenschule. 

Wodurch im Anfang des x8., ja schon Ende des 17. Jahr- 
hunderts das Bedürfnis nach einer höheren Frauenbildung ent- 
stand, ist schon angedeutet Versuche zur Befriedigung dieses 
BedOrfiiisses stiessen nicht nur auf den Widerstand solcher Manner, 
die dem neuen Wesen an sich feind waren, sondern auch auf all- 
gemeine Stumpfheit und Banalität 

Allerdings sind es nur in zweiter Linie die Frauen selbst, die 
diesen Kampf imtemehmen. An erster Stelle stehen die mann- 
lichen Trager der modernen Bildung und des litterarischen 
Geschmacks. Das waren zu Ende des 17. Jahrhimderts die Sprach- 
gesellschaften. 

Aber wie so vieles, was sie im Interesse einer nationalen 
Kultur begannen, wurde auch ihr Eintreten fOr Frauenbildung 
unter dem unbewusst zwingenden Bann des französischen Vor- 
bildes zur , gelehrten oder geschraubten Spielerei Typisch ist 
in dieser Hinsicht das Gesprachsspiel, dass der geschickte 
Charlatan Betulius vom Pegnitzorden zur Hochzeit zweier Mit- 
glieder der Gesellschaft verfasste. Darin streiten Schafer und 
Schaferinnen imi die geistige Gleichberechtigung der Frau. Und 
Dorilis wird eine kraftige Programmrede zu Gunsten ihres 
Geschlechtes in den Mund gelegt: >) 

„Wie solten vra zur Vollkommenheit gelangen, da man unsere 
Fähigkeit in der blQte sterbet uns zu haus gleichsam gefangen setzet; 
und, als wie in einem Zuchthause zu schlechter Arbeit zur Nadel und 
Spindel angewöhnet? Man eilet mit uns zur KQche und Haushaltung, 
und wird manche gezwungen eine Martha zu werden, die doch etwan 
lieber Maria seyn möchte. * Man giebt uns den Titel und will, dass 
wir Tugendsam seyen, wie können wir es aber werden, wann man uns 
das Lesen der BOcher verbietet aus welchen die Tugend muss er- 
lernet werden? Soll uns dann dieselbe, wie die gebratene Tauben in 
Utopien, aus der Luft zufliegen?" 

Der Schluss des Streites, der natOrlich zu Gunsten der Frau endet, 
ist eine allgemeine Verherrlichung der Frauen, der , Jluldgöttinnen 
und Hinmieiinnen'', vor allem der gelehrten, von denen es schon 
eine ganze Anzahl in „fürstlichen, adeligen imd Schaferkreisen** 
giebt Etwas ernsthafter ist die Verteidigung höherer Frauen- 
bildung in den gelehrten Schriften, die zur Ehrenrettung der 

X) ..EhrenpreU des lieblöblicfaen Wdblicfaen GeacUecbts**, abfedruckt tum swchca 
Mal in der Saaunlunf ,^efnesis oder der Pefnhs BlumcBgcnoea-Schli'eni Feld-Gedichte^, 
NOmberf X673 n. 1679. VfL aacfa A. v. Hau stein a. a. O. S. 5afL 



— 47 — 

geistigen Qualitäten der Frau erscheinen, und in ihrer mehr oder 
weniger grossen Abhängigkeit von einander beweisen« wie der 
Gegenstand Tagesgespräch geworden war. Es sind zumeist 
Sammelwerke von Namen und Lebensdaten berQhmter Frauen 
aller Zeiten, die, mit tendenziösen Vorreden und Begleitworten 
versehen, als unwiderlegliches Beweismaterial in die Diskussion 
geführt wurden. Die bedeutsamsten imd bekanntesten sind die 
Werke von Paullini^ Eberti*) Menschen*) und vor allem 
Lehms^ Die Ausführungen dieses letzten lassen ein klares Licht 
fallen auf die Fflr und Wider, um die der Streit sich drehte: 

yDenn dass viele schöne Ingenia nicht zu der Vollkommenheit 
gelangen, als sie gelangen könnten, ist niemand anders als der leidigen 
Büssgunst oder einer absurden Präjudtce der Eltern zuzuschreiben, 
welche dafOr halten: ein Frauenzimmer dürfe nichts lernen und also 
die allergeschicktesten Kinder in das verdriessliche Gefängnis der 
bitteren Einsamkeit einsperren, solchen auch alle BOcher mit der 
grössten Ernsthaftigkeit aus den Händen reissen, wenn sie ihr GemQt 
durch die darin enthaltenen tröstlichen Lehren verbessern wollen, 
welches aber nicht eine geringe Tborheit ist. Die ganze Glückseligkeit 
besteht einzig und allein darin wohlerzogen zu sein. 

Charakteristisch ist überall die Mischung von gediegenem und 
tüchtigem Wollen mit den allmächtigen, alles beherrschenden 
Standesvorurteilen tmd der Ehrfurcht vor den äusseren Formen 
der standesgemässen Lebensführung. 

Nicht allein theoretisch, sondern auch praktisch traten die 
Anhänger der Sprachgesellschaften filr die Hebung der Frauen- 
bildung ein. Nach dem Vorgang des Palmenordens, der die erste Frau 
in seinen Kreis aufnahm, rechneten auch die andern Gesellschaften 
gelehrte Frauen und Dichterinnen gern zu ihren Mi^liedem, ja, 
der kaiserliche Pfalzgraf Floridan Betulius machte von dem mit 
seiner Würde verbundenen Recht zu gunsten der Frauen Gebrauch 
und krönte eine der Pq;nitzschäferinnen, Gertraud Mollerin, 
zur Dichterin. 



I) Christian Frans PaallinL Hoch und Wohl folahrtes Tentaches Fi 
a. AaS. 1704. 

*) Johann Caapar EbertL ErOffiietaa Cabinet des felehrtea Franrnfimmcrs, 
darinnon die barOhateaten dicsaa Gaachlechts ombstaendlich Torgaatdlet werdan. Z7Q& 

*) Johann Gerhard Manachan. Courioaa SchaabOhna durrhlanrhrifster 
bclcfartar Denan als Ksiiir Konif- Chor- und FOrstinnan, anch anderer hoher dnrdi- 
Isnchtigster Seelen ans Aaia, Afnca und Eoropa, T orifer und iaifer Zeit, allen hohen 
PerMwen sn aonderbarcr GcmathaerfOtnmf feöffiset. 

Lehma. Teatachlanda galante Poetinnen. Leipsig 27x5. VfL Ober dieae Schriften 
A. ▼. Hanatein a. a. O. S. 99fll 



- 48 - 

Auf die Mädchenerziehung der höheren Stande konnte der 
Zeitgeschmack um so leichter Einfluss gewinnen, als sie durch- 
aus Privat- und Familienendehung und als solche durch keinerlei 
allgemeine Normen gebunden war. Der Hofineister und die 
französische Demoiselle beginnen als Erzieher der Kinder »«adligen 
und vornehmen Standes" eine Rolle zu spielen, |Und die französische 
Sitte, die Kindererziehung als eine Sache der Bedienten anzusehen 
— und als Bediente höheren Grades^ galten sowohl mAimliche als 
weibliche Hauslehrer — begann auch in den fährenden Kreisen 
des deutschen Volkes das Familienleben zu zerrcissen. 

In dieser Zeit wurde F^nelons berühmter Traitd sur l'£duca- 
tion des FillesO in Deutschland bekannt, ein Buch, das z. T. ge- 
eignet war, die herrschenden Anschauungen über die Mädchen- 
bildung zu stützen und zu systematisieren, z. T. sie auf eine ge- 
sundere Basis zu stellen, jedenfalls aber ab das erste ausgeführte 
Erziehungsprogramm, das dem neuen Bedürfiiissen entg^enkam, 
seines Erfolges sicher war. Schon Lehms hat wohl unter 
dem Einfluss der Fdnelon'schen Gedanken gestanden. Freilich ist 
es in Deutschland nicht die feine Psychologie, auf die sich F^nelons 
Methodik des weiblichen Unterrichts gründet, die seiner Abhandlung 
ihren Einfluss sichert, sondern mehr seine aus der Philosophie 
des Descartes*) abgeleiteten allgemeinen Prinzipien imd seine 
praktischen Vorschläge. Als wissenswert für das Mädchen er- 
scheint ihm ausser der Muttersprache, die zu klarem und fliessen- 
dem Ausdruck gebildet werden muss, soviel Rechnen und Gesetzes- 
kunde, als die spätere eventuell selbständige Stellung der vor- 
nehmen Frau erfordert, vor allem aber religiöse und historische 
Stoffe. Der Geschichte imd zwar der vaterländischen sowie der. 
griechischen und römischen legt er einen besonders hohen Bildungs- 
wert bei, ebenso der Kunst, der Dichtung, der Musik, der Malerei 
Die Erziehung der Mädchen wünscht er im Eltemhause vollzogen 
zu sehen durch besonders — und zwar durch Fürsorge von Staat 
und Gemeinden — ausgebildete Erzieherinnen, die an eine genaue 
pädagogische Instruktion zu binden seien. 

F^nelons Vorschläge knüpfen eng an die verschiedenen in 
Deutschland herrschenden Zeitgedanken zur weiblichen Er- 



>) VgL duo P. Roaticlot. Vtdaaoion des fenunet en Frmnce. Paris 1889. L Wych- 
fram. Das weiblaefae Unterriditswesen in FraakreidL Leipzig z886b E. ▼. Sali wo rk. 
Fteeloo mid die Litteratiir dar wcibHdie& BOdimc in Fraakretch. Lanfcssala x866 (eothAlt 
«iae O b e iseuu ny der Ftoeloa'adien Sduift). 

*) VfL darober ▼. Sallwttrk a. a. O. S. 



— 49 — 

Ziehung an. Die Vermittlung praktischer Kenntnisse, der Reallen, 
hatte schon der Gothaische Schulmethodus der Mädchenschule zur 
Pflicht gemacht, die Betonung des Ästhetischen entsprach ganz 
dem Geschmack der vornehmen Gesellschaft, der Hinweis auf die 
Geschichte dem allgemein erwachten Drang nach stoflflichem 
Wissen. 

Ihr Interpret flQr Deutschland wird August Hermann 
Francke. Im Jahre 1698 liess er eine Obersetzung des Trait^ sur 
l'fducation des Filles erscheinen, die er selbst mit einem Vor- 
wort versah.*) Darin spricht Francke es aus, warum er sich von 
Fdnelons Traktat besonderen Einfluss auf die deutsche Erziehung 
versprach: Er besass die Autorität des fi-anzösischen Namens und 
war damit mehr als alle anderen gutgemeinten Worte geeignet, 
gerade dem auf firanzösischen Einfluss zurückzufllhrenden Unwesen 
der seichten, oberflächlichen Demoiselle-Endehung entgegen zu 
wirken. 

An solche Reform der Mädchenerziehung höherer Stände 
legte Francke nun auch praktisch die Hand. Auch hier folgt er 
französischem Muster: er versucht, die eben aufblohende Anstalt 
der Frau von Maintenon von St Cyr auf deutschem Boden nach- 
zubilden. Dass er dabei vielleicht auch einer Anregung Secken- 
dorffs folgte, ist schon angedeutet Das liegt um so näher, als 
die Bestrebungen des Herzogs von Gotha auch auf andrem Gebiet 
fOr ihn vorbildlich gewesen sind (vgl die 1697 erlassene Be- 
stimmung über die Realien). So entsteht in Verbindung mit den 
Francke'schen Stifhmgen in Halle die erste höhere Mädchen- 
schule in Deutschland, das sogenannte Gynaeceum. Ober die 
Gestaltung des Unterrichts und der Erziehung in dieser Anstalt 
ist aus den darüber vorhandenen Nachrichten nicht viel zu er- 
fahren.*) Aus der Hausordnung, die erhalten ist, geht hervor, 
dass man sich den Anforderungen der Zeit an eine vornehme 
Standeserziehung durchaus anpasste und den Ansprüchen der 
t,f&mehmen Leute*' alle Konzessionen zu machen bereit war. Der 
^Xehricörper*' bestand — idealiter — aus einer Pfarrwitwe filr 
die Haushaltung, einer französischen Demoiselle zur Aufsicht, Unter- 



I) Voo der Erriehnng dv Toditcr: doreh den Hau Abt Ton Ftfaeloa, Jet» Ertz- 
Bitcfaoff Ton Cunmerieh. HeDe 169B. 

<) Abfcdnickt inA.H.Fraacke't pidegogisdiea Sdiriftea. Hrsff.^FaiD. G-Kraaer. 
LasfCBMla 1876. &88ff. 

*) VgLFraDcket pidafogisdM Schriften. S.509ff. Die Han a or dnun y far die^Anetalt 
i^ Herren Standes, edelich e und, aoost fiiracfaaer Leute Tochter*. 

Handbach der Fraaenbewe^ttas» ^ "^^ 4 



— so — 

Weisung in der französischen Sprache, Anführung zur guten 
Manier mit Leuten umzugehen, ebenso einer Französin zur Erlernung 
feiner weiblicher Handarbeiten, dazu kommen „verständige Informa- 
tores" fflr Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion, die auch ver- 
pflichtet sind, die Madchen, wenn sie danach begehren, in Griechisch 
und Hebräisch als „den Grundsprachen Altes und Neues Testaments*' 
und auch in „allerhand nützlichen KOnsten und Wissenschaften" 
zu unterweisen imd „an guter methodischer Anweisung nichts zu 
verabsäumen". Der Unterricht ist von den Informatoren in An- 
wesenheit der Leiterinnen als Aufsichtsdamen zu er- 
teilen. 

Was von den Absichten Franckes bei Gründung der Anstalt 
späterhin verwirklicht worden ist, ist aus den vorhandenen Ur- 
kunden nicht zu entnehmen. Francke selbst äussert sich zuweilen 
befriedigt über die dort erzielten Resultate, besonders über die 
Thätigkdt der Französin Louise Charbonnet, die im Jahre 1708 
die Anstalt selbständig übernahm und ihr eine veränderte Gestalt 
gab. Aber auch in dieser neuen Form glückte der Versuch, 
wie es scheint, nicht ganz. Die Anstalt erfuhr noch mehrere 
Wandlungen; bei Franckes Tode hatte sie nur 8 Schülerinnen; 
nach Mlle. Charbonnet's Tode ging sie bald aus Mangel an Be- 
teiligung ein.^) 

Trotzdem dieser erste Versuch, die seit Aufhebung der Nonnen- 
klöster auf protestantischem Gebiet ganz aui^egebene Intemats- 
erziehung vornehmer Mädchen wieder einzuführen, missglückte, 
tauchte diese Erziehungsform nun doch allerorten wieder auf und 
verbreitete sich schneU. Eine der Anstalten, die in unmittel- 
baren Zusammenhang mit Franckes Ideen zu bringen ist, ist das 
Magdalenenstift zu Altenburg, eine 1705 in pietistischem Sinne 
begründete Standesschule für adelige Mädchen, deren Stifterin 
die bekannte Grossmutter Zinzendorfs war, Henriette von 
Ger.sdorff 

Im übrigen hat der Pietismus in seiner weiteren Entwicklung 
auf die Mädchenbildung in den höheren Ständen eher hemmend als 
fördernd gewirkt Die pietistischen Pädagogen, z.B. LA.Bengel 
und Flattich, waren, gerade im Gegensatz zur Aufklärung, die 
entschiedensten Gegner einer höheren Frauenbildung. Nach Bengel 
hatte die Erziehung der Mädchen nur dafür zu sorgen, sie „vor 
Fürwitz und Löffelei'' zu bewahren. „Ich habe" so sagt er „meine 

1) Nlherct dunber bei Wyehfram in Schmids Geschichte der Eniehong V, a. 
ench bei Rraaer. 



— 51 — 

Töchter im Leiblichen und Geistlichen nicht begehrt, raffiniert zu 
machen. Sie sind so in der Einfalt nach der Weise der 
Patriarchen aufgezogen und eben damit vor Galanterien, Romanen 
und anderem FOrwitz bewahrt worden. Was noch fehlet, kann 
ein Maritus selbst erstatten und sie gewöhnen, wie er sie haben 
will." Ähnlich denkt auch Flattich.0 

Um so entschiedener aber setzt in der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts die Aufklänrng mit ihren Bemühungen für die 
Frauenbildung ein. Sie erhebt zugleich Einspruch gegen das land- 
läufige, nach firanzöschem Muster gebildete gesellschaftliche Frauen- 
ideal, das die Anakreontik um dieselbe Zeit aufiiahm und in ihrer 
Weise mit neuen Farben ausschmückte, gegen das kokette Roccocco- 
figürchen« die «Jebendige Puppe (Qr die Männer," wie Gleim 
sie scherzend preist 

Im Jahre 1825 gründet der jimge Gottsched „die vernünftigen 
Tadlerinnen," eine Zeitschrift, die ausdrücklich dazu bestimmt war, 
dem überall erwachten Bedürfnis nach erweiterter Frauenbildung 
zum Organ zu werden, es noch mehr zu wecken und ihm noch 
bestimmtere Ziele zu geben. Eine ganze Anzahl der um diese Zeit 
wie die Pilze nach dem Regen aufschiessenden moralischen 
Wochenschriften stellen sich auf seine Seite.*) 

Sieht man von dem an sich albernen, für uns vollends ganz 
ungeniessbaren Beiwerk ab, mit dem sie ihre Lehren schmackhaft 
zu machen suchten, so vertreten die „vernünftigen Tadlerinnen" 
durchaus gesunde Grundsätze: Die Unwissenheit der Frauen ist 
nicht nur einer aufgeklärten Zeit unwürdig, sondern auch an sich 
beklagenswert und eine der Hauptursachen all ihrer Fehler, ihrer 
mangelhaften Leistungen in Haushalt Familie und Kindererziehung. 
Besonders ihre Pflichten als Mutter kann die Frau „ohne ein 
gutes Einsehen in die Vernunft und die Sittenlehre" und mancherlei 
andere Kenntnisse gar nicht erfüllen. Im Interesse des „gemeinen 
Wesens" ist daher eine bessere Frauenbildung unbedingt 
wünschenswert Sie müsste vor allem einen gründlichen Unterricht 
in der Orthographie, Grammatik und Stilistik der Muttersprache, 
in zweiter Linie die Kenntnis des Französischen, auch einiges aus 
der Geographie und Geschichte, dazu Schreiben und Rechnen um- 
fassen, vor allem aber eine gründliche Unterweisung in der 
Glaubens-, Vernunft- und Tugendlehre. Dazu könnten die Mädchen 

I) VgL ober bdde Sehmid a. a. O. Bd. m s. 

*) VfL daso Oskar Lehmann. Die dentsdsen isoraUtcfaen Wochtntchriftan des 
xS. Jahrhunderts als pidafOfische Refonaschriften. Lcipsif 1893. 

4» 



— so- 
wohl unbeschadet ihrer häuslichen Pflichten bis zum zwölften 
Jahre täglich 3 bis 4 Stunden zur Schule gehen.') 

Geistig hervorragenden Frauen will Gottsched Qberdies aber 
Zugang zu einem eigentlichen wissenschaftlichen Studium ver- 
schaffen; er schlägt zu diesem Zweck die Errichtung von be- 
sonderen Frauen-Akademien vor, die auch von anderen moralischen 
Zeitschriften, so von dem »Hamburger Patriot*' empft)hlen werden. 

In unzähligen Variationen, immer aber getränkt von dem 
rationalistischen Gedanken der BegrOndung aller persönlichen 
Werte auf Einsicht und Erkenntnis, ziehen sich diese Pläne durch 
die Gottschedischen Zeitschriften. Oberall wecken sie die Er- 
örterung derselben Probleme. 

Es ist ein den deutschen Wochenschriften ganz eigentOmlicher 
Zug, dieses plötzlich erwachte imd sich schnell verbreitende 
Interesse für Frauenbildung, besonders aufiaUend, wenn man be- 
denkt, wie die englischen Wochenschriften, denen die deutschen 
doch nachgebildet waren, die Verfechterin höherer Frauenbüdung, 
Maiy Astell, verhöhnten.') 

Wie standen die Frauen selbst diesen Unternehmungen zu 
ihrem Besten gegenüber? Was wir darüber wissen, betrifft natür- 
lich immer nur einzelne hervorragendere Vertreterinnen ihres Ge- 
schlechts, wenn man auch vielleicht annehmen darf, dass auch das 
Gros der Frauen nicht ganz unberührt von den neuen Gedanken blieb. 
Den charakteristischsten Ausdruck fand der Frauenanteil an dieser 
ganzen Bewegung bei Mariane von Ziegler, deren Name auch 
genannt zu werden verdient als der der ersten deutschen Frau, 
die mit einer akademischen Würde bekleidet wurde. Freilich mit 
einer, die schon ein bisschen heruntergekommen war. Auf Gott- 
scheds Anraten, der mit Protektor-Freude sich bemühte, jedes neu 
entdeckte weibliche „Genie** auch zu Ehren kommen zu lassen, ver- 
lieh ihr die philosophische Fakultät von Wittenberg als dem her- 
vorragenden weiblichen Mi^liede der deutschen Sprachgesellschaft 
in Leipzig die laurea poetica. 

In ihren „moralischen und vermischten Sendschreiben** gewinnt 
der Bildungsdrang, den die Zieglerin ftlr ihr Geschlecht geltend 
macht, schon eine stark frauenrechtlerische Nuance, so sehr sie 
dann auch immer wieder, vor allem in ihrer Antrittsrede in der 



I) Vernttnltire Tadlenniiea. L 03. Stock. 

^ VfL Hudbnch der Fnuaenbewegimf . Bd. L S. 030. Zu dem fauen Abschnitt Tg L 
«ach a.a.O. S.6L 



— 53 — 

deutschen Gesellschaft, *) versichert, dass sie gar nicht daran denke, 
dem Mann seinen Vorrang streitig zu machen. „Die Schwierig- 
keit, so man ihnen hierinnen machen will,*' schreibt sie an eine 
Freundin, deren Tochter Lust zur Wissenschaft hat, „rOhret wohl 
am meisten von dem mannlichen Geschlechte her, dieses will 
immer etwas besonderes vor sich alleine behalten, und siehet es 
gar nicht gerne, wann ihnen das Weibliche Geschlechte nach- 
klettern will/") 

Noch andere haben nach ihr „die harten und rauhen Stufen 
von Minervas Heiligtum" bestiegen, deren Namen hier nicht 
alle zu nennen sind.^ Zu einer Promotion brachten es in der 
Folge noch zwei Frauen: im Jahre 1754 promovierte nach privaten 
Studien bei ihrem Vater und auf besondere Verwendung 
Friedrichs IL Dorothea Erzleben geb. Leporin an der 
nischen Fakultät der Universität Halle. Auch sie war in eber 
Abhandlung, die 174a zuerst und 1749 in zweiter Auflage erschien, 
fOr die wissenschaftliche Gleichberechtigung ihres Geschlechts ein- 
getreten.^) X787 verlieh die philosophische Fakultät von Göttingen 
die Magisterwflrde an Dorothea Schlözer, die Tochter des 
bekannten Göttinger Professors.*) 

Freilich bedeutet die Zulassimg der Frauen zu diesen Graden 
durchaus nicht etwa die Eröflbung der Hörsäle; man hätte es 
sicherlich höchst unschicklich gefunden, wenn eine der promo- 
vierten Frauen mit diesem Ansinnen gekommen wäre. 

Ein Symptom dafür, dass die Bildungsbestrebungen von der 
Menge der Frauen aufgenommen wurden, ist das Auftauchen 
populär-wissenschaftlicher Bücher, eine Litteratur-Gattung, die 
dieser Zeit ihre Entstehung verdankt Wir finden sogar unter den 
ersten Erzeugnissen auf diesem Gebiet einen Frauennamen, und 
zwar wieder ebe Ziegler. 1751 erschien „Weltweisheit fOr das 
Frauenzimmer'' und später „Grundrias der natürlichen Historie und 



I) Christianen Mariancn Ton Zin^lcr fnbohrcnen Romanos Vcnüs^ctn SdviAan 
in ylwiiMifncr nno nuyeotnirtfHf r Rsdn* 17 3^ S* sk bl 

>) Christianen Marianen von Ziefler Slorüische und Temischte Sendschreiben. 
Leipsif X73X. S. 5C 

*) VgL daso Steinhaasen. Das fciehrte Franensimmer. NordnndSfid. 1895. Bd. 73* 

4) Grttndhche Untersncfaunc der Ursachen, die das weibliche Geschlecht tooi Studieren 
sbhshen, dsrhi deren Unerh^lichkeit geseiget. und wie nAtif und nfitxlich es sei, dass 
dieses Ge sd ü ec h t der Gdahrtheit sich befleissife, umstindlidi dargeleft wird. VgL 
A. T. Hanstein a. a. O. S. 174. 

^ Einen mediiinischen Grad honoris causa TcrHeh die U ni ve r s itä t Giessen der 
Regina Josephe Ton Siebold und splter auch ihrer Tochter, die beide als Geb«ts> 



— 54 — 

eigentlichen Naturlehre," von Charlotte Ziegler. In der 
zweiten Hälfte des Jahrhunderts bringt fiast jedes Jahr ein popu- 
läres Buch ^für das Frauenzimmer** aus irgend einem wissen- 
schaftlichen Gebiet Das bahnbrechende imd vorbildliche 
Werk ist wieder ein französisches» die 1727 erschienenen ,^tre- 
tiens*' des Fontenelle, die Gottsched als eine willkommene Unter- 
stützung seiner Bestrebungen begrOsst und selbst Qbersetzt 
hatte. 1) 

Eine Generation trennt Charlotte Ziegler von der Zieglerin 
Gottscheds. Diese Generation hatte das ^gelehrte Frauenzimmer ** 
aus der Mode gebracht Charlotte Ziegler ist ' nichts fataler als 
der Ruf einer Gelehrten. Sie versichert ausdrOcklich, dass sie 
kein Latein verstünde und sich die Baumgartensche Metaphysik 
habe übersetzen lassen müssen, um sie zu benutzen. In ihren 
abgeschmackten Scherzen, in die sie ihre wissenschaftlichen 
Deduktionen zuweilen auslaufen lässt, zeigt sich deutlich der Ein- 
fluss Gleims und der AnakreontiL 

Dieser Obergang bereitet die Frau der auf litterarischem 
Gebiet tonangebenden Kreise vor auf die Aufnahme Rousseaus, 
dessen Einfluss das Mädchenbildimgswesen in der zweiten Hälfte 
des Jahrhunderts ganz beherrscht 

Rousseaus Emile erschien 1762. Der Genfer Prophet hatte 
schon eine Gemeinde in Deutschland. Man weinte schon über 
die Herzenstragödie der Julie, und in der durch Geliert und die 
Engländer, durch Klopstock und den Hainbund zur Rührung 
gestinunten deutschen Gesellschaft begann schon das neue Evan- 
gelium des Herzens den lange zurückgedämmten Strom schöner, 
tugendhafter Gefühle zu hinreissender Kraft und Fülle zu ent- 
fesseln. 

Als Mittel, eine glücklichere Generation aus der beklemmenden 
Enge einer einseitig nüchternen Kultur hinaus zu führen auf die 
grünen Wiesen harmonischer Ursprünglichkeit, ergrifi der politisch 
passive, philosophisch empfängliche Deutsche die Ezziehung. 
Durch den £mile gewannen die pädagogischen Tendenzen, die 
schon im Früh-Rationalismus lagen, einen neuen, bedeutungs- 
schweren Inhalt und eine neue Oberzeugungskraft Und mit 



>) Von seiBen Nachfolfcn aeien aar faumat: Lconhard Euler, Lcttrci k uae 
PriDcesse d'AUeiiuifne tur quelques ai^ets de Phjrsique et de Philosophie 1770— 74, 3 toI. 
das in mehreren Auflagen fraazOaidi und dcntach erschienen iat. — Raoaaeadorf. 
Lateiniache Granunatak fOr FranesaiBimer. X764. » Atze. Naturlehre ihr Frauenammer, 
X78a — Hochheimer. Chemiache Briefe an ein FrauenzLsmer. 1 79 5 —9^ n. a. w. 



— 55 — 

welch gläubigen Gefühlen musste der weibliche Teil der Gemeinde 
Rousseaus Orakel Ober die Erziehung der Frau en^egennehmen, 
die Lehren des Dichters der neuen Heloise! Und was lehrte er? 
Die Bestimmung der Frau geht auf in ihrer Beziehung zum 
Mann; sie ist glQcklich nur dadurch, dass und insofern als sieden 
Mann glQcklich macht [Und so ist in ihrer Erziehung diese 
Relativität ihres ganzen Lebens zum Ausgangspunkt zu machen: 
>la femme est faite sp^dalement pour plaire ä l'homme. (£mile 
5. Buch § 8.) Ihre Tugenden sind bedingt durch ihre natürliche 
Abhängigkeit Sanftmut ist ihre erste wesentliche Eigenschaft. 
^Geboren zum Gehorsam g^en ein so unvollkommenes, oft so 
lasterhaftes und immer so fehlervolles Wesen, wie der Mann, 
muss sie firühzeitig selbst Ungerechtigkeit zu leiden und die Ver- 
kehrtheiten eines Gemahls zu ertragen lernen, ohne sich zu 
beklagen." Das ihr von der Natur verliehene Mittel, sich von 
der Sklavin zur Gefährtin des Mannes zu erheben, ist die List 
Weil sie mit ihrem Sein und ihrem Glück nicht von sich selbst 
abhängt, muss sie dazu erzogen werden, ihr Verhalten nicht nur 
nach einer selbstgesetzten sittlichen Norm« sondern vor allem nach 
dem Urteil der Umgebung einzurichten. Wie sie sittlich ab- 
hängig ist, so darf sie auch nicht geistig selbständig sein, oder 
werden wollen. Ihre religiöse Oberzeugung muss sie der 
Autorität unterwerfen. ^Jedes Mädchen muss die Religion seiner 
Mutter, jede Frau die ihres Mannes haben" (§ 75} auch wenn es 
eine ünlsche wäre. Was sie an geistiger Arbeit zu leisten hat, ist 
nur die Verwendung und Ausprägung der Geisteserzeugnisse des 
Mannes: 

i,Die Erforschung abstrakter und spekulativer Grundwahrheiten, 
wissenschaftlicher Lehrsätze, alles dessen Oberhaupt, was auf die Ver- 
allgemeinerung der Begriffe zielt, gehört nicht in das Fach der 
Frauen; ihre Bestrebungen mOssen sich alle auf das praktische Leben 
richten; ihnen steht die Anwendung der Grundsätze zu, welche die 
lifSnner gefunden haben; ihnen steht es zu, die Beobachtungen zu 
machen, welche den Mann zur Aufstellung der Grundsätze fähren. 
Aüe Gedanken der Frauen, insoweit sie nicht unmittelbar mit ihren 
Pflichten zusammenhängen, müssen sich darauf beziehen, die Männer 
zu erforschen, oder sich mit den angenehmen Kenntnissen befassen, 
welche nur den Geschmack betreffen.**) 



>) Die Otate liiid nach: J. J. RousMan. Übtnetit imd criintcrt Ton £• Ton S all* 
wttrk. n. Bd. Lanfenaalza x8B3i 
I) A. a. O. S. flS7. 



_ S6 - 

Rousseau würde es übrigens ^aucb nicht gerade tadebi, wenn 
man eine Frau nur auf die Arbeiten ihres Geschlechts beschränkte 
und in bezug auf alles übrige in gänzlicher Unwissenheit 
Hesse« (§ 94).') 

Um zu erkennen, wie Rousseau auf die Mädchenerziehung in 
Deutschland wirkte, muss man sich vergegenwärtigen, dass neben 
seinen neuen Gedanken die alte, bei Gottsched einsetzende 
Strömung natürlich noch fortwirkt, dass ausserdem das überall 
im höheren Bürgerstand empfundene Bedürfnis, die Mädchen 
mehr in den geistigen Austausch hineinzuziehen, nicht w^ zu 
theoretisieren war. So erkennen wir den Einfluss Rousseaus 
weniger in einer strikten Übernahme seines Unterrichtsprogramms 
im einzelnen, als in der Anwendung seiner Prinzipien. 

JedenfSalls aber macht er in weitestem Masse die Mädchen- 
erziehung zu einer ^Frage«, an deren Lösung Berufene und Un- 
berufene nun eifrig b^;innen sich zu mühen. Und es ist seltsam 
— in bezug auf sein Frauenideal stimmen auch Rousseau *s ent- 
schiedenste Gegner mehr oder weniger rückhaltlos zu. Brandes 
in seinen pedantischen, formvollen ^Betrachtungen über das weib- 
liche Geschlecht und dessen Ausbildung in dem geselligen 
Leben«*) schliesst sich Rousseau's Gedanken über Bestimmung 
und Erziehung der Frau vollkommen an, während er sich im 
übrigen ^von dem Unwert seiner Ideen« überzeugt hat Ja, der 
Verfasser des ^Anti-Aemil«, Formey*) b^innt seine Glossen zur 
Sophie mit den Worten ^Dieses Gexnälde ist nicht so himgespinst- 
mässig, als das Gemälde des Aemil«, imd hat nur geringe Ein- 
wände. 

Die meisten deutschen Pädagogen aber haben Rousseaus 
ySophie« ganz widerspruchslos angenonmien, ja, sie sind dadurch, 
dass sie seine psychologischen Grundgedanken vergröberten, 
zum Ten noch über ihn hinausgegangen. Das gilt von seinem 
einflussreichsten Interpreten: Basedow. In dem Vm. Abschnitt 
des Methodenbuchs: ^von einer unterschiedenen Erziehung der 
Söhne und Töchter« übernimmt Basedow die Grundgedanken der 
ySophie« wörtlich, als Qtate. Seine eigenen Ausführungen dazu 



X) A. A. O. S. asa. 

f) Haimover xBoa. 

S) Anti-Aemil, Durch dea Herrn Formej. Nftcfa der swotcn ▼«nBehrtco Aaflafe 
am dem FraazAnschea Oberaeot Beriin 1763 (Fonney war fibrifens ein in Dentacfalaad 
einfeb tti y ert er Fraasoae). Er adicint der cindfa, der in Demaddand auf die nahen 
Benehnnfen Ronaaeana sa F^aeloo hxnfewicaen hat 



— 57 — 

sind um einen Grad flacher. i^Ein Mädchen wird fast niemals in 
den Stand der Unabhängigkeit kommen. Daher muss es von 
Jugend auf gewöhnt werden, keine Zusage von irgend einer 
Wichtigkeit zu geben, ohne diejenigen, von denen es abhängt 
vorher zu fragen':*) so weit war Rousseau nicht gegangen. Auf 
die Notwendigkeit körperlicher Ausbildung und Abhärtung legt 
Basedow ein geringeres Gewicht als Rousseau. Seiner Ansicht 
nach findet diese Ausbildung ihre Grenze in der der weiblichen 
Natur anstehenden Schwäche. ^So wird man in der Art der 
Erziehung zuweilen sorgfältiger fOr die Beförderung weiblicher 
Reize, als eines entbehrlichen Grades der Leibeskräfte sein 
dOrfen.' *) Die konsequente Anwendung Roiisseau'scher Prinzipen 
finden wir in den positiven Vorschlägen Basedow's zum Mädchen- 
unterricht Überall so viel Fertigkeit dass die Unfähigkeit nicht 
störend aufßült aber nichts, was zur geistigen Selbständigkeit 
oder gar zur Produktivität führen könnte; Lesen und Schreiben, 
Deutsch und Französich, muss «zu regelmässiger Richtigkeit des 
Ausdrucks' oder so weit »dass der Anblick keinen Ekel ver- 
ursache' gelehrt werden, i^einige Obung im Rechnen und im buch- 
halterischen Anschreiben' und die nötigen Kenntnisse «in der 
natOrlichen Religion und Sittenlehre' *) sollen durch den Unterricht 
vermittelt werden. «Von der Geschichte, Geographie, Mythologie, 
Kenntnis der Altertümer, Naturkunde und einigen philosophischen 
Erkenntnissen bedürfen die Mädchen, wenn nur die Mütter und 
Aufseherinnen oft auf eine lehrreiche Art sich mit ihnen zu unter- 
reden gewohnt sind, gewiss keines weitläufigeren Unterrichts, als 
derjenige ist welchen ich in dem Elementarwerke und der Fort- 
setzung desselben teils veranlasst habe, teils veranlassen werde. '^) 
Auch von Musik, Singen, Tanzen und Zeichnen soll das Mädchen 
so viel verstehen, „um den zufiBJligen Beurteüem keinen Ekel zu 
erwecken.' 

Mit erstaunlicher Unwandelbarkeit kehren diese Gedanken in 
den immer zahlreicher werdenden Schriften zur weiblichen Er- 
ziehung in den siebziger und achtziger Jahren, bei grossen und 
kleinen Geistern, wieder. Zu geradezu grotesken Konsequenzen 
gef&hrt sind sie in Campes «väterlichem Rat an seine Tochtö^, der 



MtdMdwbodL la Basedows ausgewihltaiSchiifta, brsf^TooOr.HafoCöriBf. 
LsbccdsaIza z8B0. S. tSo. 
I) A. s. O. S. 17& 
S)S.xtei: 
^ A. s. O. S.z8!^ 



- 58 - 

das Weib „schwach, klein, zart, empfindlich, furchtsam, klein- 
geistisch", den Mann dagegen «stark, fest, kühn, ausdauernd, hehr 
und kraftvoll an Leib und Seele'' ^) haben will, oder in populären 
Abhandlungen des „Magazins fOr Frauenzimmer'', wo es heisst, 
dass man Mädchen, imi sie an die ihnen notwendige Sanftmut zu 
gewöhnen, keine Genugthuung erlittenen Unrechts geben solle, 
wenn sie unschuldig mit Knaben in Streit gerieten.*) Dieselbe 
Grundtendenz philosophisch S3rstematisiert und in feineren Zügen 
und vornehmerer sittlicher Auffassung ausgefohrt zeigen Kants 
„Beobachtungen über das Geitlhl des Schönen und Erhabenen' 
(Riga X771). Da finden wir die grossen prinzipiellen Gegensätze 
des Schönen imd des Erhabenen auf die Bestimmung der Ge- 
schlechter angewandt und dem Weibe den schönen, dem Manne 
den tiefen Verstand, dem Weibe das Empfinden, dem Manne das 
Vernünfteln als Agens der geistigen Bethätigung zugesprochen. 
Auf die Erregung und Pütgtt des Gefühls ziele deshalb der Unter- 
richt der Frau vor allem ab: „Von dem Weltgebäude werden 
sie nichts mehr zu kennen nötig haben, als nötig ist, den Anblick 
des Himmels an einem schönen Abende ihnen rührend zu machen, 
wenn sie einigermassen begriffen haben, dass noch mehr Welten 
imd daselbst noch mehr schöne Geschöpfe anzutreffen seyn.***) 

Aus dem ganzen Komplex litterarischer und kultureller 
Strömungen, die auf Rousseau zurückzuführen sind, lassen sich 
zwei Hauptelemente herauslösen. Das eine giebt der seichten 
fi-anzösischen Salonkultur eine gefährliche Richtung auf eine un- 
gesunde Gefühlsüberspanntheit, das andere wirkt ihr entgegen als 
Prinzip des Primitiven, Ursprünglichen. Den verderblichen 
Charakter der Modeerziehung zur Zeit der „Empfindsamen*' 
geisselt der Auüsehen err^ende Roman „Julchen Grünthal, eine 
Pensionsgeschichte.'' ^) 

Es ist eigentümlich, wie in diesem Roman Rousseau gegen 
Rousseau ausgespielt wird. Die redliche Schlichtheit des Dtern- 
hauses steht der fiivolen Institutserziehung g^enüber ganz im 
Sinne des Rousseau'schen „revenons k la nature", aber zu dieser 
Institutsmisere gehört als gefährlichstes Element die moderne 



>) väterlicher lUt fOr meine Tochter. Ein Gefenstfick xnm Theophroa Der 
w nd ite nea weiblichen Jufcnd fewidmet vonJohannHeinrich Campe. l^enzTpa S. 19. 

«) Jhrf . XT^j. 

*) Von dem Untenchiede des Erhabenen and SchAnen in dem G e g e n ve rh iltniaae 
beider Geschlecfater, a. a. O. S. 47 fil 

4) Anonym erschienen Berlin r7a4. Die Verfasserin ist Friederike Helene Unf er. 
V^ dasu Hanstein a. a. O. Bd. IL S. sooC 



— 59 — 

Empfindsamkeit, deren typisches Erzeugnis, Rousseaus „neue 
Heloise*, der Heldin zum Verderben wird. Ein ähnliches Wider- 
spid dieser beiden Demente der Rousseau'schen Geisteswelt finden 
wir in Justus Moesers Erziehungsideen. Seine «gute selige Frau*, 
und seine i^allerliebste Braut*' sind als Gegenstücke nicht nur zu 
der koketten Salonpuppe, sondern auch zu der durch sentimen- 
tale Romane verdorbenenen modernen Schwärmerin gedacht 

Unternehmungen, um von all den Theorien etwas zu ver- 
wirklichen und dem wachsenden BedOrfhis entgegenzukonmien, 
sind immerhin bis zu den achtziger imd neunziger Jahren des 
Jahrhimderts noch sehr selten. Familienschulen, firanzösische In- 
stitute und Unterricht durch Hauslehrer und Eraeherinnen bleibt 
noch das tlbliche.O Aber der Gedanke an öffentliche Mädchen- 
erziehungsanstalten taucht um diese Zeit auf. Schon Basedow 
hatte den Plan gehabt, in Dessau ein ,JCatharineum" zu gründen. 
Ein Zeitgenosse bedauert, dass dieser Plan nicht zur Ausführung 
gebracht ist und in Deutschland nach wie vor nur schlechte In- 
stitute bestünden.*) 

Ganz zutreffend ist seine Behauptung nicht, denn hier imd 
da waren bereits Versuche zur Reform der Mädchenerziehung 
gemacht Sie schlössen sich teils der bestehenden Institutserziehung 
an, teils lehnten sie sich aber auch als eigentliche Schulen an 
das Vorbild der um diese Zeit entstehenden Knaben-Realschulen. 

Auf dem ersten Gebiet ist die £cole des Demoiselles des 
Herzogs Karl Eugen, eine Parallelanstalt zur Karlsschule, vor 
allem zu nennen. Sie war in vielem eine Nachahmung von 
St Cyr imd umfasste drei nach dem Stande der Schülerinnen 
gesonderte Abteilungen, die der Fräulein, d. h. der Kavaliers- 
tOchter, der Elevixmen, Mädchen bürgerlicher Herkunft, die aber 
durchweg denselben Unterricht genossen wie jene, und der 
Tänzerinnen, die für das Corps de Ballet des Herzogs ausgebildet 
und nebenher nur in den Elementarfächem, der Hauswirtschaft 
und der französischen und italienischen Sprache unterrichtet 
wurden. Für die andern beiden Abteilungen umfasste der Unter- 
richt Religion, Schreiben, Französisch, Italienisch, Rechnen, Geo- 
graphie, Physik, Haushaltungskimst, Zeichnen, Musik und Tanzen. 



<) Noch m Ende dci x& Jahrhundert» waren von dtn ca. 30 b a a i tran Bcrüntr 
privaten Mldcfaenad m len etwa die Hälfte in den Hinden von Fnnafttinnen md Franioten. 
Jedenfaüi haben aoch die Emifranten die echon im Rfickfang begriffene Einriehsonf 
wieder f^ioben. V^ Mflrkiarhe Forachnnfcn. DL S. mg^L 

I) Betrachtnnfen Ober Eniehnnf der Söhne und Töchter aua Erfahninf feaamaeU. 
HaQe ZTTpb 



— 6o — 

Die weitaus grOsste Stundenzahl fiQlt auf den bauswirtschaft- 
lichen Unterricht (la Std.)* Von den wissenschaftlichen Fächern 
stehen die fremden Sprachen mit 4 und 5 Wochenstunden voran« 
Musik wird 5 — 7 Stunden wöchentlich betrieben. Der wissen- 
schaftliche Unterricht wird von Professoren der Karlsschule 
erteilt Die Lehrerinnen müssen den Lektionen als Aufsichts- 
damen beiwohnen, aber i^sie dOrfen ja nicht die Stunden durch 
Selbstunterricht verderben*.*) 

Ähnlich wie die Stuttgarter £cole des demoiseUes, die Z787 
schon wieder aufgelöst wurde, war die von Mme. Lequier in 
Frankenthal gegründete Erziehungsanstalt organisiert In Strass- 
burg bestand eine von einem Mariegräflich Badischen Legations- 
rat Simon Z782 gegründete «Erziehungsanstalt für protestantische 
Frauenzimmer von Stande, unter dem Schutz des Magistrats von 
Strassburg''. Hier spüren wir schon deutlicher den Einfluss 
Rousseaus in der besonderen Sorgfalt der Körperpflege, in der 
Art, wie die Erziehung auf den Wunsch zu gefallen Rücksicht 
nimmt, und in dem starken Nachdruck, der auf die Erziehung zu 
den Aufgaben der Mutter gelegt wird. Auf der zweiten Stufe 
nämlich tritt zu den übrigen Unterrichtsfächern, die sich mit dem 
Lehrplan von Stuttgart decken, noch jpRechenschaft von der 
Behandlungsart kleiner Kinder^; ausserdem aber auch Geschichte 
imd ,JCenntnisae aus der Kunst* S die beide in Stuttgart fehlen.*) 
Auch hier wird der wissenschaftliche Unterricht von Lehrern, nur 
der hauswirtschaftliche von Lehrerinnen erteilt 

Ganz in der Weise, wie in diesen Internaten, gestaltet 
sich auch der höhere Mädchenunterricht in den Schulen, die man 
auch um diese Zeit zu gründen begann. Als eine der ersten An- 
stalten sei die «Jungfemschule'' genannt, die in Breslau auf 
städtische Kosten errichtet wurde und die Fächer umfasste, die 
wir schon in Stuttgart und Strassburg gefimden haben. Auch 
hier erteilten Lehrer imd zwar Professoren des Magdalenen- 
gymnasiums den wissenschaftlichen Unterricht Ein eigentliches 
iüassensystem hatten diese Anstalten alle noch nicht Sie um- 
fassen höchstens zwei Stufen. Ebenso unbestimmt bleibt das 



I) VgL duo Prof! L Merkle. Du KgL Katharinmttift m Stnttfart In den lüt- 
tobmgtti der GcaeUiduft Akr deutsche Eniehnnft- md Schulfeadücitte DL H. x. S. z £ 
— E. Salzmann. Nene BUtter ans Soddentachland Akr Erziehanf und Untcmcht. XV. 
Stnttfart z88& — ,Einf Stuttfarter Mtdchenachnle tot no Jahren.* Schwab. Merkur. 
16. Aprü zBga. — E. Vely. Eine Mtdchensdiule Im z& Jahrhundert, ^e Frau** 
Aufust zpoe. 

>) VfL den Plan in dem lilafazin für Frauenzimmer, x. Jhrf. S.456C, S56ff. 



— 6i — 

Alter der Aufnahme. Die £cole des dexnoiselles nahm die 
Mädchen im za. oder 13. Jahre auf. In Breslau wiu-den sie schon 
im 14. entlassen. Die ganze Veranstaltung hat mehr den 
Charakter einer früher oder später nach Belieben gesuchten Fort- 
bildung, als eines, einem bestimmten in sich abgeschlossenen System 
als Teil untergeordneten Unterrichts. Sehr stark tritt bei all diesen 
Schulen der Standescharakter hervor. Sie entstehen aus den 
BedOrfiaissen einer bestimmten Gesellschaftsklasse, und imter 
diesem Gesichtspunkt allein werden sie betrachtet 

In dieser Anschauung vollzieht sich um die Wende des Jahr- 
hunderts ein bemerkenswerter Wandel Der Sturmwind der 
französischen Revolution weckt auch den politisch interesselosen 
Deutschen zum Verständnis fOr die Sache der Allgemeinheit und 
ihre Entwicklung. Das Interesse an der Organisation der 
Schule innerhalb des gesamten Staatswesens, an der Erziehung 
als einer nationalen Aufgabe beginnt sich zu regen. Die päda- 
gogische Litteratur erörtert nicht mehr in erster Linie methodische 
Fragen; es erscheinen Entwürfe eines ^Systems der öffentlichen 
Erziehung*, der „Erziehung für den Staat". In Preussen wird in 
dem OberschulkoU^um 1787 eine Behörde zu einheitlicher 
Organisation des gesamten Schulwesens geschaffen. Dazu beginnt 
allmählich der Einfluss Pestalozzis in Deutschland lebendig zu 
werden. Es ist ungemein charakteristisch, dass der Präsident der 
Oberfinanzkammer von Württemberg Carl August von Wangen- 
heim aus Begeisterung für Pestalozzi eine kleine Mädchenschule 
begründete, in der er selbst seine Töchter und deren Freundinnen 
in Pestalozzischem Geiste unterrichtete. So sehr nahm ihn diese 
Thätigkeit in Anspruch, dass der König ihn bedeuten lassen 
musste, er habe einen Staatsmann und nicht einen Schulmeister 
berufen. Also auf die Mädchenschule im besonderen fielen 
Pestalozzis Gedanken wie ein Frühlingsregen, den überall schon 
im Keim vorhandenen Plänen und Wünschen ans Tageslicht 
helfend; und der Mädchenerziehung wird in all den „Systemen" 
und „Organisationen", die man ersann, eine wenn auch 
bescheidene, so doch gegen finher bedeutend gehobene Stelle 
gegeben. 

Es ist unmöglich, all der Schriften zu gedenken, die um die 
Jahrhundertwende zu diesen Fragen erschienen. Eine der firühesten, 
die diese politischen oder, wie man damals sagte, patriotischen 
GesichtspuxÜLte zur Geltung brachte, ist das zweibändige Buch 
von Johann Daniel Mensel: System der weiblichen Erziehung, 



— 62 — 

besonders far den mittlem und hohem Stand. (Halle 1787). Es 
ist ein ungeheuer subtil ausgestaltetes Gebäude, das der V^asser 
auffahrt, ein Wunder von Disposition, Umsicht und Pedanterie. Um- 
ständlich wird im ersten Teil die Notwendigkeit der weiblichen 
Erziehung gegen alle nur denkbaren Einwände verteidigt und 
positiv dargelegt, dann der Zweck der weiblichen Erziehung und 
die Mittel ihn zu erreichen behandelt und schliesslich ihr Nutzen 
nach einer langen Reihe von verschiedenen Gesichtspunkten er- 
wogen. Bezeichnend für den Obergang zu dem Gedanken einer 
nationalen Erziehung ist die Angabe des ^allgemeinen Zwecks' 
der Erziehung: Die Frau soll eine gute und glückliche Welt- 
bOrgerin werden. Als besonderer kommt dann ihre Bestimmung 
zur Gattin, Hauswirtin und Mutter hinzu. In der Ausführung 
seiner Gedanken ist der Einfluss Kantscher Anschauungen unver- 
kennbar. Als jpunentbehrlich" fOr die Erziehung der WeltbOrgerin er- 
langt er die Fächer, die wir in den schon erwähnten Unterrichts- 
anstalten auch finden. Daneben ordnet er noch Elemente einer 
umfassenderen Bildung in zwei Rubriken „weniger unentbehrliche, 
aber nützliche und angenehme Wissenschaften'' und „entbehrlichste 
und bloss vergnügende** Wissenschaften. Unter diesen finden 
wir Mathematik, bürgerliche Baukimst, Erfahrungsseelenkunde etc. 
In Bezug auf die äussere Organisation der Mädchenschule wünscht 
er die engste Verbindung mit den staatlichen Behörden, denen 
Gründung, Erhaltung und Aufsicht obli^en müsste. In gleichem 
Masse wie Lehrer wünscht er Lehrerinnen zum Unterricht heran- 
zuziehen, die berufsmässig auszubilden wären. — Das Ganze 
war so kompliziert, dass es für die Praxis gar keine Be- 
deutung gewinnen konnte, und nur als ein Beispiel für ^die in der 
Erörterung des Themas im Vordergrund stehenden Tendenzen 
und als erste umfassende jpMädchenschuIpädagogik' ein histo- 
risches Interesse hat 

Thatsächlich aber rückt die höhere Mädchenbildung im 
nächsten Jahrzehnt schon in den Gesichtskreis der staatlichen 
Behörden. In seinem weithin bekannten Grundriss der Staats- 
erziehungswissenschaft wies der Schulrat Stephani auf die 
Notwendigkeit einer höheren und einer niederen Kategorie von 
Mädchenschulen hin, in denen die in der Elementarschule er- 
worbene „allgemeine Menschen- und Bürgerbildung" erweitert und 
zugleich eine besondere Erziehung für den spezifischen weiblichen 



<) WeiMenfds 1797. 



- 63 - 

Pflichtenkreis gewährt werden solle. Die niedere Kategorie bildet die 
Tochter des Volks in einem dreijährigen Kursus in allen haus- 
wirtschaftlichen Fertigkeiten — entsprechend unserer modernen 
Fortbildungsschule — die höhere eribUt mutatis mutandis dieselbe 
Aufgabe an den Töchtern höherer und mittlerer Stände, die bis 
zum z8. Jahre diese Anstalten besuchen sollten.*) Besonderes 
Gewicht wird auf die Unterweisung in der Pflege des Kindes 
gelegt Hatte Hensel schon gegen die französische Lehrerin 
Protest erhoben, so lehnt Stephani das Französische prinzipiell 
Oberhaupt ab, und nur aus OpportunitätsgrOnden will er es 
zunächst noch beibehalten wissen. An die Mitarbeit von Lehre- 
rinnen denkt er nur hinsichtlieh der technischen Fächer, er 
wQnscht sie aber hier nicht nur um des Unterrichtsgegenstandes, 
sondern um des erzieherischen Einflusses willen, den sie in be- 
sonderer Weise üben können. Er denkt f&r dies Amt an Lehrer- 
und Pfarrwitwen, unversorgte Töchter von Staatsbeamten etc. 
Das Gehalt, das der Staat ihnen zahlt, brauchte nur auf Neben- 
erwerb berechnet zu sein — „vieUeicht reichen 25 Fl. oder Reichs- 
thaler hin." — 

Stephani hatte als Leiter des Schulwesens der Grafschaft 
Kastell und später des Rezatkreises Gelegenheit, auch praktisch 
fOr seine Gedanken einzutreten. Sein Buch regte den damaligen 
R^erungspräsidenten von Ponmiem, nachmaligen preussischen 
Staatsminister von Massow, den Nachfolger Wöllners, zu einem 
gleichen Entwurf an, der z8oo in den Gedikeschen Annalen des 
Preussischen Schul- und Kirchenwesens*) veröffentlicht wurde. 
Von der Mädchenschule heisst es darin:*) 

y Was in Ansehung der Schulen fOr das weibliche Geschlecht vor- 
geschlagen wird, verdient um so mehr, so viel es die Umstände irgend 
erlauben, benutzt zu werden, als der Staat sich bisher wenig oder gar 
nicht um dasjenige bekümmert nat, was zu der diesem Geschlecht 
eigentflmlichen Bildung beitragen könnte. — <— Man^wird also gleich- 
falls nur bei den Vorbereitungsoperationen zur dereinstigen Errichtung 
eines das ganze einer Provinz umfassenden Schul- und Erziehungs- 
systems diese wichtigen Punkte nicht vergessen, und vor der Hand, 
80 viel es sein kann, dahin sehen mflssen, dass die Töchter der ge- 

I) Syitsm der offentUchea Eniehimg JL AuE, S. x^ ff. 

1) Aaiuden des prensaiacheii Schul- imd EircfacuweseiM. Hcnw fef b ca tob 
D. Friedrich Gedlkc, KgL CbcriMiitistorial- und Obcrschiilnth. x. Bd. xSoo. 8. 76U 
IdMS zur VtfbesMmiif des Ofiditlichen Schul- und ErsidiBDfiwcteiii mkt bciondtrtr 
ROcksicht auf die Proviiis Pommera. Von Sr. EzccileBS dem Hern Stietwinirtcr 
Ton If atflow aniifetetst am Somacr 1797. 

S) S. asß. . 



- 64 - 

bfldeten Stflnde mehr Gelegenheit erhalten, sich in Öffentlichen In- 
stituten, die ihrem Beruf als Hauswirtinnen und Matter angemessenen 
und nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben. 

Massow denkt an Madchen-Parallelklassen sowohl in den von 
ihm erwähnten Landschulen und den städtischen Bflrgerschulen als 
auch in den fOr die „gesitteten Stande** einzurichtenden „Real- 
schulen/* — Besser noch wQrde es nach seinem Dafürhalten sein, 
ganz von den Knabenschulen gesonderte Anstalten fikr Madchen 
zu haben. Ein amtlicher Bericht der Pommerschen R^erung 
vertritt diese Gedanken schon ofiBzielL Da wird fikr alle Stadt- 
schulen Trennung der Geschlechter in den beiden oberen Klassen 
gefordert» damit die Madchen entsprechenden Unterricht in allen 
hauslichen Fertigkeiten durch eine Lehrerin erhalten. »Jn grossen 
Städten*' hdsst es dann, »»sind die Honoratioren wirklich wq;en 
des Unterrichts ihrer Töchter in Verlegenheit So wenig die 
kleinen als die grossen Schulen sind schickliche Unterrichts- 
anstalten f&r dergleichen Jugend weiblichen Geschlechts. Die 
Eltern müssen daher mit vielen Kosten sich mannlicher und zu- 
gleich weiblicher Privatlehrer bedienen. Daher würde an diesen 
Orten die Idee besonderer öffentlicher Töchterschulen am ersten 
zu realisieren sein.'*') 

Auch in einem Gutachten der westpreussischen Regierung, 
<las im zweiten Bande von Gedikes Annalen veröffentlicht ist, wird 
beklagt, dass für die Bildung des weiblichen Geschlechts, dem 
doch „die erste Bildung der Kinder, mit derselben das Glück 
einer ganzen Nachkonunenschaft, und hierdurch die Bestinunung 
des Nationalcharakters von der Natur anvertraut ist** so wenig 
gesorgt sei, eine Klage, die in ganz ahnlicher Form Stuve 1786 in 
einem Appell an den Staat und die Gemeinden: „Ober die Not- 
wendigkeit der Anlegung öffentlicher Töchterschulen für alle 
Stande"*) ausgesprochen hatte. 

Im Westen des Reichs erhebt Bemh. Chr. L. Natorp die- 
selbe Forderung*) und A. H. Niemeyer tritt in seinen Grund- 
sätzen der Erriehung und des Unterridits^) für drei Stufen weib- 
lichen Unterrichts, elementare, bürgerliche und höhere Töchter- 
schulen ein. 



I) Gedikes Amwlim. Bd. JL S. t04fl 

>) Herensfegebeo von Cempe in den Abhendlangeii „Ober verkennte, wenifttent 
fmgeamttt lifittel sor Befordenmf der Industrie, der Bevölkenn^ und des Offentlidien 
Wohlstendes**. IL Frsfment. Wolfenbfittel 1786. 

9) Gmndriss snr Orfsnisstion sll^emeiner Stsdtsckiüen. Daisbwx md Essen Z804. 

^ HsUe X796 md seitdem in xsklrcidien Auflsgen. 



- 65 - 

Charakteristiscb für die Fortentwicklung des Gedankens der 
höheren Mädchenbildung ist es, dass hier überall diese Bildung 
für die mittleren Stände ins Auge gefasst wird, während in den 
schon erwähnten Anstalten vorwiegend an die höheren gedacht ist 

Neben diesen Abhandlungen über die Mädchenerziehung im 
Zusammenhang eines staatlichen Erziehungswesens stehen auch 
rein pädagogische, die hier ausführlich nicht analysiert werden 
können. Charakteristisch ist vielen von ihnen das Hineinspielen 
von frauenrechtlerischen Tendenzen, die Hippels Buch von der 
bürgerlichen Verbesserung der Weiber so in den Vordergrund 
gerückt hatte, dass man zu ihnen SteUung nehmen musste — freilich 
geschah das meist in ablehnendem Sinne. Erwähnt seien hier nur 
die wichtigsten Äusserungen. Bei Fr. H. Chr. Schwarz: Grundriss 
einer Theorie der Mädchenerziehung, finden wir zum ersten Mal 
diese eigentümliche, schöngeistig- philisterhafte Sentimentalität in 
der Auflassung der Frau, die bis in die letzten Jahrzehnte des 
19. Jahrhunderts so vielen Erörterungen über Frauenbildungsfragen 
den Grundton giebt So behandelt er z. B. die „Sittlichkeit** des 
Weibes in drei Abschnitten als „Seelenstille, Seelenreinheit, Seelen- 
schönheit*'. Dabei geht er, in dieser Ausführlichkeit und Kon- 
sequenz als der erste, von der physischen Beschaffenheit der 
Frau aus, um daraus ihre geistige Natur Und die ihr gemässe 
Erziehung abzuleiten, und stellte damit die Erörterung auf eine 
Basis, auf der für willkürliche Schlussfolgerungen der breiteste 
Spielraum blieb. Es ist charakteristisch, dass die Schwarzsehe 
Schrift in den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts eine neue 
erweiterte Auflage erlebte — sie war um die Zeit fast zeitgemässer, 
als da sie zuerst erschien. Sein Ideal von „Seelenstille, Seelen- 
reinheit, Seelenschönheit** fand Schwarz in einer Frau, die in den 
pädagogisch interessierten Kreisen damals weithin mit Ehrftircht 
genannt wurde: Karoline Rudolphi, die Leiterin eines Mädchen- 
erziehungsinstituts in Hamburg und später in Heidelberg. Eine 
gottbegnadete Erzieherin war sie gewiss. Mühelos und wie selbst- 
verständlich ergiebt sich in ihrem Buch „Gemälde weiblicher 
Erziehung***) zu jedem erziehlichen Ziel der geradeste und natür- 
lichste Weg, für jedes Fach die einfachste und sicherste Methode. 
Aber in ihrer Stellung zu den Aufgaben weiblicher Erziehung 
giebt sich diese Einseitigkeit in der Betonung des Ästhetischen und 



1) GrimdziM dacr TiMorie der Midchenerzieha&f in Hinsidit auf di« aitücren 
.Stiade. Jena 1791. 

*) Heidelberf 1807. 

HaBdbacli der Francnbcwcf VBf. UL TdL 5 



— 66 — 

Gefühlsmässigen kund, durch welche die Mfldcheneiziehung in so 
ein bedenkliches Fahrwasser geriet , Jn der weiblichen Erdehung 
muss das Herz getroffen werden" ist ihr pädagogisches Glaubens- 
bekenntnis; und man braucht nur Schwarz's Schilderung von 
ihrem Wirken unter ihren Zöglingen zu hören, um zu wissen, in 
welchem Sinne sie es verwirklichte. „Selbst auf den Feldern und 
in den Landwirtschaften der Pfarrhäuser sah sie Gessnerische 
Idyllen. In ihrem eigenen Garten wandelte sie unter ihren Blumen 
und unter ihren Madchen, und unter diesen befand sie sich in 
ihrem 2^mer wie unter ihren Blumen.*' >) 

Die praktischen Fortschritte im höheren Madchenschulwesen 
entsprachen nicht ganz diesen langatmigen Erörterungen, diesem 
eifrigen Planemachen. Die Staaten thaten gar nichts, höchstens Qber- 
nahmen die Monarchen persönlich die Fürsorge für die eine oder 
andre Anstalt Auch die Städte Qberliessen die Mädchenschule 
nach wie vor meist der Privatinitiative« 1804 war z. B. in Stettin 
Oberhaupt noch in keiner Weise Dir den höheren Mädchenimterricht 
gesorgt') Aber in die Arbeit der Privatschule kam etwas mehr 
Idealismus, es entstanden Unternehmungen nicht nur aus Spekulation, 
sondern um pädagogische Gedanken und Ideale zu verwirklichen. 
Hier und da griff dann auch wohl die Kommune helfend und 
stützend ein. 

Um einen Überblick Ober die gesamte Entwicklung der höheren 
Mädchenschule zu geben, fehlt es noch an Monographien über 
die lokalen Gründungen. Nur über wenige sind wir orientiert 

Eine der ersten Anstalten auf dieser neuen Basis war die 
Dessauer Antoinettenschule, die 1786 entstand, eine späte Ver- 
wirklichung eines Basedowschen Plans. „Die Absicht dieser 
Anstalt", heisst es in der Ankündigung, „besteht nicht sowohl 
darin, dem vornehmen jungen Frauenzimmer eine wissen- 
schaftliche Bildung zu geben, als vielmehr darin, den Töchtern 
der zahlreichen mittleren Stände einen für das häusliche 
Leben brauchbaren und gemeinnützigen Unterricht zu er* 
teilen.'' Auf diesen praktischen Zweck zielt die Auswahl und 
Verteilung der Lehr&cher, so wie der gesamte Unterricht ab. 
Handarbeit nimmt in allen fünf Klassen einen sehr grossen Raum, 
den dritten Teil aller Unterrichtsstunden ein. Naturgeschichte und 



>) Otiert nach Dr. Karl Schmidts Geschichte der Pldegofik. IIL Aufl. (Z876) 

Bd. 4* S. 583- 

s) Vgl W. C C TOS Tflrk. Beitrtfe zur Kenatnii einifer deutscher Elememanchui« 

•BttidteB. Leipsif z8o6. S. 965. 



- 67 - 

Geographie werden mit Beziehung auf vaterländische Produkte 
und besonders hauswirtschaftlicbe Gebrauchsgegenstände behandelt 
Die StilQbungen beziehen sich auf die im Haushalt vorkommenden 
Schreibereien etc. Französisch ist nur fakultativ. Einen fthnlichen 
Grundcharakter trflgt die von Heyse mit städtischen Mitteln in 
Nordhausen gegründete Töchterschule. Da finden wir alle die 
Fächer schon vertreten, die wir in unsem modernen Erziehungs- 
programmen fordern. Da wird — im Anschluss an den Religions- 
unterricht — BOrgerkxmdeO getrieben, die Naturgeschichte umfasst 
Waren- und Gewerbekunde sowohl als Gesundheitslehre, auf die 
auch in dem Dessauer Plan ein grosses Gewicht gdtgt wird. 
Auch die Elemente der Logik gehören zu den Unterrichtsgegen- 
ständen. Nicht ganz so vielseitig wie Heyse's Schule, aber nach 
einem verwandten Prinzip eingerichtet sind die ,» Universitätstöchter- 
schule'' des Superintendenten Trefurt in Göttingen imd Ziegen - 
beins berühmte ylndustrie-Töchterschule" in Blankenburg. Bei 
ihm finden wir schon die ersten Anfänge eines Litteraturunterrichts, 
der bis dahin als Lehrgegenstand der Mädchenschule nicht 
vorkommt Was wir von andern Städten hören, z. B. von der 
Hartungschen Töchterschule in Berlin, oder von der dem Katharinen- 
stift vorangehenden Tafingerschen in Stuttgart, oder der Haus- 
mannschen in Zerbst, lässt darauf schliessen, dass der an der 
Dessauer und Nordhauser Schule gekennzeichnete Typus mit 
geringen Abweichungen auch anderswo wiederkehrt 

Eine Hauptschwierigkeit bei all diesen Unternehmungen war 
die Beschaffung von Lehrerinnen fOr die sehr im Vordergrund 
stehenden technischen — auch wohl für die Elementarfächer und 
für die erziehlichen Aufgaben der Schule. Der wissenschaftliche 
Teil des Unterrichts wurde — das verstand sich von selbst — 
Männern übertragen. Auch in der Musterschule der Karoline 
Rudolph! in Heidelberg war das so. Sie selbst als « Vorsteherin' 
ihres Instituts leitete die Erziehung. An andern Schulen herrschte 
eine ähnliche Arbeitsteilung. 

Wir machen in der Geschichte der höheren Mädchenschule 
Halt, ehe nach den Freiheitskriegen neue Impulse und Entwicklungs 
tendenzen ihr neue Bahnen weisen oder sie auf den alten mit 
neuer Kraft vorwärts treiben. Blicken wir auf ihre Vorbereitung 



I) Durch die Erweckimg d« latcrcsaet Akr die Geectie und die VcrfknaBf des 
Z.aades hofft Hcyee die Midchea xu bcOhiffea, ,too der erhabenen, bei ou DeviMhea 
leider so seltenen Tufcnd des Gemeinfeistes erwinnt, sie wieder so frtth als mOglidi dem 
jtmfen Herxen ihrer Kinder einsnprlfcn*. Wjehgram a. a. O. S. t$^ 

5* 



— 68 — 

und ihre ersten Anfänge im z8. Jahrhundert zurQck, so erscheinen 
uns im wesentlichen vier Entwicklungsreihen, die einander ablösen 
oder auch wohl, die eine absteigend, die andre neu beginnend, 
nebeneinander herlaufen. Die erste knüpft an Fdnelons Traittf 
sur r£ducation des filles und Franckes Gynaeceum, die zweite an 
Gottscheds Bestrebungen, die dritte an Rousseau und die Phil- 
anthropisten. Die letzte steht in Zusammenhang mit der Verstaat- 
lichung des Volksschulwesens durch den aufgeklarten Absolutismus 
und der durch die französische Revolution gewaltsam zur Geltung 
gebrachten neuen Betrachtung der Beziehungen von Borger und 
Staat, die dem BOrgertum, dem Mittelstand, eine neue Rolle zuwies 
und sich in der vereinzelten Entstehung von Realschulen und 
höheren Bürgerschulen in der Geschichte des Schulwesens wirksam 
erwies. 

4. 
H&dohenbüdongsbestpebimgen auf katholisehem Gebiet. 

Ehe wir in die DarsteUung der Madchenerziehung im 19: Jahr- 
hundert eintreten, ist es angezeigt, zugleich zurOck- und voraus- 
greifend, einen Oberblick Ober die von katholischer Seite unter- 
nommenen Bestrebungen zur Hebung der Frauenbildung zu geben. 
Trotzdem sie zum Teil den schon behandelten, zum Teil den noch 
vor tms liegenden Zeiträumen angehören, sollen sie hier, zu einem 
besonderen Kapitel zusammengefügt, im Zusammenhang dargestellt 
werden, da nur so die Entwicklungslinien klar heraustreten, die 
treibenden Kräfte und die bezeichnenden Eigentümlichkeiten dieses 
Stücks Mädchenbildungsgeschichte zur Darstellung konmien können. 

Den entscheidenden Anstoss zu einer umfassenden und sorg- 
fältigen Fürsorge für die Mädchenbildung gaben die Kämpfe der 
Gegenreformation. Gewiss waren auch vor und während der 
Reformation hier und da die Frauenklöster ihrer alten Aufgabe, 
der Mädchenerziehung, mit der alten Begeisterung treu geblieben. 
Aber dass im 15. und 16. Jahrhundert von dieser Fürsorge vielfach 
nur die vornehmsten Kreise — man denke an die Nürnberger 
Clarissinnen, deren Erziehung nur Geschlechterstöchter genossen — 
erfasst wurden, dass die Frauenklöster den grossen Aufgaben, 
die in der Erziehung der Frauen des Volks ihnen oblagen, im 
allgemeinen nicht genügten, muss jede vorurteilsfreie Geschichts- 
forschung zugeben. 

Die Gegenreformation schuf nun eine Reihe weiblicher Orden, 
die neben den drei Gelübden noch das vierte hinzimahmen, dass 



- 69 - 

sie mit allen ihren Kräften der Jugenderziehung dienen wollten. >) 
Die wichtigsten von ihnen sind die Ursulinerinnen und die 
Englischen Fräulein. Die Ursulinerinnen gründeten 1639 ihre 
erste deutsche Niederlassung in Coln. Sie verbreiten sich von 
dort schnell in West- und Mitteldeutschland. 1651 finden wir sie 
in Aachen, 1660 in Kitzingen, 1667 in Erfurt, 1685 in Düsseldorf 
und Dflren, 1691 in Straubing, 1695 ^ Freiburg u. s. w. Ihre 
Thätigkeit umfasst die elementare und die höhere Mädchenbildung, 
aber diese letztere ist ihr eigentliches Gebiet Das erste deutsche 
Ursulinerinnenkloster in Coln lehrte vornehme Mädchen im Internat 
und BflrgerstOchter in einer äusseren Schule die Elementarfächer, 
Französisch, Latein und Handarbeiten. Später passte man sich 
in allen Anstalten dem jeweiligen BildungsbedOrihis der Frauen 
an. Ende des 17. und noch im z8. Jahrhundert, als noch von 
evangelischer Seite wenig für die höhere Mädchenbildung geschah, 
stehen einzelne Ursulinen-Erziehungsanstalten an der Spitze des 
gesamten Mädchenbildungswesens. Türk z.B. weist noch auf sie 
hin als auf nachahmenswerte Vorbilder. Um ihrer erziehlichen 
Leistungen willen, deren Nutzen auch eine protestantische Regierung 
einsehen musste, entgingen die Ursulinenklöster der Säkularisation. 
Die grösseren Mädchenschulen passten sich dann später meist dem 
allgemeinen Charakter der höheren Töchterschulen ihres Distrikts 
an. So unterhält das. Ursulinenklöster in Erfurt, nachdem ihm 
1888 die Wiederaufnahme seiner durch den Kulturkampf imter- 
brochenen Thätigkeit gestattet wurde, eine 10 klassige höhere 
Mädchenschule, die nach den preussischen Bestimmungen von 1894 
eingerichtet ist, und an die sich noch wahlfireie Kurse anschliessen. 
Von den übrigen Schulen der gleichen Gattung unterscheiden sich 
diese Klosterschulen nur durch die grössere Stundenzahl für den 
Religionsunterricht und dadurch, dass mit Ausnahme dieses Fachs 
der gesamte Unterricht in Frauenhänden liegt Augenblicklich 
bestehen 33 Niederlassungen des Ordens in Deutschland, davon 



I) Einca «mammenfaitenden itatUtisch-diroaolofisdien Oberblick Ober alle zur Zeit 
in Deutschland wirkenden Fraueafeaoeseasduifien gid»t ProC Dr. Max Heimbacher in 
Bd. Vm der Mitteünnfcn der Gesellschaft f&r deutsche Erziehunfs- und Schulfesduchte 
S. azz fil Derselbe Band enthält aosserdem folfcnde Abhandlnnfea: Kurzer Auszng der 
Erziehuift- und Unterrichtsfeschichte der Salesianerinnea in Bayern. Von einem Mh|^ed 
des Ordens, S. 007 fil — Die iUosterschttlen der Ursulinerinnen in Erfurt Ton Z667 bis zur 
G e gen w a rt Von Dr. theoL Franz Schauerte — Die p ^«u«'W«»»»«<««^w ^^s Aufustiner- 
ordcns unter dem Titel: Kongregation Unserer Frau oder de Notre Dame. Von Dr. Emil 
Uttendorfer. — Material Ober die einzelnen Genossenschaften und nähere Angaben der 
einschltgifen Litteratur in dem Kirchenlesikon von Wetser und Weite. ^ Auch die Mono- 
graphien Ober das Sdiuhresen einzelner katholischer Linder ynth^hrn Angaben Ober da» 
Mtddienschulwescn. 



— 70 — 

die weitaus grösste Mehrzahl in Preussen (a8), vor allem in den 
westlichen Gebieten. 

Was die Ursulinen für die Madchenerziebung in West- und Mittel- 
deutschland bedeuten, das sind die Englischen Fräulein für den 
Süden. Der Orden wurde Z609 von Miss Ward gestiftet und 
eröffnete bald darauf seine erste Schxile auf deutschem Boden. 
Er hat augenblicklich 80 Niederlassimgen in Bayern, 7 im mittel- 
rheinischen und hessischen Gebiet und eine in Fulda. In Bezug 
auf die Organisation seiner Schulen gilt dasselbe wie von denen 
der Ursulinen. Das Erziehungsinstitut z. B. der englischen Fräulein 
in Bamberg umfasst eine siebenstufige Unterabteilung, an die sich 
für 13 — z6jährige Mädchen eine dreistufige Oberabteilung an- 
schliesst, in die auch Nicht-Katholikinnen aufgenommen werden. 
Der Ausbildung von Lehrerinnen dienen zweijährige Seminarkurse. 

Z667 wurden von der Kurfürstin Henriette Adelheid von 
Bayern die Salesianerinnen nach München gerufen, um „die 
bayrischen Landestochter in Wissenschaft und Gottesfiircht zu 
unterweisen". Sie waren der einzige Orden in Bayern, der in 
der Zeit der Säkularisation sich des Mädchenunterrichts annahm, 
und seine Anstalt in Indersdorf wurde vorbildlich für einzelne 
Erziehungsanstalten andrer Orden, z. B. der Servitinnen und der 
Ursulinen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts neu errichtet wurden. 
Im Augenblick haben die Salesianerinnen 4 Schulen in Bayern 
und 4 im übrigen Deutschland. 

Neben diesen während der Gegenreformation entstandenen 
Klöstern wirken einige ältere Orden in ihren Anstalten weiter, 
wie die Benediktinerinnen, die Cisterzienserinnen, einige Clarissen- 
verbände, die Servitinnen, Birgittinerinnen (Altomünster), Cellitinnen 
(Lehrerinnenseminar in Münstereifel) u. a. 

Im z8. Jahrhundert entstanden noch eine ganze Reihe neuer 
Orden zur Jugenderziehung; wie die der meisten weiblichen Orden 
umfasst ihre Arbeit zugleich höhere, elementare und hauswirt- 
schaftliche Mädchenbildung neben all den Zweigen der Fürsorge- 
erziehung, Rettungsarbeit etc., die man zur sozialen HUfsarbeit 
rechnet Vor allem zu nennen sind die Regularkanonissen des 
Augustinerordens, die 1730, von Kurfürst Karl Albrecht berufen, 
in Nymphenburg eine Anstalt zum Unterricht der weiblichen Jugend 
in „Gottesfiircht'', Lesen und Schreiben begründeten. Besonderes 
Gewicht wird bei ihnen auf das Französische gelegt Speziell für 
Dementarschulen arbeiteten die Schwestern der göttlichen Vor- 
sehung. Der Orden wurde 1762 gegründet und besetzte 190 Schulen 



_ 71 — 

im Bistum Strassburg, 150 in Metz mit je einer Lehrerin. Eine 
Ausbildungsanstalt ist mit dem Mutterhaus Berthelmingen verbunden. 
Grösser noch ist die Wirksamkeit der Schulschwestem der 
göttlichen Vorsehung, die seit 1783 bestehen und 400 Schulen im 
Bistum Strassbui^ besetzen. In Lothringen wirkt sowohl filr 
höhere als fOr niedere Schulen die Genossenschaft der Schwestern 
der göttlichen Vorsehung zum heiligen Andreas, die Ende des 
z8. Jahrhunderts gegrOndet wurde. 

Durch die Säkularisationen erfuhr die ganze Thfltigkeit der 
Frauenorden zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine bedeutende 
Verschiebung, die zum Teil auf die erziehliche Arbeit insofern 
gOnstig einwirkte, als eine Reihe von Genossenschaften das Recht, 
wieder Novizen aufzunehmen, nur unter der Bedingung erhielten, 
dass sie sich fortan dem Jugendunterricht widmeten. Dazu gehören 
die Franziskanerinnen dritten Ordens mit dem Mutterhaus Ingolstadt, 
die in Bayern an 35 Volksschulen arbeiten, die Franziskanerinnen 
von Dillingen, die 72 Lehrerinnen tmd 60 Handarbeitslehrerinnen 
an 31 Volksschulen beschäftigen, vor allem aber die Schwestern 
vom 3. Orden des Dominikus im Bistum Speyer, die nach ihrer 
Wiederherstellung i8a8 mit 40 Lehrerinnen an den höheren 
Mädchenschulen und Volksschulen in Speyer vertreten sind, und 
die 1852 von ihnen abgezweigten armen Schulschwestem, von 
denen 130 im. Bistum Speyer an Volksschulen unterrichten. 

Auch im 19. Jahrhundert sind wieder einige bedeutendere 
Frauenorden fOr Jugenderziehung entstanden, deren Arbeit, durch den 
Kulturkampf zum Teil vorübergehend ') unterbrochen, sich kräftig 
entwickelt hat Von ihnen sind die bedeutendsten die Genossen- 
schaft der Schulschwestem von Siessen (Württemberg), die in 
den katholischen Teilen von Württemberg am Volksuntemcht 
teilnehmen und in Ellwangen und Stuttgart höhere Blädchenschulen 
unterhalten. Femer die Franziskanerinnen von Heithuizen (Nieder- 
lande), die im Münsterlande, im Cölner und Trierer Bezirk Nieder- 
lassungen haben. Eine ihrer Anstalten ist das liebliche Nonnen- 
werth gegenüber von Rolandseck. Im Münsterschen wirken 
ausserdem die Schwestem von der göttlichen Vorsehimg, im 
Hessischen die armen Dienstmägde Christi, imd im ganzen 
nordwestlichen Deutschland die Schwestem unserer lieben Frau, 
die seit 1888, da sie in Deutschland wieder zugelassen wurden, 
in einer Reihe von Münsterschen Städten und in Oldenburg 

I) Zum Tdl allerdings audi dancrad; «iasdae FnuMDorden, die vor dem Sjütarkempf 
der Schule dienten, haben eich nachher auf aosiale lOlfMrbeit beechrtnhcn 



— 7» — 

Töchterschulen begrflndeten und fQr ihr Gebiet die Bedeutung zu 
gewinnen scheinen, wie die englischen Fräulein im Süden. Zu 
der katholischen Enklave des Eichsfeldes gehören die Schwestern 
der christlichen Schulen von der Barmherzigkeit, die in Heiligen- 
stadt, ausserdem in Cassel, Metz, Lippstadt und Ahaus höhere 
Töchterschulen haben. 

Ausser dem Gebiet des eigentlichen Schulunterrichts umfasst 
die Arbeit der Schwestern den Unterricht an Bünden- und Taub- 
stummenanstalten, Rettungs- und Waisenhäusern, einer grossen 
Anzahl von Industrie- imd Haushaltungsschulen, Kleinkinder- 
bewahranstalten u. s. w. 

Soviel Ober die katholischen Frauenorden. Soweit die 
katholische Blädchenschule dem staatlichen Schulwesen eingeordnet 
ist, wird sie natOrlich hier nicht, sondern innerhalb der Gesamt- 
darstellung des Schulwesens mit berücksichtigt werden. 

m. 

Die Mädchenbildung im ig. Jahrhundert. 

1. 

Das Aufblähen der deutsehen Schule in der ersten H&lfte des 

Jahrhunderts. 

Allgemeines. 

In der Darstellung des Madchenbildungswesens, wie es sich 
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gestaltete, sind 
zwei Richtlinien besonders hervorzuheben. Die eine deutet die 
Entwicklung der Schule im allgemeinen an und bezeichnet die 
gemeinsame Wirkensspur aller politischen, wirtschaftlichen und 
geistigen Elemente, die an dem in allen Teilen Deutschlands sich 
vollziehenden Aufschwung der Volksbildimg beteiligt waren; folgen 
wir der andern Linie, die feiner gezeichnet, schwerer erkennbar 
ist, so begleiten wir den Lauf einer Kulturbewq^g,. die aus- 
schliesslich und in ganz besonderem Sinn das Gebiet der Mädchen- 
endehimg berührte, weil sie diejenigen geistigen Strömungen 
umfasst, die zu einer grösseren Würdigung und zu einem feineren 
Verständnis der Frau nach ihrem Wesen imd ihren Aufgaben 
führen — in der Praxis freilich spiegelt sich die Wirktmg dieser 
Bewegung vielfach in einer einseitigen Betonung dieses Spezifischen 
auf Kosten des den Geschlechtem Gemeinsamen. 

Wir versuchen zunächst den Gang jener ersten Entwicklung 
durch die hauptsächlichen Faktoren, die ihn bestimmen, zu deuten. 



— 73 — 

Es ist schon im vorigen Kapitel gezeigt worden, wie das 
politische Denken und das politische Interesse, mächtig wach- 
gerOttelt durch die französische Revolution, auch das Erziehungs- 
wesen mehr und mehr unter politisch-sozialen Gesichtspunkten, 
als eine Aufgabe des Staates, zu erfassen beginnt, imd wie einzelne 
Staatsmänner und Pädagogen unter diesem Gesichtspimkt auch 
die Mädchenerziehung dem engen Kreis der Familie und der 
Spekulation der Privatunternehmer zu entziehen und der Öffent- 
lichkeit zugewiesen zu sehen wQnschen. Reaktionen, wie sie z. B. 
in Preussen vorübergehend unter dem Wöllnerschen Regime ein- 
getreten, blieben auf die wenigen behördlichen Persönlichkeiten 
beschränkt tmd vermochten die spontan erwachte geistige Bewegung 
nicht dauernd zu hemmen. 

Der Beginn des 19. Jahrhunderts bringt den meisten und den 
wichtigsten deutschen Staaten Schicksale, die zur praktischen 
Verwirklichung dieser Gedanken den kräftigsten Anstoss geben 
mussten. Die gewaltigen staatlichen Umwälzungen infolge der 
napoleonischen Kriege boten zu Neuorganisationen nicht nur eine 
äussere Veranlassung, sie bedeuteten auch in vielen Fällen den 
Bankerott des absolutistischen Regimes und wiesen auf die Not- 
wendigkeit, alle Quellen aufzugraben, alle Kräfte freizumachen 
für eine allgemeine Erstarkung und Gesundung des Volkskörpers 
von innen heraus, zur Ertüchtigung der Massen für die neuen 
Angaben, die das neue Jahrhundert ihnen stellte. Soziale Wand- 
lungen, die in der Konsequenz dieses Gedankens lagen, wie die 
Aufhebung der Erbunterthänigkeit der Bauern in der Steinschen 
Wirtschaftareform, schufen für bestimmte Bevölkerungsschichten 
erst eine wirtschaftliche Lage, in der ihre Mitarbeit an dem Werke 
der öffentlichen Erziehung möglich wxu-de. Die neue Verteilung 
der nationalen Pflichten, wie sie die Einführung der allgemeinen 
Wehrpflicht imd der ständischen Selbstverwaltung herbeigeführt 
hatten, ergaben unmittelbar und dringend filr den Volkstmterricht 
neue Aufgaben, neue Entwicklungsmöglichkeiten. Der Bürgerstand, 
den die neuen Staatstheorien mehr und mehr in den Mittelpunkt 
der gesellschaftlichen Ordnung stellten, den die Entwicklung der 
Industrie zu einem volkswirtschaftlich immer bedeutsameren Faktor 
machte, begann in immer weitq^n Schichten Ansprüche an eine 
eigene, über die Volksschule hinausgehende praktische Bildung 
geltend zu machen. Diese Ansprüche schufen eine neue Schul- 
gattung, die höheren Bürger- oder Realschulen, die schon früher 
hie und da theoretisch behandelt und auch thatsächlich eingerichtet 



— 74 — 

waren, sich aber noch nicht zu einem eigentlichen Zweige des 
öffentlichen Untenichtswesens hatten entwickeln können. Jetzt wurde 
ihre BegrQndung in umfassendem Masse angeregt und gefördert 

So kam es« dass Qberall in Deutschland die Regierungen 
selbst die Kraftstationen wxu-den für jene pädagogische Bewq;ung, 
die der Philanthropismus, die jetzt vor allem Pestalozzi entfacht 
hatte. An der allgemeinen Hebung der Volksschule aber nahmen 
die Mädchen des Volks vollen Anteil; es wird sich also im ersten 
Abschnitt dieses Kapitels darum handeln, in grossen Zügen diesen 
Aufschwung zu schildern. 

Zuvor aber noch ein paar Worte Ober jene zweite Strömung, 
die der Frauen bildung insbesondere zu gute kam. Sie speist 
sich vor allem aus dem Born der gewaltigen geistigen Bewq;ung, 
die in der Nationallitteratur der klassischen und — in zweiter 
Generation — der romantischen Epoche ihren kOnstlerischen Aus- 
druck £ndet Es kann hier nicht im einzelnen gezeigt werden, 
wie der Individualismus, den die Ära Goethe der Menschheit er- 
rungen hatte, seme befreiende Wirkung auch auf die Frau erstreckte. 
In dem neuen Glanz, den die Kunst unserer grossen Dichter Ober 
das Menschliche, das Persönliche ausgoss, erschien auch das 
Wesen des Weibes reiner, adliger, als etwas Eigengestaltetes, für 
sich Wertvolles, durch nichts zu Ersetzendes. Und die deutschen 
.Frauen, die sich in ihrem Tiefsten und Eigensten gesucht und 
verstanden fühlten, erstarkten zu einer lange nicht mehr gekannten 
selbständigen Anteilnahme an dem geistigen Leben ihrer Tage. 
Aus dem Gegensatz aber zwischen der Freiheit, die sie im „Reich 
der Träume" besassen, der Schönheit, die der Gesang um sie 
wob, imd den engen Grenzen der Wirklichkeit, ergaben sich der 
zweiten Generation der deutschen Geistesaristokratie jene Emanzi- 
pationsgedanken, wie sie der Frauenkreis der Romantik, wie sie in 
reinster Form Schleiermacher zum Ausdruck brachte.*) Das 
war ein bedeutsamer Schritt über das hinaus, was etwa Jean Paul 
in der Levana im Anschluss an die Kantische und Schillersche 
Auffassung von dem Wirken der Frau gepredigt hatte. 

Wie sich diese Gedanken in der theoretischen Erörterung 
über die Mädchenbildung wiederspiegelten, wie sie schliesslich auf 
die praktische Gestaltung einwirkten, und wiederum von der Praxis 
eingeengt und verflacht wurden, das zu zeigen, wird Aufgabe des 
zweiten Abschnitts dieses Kapitels sein. 



>) VfL Handbudi der Franenbewefunf TeQ I S. 19 f. 



— 75 — 

a) Die Entwicklung der Volksschule. 

„Am meisten hierbei wie im ganzen", schrieb Stein im Hin- 
blick auf die innere Erhebung, zu der er das preusaische Volk 
fahren wollte, i^ist von der Erziehung und dem Unterricht der 
Jugend zu erwarten. Wird durch eine auf die innere Natur des 
Menschen gegründete Methode jede Geisteskraft von innen heraus 
entwickelt und jedes edle Lebensprinzip angereizt imd genflhrt, 
alle einseitige Bildung vermieden, tmd werden die bisher oft mit 
grOsster Gleichgiltigkeit vernachlässigten Triebe, auf denen die 
Kraft und die WOrde des Menschen* beruht, sorgfiütig gepflegt, 
so können wir hoffen, ein phsrsisch und moralisch kräftiges Ge- 
schlecht aufwachsen imd eine bessere Zukunft sich aufthun zu 
sehen." — „Eine auf die innere Natur des Menschen gegründete 
Methode" — es ist Pestalozzischer Geist, der nicht nur in Preussen, 
sondern auch in den andern deutschen Staaten die NeubegrOndung 
der „Nationalerziehung" leitete. Die Pestalozztsche Pädagogik aber 
musste die Aufmerksamkeit der Regierungen mit besonderer Ein- 
dringlichkeit auf die Erziehung der Frau des Volkes lenken. 
Sie zeigte, wie alle Keime geistigen und sittlichen V^erdens in der 
jungen Generation durch die Mutter gepflanzt werden, und brachte 
so die Bedeutung der Mutter für die Nationalerziehung zum ersten 
Mal in ihrer ganzen Tiefe zum Bewusstsein. Und thatsächlich er- 
kennen wir den Einfluss Pestalozzis in der besonderen ROcksicht, 
die in den jetzt überall einsetzenden Unterrichtsreformen auf die 
Mädchenbildung genommen wird. 

Zunächst handelte es sich um die Organisation der Schul- 
verwaltung. Oberall finden wir Ansätze, die Schule mit all ihren 
Organen zu einem einheitlichen, in sich selbständigen Verwaltungs- 
zweige zu machen. Preussen hatte schon 1787 im Oberschul- 
kollegium eine CentralbehOrde fQr Schulsachen geschaffen. 1794 
war mit der Einführung des Allgemeinen Landrechts die Schule 
endgiltig filr eine Angelegenheit des Staates erklärt 1817 errichtete 
der König ein eigenes Ministerium für die geistlichen und Schul- 
angelegenheiten. Baden hatte 1807 eine Generalstudienkommission 
geschaffen, Bayern hatte seine Schulverwaltung 1803 in allen 
Stufen neugeordnet und ein General-Schul- und Studiendirektorium 
an die Spitze gestellt 

Von grOsster Bedeutung war die Heranziehung der Städte zu 
eigener Verwaltung ihrer Schulangelegenheiten durch die Steinsche 
Städteordnung, ergänzt durch ein noch heute giltiges Ministerial- 



- 76 - 

reskript vom 26. Juni 181 1 über Zusammensetzung und Wirksamkeit 
der städtischen Schuldeputationen. Von besonderem Interesse im 
Hinblick auf die Madchenerziehung ist der § 15 dieser VerfOgung: 

„Bei der Aufsicht Ober die Töchterschulen werden die Schul- 
deputationen die verständigsten und achtbarsten Frauen aus den 
verschiedenen Ständen zu Rate ziehen, ihnen wesentlichen Anteil 
an Schulbesuchen, Prüfung und Beurteilung der Arbeiten, der 
Erziehung und Unterweisung geben und die HausmOtter des Orts 
auf alle Weise fQr die Verbesserung der weiblichen Erziehung zu 
interessieren suchen. 

Sie dOrfen deshalb zu den Schulbesuchen nicht immer die- 
selben Frauen einladen, sondern können darin abwechseln. Die 
Spezialaufsicht Ober einige Blädcfaenschulen dürfen sie Frauen, 
welche vorzüglich Sinn und Eifer für Beförderung einer guten 
Erziehung an den Tag legen, übertragen und sie zu Mit- 
vorsteherinnen derselben ernennen." ') 

Konrad Fischer*) vermag in diesem ausserordentlich bedeut- 
samen Paragraphen, durch den in Preussen zum erstenmal die 
Mitwirkung von Frauen in der kommunalen Verwaltung gefordert 
wird, weiter nichts zu sehen, als ,,einen Ausdruck des Obereifers, 
wie er in den Zeiten des mächtigen nationalen Aufschwungs wohl 
vorkommf* — sicher ist, dass er nirgend in irgendwie nennens- 
werter Weise zur Verwirklichung gekommen ist, sei es, dass die 
Schuldeputationen, sei es, dass die Frauen nicht weitsichtig und 
thatkräftig genug waren, um des grossen preussischen Staats- 
reformators Absichten in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen und 
zur Ausführung zu bringen. 

War man doch überhaupt noch nicht an die Beteiligung der 
Frau an der öfifentlichen Volkserziehung gewöhnt Elementar- 
lehrerinnen gab es in den evangelischen Ländern Deutschlands 
zu Beginn des Jahrhimderts verschwindend wenige. In den 
katholischen ruhte der Mädchenimterricht zum Teil in den Händen 
von Nonnen,*) kam aber damit doch nicht eigentlich zu dem 
Charakter einer öfifentlichen staatlichen Angelegenheit, sondern 
bewahrte trotz der staatlichen Beaufsichtigung und zum Teil auch 



I) VfL Verordnungen betreffend das Volksschulwetcn sowie die Mittel- und die 
höhere MtdcfaenBcfaule in Preussen, hersusgefeben von Giebe, Regieninfs* und Sdiulrat 
5. Auflafe von Hildebrand, Geheimer Refierunfs* und Schulrmt. DOsseldorf xSpa S.95. 
Instruktion ffir die stldtiscfaen Scfauldepntationen vom a& Juni x8zz. § 15. 

S) Gesdiichte des deutschen Volksschullehrerstsndes. Hannover 2898. Bd Di S. 147. 

)) In Bayern fab es noch z85i/5a nur 8 protestantische Lehrerinnen gefen 
307 katholische, in Baden nur katholische. 



— 77 — 

Regelung doch mehr ein privates, charitatives Gepräge. Es flllt 
dabei ein besonderes Gewicht auf die Thatsache, dass eben in 
den Ländern, wo wir die Frauen als Lehrerinnen finden, die 
Lehrer noch nicht den Charakter der Staatsbeamten erhielten, 
wie z. B. durch das preussische Landrecht, sondern immer noch 
als Angestellte der Gemeinden betrachtet wurden. Es scheint, 
dass das Streben, den Lehrer als Staatsbeamten zar Geltung zu 
bringen, hemmend auf die Zulassung der Frau zum Lehr- 
amt wirkte. 

Als Träger der Nationalerziehung kam im ganzen eben nur 
der Lehrer in Betracht Von seiner Tüchtigkeit hing die Leistungs- 
fähigkeit auch der Mädchenschule zunächst ausschliesslich ab. 
Einen Volksschullehrerstand zu bilden, der seiner Aufgabe 
gewachsen war, dahin ging vornehmlich das BemCÜien aller 
deutschen Regienmgen — unterstützt durch eine Reihe hervor- 
ragender Pädagogen, deren Namen als die der Schöpfer der 
Volksschule die ßchulgeschichte dauernd bewahren wird. Preussen 
war mit der Begründimg von Seminaren vorangegangen. In den 
übrigen deutschen Staaten fallen ähnliche Gründungen in dieselbe 
Zeit, und die Heranbildung von Lehrern durch eine Art Gesellenzeit 
als „Provisoren" oder „Adstanten" wurde durch solche staatliche 
Anstaltsbildung ersetzt Für die Lehrerinnen geschah vor der Hand 
staatlicherseits gar nichts. Ein paar kümmerliche Privatmstitute 
beschäftigten sich in unsystematischer Weise mit der Vorbereitung 
junger Mädchen für den Erzieherinnenberuf. Befähigungszeugnisse 
zur Ausübimg des Berufs erteilte der Geistliche. Volksschul- 
lehrerinnen bildeten die Klöster, aber auch nicht annähernd mit 
der Gründlichkeit der Lehrerseminare — oder überhaupt nach 
einem den Zwecken der Volksschule mit pädagogischer Einsicht 
angepassten Plan. Die grosse Bewq;ung, die Pestalozzis Name in 
der Geschichte der Volkserziehung bezeichnet, schlug hierhin gewiss 
keine Wellen mehr. Eine rühmenswerte Ausnahme sind die 1801 
von Bernhard Overberg errichteten Normalkurse fOr Lehrerinnen 
in Westfalen, die ihre Schülerinnen so gut ausrüsteten, dass man 
allgemein die Tüchtigkeit der Lehrerinnen in der Amtsführung 
der der Lehrer mindestens gleichstellte.*) Die Verbreitung der 



I) Dorcfa eisen badJicfaen Erlaas tod xSzz (Heppe a. a. O. IV. 5. 945) wurden die 
FrmnenklAttcr anter eine ttrenge itietlirhe Anfsicfat gesteUt and in eine Art Seoinnre nm- 
fownnddL Die ZoUesnnf wurde an daa Besteiicn einer AnfiBahaeprUfanK vor einem 
landetherrlieben Konmisaar feknfipft, and aimtUche Iniaaami worden xar Erteilanf 
Ton Uiueiiint Terpflioitet. 

. <> VfL Rein. Encyklopidiachea Handbuch der Pldafogik IV, S. aSa. 



- 78 - 

katholischen Lehrerinnen an der öffentlichen städtischen und 
ländlichen Volksschule in Westfalen» sowie die spätere Gründung 
der staatlichen Seminare von Münster und Paderborn 1832 ist den 
Overberg*schen Anregungen zu danken. 

Auch anderswo fing man schon an, sich nach Lehrerinnen für 
die Volksmädchenschule umzusehen. Das Bedürfnis nach ihrer Mit- 
arbeit war freilich noch kein sehr tief fundiertes. Es ergab sich 
vor allen Dingen durch den um diese Zeit, d. h. Ende des 18. 
und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhimderts, mit Energie 
eingeführten Industrieunterricht') Im grossen und ganzen blieb 
es auch dabei, dass man nur »^beitslehrerinnen*' anstellte, die 
dann, wie in alten Zeiten, nach der Anzahl der Kinder, die sie 
unterrichteten, bezahlt wurden. Für diesen Zweig des Unterrichts, 
der in dem Lehrplan der Mädchenschulen einen grossen Raum 
beanspruchte, wurde auch zuweilen weibliche Schulaufsicht an- 
geordnet So bestimmt eine badische Verordnung vom 15. Mai 
1839: „Die nächste Aufsicht über die Industrieschule kann auf den 
Vorschlag des Schulvorstandes vom Schulvisitator und Bezirksamt 
auch einigen Frauenpersonen, wo sich solche dazu bereit finden, 
übertragen werden. Dieselben haben alsdann die Anstalt von 
Zeit zu Zeit zu besuchen, und alles, was deren Gedeihen fördert, 
mit der Lehrerin und dem Schulvorstand zu beraten." (§ 8.) 
Ahnliche Verfügungen finden sich auch in preussischen Ministerial- 
und Regierungserlassen *) etc. Diese starke Betonung des Industrie- 
unterrichts war aber nur der Ausdruck für ein Bedürfnis nach 
Spezialisierung des Mädchenunterrichts im allgemeinen nach Mass- 
gabe der besonderen Aufgaben der Frau als Mutter und Hausfrau. 
Da lag der Gedanke nahe, auch dem übrigen Unterricht eine 



>) So wurde s. B. bei der Nenreffeliinf des Sduüweeens in Beden 1803 die Eini&hnmf 
des Indnstrieanterzicfatt für Utdcben vom xx. Jahre eb bis Sdiiüsdiliiss in den Winter- 
monaten angeordnet, in Bayern 1804, nm dieeelbe Zeit in Warttemberg, in der beTrischen 
Pfalz 18x7, im Hodistift Wflrzbiuir tdion X79& Der Unterricht erstreckt sich anf Spinnen, 
Stricken imd Nlhen, für die Knaben entapmch dem eine Anleitanf im Obst- and Gartenbau. 
Das StridEen wird hlnfif auch für die Knaben alz wOnsdienswcrt erachtet Bei all diesen 
Bestimmmifen handelt es sich» da die Darchführang so imfemein schwierig war, sontchst 
meist nur nm Wünsche und RatschlAfe, nicht um Zwang. 

f) Eine Bekanntmachung der Regierung zu Cöln vom 9^ Januar 1890, die als Qrkular- 
Reskript des ICnisteriums (gcx August xQ3o) sn alle preussisdien Regierungen gegangen ist, 
empfiehlt den Schulrorstinden, in Bezug auf Einführung und Leitung des Handarbeits- 
unterrichtt die Mitwirknag geeigneter Frauen in Anspruch zu nehmen. »Die Lehrer aber 
und die Lehrerinnen werden hierdurdi Terpflichtet, den mit diesem Geschäft von dem 
SchttlTorstande be aufira g t en und von der Kreis-Schulbehörde bestätigten Frauen dieselbe 
Achtung und für diesen Zweig des Unterrichts dieselbe Folge zu leisten, welche sie den 
übrigen Mitgliedern der OrtsschuIbehOrde schuldig sind.* 



— 79 — 

spezifische Richtung nach dieser Seite zu geben, und damit kam 
man wiederum darauf, die Frau, die Lehrerin stärker heranzuziehen 
als bisher. 

Sachlich werden dem Unterricht fOr die Mädchen dieselben 
Ziele gesetzt, als dem fOr die Knaben. Man unterscheidet 
zumeist Landschulen, in denen nur die Demente, Schreiben, 
Lesen, Rechnen, Religion, Gesang, gelehrt werden, imd Stadt- 
schulen, in denen Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, auch 
wohl Zeichnen dazu kommt In der Praxis freilich scheint die 
Anschauung noch nicht überwunden zu sein, dass die Mädchen 
von den Elementen des Wissens einiges entbehren könnten. Noch 
1799 hatte z. B. der Oberkonsistorialrat Sack gemeint, i^er be- 
zweifle den grossen Nutzen, den das LesenkOnnen dem Landmann 
und besonders dem weiblichen Geschlecht bringt'' >) und dass diese 
Meinimg von den Vätern und Müttern manches DOrfleins im 
deutschen Lande geteilt wurde, war nicht eben zu verwundem. 
Und nun sogar Schreiben und Rechnen! 

Die Schulpflicht wurde fast durchgehend für Knaben und 
Mädchen gleich bemessen, in Baden noch um ein Jahr weniger für 
Mädchen als für Knaben. Sie erstreckte sich meist über 8 Jahre, 
nämlich das 6. bis 14., in Bayern nur über 6, in Württemberg 
über 7 Jahre, überall aber gestattete man Ausnahmen, von denen 
die sehr freigebig genehmigten Dispense wegen Fabrikbeschäftigung 
die bedenklichsten waren. Die Trennimg der Geschlechter in der 
Schule wird in der ersten Zeit wohl allgemein für wünschenswert 
gehalten und nur der Undurchführbarkeit wegen nicht gesetzlich 
gefordert Erst in den folgenden Jahrzehnten traten Pädagogen 
auf, wie z. B. Harnisch*), die aus erziehlichen Gründen gegen 
die Trennung der Geschlechter waren« Auch die Durchführung 
des vollen Unterrichts im Sommer war auf dem Lande nur ganz 
allmählich zu erreichen. 

Charakteristisch für diese Zeit ist das Entstehen der Fort- 
bildungsschule, die in Württemberg schon im 18. Jahrhundert, in 
Bayern durch ein Gesetz von 1803, in Baden 1834 eingeführt 
wurde. Es handelt sich dabei um sogenannte Sonntagsschulen, 
d. h. eine Wiederholung von Stoffen der Elementarschule an 
einigen Stunden des Sonntags, zu deren Besuch die männliche 
tmd weibliche Jugend bis zum 18. Jahre etwa verpflichtet wurde. 

>) VfL Ronrad Fiteber a. a. O. IL 5. 7. 

*) Handbuch fOr daa deuucfae Volkascfatüwesen. Heraiufefeben von Friedricb Bartela. 
Lanfenaalza 189!^ S. 339 L 



— 8o — 

Während dieser Wiederholungsunterricht unentgeltlich ist, besteht 
die Einrichtung des Schulgeldes fQr die Zeit der Schulpflichtigkeit 
noch allgemein. Nur ganz vereinzelt, z. B. in Schleswig- Holstein 
(1814) und in Nassau (18x7), wurde der Dementarunterricht ganz 
freigegeben. Die Fordenmg von Schulgeld wird mit dem Schul- 
zwang dadurch notdürftig in Einklang gebracht, dass Bedürftige 
allenthalben von dem Schulgeld befreit werden. Den Ausfall 
deckten meist die Ortsarmenkassen. 

Oberblicken wir insgesamt noch einmal die Fortschritte, die 
das 19. Jahrhundert in seiner ersten Hälfte der Volksschule, und 
damit auch der Volksmädchenschule, gebracht hat, so sehen wir 
— noch nicht in voller Ausgestaltung, aber doch schon in der 
Anlage — den Organismus vor uns, den das heutige moderne 
Volksschulwesen darbietet Wesentliche Veränderungen in der 
Anlage des Ganzen bringt die zweite Hälfte des Jahrhimderts nur 
noch vereinzelt 

b) Die Entwicklung der höheren Mädchenschule 

nach den Freiheitskriegen. 

ylch glaube an die unendliche Menschheit, die da war, ehe sie die 
Holle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm. 

Ich glaube, dass ich nicht lebe, um zu gehorchen oder um mich 
zu zerstreuen, sondern um zu sein und zu werden; und ich glaube an 
die Macht des Willens und der Bildung, mich dem Unendlichen wieder 
zu nähern, mich aus den Fesseln der Missbüdung zu erlösen und mich 
von den Schranken des Geschlechts unabhängig zu machen. 

Ich glaube an Begeisterung und Tugend, an die Würde der Kunst 
und den Reiz der Wissenschaft, an Freundschaft der Männer und Liebe 
zum Vaterlande, an vergangene Grösse und künftige Veredlung. * 

So hatte der junge Schleiermacher einst sein Frauenbildungs- 
ideal geprägt Das war eine Befreiungsthat gewesen. War es 
doch zum ersten Mal, dass über die Frage der Frauenbildung 
gesprochen wurde ohne jene Mischimg von Galanterie und 
autoritativem Wohlwollen, die bestenfalls den Ton der Erziehungs- 
schriften bis dahin beherrschte; dass aus einem edlen, vornehmen, 
auf feinste Abklärung sittlicher Instinkte gegründeten, indivi- 
dualistischen Empfinden heraus alle Thore einfach aufgethan wurden 
für den Menschen in der Frau, dass dieses Zumessen, dieses 
diktatorische und generalisierende „das Weib sei^ imd i^des 
Weibes Handeln sei" unterging in der freien und gerechten An- 

>) VfL Handbndi der Franeabewegung. Teil L S. xpf. 



— 8i — 

erkennung der ipUnendlicben Menschheit, die da war, ehe sie die 
Halle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm'. 

Teils eine gewisse Gleichgiltigkeit gegen die äussere, praktische 
Seite einer geistigen Reform, teils die Entfernung des älteren 
Schleiermacher von den Emanzipationsgedanken seiner romantischen 
Epoche bestimmt die Behandlung der Mädchenbildung in seiner 
Erziehungslehre. Er giebt zwar zu, dass eine immer stärkere An- 
gleichung der Blädchenbildtmg an die der Knaben in der Richtung 
der menschlichen Kulturentwicklung läge, so wie mit fortschreitender 
Kultur das Weib Oberhaupt im öffentlichen Leben mehr hervor- 
treten wQrde, *) aber er hält — im Gq;ensatz zu so manchem der 
schon erwähnten philanthropisch beeinflussten Vertreter der öffent- 
lichen Erziehung — daran fest, dass die Beziehung der Frau zum 
Staat, zu den Aufgaben der Gesamtheit keine unmittelbare sei, 
sondern dass die Frau nur i^die Teilnahme des Mannes an allen 
grossen Lebensgemeinschaften abspiegele'. Ihre Erziehung hat 
ausschliesslich in der Familie stattzufinden, weil ,,die Art, wie 
die grossen Lebensgemeinschaften in der Familie repräsentiert 
werden, die Norm sei für ihre AufTasstmg derselben.'*) 

Wie in der ganzen Erziehungslehre, so werden auch in Bezug 
auf die Mädchenerziehung die Probleme auf so abstrakt- philo- 
sophische Formeln gebracht, dass die Resultate der Lösung gar 
keinen praktischen Inhalt mehr haben. Eine Trennung, wie 
Schleiermacher sie vornimmt, indem er in der Erziehung die 
Funktionen: „Entwicklung der persönlichen EigentOmlichkeit' und 
„TQchtigmachen für die grösseren Lebensgemeinschaften' sondert 
und sagt, die erste sei an Knaben und Mädchen in gleicher Weise, 
die zweite immittelbar nur an den Knaben zu vollziehen, eine 
solche Trennimg ist praktisch nicht denkbar. Thatsächlich be- 
deutet eine Zurückstellung der zweiten zugleich eine Verkümmerung 
der ersten Funktion — und das hat die Geschichte der Mädchen- 
bildung von Schleiermacher ab mit Evidenz bewiesen. 

Vielleicht hat gerade diese Zeit Ober das Schicksal der 
Mädchenbildung fOr Jahrzehnte hinaus entschieden. Alle Keime 
zu einer gesunden Entwicklung waren vorhanden: die Glanzepoche 
im Geistesleben der deutschen Nation hatte das BedOrfbis zu 
geistiger Erhebung der Frau geweckt, hatte das Verständnis fOr 
ihre spezifischen geistigen Ansprüche verfeinert und das Philistertum 



1) Schleiermaehcr, Eniehuafslehre. Heram y c feb en tod C Platz. Langcnialza 
1871. S. 80 C 

*) A.«.a 8. 186C 
Haadbaeh dar Fraaaabawaf vnf. ÜL Tafl. 6 



— Sa — 

Qberwunden, das sie in KOche und Keller festzuhalten strebte. Auf 
der andern Seite hatten das nationale UnglQck und die Freiheits- 
kriege die Bedeutung der Frau für das Gemeinwesen und die 
Notwendigkeit, ihre Liebe und ihr Interesse fOr das Vaterland zu 
wecken, so nachdrücklich gezeigt dass Stein ja versuchte, sie an 
der Arbeit einer j^grösseren Lebensgemeinschaft' direkt zu be« 
teiligen; die Pädagogik führte zur Mutter in die Wohnstube, als 
die Erziehungsstätte im eigentlichen Sinne, sie wies auf praktische 
Ertüchtigung für das bürgerliche Leben. Und schon wuchsen die 
geistigen Tendenzen, schon meldeten sich auch die wirtschaftlichen 
Ursachen, die auf eine Emanzipation der Frau hindrängten. 

In einer einzigen Erziehimgsschrift dieser Zeit finden wir diese 
Demente alle vereinigt Es ist das Buch einer Frau. Die Schrift 
von Betty Gleim ,,Erziehung und Unterricht des weiblichen 
Geschlechts' *) mutet in ihrem Hauptteil an, wie eine Umschreibung 
von Schleiermachers ,,Katechismus der Vernunft für edle Frauen". 
Als Mensch soll die Frau zuerst und vor allem andern gebildet 
werden. Ihre Erziehung zur Gattin, Hausfrau und Mutter kann 
erst an zweiter Stelle stehen, denn sie giebt nur die Form, in 
der die Frau dieses Menschheitsideal verkörpert. 

Dieser Grundaufiassung von den Aufgaben der Mädchen- 
erziehung entspricht die Stellung der Verfasserin zu der Frage 
der spezifisch weiblichen Bildung. Sie sieht das Ziel dieses Teils 
der Erziehung in der Ausbildung der Geschlechtsindividualität und 
in der Vorbereitung für den Beruf der Gattin, Mutter und Hausfrau. 
Betty Gleim ist durchaus keine Vertreterin des Dogmas von der 
psychischen Gleichartigkeit der Geschlechter. Sie steht mit ihrer 
Psychologie des Weiblichen auf keinem andern Boden als alle 
ihre Vorgänger von Kant an. Sie betont nur stärker, als sie alle 
es thun, die aktive Seite der Geschlechtscharaktere, die sie dem 
Weibe zuschrieben. * So sieht sie die sensitivere Psyche der Frau 
nicht nur „zärtlich geängstigt vom Bilde der Qualen'\ sondern sie 
erfsttst auch in ihr das feinere Vermögen, von dem Wahren und 
Guten eiffrifien zu werden, imd die beweglichere, leichter reagierende 
Kraft, solchen Eindrücken entsprechend zu handeln. Und ebenso 
hält sie an der natürlichen Bestimmung der Frau als der gegebenen 
Grundlage ihrer Bildung fest aber sie leitet aus den mit dieser 
natürlichen Bestimmung verknüpften Aufgaben keine be- 
schränkenden negativen, sondern im Gegenteil die um- 



ISia 



- 83 - 

fassendsten positiven Forderungen ab. Vor allem aber traf sie 
mit sicherem Empfinden den wimden Punkt sämtlicher mit Bezug 
auf die Madchen angestellten Erziehungstheorien und der herr- 
schenden Erziehungspraxis. 

Er lag da, wo man das spezifisch Weibliche aus- 
schliesslich erfasste als eine Summe von Zweck- 
beziehungen zum Mann. In der Frontstellung gegen diese 
GrundaufiTassung aller Mädchenerziehungsfragen wird Betty Gleim, 
die sich prinzipiell entschieden gegen irgend welche berufliche 
oder gar politische Befreiung der Frau wendet, zur entschiedenen 
Vertreterin des Grundgedankens aller Frauenemanzipation: 

jyja, gewiss, es kann nicht geleugnet werden» das weibliche Ge- 
schlecht ist einer unendlichen Vervollkommnung und einer wahren, 
vielbedeutenden Grösse OÜiig, aber seit Jahrtausenden unterliegend dem 
Rechte des physisch Starkeren, mehr noch dem Vorurteile, als sei das 
Weib nur des Mannes wegen da, und nur insofern etwas wert, als es 
dem Manne gefalle und diene, ist in ihm vieles unterdrflckt und geknickt, 
vieles unerkannt und unbemerkt zu Grunde gegangen.') 

Unter diesem Gesichtspunkt und aus der Erkenntnis der wirt- 
schaftlichen Lage der Frau geht sie Ober den Rahmen der all- 
gemein menschlichen und der spezifisch weiblichen Erziehimg 
hinaus tmd verlangt eine MbOrgerliche*' Erziehung, die als 
drittes dazukommen muss, „wenn das Weib sich einst in seinem 
Dasein völlig beruhigt, wenn es sich auf Erden frei, froh und 
glQcklich fohlen soll**. 

Sie denkt dabei an die Ausbildung für einen der Natur der 
Frau entsprechenden Berul Als solcher gilt ihr der der Er- 
zieherin, Lehrerin, Kinderpflegerin, Haushälterin und der Kranken- 
pflegerin. — In der feinsinnigen, ins einzelne gehenden Erziehungs- 
lehre, die sie diesen allgemeinen Auseinandersetzungen anschliesst, 
zeigt sich Betty Gleim als eine tief eindringende Interpretin Pestalozzis. 

In striktesten Gegensatz zu Schleiermacher tritt sie am 
Schluss ihres Buches, wo sie dem Staat die Verpflichtung auf- 
erlegt, ,,die Idee der Bildung und eines erhöheten Seins an die 
Menschen, tmd namentlich an die Weiber zu bringen". Sie steht 
darin ganz unter dem Einfluss von Fichtes Erziehungsgedanken. 
Was sie verlangt, sind Lehrerinnenseminare, Anstalten zur Bildimg 
von Kinderwarterinnen imd Kinder -Verpflegungsanstalten, gute 
Elementarschulen, zweckmassig eingerichtete Madchenschulen imd 
Industrieschulen. 

I) A. a. o. s. S7. 



- 84 - 

Was man in diesem z8xo erschienenen Buch von Betty Gleim 
vielleicht noch vermissen mag, die Betonung des Nationalen, des 
Verhältnisses der Frau zu ihrem eigenen Vaterland, seinen 
Schicksalen und seiner Entwicklung, dafür hat ihr selbst erst die 
Zeit der Freiheitskriege eine Erfahrungsgrundlage gegeben;^ mit 
Arndt und Jahn hat sie auf die Mission der deutschen Frau für 
die nationale Wiedeigeburt hingewiesen. 

Und doch hat die grosse Zeit keine bleibenden Beziehungen 
geknüpft zwischen dem Staat und den Frauen, doch haben sich 
die Bande, die sie mit der Gesamtheit des Volkes zusammen- 
schlössen, nur allzu schnell wieder gelockert 

Die höhere Mfldchenerziehimg ist nicht die Vfegt gegangen, 
die ihr die geistigen, politischen, pädagogischen Bewq;ungen der 
Vergangenheit wiesen. Sie hat von dem Kulturerbe, das das 
scheidende z8. Jahrhtmdert der jungen Generation in. die Hflnde 
legte, nur einen Teil aufgenommen und festgehalten, nämlich 
alle die ästhetischen Demente, und in übermässiger Betonung 
der Differenziertheit der Geschlechter ihre breite Grundlage 
verloren. 

Es ist interessant, neben das Erziehungsprogramm von Betty 
Gleim eines aus dem nächsten Jahrzehnt zu stellen, in dem sich 
die bedenkliche Wendung, die die ganze Entwickltmg der öffent- 
lichen Mädchenerziehung jetzt nahm, schon merkbar ankündigt 
Ein Programm einer Mädchenschule zu Berlin, der an die Real- 
schule des Direktor Spilleke angeschlossenen Töchterschule, mag 
als Typus der neuen Richtung dienen. Als Gnudlage des ganzen 
Plans ist die psychologische These angenommen, dass das Weib 
i^alles mehr durch Sinn und Gefühl als durch den reflektierenden 
Verstand auffasse'. Hatte Betty Gleim an diese Thatsache die 
Forderung geknüpft, dass man diesem leicht erregbaren Sinn in 
einer gründlichen intellektuellen Bildung das Korrektiv gebe, so 
meint Spilleke, der Mädchenunterricht habe deshalb .aus dem 
ganzen Gebiet des Wissens nur dasjenige auszuwählen, was am 
meisten geeignet ist, den Sinn zu veredeln und das Geflllhl zu 
reinigen", und es ist nur zu bezeichnend, dass in seiner Definition 
des Wortes i^Bildung" : harmonisches Zusammensein aller geistigen 
Kräfte, sich aussprechend durch den Sinn für das Gute und 
Schöne — der Sinn für das dritte Ideal, das Wahre, trotz der 
geforderten ,,Harmonie aller Kräfte'' unter den Tisch fällt 



VfL A.KippeBberf. Betty Glein Em Leben»- und Chankterbfld. Bremen X8B9. 



- 8^ — 



Es bedeutet neben diesem alles beherrschenden Gnindzug m 
Spillekes Programm wenig, dass er zugesteht, die Übung des Ver- 
standes sei nicht gänzlich zu vernachlässigen imd der Unterricht 
mOsse gewisse praktische Kenntnisse fOr das spätere Leben des 
Mädchens vermitteln. Wie einseitig die Unterrichtsstofife der 
Gefühlsbildung untergeordnet werden» zeigt folgendes Schema, 
das Spüleke aufisteilt: 



A. Unterrichtsgegenstände zur Erweckung 
des religiösen und sittlichen Sinns 



B. Unterrichtsgegenstände zur Erweckung 
und Bildung des Schönheitssinnes 

C Untemchtsgegenstände zur Bildung des 

Verstandes 



D. Unterrichtsgegenstände, die sich auf 

die künftige Stellung in den äusseren Ver- 

hältnissen beziehen 



{ 



z. Unmittelbarer Reli- 
gionsunterricht, 

2. Gesang, 

3. Naturkunde, 

4. Geschichte, 
z. Deutsch, 

a. Schreiben, 

3. Zeichnen, 

4. Gesang, 

5. Handarbeiten, 
z. Deutsch, 

2. Rechnen, 
z. Deutsch, 

2. Rechnen, 

3. Schreiben, 

4. Handarbeiten, 

5. Neuere Sprachen, be- 
sonders Französisch. 



Das Schema umfasst eine ganze Mädchenschulpädagogik imd 
könnte zur Charakteristik der herrschenden Tendenzen gar nicht 
bezeichnender sein: der Ausdruck ,, unmittelbarer Religionsunter- 
richt', der alle andern Fächer unter den Begriff ,,mittelbarer 
Religionsimterricht'' stellt — die Einordnung der Naturkunde unter 
die Fächer zur Bildtmg des sittlichen und religiösen Sinnes — die 
Behandlung der fremden Sprachen lediglich als zu erlernende 
Fertigkeiten — die Betonung der sittlich, moralisch, ästhetisch 
wirkenden Fächer vor den intellektuell und praktisch bildenden. 
Beseitigte diese auf die Bildung des spezifisch Weiblichen ab- 
zielende Erziehung auch manche Fehlgriffe der philanthropisch- 
rationalistischen Programme, z. B. die starke Inanspruchnahme des 
Ehrgeizes durch öffentliche Examen, Prämien etc. imd das Zuviel 
all der „nützlichen" Fächer, in die man einfahren wollte — so 
löste sie doch auch die Entwicklung der Mädchenschule zu ihrem 
Nachteil vollständig von der der Knabenrealschule, zu der sie 
ursprünglich eine Parallelanstalt bildete. 



— 86 — 

Die in dem erwähnten Plan zum Ausdruck kommenden 
Tendenzen beherrschen die Erörterung Ober die Mädchenschule, 
und, soweit man das beurteilen kann, auch die Unterrichtspraxis 
bis in die sechziger Jahre hinein. Oberall, wo wir die theoretische 
Litteratur aufschlagen, die aus den Kreisen der Direktoren und 
Lehrer hervorging, finden wir diese einseitige Betonung der Geibhls- 
bildung unter dem Gesichtspunkt, dass im Weibe vor allem diese 
Seite zu entwickeln seL Und ein gewisser pathetisch-sentimentaler 
Ton beweist, wie all diese Erziehungsgrundsätze anknöpften an ein 
bestimmtes weibliches Ideal, das ein Stück Weltanschauung ge- 
worden war, das man mit Andacht und Pietät verehrte, pflegte, 
mit heiligem Eifer in der jungen Generation zu verwirklichen 
suchte und an das zu rflhren Sakrileg gewesen wäre. 

Wie es kam, dass man gerade dieses weibliche Ideal in der 
Mädchenschule aufrichtete? Es ist nicht ganz leicht, die GrQnde 
dafür im einzelnen darzulegen. Zum Teil sind sie allgemeiner 
Natur. Man vergegenwärtige sich, wie nach den Freiheitskriegen 
unter dem Regime der heiligen Allianz der Rationalismus seine 
Macht endgiltig verlor, dessen, bei aller vernünftelnden Pedanterie 
doch gesunde Richtung auf das Praktische, Nützliche, dessen 
entschiedene Betonung der Pflichten gegen die Allgemeinheit auch 
der Mädchenbildung zu gute gekommen war. Die von offizieller 
Seite ausgehende m3rstisch-schwärmerische Begeisterung für mittel- 
alterliche Ideale umkleidete auch das Weib mit einer welt- 
entrückenden Glorie. Und krankhaft gesteigert wird diese Stimmung 
durch die allgemeine Lauheit und Schlaffheit der öffentlichen 
Interessen: bot doch der politische Schauplatz wahrhaftig nichts, 
woran nationale Begeisterung sich hätte nähren, woran nationale 
Kraft sich hätte bethätigen können. Die Flut der geistigen Kräfte 
der Nation, die einmal über die Sphäre des Litterarisch -Philo- 
sophischen hinausgestiegen war, ebbte dahin wieder zurück. 
Dazu kommt die wirtschaftliche Misere der Zeit In den Kreisen, 
aus denen sich die Schülerinnen der höheren Mädchenschule 
rekrutierten, war die Frau fester denn je an das Haus gefesselt 
Wenn wir in den Briefen unserer Urgrossmütter lesen, welche 
unendlichen ängstlichen Erwägungen der Anschaffung eines neuen 
Sofabezuges vorangingen und nachfolgten, und durch welche 
erfinderischen Manöver aus dem schmalen Haushaltsgelde wenigstens 
für den Eheherm das Fleisch zu Mittag herausgewirtschaftet wurde, 
dann versteht man, welch ausserordentliche Bedeutung diesem 
peinlichen Sparen und Sorgen der Frau für die Aufrechterhaltung 



- 87 - 

des Haushaltes zukam» dass man alles daran setzte, die Frau 
in ihrer Sphftre festzuhalten und ihr Interesse möglichst aus- 
schliesslich daran zu knüpfen. 

Ein andrer Grund liegt sicherlich in der Zusammensetzung 
des Lehrpersonals der höheren Mädchenschulen. Allgemein galt 
der Theologe als der berufene Mädchenlehrer. Wenn am Ort 
keine öffentliche Schule war, dann pflegte der Geistliche ein paar 
Honoratiorentöchter zu Litteraturstunden zu vereinigen; manche 
Privatschule ist sicherlich aus solchen Familienzirkeln entstanden, 
und auch die Leitung der in immer grösserer Zahl entstehenden 
städtischen Mädchenschulen legte man gern in die Hand von 
Theologen. So wurde dann die Erziehung vielfach mehr unter 
dem Gesichtspunkt der geistlichen Seelsoi^ als in streng schul- 
mässigem Sinne erfasst und gehandhabt 

Die äussere Entwicklung der höheren Mädchenschule schritt 
in dieser Zeit rascher vorwärts. Nach der Aufstellung von 
Nöldeke «) wurden in Deutschland bis 1820 22 öffentliche Mädchen- 
schulen, von 1821 — 1840: 34, 1841—1860: 47 gegründet Ab- 
gesehen von einigen Anstalten, die forstlicher Gönnerschaft ihre 
Entstehung verdankten — wie etwa das Katharineum in Stuttgart 
oder die Cädlienschule in Oldenburg ^ waren diese öffentlichen 
Schulen städtische Veranstaltungen, die teils aus Privatinstituten 
hervorgingen, teils wie die Knabenrealschulen in unmittelbarem 
Anschluss an die Bedürfnisse des höheren Bürgerstandes von den 
Kommunen geschaffen wurden. 

Für die Auswahl der Fächer imd die Lehrziele wurden örtliche 
Bedürfhisse und Anschauimgen massgebend. Trotzdem finden wir 
bei aller Buntheit in den Lehrplänen doch immer eine gewisse 
Cbereinstimmung der Fächer imd Methoden. Auf dem Lehrplan 
steht: Religion, Deutsch, Geschichte, Geographie, Rechnen, Natur> 
künde; als Fremdsprache Französisch, zuweilen noch Italienisch, 
in den dreissiger und vierziger Jahren statt dessen mehr imd 
mehr Englisch; von den technischen Fächern werden die Hand- 
arbeiten zuerst sehr stark, dann in abnehmendem Masse betont, 
daneben findet sich Zeichnen und Gesang. Der Tanzunterricht, 
der früher ein unentbehrlicher Lehrgegenstand war, verschwindet, 
wie das in der Natur, der Sache lag, in dem Masse, als aus den 
höheren Mädchenschulen grössere Systeme wurden. Turnen nimmt 
erst in den sechziger und siebziger Jahren seine Stelle ein. Wo, 



I) Von Wdaar bU BerUa. Bcriin z88a 



— 88 — 

wie in dem preussiscben Unterricbtsgesetz-Entwurf von 1819, eine 
allgemeine Klassifikation der Mädchenschule vorgenommen wurde, 
stellte man sie auf eine Stufe mit der Knabenreakchule. Mit 
dieser zusammen bildet nAmlich in dem erwähnten Entwurf die 
Madchenschule eine neue Katq^orie, die zwischen die beiden 
Schulgattungen des preussiscben Landrechts — Gymnasien imd 
Volksschulen — hineingeschoben und als (^allgemeine Stadtschule'' 
bezeichnet wird. Der Einrichtungsplan gilt filr beide, Knaben und 
Mädchen, gleichmassig, nur im Rechnen gehen die Anforderungen 
an die Knaben Ober die an die Bladchen hinaus; der Latein- 
unterricht wird nur für die Knaben gefordert, und filr Madchen- 
schulen wird die EinfQhrung von Handarbeitsunterricht verlangt *) 

Viel bunter war die äussere Organisation der Schulen, da sie 
in jedem einzelnen Fall von den zufällig zur Verfügung stehenden 
Kräften und Mitteln abhing und in keiner Weise einheitlich geregelt 
wurde. Neben gut ausgestalteten Systemen bis zu 8 Klassen 
finden sich eine Unzahl kleiner Privatschulen, in denen eine einzige 
Lehrerin sämtliche Jahrgänge gemeinsam unterrichtete. Dass 
diese kleineren Organismen den grösseren gegenober in der Mehr- 
zahl waren, beweist eine im Jahre 1833 verO£fentlichte Statistik.*) 
Danach waren nämlich an den 342 Töchterschulen in Preussen 
insgesamt 1278 Lehrkräfte beschäftigt; das ergiebt fOr die einzelne 
Schule nur eine Durchschnittsziffer von 3,7. 

Die erwähnte Statistik vom Jahre 1833 giebt fbr die Töchter- 
schulen 538 Lehrer und 289 Lehrerinnen an — abgesehen von 
Hilfskräften, die nicht nach dem Geschlecht spezifiziert werden. 
Wie stand es bei dieser verhältnismässig grossen 2^ahl von 
Lehrerinnen mit der LehrbefiLhigung imd der Vorbildung? 

Es ist schon bei der Behandlung der Volksschule erwähnt 
worden, dass eine Reihe von privaten Instituten Lehrerinnen aus- 
zubilden pflegten. Es scheint dabei verfahren zu sein wie etwa 
heute noch in Russland, dass man in der obersten Klasse einer 
Mädchenschule etwas Pädagogik einschob und den Teilnehmerinnen 
an diesem Kursus mit der Beendigung der Schule zugleich die 
Befaihigung zum Unterrichten zuerkannte. Mit der Entwicklung 
der Pädagogik stiegen aber natOrlich die Anforderungen an die 



>) Vgi Dr. K. Sehneider und Dr. A.Petersilie: Die VoUu- und die IfitteUehulen, 
sowie die sonstigen niedrigen Sdiulen im prenisischen Staate im Jahre iS^x. Berlin 189^ 
S.sx8f: 

*) V^ JahrbOdier fOr wissenschafUidie Kritik, Z8I33, IL TaheUarische Obersicht der 
Unterriditsanatahcn der prenssisdien Monarchie. 



- 89 - 

Fachbildung der Lehrerinnen Ober das Mass dessen hinaus, das 
ihnen auf diese Weise geboten wurde. Das BedOrinis nach 
eigentlichen Lehrerinnenseminaren b^ann fühlbar zu werden. Es 
war Preussen, das zuerst mit der Gründung von Lehrerinnen- 
seminaren begann. Die andern Staaten folgten durchgehend erst 
in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 

Der erste Versuch ging, wie das vielfach auch bei den höheren 
Töchterschulen geschehen war, von fürstlicher Seite aus. 1811 
wurde in Berlin die königliche Luisenstiftung gegründet, ^m der 
junge Madchen, welche für das hAusliche oder öffentliche Er- 
ziehungswesen sich zu bilden wünschten, die Geschäfte der Haus- 
fiau und Lehrerin ausübend zu lernen Gelegenheit fanden, indem 
sie unter entsprechender Anleitung und in zweckmässiger Um- 
gebung Endeherinnen jüngerer Mädchen wurden. ** *) Diese ^^Er- 
zieherinnen* traten im Alter von 18^22 Jahren in die Anstalt ein 
und blieben drei Jahre dort, um während dieser Zeit teils allgemein 
wissenschaftlich, teils methodisch und praktisch durch Hospitieren 
und Unterrichtsübungen ausgebildet zu werden. Am Schluss dieser 
Zeit erhielten sie ein Entlassungszeugnis von der Anstalt, das ihnen 
als Nachweis f&r ihre BefSSLhigung zum Unterricht diente. 

Ein weiterer Schritt war die Errichtung einer mit einem Seminar 
verbundenen königlichen höheren Töchterschule, ebenfalls in Berlin, 
im Jahre 1832, die später den Namen lyAugustaschule" erhielt Die 
Schülerinnen traten hier im Alter von 16 Jahren ein. Die ersten beiden 
Jahre waren der Vertiefung und Erweiterung der allgemein-wissen- 
schaftlichen Bildung gewidmet Praktische Übungen setzten im 
zweiten Jahr ein, imd im dritten Jahr wurden die Seminaristinnen an 
verschiedenen Berliner Schulen praktisch beschäftigt Die Frequenz 
stieg so schnell, dass 1845 die Anstalt schon 140 Lehrerinnen 
entlassen hatte. Die Unterrichtsfächer waren die der höheren 
Mädchenschule, mit Ausnahme der Naturwissenschaften, 
und Pädagogik. Beachtenswert ist dabei vor allem, dass es sich 
bei der Berliner Anstalt um die Vorbildung von Lehrerinnen für 
„mittlere und höhere Töchterschulen" handelte. Thatsächlich aber 
traten ihre Schülerinnen später auch in den Dienst der Volks- 
schule. Das umgekehrte Verhältnis herrschte in dem von Pastor 
Fliedner zu Kaiserswerth 1844 begründeten Seminar für Elementar- 
lehrerinnen, das später durch die Aufnahme der Fremdsprachen 
auch die Vorbildung für höhere Mädchenschulen gewährte. Bei 

>) VfL K. Bormana. Ote Profoiif der Lehreriaaea ia Prcouca. B«rlia X867. S. 04. 
*) Bormaaa a. a. O. S. 3d£ 



— 90 — 

der zunächst geringen Zahl der vorhandenen Anstalten suchte 
man dem doppelten BedQrfnis gleichzeitig zu genügen, und was 
zuerst Notbehelf war, wurde nachher die Regel. Es ist selbst- 
verständlich, dass dabei die Bedürfnisse jeder einzelnen Kategorie 
nicht in der wünschenswerten Weise Berücksichtigung finden 
konnten, dass die methodische Ausbildung der Volksschullehrerin 
von vornherein tiefer gesetzt war als die des Lehrers, dass 
andrerseits die Lehrerin für höhere Mädchenschulen nicht die 
wissenschaftliche Beherrschung des Stofies erwarb, die es ihr er- 
möglichte, im Unterrichtskörper der höheren Mädchenschule die 
ihr zukommende Stelle einzimehmen. 

Die Gründung der Berliner Anstalt veranlasste 1837 das 
Provinzial-SchulkoU^um der Provinz Brandenburg, eine Prüfungs- 
ordnung für Lehrerinnen zu erlassen *)• Die Prüftmg war in Religion, 
Deutsch, Geschichte, Geographie, Rechnen und Erziehungslehre 
obligatorisch, in Französisch, Zeichnen, Schreiben und Gesang 
fakultativ. Sie wurde für die Schülerinnen des Seminars in der 
Anstalt selbst, für auswärtige von einer Kommission abgenommen, 
die aus einem Mitglied des Provinzial-Schulkoll^ums, dem Direktor 
des Berliners Seminars für Stadtschulen *) imd dem Vorsteher des 
königlichen Lehrerinnenseminars (damals Bormann) bestand. 
Wer die Prüfung bestand, erhielt ein Zeugnis vom Provinzial- 
Schulkoliegium. Durch die Einführung amtlicher Prüfungen, für 
die 1845 und 1853 die ersten allgemeinen Ministerialerlasse') gegeben 
wurden, trat der Lehrerinnenstand in diejenige Phase seiner Ent- 
wicklung ein, die der Lehrerstand schon fast ein halbes Jahr- 
hundert früher begonnen hatte. 

2. ' 

Die Entwleklnng der deutsehen M&dehanschole von der Mitte des 

19. Jahrhanderts bis zur Gegenwart 

Allgemeines. 

Die Geschichte des Mädchenschulwesens in den letzten Jahr- 
zehnten steht im Zeichen der (»sozialen Frage'' und im besondem 
der „Frauenfrage". Freilich liegen diese Beziehungen nicht so am 



I) VfL die Bestmunimfen ia dem Repertorium der wicfatiftteii Gesetze, Minittexial- 
und Refierunfireskripte Ober du Sehtüwesen io den kOmirlicfa prernntdien StftAten Mit 
dem Jahre x8i6 bU inU. xfi43. Breslau und Neiss« X&44. S.6x£ t. Rönne a. a. O. S.43& 

<) Es war das eine Anstalt cur Ausbildunf von MittelschuUehrem. 

*) VfL IIin.-Reskript vom 04. Juni ZS45 betr. die Prüfung und Zulassunf von Lehrerinnen 
und vom 99^ November 1633 betr. die PrOfunf von Schulvorsteherinncn, die aber beide nodi 
keine spezifizierten Forderungen enthalten, v. Rönne. S. 498. 



_ 91 — 

Tage, dass die Wirkung der grossen sozialen Bewegung des 
19. Jahrhunderts aus der Entwicklung der Schule unmittelbar ab- 
zulesen sei, aber wer von der Jahrhundertwende, die eben hinter 
uns liegt, rückblickend die Geschichte der öffentlichen Mädchen- 
erziehung überschaut, der wird doch die bestimmenden Triebkräfte 
in der wirtschaftlichen Umwälzung und den durch sie hervor- 
gerufenen oder wenigstens zur Aktivität getriebenen sozialen, 
politischen und geistigen Bewegungen erkennen. 

Wir sehen die Volksschule der G^enwart mit den Ergebnissen 
dieser Entwicklung ringen. Die Bewältigung der Aufgaben, die 
ihr aus der (^sozialen Frage* erwachsen, steht (br sie im Vorder- 
grunde imd beeinflusst mehr oder weniger auch die Betrachtung 
innerer, rein methodischer Gebiete. Das gilt auch in Bezug auf 
die speziellen Aufgaben der Mädchenvolksschule. Die sozialen 
Wirkungen der industriellen Entwicklung stellten ihr das Problem 
des hauswirtschaftlichen Unterrichts, der obligatorischen Fort- 
bildungsschule, der beruflichen Ausbildung, sie wiesen auf die 
Bedeutung der vernachlässigten körperlichen Erziehtmg mit 
zwingender Dringlichkeit hin, aus ihnen leitete man Forderungen 
ab, wie die Einführung der Gesetzeskunde in den Lehrplan der 
MädchenvoUcsschule u. s. w. u. s. w. 

Die andre Seite derselben sozialen Entwicklung kommt in der 
Mädchenbildung in den höheren Ständen zur Geltung. Die ,,Frauen- 
frage* als eine Frage des höheren und niederen Mitteistandes er- 
scheint, ehe man sich dessen bewusst wurde, auf dem Gebiet des 
höheren Mädchenunterrichts. Das steigende Bildungsbedürfnis der 
bürgerlichen Frau, hervorgerufen und genährt teils durch die haus- 
wirtschafcliche Entlastung, teils durch den Gedanken an die Not- 
wendigkeit selbständigen Erwerbs, teils durch alle die geistigen 
Momente, die später in der Frauenbewegung zum Ausdruck kamen, 
giebt sich in den rasch steigenden Frequenzziffem der bestehenden 
höheren Mädchenschulen, in der Ausdehnung ihrer Unterrichts- 
pensen und der Verbesserung ihrer Lehrkräfte kund, lange schon 
ehe man diesen Zusammenhang erkannte, ehe eine frauenrecht- 
lerische Agitation für die Hebung der Mädchenschule eintrat 
Allmähliche Anpassung an die Forderungen dieser Agitation,*) oder, 
besser gesagt, an die zwingenden Bedürfhisse der Zeit, das ist die 
Geschichte der Mädchenschule während der letzten Jahrzehnte. 



O Die GMChidite der Ffmucnbildimfi be if egua f sIcIm Headboch der Frauen b ewe gun f 
Teil L S. 8x ff. 



— 92 — 

a) Die moderne Volksschule. 

Es ist am Schluss des letzten Abschnitts Ober die Volksschule 
gesagt worden, dass die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts 
die GnmdzQge ihrer gegenwärtigen Gestalt schon festgelegt hatten. 
Es handelt sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts um die 
Verwirklicliung des g^ebenen Prognunms, um die Anpassung 
seiner einzelnen Forderungen an die in machtigem Fluss befind- 
lichen sozialen Verhältnisse. 

Ein Hauptpunkt dieses Programms, der immer noch voller 
Durchfährung harrte, ist der allgemeine Schülzwang. 

Neben den Schwierigkeiten, die der Lehrermangel, die Stumpf- 
heit der Landbevölkerung, in Preussen noch insbesondere die 
uneinheitliche Organisation des Schulwesens in den verschiedenen 
Landesteilen der Ausbreitung des Schulzwangs entgegenstellten, 
hatte die wirtschaftliche Entwicklung ein neues Hindernis ge- 
schaffen, die Industriearbeit der Kinder. Nur langsam hat die 
Gesetzgebung vermocht, diese Kinder fOr die Schule zurück- 
zugewinnen. Die Angst um die aufblähende deutsche Industrie 
hat ihr dem empörendsten Massenmord gegenüber lange die 
Hände gebunden. Man steht wie vor einem Rätsel, wenn man 
die 1824 amtlicherseits eingeforderten Berichte aus den preussischen 
Industriedistrikten imd die erst 15 Jahre später erlassene sehr 
bescheidene Königliche Verfügung zur Einschränkung der Kinder- 
arbeit nebeneinander stellt: 

„In der Baumwollspinnerei zu Herford arbeiten die Kinder im 
Alter von 8 — 14 Jahren täglich von 5 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags 
und von i Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends, gemessen dieselbe 
Gesundheit wie alle übrigen Kinder, besuchen an 2 Wochentagen den 
Unterricht in den Schulen und betragen sich sittlich gut, worauf von 
dem Fabrikherm ganz besonders gehalten wird. In Gemheim (Glas- 
hfltte!) werden 27 Knaben beschäftigt im Alter von zo— 14 Jahren; sie 
arbeiten abwechselnd von 2 Uhr mittags bis 2 Uhr nachts und von 
2 Uhr nachts bis 2 Uhr mittags, also 22 Stunden; der Gesundheits- 
zustand dieser Kinder ist sehr gut . . / 

Dieser gewissenlose Optimismus ist bezeichnend für den Ton 
der allermeisten Berichte — nur wenige geben zu, dass der 
gesundheitliche und sittliche Zustand der Kinder die Folgen ihrer 
Ausbeutung bekunde. Von der Arbeit in schlesischen Glashütten 
wird zwar hervorgehoben, dass sie ,, Gesundheit und Lebenskraft 
allmählich schwäche**, aber die Kinderarbeit mit der kühnen Schluss- 
folgerung gerechtfertigt, „dass, wenn die stufenweis zunehmende 



— 93 — 

Gewöhnung an die Beschwerlichkeit dieses Berufes nicht schon 
firOh beginnen würde, die angedeuteten Folgen vielleicht noch 
störender und eher sich Aussem möchten.* ^ 

Von Schulunterricht \9rar entweder — wie aus den Kreisen 
Düsseldorf, Elberfeld, Lennep, Solingen, Kempen u. a. berichtet 
wird — überhaupt nicht die Rede, oder er fand, j^wenn die Arbeit 
nicht drängte'*, in einigen Mittags- oder Abendstunden, zuweilen 
auch Sonntags, statt, oder man nahm, in günstigen Fallen, die 
Kinder erst auf, wenn sie zwei bis drei Jahre die Schule besucht 
hatten. Von den arbeitenden Kindern in einem rheinischen Hütten- 
werk wird berichtet: yda sie aus der ärmsten Klasse genommen 
werden, so würden sie ohnehin die Schule nicht besuchen*. — 

Es giebt kaum* ein charakteristischeres Zeugnis für die sozial- 
politischen Anschauungen der Zeit, als diese Berichte und die 
Thatsache, dass fünfzehn Jahre vergingen, ehe die Regierung mit 
gesetzlichen Massnahmen vorging, und schliesslich dieses be- 
scheidene königliche Regulativ von 1839*) selbst, das nur die Nacht- 
und Sonntagsarbeit der Kinder verbot, für ihre Annahme zur 
Fabrikarbeit das neunte Lebensjahr und einen mindestens drei- 
jährigen, vorangegangenen Schulbesuch forderte und ihre Arbeits- 
zeit auf höchstens 10 Stunden täglich festsetzte.*) In dem Wandel 
dieser Anschauungen von damals bis auf die Gegenwart liegt der 
grosse prinzipielle Fortschritt der Volksschule. Dass es damals 
der R^erung selbstverständlich und gerecht erschien, dass eine 
Klasse des Volkes auf ein Stück seiner irreligiösen, sittlichen und 
nationalen Bildung* und der ,»für das bürgerliche Leben nötigen 
allgemeinen Kenntnisse und Fertigkeiten* verzichtete zum Vorteile 
einer andern, beweist dasselbe, wie z. B. auch die Thatsache, 
dass in Berlin die Volksschule der städtischen Armendeputation 
unterstand oder dass auf den Prüfungszeugnissen der Lehrer zu 
lesen war: wegen Armut stempelfrei; es beweist nämlich, dass 
man immer noch die Volksschule als eine Segnung der Behörde, 
eine Wohlthätigkeitsveranstaltung auffasste, nicht als eine staat- 
liche Einrichtung, auf die der erste wie der letzte Bürger das 
gleiche Recht hat Dass durch das Aufsteigen des vierten Standes, 



I) VgL diese Berichte bei Dr. K. Scha eider und Dr. A. Petersilie: Die Volks- 
und die Ifittelschulen, sowie die sonstifen niederen Sdinlen im prenssischen Stsste im 
Jahre X89Z. Berlin zSg^ S. 34 £ 

*) V. Rönne, S. 6x8t 

*i Beieichnend ist der § 9: Die Refiemnfen werden da, wo die Verhiltnisse die 
Beschlftifunf schulpflichtifer Kjnder in den Fabriken nOtif martien, solche Einrichtunfen 
treffen, dass die Wahl der Unterrichtsstunden den Betrieb derselben so wenif als flBOfEch stAre. 



— 94 — 

durch die politischen Entwicklungen des 19. Jahxiiunderts die Idee 
der Volksschule erst bis zu diesen ihren natürlichen Konsequenzen 
geführt wurde, das ist das bedeutungsvollste, einflussreichste 
Moment in ihrer Geschichte. 

Die entscheidenden Fortschritte liegen in den letzten Jahr- 
zehnten. 1853 wird in Preussen die Fabrikarbeit Kindern unter 
12 Jahren verboten, 1869 nimmt die Reichsgewerbeordnung den 
Einzelstaaten die weitere gesetzliche Regelung der Kinderarbeit 
ab. Durch die Novelle vom i. Juni T891 hat wenigstens die 
Fabrik sie der Schule ganz zurückgeben müssen, und die 
jüngste gesetzliche Reform zur Regelung der gewerblichen Neben- 
arbeit schulpflichtiger Kinder beschreitet den W^, auf dem man 
den Kindern noch mehr als den blossen Schulunterricht, auf dem 
man ihnen ihre unverkümmerte Jugend — so weit das Gesetz 
dazu helfen kann — wieder erobern will. 

Die Regelung der Schulpflicht ist in allen deutschen Bundes- 
staaten jetzt wesentlich dieselbe und im grossen und ganzen auch 
für beide Geschlechter gleich. Sie beginnt in den meisten Bundes- 
staaten mit dem vollendeten 6., in andern, z. B. Württemberg, 
mit dem vollendeten 7. und dauert bis zum 14. Jahre, ausser in 
Bayern, wo schon die dreizehnjährigen Kinder entlassen werden 
können« imd im Reichsland, wo dasselbe in Bezug auf die 
Madchen gestattet ist, die hier also ein Jahr weniger die Schule 
besuchen als die Knaben. >) 

Zur vollen Durchführung der Idee der Volksschule gehört aber 
nicht nur, dass der Staat ihr im Leben aller seiner Kinder Raum 
schafft, es gehört dazu vor allem die Unentgeltlichkeit des 
Volksunterrichts. Auch hierin sind die Fortschritte nur langsam 
gemacht worden. Noch besteht die Einrichtung des Schulgelds, 
wenigstens dem Gesetze nach, fast allgemein, ausser in Preussen. 
In Sachsen ist es gesetzlich den Gemeinden nicht einmal gestattet, 
es abzuschaffen. In Preussen hat die Verfassung, Artikel 35, schon 
bestinunt: „In der öffentlichen Volksschule wird der Unterricht 
unentgeltlich erteilt', doch ist dieser Artikel erst 1888/89 puiz 
durchgeführt worden. Noch 1886 wurden durch Schulgeld in 
Preussen jährlich 11 Millionen aufgebracht, d. h. 14,5 */• ^^^ P^* 
sönlichen Schulunterhaltungskosten. Heute darf es nur noch von 
auswärtigen Kindern und sonst nur in der Höhe erhoben werden 
als die jetzt gewährten Staatszuschüsse hinter der Sunune des 



I) Ober die Fortbflduiifaschnlpflidit v^ des Kapitel «Die FortbildvnfMcbnkf*. 



- 95 — 

froher eingezogenen Schulgeldes zurückbleiben. Diese Bestimmung 
findet aber auf so verschwindend wenige Fälle Anwendung, dass 
das Schulgeld in der preussischen Volksschule thatsächlich keine 
Rolle mehr spielt Auch in den übrigen Bundesstaaten ausser in 
Sachsen haben die Gemeinden vielfach das Schulgeld abgeschafft 

Der immer wachsenden Einsicht in die öffentliche, sozial- 
politische Bedeutung der Schule ergab sich die Notwendigkeit 
einheitlicher gesetzlicher Regelung. Die zweite Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts bringt in der Mehrzahl der deutschen Bundesstaaten 
die Volksschulgesetze, durch die alle die Schulverwaltung und 
Schullasten, sowie die Organisation der Schule betreffienden 
Fragen staatlich geordnet wurden. Das geschah in Württemberg 
schon 1836, in Baden 1868, Sachsen 1873 etc Zum Teil sind 
seitdem in einzelnen Punkten, aber auch generell, Neuregelungen 
eingetreten. Die Schwierigkeit, diese Regelung zu vollziehen, 
lag überall darin, dass man, schon um den Begriff* „Volks- 
schule" zu definieren und zu umgrenzen, auch eine ideelle 
einheitliche Grundlage, eine Einheitlichkeit des Geistes und der 
Ziele der Volksbildung suchen musste. Hier aber entbrannte der 
Kampf der Meinungen um den Einfluss von Staat und Kirche, der 
in Preussen bis jetzt alle Entwürfe zu einem Unterrichtsgesetz *) 
zu Fall brachte und die Erfüllung des Artikel 26 der Verfassung, 
der eine einheitliche, gesetzliche Regelung des Unterrichtswesens 
in Aussicht gestellt hat, bis heute immer wieder hinausschob. So 
sind hier nur einzelne Gebiete des Volksschulwesens allgemein 
geregelt, so vor allem die gesamte Lehrerbesoldungsfrage (durch das 
Lehrer -Witwen und -Waisengesetz 1869, verschiedene Pensions- 
gesetze aus den achtziger Jahren und vor allem durch das grosse 
Lehrerbesoldungsgesetz von 1897), die staatliche Schulauisicht 
(Gesetz vom 11. März 1872), die Schulgeldfrage (1888/89) und 
naturgemäss die Unterrichtsfächer imd die Hauptgliederung der 
Schule. Alles andre ist auf Gnmd der in den preussischen 
Landesteilen ausserordentlich vielgestaltigen Schulgesetzgebung 
nach den Provinzen geordnet 

Nach dieser Volksschulgesetzgebung, wie sie im Laufe der 
letzten Jahrzehnte sich gestaltet hat, ist bei aller historisch und 
verwaltungsrechtlich begründeten Verschiedenheit in den Einzel- 
staaten doch das Prinzip durchgehend, dass „in erster Linie ein 
engerer Kreis von grundsätzlichen Trägem der Schulunterhaltungs- 



VfL Clanffnitzer Geselchte det premii«chcn Uotefriditsfesettcs. Berlin ZS7&. 



- 96 - 

pflicht in den Schulgeld zahlenden unmittelbaren Schulinteressenten 
sowie in den politischen Gemeinden oder Schulverbanden u. dgl. 
geschaffen ist und erst in zweiter Linie die höheren Kommunal- 
verbände bezw. der Staat zur Deckung der Schullasten heran- 
gezogen werden/' ^ ^^^ meisten deutschen Staaten sind diese 
Hauptträger der Schullasten die politischen Gemeinden, in einzelnen 
preussischen Provinzen sowie in Sachsen besondere Schulsozietäten, 
die aber den Charakter von öffentlich-rechtlichen Korporationen 
tragen, vereinzelt auch noch Gutsherrschaften oder konfessionelle 
Interessenten; in Anhalt ist die Volksschule ausschliesslich Staats- 
anstalt Diesen Verpflichtungen entsprechend regeln sich die 
Aufsichtsrechte. Allgemein übt der Staat die Aufsicht über das 
Schulwesen, in Preussen die 35 Regierungen Ober die äusseren 
Angelegenheiten, sowie im speziellen über die Prüfung, Bestätigung. 
Amtsführung der Lehrer, die ProvinzialschulkoUegien über alle 
inneren, den pädagogischen Zweck der Anstalten betreffenden 
Angelegenheiten; die Bestätigung der Lehrpläne, Schulordnungen, 
Schulbücher, sowie die innere Einrichtung und die Beaufsichtigung 
der Lehrerseminare liegt ihnen ob. In den andern Bundesstaaten 
sind diese staatlichen Aufsichtsverhältnisse ähnlich geordnet; sie 
im einzelnen darzustellen, würde zu weit führen. Es erübrigt sich 
zu bemerken, dass Frauen innerhalb dieser Behörden nicht ver- 
treten sind. — Neben dem Staat kommt natürlich auch den 
Hauptträgem der Schullasten, den Gemeinden, ein gewisses 
Aufsichtsrecht sowie die Leitung der äusseren Angelegenheit ihrer 
Volksschulen zu. Mit der Ausübung dieses Rechts, dessen Um- 
fang durch gesetzliche Bestimmungen (Städteordnungen etc) um- 
schrieben ist, beauftragen die Schulgemeinden je nach ihrer Ver- 
fassung besondere, aus ihrer Mitte gewählte, zuweilen durch die 
R^erung ergänzte Kommissionen, die städtischen und ländlichen 
Schuldeputationen und Schulvorstände. Eine Hauptforderung der 
Lehrer ist seit der Mitte des Jahrhunderts, in der Schuldeputation 
vertreten zu sein. Dieses Recht ist ihnen in 21 Bundesstaaten 
gesetzlich gesichert (Vgl. Tabelle L) 

Eine weitere Notwendigkeit, die sich aus dem wachsenden 
Verantwortlichkeitsbewusstsein des Staates der Schule gegenüber 
ergab, ist die Fürsorge für geeignetes Lehrerpersonal. Überall in 
den deutschen Bundesstaaten musste die Regierung, um Angebot 
und Nachfrage zu regeln und einer systematischen und gleich- 



i) Schneider nnd Petersilie «. a« O., S. 3x9 



— 97 — 

massigen Ausbildung der Lehrer sicher zu sein, die Seminare 
selbst unter ihre Leitung und Verwaltung nehmen. In Württem- 
berg ist der Staat durch das Schulgesetz zur Errichtung von 
Seminaren verpflichtet Fast sämtliche Lehrerseminare in Deutsch- 
land sind staatlich; Privatseminare finden sich so vereinzelt, dass 
sie für die Lehrerbildung durchaus keine irgendwie nennenswerte 
Rolle spielen. Die Art der Lehrerbildung, die 'ihre endgiltige 
Regelung gleichfalls erst den letzten Jahrzehnten verdankt, ist in 
den verschiedenen Bundesstaaten entsprechend der historischen 
Entwicklung eine verschiedenartige, das Ziel aber überall ziemlich 
übereinstimmend. Dem Eintritt in das Seminar geht allenthalben 
eine zwei- bis dreijährige Vorbereitungszeit voraus, die in staat- 
lichen Präparanden- oder in privaten Unterrichtskursen bei 
tüchtigen, von der Regierung ausgewählten Lehrern zugebracht 
wird. Nur Sachsen nimmt Knaben direkt von der Volksschule 
mit 13 Jahren ins Seminar auf und behält sie dort 6 Jahre. Der 
Seminarkiursus dauert bei zwei- bis dreijähriger Präparandenzeic 
drei Jahre, in Bayern bei dreijähriger Präparandenzeit zwei Jahre. 
Die meisten Seminare sind Internate. Der Unterricht dort ist un- 
entgeltlich. Für die mit dem Aufenthalt in der Anstalt verbundenen 
Kosten erteilt der Staat überall reichlich Zuschüsse und Stipendien. 
Dafür haben sich die Lehrer, z. B. in Preussen, zu dreijährigem Dienst 
an der öfientlichen Volksschule und, falls sie vorher freiwillig 
davon zurücktreten, zur Erstattung der für sie vom Staat geleisteten 
Ausbildungskosten zu verpflichten. Die Unterrichtsfächer und die 
Ziele der Ausbildung sind je nach den herrschenden Strömungen 
mannigfachen Schwankungen unterworfen gewesen, die hier nicht 
im einzelnen geschildert werden können. Est ist überall für eine 
gründliche methodische Ausbildung und praktische Obung im 
Unterrichten in eigens dazu eingerichteten Übungsschulen gesorgt. 
Die Lehrfächer sind nach der neuen Seminarordnung für Preussen 
vom I. Juli 1901, die hier als Prototyp der Seminarbildung stehen 
mag: Pädagogik, Religion, Deutsch, eine Fremdsprache (Englisch 
oder Französisch), Geschichte, Mathematik, Naturkunde, Erdkunde, 
Schreiben, Zeichnen, Musik, Turnen und landwirtschaftlicher 
Unterricht Den Abschiussezamen in den Lehrerseminaren folgt 
eine ein- oder mehrjährige Probezeit, die in den verschiedenen 
Ländern verschieden lang bemessen ist; am Ende derselben eine 
zweite Prüfung, dann erst die definitive Anstellung. 

Alle diese Dinge sind für die Mädchenvolksschule aus 
doppeltem Grunde wichtig: einmal, weil die Beteiligung der 

Handbuch der Fraucabewef nsf. UL TdL 7 



- 98 - 

Lehrerinoen am Volksiinterricht in ganz Deutschland noch eine 
so geringe ist. dass ein grosser Teil der Mädchen von Lehrern 
unterrichtet wird, dann aber, weil man aus der Organisation der 
Lehrerbildung erst einen Massstab gewinnt für die Beurteilung 
der Art und Weise, wie der Staat die Lehrerinnen fOr ihren 
Beruf ausrtlstet 

Wir haben gesehen, dass zu Anfang des Jahrhunderts die 
Zahl der Lehrerinnen im Volksschuldienst noch eine sehr niedrige, 
in der evangelischen Volksschule eine ganz verschwindende war. 
Doch hatte sie bis zur Bilitte des Jahrhunderts langsam, aber doch 
merklich zugenommen, um in der zweiten Hälfte dann in rascherem 
Tempo zu steigen. 

In Preussen z. B. hat sich von 1861 — 1891 die Zahl der 
Lehrerinnen um das Siebenfache vermehrt, während die Zahl 
der Lehrer in derselben Zeit sich nur etwa — nicht ganz — 
verdoppelte. Auffallend ist vor allem die rasche Zunahme der 
evangelischen Lehrerinnen in den allerletzten Jahrzehnten. In den 
andern Staaten ist der Fortschritt ein ähnlicher. Unter den 
Gründen fOr die Anstellimg von Lehrerinnen wird seltsamerweise 
an erster Stelle durchaus nicht das alte pädagogische Prinzip 
genannt, dass die Mädchenerziehung vor allem der Frau obliegen 
müsse. Es ist zunächst Lehrermangel, f&r den in der Anstellung 
von Lehrerinnen ein Notbehelf gesucht wird, und als sich die 
Lehrerinnen allgemein gut bewährten, da war es, wie z. B. in der 
Volksschulkonferenz im preussischen Ministerium 1872 unverblümt 
zugestanden wird, die Thatsache, dass die Lehrerinnen i,mit einem 
niedrigeren Grehalt vorlieb nähmen", ') die ihnen ein immer grösseres 
Wirkensfeld in der Volksschule erschloss. 

Als „Notbehelf" stellt sich nun aber auch fast überall die 
Lehrerinnenbildung dar. Wir haben gesehen, wie die erste 
Gründung eines staatlichen Lehrerinnenseminars in Preussen zu- 
nächst den Bedürfnissen der höheren Mädchenerziehung Genüge 
thun sollte. Dem ersten Volksschullehrerinnenseminar, einer dem 
Unterrichtsministerium unmittelbar unterstellten Privatstiftung, die 
185a zu Droyssig ins Leben trat, drückte die Zeit der Reaktion 
und der Regulative von Anfang an ihren Stempel auf. Stand in 
jenen Tagen schon in der Lehrerbildung der Religionsunterricht 
alles beherrschend und alles beschränkend im Vordergnmde, so 
meinte man in der Erziehung der Frau auf diese Seite noch einen 

>) VfL Protokolle Ober die im Juni 2873 im Komflich Preutsitdiea UmenicfatB- 
mfaüstainm fepflofenen VerbaadlimgciL S. 4a 



— 99 — 

ganz besonderen Nachdruck legen zu müssen. Es ist bezeichnend, 
dass in einem o£BzieIlen Bericht Ober die Unterrichtsthltig^eit von 
Droyssig noch im Jahre 1866 als Ziel, Inhalt imd Erfolg des Seminar- 
besuchs ausschliesslich bezeichnet wird, dass den SchQlerinnen 
„Gottes Gnade und ihres Berufes Grund und Ziel nach Gottes Wort 
nahe gebracht und die Zucht christlicher Lebensordnung im Geist 
ernster Liebe an ihnen geObt worden ist* >) Man geht von vorn- 
herein an die Lehrerinnenbildung nicht mit dem Gedanken heran, 
die Lehrerin als vollausgerQstete Bilitarbeiterin in der Volksschule 
neben den Lehrer zu stellen. ^Die weibliche Lehr- und Erziehungs- 
thAtigkeit wird natürlich nur ein ergänzendes Glied auf dem 
Gesam^;ebiet der Unterweisung bleiben und auch hier das 
Bibelwort von der Gehilfin des Mannes bewahren.**) Für .einen 
Gehilfendienst an der Schule konnten auch nach der Ansicht der 
Wohlmeinenden die Lehrerinnen nur in Betracht kommen. 

Daneben wirkte noch ein wirtschaftliches Moment auf die 
Gestaltung der Lehrerinnenbildung ein. Ehe sich nanilich die 
Mitarbeit der Frau an der Schule als ein objektives Bedürfnis 
Geltung verschafft hatte, trieb ein subjektives Bedürfnis nach einem 
Erwerb schon Hunderte, ja Tausende von Töchtern des mittleren 
und höheren Bürgerstandes auf dieses ihnen einzig offenstehende 
Arbeitsfeld Ehe also der Staat Veranlassimg fand, sich um die 
fieranbildung der Lehrerinnen, die er brauchte, zu kümmern, 
hatten schon städtische und private Blfldchenschulen in ziemlich 
grosser Zahl, diesem Bedürfnis nachgebend, Seminarkurse be- 
gründet Für die Einrichtung dieser Kurse war neben der An- 
schauung, dass man den Massstab der Lehrerbildung hier über- 
haupt nicht anlegen dürfe, doch auch der Wunsch der Interessen- 
tinnen, in möglichst kurzer Zeit ans Ziel zu kommen, von Einfluss. 
Die Kurse waren höchstens zweijährig — sogar in Dro}rssig gab 
man begabten Schülerinnen die Möglichkeit, in einem Jahr zur 
Abschlussprüfung zu gelangen — und dass viele von ihnen that- 
sächlich den Charakter von Pressen angenommen haben, beweisen 
die wiederholten Ministerialerlasse, die sich auf den Zudrang von 
noch nicht 18jährigen Schülerinnen zu den Prüfungen beziehen.*) 

Fast noch verhängnisvoller war es, dass solche Kurse meist 
gar nicht auf die Volksschule zugeschnitten waren. Schon die 
Verbindung mit den höheren Mädchenschulen schloss das eigentlich 

Ceatralblütt ffir di« f csamte Untenriditsrerirmltimf in PretiMen. Juni x86& S. 347. 
S) A..«. O. 

>) Bormann. Die Profoiif der LehrehuBen in Prinntn, Berlin 1867, S. zs3i 155. 
Hinisterielreakripte vom 84. Juli 1S45 nnS tob a& Jaanar 18^ 

7* 



— lOO — 

aus. Die Mehrzahl der Schülerinnen hatte auch mehr den Beruf 
der Erzieherin und Lehrerin an höheren Schulen bei ihrer Aus- 
bildung im Auge, als die Volksschule. So hatten diese Kurse 
neben der methodischen Ausbildung, die ihre Hauptaiifgabe hfltte 
sein sollen, ein Mass von Wissensstoff zu bewältigen, das bei der 
Kürze der Zeit jede Vertiefung unmöglich machte, dabei die 
eigentlich fachliche Schulung ganz zurückdrängte. 

Es hat lange gedauert, bis die Lehrerinnenbildung dea 
Charakter des notdürftigen Zustutzens für eine beschränkte Ver- 
wendung im Schuldienst verlor. Die ausserpreussischen Staaten 
sind darin zum Teil vorangegangen, dass sie die Lehrerinnen- 
bildung mit der der Lehrer auf ein gleiches Niveau stellten. In 
Bayern hatte schon eine Bestimmimg von 1836 gefordert, „dass 
von den Kandidatinnen für das Lehramt an deutschen Schulen 
dieselben Kenntnisse wie von männlichen Lehrindividuen zu 
fordern seien."*) Die Verwirklichung dieser Fordenmg ist 
freilich auch dort erst seit 1870 durch die Gründung von staat- 
lichen Lehrerinnenseminaren herbeigeführt. Die Ordnung vom 
30. Juli 1898 bezieht sich auf die Lehrer- und Lehrerinnenbildung 
und stellt beide im wesentlichen, d. h. mit Ausnahme einzelner 
Fächer, gleich.*) Früher schon hat Sachsen mit der Begründung 
staatlicher Seminare begonnen. Schon 1856 entstand dort das 
erste, das nach dem Muster der sächsischen Lehrerseminare 
Präparande und Seminar vereinigte, d. h. seine Schülerinnen mit 
dem 14. Jahre aufnahm und 5 Jahre behielt Baden gründete 
1870 das Elarlsruher Seminar, auch Württemberg, Anhalt, 
Hamburg, Lübeck und vor allem das Reichsland haben staatliche 
Lehrerinnenseminare. Freilich bleibt ihre Zahl überall noch 
bedeutend hinter der der Lehrerseminare zurück. Die folgende 
Tabelle mag das zeigen: 

Staatliche Staatliche Lehrerinnenseminare 
LehrerBeminare ^^^ Volksschule 

Volksschule Mädchen- und höhere 

schule Blädchenschule 

Z26 5 o 6 

12 as) o o 

19 o o a 

611 o 

400 I 



Preussen . . 
Bayern . . 
Sachsen . . 
Württemberg 
Baden*. . . 



I) Rein, Encyklopaditcfaei Handbuch der PtdafOfik. Bd. IL Laacensaln 1897. S.39a 
*) Deutsche SdnlfesetsMflBaluBc, henmi g e geb e n von O. Janke. Bcriin. Bd.aB. S.97fL 
i) Von den s VolkMchuDebxinnenseminaicn in Bayern ist x eine aas Stiftanfsfoads 



— lOI — 

Zum allergrössten Teil li^ noch heute die Lehrerinnenbildung 
in der Hand von Kommunen und Privaten, xmd kann deshalb nur 
mit grosseren pekuniären Opfern erworben werden, als sie der 
Lehrer zu leisten hat*) 

Eine den Anforderungen entsprechende Differenzierung der 
Bildungsgänge der höheren und der Elementarlehrerin hat sich 
in den meisten Staaten noch nicht herausgebildet Die Prüfungs- 
ordnung von 1874 in Preussen, sowie die Abänderungsbestimmungen 
von 1894 setzen eine gemeinsame Vorbereitung voraus und 
erlassen der Volksschullehrerin nur die Fremdsprachen xmd 
bestimmte Gebiete der Litteratur und Geschichte. In der Praxis 
sucht man dann fireilich doch in besonderen staatlichen Volks- 
Schullehrerinnenseminaren, von denen jetzt in Preussen fünf 
bestehen, eine spezifischere Vorbereitung fbr die Volksschule 
zu vermitteln. In Bayern giebt es nur ein Volksschullehrerinnen- 
ezamen, in Baden wird dies nach zweijährigem, das fQr höhere 
Schulen nach dreijährigem Seminarbesuch absolviert Nur in 
Württemberg sind die beiden Bildungsgänge ganz getrennt 
und in besonderen Anstalten durchgeführt In Sachsen geben 
dieselben staatlichen Seminare die zwiefache Befähigung. Durch- 
gehend, auch seit 1894 in Preussen, ist der dreijährige Kursus. 
Eine Wiederholungsprüfung wird gegenwärtig in den grösseren 
Bundesstaaten ausser in Preussen von den Volksschul- 
lehrerinnen allgemein gefordert Dagegen ist zu erwarten, dass 
in Preussen die Ausgestaltung der bis jetzt noch unentwickelten 
beiden Zweige des Seminarunterrichts — die Vorbildung für die 
Volksschule und die für die höhere Mädchenschule •» zuerst 
erfolgen wird. Eine Reform des Seminarwesens soll die Aus- 
bildung der Volksschullehrerin in einem dreijährigen Kursus der 
des Lehrers thunlichst angleichen, während in einem daran 
schliessenden einjährigen Kursus die Lehrerinnen, die an der 
Unter- und Mittelstufe der höheren Mädchenschule unterrichten 
wollen, sich zu einem Examen in Fachgruppen, entsprechend dem 
Mittelschulexamen der Lehrer, vorbereiten können. 

Hand in Hand mit der Vermehrung der Lehrerinnen, die wir 
in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in allen deutschen Staaten 
beobachten, geht die Festigung ihrer rechtlichen Stellung, die mehr 
imd mehr der der Lehrer gleich wird. Zwar noch fast nirgend 
in Bezug auf die Gehaltsverhältnisse. Nur Sachsen hat das Prinzip 

1) VfL du KApitd pFnichuaf und Umemcht* im HAodbacii der Fnu M abcwcg u ng. 
Tcfl IV, S. 3I6-34& 



des gleichen Entgelts für die gleiche Leistung durchgefohrt In 
den anderen Bundesstaaten steht das Gehalt der Lehrerinnen zu 
dem der Lehrer im Verhältnis etwa von 4:5, wie in Preussen 
auf Gnmd des Lehrerbesoldungsgesetzes von 1897, ^ Bayern hat 
das neue Schulbedarfsgesetz, das am z. Januar 1903 in Kraft tritt, 
das etwas günstigere Verhältnis von 5 : 6 eingeführt Oberall 
dürfen Lehrerinnen, ausser in den Mädchenklassen, auch in ge- 
mischten, zuweilen auch in Knabenklassen der Mittel- und Unter- 
stufe xmterrichten. In welchem Verhältnis zur Zahl der Lehrer 
an der Volksschule Lehrerinnen angestellt sind, mag die folgende 
Tabelle erweisen. Es sei nur noch hinzugefügt, dass in Baden 
und Württemberg gesetzlich nicht mehr als 10 bezw. 8 Prozent 
der ständigen Öffentlichen Schulstellen mit Lehrerinnen besetzt 

werden dürfen. 

Zahl der 



T . . ,. Zahl der Lehrer 
Lehrermnen *) 



Preussen zozsa . 68449 | Vt | 

Bayern 7319 18664 ^^ V» ^ 

Baden 387 3602 *S Vt I 

Württemberg») ... 31 3359 n -^ Vi« | 

Sachsen 40X Z00Q3 z >/is 5 

Von den leitenden Stellen sind Lehrerinnen zum Teil gesetz- 
lich, zum Teil durch die herrschenden Anschautmgen noch aus- 
geschlossen. ') 

Nicht ohne Kampf hat diese Entwicklung sich vollzogen. Die 
Geschichte des Lehrerinnenstandes ist ein Stück Geschichte der 
deutschen Frauenbewegung xmd steht zu ihr in den engsten Be- 
ziehungen des Nehmens und Gebens. Dieser Kampf bq^nt 
in dem Augenblick der Gründung des ersten Lehrerinnenseminars 
in Berlin mit einem Streit, den der damalige Leiter mit Gegnern 
der weiblichen Unterrichtsthätigkeit zu bestehen hatte, von diesem 
Kampf zeugt das seltsame Denkmal, das der kgL preussische Kreis- 
schulinspektor Cremer ^) sich setzte mit einer Schrift, in der er 

1) Es sind nur die itiadirea besw. ordeatUcfaea Lehrer ond Lehroiimen gezAfalt 
Die Aüfaben uad entnoamieB für Prenuen ans dem Jahre 1896, tOr Bayen 2896/99. 
Badea 1890/1900, Worttembenr X899/X900, Sadieea 1899^ 

>) FQr Worttemberr giebt die Zahl keta faaz sutreffeades Bild, da erst seit 1899 
Lehreriaaea Oberhaupt defioitiv aofesteUt werdea köaaea, nad aian atm erst a llm l hli ch 
staadife Stellea fOr Ldirenaaen schaAea wird. Uastladife Lehreriaaea giebt es aa dea 
Vftlksscbulfn etwa a8a 

9) Der 4. amtliche Beridit ober die gesaaitea Uaterridits- uad Erxiehuaffsaastaltea im 
KOaifrddi Sachsea (Erhebuag vom z. Dezember 2899) erwthat eiae Lehrerin aa 
leiteadcr Steile. 

*) Fraueaarbeit ia der Schule. Gotersloh 2884. 



— I03 — 

alle pädagogischen Fehler, die nur Qberiiaupt denkbar sind, als 
spezifische Charakteristika der Lehrerinnen zusammenstellt Und 
er ist schliesslich auch ausgefochten auf dem breiten Schauplatz 
der grossen öffentlichen Lehrer -Versammlungen, auf denen man 
sich bis auf den heutigen Tag noch wieder und wieder 
gegen die Lehrerin erklärt hat Den einzelnen, die zuerst die 
Interessen der Lehrerin vertraten, hat im letzten Jahrzehnt des 
19. Jahrhunderts der Volksschullehrerinnenstand selbst in seinen 
Vereinen diese Aufgabe abnehmen können. Der grösste von ihnen 
ist der Landesverein preussischer Volksschullehrerinnen, der im An- 
schluss an den später zu erwähnenden Allgemeinen deutschen 
Lehrerinnenverein 1894 gegründet wurde. Er ist unter Leitung von 
Frl. Schneider und Frl. Lischnewska für die .wirtschaftliche 
Hebung des Standes durch Selbsthilfe (Kassen etc.) undEinwirkungauf 
die Be hörden (vor allem im Zusammenhang mit dem Lehrerbesoldungs- 
gesetz von 1897) energisch eingetreten. Auch für die geistige 
und pädagogische Förderung seiner Mitglieder und damit die Ent- 
wicklung der Mädchenvolksschule im allgemeinen hat er sich in 
der kurzen Zeit seines Bestehens als ein wichtiger Faktor bewährt 

Was den gegenwärtigen Stand des Volksschulunterrichts 
betrifft*), so imifasst er in allen Bundesstaaten ausser den drei 
Hauptfächern: Religion, Rechnen, Deutsch, die Anfänge der Raum- 
lehre, Zeichnen, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Gesang, 
Turnen und weibliche Handarbeiten. Das Turnen ist fOr die 
Mädchen gesetzlich noch fast nirgend gefordert und praktisch nur 
erst in beschränktem Umfang durchgefohrt Auch in einigen 
andern Fächern, im Rechnen vor allem, bleibt die Mädchenvolks- 
schule hinter der der Knaben zurück. Die neuzeitliche industrielle 
Entwicklung, die dem Hause vielfach die Mutter nahm, hat aber 
der Mädchenvolksschule einen neuen Unterrichtsgegenstand zu- 
gewiesen, nämlich die hauswirtschaftliche Belehrung.*) 

Als Grundlage der inneren Organisation der Volksschule gilt 
fast überall eine Dreiteilung in Unter-, Mittel- und Oberstufe, 
denen in Preussen und den meisten Bundesstaaten an voll- 
ausgestalteten Schulen im Sinne der preussischen Verordnung vom 

Idi verweise tot dlem auf Rein a. a. O. Bd. VJL S. 994. Es ist umOflidL. die 
atnserordentlidie Vielrettaltifkeit des VoDcsuntenichts : auf dem Lande, in den kleineren 
und grOsaercn Stidten — in einer aUfemeinen Oberticht hier aadü nur andeuarngsweiie 
«iedcnufeben. VgL Tabelle IL 

f) In dem Abechni'tt: JDie hanswirtsehafUiche Sdinle' ist dieses GeUeC besonders be- 
handelt — Durch den Handarbeitsunterricht kommt es, dass fiut OberaU die Ifldchen mit 
mehr wöchentSdien Schulstunden belastet sind ala die Knabcuj 



— I04 — 

15* Oktober 1872 sechs aufsteigende Klassen entsprechen. Die 
grosseren Städte gehen aber über diese Anforderungen zum 
grossen Teil hinaus, indem sie sieben- und achtklassige Schulen 
fQr Knaben und Mädchen errichten. 

Hier liegt dann der Obergang von den ^erweiterten«' oder 
iigehobenen'' oder j^höheren" Volksschulen zu den Mittelschulen, 
jyhöheren BOrgerschulen", und wie diese Kategorieen in den ver- 
schiedenen Staaten heissen mögen. Sie unter einem einheitlichen 
Gesichtspunkt zu klassifizieren, ist unmöglich. Die Unterrichts- 
statistik der meisten Staaten ermöglicht nicht, sie von den Volks- 
schulen zu unterscheiden. Sie entsprechen den allerverschiedensten 
BedOrfhissen, teils — in kleinen Städten z. B. — dienen sie der 
Vorbereitung auf eine höhere Lehranstalt, oder auch Standes- 
rOcksichten, oder sie stellen eine wirkliche Fortentwicklung der 
Volksschule dar, oder eine niedere Art Realschule. In Preussen 
sind durch die Bestimmungen vom 15. Oktober 1872 gewisse 
Merkmale fOr sie festgel^t, vor allem die Aufnahme einer Fremd- 
sprache in den Lehrplan. (Die Statistik der Volksschulen und der 
Mittelschulen, soweit diese erkennbar sind, siehe Tabelle 11 und IIL) 

b) Die moderne höhere M&dchenschule und der Kampf 

um die höhere Frauenbildung. 

Die Jahrzehnte nach den Freiheitskriegen waren an der 
höheren Mädchenschule, was ihre innere Entwicklung angeht, 
ziemlich ereignislos vorübergegangen. Sie waren in der Haupt- 
sache eine Zeit äusseren Wachstums gewesen, sowohl in Bezug 
auf die einzelnen solchen Wachstums fSLhigen Schulen als die 
numerische Gesamtheit der über die Ziele der Volksschule 
hinausgehenden öffentlichen oder privaten Anstalten. Lokalen 
Bedürfnissen und Bedingungen genau angepasst, in ihrer Gestaltung 
zum grossen Teil lediglich abhängig von der Tüchtigkeit und den 
pädagogischen Anschauungen ihrer Bq;ründer imd Leiter, boten 
diese überall entstehenden grösseren und kleineren j^höheren 
Töchterschulen" ein Bild buntester Mannichfaltigkeit. Im ganzen 
scheint dies Bild nicht erfireulicher Natur gewesen zu sein. 
In seinen „Erläuterungen" zu den auf die Schule bezüglichen 
Artikeln der Verfassung vom 5. Dezember 1848 gedenkt Minister 
von Ladenberg der höheren Mädchenerziehung mit folgenden 
Ausftlhrungen >} : 



1) VgL V. Ronne. Da» Unterrichuweaea det Prtniittchea Staats. Berlin iB^ S. aa8. 



— I05 — 

ySo lange die Gesetzgebung fQr Ausübung derjenigen Gewerbe, 
deren onverstflndige und gewissenlose Ausübung das leibliche Wohl 
der Einzelnen geßüirdet, eine Prüfung und Genehmigung durch 
erfahrene Beurteiler vorbehält, dürfte der preussische Staat auch mit 
Rücksicht auf den bereits vorhandenen Standpunkt seiner Unterrichts- 
anstalten wohl mit Recht Bedenken tragen, die geistige Pflege seiner 
Jugend und damit seine eigene Zukunft einer schranken- und rücksichts- 
losen Privatindu&trie preiszugeben, in deren Gefolge leicht nicht 
nur ein Sinken der intellektuellen Bildung, sondern auch eine tiefe 
Entsittlichung sich einstellen könnte. Es bedarf in dieser Beziehung 
für die mit den Zustanden des Erziehungswesens vertrauten Beurteiler 
nur einer Hindeutung auf die Bildung und Erziehung des weib- 
lichen Geschlechts. Die Zeit dürfte für einen grossen Teil des 
Volke? noch nicht da sein, wo man dem ernsten und gediegenen 
Unterricht der künftigen Mütter im Volke in den öffentlichen Schulen, 
in richtiger Würdigung seines Wertes, ohne Weiteres den Vorzug 
vor den ausserlichen Erfolgen oft klug berechneter, aber im tiefen 
Grunde verbildender und verziehender Pensionsanstalten gäbe."* 

War die Zeit für einen grossen Teil des Volkes damals noch 
nicht da, so war sie doch im Heraufziehen. Eine neue Anschauung 
von dem Wert der „Mütter im Volk" musste ihr den Boden 
bereiten. Die „Frauenfrage'* hat diese Anschauungzur Reife gebracht 

Mit dem unanfechtbaren Beweismaterial statistisch festzu- 
stellender Grössen zwang sie zunächst den Ehrlichen, von der 
aller Mädchenbildung zu Grunde liegenden These: die Frau muss 
nur für das Haus erzogen werden, weil sie dort ihre einzige 
Bestimmung findet, einen nicht unbedeutenden Abstrich zu machen 
und zuzugestehen, dass die Frau auch für den* Daseinskampf, 
für die harten Forderungen des Beru&lebens gestählt werden 
musste. Und an dies Zugeständnis knüpfte die Frauenbewegung 
an« Ihr war die wirtschaftliche Frauenfrage nur ein äusseres 
Symptom fOi eine Entwicklung, die auf allen Gebieten des geistigen 
und sozialen Lebens eine neue Arbeitsteilung der Geschlechter 
herbeiführen, die der Frau volles Bürgerrecht und volle Bürger- 
pflicht in der geistigen und sozialen Kultur ihres Volkes geben 
musste. 

Von diesem Punkte aus wurde von Seiten der Frauen zuerst 
Kritik an die Leistungen der höheren Mädchenschulen gelegt, von 
da aus entbrannte der Kampf. Es wird geltend gemacht, dass die 
Aufgabe der modernen Mutter eine andre, vor allem eine selb- 
ständigere geistige Schulung notwendig mache, als die Mädchen- 
schule, die sich ihre Grenzen überall da gesetzt hat, wo die 



— io6 — 

wissenschaftliche — und das heisst selbständige — Erfassung 
eines Gebiets anfängt, sie zu geben pfl^:te. Es wird darauf 
hingewiesen, wie weit die vorzugsweise aesthetische Bildung, 
in die ein übertriebenes Streben nach Differenzierung der Madchen- 
erziehung von der der Knaben die Tochterschule mehr und mehr 
hineintrieb, von dem Leben der Gegenwart und seinen Forderungen 
wegfahrte. Es sind unter anderen weniger schwerwiegenden die 
Namen von Ulrike Henschke,*) von Luise Bflchner*) und 
Tinette Homberg*), die hinter dieser Kritik standen. 

Ob diese Forderungen in der Schule berücksichtigt werden 
würden, hing fireilich nicht von ihnen ab, sondern von den Männern, 
die in der höheren Mädchenschule den ausschlaggebenden Einfluss 
hatten. Auch ihnen wiurde durch die Entwicklung der Verhältnisse 
die Notwendigkeit einer Neugestaltung nach verschiedenen 
Richtungen nahegel^t, und die Forderungen der Frauen fanden 
in ihren Reihen einen, wenn auch nicht vollen, so doch in mancher 
Hinsicht sjrmpathischen Widerhall Einen Widerhall nämlich, 
soweit es sich um die Erfüllung dreier Grundbedingungen handelte: 
um Vereinheitlichung der Organisation, um eine klar umgrenzte 
Stellung der höheren Mädchenschule im staatlichen Unterrichts- 
wesen, und um einen aus beiden notwendig sich ergebenden fest 
formulierten Lehrplan. Wenn von der einen Seite die geistige 
und wirtschaftliche Entwicklung, aus der die Frauenbewegung her- 
vorgegangen war, diese Ansprüche stellte, so hatte sich auch in 
den bestehenden Mädchenschulen mit der Zeit die Gemeinsamkeit 
der Hauptzüge bei aller Verschiedenheit im einzelnen doch stark 
genug entwickelt, dass sich eine Institution als „die höhere 
Mädchenschule" darauf gründen liess. 

Die Anfänge einer solchen sjrstematischen Zusanunenfassung 
der als „höhere Mädchenschulen'' geltenden privaten und öffent- 
lichen Lehranstalten liegen in der Mitte des Jahrhunderts. Sie 
sind durch die Begründung von Fachzeitschriften sowohl als durch 
die ersten VereinsbOdungen unter den Lehrern und Lehrerinnen 
der höheren Mädchenschule bezeichnet 1848 begann Direktor 
Schornstein die Herausgabe der „Blätter für weibliche Bildung"'^), 
in demselben Jahr tagte, von ihm einberufen, die erste Ver- 

>) Zar Franeaunterrichtifrafe in PretsMen. Berlin 2870. 

*) Die Fnuiea ond ihr BeruL Darmitadt 1855. 

^ Gediuiken Ober Erxiehuar und Unterricht, a. Anfl. Berlin z86i. 

*) Blitter fttr weibliche Bildung. Unter MitwirkuBr von Dr. Seinecke henosfegeben 
von R R Friedlinder und R. Schornstein. Elbcrfeld nnd Iserlohn, x. Band 1849, 
o. Band 185a 



— 107 — 

sammluog deutscher MAdchenlehrer in Elberfeid, die schon Ober 
die drei erwähnten Hauptpunkte der Reform beriet, über 

L „Notwendigkeit einer inneren und äusseren Einheit der 
höheren Mädchenschule und Mittel dieselbe herbeizuführen, 
n. Stellung der Mädchenschule neben anderen Unterrichtsanstalten, 
nL leitende Grundsätze der Mädchenerziehung und des Unterrichts/' 
Den immerhin fortschrittlichen Geist dieser Versammlung 
spiegelt ein Aufsatz des Direktors Frie dl ander in den Blättern 
für weibliche Bildung >): ,,Kann und muss die höhere Mädchen- 
schule Staatsanstalt werden?", der mit den Worten schliesst: 
«Gerechtigkeit fordern wir für die in jeder Hinsicht gleich- 
berechtigte Hälfte unserer Jugend, nicht mehr und nicht weniger 
f&r unsere Mädchen, als man fbr unsere jQnglinge zu thun beab- 
sichtigte.'' Man muss sich gegenwärtig halten, dass man damals 
allgemein in Preussen den Erlass eines Unterrichtsgesetzes er- 
wartete, wie es sowohl die oktroyierte Verfassung vom 5. Dezember 
1848 als auch später die vom 31. Januar 1830 in Aussicht stellte. ') 
Es galt also, der Mädchenschule in diesem Gesetz eine angemessene 
Berücksichtigung zu erkämpfen. Aber auf Ladenberg folgte 
Raum er, das Unterrichtsgesetz verschwand wieder von dem Pro- 
gramm der preussischen Gesetzgebung, und in der Zeit der 
Reaktion gingen auch die FrQchte dieser ersten Versuche zur 
Reform der Mädchenschule wieder verloren. Die Zeitschrift 
brachte es nicht über zwei Jahrgänge, und auch der Verein 
entwickelte sich nicht wdter. 

Zwanzig Jahre später begannen neue Versuche ähnlicher Art 
Der Direktor einer Privatschule in Berlin, Hermes, bot in einer 
von ihm begründeten Zeitschrift lyStoa'**) einen neuen Mittelpunkt 
fQr die Arbeit der höheren Mädchenschule, besonders durch Ver- 
öflfentlichung von Programmen der verschiedenen Anstalten, durch 
erste Versuche, statistische Obersichten zu gewinnen u. dgL m. 
Auch lokale Vereinsgründungen von Lehrern xmd Lehrerinnen 
finden wir hier und da. Aber auch die ,,Stoa" ging nach zwei- 
jährigem Bestehen ein. Eine 1868 gegründete „Vierteljahrsschrift 
fllr höhere Töchterschulen'^ brachte es auf zehn Jahrgänge^). 

1) B<LL S. a64£ 

S) VfL L. ▼. Ronoe. Dm Uaicriiehtiwesca dei preuasisdicB Staat«. Bcriia 1^54. 
S. aaft) 333> 

*) jStoa**, Zaitacfarift Air die Xateresaea der höheren TOchteracfaiilcn. Im Vcrda mh 
dentacfacB Amtafcnoasea hrsf. ▼. F. Hermea. Berhn. Bd. z imd a. iMD 69^ 

^ „VicrteUahraachrift Air hdhere TochtencfanlcB**, heranaf. tob Dr. A. Prowe imd 
Dr. M. Sehaltxe. Thorn. 186BC Titel und Hcraoafeber der Zehaduift haben in den 
üalfeBdea Jahres öfter fewechaelL 



— io8 — 

In der Zeit dieser Anfflnge und Versuche hatte die 
Frauenbewegung ihre Stimme von Berlin und Leipzig zugleich 
immer vernehmlicher erhoben; ihre Kritik an der Mädchenschule 
war immer schärfer und vor einer immer breiteren Öffentlichkeit 
wiederholt worden. ^Da half nicht spöttlich um sich blicken'' 
meint in seinem harmlos-selbstzufriedenen Biedermannston Direktor 
Gotthold Kreyenberg in seiner „Geschichte der deutschen 
höheren Mädchenschule*'*) ,»die Tochterschulmänner mussten zur 
Aktion schreiten*. 

Im September 1872 traten auf Anregung von Direktor Kreyen- 
berg etwa 160 Lehrer und Lehrerinnen, vorzugsweise aus Nord- 
deutschland, in Weimar zu einer Konferenz zusammen, um über 
die zukünftige Gestaltung der höheren Mädchenschule zu beraten. 
Welche Aufgabe hatten sie zu lösen? Die Einigung des Reiches 
liess sie von vom herein ihr Augenmerk auf die höhere Mädchen- 
schule aller Bundesstaaten richten. Da aber stiess man immer 
noch auf die grössten Verschiedenheiten der Organisation, der 
Ziele, der gesetzlichen Stellung. In der Mehrzahl der deutschen 
Bundesstaaten unterstanden die Mädchenschulen den Aufsichts- 
behörden der Volksschule oder waren ihr in irgend einer Form 
zugerechnet, in anderen den Konsistorien, in anderen gab es 
nur Privatschulen unter voller eigner Verantwortung. In Preussen 
kam die höhere Mädchenschule um diese Zeit in den Akten des 
Unterrichtsministeriums fast Oberhaupt nicht vor, man wusste gar 
nicht, wer der zuständige Referent dafür war.*) Die Unterrichts- 
fächer waren fast überall: Religion, Deutsch, Rechnen, Fran- 
zösisch, Englisch, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Zeichnen, 
Singen, Schreiben, Handarbeiten. Turnen war noch nicht allgemein 
obligatorisch. Aber die Bewertung und Berücksichtigung der 
Fächer war noch ausserordentlich verschieden. Nach einer an 33 
höheren Mädchenschulen gemachten Erhebung schwankten die für 
Religion bewilligten Stunden zwischen 648 und 12,71 Vo der ge- 
samten Unterrichtszeit, die für Deutsch zwischen 16,86 und 2542 */«« 
für Französisch von 9,74 — 2043 % u. s. w. Naturwissenschaften 
nehmen allgemein einen sehr kleinen (1,70—6,19^01 durchschnittlich 
4,37 •/©) Raum ein »), Handarbeiten einen sehr grossen (5.09— 2043%, 
durchschnittlich 11,36 */«). Noch grössere Verschiedenheiten hätten 
sich sicherlich ergeben, wäre die Enquöte über diese 33 voll aus- 

1) Frankfurt a. M. 1887. 

^ Ein halbes Jahrhuodert im Dieatte von Kirche ond Schule. D. Dr. Karl S chneider. 
WirkL Geh. Oberregierunnnt. Berlin xpoa S. 44a. 

>) VffL Dr. W. Noldekc. Von Weimar bU Weimar x87»-97* Leipziff tfi97* S. 6-9. 



— I09 — 

gestalteten, fast durchw^ öffentlichen Schulen ausgedehnt worden. 
Die Privatschule, die sich, dem Gesetz von Angebot und Nachfirage 
noch viel mehr unterworfen, in engster Anpassung an die jeweiligen 
Bedürfnisse gewisser Klassen und Stände entwickelt hatte, be- 
herrschte numerisch den höheren MAdchenunterricht noch durchaus. 
In Preussen war der ärgsten WillkOr, wie sie sich seit Aufhebung 
der im Landrecht geforderten Staatsaufsicht über die Privatschulen 
durch die Gewerbefreiheit 1811 zum Schaden der Schule breit 
gemacht hatte, durch eine königliche Verfügung von 1834 gesteuert 
worden. Sie knüpfte die behördliche Konzession wieder an die 
wissenschaftliche und moralische BefiLhigung des Unternehmers 
und unterstellte die Privatschulen denselben Aufsichtsbehörden, 
wie öffentliche Schulen derselben Gattung. >) Hatte die öffentliche 
Schule die Lehrerin in die unteren Klassen zurückgedrängt, teils 
weil ihre Befähigung höheren Anforderungen nicht genügte, teils 
weil, den herrschenden Anschaungen zufolge, ihre Mitarbeit dem 
erstrebten öffentlichen Charakter der Schule widersprach, so hatte 
sie in der Privatschule ein weites und lohnendes Arbeitsfeld ge- 
funden und war dort thatsächlich mit ihren «höheren Zwecken** 
gewachsen. So stand die Privatschule mit ihrem etwas intimeren, 
beweglicheren pädagogischen Charakter, aber in ihren Leistungen 
häufig der öffentlichen Schule durchaus ebenbürtig da, als ein 
Faktor, der in der Neugestaltung der Dinge mit Recht Berück- 
sichtigimg fordern konnte. Um so mehr, als auch die öffentlichen 
Schulen gerade in der Zusammensetzung des Lehrerpersonals zu 
wünschen übrig Hessen. Nöldeke selbst urteilt darüber:*) 

„Während es in den Regierungskreisen hiess, die Lehrerschaft 
der höheren Mädchenschulen sei nicht gleichwertig mit den Lehr- 
kollegien an den höheren Knabenschulen, fühlten wir bei jeder Vakanz, 
dass die Wahl geeigneter Lehrer durch den Mangel einer angemessenen 
Stellung unserer Schulen in dem grossen Schulorganismus im höchsten 
Grade erschwert wurde. Als nun gar die Zelt des Lehrermangels von 
2866—73 dazu kam, da meldeten sich an höheren Mädchenschulen 
Bewerber der zweifelhaftesten Art« Man errötete beim Lesen der 
Zeugnisse, dass solche Leute sich für gut genug hielten, um Mädchen 
zu unterrichten. Dabei fanden diese schiffbrüchigen Existenzen bis- 
weilen noch die Empfehlung von Männern, deren damit ausgesprochene 
Missachtung der höheren Mädchenschule noch schmerzlicher war. Die 
vor Jahren angestellten, nicht pädagogisch gebildeten Lehrerinnen 



.1) Di« Iltere Gctettfcbmif Ober du Piivatsd»ilw«scn s. bei ▼. Roan« a. ■• O. IL 
S. flSs— 90& 

t) A. a. O. S. 58C 



— HO — 

genügten den fortschreitenden Ansprachen nicht mehr. SpAriich wir 
der Nachwuchs besser geschulter weiblicher Krftfte und fOr die Arbeit 
in den oberen Klassen nicht ausreichend.'' 

Aus diesen Verbältnissen ergaben sich die Aufgaben der 
Neugestaltung. Die Weimarer Konferenz hat Mittel und Wege, 
sie zu losen, niedergelegt in einer Denkschrift, die spflter allen 
Staatsregierungen Qbersandt wurde. Die Grundforderung der 
Denkschrift ist Einordnung der Mädchenschule in das höhere 
Unterrichtswesen. FOr die Bedingungen und die Art dieser Ein- 
ordnxmg wird zunächst allgemein das Unterrichtsziel der Anstalt 
festgel^ und dann im einzelnen folgendes verlangt: In zo Jahres- 
kursen hat die höhere Mädchenschule auf den Elementarunterricht 
„eine einheitliche Bildung in Wissenschaften und Sprachen (zwei 
firemde Sprachen)" aufzubauen. „Das Lehrerkollegium besteht 
aus einem wissenschaftlich gebildeten Direktor, wissenschaftlich 
gebildeten Lehrern, aus erprobten Elementarlehrem und geprOften 
Lehrerinnen." ,Jn Anerkennung der höheren Mädchenschule als 
einer öffentlichen, von der bOrgerlichen Gemeinde und dem Staat 
zu xmterhaltenden und unmittelbar zu beaufsichtigenden Anstalt 
hat der Staat die Verpflichtung, QberaU, wo das BedOrfiiis es 
erfordert, fOr die Einrichtung derartiger Anstalten Sorge zu tragen. 
Unter solcher Voraussetzung wird die höhere Mädchenschule 
derselben staatlichen Schulaufsichtsbehörde xmtergeordnet wie das 
Gymnasium und die Realschule. Die oberen wissenschaftlichen 
Lehrer haben den Titel .Oberlehrer.' Auch gemessen Lehrer 
und Lehrerinnen, namentlich, was definitive Anstellung und 
Pensionsberechtigung angeht, gleiche staatlich festgestellte Rechte 
vne die Lehrer jener Anstalten." Schliesslich wird die Aufstellung 
eines Normallehrplans mit Zuziehung von Fachmännern gefordert. 

Alle diesen Forderungen nicht voll genügenden Anstalten, 
die doch über das Ziel der Elementarschule hinausgehen, sind als 
„Mittelschulen" gleichfalls unter einen einheitlichen Plan zu bringen. 
FOr die Berufsbildung der Frauen werden gewerbliche Fachschulen 
und staatliche Lehrerinnenseminare gefordert 

Die Bedeutung dieser einen, der organisatorischen Seite der 
Weimarer Beschlüsse für den Fortschritt der höheren Mädchen- 
schule wird man uneingeschränkt anerkennen. Anders aber war 
es bestellt um die andere Seite, um das Wesen und die Ziele der 
Bildung, die man für die Mädchen angemessen fand. Zieht 
man die Litteratur zur Frauenbildungsfrage, sofern die in der 
Weimarer Konferenz tonangebenden Kreise daran beteiligt waren. 



— m — 

zur Interpretation der Beschlösse und der Denkschrift heran, so 
wird einem klar, dass der hier waltende Geist dem Streben der 
Frau nach innerer und äusserer Selbständigkeit, wie es aus der 
materiellen und geistigen Entwicklung der Zeit hervorgegangen 
war, durchaus fem stand. Bezeichnend fOr die Auffassung der 
Weimarer Denkschrift von dem Bildungsziel der Mädchenschule 
ist vor allem folgender Satz: ,Es gilt dem Weibe eine der Geistes- 
bildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und der 
Interessen ebenbürtige Bildung zu ermöglichen, damit der deutsche 
Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit 
seiner Frau an dem häuslichen Herde gelangweilt und in seiner 
Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde, dass ihm vielmehr 
das Weib mit Verständnis dieser Interessen und der Wärme des 
Gefühls für dieselben zur Seite stehe." 

Also der Mann als der ausschliessliche Träger höherer 
Interessen! In der Frau ist das Verständnis und die Begeisterung 
dafür nur soweit zu entwickeln, als es für den Mann angenehm ist 
Davon, dass die Frau ihrer besonderen Natur entsprechend in der 
Kulturwelt besondere „höhere Interessen*' selbständig zu vertreten 
hat, Interessen, deren Krafi allein in ihr wurzelt deren Träger 
der Mann gar nicht sein kann, davon, dass die Frau Mutter und 
Erzieherin ist davon, dass sie gerade so gut um ihrer selbst 
willen des Verständnisses für das geistige Leben ihrer Zeit bedarf, 
ist in den Weimarer Beschlüssen nicht die Rede. 

Diese Auffassung von der Stellung und Bedeutung der Frau 
bestimmte auch die Anschauungen der Weimarer Konferenz über 
die Frauenfrage. ,,Mit der Frauenfrage" führt Durektor Kr ey en b er g 
im Hinblick auf diese Reform aus, *) ,^hat die Tochterschulfrage 
ja, streng genommen, gamichts zu thun. Die Frauenfrage, sofern 
gegenwärtig überhaupt noch von einer solchen die Rede ist, (0 
beschäftigt sich zunächst mehr negativ mit der Hinwegräumimg 
sozialer Schwierigkeiten und Hindemisse, die sich den Wünschen 
der Neuzeit nach einem ausgedehnten Frauenwirken entg^enstellen. 
Eine solche soziale Frage ist die TOchterschulfrage auch nicht 
im entferntesten und nie gewesen. ** Der Kurzsichtigkeit dieser 
Erklärung machte sich nun freilich die Weimarer Denkschrift!) 

1) A. a. O. S. as. 

S) VfL S. 5: »Warn cadlieh Mich eine lofeiuimte Fnuenfrafe in immer weiterer 
Anid^moar mit freilich teilweise tmberechtiften, aber euch anerkannt bcrechtiften 
Ansprachen all Ansdmck eines nicht zu imtersehttzenden Notverhlltnisses henrorfetreten 
ist: so kann swar der Staat nidit unmittelbar abhelfen, wohl aber dadurch eine Pflicht der 
AbhQfe erfüllen, dass er das Schulwesen for die weibliche Jugend seiner fArdemden 
Forsorre und leitenden Aufsicht unterstellt.^ 



— ZI2 — 

nicht in vollem Umfange schuldig. Sie berOhrte wenigstens die 
Frauenfrage, wenn auch nur mit einem sehr bescheidenen Hinweis. 

Andrerseits ist auch, bei aller Kritik dem hier aufgestellten 
Bildungsideal gegenOber, doch wieder zuzugestehen, dass mit der 
vom Geist der Regulative diktierten Qbermflssigen Betonung der 
religiösen Bildung von der Weimarer Konfertaz im Falk'schen 
Sinne gebrochen wurde, dass man die Bedeutung des intellektuellen 
Moments auch in der Mädchenbildung doch klarer erkannte, als 
die Mädchenpädagogik der zwanziger und dreissiger Jahre. 

Den entschiedensten Widerspruch fand die Weimarer Denk- 
schrift von Seiten der Privatschule. Eine Reihe ihrer Forderungen 
wurden von der Privatschule aus Interessen der Selbsterhaltung 
bekämpft, vor allem aber wendete man sich in diesen Kreisen 
gegen die geringe Berücksichtigung der Lehrerinnen durch die 
Weimarer. Ihren Ausdruck fand diese Kritik in der Denkschrift 
des t3crliner Vereins für höhere Tochterschulen." Zum erstenmal 
tritt in dieser Denkschrift die Forderung auf, durch Einführung 
einer Oberlehrerinnenprüfung und -bildung der Schule den erzieh- 
lichen Einfluss der Lehrerin bis in die oberen Klassen zu sichern. 
Auch der 9jährige Kursus mit anschliessendem wahlfreien Unterricht 
in einzelnen Fachgruppen, wie er später ähnlich in Preussen ver- 
wirklicht wurde, wird hier schon gefordert 

Zunächst freilich setzten sich die Tendenzen der Weimarer, für 
die in dem „Verein für das höhere Mädchenschulwesen" dauernde 
Vertretung imd in der „Zeitschrift für weibliche Bildung in Schule 
und Haus" *) ein litterarischer Mittelpunkt geschaffen wurde, in der 
Gestaltung des höheren Mädchenschulwesens durch und zeitigten 
denn auch hier die Vorzüge und Mängel des Weimarer Pro- 
gramms. In hervorragendem Masse kam die Regeneration des 
preussischen Unterrichtswesens unter dem Ministerium Falk und 
die von dort ausgehende lebendige Wirkung auch auf die übrigen 
Bundesstaaten der Durchführung der Weimarer Beschlüsse zu 
gute. Preussen . hat seit Stein nicht mehr und später nie wieder 
eine Zeit so beweglicher Initiative gehabt, wie damals. Im An- 
schluss an die um dieselbe Zeit in Preussen vollzogene Reform 
der Volksschule veranstaltete Falk zum erstenmal eine amtliche 
Umfrage über den Stand und die Reformbedürftigkeit der höheren 
Mädchenschule und berief dann im August 1873 ^^^ Konferenz 
von männlichen und weiblichen Vertretern der privaten und 



>) Henuiafefeben tob SehorniteiB. Leipdf X873 £ 



— 113 — 

Öffentlichen höheren Mädchenschulen, sowie der Lehrerinnen- 
bildungsanstalten ein, die Ober Einrichtung, Aufgabe und Ziel der 
höheren und mittleren Madchenschulen, Fortbildungsanstalten für 
Madchen, über Ausbildung und PrOfung der Lehrerinnen zu beraten 
hatte. Die Konferenz stellte sich im ganzen auf den Boden 
der Weimarer Beschlüsse; sie forderte eine Scheidung von 
mittleren und höheren Mädchenschulen imd für die höheren 
als Norm „mindestens sieben selbständige aufsteigende Klassen." 
Als Lehrfächer wurden die bisher üblichen festgesetzt und dabei 
Turnen und Englisch als obligatorische Lehrgegenstände aufgestellt 
Die Anforderungen fbr die einzelnen Fächer wurden ausführlich 
umschrieben. Auch in Bezug auf die Zusammensjetzung des 
Lehrerkollegiums hielt man an den Weimarer Beschlüssen fest, 
nur wurde für das Amt des Leiters unter allen Umständen 
das (auf seminaristischer Vorbildung beruhende) Rektorezamen 
gefordert und dem seminaristisch gebildeten Lehrer mit Mittelschui- 
lehrerezamen auch die Befähigung zum Unterricht in den oberen 
Klassen zugestanden. Gesetzliche Regelung der Besoldungs- 
verhältnisse wurde für ein denmächst zu erlassendes Unterrichts- 
gesetz in Aussicht gestellt Der von den teilnehmenden Damen, 
besonders von FrL Kannegiesser- Berlin, mehrfach gestellte 
Antrag, die Mitwirkung der Lehrerin auch an leitender Stelle 
stärker zu betonen, wurde von der Konferenz konsequent ab- 
gelehnt Immerhin scheint — vielleicht durch die Teilnahme der 
Lehrerinnen — der Geist der ganzen Verhandlung im Sinne der 
Frauenbewegung nicht ganz so rückständig wie die Weimarer Be- 
schlüsse. Darauf deutet vielleicht die Bestimmung über die all- 
gemeine Aufgabe der höheren Mädchenschule, in der die 
Weimarer These «die Schule solle das Mädchen befähigen, sich 
an dem Geistesleben der Nation zu beteiligen'' durch den Zusatz 
erweitert wurde «und dasselbe mit den ihr eigentümlichen Gaben 
zu fördern." ') 

Die Beschlüsse der Augustkonferenz haben in Preussen zwar 
nicht Gesetzeskraft erlangt, sie sind aber thatsächlich, wie in ihrer 
Art die der Weimarer Konferenz, für die Entwicklung des Mädchen- 
schulwesens massgebend geworden. Durchweg mehr oder weniger 
in Bezug auf die innere Organisation der höheren Mädchenschule, 
in vielen Bundesstaaten auch in Bezug auf die äussere. Der 



I) Protokolle ober die im Anfuit 1873 im KOnifiidi PreoieisdicB Unterridite- 
Ifiniaterinm fepflofencn du mittlere imd höhere MtdcbeBscfauhreten betreffenden 
'Verhandlanfcn. , Berlin 1873. 

Heodbueh der Frenenbewef unf. VL TeiL 8 



— 114 — 

Forderung, die höhere Mädchenschule gesetzlich als eine höhere 
Lehranstalt in allen Fragen der Oi^nisation, des Unterrichts und 
der Verhältnisse ihrer Lehrkräfte zu regeln, ist in Baden 1872, in 
Sachsen 1876, WOrttemberg 1877, Hessen 1874 und auch in den 
kleineren Staaten zum grossen Teil entsprochen. In Preussen ist 
sie, wie das Versprechen eines allgemeinen Unterrichtsgesetzes 
überhaupt, bis heute noch nicht erfüllt 



Den ersten raschen Erfolgen der Weimarer Konferenz folgte 
bald eine Zeit des Stillstandes. Ein Normallehrplan, den die Re- 
gierung im Jahre 1886 veröffentlichte, >) fand wegen seiner Be* 
schränkung der von der Augustkonferenz aufgestellten Unterrichts- 
ziele so entschiedenen \^nderspruch, dass von seiner allgemeinen 
EinfOhrung abgesehen wurde. 

Und die öffentliche Kritik an den Leistungen der höheren 
Mädchenschule verstummte nicht Im Gegenteil. Nach wie vor 
war die Oberflächlichkeit und ästhetische Sentimentalität der 
«.höheren Tochter"* Zielpunkt des journalistischen Witzes sowohl 
als ernster Angriffe. War dieser Typus „höhere Tochter*, wie 
er in der Presse und auf der Lustspiel-Bohne auftauchte, auch 
eine Karikatur, waren die Eigenschaften, die ihm in der Wirklich- 
keit zu Grunde lagen, auch zum grossen Teil auf das Konto des 
Hauses zu setzen, zweifellos schien es doch, dass die höhere 
Mädchenschule ihre Aufgabe nicht erfüllte, jedenfalls nicht in 
dem Sinne, wie der wachsende Ernst der Frauenfrage, wie die 
Anforderungen der veränderten sozialen und wirtschaftlichen Zeit- 
verhältnisse an die Frau, an die Mutter, diese Aufgabe erweitert 
und vertieft hatten. Schon 1873 hatte Luise BOchner in einem 
Gutachten Ober die Protokolle der Augustkonferenz bedauert, dass 
man „wieder das , Ästhetische« bei der Mädchenschule viel zu 
sehr in den Vordergrund gerOckr' habe. Sie hatte darauf hin- 
gewiesen, dass das aufgestellte Ziel einer „abschliessenden** Bildung 
unter der Voraussetzung eines nur lojährigen Kursus psychologisch 
ein Unding sei, dass man aus den in Litteratur wie in Geschichte 
geforderten Stoffen einen „Kinderbrei** machen müsse, um sie mit 
15jährigen Mädchen behandeln zu können. Sie tadelt, dass in 
dem ganzen Bildungsgang, wie die Augustkonferenz ihn vor- 



>) Vgl CttitndbUtt für die fesamte üateniU iU V erw a ltung io Preussea. z886. 



— 115 — 

gezeichnet habe, das „Prinzip des Fertigmachens" die Sorge 
dafür, dass das i6jahrige MAdchen „alles gehabt*' habe, zu stark 
zur Geltung gekommen sei. Auch sie wendete sich schon, wenn 
auch noch mit einer gewissen ZurQckhaltung, gegen das Ober- 
wiegen des männlichen Einflusses in der Mädchenschule. „Die 
Männer werden es nicht gern zugestehen'*, sagt sie, „und gerade 
die besten Pädagogen am wenigsten, weil sie nach sich selbst die 
andern beurteOen, dass im ganzen nicht gerade sehr viele Lehrer 
den richtigen Takt und die richtige Auffassung f&r die Mädchen- 
erziehimg haben."*) 

Unter den MädchenschuUefarem trat mehr und mehr die 
Lehrerinnenfrage in den Mittdpxmkt eines immer erregteren 
Meinungswechsels. Die Lehrerinnen forderten, auch ftlr den 
Unterricht an den Oberklassen der höheren Mädchenschule aus- 
gerüstet zu werden. Den Weg dazu sah man in der EinfOhrung einer 
zweiten Prüfung, die entweder durch private Studien und praktische 
Thätigkeit oder aber durch den Besuch einer „Akademie*' vor- 
bereitet werden sollte.*) Auch innerhalb des Vereins für das 
höhere Mädchenschulwesen ^ vor allem auf der General- 
versammlung in Köln 1876 — kam die Lehrerinnenfrage zur Er- 
örterung. ^ In der Geschichte des Standes der höheren Mädchen- 
schullehrer ist das Kapitel „Die Lehrerinnenfrage*' nicht das 
glänzendste. In keinem Kuitiu^taat hat die Lehrerin so um ihren 
Anteil an der Mädchenerziehung kämpfen müssen wie in Deutsch- 
land. Unter Scenen von „fast tumultuarischem Charakter",^) wie 
berichtet wird, erreichten die Lehrerinnen und die wenigen fbr sie 
eintretenden Lehrer von der Kölner Generalversammlung die 
Erklärung, dass die Mitarbeit der Lehrerin auf der Oberstufe der 
höheren Mädchenschule „wünschenswerf* sei Das war ein 
Kompromiss zwischen den Anträgen „unentbehrlich" und „zu- 
lässig".*) Wenn dieser Zurückhaltung der Lehrer wirklich, wie 



>) Die FnuL HiaserUaaeBC Anfkitn, AbbADdliUfen und Beziehte nr Fnaenfrife 
von Laiie Boehner. Helle X878L S. 43 C 5.6» 

>) Dr. Chr. Reu eh. Die höhere MldrhenhiMnny and die WeiterbildiiBf der Lehre- 
rinaca. (Auf Venuüeeeimr des Vereins dentseher Lehreri&aeB und EnieheriiiBCB). — 
Dr. Ed. Caeer. Die höhere Midcheasduile nad die Lehreriaaeafraye. Berha zSt^ — 
Marie Calai. Die SteDaaf der deutsehea Lehreriaaca. Berlia 197a S. esC — Marie 
Stoephasins. Voa natea aaC Berüa iBj9, S. aoffl 

3) Vfl. dea Berieht ia der Moaatsschxift für das fesaate höhere Midcheaschahresea, 
hrsf. Toa Dr. Heasehke. X87& S. 477£, 1877 S. zSff. Zeitschrift fhr sreihliehe BQdoaf , 

ze7& S. 393* ^3* 

4) Ed. Ca aar. A. a. O. S. 17. 

5) ^allsaif' woQte die Mehrahl der Hcirea aar lagestehea. 



— ii6 — 

immer behauptet wurde, nur die Befürchtung zu Grunde lag, 
die seminaristisch — und zwar sicherlich schlecht seminaristisch — 
gebildeten Lehrerinnen möchten der höheren Mädchenschule den 
mühsam festgehaltenen Charakter der höheren Lehranstalt 
nehmen — warum trat man dann nicht mit grösster Entschieden- 
heit fOr entsprechende Vorbildung der Lehrerinnen ein? War es, 
weil die MadchenschuUehrer die Frau einer solchen wissen- 
schaftlichen Vorbildung Oberhaupt nicht fCkr fähig hielten, so lag 
der weitere Schluss nahe, dass der Ernst der Mädchenschul- 
padagogik durch so geringe Meinung von der geistigen Leistungs- 
fähigkeit der Frau nicht gerade gewinnen konnte. 

Das war eine Gedankenverbindung, die, bis dahin auch von 
den Lehrerinnen umgangen oder vielleicht auch nicht klar erkannt, 
doch einmal zur Sprache gebracht werden musste. Es brauchte 
nur das Visier auf beiden Seiten in die Höhe geschlagen zu 
werden, damit deutlich würde, dass man sich hier nicht allein als 
Lehrerin und Lehrer gegenüberstand, sondern dass es sich um 
innere Gegensatze handelte, die auf dem weiteren Gebiet der 
Frauenbewegung lagen. 

Im Jahre 1887 reichten eine Anzahl Berliner Frauen dem 
preussischen Unterrichtsministerium und Abgeordnetenhaus eine 
Petition ein, in der man bat, dem weiblichen Element eine grössere 
Beteiligung an dem wissenschafdichen Unterricht, namentlich an 
Religion und Deutsch, auf Mittel- und Oberstiife der öffentlichen 
höheren Madchenschulen zu geben, und staatiiche Anstalten zur 
Ausbildung von wissenschaftlichen Lehrerinnen zu errichten. 

In einer Denkschrift') von Helene Lange wurden diese Petita 
eingehend b^n^ündet, und im Rahmen dieser B^ründung wird 
an die Leistungen der höheren Mädchenschule eine prinzipielle 
und umfassende Kritik gelegt Sie richtet sich vor allem gegen 
zweierlei: gegen den allgemeinen Charakter der Bildung, die die 
höhere Madchenschule gewahrt, und gegen das Zurücktreten des 
weiblichen Einflusses besonders in den oberen Klassen: Die 
Beschlüsse der Weimarer Konferenz haben der höheren Madchen- 
bildung einen Zweck gegeben, der unter allen Umstanden ver- 
flachend auf ihr Wesen zurückwirken musste. Sie soll das Madchen 
in den 10 Jahren, die dafür höchstens zur Verfügung stehen, 
„allseitig'' und „harmonisch'' bilden, d. h. in alle Gebiete allgemeiner 
Bildung soweit einführen, dass die Frau ^ nirgends zu selbst- 



I) Die hoher« Mldchenerhnlr oad ihre BeetiiniBiiaf . Berlin ifiBS. 



— 117 — 

ständiger Weiterarbeit, aber Qberall soweit zum Mitreden fiLhig 
ist, dass der (^deutsche Mann sich am hauslichen Herde nicht 
langweile". In diesem ZieU das die j^Allgemeinheit des Interesses" 
an Stelle der Kraftentwicklung setzt, liegt geradezu die Not- 
wendigkeit begründet. Obersichten [zu geben, statt arbeiten zu 
lehren« Deshalb bietet der Bildungsgang unserer Mädchen bei fdr 
seine Dauer zu starker stofilicher Belastimg zu wenig Intensität 
und Tiefe. Zu fordern ist Beschränkung des Stoffs auf d^ einen 
Seite, dann aber eine Gelegenheit zu gründlicher Weiterbildung 
in Fachgruppen über die übliche Schulzeit hinaus. So lange man 
aber die Frau nicht für fähig hält, an der Mädchenschule die aus- 
schlaggebende Stelle einzunehmen, steht die Mädchenschule unter 
der Herrschaft eines Prinzips, das auf die Erfüllung ihrer Aufgabe 
unter allen Umständen nachteilig wirken muss. Deshalb« — vor 
allem aber aus den gewichtigsten pädagogischen Gründen — ist 
eine Hauptbedingung für eine zeitgemässe Reform der höheren 
Mädchenschule, dass die Lehrerin nicht wie bisher nach Zahl 
und Rang die zweite Stelle einnehme, sondern dass ihr Einflnss in 
der Mädchenbildung der massgebende und bestimmende seL Um 
einen solchen auszuüben, bedarf sie aber einer vollkommen anders 
gearteten Vorbildung, als sie bisher geniesst Die Ausbildung 
wissenschaftlicher Lehrerinnen in entsprechenden Anstalten 
wäre also die erste und dringendste Aufgabe des Staates. 

Die Begleitschrift brachte die schon oft angebahnte Erörterung 
über die Lehrerinnenfrage zum allseitigsten und heftigsten Austrag. 
In Lehrerkreisen empfand man die Ausführungen der Verfasserin 
als einen Angriff auf die Persönlichkeiten der Mädchenlehrer, während 
sie thatsächlich nur die in der Natur der Sache liegenden unver- 
meidlichen Missstände ztmi Ziel hatten.^} Sogar der Dezernent 
fOr das höhere Mädchenschulwesen im preussischen Ministerium, 
Geheimrat Schneider, nahm dazu in einem öffentlichen Vortrag*) 
Stellung. Auch er wünschte die Lehrerin am Unterricht der 
Oberklassen beteiligt, aber die Dementarlehrerin, ohne irgend eine 
weitere systematische Fortbildung. Damit wäre freilich der Charakter 
der Schule erheblich herabgedrückt worden, und diese Befürchtung 
mag einigermassen als Erklärung dienen für einen, die Tendenzen 
der Berliner Denkschrift geradezu vergewaltigenden Ausspruch 
Nöldekes: i,Man glaubt, wie es scheint, den Augenblick ge- 

>) Die fcsamte littcnnir zn diesem Streit ist sB fCf eben Hsadbudi der Frmuen- 
bew e f Utt f Teü I, S. 85. 

S) Bildtmfsael uad Büdon gs w eg c fOr imsere Tochter. Berlin 1888. 



— 1x8 — 

kommen, wo die Ziele der Madchenschule niedrig genug gesteckt 
sind, um sie der alleinigen Leitung weiblicher Kräfte zu übergeben''. <) 
Die Lehrerinnen, denen die Diskussion Ober die »gelbe BroschOre" 
sehr deutlich gezeigt hatte, dass durch die bestehenden Fach- 
vereine ihre Interessen nur in sehr beschränktem Masse vertreten 
waren, schlössen sich im Jahre 1890 unter Helene Lange und 
Marie Loeper-Housselle zu einer eigenen Organisation, dem 
„AUgemeinen deutschen Lehrerinnen verein" zusammen, der die 
Forderungen der Berliner Denkschrift in erster Linie zu seinen 
Aufgaben machte. 

Die ministeriellen Bestimmungen vom 31. Mai 1894 f&hrten nun 
eine Regelung des höheren Mädchenschulwesens in Preussen 
wenigstens nach der Seite des Lehrplans herbeL Dieser Plan war 
auf 9 Jahreskurse zugeschnitten und zeigte innerhalb dieses Rahmens 
gegenüber den Beschlossen der Augustkonferenz in Bezug auf 
Pensenverteilung und Lehrziele eine pädagogisch sicher zu recht- 
fertigende Beschränkung. Die Fortbildung Ober diese neun Jahre 
hinaus sollte, wo sich das BedOrfiiis zeigte, in „wahlfreien Kursen* 
gegeben werden, die einerseits eine Konzentration auf Einzelfächer 
entsprechend den individuellen Neigungen ermöglichen, andrerseits 
eine Vorbereitung, sei es fOr das Lehrerinnenseminar, sei es fQr 
technische oder andre Berufe, gewähren könnten. Die Beurteilung 
dieser Bestimmungen war eine geteilte. Die Möglichkeit, an Stelle 
des bis dahin oft sehr einseitig in ästhetischer Richtung ausge- 
beuteten 10. Schuljahrs Spielraum fiOr eine rationellere Erweiterung 
der Schulbildung zu gewinnen, liess Freunde der höheren Frauen- 
bildung an den Plan Erwartungen knOpfen, die freilich bei der 
mangelnden Initiative der Städte sich nicht erfollten. 

Sah man aber von diesen „Kursen* ab, so bedeutete die 
Normierung der höheren Mädchenschule auf nur 9 Jahrgänge einen 
Rückschritt, da man schon in einer ganzen Anzahl von grösseren 
Städten ein 10. Schuljahr eingefiohrt hatte, weil ein Bedürfnis 
danach vorhanden war. War auch diesen Anstalten das Fort- 
bestehen der 10 Jahrgänge gewährleistet, so war doch die Insti- 
tution als solche durch den neunjährigen Kursus gekennzeichnet. 
Von diesem Gesichtspunkt aus erfuhren die 94er Bestimmungen 
auch von Seiten der organisierten Mädchenschulpädagogen eine 
scharf verurteilende Kritik.*) 



I) Von Wdflur bis Berlin. S. 64. 

*) Verfl* <l>e Veriuadlunfen der Roblenzer Genenlversunmlonf 1895. Zeitsdirift für 
weibliche Bildunf. XXIII. Jehrfsaf . 



— Ilp ^ 

Von viel einschneidenderer Bedeutung als die auf den Lehrplan 
bezüglichen Bestimmungen aber war die Eini&hrung einer wissen- 
schaftlichen Prüfung für Lehrerinnen, durch die das zweite 
Petitum der Berliner Denkschrift, wenn auch noch nicht in vollem 
Umfange, so doch in zunächst befriedigender Weise erfüllt wurde. 
Voraussetzung dabei war eine fünQährige Unterrichtspraxds nach 
Bestehen des seminaristischen Examens und ein 2 — 3Jähriges 
Studium an der Universität oder besonderen wissenschaftlichen 
Kursen. Die Prüftmg konnte in zwei von der Aspirantin selbst 
zu wählenden Fächern abgel^ werden und sollte zum Unterricht 
an den oberen Klassen der höheren Mädchenschule befähigen. 
Gern hat die preussische Regierung diese neue Einrichtung nicht 
gescha£fen. Der damalige Dezernent, Geheimer Ober-Regierungsrat 
Schneider, bezeichnet die Prüfung als ein „schweres Opfer, das 
dem Vorurteil der anstellenden Behörden gebracht worden ist*, 
ein Opfer nämlich, weil — „das viele Wissen den Damen, 
namentlich den jüngeren, leicht zur Versuchung werde'*. >} 

Da von spezifizierten Porderungen in den einzelnen Fächern 
noch abgesehen und nur im allgemeinen Nachweis der Befähigung 
zu wissenschaftlicher Arbeit verlangt wurde, so kam es ganz 
auf die Handhabung an, ob die Prüftmg den Namen einer 
„wissenschaftlichen** thatsächlich rechtfertigen würde. Dass sie im 
grossen und ganzen mehr und mehr diesen Charakter gewann, dafür 
sorgten vor allem die Lehrerinnen selbst, die mit der grössten 
Energie die Ansprüche in die Höhe zu schrauben suchten. Er- 
leichtert wurde ihnen das in einer Weise dadurch, dass die 
Regierung die Fürsorge fOr ihre Ausbildung der Privatinitiative 
überliess. So wurden die „Oberlehrerinnenkurse" zum grossen 
Teil von den Lehrerinnen selbst geschaffen, wie die in Göttingen, 
Königsberg. Bonn; oder sie verdankten doch einem fdr höhere 
Frauenbildung warm interessierten Kreise von Privaten ihr 
Entstehen, wie die Kurse des Viktorialyceums in Berlin. 
Das Viktorialyceum , das z868 durch eine in Deutschland 
lebende Engländerin, Miss Archer, unter dem Protektorat der 
nachmaligen Kaiserin Friedrich gegründet wurde, hatte ur- 
sprünglich den Zweck, Frauen in wissenschaftlich - populärer 
Form eine tiefere allgemeine Bildung zu geben. Schon im 
Jahre 1888 hatte man dann die Anstalt durch spezielle wissen- 
schaftliche Fachkurse für Lehrerinnen erweitert und den Teil- 



I) D. Dr. K«rl Schneider. Ein halbes Jahihondert im Dienste von Kirche und 
Schale. Berlin xyoa S. 457. 



an diesen Kursen die Möglichkeit gegeben, nach 
dreijährigem Studium eines Faches durch ein wissenschaftliches 
Abschlussexamen iiire Bildung nachzuweisen. Es bedurfte nur 
eines Ausbaus dieser Einrichtung, um sie den neuen Forderungen 
anzupassen. 

Je eifriger die gebotene Gel^enheit von den Lehrerinnen 
benutzt wurde, um so schmerzlicher empfiuid man doch auch die 
Schwierigkeiten und Mangel, die der neuen Einrichtung anhafteten. 
Die Seminarbildung erwies sich als eine durchaus ungeeignete 
Grundlage fOr das Studium. Die Lehrerinnen waren gezwungen, 
sich das wissenschaftliche Rüstzeug fOr ihre Arbeit ^ u. a. Latrin 
tOr die historischen Fächer, Griechisch für Religion — privatim 
anzueignen. Bei der vollständigen Verständnislosigkeit für die 
Gesichtspunkte und Methoden wissenschaftlicher Arbeit, in der 
das Seminar sie gelassen, war es ftlr sie nicht leicht, sich in die 
neue Art des Studiums hineinzufinden. Die urq)rQnglich für das 
Studium festgesetzte Zeit von zwei Jahren erwies sich als bei 
weitem nicht ausreichend, und wer wirklich Fühlung gewonnen 
hatte für das Wesen wissenschaftlicher Bildung, der ging mit 
dem schmerzlichen Bewusstsein der Halbheit seines Könnens in 
den Beruf zurück. Zudem hatte es natürlich praktisch seine 
Schwierigkeiten, die Lehrerinnen, wenn sie nach dem Examen 
filnf Jahre im Schulorganismus gestanden hatten, wieder für Iftngere 
Zeit herauszunehmen, und vielfach wurde deshalb von seiten der 
Städte der nachgesuchte Urlaub verweigert Während der Verein 
fllr das höhere Mädchenschulwesen auf seiner Weimarer Ver- 
sanunlung 1897 dem hier vorgeschriebenen Weg für die Ober- 
lehrerinnenbildung zustimmte, setzte der Allgemeine Deutsche 
Lehrerinnenverein zur Bearbeitung der Frage eine Kommission 
ein, die im Jahre 2897 seiner Greneralversammlung ihre Vorschläge 
in Bezug auf die Oberlehrerinnenbildung übergab.*) Sie nahmen 
ab Grundlage die Reifeprüfimg des Realgymnasiums an und wiesen 
daran anschliessend der Universität die wissenschaftliche, bestimmten 
mit Obungsschulen verbundenen Oberlehrerinnenbildungsanstalten 
die praktisch-pädagogische Bildung der Oberlehrerin zu. 

Die ausgefdhrte Prüfimgsordnung, die auf Grund der bisher 
gemachten Erfahrungen unter. dem 15. Juni 1900 erlassen wurde, 
hat, dank der Initiative des neuen Dezernenten im preussischen 

I) VfL SchlotsprotolLoIl fiber die BentoBfca der Tom AUfcmeiBen dentschen 
LfehreriBBeinrereiB sar D eraiim f der Oberlefareriimeiibildaiif md PrQlimf efa f e eetxt e n 



— lai ^ 

Unterrichtsministerium, Geh. Oberregierungsrat Waetzoldt, der 
ganz gewiss auch die unermüdlich auf höhere Ansprüche dringende 
Energie der Lehrerinnen zu Hilfe kam, einen bedeutenden Schritt 
über die bis dahin geübte Praxis hinaus gethan. Sie hat Philo- 
sophie als obligatorisches Prüfungsfach eingeführt und in den 
einzelnen Fächern die Ansprüche -denen des Oberlehrerexamens 
bedeutend angenähert Von den Lehrerinnen ist diese Prüfungs- 
ordnung thats&chlich als ein erster Schritt auf dem von ihnen ge- 
wünschten Wege begrüsst worden. 

Was nun die Verwendung der so ausgebildeten Lehrerinnen 
im Schuldienst betrifft, so hatten die Bestimmungen von 2894. für die 
Lehrerin in der Mädchenschule einen eigenartigen Posten geschaffen. 
Es war der einer ,, Gehilfin* des Direktors, die ihn bei ^^Lösung der 
erziehlichen Aufgabe der Anstalt unterstützen" sollte. Dass bei der 
prekären Stellung und den so vage umschriebenen Kompetenzen 
einer solchen „Gehilfin" ihr Posten keine besondere Bedeutung 
gewinnen konnte, liegt auf der Hand. Bedeutung hatte in diesem 
Fall nur die Anerkennung des Prinzips, dass auch für die Leitung 
der höheren Mädchenschule der Einfiuss der Frau notwendig seL 
Wichtiger, wenn auch ein sehr bescheidenes Zugeständnis, war die 
Bestimmung, dass ein Ordinariat auf der Oberstiife einer Lehrerin 
übertragen werden solle, und die Empfehlung, im Besoldungsetat 
der höheren Mädchenschule einige Stellen als Oberlehrerizmenstellen 
auszuzeichnen und nur mit wissenschaftlich geprüften Lehrerinnen 
zu besetzen. Wieweit die Städte dieser Empfehlung nachgekommen 
sind, zeigen die nachstehenden Tabellen. (IV, V, VI und DL) 

Die Regierung hat mit grösster Energie daraufhingewirkt, den 
Anteil der Lehrerinnen besonders auch am Unterricht der Oberklassen 
zu verstärken. Preussen ist in dieser Hinsicht den übrigen Bundes- 
staaten ganz bedeutend vorangegangen. Dass dabei so etwas wie 
ein Systemwechsel vorgelegen hat, ergiebt sich, wenn man die scharf 
ablehnende Antwort, die damals das Kultusministerium auf die 
Berliner Denkschrift abgab,*) neben einen Ministerialerlass vom 
9. August 1899 stellt, der thatsächlich eine nachträgliche Zu- 
stimmung zu allen ihren Kernpunkten darstellt*) Die wissen- 

') Verf L die na^ttdieiide Tabelle IV, in der nur in Betof auf Beycm der Vergleich 
nicht möglich ist, weil hier die piiraten Schulen der Fnueaordea mit den Öffentlichen sn- 
sanmcn bearbeitet sind. 

*) Verf L ,i>ie Lehrerin**. X5. November 1888. S. 97 £ 

*) Darin heiaat es (Centr.-BL t d. ges. UnL-Verw^ OkL 1899): ,J>en Wunsch der 
Lehrerinnen» auch am Unterricht in den oberen Klaasen der öffentlichen höheren Mädchen- 
schulen in we it ere m Um£uigc beteiligt su werden, habe ich als bere chti gt aneriunnt, und 
dem BedOrihisse des Nachweises einer vertieften und erweiterten Bildung durch Einrichtung 



schaftlichen Fortbildungskurse zur Vorbereitung auf die Ober- 
lehrerinnenprQfung, die in Berlin, Göttingen, Bonn, Königsberg, 
Breslau und in MQnster l W. (kath.) bestehen, haben bis jetzt 
etwa 150 SchOlerinnen zum Examen vorbereitet Dem Beispiel 
Preussens in der EinfOhrung des Oberlehrerinnenexamens sind 
EIsass-Lothringen (Prüf.-Ord. v. 23. Nov. 1898) und Hamburg 
gefolgt 

Mit der Entwicklung des Lehrerinnenstandes hat sich auch 
seine Organisation kräftig ausgestaltet Innerhalb des Allgemeinen 
Deutschen Lehrerinnen Vereins, der gegenwärtig etwa 17000 Mit- 
glieder umfasst, werden die Interessen der höheren Mädchenschule 
im besonderen von der Sektion fflr höhere und mittlere Mädchen- 
schulen vertreten. For die Bfldung der Lehrerinnen für den Sprach- 
unterricht sind der englische und französische Zweigverein des Allge- 
meinen Deutschen Lehrerinnenvereins von besonderer Bedeutung 
geworden. Der erstewurdeschonim Jahre 1866 von Helene Adel- 
mann gegründet und hat sich dank der Energie seiner Leiterin 
ausserordentlich rasch und kräftig entwickelt Er sorgtdurch eine aus- 
gedehnte Stellenvermittlung fOr die Unterbringung seiner Mitglieder 
in englischen Familien und Schulen und gewährt ihnen in seinem 
Heim Aufenthalt und in sprachlichen Kursen (St Alban*s. College, 
81 Oxford Gardens) Gelegenheit zur Ausbildung. Dasselbe 
gewährt seinen Mitgliedern der französische Verein unter dem 
Vorsitz von Frl. Schliemann (8 Rue Villejust, Paris). 

Auch im deutschen Verein fOr das höhere Mädchenschulwesen 
hat die Sache der Lehrerinnen mit der Zeit an Boden gewonnen. 
Unter der Leitung von Frl. Vorwerk (f 1900) und Frl. Sprengel 
sind die Interessen der Lehrerinnen innerhalb des Vereins in einer 
besonderen Abteilung vertreten worden. Die Zeitschrift „Frauen- 
bildung'', die im FrOhjahr 1902 mit einem bedeutend erweiterten 
Programm an Stelle der Zeitschrift für weibliche Bildung getreten 

der wisMBschaftlicfaeB Profiuif der Ldirenaiien entsprodicn. Aofenedieialich bestdit in- 
deteen aa naiidien Stellen nods ein dnrdi die Er&bnuif keim gtnthdtTÜgttB Bedenken, 
den L ehr e linn en den ihnen snkonnnenden Anteil an der Eniehanf der Mldchen nncfa in 
den öffentlichen Schulen enunrtnnien. Unbeetreitber aber ist, ömmm namentlich in den Jahren 
der Entwicklonf der y^iHt.«« öer Lehrerinnen nicht zu entbehren und nicht zu era e tx en ist. 
Die Enichunf der Mädchen während dieser Jahre ausschliesslich oder auch nur ober- 
wiegend in die HAnde von Mlnaem zu legen, wäre unnatürlich. . . . Die Lehrerinnen werden 
ihren gwifltf« auf die heranwachsenden SchOlerinnen nur dann in den wo n i rhens w ei teu 
Masse geltend machen können, wenn sie, mehr nodi als heute dnrchschnitdkh der Fall ist, 
mit Unter r icht auf der Oberstufe betraut werden. Auch die sog. ethischen Ftdier können 
denienigen L^irertnnen unbedenklich übertragen werden, weldie bewiesen haben, dass sie 
nach der wissenschaftlichen wie nach der eniehlichen Seite hin ihrer Aufgabe gewachsen sind." 
16 Wyndham Place Bry ansto n Square, London W. 




— 133 — 

ist, unter der Redaktion von Herrn Professor Dr. Wycbgram, 
wird auch den Bestrebungen der Lehrerinnen in hervorragendem 
Masse gerecht 

c) Gymnasialbildung und Studium. 

Die Forderung, die Mädchen an der humanistischen oder realen 
höheren Knabenbildung teilnehmen zu lassen, ist innerhalb der 
deutschen Frauenbewegung schon im ersten Jahrzehnt ihres Be- 
stehens laut geworden. Man hat diese Forderung unter einem 
doppelten Gesichtspunkt erhoben. Einmal sah man in den 
Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen der Knaben die 
unumgänglichen Vorbildungsanstalten fOr die höheren Berufe und 
suchte den Madchen etwas Analoges zu verschaflfen, weil man 
ihnen eben diese Berufe zugänglich machen wollte. Andrerseits 
betrachtete man aber die Knabenanstalten auch unter dem Gesichts- 
punkt, wie weit ihre Lehrstoffe, ihre Methoden, ihre Disziplin und 
ihre Ziele in allgemein erziehlicher Hinsicht Wertvolleres zu bieten 
hätten als die höhere Mädchenschule. 

Die Frauenbew^;ung hat von Anfang an ihre Forderungen 
in diesem doppelten Sinn gestellt Das Problem, wie den Be- 
dürfnissen der Minorität, die später in gelehrte Berufe einzutreten 
wünscht, gemeinsam mit denen der Majorität, die nur eine gründliche 
Allgemeinbildung sucht, zweckmässig entsprochen werden könne, 
hat bis jetzt noch die verschiedenste Beantwortung gefunden. 
Für die ersten praktischen Versuche, den Mädchen die 
Knabenbildung zugänglich zu machen, musste naturgemäss der 
Gesichtspunkt der Berufs Vorbildung im Vordergrund stehen. 
Nachdem schon mehrfach deutsche Frauen ihre wissen- 
schaftliche Bildung im Ausland gesucht hatten, handelte es 
sich darum, einer Reihe von erwachsenen jungen Mädchen, die 
den Wunsch hatten, ein Studium zu ergreifen, die gymnasiale 
Vorbildung in der Heimat zu gewähren. Die erste Axistalt die 
dieses Bedürfnis zu befriedigen versuchte, waren die 2889 in Berlin 
begründeten ,,Realkurse für Frauen'', die, auf dem Pensum der 
höheren Mädchenschule sich aufbauend, nur die Vorbereitung zur 
Schweizer Matura im Auge haben konnten, da man in Deutschland 
damals zum Abiturium noch nicht zugelassen wurde. Als hier, 
zum Teil durch die Agitation der Frauenbew^ung, zum Teil auch 
unter dem Einfluss der Entwicklung im Auslande sowohl als dem 
Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse die Stimmung, wenn auch 
langsam, den Frauen günstiger wurde, da verwandelte die Leiterin, 



— 124 — 

Frl. Helene Lange, die Realknrse in Gjrmnasialkurse mit dem 
vollen Pensum des himianistiscben Gymnasiums und dem deutschen 
Abiturium als Ziel. Ein halbes Jahr, später gründete der Allgemeine 
deutsche Frauenverein Gymnasialkurse in Leipzig unter der Leitung 
von Frl. Dr. Käthe Windscheid, die kurz zuvor als erste deutsche 
Frau den Doktorgrad einer deutschen Universität, Heidelberg, 
erworben hatte. Die Leipziger Kurse, schlössen sich wie die 
Berliner an die höhere Mädchenschule an und fahrten ihre 
Schülerinnen in ca. 4 Jahren zum Abiturium. 1896 bereits ent- 
liessen die Berliner Gymnasialkurse ihre ersten Abiturientinnen 
zur Reifeprüfung. Damit rückte die ganze Bew^ung zu Gunsten 
des Frauenstudiums einen bedeutenden Schritt weiter. Wohl 
waren bereits an einer Reihe von deutschen Universitäten Frauen 
— in Preussen immer auf Grund einer speziellen Erlaubnis des 
Unterrichtsministers und vorbehaltlich der Zustimmung der 
Dozenten — als „Gast •Hörerinnen'' zugelassen. Auch hatte 
die Einführung der wissenschaftlichen Prüfung der Universität 
eine Reihe von Lehrerinnen zugeführt; hier aber sah sich die 
Behörde zum erstenmal vor die Thatsache gestellt, dass eine Reihe 
von rite vorgebildeten Frauen Anspruch erheben konnten auf 
Zulassung unter den gleichen Bedingungen wie die Männer, weil 
sie die gleichen Anforderungen erfüllt hatten. 

Gleichzeitig mit der Gründung der Berliner Gynmasialkurse 
war in Süddeutschland ein etwas andrer Weg eingeschlagen, die 
Frage der wissenschaftlichen Vorbildung der Mädchen zu lösen. 
Der Verein Frauenbildungsreform (später Frauenbildung — ^Frauen- 
Studium) hatte in Karlsruhe ein 6 klassiges „Mädchen-Gymnasium'' 
gegründet, das seine Schülerinnen schon im 12. Jahre aufnahm. 
Die Gründung entsprang dem Wunsche, die Mädchenbildung mög- 
lichst ganz der Knabenbildung anzugleichen, da man darin allein 
den zweckmässigen Weg zur Reform der Mädchenerziehung über- 
haupt zu erkennen meinte. Die Bestrebungen, Vollgymnasien für 
Mädchen zu gründen, stellen eine zweite grosse Gruppe von Ver- 
suchen dar, das Mädchenbildungsproblem zu lösen. Sie scheiterten 
zumeist an dem Widerstand der Regienmgen, die unter allen Um- 
ständen die höhere Mädchenschule in ihrem vollen Umfange als 
die unumgängliche Grundlage jeder weiter führenden Bildung fest- 
gehalten zu sehen wünschten und daher Unternehmungen, die in 
diesen Bildungsgang eingriffen, die Bestätigung versagten. 

Einer solchen Weigerung fiel 1898 der Plan der Stadt Breslau, 
ein humanistisches Gjrmnasium für Mädchen zu gründen, zum 



— 135 — 

Opfer. Dasselbe Schicksal bat die Vereine zur GrüoduDg von 
Mädchengymnasien in Cöln und in Manchen an der Verwirklichung 
ihrer Zwecke bisher gehindert Auch der Verein Frauenbildung — 
Frauenstudium, der in Frankfurt a. M. ein sechsklassiges Mfldchen- 
gymnasium begründen wollte, wurde auf fünfjährige Kurse 
beschränkt 

In ein neues Stadium trat die ganze Frage dadurch, dass den 
Schülern der Realgymnasien und preussischen Oberrealschulen die 
Berechtigung verliehen wurde, auf Grund ihrer Entlassungszeugnisse 
Medizin und Jura zu studieren. Die Bedeutung des vollen 
humanistischen Gymnasiums fdr Mädchen hörte damit auC und die 
Frage vereinfachte sich etwas. Es sind ixifolge dieser Bestimmung 
die Mehrzahl der bestehenden Gymnasialkurse in Realgymnasial- 
kurse verwandelt worden. Diese Verwandlung hat aber auch in 
der Tbat die bestehenden Mädchengymnasien einem Ziel näher 
gerückt, auf das sich von den venchiedensten Seiten her die 
Wünsche allmählich konzentrierten: die Mädchenschule nämlich in 
ihrem ganzen Organismus derjenigen Anstalt möglichst anzugleichen, 
als deren Parallele sie ursprünglich geschaffen war, deren glückliche 
Entwicklung sie aber nicht geteilt hatte: der Knabenrealschule 
bezw. Oberrealschule. Die Forderung hat am Anfang aller 
Bildungsbestrebungen der Frauenbewegung gestanden, sie ist auf 
dem Eisenacher Frauentag von 187a schon diskutiert, auf. dem 
Kasseler Frauentag 1896 von neuem gestellt worden und in der 
breiteren Agitation des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in den 
Vordergrund getreten. Der erste praktische Versuch nach dieser 
Richtung ist von der Stadt Mannheim gemacht worden, die im 
Jahre 1901 ihrer höheren Mädchenschule von der IV. Klasse ab 
eine Oberrealschulabteilung als Parallelanstalt angliederte. 

In Baden hat man schliesslich auch zuerst einen vierten 
möglichen Weg der Lösung für die Mädchenbildungsfrage gefunden: 
den der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter. Man hat in 
einer Reihe von Städten den Mädchen die Gymnasien und Ober- 
realschulen der Knaben einfach erschlossen. In vereinzelten Fällen 
ist Württemberg diesem Beispiel gefolgt (Vgl Tabelle VH) 

In gleichem, oder vielmehr in noch stärkerem Masse, wie die 
gymnasialen Bildungsanstalten sich vermehrt haben, hat wie die 
nachstehende Tabelle (VIQ) beweist, die Zahl der studierenden 
Frauen zugenonmien, und nach und nach haben sich ihnen alle 
Universitäten Deutschlands, zuletzt Jena (1902), wenigstens in den 
für die Frauen wichtigsten Fakultäten, erschlossen. Das Recht der 



Immatrikulation besitzen sie £reilich bis heute nur in Baden, und 
zwar seit 1901. In den übrigen Universitäten ist die Zulassung 
durchgehend noch so geordnet, dass die Frauen, vorausgesetzt 
den Nachweis genügender Vorbildung*) und die Erlaubnis jedes 
einzelnen Dozenten, dessen Vorlesungen sie besuchen wollen, als 
Hospitantinnen zugelassen werden. In ahnlicher Weise ist die 
Zulassung der Frauen zu den landwirtschaftlichen und technischen 
Hochschulen geregelt*) Wenn auch von den Staatsprüfungen den 
Frauen bis jetzt nur die medizinischen und pharmazeutischen, nur 
in Bayern auch das Examen pro facultate docendi, erschlossen 
sind, so ist doch dadurch allein schon ein unhaltbarer Zustand 
geschaffen: die Frauen werden zu einem Staatsexamen auf Grund 
einer durch Hospitieren erworbenen Universitatsbildung zugelassen, 
und der Staat muss von der für die Zulassung der Männer 
obligatorischen Immatrikulation die Frauen jedesmal dispensieren, 
weil er selbst ihnen die Immatrikulation versagt hat Aufrecht er- 
halten wird dieser Zustand trotzdem mit Rücksicht auf die immerhin 
noch erhebliche Zahl von Dozenten, die dem Frauenstudium bis 
jetzt ablehnend gegenüberstehen und den Frauen die Zulassung 
zu ihren Vorlesungen versagen. Man will auf diese, in der Mehr- 
zahl der medizinischen Fakultät angehörenden Universitätslehrer 
keinen Zwang ausüben, wie es durch die Einführung der 
Immatrikulation, die den Frauen das Recht auf den gesamten 
Universitätsunterricht geben würde, thatsächlich geschähe. In 
allerjüngster Zeit ist aber in Preussen der Gedanke er- 
wogen worden, ob man nicht denjenigen Fakultäten, die 
den Wunsch haben, auch ihre weiblichen, rite vorgebildeten 
Studierenden zu immatrikulieren, ministeriellerseits das Recht 
dazu geben solle. Es scheint, dass dieser Plan Aussicht auf 
Erfüllung hat, um so mehr, als das Oberhandnehmen des 
Hospitantenwesens eine Reihe von Missstanden hervorgerufen hat, 
die durch eine immer schärfere Handhabung der Zulassung, auch 
von Ausländerinnen,*) nicht ganz beseitigt sind und eine endgiltige, 
klare Regelung der Stellung der weiblichen Studenten dringend 
wünschenswert erscheinen lassen. Dass die Stimmung der 
akademischen Kreise selbst den Frauen im allgemeinen günstig 



I) Als eia tolcher Nachweis wird lutt MiiiisterislvcrfOpiBf vom •& Febmar 1901 in 
Preussen such das Lehrerinnenexamen anerkannt. Ein Unterschied swischen den rite vor- 
^bOdeten StudentinncB und den flbrifen Hospitantinnen wifd nidit penacht 

*) VfL Handbuch der Frauenbewe^unf, Bd. IV, S. 376C 

3) VfL Ministerialerlass vom a& Febr. 1901. 



— 127 — 

ist beweist die ziemlich grosse Zahl von Promotionen weiblicher 
Doktoranden, die im letzten Jahrzehnt an deutschen Universitäten 
stattgefunden haben. 



Wie die deutsche Frauenbewegung, zum Teil in engerem Zu- 
sammenhang mit dem Frauenstudium, zum Teil aus dem allgemeiner 
empfundenen Bedürfnis heraus, die Madchenbildung zu vertiefen, 
eine BrQcke zum höheren Knabenunterricht herüber zu bauen ver- 
suchte, ist gezeigt worden. Der Rückwirkung dieser ganzen Be- 
strebungen und der Verhältnisse, die sie schufen, auf die Gestaltung 
der höheren Mädchenschule selbst konnten auf die Dauer auch 
die Regierungen sich nicht entziehen. Wiederholt hat der jetzige 
preussische Unterrichtsminister Dr. Studt ausgesprochen, dass 
dem (^höheren Unterricht der Mädchen im Lauf der Zeit neue Auf- 
gaben erwachsen seien", denen die höhere Mädchenschule in ihrer 
jetzigen Gestalt nicht mehr genügen könne. Gegenwärtig bereitet 
das preussische Unterrichtsministerium eine Reform der höheren 
Mädchenschule vor, deren Grundzüge der Unterrichtsminister 
bereits im Preussischen Landtag <) gekennzeichnet hat Sie wird 
die Wünsche der deutschen Frauenbew^ung nicht in vollem Um- 
fange berücksichtigen, aber sie wird wenigstens die ersten Schritte 
thun auf dem Wege, der sich auch im Kampf um die höhere Frauen- 
bildung schliesslich als der richtige herausgestellt hat Durch 
stärkere Betonung des Deutschen und der Naturwissenschaften und 
durch Einführung der elementaren Mathematik auf der Oberstufe 
wird die Mädchenschule den realistischeren Charakter bekommen,, 
durch den sie mit den Interessen und Triebkräften unserer modernen 
Kultur erst wieder in Einklang gebracht werden kann. Die Aus- 
dehnung des Gesamtkursus auf zehn Jahre und die Möglichkeit 
einer Abschlussprüfung, deren Bestehen durch ein Reifezeugnis 
bestätigt wird, wird ihr den Charakter der höheren Lehranstalt 
sichern. Die Oberlehrerin und der akademisch gebildete Lehrer 
auf der Oberstufe, die für höhere Mädchenschulen geprüfte 
Lehrerin und der Mittelschullehrer in den unteren Jahrgängen 
werden einen der höheren Lehranstalt entsprechenden Lehrkörper 
bilden. Als eine im Voraus gegebene Ergänzung dieser Reform 
hat man die neuerdings erlassene Genehmigung sechsjähriger 
Gymnasialkurse zu betrachten, wie sie die Städte Charlottenburg 



>) SitsuBf Tom 27. Min 1900. 



— ia8 — 

und SchöDcberg, sowie der Cölner Verein zur Gründung eines 
Mädchengymnasiums einrichten wollen. In Verbindung mit solchen 
Realgymnasialkursen wird die höhere Mädchenschule also künftig 
auf einen gemeinsamen sechsjährigen Unterbau einen doppelten 
Bildungsgang pflanzen können, einen vierjährigen allgemeinen und 
einen sechsjährigen, der zum Abiturium des Realgymnasiums fohrt 

Ob die höhere Mädchenschule Ober die hier gekennzeichneten 
Anfänge hinaus eine weitere, den Forderungen der Gegenwart 
entsprechende Entwicklung haben wird, das. hängt aber in erster 
Linie von den Lehrkräften ab, die man in ihren Dienst stellt Es 
ist noch eine Frage der Zukunft, wie die Umgestaltimg des 
Seminarwesens und die Fortschritte des Frauenstudiums auf die 
Qualität der Lehrerinnen wirken werden. Aber auch in Bezug 
auf die Lehrer dOrfte die schon erwähnte Klage des Professors 
Nöldeke heute noch eine gewisse Berechtigung haben. Wenigstens 
wird noch im Jahre 189z amtlicherseits Ober die Befähigung der 
männlichen Leiter öffentlicher höherer Mädchenschulen folgendes 
festgestellt: Von 180 Direktoren öffentlicher höherer Mädchenschulen 
in Preussen hatten die facultas docendi i. Grades nur 37, die facultas 
docendi 2. und 3. Grades 54, nur theologische Prüfungen 10, das 
Examen pro rectoratu, das ein seminaristisches Examen ist, 78, 
und zwar 41 akademisch gebildete und 37 seminaristisch gebildete 
Lehrer. Das Rektorexamen wird in Zukunft umsoweniger als 
genügender Befähigungsnachweis anerkannt werden können, als 
man von den Leiterinnen höherer Mädchenschulen neben dem 
Schulvorsteherinnenexamen heute bereits das Oberlehrerinnen- 
examen verlangt 

Es ist freilich selbstverständlich, dass der Lehrkörper der höheren 
Mädchenschule wesentlich bedingt ist durch die Stellung, die sie 
im Unterrichtswesen einnimint Erst wenn sie in all ihren Ver- 
hältnissen der höheren Knabenschule ebenbürtig an die Seite 
treten kann, würden ihr auch durchweg gleichwertige Lehrkräfte 
sicher sein. 

Das aber wird dann geschehen, wenn die Frau auch in 
Deutschland überall als gleichwertiger Faktor im Kulturleben 
anerkannt sein wird. 



Tabelle l—H 

zu. dem Artikel: Q^scMclite und Stand der 

FraiL6n1)üdimg in Deutschland. 



TaMi* L Organisation der Ortsschulbehörden 
in den grösseren deutschen Bundesstaaten. 



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z. Min.-In8tr. vom 
a6. Juni z8zz: 

a. vom oß Oktober 
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3. vom9.Febr.z898. 
FOr einzelne 
Landesteile z. B. 
Hannover Z4.0k• 
toberz848;Rhein- 
land zz. Dezem- 
ber Z845 etc. 


DU sttdtisehe SduddepntatiMi aetst sich 
a. des Stadt^trordBetenköOcfiniM , 3. Sacb» 

Schaldeputatioa tatcntdlt tiad. Nach derVcr- 

Ober die BeteUifuaf der Frauen an der Schul- 
anfsicfat: Uia.-Inatr. §6. VL zBiz | 15, TfL S. 7& 

tTBtsBf der '-^******^f**"i 


Bayern 


Gesetz vom og, No- 
• vember Z897. 




Sachsen 


Gesetzvom96A )ril 
Z873 § 25. Re- 
vidierte Städte- 
Ordnung vom 
2^ April Z874. 
§§ 46, zaz,.za4. 


Lcbrer oder eiaer durch Ortastatiit festzu- 
tteneaden Zahl von Lehren, a. dem Pfarrer, 
3. dem OrtsachttliBapefctor. la Sttdtea, die der 
reridiertea Stldte-Ordanaf natentehea, kommt 

(^raocatperaooea* tiad nacht ttimmberechtift.) 


Württem- 
berg 


Gesetz vom ^ Mai 
Z865 


Die OrtsscfauIbehArde beateht aoi z. dem 
Ortarorsteher, a. dem Gciidichea, 3. bOchsteaa 
3 Lehrern, 4. ebenaorid mtaalichea Mit- 
^edcra der Schulfemciade, die im Besitz des 
gemeindebOrgerUchea Wlhlbarfceitsrechtes sind 
and iFon Vttera md Vormfiadera der die 
Volkaschale besacheadea Kinder fewlhlt werden. 


Baden 


Bekanntmachung 
vom Z5. Oktober 
Z888. Titein §Z4. 


Die OrtssdiulbehOrde besteht aas i. dem 
Gemeinderat, a. z Pfarrer Jeder snr Schulfemeäade 
gehörenden Ronfession, 3. z I.ehrer von jeder 
Schule. FOr die einzelaea Schulfattuafea 
kAnnen durch GemciBdebeschluss Kommissioaen 
eittfesetst werden mit durch Ortsstatut sa 
bestifluienden Matgliedcra ausser den oben ge- 

Mm )>Ah*m MidchenSC^nlMi Mntta«h1« V^mnmm 




in den AnfUchtsrat dieser Schulea sa bcraicn. 
(V. 1 z&) In Offcnburr hat aua Volksschul- 
lehrerinnen in die Schulkeannission berufen. 



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an den deutschen Universitäten 

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GieracD 99B, GotUsfen Z419, 
Rtaifsberf 970, Leipsir 

Tobiafen Z40B, Worxburir 



a der Hörer (incL 
xsepe« Bona aaz4. BresUn 
Greifaweld 793, Halle X933, 
MarbiBx ns^ HfiBCfaen 



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Franea) aus dem Wiater- 

19BI, Erlasfea xoax, Frei- 

Heidelberr 1439« Jena 745, 

4459, Roatodc 579, Straaa- 



I) Die Zahlea aiad nicfat dnrdunt lowliMif, da amtlichertcits eine Statiadk über 
die HöreriBBea nicht auffestcUt wird. Die Zahlea aind 
hweana etc.) ana den Peraonahrcneiduisaacn anifesofca. 

>) «> bedeotet, daas keine Franea an der 
die Zahl nicht sa craütteln war 



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Der Kindei^^arten. 

Von Mary J. Lyschinska. 

IJtteratiir« 

Friedrich Froebels Werice. Ausgabe von Wichard Lange, 
Berlin 2874; desgL Seidels Ausgäbe, Wienz883ff«; desgL Reinickes 
Ausgabe, Berlin 1883. -* Hermann Posche. Friedrich Froebeb 
Eindergartenbriefe. Wien und Leipzig 1887. — Alex. Br. Hantsch« 
mann. Friedrich FroebeL Die Entwickelung seiner Entwicklungs« 
ideen in seinem Leben. Eisenach 2874. ^ Georg Ebers. Geschichte 
meines Lebens. Leipzig 2893. (Ebers war ein Keühauer Zögling.) — 
Verschiedene Aufsätze von Adolf Diesterweg in »Rheinische Blfttter' 
2952, 2Q53, 2857. "" Die Schriften von Bertha von Marenholtz- 
BqIow (siehe unten Seite 23a). — Louis Walther. Froebellitteratur 
(ziemlich vollständig bis zu 2880). Dresden 2880. -* Louis Walther. 
B. V. Marenholtz in ihrer Bedeutung für das Werk Fr. Froebels. 
Dresden 2882. — Henriette Schraders Schriften siehe unten 
Seite 235f. — Helene Lange. »Henriette Schrader' in der Zeitschrift 
»Die Nation.' a. September 2899. — Selma Althaus. »Henriette 
Schrader und das Pestalozzi-Froebelhaus.' Berlin 2898. — Die Zeit- 
schrift: »Kindergarten, Bewahranstalt und Elementarklasse.' Hrsg. 
von Eugen Pappenheim 2860 ff. -* Amölie Sohr. Frauenanteil 
an der Volksbildung. Gotha 28^3. — Bertha Meyer. Geschichtliche 
Skizze des Berliner Vereins für Familien- und Volkserziehung. 
Berlin 288a. — Mehrere Aufsätze in der Zeitschrift: »Die neue Zeit" 
Prag 1870^2875, von Prof. Leonhardi, Hohlfeld, Schliephake, 
V. Fichte u. a. — Aufsätze von Dr. Carl Schmidt in der Zeitschrift 
»Erziehung der Gegenwart" — Siehe auch Dr. Seh mids »EncydopAdie 
des Erziehungswesens" Artikel »Fr. Froebel" und »Kleinkinder- 
erziehung," Reins »Handbuch der Pädagogik", Artikel »Fr. Froebel* 
und »Der Kindergarten". »- Rudolf Virchow. Die Erziehung des 
Weibes fOr seinen Beruf. Berlin 2865. — HenrietteGoldschmidt »Die 
Frauenft^e eine Kulturfrage". Leipzig 2870. — Joh. Goldschmidt 
Stellung Froebeb zur Frauenfrage. Darmstadt 287a. — v. Holtzen- 
dorf£ »Die Bedeutung des Kindergartens fOr die Frauenfrage." 287a. 



Da die Kindergartenpädagogik nicht ausschliesslich dem 
Gebiet der Frauenbildung angehört, so kann sie als solche hier 
nicht zur Darstellung kommen. Es handelt sich vielmehr darum, 
die Beteiligung der Frauen an der Froebelschen Erziehung nach- 
zuweisen und psychologisch und geschichtlich zu erklären. 

Haadboeb dor Frao«Bb«w«raBg. UL TaO. 9 



— 130 — 

Froebel sagt:^ MFrauenieben nnd Kinderliebe, Kinderleben 
und Frauensinn, — Oberhaupt Kindheitspflege und weibliches 
GemQt trennt nur der Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach 

eins.'* Das Eigenartige der Frauennatur sah Froebel gerade 

in der angeborenen Befähigung, in das Wesen des Kindes ein- 
zudringen, schon seine ersten, schwachen Lebensäusserungen zu 
pflegen und zu entynckeln. 

Diese Befähigung wollte er ausbilden, den mfltterlichen 
Instinkt leiten, die liebende Mutter zur verständnisvollen Er- 
zieherin ihres Kindes machen, damit aus dem ungleichmassigen 
Naturtriebe konsequentes Handeln sich entwickele, erleuchtet durch 
die Kenntnis des menschlichen Wesens und insbesondere durch 
liebevolles Verständnis kindlichen Werdens. 

Die eigenartige Befähigung der Frauennatur for die Klein- 
kindererziehung ist Friedrich Froebel nicht von vornherein zur 
vollen Erkenntnis gekommen; die Lehrer Keilhaus waren seine 
ersten Gehilfen im Kinderg^arten, er bildete in den ersten Kursen 
junge Männer, ebenso wie Frauen, ^zut Pflege des Beschäftigungs- 
triebes' bei kleinen Kindern aus. Erst durch die Erfahrung 
belehrt und im vollen Bewusstsein seiner bisherigen Blindheit 
wandte er sich im Jahre 1840 durch den oben dtierten j^Aufiruf" 
an die gesamte Frauenwelt Deutschlands; sie sollte ihm helfen» 
sein neues Werk zu verwirklichen. Diesem Rufe haben die 
Frauen in vollem Masse entsprochen. Die wichtigen Leistungen 
einer Reihe namhafter Männer im Dienste der Froebelschen 
Bewegung sind gewiss nicht zu unterschätzen, aber der Schwer- 
punkt liegt in der Arbeit von Frauen. Das gut in erster Linie 
in Bezug auf den eigentlichen geistigen Inhalt der Bewegung. Sie 
erhielt ihre heutige Gestalt durch zwei hochb^abte Frauen, Frau 
Bertha von Marenholtz-Balow und Henriette Schrader- 
Breymann. Beide waren Froebels persönliche Schülerinnen und 
Mitarbeiterinnen, beide waren bis zu ihrem Tode rastlos thätig im 
Dienste der Froebelschen Erziehungsweise; aus ihrer schöpferischen 
Thätigkeit gehen zwei Hauptrichtungen in der Entwicklung 
Froebelscher Prinzipien hervor. 

Zum Beweis dieser Behauptung müssen wir einen Rückblick 
auf die geschichtliche Entwicklung werfen. 

Froebel starb zu früh (Qr den Ausbau seiner letzten Schöpfung,, 
des Kindergartens, (der nach seiner Meinung auch nur die erste 

>) Siehe Froebels w^ufruf* ia Poechee Aotfabe der «RiBderfarteabriefe.**' 
Leipzig md Wien jSB^, 



— 131 — 

Stufe in einer Reihe Veranstaltungen zur Bildung der weiblichen 
Jugend sein sollte.) Er hatte noch nicht viele SchQlerinnen bilden 
können, imd durch das aus einem Missverständnis hervorgegangene 
Verbot der Kindergärten in Preussen, das auch auf andere 
Staaten Deutschlands wirkte, war die Ausbreitung seiner Endehungs- 
grundsfltze in seinen letzten Lebensjahren sehr gehemmt Persönlich- 
keiten von Einfluss hatten sich Froebel nur wenige angeschlossen, 
und es war grosse Gefahr vorhanden, dass sein Tod fflr seine 
Schöpfung verhängnisvoll werden würde. 

Das Verdienst, sie gerettet zu haben, gebohrt Bertha von 
Marenholtz-BQlow. 

Sie lernte Froebel 2849 kennen, eine Frau ganz anderer Art 
als alle die, welche ihm firOher näher getreten waren, von hoher 
Geburt und Lebensstellung, geistreich, hochgebildet und voller 
Energie. Sie ergriff Froebels Lehren mit Enthusiasmus und 
entwickelte für sie unmittelbar nach seinem Tode eine erfolgreiche 
Thätigkeit bei deutschen Forsten und Behörden, sowie im Auslande. 

Die Länder, in denen sie „vom Jahre 1849 an fOr die Ver- 
breitung der Froebelschen Lehre persönlich thätig war, sind 
Deutschland: Berlin (länger als zwölf Jahre), Frankfurt am 
Main, Stut^^art, Baden-Baden, Braunschweig, Leipzig, Weimar, 
Mönchen, Dresden; England: London; Frankreich: Paris, 
Tours, Strassburg, Molhausen; Belgien: BrOssel, Gent, Antwerpen; 
Holland: Haag, Amsterdam, Rotterdam, Utrecht; abermals 
Frankreich (1859); Schweiz: Lausanne, Basel, Genf^ Neufchatel, 
Zorich; Tirol: Kuffstein, Innsbruck; Italien: Florenz, Rom« 
Verona, Venedig. Brieflich und durch ihre Schriften hat sie die 
Sache zuerst angeregt in Schweden und Dänemark, ebenso 
und durch SchOlerinnen in Russland (Petersburg und Odessa), 
Nordamerika und Ungarn.'' 

Die Thatsache schon, dass eine solche Frau für eine bis da- 
hin für untergeordnet gehaltene Sache sich ganz einsetzte, gab 
dieser eine grössere Bedeutung und f&hrte zu manchem Erfolge» 
namentlich zu der Aufhebung des preussischen Verbots der 
Kindergarten im Jahre z86o. 

Auch die GrOndung des „Allgemeinen Erziehungs- 
Vereines" 1871, als Ausschuss des Philosophenkongreases, 
mtiss als ihr Weric bezeichnet werden. Dieser entstand zunächst 
unter Universitätsprofessoren und fOr das Gemeinwohl strebenden 
Frauen, er nahm aber Menschen aller Stände und beider Ge- 
schlechter in sich auf und suchte Angliederung an bestehende 

9* 



— 132 — 

Vereine in allen Städten Deutschlands und des Auslandes. Der 
Vorstand gründete sogleich die Vereins-Zeitschrift »frziehung der 
Gegenwart*' und richtete einen Bildungskursus für Kindergftrtne» 
rinnen in Dresden ein, den Frau v. Marenholtz persönlich 
leitete, bis ihr Gesundheitszustand es nicht mehr erlaubte. 

Leider hat der Verein seinen hohen Erwartungen kaum ent- 
sprochen; er wurde bald zu einem rein lokalen Verein zur Ver- 
waltung der in Dresden von Frau von Marenholtz begründeten 
Anstalten. 

Die dauernde Bedeutung von Frau v. Marenholtz fOr die 
Froebelsche Sache li^ in ihrer schriftstellerischen' Thfltigkeit 
Durch diese hat sie wahrend der ersten vierzig Jahre nach 
Froebels Tode einen Einflufw erlangt, der sie gewiasermassen zu 
der Hauptbildnerin der gesamten Kindergartenwelt von heute in 
allen Ländern macht Eine wichtige Ausnahme bilden Henriette 
Schrader-Breymann und die von ihr dauernd beeinflussten 
Schülerinnen. 

Seit 2870 konzentrierte Frau v. Marenholtz sich auf ihre schrift- 
stellerische Thätigkeit und die Leitung der Anstalten des Erziehungs- 
vereins in Dresden, wo sie bis zu ihrem 1893 erfolgten Tode wohnte. 
Von ihren Schriften sind zu erwähnen: z) Eine grosse Anzahl Bro- 
schüren oft ohne ihren Namen. 3) Verschiedene Aufsätze in der 
von Karl Schmidt redigierten Zeitschrift: »JErziehung der Gegen- 
wart" 3) Die Arbeit und die neue Erziehung, z. Auflage, Berlin 
z866. 4) Erinnerungen an Friedrich Froebel Z874 — Z876. Cassel. 
5) Das Kind und sein Wesen, Cassel Z878. 6) Handbuch der 
Froebelschen Endehimgslehre. z886. 

Frau von Marenholtz geht von dem von Froebel ausge- 
sprochenen Gedanken aus, dass ein gegenseitig sich bedingendes 
Verhältnis zwischen dem menschlichen Organismus und seiner 
Umgebung besteht dass folglich die kosmischen Gesetze auch für 
die Entwicklung des Individuums ihre Giltigkeit haben. Einzd- 
gesetze der Natur und des Menschen glaubt sie in eine logische 
Formel zusammenfassen zu können und bezeichnet sie mit dem 
Namen: „Das Gesetz der Vermittlung der Gegensätze." Froebels 
Verdienst, nach Frau von Marenholtz, li^ darin, dieses „Welt- 
gesetz*' auf die Erziehung angewandt zu haben. Sie hat Froebels 
Gedanken in klarer Sprache im einzelnen eriäutert, besser als er 
selbst es gethan, und sie sucht seine Lehre tiefer zu begründen in 
Anlehnung an die Formen der Hegeischen Dialektik. Heute fragen 
wir uns, ob die künstliche Begründung mit „Gegensätzen** und 



— 133 — 

„Vermittelungen/* von ,,These, Antithese," und »»Synthese'* u. s. w. 
fbr das Verständnis der Froebelschen Erziehungslehre wesentlich 
ist? Seit dem Aufblühen der Naturwissenschaften mit ihrem in 
alle Schichten der gebildeten Welt eindringenden Begriff der 
„Entwicklimg*' kommen uns diese logischen Formeln in ihrer 
dreigliedrigen Rq^flmassigkeit sehr kflnstlich vor; wir brauchen 
sie nicht, um uns ein Bild des stetig sich verändernden, aus dnem 
Punkte organisch fortschreitenden Geschehens zu v e rg e genwärtigen. 

Nach der Seite der Praxis 1^ Frau v. Marenholtz auf das 
Vorführen der geometrischen Reihenfolge des Froebelschen Be- 
schftftigungsmaterials von frühester Kindhdt an ein grosses Ge- 
wicht; das Kind soll in logisch geordneten Anschauungen gewisser- 
massen „Typen der Natur^ im kleinen bekommen, ein „Skelett des 
WeltkOrpers'* in sich aufnehmen. 

Der Einfluss von Frau v. Marenholtz hat dne verfrühte Ver» 
Standesbildung der kleinen Kinder gefördert Zwar weist sie diesen 
Vorwiurf in ihren theoretischen Auseinandersetzungen zurück, doch 
nicht nur der praktische Teil ihres Handbuches, sondern vielfach 
auch der theoretische, haben thatsflchlich sehr dazu beigetragen. 
Die Kindergärtnerin verfUut nach dem Handbuche mit Bausteinen 
und Faltblatt ebenso, wie die Lehrerin mit Fibel und Schiefertafel; 
das Material hat sich verändert, Ziel und Methode sind dieselben 
geblieben; sie halten beide ^Schule". 

Frau von Marenholtz hat uns, was sie als die reine Lehre 
Froebels betrachtet, überliefert, und sie hat sie mit einer klaren 
Erläuterung und Begründung versehen. Von allen zwischen 2849 
und 1886 (der Zeitraum ihrer schriftstellerischen Thatigkeit) ein- 
getretenen inneren und äusseren Umwälzungen in der Welt 
ist ihre Lehre unberührt Sie duldet keine Verkürzung, keine 
Anpassung derselben an neue, wichtige Bestrebungen. Ihre Lehre 
ist eben auf dem Standpunkte von 2849 stehen geblieben, während 
die Zeiten andre geworden sind. Das wissenschaftliche Denken 
bewegt sich heute in andren Formen, man sucht die Ergebnisse 
der Naturwissenschaft verbunden mit wirtschaftlicher Praxis für 
die Erziehung zu verwerten; selbst die Schule tastet und sucht 
Ergänzungen ihrer eigenen Einseitigkeit, die Jugend soll sozial 
fbhlen und handeln lernen, Frau von Marenholtz verkündet das 
Heil einer Erziehung nach einem Schema und will die Jugend in 
eine Welt von logisch geordneten j^Typen" bannen. I£er haben 
wir eben die Verirrung eines hervorragenden Verstandes, der sich 
von den grösseren Zetü>estrebungen nicht mehr beeinflussen lässt. 



— 134 — 

Die zweite bedeutende, um elf Jahre jQngere Schülerin 
Froebeb, Henriette Schrader-Breymann, war mit Froebel 
verwandt; sie bekam schon durch den Verkehr der Eltern und 
Grossdtem mit Froebel und seinen Angehörigen eine Familien- 
flberlieferung mit auf den W^, als sie, ein eben erwachsenes 
Madchen, in den Jahren 1848, 49, 50, in seine Erziehungsideen 
eingeweiht wurde und mit ihm arbeitete. Sie führte mit ihm 
«einen Kindergarten in liebenstein, als Frau von Marenholtz 
seine erste Bekanntschaft machte. Trotz seiner sonderbaren 
Eigentümlichkeiten, die gewiss nicht dazu angethan waren, die 
Sympathien der Frauen zu gewinnen, hat er einen lebenslänglichen 
Einfliiss auf sie geübt Nachdem sie Froebel verlassen, wiricte 
sie zunächst innerhalb ihrer eigenen Familie im Pfarrhause zu 
Watzum, Herzogtum Braunschweig. Bald erweiterte sich der 
Familienkreis zu einem Pensionat fOr junge Madchen, ein Kinder- 
garten fOr die Dorfkinder wurde auf dem Pfarrhofe eingerichtet 
Im Jahre 1864 wurde* das Pensionat nach Wolfenbüttel verlegt Die 
Froebel*schen Prinzipien wurden dort in Kindergarten, Dementar- 
klassen und Erzieherinnenklassen durchgeführt 1872 verlies 
Henriette Bresrmann Wolfenbüttel, um sich mit dem Eisenbahn- 
direktor Schrader in Berlin, zu verheiraten. Dort hat sie den Ber- 
liner Verein für Volkserziehung und aus den kleinsten Anfangen eines 
verwahrlosten Kindergartens das Pestalozzi -Froebel -Haus, die 
grOsste auf Pestalozzi-Froebel'schen Grundsätzen aufgebaute Er- 
ziehungsanstalt geschaffen und bis zu ihrem Tode im August 1899 
geleitet Der Schwerpunkt von Henriette Schraders Wirksamkeit 
liegt auf dem Gebiete der ausübenden Erziehung und des Unter- 
richtes; ihre Schöpfungen waren Menschen, ihre Schülerinnen, 
welche in den verschiedensten Stellungen, im öffentlichen, 
wie im Privatleben, sich ihrer Geisteskindschaft dankbar 
bewusst sind. Henriette Schrader-Breymann stand, als Pfarrer- 
tochter auf dem Lande, als Lehrerin und Leiterin eines Madchen- 
pensionats, immer inmitten der zwingenden Verhältnisse des 
Lebens; auch später blieb sie, als Gattin eines Reichstags- 
abgeordneten, als Hausherrin, als Mitglied eines Kreises von 
hervorragenden Männern und Frauen und in langjähriger naher 
Beziehung zu der Kronprinzessin und späteren Kaiserin Friedrich, 
lebhaft interessiert für Kunst und als thätige Lehrerin und 
geistige Leiterin des Pestalozzi-Froebel-Hauses, der Mittel- und 
Kreuzpunkt vielseitiger Interessen. Daher war ihr Wirken, ihre 
Lehre der stetigen Entwicklung unterworfen; sie schöpfte aus 



— 135 — 

ihrem reichhaltigen Leben für ihre erzieherische Wirksamkeit 
Sie setzte an, wo Froebel sein Werk gelassen; doch Kindergarten, 
Dementarklassen und Seminar sind in ihren Händen Neu- 
schOpfungen geworden, fest ruhend auf Froebelschen Grundsätzen, 
aber zugleich in vollen Einklang gesetzt mit der neuen päda- 
gogischen Wissenschaft und den modernen sozialen Anforde- 
rungen. 

Bei Henriette Schrader war der Atisspruch : Bei dem 
kleinen Kind „vorwiegende Pflege des GemQtslebens und des 
Willens*" kein sentimentaler Wunsch, sondern der Ausgangspunkt 
für eine neue Organisationsform ui^d eine neue Beschäftigungs- 
weise') der Kinder im Erziehungshause. Hierbei dtierte sie 
Pestalozzi, den sie als den grossen Vorgänger Froebels auf das 
Höchste verehrte, gern als Quelle ihres Schaffens; Frau von 
Marenholtz scheint sich nicht viel mit Pestalozzi beschäftigt zu 
haben.*) Pestalozzis Einfluss auf Henriette Schrader hat besonders 
nach zwei Richtungen gewirkt: i) Sie erüasste die häuslichen 
Verhältnisse, die Stoffe und Prozesse des Haushaltes als Material 
für die leiblich-geistige Erziehung des werdenden Menschen und 
hat damit den Gedanken Pestalozzis, der heilbringenden ,, Wohn- 
stubenkraft*', einen modernen Ausdruck gegeben. Sie wollte 
die Erziehung von Anfang an auf der Einheit von körperlicher 
und geistiger Pflege aufbauen, a) Pestalozzis grossartige Auf- 
fassung der Frau als Erziehungsfaktor im sozialen Leben, (wie er 
sie symbolisch in seiner „Gertrud" darstellt,) hat Henriette Schrader 
ebenfalls zu Khöpferischer Arbeit anger^ Unter seinem Ein- 
fluss hat sie den Volkskindergarten zu einem Centrum wichtiger 
socialer Hilisarbeit, zu einem natürlichen Mittelpimkt des Verkehrs 
zwischen den verschiedenen Ständen erhoben. 

Den bekannten Froebelschen Beschäftigungen weist sie einen 
kleineren Raum an, als dies Frau von Marenholtz thut, und auf die 
logische Reihenfolge der Übungen im Falten, Flechten, 
Bauen u. s. w. legt sie weit weniger Gewicht im Kindergarten, als 
in den unteren Schulklassen. Als neues Bildungsmittel fCtgt sie 
die Beschäftigung mit den im Haushalt und in der Aussenwelt 
vorhandenen Gegenständen und Geschöpfen hinzu: die Teilnahme 
an der Fürsorge für Ordnung und Reinhaltung, die Pflege von 



I) Das Gruppeaiyttem liebe: nHtntliche Betchtftif nnf en**, im Pettalom- 
FroebsUuiQse Beilia zu bcsidicB. 

*) Der ICoaattf ef enttand, Verltf Simion in Berlin. 
*) Haadbach S. aoi, 35, ai& 



- 136 - 

Pflanzen und Tieren« Spaziergänge in der Natur. Die Wieder- 
gabe solcher Erlebnisse in Wort und in bfldlicher Gestalt» (wenn 
auch noch so unbeholfen), Qbt das Darstellungstalent Skeptisch 
steht Henriette Schrader der Behauptung gegenOber, die 
Froebelschen »«SchOnheitsfonnen*' r^;ten die Phantasie des Kindes 
an und seien die primitiven Äusserungen künstlerischen 
Schaffens.*) 

Im G^Bfenteil meint Henriette Schrader, dieses stQckweise An- 
gliedern von Teilen zu einem Ganzen sei eine VerstandesQbung, 
die höchstens zum Kunsthandweric f&hren kann; jedes Erzeugnis 
schaffender, oder nachschaffender Phantasie, sei es das aller- 
primitivste, komme zuerst als etwas Ganzes, als etwas lebensvoll 
Organisches zum Bewusstsein des Schaffenden. Der Schönheitssinn 
wurzele im GefOhlsleben, und dieses fasst jedes Objekt zuerst unmittel- 
bar, in seiner Totalität, au£ Je erfahrener Henriette Schrader wurde, 
desto entschiedener wurdeihreAbneigungdagegen, dasUnbewusstsein 
des Kinderthuns durch verfirQhteReflexion zu stören; das Froebelsche 
llaterial, Büd, Gedicht, Bewegungsspiel durften nach ihrer Angabe 
nicht im Kindergarten in den Dienst des Begriffs gestellt werden. 
Auf welche Weise denn sucht Henriette Schrader die Liebe zum 
Schönen im Kinde zu entfalten? Sie gestaltet den Kindergarten 
nach den GrundzOgen eines Familienlebens, in dem die Wechsel- 
wirkxmg zwischen der Umwelt und dem Haushalte eine durch die 
Umstände natQrlich gegebene Wirklichkeit wird; die Kinder fühlen 
sich in diese Verkettung der Umstände auf das GlQcklichste 
hineingezogen zur Mitarbeit in Haus, Hof und Garten; die materiellen 
BedOrfhisse, welche durch ihre Arbeit befriedigt werden, finden 
sodann ihre Verklärung durch Lied, Spiel, Bild oder Erzählung. 
Keinen Genuas ohne Arbeit giebt es in einem solchen Kinder- 
gartenhaushalt, aber auch die alltäglichsten Prozesse des Haus- 
haltes können leicht zu Trägem idealer Werte werden, können 
Festgewänder anlq^en. In einer solchen Atmosphäre der 
Einfachheit, Arbeitsamkeit und Heiterkeit wird der Schönheitssinn 
ohne Kflnstelei genährt Henriette Schrader scheint mir gerade 
auf diesem Gebiete der Erziehung zur Freude am Schönen bahn- 
brechend gewirkt zu haben. Ihrer künstleri$chen Naturanlage 
entspricht auch ihre Ablehnimg des Satzes, man belehrt oder 
erzieht das Kind „spielend. '^ Direkt Handanlegen an das freie, 
gesimde Spiel eines kleinen Kindes, um es einem vermeint- 

I) Handbuch Sehe 29, 99, 94, zae, 134 tmd ^Det Kind und sein Wetea**, ven 
Frmn yon liarenholts-Bfilow« 



— 137 — 

liehen höheren Zwecke, der Belehrung, dienstbar zu machen, war 
ihr wie eine VersQndigung an der Natur des Kindes selbst; das 
„freie*' Spiel der Kleinen sollte ein unberührtes Heiligtum bleiben. 
Ebenso wenig will sie den Kindern den Ernst der Arbeit ersparen; 
doch die Arbeit, welche sie fordert, entspricht den jedesmaligenFfthig- 
keiten und der Altersstufe des Kindes. Theoretisch und praktisch 
hält Henriette Schrader, im G^;ensatz zu Frau von MarenholtzO 
und ihrer ganzen Richtung, die Verwischung der beiden Bq;riffe 
von „Spiel" imd „Arbeit** für verhängnisvoll in der Erziehung. 

Und wie sie für die Kindheit neugestaltend gewirkt, so auch 
gleichzeitig f&r die erwachsene weibliche Jugend. Das Pestalozzi- 
Froebel-Haus in Berlin enthält ein Seminar, das Henriette Schrader 
zuerst durch Annette Schepel, später durch Clara Richter 
mit Hilfe von Lili DrOscher leitete, alle einst ihre persönlichen 
Schfllerinnen und Freundinnen. Sie hat das Seminar weit Ober 
die nächsten Ziele der kindergärtnerischen Fachbildung hinaus 
e i weite t, ohne jedoch diese zu vernachlässigen. Es ist in ihren 
Händen in der That eine weibliche Hochschule f&r Erziehungs- 
wissenschaft und -kunst geworden. 

Was das Seminar unter Henriette Schraders Leitung charak- 
terisiert, ist die Einheitlichkeit der verschiedensten Disziplinen 
und die stetig aufrechterhaltene Wechselbeziehung zwischen 
theoretischen Studien und praktischer Arbeit So fühlen sich die 
jungen Mädchen allseitig erfasst und angeregt, und doch ist dieses 
^^elseitige des Versuchsfeldes durch ein inneres Band von Er- 
ziehungsprinzipien verimQpft und vertieft. Froebels Ideal der 
,pLebenseinigung' ist dort f&r die erwachsene weibliche Jugend 
verwirklicht Wissen und Können, Theorie und Praxis durch- 
dringen einander und bilden dadurch eine Atmosphäre von prak- 
tischem Idealismus, von heiterer, frischer Lebensaufiassung, in 
welcher ein überfeinertes, pessimistisch angehauchtes, schwäch- 
liches Geschlecht gesunden kann. 

Fassen wir das Ergebnis eines selten schöpferischen 
Wirkens f&r die Familien- und Volkaerziehung kurz zusammen: 
Henriette Schrader hat den Kindergarten dem Boden der 
Schule enthoben und thatsächlich ein Stück Familienleben in 
das öffentliche Erziehungswesen verpflanzt In ihren Händen 
sind Kindergarten, die zwei untersten Schulklassen xuid das Semi- 
nar so wesentlich nach Froebelschen Prinzipien umgestaltet, dass 



Die Arbeit o. d. a. Ersiehaaf, S«ltt& x^-r;— « n. & 



- 138 - 

sie als Neuschöpfungen hervorgehen. Sie hat den Volkskinder- 
garten zu einem sozialen Gebilde von hoher Bedeutung umge- 
schaffen; zu einem Vereinigungspunkte zwischen Gebildeten und 
weniger Gebildeten« zwischen Reichen und Annen. Sie hat 
die Stellung der Frau erhöht dadurch, dass sie ihr eine 
Wissenschaft und eine Kunst der Kleinkindererziehung ge- 
geben . Tuid sie gelehrt hat, den Haushalt zu den vorzQglichsten 
Bildungsmitteln des Kindes zu machen. Dadurch bekonunt auch 
dieser eine ganz andre Bedeutung; er ist nicht mehr bloss auf die 
Befriedigung leiblicher Bedürfnisse und des Wohlbehagens der 
Familienmitglieder gerichtet, sondern er hat höhere Zwecke zu 
erfüllen und verlangt deshalb auch nicht nur eine praktische, 
sondern auch eine wissenschaftliche, ja, auch eine künstlerische 
Durchdringung. 

Und alles das, was Henriette Schrader geistig in fünzigjähriger 
erziehlicher Thfltigkeit geschaffen, das hat sie nicht in Schriften, 
(dazu fehlte ihr die Zeit), sondern in einer grossen, von ihr aus 
den kleinsten Anfängen in fünfundzwanzig Jahren allmählich 
geschaffenen, konsequent in allen Einzelheiten durchgebildeten 
Anstalt, dem Pestalozzi-Froebelhause, und in einer grossen Zahl 
in ihrem Sinne gebildeten und wirkenden Schülerinnen der 
Nachwelt hinterlassen. Noch im letzten Jahre ihres Lebens hatte 
sie die grosse Freude, dass für die aus den bescheidensten 
Anfangen herangewachsene Anstalt durch eine für die Froebelsche 
Erziehung begeisterte edle Frau, Frau Elise Wentzel- 
Heckmann, ein grossartiges würdiges Heim geschaffen wurde, 
in welchem die neuen Erziehungsideen sich auch ausserlich 
voll entfalten können. Im Inlande und im Auslande werden 
viele Kindergärten und manche grösseren dem Pestalozzi-Froebel- 
hause nachgebildete Anstalten von Henriette Schraders Schüle- 
rinnen geleitet Viele Frauen wirken in ihrem Sinne in ihren 
eignen Familien und widmen sich fitiwiUiger, sozialer Erziehungs- 
arbeit Mit jedem Jahre dehnt sich der Einflnss des Berliner 
Pestalozzi-Froebelhauses auf weitere Kreise aus und damit die 
Wirkung der erzieherischen Thätigkdt von Henriette Schrader- 
Brejrmann. ^ ^ 

Das staatliche Schulwesen in Deutschland hat bisher den 
Kindergarten nicht eingeordnet Die Ausbreitung imd praktische 
Verwirklichung der Froebelschen Gedanken ist led^lich der 
Privatinitiative überlassen geblieben, der ^weilen die Kommune 



— 139 — 

zu Hilfe kam. Wo die Kindergartensache in grösserem Mass- 
stabe gepflegt wird« geschieht es meist durch Vereine (Froebel- 
vereine, Vereine fQr Familien- und Volkserziehung, Kindergarten- 
vereine), als deren Leiterinnen und thätigste Mitarbeiterinnen wir 
fast ausschliesslich Frauen finden. Auch die Leitimg von Kinder- 
garten und Kindergartenseminaren liegt fast überall in den Händen 
von Frauen. Neben der nattlrlichen Begabung der Frauen f&r 
das Gebiet erziehlicher Thatigkeit verdanken wir diesen Umstand 
eben dem freien imd rein privaten Charakter des Kindergarten- 



Der sporadischen Entwicklung der Froebelschen Bewegung 
entspricht die Schwierigkeit, eine GesamtQbersicht ober sie zu 
gewinnen. 2^tschriften, Anstalten, Vereine bestehen hier und da, 
ohne Kenntnis von einander zu haben, und obgleich die Existenz 
eines Froebelverbandes (froher unter Leitung von Herrn 
Professor Pappenheim, jetzt von Professor Zimmer) diesem 
Mangel entgegenarbeitet, so ist das gesammelte Material zu einer 
erschöpfenden Darstellung der Bewegung doch noch sehr spflrlich 
vorfanden. 

Um eine solche kann es sich auch hier nicht handeln. Es 
können vielmehr nur in der weiteren Entwicklung imd Vorbe- 
reitung der Kindergartensache die Pimkte angegeben werden, 
an die bemerkenswerte ideale oder praktische Fortschritte 
anknöpften. 

In Berlin hat Fräulein Erdmann, eine SchOlerin Froebels, 
das Verdienst, den x. Kindergarten im Jahre 1851 gegrOndet 
zu haben. Später, nach Aufhebung des ministriellen Verbots 
der Kindergärten, 1860, haben Amalie KrOger, Lina Morgen- 
stern und Ida Seele (Frau Vogeler), die Gräfin Poninska, 
Adele von Portugall, vor allen Bertha von Marenholtz- 
BOlow sich unermOdlich thätig erwiesen. In späterer Zeit hat 
der grosse Berliner Fröbelverein mit der Familie Pappenheim 
an der Spitze die hohe Tradition wOrdig erhalten. Önen neuen 
Ausgangspimkt bildete die Wirksamkeit von Henriette Schrader, 
unterstotzt durch den „Verein fOr .Volkserziehung** in Berlin. 

In vielen anderen deutschen Städten wird der Kindergarten im 
Sinne Henriette Schraders und des Pestalozzi -Froebelhauses 
gepflegt In Charlottenburg richtete HedwigHeyl, eine SchOlerin 
von Frau Schrader, auf ihrem eigenen Grundstock ein Nach- 

i) Di« im Laufe der letsten Jahrzehnte inmer zahlreicher entstaadeaea Anstalten znr 
Aoabfldnnf ron Kindergirtnerinnen t. Handbuch der Franen be w ei un f TeQ ZV. 



— 140 — 

mittagsheim f&r Knaben und Mädchen nach Froebelschen Prinzi- 
pien eixi, eine Anstalt, die lange als vorbildlich galt und jetzt vom 
Magistrat Qbemommen ist 

Eine frohere Lehrerin des Pestalozzi-Froebelhauses, Clara 
Hirsekorn, steht an der Spitze der Kindergartenpflege in Kiel, 
wo schon froher Thekla Friedrich, durch Froebels Witwe 
anger^tf ihr Boden gewonnen hatte. In WolfenbOttel sind den 
bekannten, froher von Anna Vorwerk geleiteteten Schloss- 
anstalten ein Kindergarten und ein Seminar für Kindergärtnerinnen 
angegliedert, imd unabhängig von den vorhergehenden, durch 
den Landesseminardirektor Matthias anger^ti richtete die Stadt 
WolfenbOttel einen Kindergarten im Anschluss an die a. BOrger- 
schule ein. Einer SchOlerin von Henriette Bre3rmann, Marie 
Kellner, Obertrug man die ganze Einrichtung und Leitung 
desselben während vieler Jahre. An der dortigen Breymannschen 
Erziehungsanstalt wirkte, nachdem sie vorher in Verden einen 
Kindergarten imd ein Seminar geleitet hatte, lange Jahre Marie 
Schaper, eine der ältesten SchOlerinnen von Henriette Schrader. 

Ein andres Centrum der Froebelschen Bestrebungen bildet 
bis heute Dresden, der zeitweilige Schauplatz von Froebels 
Thädgkeit und der seiner SchOler xuid SchOlerinnen. Zu Froebels 
Lebzeiten hatten die Ehepaare Frankenberg imd Marquardt seinen 
Ideen eine Pflanzstätte bereitet; Thekla v. Gumpert, die 
bekannte Schriftstellerin, Auguste Herz, Amalie Marschner, 
GrOnderin der Frauenschule daselbst, EmOieLecerf erhielten das 
Interesse dafOr wach; vor allem aber hat Frau Bertha von 
Maren holtz-Bolow von 1871 bis 1893 Dresden '^ einem 2^tral- 
punkt der Froebelschen Bestrebungen gemacht durch GrOndung des 
Erziehungsvereins, dessen Hauptsitz Dresden wurde und durch die 
dort geschaffenen Anstalten des Vereins. Aus jenem Kreise sind 
viele neue Kräfte hervorgegangen, wie Therese Focking u. v. a. 
Eine hervorragende RoUe in der froheren Entwicklung der 
Froebelsache spielte auch Hamburg. Als Froebels Ideen noch 
taat OberaU verkannt wurden, haben Hamburger Borger 2843 den 
ersten Kindergarten erOfihet VorzOglich auf Anregung der Schul- 
vorsteherin Doris Lotkens kam Froebel selbst nach Hamburg, 
und Alvine Middendorff kam aus dem engsten Keilhauer 
Kreise, um dort einen neuen Kindergarten zu erOfihen und zu 
leiten. Sie verheiratete sich dort mit Wichard Lange, dem 
Herausgeber der Schriften Froebels. Später war es wiederum 
Hamburg, das der Witwe Froebels, Luise Lewin, ein 'NA^rkungs- 



— 141 — 

feld bot Im Jahre x86o wurde durch die Initiative der Johanna 
Goldschmi dt das erste ipFroebelhaus'' in Hamburg gegrOndet, dass 
sie mit grosser Energie fast patriarchalisch bis zu ihrem Tode 1884 
verwaltete. Im Jahre 1893 erbaute man schon ein neues 
Froebelhaus, dessen Leitung zuerst Marie Friedlflnder, 
dann die gegenwartige Vorsteherin Frau Gericke übemahnL 
Zu besonderer BlQte und eigenartiger AusbQdung kam das 
Kindergartenwesen in Leipzig. Nachdem dort schon in froherer 
Zeit Amalie Thilo f&r die Froebelsache gearbeitet hatte, 
entstand durch die Initiative von Henriette Goldschmidt im 
Jahre 1871 der Verein f&r Familien* und Volkserziehung. Er 
grOndete im ersten Jahrzehnt seines Bestehens vier Volkskinder- 
gftrten und schon 1872 ein Kindergflrtnerinnenseminar. 1879 folgte 
die Gründung des j^Lyceums für Damen'', einer Anstalt die ihre 
Schfllerinnen durch einen höheren wissenschaftlichen Unterricht, 
in dessen Mittelpunkt die Froebelsche Erziehungslehre steht, f&r 
ihren Beruf als Frauen imd Mütter im umfassendsten Sinne aus- 
bilden soll In den Schfllerinnen des Lyceums hoSt man dann 
auch die rechten Lehrerinnen für Kindergartenseminare zu 
gewinnen. Die Leiterin, Frau Henriette Goldschmidt, hat 
die Gedanken Froebeb von dem Erziehungsberuf der Frau in 
Beziehung gesetzt zu den Forderungen und den leitenden Ideen 
der Frauenbewegung. Als eines der ältesten Vorstandsmitglieder 
des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, an dessen Entwicklung 
sie mit ganzer Thatkraft mitarbeitete, nahm sie jede Gelegenheit 
wahr, Froebels Pädagogik denkenden Frauen nahezubringen. 

Neben ihr sei der Arbeit von Angelika Hartmann und des 
Leipziger Froebelvereins gedacht, der seit 1875 ebenfalls durch 
Be^rflndung von Volkskindergärten, eines Kindergärtnerinnen* 
Seminars und einer Anstalt zur Ausbildung weiblicher Dienstboten 
der Volkserziehung dient 

Thatsächlich schloss sich die Begründung und Ausbreitung 
der Kindergartensache in manchen Städten den ersten Frauen- 
bildungsvereinen an oder erhielt durch sie Anrq^ung imd 
Forderung. Solche Beziehungen bestehen z. B. in Frankfurt a. M., 
wo der Frauenbüdungsverein einen Kindergarten und ein Seminar 
f&r Kindergärtnerinnen imterhält 

In grösserem Massstabe arbeitet neben ihm der „Verein für 
Volkskindergärten", der zuerst von Frau Professor Valentin, 
dann von Frau Oberr^erungsrat Sombart geleitet, eine um* 
fassende Thätigkeit entfaltete. 



— 142 — 

Bis in die froheste Zeit der Kindergartenbewegung filhrt die 
ThAtigkdt des Kindergartenvereins in Breslau zurQck, der x86i 
von vier Frauen, unter ihnen der jetzigen Leiterin, Jenny Asch» 
gegründet, 1869 schon 7 Kindergärten unterhielt ' Jetzt unterstehen 
ihm neben einen Kindergärtnerinnenseminar und einer Kinder- 
pflegerinnenschule XX Kindergärten. 

Dem SchQlerinnenkreise von Frau von Blarenholtz-Bfllow 
gehört Adele v.on Portugall an, deren Anregung und Arbeit 
die FabrikbevOlkerung von Molhausen L E. ihr Kindergartenwesen 
verdankt Leider hat Deutschland auf die I£lfe von Adele von 
Portugall verzichten mOssen, als sie nach Genf übersiedelte und 
nach einigen Jahren Pionierarbeit die ehrenvolle Aufgabe von der 
Kantonalen Regierung erhielt, die gesamten Kindergärten der 
Stadt Genf zu inspideren und geistig auf der Höhe zu erhalten. 
Ihrer umsichtigen Ldtung und ihrem anregenden Eifer ist es zu 
verdanken, dass die öffentliche Erziehung der Kleinen in Genf 
eine feste und dauernde Grundlage eiiiidt Der jetzige Schauplatz 
ihrer Wirksamkdt ist die Froebelsche Anstalt in Neapel (von 
Frau Salis Schwabe.) 

In ähnlicher Weise, nur in kleinerem Massstabe, finden wir 
noch in viden deutschen Städten Einzelne und Vereine an der 
Pflege des Kindergartens thätig. Hingewiesen sd nur noch aut 
die Wirksamkdt von Caroline Wiseneder in Braunschweig, 
die sich bemühte, die Froebdschen Prinzipien vor allem tOr die 
musikalische Erziehung der Kinder zu verwerten, die Bestrebungen 
von Eleonore Heerwart, die in Eisenach dn Froebdmuseum 
zur Sammlung wichtiger Dokumente der Kindergartenbewegung 
gründete, femer die Arbdt von Thekla Naveau, die zuerst in 
Sondershausen, dann in Nordhausen fOr die Frod>dsache 
thätig war. — 

Zum Schluss sd noch erwähnt dass der von Professor Zimmer 
gegründete evangelische Diakonieverein sich für seine sozialen und 
erziehlichen Bestrebungen Froebds Prinzipien zu eigen machte, 
imd sie, besonders durch FrL Johanna Mecke, in den von ihm 
unterhaltenen Anstalten zur Durchführung bringt In seinem 
soeben gq;ründeten Seminar in Cassd hat der Verein den Versuch 
gemacht die Kindergartenpraxis als einen Teil der Lehrerinnen- 
bildung anzuschliessen. 

Dass auch Vaterländische Frauenvereine und andere dem 
Gemeinwohl dienende Verbände an der Pflege des Kindergartens 
beteiligt sind, ergiebt die Übersicht der bestehenden Anstalten im 



— 143 — 

IV. Teil dieses Handbuchs. Ihre Thatigkeit, wie die unzähliger 
einzelner Frauen hier mit zu berOhren, verbietet der Raum. 

Auch aus dem Gesagten aber geht deutlich hervor, dass der 
Kindergarten von Anfang an und in wachsendem Masse seine 
Pflege imd Verbreitung weiblichem Einfluss verdankt 



Die Mädchen •Fortbildungsschule. 

Von Margarete Henschke. 

Utteratnr. 

Wahrend die Fortbfldungsschul-Litteratur im allgemeinen einen 
nach Wert und Umfang recht erheblichen Bruchteil unserer gesamten 
pädagogischen Litteratur ausmacht, ist die Litteratur der Mftdchen- 
Fortbildungsschule noch eine recht dürftige. Wertvolles historisch- 
statistisches Material bieten die ^HandbOcher des deutschen Fort- 
büdnngsschulwesens' von O. Fache, 5 Bände (Wittenberg), von denen 
namentlich der 4. Band fflr die MAdchen-Fortbfldungsschule wichtig 
ist Sodann ist zu nennen: Kamp, Die Praxis der Fortbildungsschule 
fflr MAdchen (Wittenberg, 2889), Ulrike Henschke, Denkschrift Ober 
das weibliche Fortbildungsschulwesen in Deutschland (Berlin 1893). 
Dr. M Jahn, Die Mftdchen-Fortbildungsschule (in Wychgrams 
Handbuch fflr das höhere Mftdchenschulwesen). Helene Sumper» 
Fortbildungsschulen fflr MAdchen (Gera 2899). v. Haymerle, Der 
weibliche Fachunterricht und dessen Oiganisierung mit Rflcksicht 
auf die praktischen Verhalmisse des Lebens (Wien, Holder .X900), 
sowie die betreffenden Artikel von O. Fache und U. Henschke 
in dem ^Illustrierten Konversations-Lezikon der Frau* und Reins 
yEncyklopSdischem Handbuch der Pädagogik.* Einzelne Vorträge, 
Aufsätze und Mitteilungen finden sich in der Zeitschrift „Die deutsche 
Fortbildungsschule,* herausgegeben von O. Fache, 1887^x901 (z. B. 
W.Jahn, Die Fortbildungsschule der weiblichen Jugend. Dr. M Jahn, 
Ober die gewerbliche Ausbildung junger Mädchen in Fortbildungs- und 
Gewerbeschulen*) und in den letzten Jahrgängen der „Lehrerin m 
Schule und Haus* (H. Sumper, „Die Kindererziehung als Unterrichts- 
gegenständ der weiblichen Fortbildungsschulen.* Franziska 
Ohnesorge, „Die Ausgestaltung der Mädchen-Fortbüdungsschule.*) 
Reichhaltiges, aber weit verstreutes Material bieten die Berichte der 
deutschen Frauenvereine, soweit diese Vereine auch Fortbildungs- 
schulen gegrflndet haben. Hierher gehört auch die alljährlich 
erscheinende „Übersicht Aber das Fortbildungsschulwesen und die 
gewerblichen Anstalten der Stadt Berlin,* 1873— 2901. — Einzelne Zweige 
des Fortbildungsschulunterrichts fflr Mädchen haben eingehendere Be- 



_ 144 — 

handlung gefunden, so der Rechenunterricht, der hauswirtschaftliche 
Unterricht (siehe Haushaltungsschulen) und der Unterricht im Deutschen 
(Kutsche, König und Urbaneck, Lehr- und Lesebuch für die reif ere 
weibliche Jugend (Wittenberg); Kobmann und Schilffarth, Lehr- 
und Lesebuch fOr weibliche Sonntags- und Fortbildungsschulen 
(Nürnberg); Ulrike und Margarete Henschke, Deutsches Lese- 
buch für die weibliche Jugend (Gera); Lehrerinnen-Verein 
München, Lehrbuch für weibliche Fortbfldungs- und Feiertagsschulen 
(München); Jacob II s, Unterrichts- und Lesebuch für weibliche Fort- 
bildungsschulen (Stuttgart). 



1. 
Geseblehtlieher Rflekbliek. 



Fortbildungsschulen, im weitesten Sinne, sind Veranstaltungen, 
in denen durch eine geeignete und geordnete, an die Schulzeit 
sich anschliessende Unterweisung eine Hebung der Volksbildung, 
der Volksgesittung und der praktisch-beruflichen Tüchtigkeit des 
Volkes erstrebt wird. Ihre Wichtigkeit li^ in ihrer ethischen, 
sozialen und volkswirtschaftlichen Tendenz. In der Mädchen- 
Fortbildimgsschule ist zudem den besonderen Lebensverhaltnissen 
und Lebensaufjgaben der weiblichen Jugend des Volkes Rechnung 
zu tragen. 

Wenn auch die ersten Anfänge der Fortbildungsschule bis in 
das i6. Jahrhundert zurückgehen, wo in einzelnen Orten des 
protestantischen Deutschland der heranwachsenden männlichen 
und weiblichen Jugend sonntäglicher Katechismus-Unterricht erteilt 
wurde, dem sich später auch hie und da Repetitionen in den 
Elementarfächem anschlössen, und wenn auch in einzelnen Staaten, 
wie Württemberg, Bayern, Baden, die sogenannte »Sonn- und 
Feiertagsschulpflicht'' durch eine ganze Reihe von Verordnungen 
geregelt war, so kann von einer eigentlichen Entwicklung der 
Fortbildungsschulen für Mädchen doch erst in der zweiten Hälfte, 
genauer, in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Rede sein. 

Zugleich mit der grossen Bewegung, die um die Mitte des 
Jahrhunderts unser gesamtes Frauenleben ergriff, und die sich im 
wesentlichen in zwei charakteristische Forderungen zusammen- 
fassen lässt: erhöhte Frauenbildung — erweiterter Frauenerwerb! 
zugleich mit dieser allgemeinen Bewegung setzte auch die 
besondere Bew^;ung zu Gunsten der weiblichen Fortbildungsschule 
ein, zunächst freilich mehr im Stillen, mehr verschwindend vor 



— 145 — 

Au%aben, die ein allgemeines Interesse oder mindestens einen leb- 
haften Kampf auf beiden Seiten hervorriefen, bis sich in den 
letzten Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts plötzlich ein ganz 
neu erwachender Enthusiasmus für die Mädchen-Fortbildungsschule 
zu zeigen begann. 

Die verschiedenen Momente, dief&r die Gründung von Knaben- 
Fortbildungsschulen massgebend gewesen waren: die Notwendig- 
keit einer gesteigerten Berufstüchtigkeit des Einzelnen und der 
Massen in unserer Zeit gesteigerten Beru£i- und Lebenskampfes, 
die Notwendigkeit einer erhöhten AUgemeinbildung des Einzelnen 
und der Massen in unserer Zeit erhöhten Wechselverkehrs der 
Nationen xuid schnellster praktischer Verwendung und Verwertung 
der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die Notwendigkeit 
einer sicherer fundierten und langer und sorgfältiger geleiteten 
Charakterentwicklung in einer Zeit der Roheit und Genusssucht, 
einer Zeit, der eine allgemeine, sittlich-religiöse Weltanschauung 
verloren zu gehen droht, dieselben Momente mussten auch für 
die Gründung von Mädchen-Fortbildungsschulen bestimmend sein. 
Als ein Motiv besonderer Art aber kam noch die Erkenntnis 
hinzu, dass die hauswirtschaftliche Untüchtigkeit unzähliger 
Frauen des Arbeiterstandes sich zu einer ernsten Gefahr für 
unser Familien- und Volksleben, für Familien- und Volkswohlstand 
entwickelt hatte, so dass auch eine hauswirtschaftliche Unter- 
weisung der weiblichen Jugend des Volkes als dringend geboten 
erscheinen musste. 

Wie es in der Natur der Sache lag, waren es zumeist die 
Frauen-Bildungs- und Erwerbs-Vereine, die dieser Aufgabe 
näher traten. Es entstanden Anstalten der verschiedensten Art, 
die sämtlich der Fortbildung der nachschulpflichtigen weiblichen 
Jugend dienten, die aber doch, je nach der Betonung des einen 
oder des andern Momentes, der beruflichen Ausbildung 
oder der allgemeinen Fortbildung, einen sehr verschiedenen 
Charakter annahmen. Die Bezeichnimgen f&r alle diese Anstalten 
aber wurden ziemlich willkürlich gewählt 

Es ist aus diesem Grunde schwer, einen zuverlässigen Ober- 
blick über die Geschichte imd den gegenwärtigen Stand der 
Mädchen-Fortbildimgsschule zu gewinnen. Handels-, Industrie- 
Haushaltungsschulen, selbst Gartenbauschulen, Seminare für 
Kindergärtnerinnen, Lyceen für Damen u. a. werden in den statis- 
tischen Angaben unter der Rubrik „Fortbildungsschule'' bunt 
durcheinander angeführt Manche Schulkatq;orien wieder, wie 

Haadbach der Fraaenbewef aag; IXL Tcfl. XO 



— Z46 — 

die „Arbeitsschulen'' Süddeutschlands lassen sich aus inneren 
GrQnden nur schwer von der Fortbildungsschule trennen. 

Sprechen wir jedoch hier von der Fortbildungsschule im 
engeren Sinne, so ist in erster Linie der Fortbildungsschule 
in Leipzig zu gedenken, die am a. Oktober 1865 von dem 
Leipziger Frauen-Bildungsverein (Vorsitzende Frau Luise 
Otto-Peters) unter Leitung von FrL Auguste Schmidt erO&et 
wurde. Lehrg^enstände waren: Deutsch, Rechnen, Geschichte 
und Geographie» si>ater auch: Englisch, Französisch, Buchführung, 
Schneidern, Weissnähen, Gesundheitslehre, Turnen. Auf Anregung 
von Frau Henriette Goldschmidt entschloss sich im Jahre 1876 
der Rat der Stadt Leipzig zur Gründung einer stadtischen 
Fortbildungsschule. Neben den herkömmlichen Lehrfächern wurde 
Froebelsche Emehungslehre in den Plan aufgenommen; die 
SchQlerinnen wurden zu geregeltem Besuche der Leipziger Volks- 
kindergflrten verpflichtet 

Auch in Breslau war die erste GrOndimg des dortigen 
Frauen-Bildungsvereins eine Fortbildungsschule fOr Mädchen. 
(Eröffnet x. Mai 1866. Vorsitzende Frau Elise Olsner. Jetzige 
Vorsitzende Frau Anna Simson.) Lehrgegenstände und Lehrziele 
waren ähnliche wie in der Leipziger Fortbildungsschule. Die 
Anstalt hat sich auf das trefflichste entwickelt 

Es folgte der »L Frauenbildungs-Verein zu Dresden,' 
der, gleichfalls als erste Unternehmung, auf Anregung von Frau 
Helene Heynaths imd Frau Anna Lohn-Siegel am 
X. Oktober 1870 eine Fortbildungsschule für Mädchen eröffnete. 
Sie besteht noch heute als ,, Oberschule* neben der im Jahre X875 
gegrQndeten Handelsschule und den X879 eröffiieten Tages-Fort- 
bildungschulen für gebildete Mädchen. 

Es ist unmöglich, alle die Vereine im einzelnen aufzuzählen, 
die, froher oder später, an die GrOndung von Fortbildungsschulen 
gingen. Sehr grosse Verdienste hat sich der Badische Frauen- 
Verein durch Gründung von Frauenarbeits- imd Fortbildimgs- 
schulen erworben. 

In Gotha (x. November X875), Frankfurt a. M. (2. Januarx877), 
Berlin (Mai 1878), Bremen, Leipzig (1890), Königsberg (1893), 
Jena wurden Fortbildungsschulen f&r Mädchen durch die lokalen 
Frauenvereine gqjündet 

Erst in neuester Zeit sind die Lehrerinnen energischer in 
die Arbeit der Fortbildungsschule eingetreten. So ist 1897 von 
dem ,yVerein Hamburger Volkschullehrerinnen* eine 



— 147 — 

Fortbildungsschule gegründet worden, so ist die in den letzten 
Jahren erfolgte Gründung der Mädchen-Fortbildungsschulen in 
Halle, Kiel, Hannover im wesentlichen das Werk der dortigen 
Lehrerinnen. 

Ausser den obengenannten Anstalten, die den verschiedenen 
lokalen Frauenvereinen ihr Entstehen verdanken, besitzen wir 
einzelne städtische Fortbildungsschulen für Mädchen, (so z. B. 
in Berlin, Bochum, Gera, Darmstadt) sowie einige von andern 
Vereinen gegründete Anstalten (Volksbildungsverein, Altonaer 
Kreditverein, Gewerbeverein, Handwerkerverein, Verein für das 
Wohl der arbeitenden Klassen und andere). 

In den süddeutschen Staaten, Baden und Württemberg, in 
denen die Mädchen-Fortbildungsschule obligatorisch ist, ist ein 
ganzes Netz kleiner und ganz einfach organisierter Mädchen-Fort- 
bildimgsschulen vorhanden, ausserdem eine grosse Anzahl haus- 
wirtschaiUicher Schulen, Arbeitschulen und dergL Es sei nur an 
die Frauenarbeitsschule in Reutlingen erinnert, die in der 
Mitte der sechziger Jahre als erste derartige Anstalt Deutschlands 
gegründet wurde. Auch in Bayern ist ausser den „Sonn- und 
Feiertagsschulen'' eine Anzahl höherer gewerblicher Schulen ein- 
gerichtet Oberblicken wir jedoch die deutschen Staaten in ihrer 
(Gesamtheit, so können wir ims der Erkenntnis nicht verschliessen, 
dass hier noch unendlich viel zu thun ist, und dass trotz der 
segensreichen Thätigkeit einzelner Frauenvereine an einzelnen 
Orten hier noch ein weit ausgedehntes Feld vorhanden ist, das 
der Bearbeitung durch Frauenhände harrt 

2. 
Besondere Organisation einzelner Anstalten. 

Als Anstalten mit ganz selbständiger Organisation, Anstalten, 
die ihr eigenartiges Gepräge der unausgesetzten Arbeit von 
Frauen zu danken haben, dürfen die Victoria-Fortbildungsschule 
zu Berlin und die Fortbildungsschule zu München vielleicht 
besonders erwähnt werden. 

Der Vorstand der Victoria-Fortbildungsschule zu 
Berlin (1878 als Zweig-Anstalt des Lettevereins gegründet, seit 
1880 selbständig, von 1888 ab unter dem Protektorate Ihrer 
Majestät der Kaiserin Friedrich, bis 1897 unter Leitung von 
Frau Ulrike Henschke stehend) hatte es sich von Anfang an 
zur Aufgabe gemacht, die weibliche Fortbildungsschule weiblichen 

xo» 



— 148 — 

Lehrkräften zu erachliessen. Sollte die Fortbildungsschule vor 
allem eine Lehr- und Erziehungsanstalt für die heranwachsende 
weibliche Jugend des Volkes sein, so musste der weibliche, der 
erzieherisch -mütterliche Einfluss dominieren, so konnte man 
sich nicht damit begnügen, den technischen Unterricht in die 
Hand von Frauen zu legen, so mussten auch die sogenannten 
wissenschaftlichen Fächer, vor allem der deutsche Unterricht 
weiblichen Lehrkräften übergeben werden. Damit ergab sich die 
weitere Aufgabe, die Lehrerinnen ftlr diese besondere Arbeit erst 
heranzubilden. Nachdem dies viele Jahre traditionell von Fall zu 
Fall geschehen war, wurde durch Gründung der Seminar- 
Kurse für Fortbildungsschullehrerinnen (November 1898) 
fOr eine planmässige methodische« sowie fachliche Ausbildung 
gesorgt und damit zugleich ein Anstoss zu Versuchen ähnlicher 
Art gegeben. — Ausserdem wurde den Methoden des Fort- 
bildungschul-Unterrichts von vornherein die grösste Aufinerksam- 
keit geschenkt und an ihrer Vervollkommnimg stetig gearbeitet — 
Der Charakter emer humanen Anstalt wird der Victoria- 
Fortbildungsschule namentlich durch die Mitarbeit des Ktu-atoriums 
gewahrt, dessen Mitglieder sich die Obhut der einzelnen hilis- 
bedürftigen Mädchen besonders angelegen sein lassen. 

In München dankt die Fortbildungsschule der umsichtigen 
TUid hingebenden Arbeit der dortigen Lehrerinnen ihre hohe 
Blüte. »Dem Lehrplan liegt der Gedanke zu Grunde, dass der 
gesamte Unterricht sich in immittelbare Verbindung mit dem 
Leben setzen müsse. Der den Schülerinnen zu bietende Unterrichts- 
stofif wird die innere Teilnahme xmd den Lerneifer um so mehr 
anregen, je mehr er sich dem Leben anpasst, in welchem die 
Schülerinnen bereits thätig sind, oder sein werden.*' Die Anstalt 
zerfällt in 3 Klassen (L Klasse ^ 8. Schuljahr in Preussen), und 
jede Klasse wiederum in eine allgemeine, eine kaufmännische imd 
eine gewerbliche Abteflung. Besondere Aufinerksamkeit wird der 
Haushaltungskunde, Gesundheitslehre und Erziehimgslehre zu- 
gewandt In leicht ftisslicher Form und planvoller Diu*charbeitung 
werden die wichtigsten Grundsätze dieser für die Frauen so 
wichtigen Gebiete der weiblichen Jugend zugänglich gemacht In 
der imtersten Klasse bildet „die Emährung'S in der mitderen 
»JUeidung und Wohnung*', in der obersten „die Familie" den 
Mittelpunkt der Betrachtung. Auf systematische imd doch 
ungezwungene Weise lassen sich die wichtigsten Besprechungen 



— 149 — 

3. 
OeirenwArtifirer Stand der Oesetzffebusflr.O 

Obligatorische Fortbildungsschulen Air Madchen sind 
durch Landesgesetz bisher nur in Württemberg und Baden 
eingeführt 

In Baden ist durch Gesetz vom x8. Februar 1874 die Fort- 
bildungsschul • Pflicht for Mädchen auf z Jahr (fOr Knaben auf 
a Jahr) [mit mindestens zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden 
festgesetzt Durch Verordnimg vom 26. November 1891 ist den 
Gemeinden gestattet worden, den Fortbildungsunterricht im Lesen, 
Schreiben imd Rechnen durch Haushaltungsunterricht mit Übungen 
im Kochen zu ersetzen, eine Berechtigung, von der im weitesten 
Umfange Gebrauch gemacht wird. 

In Württemberg ist die Fortbildungsschul • Pflicht für 
Madchen durch Gesetz vom aa. Mai 1895 geregelt Sie erstreckt 
sich bei Besuch der „allgemeinen Fortbildungsschulen' auf a Jahre 
(mit 80 Stunden im Jahr), bei Besuch der „Sonntagsschulen'', die 
als Ersatz der eigentlichen Fortbildimgsschule zulässig sind, auf 
3 Jahr mit mindestens ao, höchstens 40 Stunden im Jahr. 

In Bayern bq;innt nach Entlassung aus der „Werktags- 
schule* die „Sonn- und Feiertagsschulpflicht', die sich f&r Knaben 
und Madchen auf einen Zeitraum von 3 Jahren erstreckt Nach 
Ablauf dieser Zeit haben sich die zu Entlassenden einer Schluss- 
prüfung zu unterziehen und können bei ungenügenden Resultaten 
noch für ein weiteres Schuljahr eingestellt werden. Jede Klasse 
erhfilt in der Regel wöchentlich einen zweistündigen Unterricht 

Obligatorische Fortbildungsschulen für Madchen 
können durch Ortsstatut in folgenden Staaten errichtet werden: 
Sachsen, Hessen, Weimar, Meiningen, Altenburg, Gotha und Coburg. 
Es ist in diesen Staaten also den Gemeinden das Recht gegeben. 
Madchen -Fortbildimgsschulen mit Pflichtbesuch einzuführen, in 
Sachsen jedoch (durch Gesetz vom a6. April 1873) mit der 
Beschränkung auf a Jahre, während die Fortbildimgsschulpflicht 
für Knaben 3 Jahre dauert und mit der weiteren Beschränkimg 
(§ 3a), dass die Verpflichtung zur Teilnahme nicht über das 
Mass von a Stunden wöchentlich ausgedehnt werden dürfe. (Bei 
Knaben darf die Zahl der Stunden von a auf 6 erhöht werden.) 

I) Nach den Paehetehen Handbfichcrn und dem beir«ffaide& Artikd ia dam 
gl Duniimie n KoBroraatioBalexikoa der FnuL* 



— ISO — 

In allen diesen Staaten ist aber nur vereinzelt durch Ortsstatut 
die Fortbildungsschulpflicht für Mädchen eingeführt worden. Nur 
Meiningen macht mit seinen ca. 30 obligatorischen Madchen- 
Fortbfldimgsschulen in meist recht kleinen Gemeinden eine rühm- 
liehe Ausnahme. 

In den Qbrigen deutschen Staaten fehlt eine gesetzliche 
Regelung des Mädchen-Fortbildungsschulwesens. 

Verbindlich für das Deutsche Reich ist § zao des Gesetzes 
vom X. Jimi 1891, Abänderung der Gerverbe-Drdnung betrefifend. 
«Anstalten, in welchen Unterricht in weiblichen Hand- und Haus- 
arbeiten erteilt wird' werden zu denjenigen Fortbildungsschulen 
gerechnet, zu deren Besuche Gewerbeuntemehmer ihren Arbeiterinnen 
unter 18 Jahren die nötige Zeit zu gewähren verpflichtet sind. Nach 
Abänderung vom 30. Juni 1900 kann auch für weibliche Handlxmgs- 
gehilfen und -Lehrlinge imter 18 Jahren die Fortbildungs-Schulpflicht 
durch statutarische Bestimmung einer Gemeinde oder eines weiteren 
Kommimalverbandes (§ 242) bq;rQndet werden. 

4. 
Prineipienfragen. 

Es war natürlich, dass bei der ersten Gründung von An- 
stalten, die in irgend einer Weise der weiteren Ausbildung des 
weiblichen Geschlechtes dienen sollten, und für die es an Vor- 
bildern so gut wie gänzlich fehlte, Wege und Ziele noch nicht 
mit klarer Bestinuntheit erkannt, viel wem'ger noch mit unbeirr- 
barer Konsequenz verfolgt werden konnten. Es war ebenso 
natürlich, dass mit dem bequemen Namen „Fortbildungsktu^se'' 
und ^Fortbildungsschule' Veranstaltungen verschiedenster Art 
bezeichnet wurden xuid anscheinend mit gutem Rechte bezeichnet 
werden konnten, insofern sie alle der weiteren Bildung der nachschul- 
pflichtigen weiblichen Jugend dienten. Es wird sich jedoch jetzt, 
nachdem mehrere JahrzehntemehrinstinktiverArbeithinter uns liegen, 
empfehlen, eine schärfere, prinzipieUe Scheidung zwischen Fach- 
und Fortbildungsschulen eintreten zu lassen. Die Fach- 
schulen (Haushaltungs-, Industrie-, Koch-, Näh-, Kunst-, Handels- 
schulen u. a.) haben bestinunte praktische Aufgaben zu erfüllen 
und dienen der ganz speziellen beruflichen Ausbildung der 
weiblichen Jugend.') Die allgemeinen Fortbildungsschulen 



1) Sie'snd «u diesem Gnmde ia Teil rV* dietet Headbndiet nechiBtehen. 



— 151 — 

haben dnen Doppelcharakter: sie sind Erziehungs- und 
Berufsschulen zugleich und haben somit der geistig-sittlichen, 
der praktisch-häuslichen und einer g^anz einfachen beruflichen Aus- 
bildung der weiblichen Jugend zu dienen. Als Mittelglied zwischen 
der allgemeinen Fortbildungsschule und der Fachschule sind Fort- 
bildungschulen mit kaufmännischen, gewerblichen oder hauswirtschaft- 
lichen Abteilungen zu betrachten. Alle diejenigen Veranstaltungen 
aber, die als sogenannte „Fortbildungskurse* an die höhere Mädchen- 
schule anknüpfen und in englischen oder italienischen Stunden, 
kunstgeschichtlichen und litteraturgeschichtlichen Vorträgen u.s.w. 
der weiblichen Jugend der höheren Stände noch allerlei Demente 
höherer Bildung vermitteln, haben mit der eigentlichen Fort- 
bildungsschule nichts zu thun. Nur dann wird die Fortbildungs- 
schule in planvoller Weise ausgebaut werden können, wenn 
volle Klarheit über die Ziele herrscht, das ideale Ziel: die ethisch- 
intellektuelle Fortbildung der weiblichen Jugend, und das praktische 
Doppelziel: Ausbildung ßlr das Haus und Ausbildung ßlr einfache 
Erwerbsstellungen. Der Charakter einer Bildungsanstalt aber 
darf der Mädchen-Fortbildungsschule um keinen Preis verloren 
gehen. 

2. Eine zweite prinzipielle Frage ist die nach den Lehr- 
kräften und der Leitung der Mädchen-Fortbildungsschule. 
Bis jetzt steht die Mehrzahl der Fortbildungsschulen fbr Mädchen 
unter männlicher Leitung, die meisten wissenschaftlichen Stunden 
werden von männlichen Lehrkräften erteilt Die Fortbildtmgs- 
schule wird jedoch ihre grosse Erziehungsaufgabe an den heran- 
wachsenden Töchtern des Volkes erst dann in vollem Umfange 
erfüllen, wenn die Leitung Frauen anvertraut wird, und auch 
der Unterricht vorwiegend in die Hand von Lehrerinnen gelegt 
wird, ohne dass jedoch die Mitwirkung besonders geeigneter männ- 
licher Lehrkräfte ausgeschlossen würde. Die Mädchen-Fortbildungs- 
schule ist diejenige Schulkategorie, die ohne schwere Schädigung 
den weiblichen Einfluss am wenigsten entbehren kann. Die Frage 
nach der Ausbildung der Fortbildungsschullehrerinnen tritt 
somit ein in die Reihe der wichägsten Fragen der Lehrerinnen- 
bildung überhaupt Auch die gemeinsame Ausbildung von 
Knaben und Mädchen gerade in diesem Alter ist durchaus ab- 
zulehnen und kann in den kleinen Fortbildungsschulen der Land- 
gemeinden nur als Notbehelf betrachtet werden. 

3. Im Vordergrunde der Diskussion steht augenblicklich die 
Frage nach der obligatorischen Fortbildungsschule tOr 



— TSa — 

Mädchen. Die preussische Regierung verhält sich ablehnend; 
Frauen- und Lehrerinnenvereine drängen darauf hin. Unleugbar 
ist, dass bei freiwilligem Besuch gerade diejenigen Elemente der 
Fortbildungsschule fem bleiben, die des bildenden und sittigenden 
Einflusses der Schule am meisten bedOrfen; unleugbar aber ist 
auch die Thatsache, dass der innere Ausbau der Mädchen-Fort- 
bildungsschule noch so wenig vollendet ist und selbst in grund- 
legenden Fragen noch eine so grosse Unklarheit und Verschieden- 
heit der Ansichten herrscht, dass eine vorzeitige Bindung durch 
gesetzliche Vorschriften für die weitere gesunde Entwicklung 
geradezu verhängnisvoll sein könnte. Die obligatorische Fort- 
bildungsschule, die allgemeine Jugendschule der Zukunft, ist das 
letzte Ziel. Erstrebenswert und erreichbar aber dürfte zunächst 
die Ausdehnung des § zao der Novelle zur Gewerbe-Ordnung 
sein, in der Weise, dass in sämtlichen deutschen Staaten den 
Gemeinden das Recht gegeben wird, die Fortbildungsschulpflicht 
fOr Mädchen, ebenso wie tOr Knaben, durch Ortsstatut festzu- 
setzen. Dass die Gemeindebehörden sich alsdann auch that- 
sächlich zur Gründung obligatorischer Mädchen-Fortbildungs- 
schulen entschliessen, darauf wird die gebildete Bürgerschaft, 
insbesondere die Frauenwelt hinzuwirken haben. Dringend 
wünschenswert ist schon jetzt in allen Fortbildungsschulen eine 
intensivere Mitarbeit gebildeter Frauen zur Bethätigung des 
humanen Gedankens der Fortbildungsschule und eine viel um- 
fassendere theoretische und praktische Mitarbeit der Lehrerinnen. 
Nicht eher sollte (wenigstens in Preussen) die Mädchen-Fort- 
bildungsschule durch Landesgesetz fbr obligatorisch erklärt 
werden, als bis es den Lehrerinnen gelungen sein wird, den ihnen 
gebührenden Platz in derselben zu erringen. Alsdann aber dürfte 
die Mädchen-Fortbildungsschule auch nicht (wie in Baden) mit 
blossen Abschlagszahlungen abgefunden werden. Die Fort- 
bildungsschulpflicht ßlr die weibliche Jugend müsste von dem 
vollendeten 14. bis zum vollendeten z8. Jahr ausgesprochen 
werden, mit mindestens je 8 Stunden wöchentlichen Unterrichtes 
in den beiden ersten Schuljahren und einer allmählich abnehmenden 
Stundenzahl im 3. und 4. Fortbildungsschuljahr. 



— 153 — 
Die hauswirtschafOiche Schule. 

Von Hedwig HeyL 

Litteratnr. 

A. Ernst, Posen, Vortrag: Haushaltnngsschulen für Mädchen aus 
dem Volke. 2889. — Rraatz,OberbQrgennelster. Verwaltungsbericht 
der Haushaltungsschulen in Pforzheim z888. Pforzheim z888. — 
H. D. Reddersen. Hauswirtschaitliche Unterweisung der Mädchen 
aus dem unbemittelten Stande und die Bremer Haushaltungsschulen. 
Bremen 2894. — Mathilde Weber. Die hauswirtschaftliche Erziehung 
und Ausbildung der Mftdchen der weniger bemittelten Stande. Gera x886. 
^ Fritz Kalle. Vortrag. Ober Volksemfthrung und Haushaltungs- 
schulen als Mittel zur Verbesserung derselben. Wiesbaden x89z« — 
K. u. H. Schrader. Die hauswirtschaftliche Bildung der Mädchen in 
den firmeren Klassen. Berlin z888. — Dr. J. König. Prozentische 
Znsammensetzung und Nfihrgeldwert der menschlichen NahrungsmitteL 
Berlin 1897. — Deutscher Verein fQr Armenpflege und Wohl- 
thfitigkeit. Der 'Haushaltungsunterricht Leipzig 2892. ^ Haus- 
haltungsunterrichts-Kommission des deutschen Vereins fflr 
Armenpflege und Wohlthfltigkeit. Der hauswirtschaftliche Unter- 
richt armer Mädchen in Deutschland. Leipzig289o. — Rektor Pudor. 
Jahresbericht aber die Erteilung des hauswirtschaftlichen und Koch- 
unterrichts in der ersten Mfldchenklasse der zweiten evangelischen 
Gemeindeschule in Marienburg 2891. — Rudolf Osius.Dr. jur. Die 
versuchsweise Einführung des hauswirtschaftlichen Unterrichtes in die 
Blfidchenvolksschule zu CasseL Cassel 2889— 289a Gera 2890. ^ 
Fritz Kalle und Dr. Otto Kamp. Die hauswirtschaftliche Unter- 
weisung armer Blfidchen. Wiesbaden 2889. — Dr. Wilhelm Springer. 
Der Haushaltungsunterricht fOr Schulmadchen und schulentwachsene 
Blfidchen. Cassel 2897. — Katharina Migerka. Anleitung zum 
Schaffen von Haushaltungs-Abendschulen fOr unbemittelte Mfidchen. 
Wien 2897. — G. Lüneburg. Leitfaden für den Unterricht in Koch- 
und Haushaltungsschulen in Verbindung mit der Mädchenschule, Wert 
und Einrichtung. Eberswalde 2893. — Konkor dia. Preisschrift. Lehr- 
buch für Mfidchen aus den weniger bemittelten Klassen. Berlin 2892. 
~ Hedwig HeyL Volks-Kochbuch für Schule, Haus- und Mfidchen- 
heim. I. Fflr praktischen Gebrauch. IL Fflr die Hand der Lehrerin. 
Berlin 2892. 

Die Frauenbewegung hat das uralte Gebiet des Frauen- 
Wirkens und der Frauenarbeit, die Hauswirtschaft, in den letzten 
25 Jahren stark beeinflusst Einerseits bedingen die Aufgaben der 
heutigen Frau die exakte Erledigung der häuslichen Pflichten nach 
den neuesten Forschungen der Hygiene und Nationalökonomie, 



— 154 — 

: Einteilung von Zeit, Kraft und Mitteln, um von allen 
drei Werten möglichst viel für ihre BOrgerin-Pflichten zu erübrigen. 
Die heut zugänglichen Ämter im Armen- und Gemeinwesen 
bilden eine Staffel zu höheren Zielen. Zu dieser BOrgerin- 
pflicht gehört vor allem die eigene Erziehung zu einer Persön- 
lichkeit, zu einer Frau, die mit hellem Auge und gebildetem Ver- 
stände aufinerkt, vergleicht, sich korrigiert und Schlüsse zieht, 
und die mit klarem Wollen demgemäss arbeitet — Zur Aus- 
bildung der weiblichen Persönlichkeit ist aber besonders die Haus- 
wirtschaft, unter dem Gesichtswinkel der Frauenbewegung betrieben, 
geeignet 

Die Beschäftigung mit dem Volksleben, das Eindringen in 
seine Schäden, der Wunsch nach gründlicher Hüft hat femer zur 
Bewegung zu Gunsten der Hauswirtschaft beigetragen. Die ersten 
Frauen des Reiches, die drei Kaiserinnen sowohl, wie die Gross- 
herzogin von Baden, fügten das Gewicht ihres Einflusses darin 
dem der bürgerlichen Frauen hinzu. •» Einflussreiche Industrielle, 
Männer der Regierung, Gemeinschaften und Vereine, ganz besonders 
der Verein fbr Armenpflege und Wohlthätigkeit griffen die Frage 
au£ Die Erkenntnis, wie sehr die Volkswohlfahrt sowohl, wie 
Gesundheit und Wohlstand des Einzelnen mit ihrer befriedigenden 
Lösung zusammenhing, erwärmte die Gemüter. Marie Calm, 
Mathilde Weber u. a. hatten schon länger durch ihre .Vorträge 
und Schriften darauf hingewirkt — in England waren Miss Hill 
und Mrs. Bucton an das Werk gegangen und richteten die 
Cookery Centres, vom Schoolboard beauftragt, für die Volksschulen 
ein, die, wenn sie auch nicht einem deutschen Ideal entsprachen 
^ doch einen kleinen praktischen Beweis der Durchführbarkeit 
solchen Unterrichts erbrachten. 

In- Deutschland kannte man wohl Kochschulen für die Töchter 
besserer Stände. — Die Morgenstemsche Kochschule mit neben- 
hergehenden Vorlesungen „Die menschliche Ernährung in Deutsch- 
land und die kulturhistorische Entwicklimg der Kochkunst von 
L. Morgenstern'', versuchte einen ersten Schritt aus dem Alther- 
gebrachten, die Schule des Lettehauses in Berlin und verschiedener 
Köche, die Loge u. a. gaben die Möglichkeit Gerichte bereiten 
cu lernen, aber die meisten Frauen aller Stände trieben eine 
imentwegte Empirie der Wirtschaft, schleppten hygienische und 
wirtschaftliche Fehler von Generation zu Generation, weil sie 
niemals auf den Grund imd die Gesetze ihres Thuns aufmerksam 
gemacht waren. 



— 155 — 

Dadurch bekam die Arbeit in der Haushaltung anderen 
Beschäftigungen gegenüber einen untergeordneten Rang, was 
vielleicht durch die gewisse Mechanik des Nachmachens eine 
Berechtigung hatte. Erst wenn die Frau mit positivem Wissen auf 
hauswirtschaftlichem Gebiet ausgerüstet ist, kann sie schöpferisch 
im Hause wirken, kann sie die einschlägige Industrie leiten, 
Reformen im öffentlichen und Volksleben erfolgreich vorschlagen, 
— ist sie geschickt, im Hause der Armut erreichbar * besseres ge- 
stalten zu helfen und beflBLhigt, die Erzieherin und Lehrerin ihrer 
Kinder, Dienstboten und der Volksfirau zu sein. 

Die Frau mit dem Material positiven Wissens ftlr die Haus« 
Wirtschaft auszurüsten, ist vorläufig Sache der hauswirtschaftlichen 
Schulen. Die in ihnen zu erlernende Arbeit ist das Beispiel ftlr 
die Theorie, welche auf eine unendlich vielfache Praxis passt, 
deren Gliederung eine unerschöpfliche Quelle eigener Unter- 
suchungen und Beobachtungen notwendig macht und dazu anregt 
Die Trägerinnen dieser Ideen, nicht zum wenigstens auf Pestalozzis 
und Froebels tiefen Anrq^ungen fussend, waren Frauen, die im 
Leben standen, studierten, suchten, probierten und prüften. Es 
waren auch pädagogisch gebildete Menschen, die den enormen 
Stoff langer Kultur und Gewohnheit sichteten und auf seinen 
erziehlichen Wert prüften, die Methoden erfanden, wie er vielen 
Mädchen zugleich praktisch und theoretisch nahe gebracht werden 
könne, — und die ersten Lehrkräfte ausbildeten. 1885 in der 
damals gegründeten Kochschule des Pestalozzi - Froebelhauses 
des Berliner Vereins fbr Volkserziehung wurde der erste 
systematisch erteilte Kochunterricht für Töchter höherer Stände 
und erwachsene Bürgertöchter eröffnet 

Das von Hedwig Heyl verfasste ABC der Küche und das 
leider im zweiten Teil unvollendet gebliebene Buch der Ernährung 
„vom gesunden und kranken Menschen* von Marie Ernst gab 
Anregung fbr weitere Schulversuche, die sehr bald praktisch 
wurden. 

Mit der hauswirtschaftlichen Unterweisung von Volkschul- 
mädchen an einem Nachmittag der Woche hatte man im Heyischen 
Jugendheim und dem des Pestalozzi-Froebelhauses gute Erfahrungen 
gemacht, doch war damals die Stadt Berlin nur zu bewegen, den 
Kindern oberer Klassen im Pestalozzi - Froebelhaus Kochkurse 
in den Ferien zugänglich zu machen und Kurse daselbst für 
Fortbildungsschülerinnen zu belegen. — Bald darauf hatte der 
Frauenbildungsverein in Kassel unter Fräulein Försters Leitung 



- T56 - 

und Dr. Osius Hilfe einen gOnstig abschliessenden Versuch in 
der Volksschule durchgearbeitet, ^ . und so wurde der Eochunter- 
rieht dort sehr bald obligatorisch. 

Die vom Verein für Annenpfl^e und Wohltbatigkeit auf An- 
regung der Kaiserin Augusts gewählte Haushaltungskommission, 
bestehend aus Geheimrat Fritz Kalle und Direktor Schrader, 
X'Chrer Tews und Ernst, Dr. Kamp, Henriette Schrader, A. Förster, 
H. Heyl, Mathilde Weber, OberbQrgermeister Ohiy, Abgeordneter 
Seyffart*Crefeld, beschloss am 24. September 1889, dass Frau 
Schrader und Frau Hedwig Heyl in Berlin, Frtulein Auguste 
Förster in Kassel Lehrerinnen nach einem vorgelq;ten, damals 
veröffentlichten Lehrplan ausbilden sollten, was auch nach 
Möglichkeit geschah. Beide, der Fnmenbildungsverein in Kassel und 
das Pestalozad-Fröbel-Haus in Berlin — von den Damen ausgebaute 
Institute . — begreifen ein Seminar f&r Haushaltungslehrerinnen 
ein; die Lehrerinnen werden je nach ihren Zielen ausgebildet, 
ohne die gemeinsame Grundlage ihrer Ausbildung zu verändern. 
— Eine andere sich Ober mehrere Jahre hinziehende Arbeit der 
Kommission bestand im Sammeb alles einschlagigen Materials an 
bestehenden Einrichtungen zur ^Erlernung der Hauswirtschaft, 
welcher sich Fritz Kalle und Otto Kamp unterzogen, und die 
unter dem Titel „Die hauswirtschaftliche Unterweisung armer 
Madchen in Deutschland'*, Wiesbaden 1890, neue Folge xSpz, 
veröffentlicht wurde«*) Das Sammelwerk von KaUe-Kamp giebt in 
übersichtlicher Weise die Vielgestaltigkeit der hauswirtschaftlichen 
Ausbildung; und man gewinnt den Eindruck einer geradezu fieber- 
haften Thatigkeit in allen Orten, wo Waisenhfluser, Fabriken u. a. 
solche emnchteten. — 

Es wurden auch besondere Schulen, Tages- oder Stunden- 
schulen, oder in Verbindung mit anderen Anstalten hauswirt- 
schaftliche Kurse eingerichtet In Baden besonders machte die 
hauswirtschaftliche Idee grosse Eroberungen: die Grossherzogin 
von Baden veranlasste die Gründung einer Reihe guter Schulen 
zu verschiedenen hauswirtschaftlichen Zwecken, sandte auch 
Wanderlehrerinnen auf das Land. Ebenso Obemahm in Berlin der 
Vaterlandische Frauenverein die Anregung der Kaiserin Augusta 
imd gründete, wo angängig, billige Haushaltungsschulen für arme 



1) Dr. Jor. Rvd. Oslvt. DIs Tomchswcise EiafhhraBf das hanfwiitMfaaftltclMB 
UatCRichu in di« MlilrhginrttlkiBchule n CasscL 

*) VfL Auch »Der Haiuhakongsimterridit Vorbüdimf Ten I^hrkriftea im In- n&d 
Anakad." 14. Heft der Sduift des VereiBs filr Armeapflefe nad Wohlitalti|^cit LcipiSf xSpx. 



— 157 — 

Volksmfldchen. Auch gewann die Arbeit von Schulrat Dr. Zwick 
in Berlin, den Haushaltungsunterricht in die Volksschule einzureihen, 
nach langem Ringen langsam mehr Freunde und Ausdehnung — 
immer sind es- aber noch Versuche. Die Kasseler Schule wurde 
das Muster für die Volksschulen anderer Orte, wie Marienburg, 
Chemnitz u. s. w. weil sie zuerst die glänze Präzis in Verbindung 
mit dem sonstigen Volksschulunterricht darstellen konnte. Gründlich 
mit emer anschliessenden Lehrklasse werden aber auch die 

m 

Volkschullehrerinnen im Pestalozzi*FrObel-Haus 11 in Berlin aus- 
gebildet Auch das Lettehaus bietet eine abschliessende Ausbildung. 

Die grosse brennende prinzipielle Frage, die von Fachschul- 
leuten immer wieder diskutiert wird, ist: „Soll der hauswirt- 
schaftliche Unterricht fOr das Volk in die Schule oder in eine 
zu b^rOndende obligatorische Fortbildimgsschule eingefügt 
werden?" Eine grosse Litteratur beschäftigt sich mit der haus- 
wirtschaftlichen Ausbildung der Ärmeren Mädchen •» und bekräftigt, 
dass auf irgend eine Weise, möglichst auch auf beide Arten, ein 
so hochwichtiger Bildimgszweig im Volk gepflegt werden soll 

Auffallend ist, wie wenig Herz und Verständnis man fOr die 
BedOrfhissse der höheren Tochter nach hauswirtschafUicher Seite 
in eigentlich dazu berufenen Kreisen gezeigt hat In der Litteratur 
geht sie fast leer aus — abgesehen von einigen Kochbflchem, die 
man ihr widmete. Und doch, wie wichtig ist gerade ihre Aus- 
bildung. Ist die gebildete Tochter doch berufen, die Fortbildung 
des Volksmädchens in die Hand zu nehmen und die eing^gs 
erwähnten Ziele zu erreichen; von ihr hängen so viele Besserungen 
ab, von ihr auch die Höhe, auf die man die hauswirtschafUiche 
Lehrerin einst stellen wird Schulen für die Töchter höherer 
Stände smd an Zahl QbergenOgend vorhanden, leider aber 
oft von g^anz unkontrollierten Lehrerinnen mit oberflächlicher 
Bildung geleitet Die höhere Familie fordert auch noch nicht 
genug Vertiefung fbr das hauswirtschafUiche Fach und findet es 
schon viel, wenn ein knapper Koch- oder Schneiderkursus der 
aufblähenden Tochter die fireie Zeit zu anderer Dilettantenarbeit 
oder geselligen Vergnügen kürzt Eine starke Agitation in der 
Presse der Familienblätter könnte der kiurzsichtigen Mutter mehr 
Aufklärung bringen. 

Durch das Beispiel des Pestalozzi-Fröbelhauses II, welches 
feste Pensen auch ßir die kürzesten Kurse zu Grunde legt, an- 
geregt, sind jetzt in vielen Haushaltungsschulen, wo seine und 
Kasseler Lehrerinnen Einfluss haben, Reformen eingetreten. 



- 158 - 

Von namhaften Schulen sind die Schulen des Lettevereins, die 
Handels- und Haushaltungsschule in Posen, welche im Jahre 
1899 staatlich wurde, und die Schule der Frankfurter, Bremer 
und Breslauer Bildungsvereine zu nennen. Andere noch in der 
Ausbildung begriffene Anstalten sind die landwirtschaftlichen 
Haushaltungsschulen in Ofleiden, Reifenstein und Obemkirchen, 
wahrend in Rheydt eine zweite staatliche Haushaltungs- und 
Handelsschule in Vorbereitung ist Die Schulen mehren und ver- 
kommnen sich jähzüch. 

Was die Lehrerinnenfrage betrifft, so arbeitet der Verein 
preussischer Volksschullehrerinnen daran, staatlich eingerichtete 
Kiu-se zur Ausbildung fbr die spätere Fortbildungsschule zu er» 
reichen — was durch die GrQndung von obligatorischen Fort- 
bildungsschulen notwendig werden würde. Sie betonen die 
wünschenswerte wissenschaftliche Vorbildung der Lehrerin. 

Wir möchten jedoch nach z6 jahriger Erfahrung in Berlin und 
14 jahriger in Cassd den Standpunkt vertreten, dass auch ge- 
bildete Frauen mit guter und ausreichender sachlicher Vorbildung 
hervorragende Lehrkräfte liefern können; natürlich schnelle Aus- 
bildung in 6— 12 Wochen oder Vt J^^ dürfte den Wert der 
ganzen hauswirtschaftlichen Sache fllr die Erziehung in Frage 
stellen. (Eine zVt j&hrige Ausbildung ist z. B. im Pestalozzi- 
Froebelhaus 11 obligatorisch.) 

Die Honorare, welche die Lehrerinnen durchschnittlich beziehen, 
setzen sich aus freier Station, die man mit zooo Mark beziffem 
kann, Gehalt von 480 Mark bis zooo Mark (für Leiterinnen) 
hier und da Pensionsberechtigung mit Karezizzdt von einigen 
Jahren zusammen. 

Nicht ernst genug darf aber die Forderung einer absolut 
fehlerfi^en Gesundheit ftlr diesen Beruf betont werden, neben 
einer grossen Liebe zu einem Beruf, der, richtig verstanden, den 
ganzen Menschen fordert 

Die staatliche Behörde in Preussen, die ihr Interesse am 
hauswirtschaftlichen Unterricht durch die Beschickung der Aus- 
stellung von Chicago durch hauswirtscfaaftliche Schulen schon 
an den Tag gelegt hatte, hat nunmehr auch staatliche Lehre- 
rinnen-Prüfimgen an den einschlägigen Anstalten eingerichtet 
Die Prüfungsordnung umfasst im wesentlichen folgende Punkte:*) 



>) Vgl Ccnmlblatt ftlr du fesamte Untemdittwesen in Prenssen. F^roar 2900. 



— 159 — 

§1. 
Zur Abhaltung von PrQfungen für Lehrerinnen der Hauswirtschaft 

werden in den einzelnen Provinzen nach dem Bedürfnis PrOfungs- 

kommissionen gebildet 

Die von dem Provinzial-SchulkoUegium festgesetzten PrOfungstage 

werden durch die Regierungs-Amtsbl&tter bekannt gemacht 

Die Prüfungskommissionen werden durch die Regierungen gebildet 
und sind zusammengesetzt aus einem Schulaufsichtsbeamten oder 
sonstigen mit dem Hauswirtschaftsunterricht und dem MAdchenschul- 
wesen vertrauten Schulmanne als Vorsitzenden, sowie zwei bis vier 
anderen sachverständigen Mitgliedern, darunter auch Lehrerinnen.^ 



§3. 
Zu der Prüfung werden zugelassen: 

z. Bewerberinnen, die bereits eine lehramtliche Prüfung bestanden 
haben. 

a. Sonstige Bewerberinnen, die eine ausreichende Schulbildung 

erbalten und bei Beginn der Prüfung das 29. Lebensjahr vollendet 

haben. 

§5- 
Die Prüfung ist teils praktisch, teils theoretisch. 

§6. 
In der praktischen Prüfung haben die Bewerberinnen 

z. eine Lehrprobe mit Mädchen abzuhalten, wovon ihnen die Auf- 
gabe am Tage vorher gegeben wird, 

2. einige praktische Arbeiten aus verschiedenen Gebieten der Haus- 
Wirtschaft (Kochen, Reinigen von Geraten, Kleidungsstücken, 
Zimmern etc.) in Gegenwart von mindestens zwei Mitgliedern der 
Prüfungskommission auszuführen und darzuthun, dass sie die für eine 
Lehrerin erforderliche Sichexiieit und Erfahrung darin erworben 
haben. 

In der theoretischen Prüfung haben die Bewerberinnen, die 
noch nicht als Lehrerinnen geprüft sind, innerhalb lAngstens vier 
Stunden schriftlich durch die Beantwortung einer oder mehrerer 
Fragen darzuthun, dass sie vom Erziehungs- und Unterrichtswesen 
soviel verstehen, wie zur Erteilung eines befriedigenden hauswirtschaft- 
lichen Unterrichts erforderlich ist Zugleich soll die Arbeit mit als 
Ausweis der erlangten allgemeinen Bildtmg dienen. 



I) In die PrflfoiifskomiBiMion flQr die Prorinz Bnmdenbnrf imtcr dem Vorsits tob 
Sdinlnt Dr. Zwick tiad die Lehrcrümen FrL Breaske imd Fnu Gets, Fnn Hedwig 
Heyl, Vonitzende des Pestaloszi-Froebelluuiset IL, ud Elisabeth Kaselowsky, die 
Vorsitzeade des Lettcrereias, bemüea wordea. 



— 26o — 

Die mQndliche Prflfung aller Bewerberinnen hat das ganze 
Gebiet des hauswirtschafUichen Unterrichts zum Gegenstande, ins- 
besondere 

a) die erziehliche und wirtschaftliche Bedeutung dieses Unter- 
richts, inwieweit durch ihn das MAdchen zur Ordnung, zu 
hAuslichem Sinne und zu guten Sitten erzogen und der häus- 
liche Wohlstand gefordert werden kann, 

b) die GrundzOge der Gesundheitslehre unter Berücksichtigung 
der Sorge für die Kinder und fOr Kranke, 

c) die Kenntnis unserer wichtigsten Nahrungsmittel, ihrer 
Bedeutung für das Korperleben und den Haushalt (Nährwert, 
Preis, Anschaffung, Prüfung, Aufbewahrung), 

d) die Pflege des Hauses, die Prüfung, Anschaffung und 
Behandlung der Hausgerite, der Lampen und Öfen, der 
Brenn- und Leuchtstoffe und der sonstigen Vorräte einer ein- 
fachen Hauswirtschaft, 

e) die Unterhaltung, Reinigung und Ausbesserung der Kleidung 
und Wäsche, 

f) die Rechnung der Hausfrau, einschliesslich einfacher Voran- 
schläge und der Aufstellung zweckmässiger Speisezettel für 
den einfachen Haushalt, 

g) die Einrichtung des hauswirtschaftlichen Unterrichts, die Aus- 
stattung der Küche etc. Methodik und Lehrplan nebst Lehr- 
und Lernmitteln. 

§7. 
Die Entscheidung darüber, ob die Prüfung bestanden ist, hängt von 

deren Gesamtergebnis ab. Bewerberinnen, deren Bildungsgrad zur 
Erteilung eines erziehlichen Unterrichts nicht ausreichend oder deren 
Lehrgeschick zu gering erscheint, darf auch bei genügenden Kennt- 
nissen und Fertigkeiten in der Hauswirtschaft die Lehrbefllhigung 
nicht zugesprochen werden. 

§8. 
Nach bestandener Prüfung erhalten die Bewerberinnen ein Zeugnis 

ihrer Lehrbefahigung. 



W^"^ 



Der Stand 
der Frauenbildun^ in Ößterreich. 

Von Anroste Fiokert 



Litteratar. 

statistisches Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 2898, bearbeitet 
von Dr. Stefan Sedlaczek, Dr. Wilh.LOwy und Dr. Wilh. Hecke. 
Wien zpoa^ Jahrbuch des höheren Unterrichtswesens von Dr. Josef 
Divis und G. Steinschneider. 14. Jahrgang. \A^en 2901. ~ österr. 
Statistik herausgegeben von der k. k. stat Central-Kommission, Band 
L n. Statistik der Unterrichtsanstalten der im Reichsrate vertretenen 
Königreiche und LAnder fOr das Jahr 1895—96. Wien 1899. — Geo- 
graphisch-statistischer Taschenatlas für Österreich-Ungarn von 
Professor A. L. Hickmann. — Dr. Franz R. v. Haymerle. Der 
weibliche Fachunterricht und dessen Organisierung. Wien 190a 
Anton Schmid. Die Reform auf dem Gebiete des kommerziellen 
Unterrichtswesens in Österreich. Wien 290a ^ Adolf Mössler. 
österreichische Volksschulzustände. Wien 2897. — Friedr. R. von 
Zimmerauer. Die land- und fo rstwirts chaftlichen Schulen in Öster- 
reich. Wien 2900.— Handbuch der Reichsgesetze und Ministerial- 
Verordnungen über das Volksschulwesen in den im Reichsrate ver- 
tretenen Königreichen und LAndem, herausgegeben im Auftrage des 
k. k. Min. f. C. u. U. Wien 2892. — Normalien- Sammlung. Zu- 
sammenstellung der wichtigsten normativen Bestimmungen über den 
gewerblichen und fachlichen Unterricht an den der Wiener Gewerbe- 
schul-Kommission unterstehenden Schulen. Herausgegeben von der 
Gewerbeschul-Kommission. Wien 2899. — Verordnungsblatt flQr den 
Dienstbereich des Ministeriums für Kultus und Unterricht Jahrgang 
2873, 2878. 2888, 2896, 2897, 2900. — Vorschriften über die Heran- 
bildung und Prüfung der Lehrer für Volks- und Bürgerschulen in 
Österreich. Wien. — Regulativ für die k. k. Fachschule für Kunst- 
stickerei in Wien. Wien 2899. — Bericht des n. ö. Landesaus- 
schusses betreffend das Volksschulwesen, IV der Beilagen zu den 
stenographischen ProtokoUen des n. ö. Landtages. VIH Wahlperiode 
No. IV L. A 290a K. k. StaatsdruckereL — Staatsvoranschlag für 
das Jahr 1902. Band DL Unterricht K. k« StaatsdruckereL 

Haadbaeh der Fraaenbewef vsff. UL TtO. 22 



— X62 — 

Wien Z90Z. — Die Zulassong der Frauen zu den Juristischen Studien. 
Ein Gutachten erstattet von Dr. Edmund Bernatzik. Wien 1900. — 
Bericht Qber die volkstümlichen UniversitAtsvortrAge und Statistik für 
die Jahre 2895*2898. Wien 1898. ^ Vorläufige Ergebnisse der 
Volkszählung vom Jahre 2900. Herausgegeben von der statistischen 
Central*Kommission IL k. StaatsdruckereL Wien 2902.0 



L 

Wahrend im proletarischen Lager die Erwerbsfrage in den 
Vordergrund der sozialen Bewegung trat, und die Frauen dieser 
Volksschichten für Erringung besserer Existenzbedingungen mobi- 
lisiert wurden, hat die Frauenbewegung der bürgerlichen Kreise 
allerorten mit der Forderung nach erhöhter Bildung eingesetzt 
Der Ruf nach Eröffnung der höheren Schulen für das weibliche 
Geschlecht wurde so laut und eindringlich und eine lange Zeit 
hindurch so riniwtitig erhoben, dass man die Frauenfrage für nichts 
weiter als eine Bildungsfrage hielt. Und die Bedächtigen unter 
den Beobachtern der öffentlichen Vorgänge schüttelten die Köpfe 
und verwunderten sich über das sonderbare Verlangen, tOr die 
Mädchen dasselbe Gymnasium erobern zu wollen, das man 
für die Knaben als so reformbedürftig erkannt hatte. 

Die Frauenfrage ist allerdings eine Bildimgsfrage, aber in 
einem viel weitem Sinne als gewöhnlich angenommen wird. So 
wenig man sich Bildung durch den Besuch auch der besten 
Schulen erwerben kann, ebenso wenig wäre die Frauenfrage 
durch die Zulassung der Mädchen zum Mittel- und Hochschul- 
studium gelöst 

Die Schulen vermitteln im besten Falle Kenntnisse; — der 
zweiten Aufgabe, der der sittlichen Erziehung, konnten sie aus 
mannigfachen Gründen an keinem Orte gerecht werden — soweit 
nun Kenntnisse zur Errdchung bestimmter Lebensstellungen not-^ 
wendig smd, erfüllen die Schulen mehr oder minder gut ihren 
Hauptzweck. Das ist aber auch der Grund, warum die Bildungs- 
freiheit von den ersten Führerinnen der Frauenbewegung so heiss 
begehrt wurde, ebenso wie es die Ursache ist, warum die Pforten 
der höheren Schulen von der um ihren Brotkorb besorgten Männer- 
welt gegen die weibliche Invasion so hartnäckig verteidigt 
werden. 



>) Aam. d. Red. Bd der Abfetfun^ dieses Artikels konnten die endffltifen Erfebaisse 
der letzten Volksilhlnny noch nicht benutzt werden. 



— i63 — 

In diesem Punkte treffen die Bestrebungen der proletarischen 
und bürgerlichen Frauen zusammen, mit dem einzigen Unterschiede, 
dass die ersteren von den Männern ihrer Kreise unterstützt werden, 
wen sie die gleichen Forderungen zu stellen haben, während die 
letzteren diese Forderungen ihren Vatem und Brüdern abringen 
müssen. 

Wir haben es also hier nicht eigentlich mit einer Bildungs- 
frage, sondern mit einer Reihe von Erwerbs- und Eaüstenzfragen 
zu thun. Da nun aber Schule und Erwerb in einem so innigen 
Kontakt zu einander stehen, erscheint eine Untersuchung, in wie- 
weit die Gesellschaft für die Existenzbedingungen ihrer weiblichen 
Mi^lieder vorgesorgt hat, nicht ohne sozialpolitisches Interesse. 

Nach der eben abgeschlossenen Volkszählung von Z900 
betrug die GesamtbevOlkerung Österreichs (der im Reichsrate 
vertretenen Königreiche und Länder) 26x07304 gegen 234954x3 
im Jahre X890. 

Nach den statistischen Erhebungen über das Unterrichtswesen 
im Schuljahre X895/96 waren in Österreich 3 9x9 750 schulpflichtige 
Kinder, darunter x 949 7x5 Mädchen und x 970 035 Knaben, von 
diesen blieben wegen geistiger oder körperlicher Gebrechen ohne 
Unterricht xx xx7 Mädchen und xo 762 Knaben, normal veranlagte 
Kinder 37 638 Mädchen und 29 544 Knaben ; bei diesen Zahlen fehlen 
die Angaben für Nieder-Osterreich, Triest, Bukowina und 



Da nun in Galizien nach einem Berichte des dortigen Landes- 
schulrates') 3000 Gemeinden ohne Schulen sein sollen, und das 
Schulwesen in der Bukowina ebenfalls auf niedriger Stufe steht, 
so dürfte die Zahl der normalen Blinder, welche keinen Unterricht 
gemessen, eine erheblich grössere sein. Galizien, mit einem 
Flächeninhalt von 78532 km*) und einer Einwohnerzahl von 
66078x9 (Volkszählung von X890), verausgabte, für Volksschulen 
im Jahre X897 nur 4 952 7x8 fl., nicht viel mehr als Niederösterreich 
mit einem Flächeninhalt von X9853 km*) und einer Einwohner- 
zahl von 2 6S1 799, das ftlr die niederen Schulen in demselben Jahre 
X2 29X 89X fl. aufl>rachte (wovon 8 268 086 fl. auf Wien und 
4 023 805 fl. auf das Land Nieder-Osterreich kommen)*). Demnach 
gab es auch in Galizien im Jahre X890 unter xoo Personen 



I) ötttnrtichisclie Volkazugttndt, du Wort ab du Volk ud seine Ldirtr TenAdolf 
ICössler, Verlag Wiener Volksbudüumdlnnf J. Brsnd. 

>) Nach der Volktilhlnny tob 1900 hat Galizien 7 095 538 und W i eder ft aie rie l di InkL 
V^en 3086380 Einwohner. 

XX* 



- x64 - 

7a weibliche, resp. 65 mflzinliche, also 68»5 Vt Analphabeten, in 
Niederösterreich nur 6a */•• 

FOr die 3 9x9 750 schulpflichtigen Kinder gab es im Jahre 1895/96 
in Österreich 17799 allgemeine Volksschulen, davon 995 für 
Madchen, 1x24 Ar Knaben und 15 680 f&r beide Geschlechter, (in 
der Obergrossen Mehrzahl der Landschulen werden Madchen und 
Knaben gemeinsam unterrichtet); es existierten femer 650 Borger- 
schulen und zwar 292 f&r Madchen uqd 358 f&r Knaben; in diesen 
ist die Trennung der Geschlechter durchwq;s durchgeführt In 
diesen Schulen wirkten 7X 6ox Lehrpersonen und zwar ao 098 weib- 
liche und 5x 503 männliche, 9x0 Lehrstellen waren unbesetzt, d. h. 
es fanden sich wq;en der schlechten Bezahlung in den in der 
Entwicklung zurückgebliebenen Landern keine Lehrkräfte, welche 
f&r die systemisierten Stellen eingereicht hatten. Sind doch tfaat- 
sachlich inGalizien bereits einige Lehrer und Lehrerinnen Hungers 
gestorben. 

Unter den ao 098 weiblichen Lehrpersonen waren Q548 Neben- 
iehrerinnen (d. h. Handarbeita-Lehrerinnen und Lehrerinnen 
der französischen Sprache an Borgerschulen) und 3159 un- 
geprüfte; <) unter ' den 5x503 mannlichen Lehrpersonen waren 
X4462 Religionslehrer und xo6x ungeprOfte Lehrer. Ausser 
diesen öffendichen Schulen*) sind in Osterreich noch 99X private 
Volks- und Borgerschulen. 

Nach § 6a haben f]Qr die Kosten der Volks- und Boigerschulen 
zunächst die Ortsgemeinden au&ukommen, die Beitrage der Lander 
werden von der Landesgesetq;ebung (den Landtagen) bestimmt 
und der Aufwand des Staates betragt nach dem Staatsvoranschlage 
pro X90X fbr alle österreichischen Volks- und Boigerschulen 
54x6986 K. (2708493 fL). Bei Behandlung des Volksschulwesens 
in Wien werden wir sehen, welch lacherlich kleine Summe dies 
ist Dieser § 6a des in vielen Punkten vorzüglichen Reichs-Volks- 
schulgesetzes hat aich denn auch wie der § x, welcher als Zweck 



I) In den wirticiaftUfh sorfickftbUcbcan Lladan, wte GaliiiaB, BnkowlBa, nilmititm 
asd Tirol stdlt maa on^ eprOfts LefarpcnoacB an, da aich wefcn der aiedrifca ^««*'^»»"— »y 
an wanifs dani Lefararbenife anwenden. In Tirol Uaft die Mldrhenhndimg hnnpttlrhlirh 
in den Hindcn der Noone^ 

1) XMe aUgemeinen Volkaacfaalea nadaaaen x«8 Klaaaea (&— •14. Lcbcnajahr); die 
Bttrferadinlan abnd drdklaaaif (ÜBr daa n, 13. und 14. Lebenajahr). Znr Erricfatunf von 
Volkaacbnlan iat nach | S9 dea R. V. Schalgoaeaea von 14. V. 1869 Jede Gemeinde ver^ 
pflichtet, wenn aich in deren Umkreiae Ton einer Stunde nach einem ftnQflhrifen Dnrcb^ 
tfhniitft awhr all 40 acfanlpflifbrige Kinder Torfinden, welche eine Ober 4 km entfernte Sdinle 
beendien mfiaaen. 

Die Erxidttunf von Borgerachnlen ateDt die lande ag e a e tzgeb ung feat. 



- i65 - 

der Volksschule die sittlich-religiöse Erziehiing der Kinder 
hinstellt, als der Entwicklung des Volksschulwesens hinderlich 
erwiesen. Die Landgemeinden, besonders in den wirtschaftlich 
schwachen Landern, sind ausser Stande, Schullasten, wie sie im 
Interesse der Bevölkerung lägen, zu tragen, und der § z hat Rom 
eine bequeme Handhabe geboten, einen imausgesetzten Kampf lun 
die Wiedergewinnung des durch den Sturz des Konkordats im 
Jahre 1869 veriorenen Kinflnssrs auf die Schule zu eröffnen. 

Wie schlimm es auf dem flachen Lande noch mit dem Volks- 
schulwesen bestellt ist, zeigt die grosse Zahl von niederoiigani- 
sierten Schulen, wie verhängnisvoll aber die Bestrebungen der 
Klerikalen sind, zeigt das Gesetz vom a. Mai 2883, die sogenannte 
Schulnovelle, sowie die unzfthligen seither erlassenen ministeriellen 
Verordnimgen, die Erlasse der Landes- und Bezirksschulräte, 
welche alle den Wünschen der klerikalen Partei Rechnung tragen 
und den liberalen Geist des Reichs- Volksschulgesetzes in empfind- 
licher Weise abschwächen. Ausser der dadurch verursachten 
allgemeinen Schädigung der Schule, an welcher die Mädchen 
partidpieren, erlitten die letzteren auch noch insofern eine Beein- 
trächtigung, als fi]r sie das Stundenausmass tür den Unterricht in 
Sprache und Rechnen reduziert und der Turnunterricht als nicht 
obligat erklärt wurde, wodurch in der Bevölkerung das Vorurteil 
bestärkt wird, dass diese Disziplin als „unweiblich* zu verwerfen 
sei, dass man besser daran thue, diese Zeit mit Handari}eit auszu- 
füllen. Man schickt deshalb die Mädchen vielfach noch in Privat- 
arbeitsschulen,*) trotzdem sie ohnedies in den öffentlichen Schulen 
an einem 3—6 ständigen wöchentlichen Handarbeits-Unterricht teil- 
nehmen, so dass sie in den Unteridassen 3 Stunden in der Woche 
länger als ihre männlichen Altersgenossen in Schulräumen sitzend 
beschäftigt werden, was fOr ihre körperliche Entwicklung gewiss 
sehr nachteilig ist*) 

'Wie innig die wirtschaftlichen Verhaltnisse mit dem ganzen 
Büdungswesen eines Volkes verwebt sind, wie materielle BedOrf- 
nisse geistige wecken und diese wieder auf eine Verfeinerung der 
ersteren einwirken, das zeigt der moderne Industrialismus und die 



>) VondcBX7799 öScstlidie& Volkuchulcn in Ottcrrcidi sind Sklutif aa, 7lüAMif 04, 
6UAMif 070, skluaif iSgj^ 4lÜAMif zaz3, sklianf 00x7, »kkasif 44ZZ, z klutif 7987. 

*) In V^ea besuchen 0316 Mldchen utcr 14 Jahren Privatarbeitifchnlen. 

^ Die eeche-« tieben- und ech^Ihrigen Midchen heben az, es, «5 wöchentliche Uater- 
richtsetonden, die Kniben dieser Altcrsstafen nur zS, aoi, ex In der 4. Klesse heben die 
Midchen a6, die Xanben 15 Stunden, in der 5. Klesse ist des Stundeneusmess durch die 
Reduktion des Sprach- und Rfcheannterrichts ia dea ^■*1''htiifrhiilm gleich. 



seinen BedQrfhissen angepasste Neuschule. Der ganzen modernen 
Kultur liegt das grosse Problem zu Grunde, wie die Kräfte, 
welche in den unzahligen Einzdindividuen der organischen und 
imorganischen Welt mehr und mehr zum Bewusstsein kommen, 
resp. ausgelöst werdexi, Ar den Bestand der Gesellschaft, for die 
Weiterentwicklung der Kultur zu bewältigen sind? 

Die alten Kulturen sind an diesem Problem gescheitert Die 
philosophischen Systeme verlegen die Schlichtung dieser Frage in 
eme intelligible, die Religionen in eine jenseitige Welt, tmserer 
Zeit ist es vorbehalten, einen Gesellschaftszustand herbeizufilhren, 
bei welchem die an der Erzeugung der Kulturgüter so sehr 
beteiligten Volksmassen auch in den Stand gesetzt werden, diese 
Güter zu begreifen, zu schätzen und zu gemessen. Dieser 
Gedanke liegt der allgemeinen Schulpflicht zu Grunde. Mit der 
Einbeziehung des weiblichen Geschlechtes in dieselbe hat der 
Demokratismus eines der gewaltigsten Hindemisse zur Erreichimg 
seines Zieles aus dem V/egt geräumt 

Diese auf die Bewältigimg der Massen gerichteten Bestrebungen 
sind noch jung und sind in ihren Beziehungen zu den intellek- 
tuellen und psychischen Fähigkeiten der Einzelindividuen, ihrer 
EntwicklungsmOglichkeit und ihrer Verwendung zur Herstellung 
eines harmonischen Gesellschaftsorganismus noch viel zu wenig 
erforscht Deshalb ist es, ganz abgesehen von der Macht der 
widerstrebenden Elemente, auch gamicht zu verwundem, wenn 
die modemen Bildungsanstalten, durch historische Traditionen so 
vielfach belastet, noch mangelhaft organisiert und nicht im Stande 
sind, ihrer Aufgabe vollkommen zu entsprechen. 

Gerade deshalb erscheint es fOr diese Studie notwendig, das 
thatsächlich Vorhandene vorzuführen, das Mangelhafte aufzu- 
decken und auf das Fehlende aufmerksam zu machen. 

Nach dem über den § 6a des R. V. Schulgesetzes Gesagten ist 
es einleuchtend, dass in Wien für die Volks- und Bürgerschulen 
besser gesorgt ist als in kleineren Städten oder auf dem flachen 
Lande. 

Wien zählte im Oktober 1898 nach dem statistischen Jahrbuch 
89815 schulpflichtige Mädchen und 86919 schulpflichtige Knaben, 
diese verteilten sich in den 399 kommunalen Schulen auf 
X726 Klassen flQr Mädchen, 1699 Klassen für Knaben und 
31 Klassen, in denen Mädchen und Knaben gemeinsam unter- 
richtet wurden. Ausserdem bestanden noch 3 staatliche und 
45 private Volks- und Bürgerschulen. 



— x67 — 

Unter den 399 kommunalen Schulen waren 55 BQrgerschulen 
fOr Madchen imd 48 fOr Knaben. Die BQrgerschulen sind drei- 
klassig und nehmen die den fbnfklassigen Volksschulen ent- 
wachsenen SchQler vom vollendeten 11. bis zum vollendeten 
14. Lebensjahre aufl Während in den Volksschulen, auch in den 
achtklassigen, der Unterricht bis in die letzte Klasse von einer 
Lehrperson erteilt wird* ist in den BQrgerschulen Gruppen- 
unterricht eingefohrt*) 

Volksschulen bestanden f&r Madchen wie ftkr Knaben je 143 
und zo gemischte Schulen. In allen kommunalen Anstalten 
wirkten 504a Lehrpersonen und zwar 3x83 weibliche (f&r Volks- 
imd BQrgerschulen qualifiziert blos 1521) und 2859 mflnnliche 
Personen. 

Unter den 45 privaten Volks- und BQrgerschulen Wien's sind 
30 fOr Madchen, zo fQr Knaben und 5 gemischt; von diesen 
werden 15 fQr Mädchen und a fQr Knaben von Orden und 
Kongregationen erhalten, 10 von Kultusgemeinden oder kon- 
fessionellen Vereinen, 3 vom k. k. Kriegsministerium, x vom 
czechischen Verein Komensky (Comenius) und 14 sind Privat- 
untemehmimgen. Die .letztere Zahl ist so gering, weil die Ofient- 
lichen Schulen von der Bevölkerung durchwq;s vorgezogen 
werden. 

Die Kinder der wohlhabenden Kreise werden zum Teil in den 
ersten Jahren zuhause imterrichtet, die Mädchen besuchen dann 
die bestgdqfenen Schulen ihrer Bezirke oder die Privatlyceen, 
und die Knaben treten in die Mittelschulen ein. 

Der grösste Vorzug des Reichsvolksschulgesetzes ist die Ein- 
heitlichkeit desselben. Es kennt nicht die Einteilung in Standes- 
sdiulen. Die BQrgerschuIe darf nicht mit den staatlichen höheren 
Töchterschulen Deutschlands verwechselt werden, sie ist bloss der 
organische Ausbau der allgemeinen Volksschule und allen 
SchQlem, welche die Qualifikation dazu eriangen, ebenso un- 
entgeltlich zugänglich, wie die le tzter e n . 

Wo die Ortsgemeinden zu arm oder nicht schulfreundlich 

werden statt fOnfklassiger Volks- und dreiklassiger BQrger- 



I) Die LefarbeOhifimf fQr Borfenduücn kasa für $ Gruppen c i w uib e a werden: 

a) Für die iprichlidi-hiitoriadie Facfafnippe: UntaniditasprMlie, Geofnphie und 



b) FOr die aetanvissensdulUicfae Fadignippe: Natarfeediidite, Natnriefare and 
a^ Erflasanf IJathtmatik und geoBwtriadica Zeidmca. 

e) FOr die aaüieniatiadi-teehaiedie Fachgruppe: llatheBatik, Frrthandieirhnen and 
SchAnacfareiben nad ala Erftasnag Natoriehre oder geonetxiacliee Zeichaea. 



— x68 — 

schulen nieder organisierte Schulen errichtet, diese können auch 
bloss rinklassig sein; es wird dann halbtägiger Unterricht erteilt, 
d. h. die oberen vier Jahrgänge erhalten vormittags 4 Stunden 
Unterricht, die unteren vier am Nachmittage. Solche Schulen 
giebt es in Wien nicht mehr, wohl aber noch z zwei-, a drei- und 
z vierklassige Volksschule an den ftussersten Grenzen der Stadt, 
in landlichen Gebieten, welche erst im Jahre 1891 der Stadt ein- 
verleibt wurden. Auch sechsklassige Volksschulen, bei welchen 
die fünf unteren Klassen je einem Schuljahre entsprechen, in 
der sechsten Klasse aber 3 Jahrgange abteilungsweise unterrichtet 
werden, giebt es im Wiener Schulrayon derzeit fiOr Mädchen und 
Knaben je a. 

Leider besteht gegenwärtig die Absicht, statt neuer BOrger- 
schulen in den an der Peripherie gelegenen Bezirken solche 
sechsklassigen Volksschulen zu errichten, wodurch gerade die 
ärmeren Volksschichten in ihrem BildungsbedOrfiiis, wie in ihrem 
.Bildungsdrange arg beeinträchtigt wfirden. 

Von den die Volks- und Bürgerschulen in Wien besuchenden 
Kindern repetierten ihre Klassen la 656 Mädchen und la 935 Knaben, 
ungefähr 14 V» % ^^ schulbesuchenden Jugend. Dieses gOnstige 
Resultat ergiebt sich jedoch nur durch die seit Beginn der 
reaktionären Periode in Wien herrschende Tendenz, möglichst 
milde zu klassifideren und möglichst wenige Repetenten aus- 
zuweisen. Trotz des lebhaften Kampfes der jOngeren Lehrer- 
schaft gegen die Verklerikalisierung der Volksschule, giebt 
es verhältnismässig nur wenige Lehrer und Lehrerinnen, welche 
dem Wunsche der Schulbehörden nach milder Beurteilimg der 
Schüler entg^enträten. Die schulbehördliche Argumentierung, 
dass man seiner eigenen Lehrthätigkeit ein schlechtes Zeugnis 
ausstelle, wenn der Katalog viele schlechte Klassen enthalte und 
eine grössere Zahl von SchQlem zum Repetieren bestimmt werde, 
verfügt merinvflrdigerweise bei den meisten, und wer dieser 
Argumentation widersteht und sich selbst dadurch im Interesse 
der Volksbildimg einer schlechtem Qualifikation aussetzt, unterliegt 
den Vorstdlimgen, dass man doch an Kinder keinen so strengen 
Masstab anlq^en dOrfe. 

Dass aber eine so schwächliche Behandlung der Jugend nicht 
nur auf die Charakterentwicklung einen schädlichen Einfluss aus- 
flbt, dass dadurch auch die intellektuellen Leistungen der Schulen 
herabgedrOckt werden, entgeht leider den wohlwollenden Ver- 
tretern der milden Praxis. Die Ursache derselben li^ aber viel 



- i69 - 

tiefer, sie ist in einem Grundfehler unseres Schulsystems zu 
suchen. Bei der Organisierung der allgemeinen Volksschule hat 
man leider die wichtigste Aufgabe derselben, die der Bewältigung 
der Massen, ausser Acht gelassen. Man teilt die Schüler, wie es 
froher in den Sonderschulen der Fall war, nach dem Lebensalter 
den einzelnen Klassen zu, statt nach ihren geistigen Fähigkeiten. 
Es existiert leider keine Statistik über dieselben, aber jeder 
ehrliche, von Schönfärberei freie Schulmann* wird aus seiner Er- 
fahrung bestätigen* dass gut a Drittel seiner Schüler in Bezug auf 
Intelligenz imter dem Blittehnass bleiben und dass von dem letzten 
Drittel wieder nur ein geringer Bruchteil über das MittHmais 
hinausgeht 

Auf diese, die wertvollsten Elemente der künftigen Gesell* 
Schaft, kann die heutige Schule v^egcn der irrationalen Einteilung 
des Schülermaterials gar keine Rücksicht nehmen. Andrerseits 
fallen in der ganzen grossen Ökonomie der Gesellschaft aber auch 
den minder qualifizierten Menschen, gerade weil sie die Majorität 
bilden, sehr wichtige Aufgaben zu, und sie müssen deshalb durch 
liebevolle Entwicklung ihrer geringen Anlagen so leistungs- imd 
genussfähig als möglich gemacht werden. Nur durch Teilung der 
Schüler nach geistigen Fähigkeiten könnte die Schule alle ihren 
Kräften entsprechend entwickeln. 

Wenn man nun in Erwägung zieht, dass die Schulen 
der peripherischen Bezirke Wiens £ast durchwegs an Oberfilllung 
der Klassen leiden, dass der Percentsatz der Unb^abten hier ein 
noch grösserer ist als in den Bezirken mit besser situierter 
Bevölkerung, werden die geringen Schulerfolge, über welche trotz 
der wenigen Repetenten so vielfach und leider mit Recht geklagt 
wird, für den Fachkundigen, wie für den einsichtigen Beobachter, 
nicht verwunderlich sein. 

Die Bestrebungen der Klerikalen richten sich unter anderem 
auch auf die Verkürzung der Schulpflicht Da bei Durchführung 
derselben die Schullasten der Gemeinden geringer würden, findet 
die darauf gerichtete Agitation unter der bäuerlichen Bevölkerung 
wie in dem ökonomisch gefährdeten Kleinbürgertum fruchtbaren 
Boden. Die -bereits erwähnte Schulnovelle vom Jahre 1883 hat 
mit dem § az, 3. Abt in die allgemeine Schulpflicht eine 
empfindliche Bresche geschlagen. 



I) S ax: ^e Sdnilpflidit btginat mit dem ▼on e nd ct ta Masten oad daacrt bis 
▼oQcDdetea vten^Dtea Lebensjahre. Der Auftritt eai der Schnle dezf eber nnr erüalfeB, 
wenn die Schaler die filr die Volkiefhnle ▼orfetcfariebeaea BocweadiitteB Tcmmriege, alt 



— 170 — 

In Niederöstenreicb smd 906 Gemeinden mit 24584 schul- 
pflichtigen Kindern, welche auf generelle Schulbesuchaerleichterung 
Anspruch haben, davon hahen 652 Gemeinden mit za 733 Kindern 
(darunter 6 352 Mädchen) diesen Anspruch geltend gemacht Unter 
916 Schulen mit 5048z Kindern erhielten 63z Schulen mit 
8 436 Kindern (darunter 4 836 Madchen) individuelle Schulbesuchs- 
erleichterungen und z 92(5 Kinder (z 043 Mädchen) wurden vor 
vollendetem Z4. Lebensjahre aus der Schule entlassen. In Wien 
kamen 5 854 Kinder (2 942 Mädchen) um individuelle Schulbesuchs- 
erleichteningen ein und 3 Z53 Kinder (Z5Z2 Mädchen) verliessen 
vor dem vollendeten Z4. Lebensjahre die Schule. 

Die Schulversäumnisse betrugen in den städtischen Volks- 
und Bürgerschulen im Schuljahre Z898/99 bei den Mädchen 
3 559 990» bei den Knaben z 992 756 halbe Schultage. Die Zahl 
der Kinder, welche Aber das schulpflichtige Alter hinaus die 
städtischen Volks- und BQrgerschulen besuchten, stellt sich bei den 
Mädchen auf 70z und bei den Knaben auf 578. 

Unter diesen 70z Mädchen dürfte * wohl der grössere Teil auf 
die Aspirantinnen der Lehrerinnenbildungsanstalten entfallen. Da 
diese die Schülerinnen erst nach dem vollendeten Z5. Lebensjahre 
aufnehmen, die Bürgerschule die Mädchen aber mit Z4 Jahren 
entlässt, öffentliche Fortbildimgsschulen, welche fiOr die Auihahms- 
prüfimg an den Lehrerinnen-Bildungsanstalten vorbereiteten, nicht 
existieren, so wiederholen die Absolventinnen der Bürgerschulen, 
welche sich dem Lehrberuf widmen wollen, die letzte Klasse imd 



Relifioo, Lesen, Sdireibea nnd Rechnen hwitren. An den aOfemeincn Volkeediiüen 
sind nach voDendetem öjlhrifcn Sdiolbesadie den Kindern saf dem luHule nnd den 
Kindcn der onbemitldten Voürsklaisen in StidteB and Mlikten Ober Ansadien ihrer 
Ehern oder deren Stellt aüei e i sas rO^sichtswOrdifen Gründen Erlekhtenmgen in Beto^ 
nuf das Mass des refelmlssifen Scfanibesaches snsofestehen. Dieselben bsben in der Ein- 
schrinkunf des Unterrichtes anf einen Teil des Jahres oder anf halbtififen Unterricht oder 
anf fjnsflnr Wochentage xn beste h en. 

XXese Erteilt er ungen sind aadi Siadcm ganzer S^olgemeinden anf dem X«ande sn 
gttwihrea, wenn die Vertretnngen der sftmtlidicn cingcschnlfcn Gemeinden anf Gmnd von 
Gcmeiadeaasschnss-Beschlfissen dämm ansuchen. In diesem Falle kann der ^^»»«p^*«* so 
eingeridttet werden, dass der abgckflRte Unieiiidit den Kindern in besonderen, Ton den 
Obrigen Schfilcm getrennten AbteQongen mindestens bis siir Vollendung des vierzehnten 
Lebensjahres erteilt werde. 

In aUen in den voranstehenden swd Absitzen vorgesehenen Fällen ist der 
Unterricht in der Art zu erteilen, dasi die Schulpflichtigen mittelst desselben das aOgemeia 
vorgeschri^>ene Lehrziel erreidien kflnnen. 

Am Schlüsse des S^u^ahres kann Sdifllem, weldie das 14. Lebensjahr zwar nodi 
nicht znrfickgclegt haben, dasidbe aber im nAdisten halben Jahre vollenden, und welche 
die GegenstAnde der Volksschule voUstSndig inne haben, ans erheblichen Grfinden von der 
Bedrkaschulanlsiefat die Entlassung bewilligt werden. 



— I7X — 

zwar oft a bis 3 mal, da der Andrang zu der AufhahmsprQfung die 
aufzunehmende Zahl der Kandidatinnen oft um das 5 fache flber- 
steigt Kdn Wunder! Sind doch die Lehrerinnenbildungs- 
anstalten in Österreich die einzigen öffentlichen Schulen, welche 
dem weiblichen Geschlechte ausser der Aussicht auf eine sichere 
Lebensstellung eine höhere Bildung garantieren. 

n. 

Die hier folgende tabellarische Zusammenstellung mag zeigen, 
welche Unterrichtsanstalten fOr die der Schulpflicht entwachsene 
Jugend in Wien vorhanden sind und wie dieselben frequentiert 
werden. 

Nach dem statistischen Jahrbuch der Stadt Wien ftlr das 
Jahr 1898 besuchten Mädchen Ober 14 Jahre folgende Schulen: 

37 Arbeitsschulen (a6 unentgeldich), nur Unterricht 

in weiblichen Handarbeiten z 422 Schülerinnen 

8 gewerbliche Fortbildungsschulen (unentgeltlich 
von der Gewerbeschulkommission erhalten, 
3 jährige Abendkurse) >) 1593 1, 

z gewerbliche Fachschule, von der Genossenschaft 
der WSschewarenerzeuger. errichtet und er- 
halten Z4Z I, 

za Zeichen- und Mabchulen (z öffentliche und 

zz private) 33z 

14 Handelsschulen (3 von Vereinen erhalten, 

alle entgeltlich) Z558 „ 

K. K. Fachschule für Kunststickerei u. k. k. Central- 
Spitzenkurs 

4 Fachschulen des Frauenerwerbvereins • • . 

5 9 des MAdchenunterstQtzungsvereins 

z Koch- und Dienstbotenschule des Hausfrauen- 
vereins 

a Kochschulen des Volksbfldungsvereins fflr 
Arbeiterfrauen- und Mädchen*) 

*) Sdt xSgS lind noch a Forthnrtnngitchalgn flQr IClddien dun fdLoauaen. Es ist 
Jem je tiM im IL, ÜL VL, VU^ DL, X^ XSL, XV^ XVU. imd XVUL Bezirke. Da dieselben 
aUca der VolkMchiüe entwsrhsenen Mlddiea ohne R&eksieht auf die Klasse, wel^e sie 
eneicht haben, suftaf Uch sind, bleibt das Lefarsiel ia den allfemeinen üaterricfatsftchera 
weit Unter dem der BOrgertehnle mrOek. Im ^ Jabrfanf wird dann kanfhUmrisches 
Rechnen md Bnchhaltanf in sein' bescheidenem Umiaufe fcnommen. Die fewerbliehe 
Fortbfldanffssduile im VIL Bedrice ist nur Lehrmädchen suflnf lieh. 

*) Die beiden Xochschnlen des V3^Vereina haben seit ihrem Bestsnde 904 SchOlerinnen 
in 81 Kursen (1 Kurs Ton 4 monatlicher Daner) ansfebOdet. 



»43 



Z580 SchQlerixmen 



— X72 — 

Höhere MAdchenschulen. Daninter die vom Verein ^ 
für erweiterte Frauenbildung erhaltene gym- 
nasiale MAdchenschule mit zaz Schülerinnen, 

4 von Vereinen gegründete Lyceen, z von der 
evangelischen Gemeinde, 3 von Klöstern er- 
haltene und zo Privatinstitute 

4 Lehrerinnen-Bildungsanstalten ' 1 

3 Bildungskurse für Kindergärtnerinnen • • . . ( 706 . 

a Bildungskurse für Industrial-Lehrerinnen . • ) 

Städtisches Pädagogium (Fortbildungsschule fflr 

Lehrer und Lehrerinnen) 275 Hörerinnen 

Conservatorium für Musik und darstellende Kunst 

der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien • 580 Schülerinnen 

österr. Kunst-Gewerbe-Museum >) 55 , 

For Knaben über Z4 Jahre bestanden im Jahre 1898 die 
folgenden Unterrichtsanstalten mit nachstehender Frequenz: 

Z48 Gewerbliche Fort- und Vorbereitungsschulen (er- 
richtet und erhalten von der (jewerbeschul- 

Kommission) aß 99z Schüler 

35 von den C^nossenschaften erhaltene fachliche Fort- 
bildungsschulen . ' 64x3 f, 

Die Schulen des Technologischen (jewerbe-Museums z z8o i, 

a k. k. Staatsgewerbeschulen asaS , 

z k. k. Lehranstalt für Textilindustrie 5a i, 

z k. k. Graphische Lehranstalt z86 ,, 

z Wiener Brau-Akademie aa i, 

zo Zeichen- und Malschulen 37z i, 

Handelsschulen und zwar die Export-Akademie mit 
39 Hörern, die Wiener Handelsakademie mit 
705 Hörern, die Schulen der 3 kaufmännischen } 7 640 
Gremien mit 3695 Schülern und Z4 Privat- 
Handelsanstalten mit 329z Schülern .... 
Die Kurse im österreichischen Kunstgewerbemuseum 264 



I) Die Scalen dM OtterreiGfaiscfacn Knastfewcrte-MostiUBS, war HcnabflduBf 
ttt^tifer HQftkrIfte tOr das Knastfewcrte im Jahre i80B fegrOndet, bcstahea nu Tier 
Vorb0eitiiBfaUesae& und «a aehrercn FachtdiiilcB mit 4— sJihrifer ünterrirhfdaner. 
Bii xam Jahre 2867 hatten die Fraacn xn beiden Ahceifamfen Zutritt, in dieecm Jahre 
wurden ihnen die VofbcmttmgBklasaen leap e iiL die Fachkorse waren jedoch etets von 
95—90 weibU^en ZOf hagen besncht £s werden in diesen Schulen, wie in der k. k. Akademie 
der bildenden ROnate, welche nur dem minnHchen Geschledit zuftnflich ist, auch Zeidien- 
lehrer tOr ICttelsdiulen (Gymnasien, Reals^ulen, Lduerbfldungsanstalten, lliddienlTeeen) 
herangebildet und haben bereits im Vorjahre (1900) a Frauen die Staatsprfliunf aus den 
ihr diesen Beruf erforderlichen Fiebern mit Erfolg abgelegt. Zu der bevorstehenden 
Staatsprttfung d. J. sind wieder a weibli^e Kandidaten vorgemerkt. (Nach den Ifit- 
des Anstaltsdirektors des Hm. Regie r ungsiai e s Dr. Eduard Leischiag.) 



n 
n 



— 173 — 

Konservatorium fOr Musik etc. 369 Schaler 

2 Lehrerbfldungsanstalten (z staatlich, z private 

konfessionel) 979 

Stadtisches Pädagogium z8i 

Mittelschulen (z6 Gymnasien, Z3 Realschulen) .... Z0835 , 

FOr die Mittelschulen, die vor einigen Jahren verstaatlicht 
wurden, für welche aber die Gemeinde die Schulgebäude stellt 
und Pensionen der ehemaligen kommunalen Mittelschullehrer zahlt, 
verausgabte die Kommune im Jahre Z898 noch 200553 iL Bei 
dieser Summe gehen die Mädchen leer aus, selbst die kleine 
Unterstützung, welche die liberale Verwaltung der Stadt Wien 
der gymnasialen Mädchenschule gewährte, indem sie ihr für den 
Unterricht die Bentttzung der Räume des städtischen Pädagogiums 
unentgeltlich gestattete, wurde eingestellt und die Erlaubnis dazu 
vom Schuljahre zpoa/s an aufgehoben. 

FOr die 156 gewerblichen Fort- und Vorbereitungsschulen 
betrug im Jahre Z898 das kommunale Budget zo8 z8o iL Da von 
diesen Schulen nur 8 den Mädchen zugänglich sind, so ist die 
Förderung, welche den weiblichen Angehörigen des Gewerbe- 
standes zuteil wird, nicht eben gross, was umsomehr Qberraschen 
muss, als im selben Jahre beim Magistrat von 5879 weiblichen 
(Z0897 männlichen) Personen Gewerbeanmeldungen einliefen, 
mehr ak die Hälfte der von männlichen Personen erfolgten, und 
unter den Gewerbsinhabem in Wien z? 29a weibliche (54 963 männ- 
liche) Personen Gewerbesteuer zahlen. Nach der Steuerleistung 
müsste also ein Drittel der fOr gewerbliches Unterrichtswesen 
verausgabten Summe der gewerblichen Ausbildung der Mädchen 
gewidmet sein. 

Aus den Zusammenstellungen des statistischen Jahrbuches der 
Stadt Wien ist leider ein genaues Verhältnis der Summen, weiche 
fOr die weibliche und männliche nicht mehr schulpflichtige Jugend 
zu Bildungszwecken aus kommunalen Mitteln verausgabt wird, 
nicht festzustellen. Da aber keine einzige der im § 10 des R. V. 
Schulgesetzes vorgesehenen öffentlichen Mädchen-Fortbildungs- 
schulen in Wien existiert,^ die Subventionen an Vereinsschulen 
mit Ausnahme des Konservatoriums, welches einen jährlichen 
Zuschuss von 5000 fl. [erhält, ganz unbeträchtlich und bei der 



>) i 20 6m R. V. Seholffcseim, a. Ahntx laiitet: für Mldchen, frdcbe der Schol- 
pflicbtiirkeit «stwaduca sind, können aoch Le hrkur ie sam Zwecke eUfeaeiaer FortbUdnng 
erti chi e t werden. Die Verpflichtunf zar Errichtonf Ton Schalen, auch der in diesem 
Panifnph ^orfesehenen, regelt nach % 59 dee R. V. Sdtnlgesetnt die L and et ie |i e i ' uii f. 



— 174 — 

g^enwärtigen Stadtverwaltusg höchst unsicher sind, kann man 
nicht sagen, dass es mit der Mädchenfort* und Fachbildung in der. 
Hauptstadt des Reiches glänzend bestellt ist 

Nach dem Staatsvoranschlag fiOr das Jahr 190z sind f&r 
sämtliche Mittelschulen (Gymnasien, Realschulen nnd Real- 
gymnasien) in Osterreich 20668487 K. praliminiert, von dieser 
Summe entfallen auf Blittelschulen für Mädchen nach den An- 
gaben des Jahrbuches fOr das Höhere Unterrichtswesen 60000 K. 
ca. o^s%. 

Nim entsprechen aber diese Mädchen-Mittelschulen, welche 
vom Staate subventioniert werden, keineswqis den Realschulen 
und Gymnasien der Knaben; gerade die diesen let zt eren nach- 
gebildeten Anstalten, die gymnasialen Mädchenschulen, welche 
fOr die MaturitätsprOfimg vorbereiten, erhalten keine staatliche 
Subvention. Nach dem Erlass des Ministers für Kultus und 
Unterricht vom 24. 3. 1897 »verkennt die Unterrichtsverwaltung 
zwar nicht den Zug der Zeit, der weiblichen Jugend eine der 
männlichen gleichwertige Bildung und damit eine grössere Erwerbs- 
fähigkeit zu vermitteln und möchte demselben, soweit er in der 
Natur des Weibes und in thatsächlichen BedQrfhissen bq;rQndet 

ist, nicht hindernd in den Weg treten jedoch den 

Mädchen ohne Beschränkung den Zugang zu den fiOr die 
BedQrfhisse der männlichen Jugend eingerichteten Gymnasien und 
Realschulen und dann weiter in alle Berufszweige, die bereits 
von Männern zur Genflge besetzt sind, zu eröffnen, ist nicht in 
ihrer Absicht gelten* etc. 

Sie flberlässt die f&r das Hochschulstudimn erforderliche 
Vorbildung der privaten Initiative und subventioniert nur einige 
Mädchenlyceen imd Höhere Töchterschulen, welche durch einen 
ministeriellen Erlass in den Rang von Mitttelschulen eingereiht 
wurden. 

So bestehen Mädchenlyceen in Linz, Graz, Triest, Prag und 
Czemowitz, Höhere Töchterschulen in Klagenfurt, Laibach, BrQnn 
und Prag. Sie sind ähnlich den korrespondierenden Anstalten 
in Wien organisiert, haben 3 bis 6 Fortbildungs- oder Lyceal- 
klassen O'e nachdem die SchQlerinnen mit dem vollendeten 10. 
oder 14. Lebensjahre eintreten), doch gehen die Lehrpläne ausser 
im fremdsprachlichen Unterricht kaum Aber die den BOrgerschulen 
zu Grunde liegenden hinaus. Sie haben vor den Wiener An- 
stalten nur das voraus, dass sie zumeist kommimale Ein- 
richtungen sind und ausser vom Staate auph von den Ländern 



— 175 — 

und Gemeinden subventioniert werden. Dennoch ist der Besuch 
nur auf eine kleine Anzahl (nicht viel aber 2000 Mädchen) 
beschränkt, so dass deren Einfluss auf das Bildungsniveau des 
weiblichen Geschlechtes in Osterreich kaum gerechnet werden 
darf. 

Da aber die Unterrichtsverwaltung in dem oben zitierten Erlasse 
es als ein Übel erkannt hat, dass »der öffentliche Unterricht der 
weiblichen Jugend sich bisher wesentlich auf die Vermittlung jener 
Kenntnisse, welche die allgemeine Volks- und BOrgerschule zu 
gewahren im Stande ist, beschränkt, der höhere Mädchen- 
unterricht aber fast ausnahmslos von Privatanstalten besorgt 
wird, auf deren Organisation die Unterrichtsverwaltung nur einen 
geringen, auf deren Kostspieligkeit sie keinen Einfluss zu Oben in 

der Lage ist * hat der Irlinister ftlr Kultus und Unterricht 

am zz. Z2. Z900 einen Erlass an sämtliche k. k. Landesschul- 
behörden verlautbart, in welchem ein Statut und ein Lehrplan 
für sechsklassige Mädchenlyceen enthalten ist, ak deren beste 
Eigenschaft der provisorische Charakter derselben bezeichnet 
werden muss. Denn das Statut hebt die Bewegungsfreiheit der 
Privaten, welche Lyceen ins Leben rufen wollen, vollständig auf, 
ohne dass eine staatliche Subvention den im Sinne des Erlasses 
organisierten Anstalten zugesichert würde und geht im Lehrplane 
bei den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern tief unter 
das Lehrziel der Bürgerschule. Dagq^ wird, vom Religions- 
unterrichte abgesehen, dem deutschen und fremdsprachlichen Unter- 
richte (französisch imd englisch) das grösste Stundenausmass ein- 
geräumt und so die Fehler des Gymnasialsystems auf das moderne 
Sprachgebiet übertragen, ohne zu berücksichtigen, dass Kinder im 
Alter von zo— z6 Jahren (für diese Altersstufe ist das Lyceum 
berechnet) fiOr das Gebiet der Realien ein viel lebhafteres Interesse 
haben ak ftlr den grammatikalischen Sprachunterricht, für dessen 
architektonische Schönheiten überhaupt nur bei wenigen Ver- 
ständnis vorhanden ist und den man Kindern, wenn sie mit 
den für sie leeren Formen gequält werden, zeitlebens verleidet 
Die Sprache ist ein zu subtiles Instrument des begrifflichen 
Denkens, als dass Kinder, deren Denken sich noch vollständig im 
Rahmen der Anschauung bewegt, darauf mit einigem Vergnügen 
ftlr sich oder andere zu spielen vermöchten. 



— ij6 — 

m. 

Auch von der fOr das gewerbliche Bildungswesen im Staats- 
voranschlage vorgesehenen Summe von 7 926 522 K. entfallt nur 
ein geringer Teil auf das weibliche Geschlecht 

Die FOrsorge fdr seine gewerbliche Ausbildung beschränkt 
sich fast allein auf die Technik der Spitzenarbeiten und der Kunst- 
und MaschinestickereL FOr diese Zweige bestehen 16 k. k. Fach- 
schulen fOr Spitzenarbeiten, Kunst und Maschinestickerei, welche 
zusammen von ca. 1000 Schülerinnen besucht werden, deren 
Unterricht in den meisten Fallen unentgeltlich ist Einige er- 
halten sogar Stipendien, um, wenn sie nicht am Orte domizi- 
lieren, solche Schulen besuchen zu können. An diesen z6 Fach- 
schulen wirken 42 Lehrerinnen, die definitiv angestellt und pensions- 
berechtigt sind; auch die Leitung dieser Anstalten ist zumeist 
Frauen anvertraut. 

Die best organisierte Schule dieser Kategorie ist die k. k. Fach- 
schule fOr Kunststickerei in Wien, welche einen 5 jährigen Kursus 
umfasst und nach § z des Statuts die Heranbildung kunstgeQbter 
Stickerinnen bezweckt Es soll die Wiederbelebung älterer und 
die Einführung ausländischer Stickerei-Techniken angestrebt imd 
durch Ausführung stilvoUer mustergiltiger Objekte, sowie durch 
die Erkenntnis des Zusammenhanges der Stickerei mit der 
Entwicklung der Kunst eine geläuterte Geschmacksbildung erzielt 
werden. 

Ausser diesen staatlichen Fachschulen giebt es noch 10 private, 
welche mit 7900 K. subventioniert sind, deren Schülerzahl 300 
kaum übersteigt Unter den übrigen gewerblichen Unterrichts- 
anstalten ist noch eine k. L Webeschule dem weiblichen Geschlechte 
zugänglich (18 Schülerinnen und eine Lehrerin für Noppen imd 
Ausnähen), 3 L k. Fachschulen für Holzbearbeitung, z k. L Fach- 
schule für Bildhauer und Steinmetze, welche Zeichenkurse für 
Mädchen enthalten, 27 Korbflechtschulen,*) 4 staatliche imd 213 sub- 



1) Nach Frans R. v. Haymerle, Miniiterialraf im k. k. Mhiiitrrium für Raltna und 
Uatenicht ^Der weiblicfae Fachuaterricht* (Wien xpoo) entfalten für die rewerbliche und 
kommenielle Bfldnnf des weiblichen Getchledits nach dem Scaatsroranschlaf pro zpoo 
1596x0 E. escL die Rotten tOr die allfemeine VenRraltan^. Einife Knn atg ew ei b eschulen 
<Wiea, Praf), die StaaUfewerbetchulen in Salzburg, InntbrucL. Graz, Triest, Lemberf 
-p^h^^»*" Abteilungen für weibliche ZOflinye. Der Aufwand fQr diese Abteilunfen ist aus 
dem Staatsvoranschlafe nicht eraidiüich, ebensowenig die Höhe des Betrages, weldier auf 
die weiblichen Abteilunfen der vom Staate subventionierten Facfaschnlcn in Dombim, Graslitz, 
VQlach und Boxen entiUlL 

*) Die Korbflechuchulen beschlfngen nachHaymerle viele weiblidie Zöglinge, nnge- 
Ohr die HUfte. 



— 177 — 

ventionierte und i k. k. allg^emeine Handwerkerscbule mit einem 
gewerblichen Fortbildungskurs fOr Mädchen und einem Zeicbensaal 
fOr Gewerbetreibende und Damen. FOr gewerbliches Zeichnen 
existiert ausser der k. k. Zeichenschule in Wien eine solche in 
Brunn« deren Ziel Ausführen tmd Entwerfen dekorativer Malerei 
fOr Wandschmuck, auf Stoffe, Gefflase und dergleichen ist, und 
ein Zeichenkurs fOr Mädchen an der allgemeinen kommunalen 
Handwerkerschule in LeitomischL 

Unter den 159 in Osterreich bestehenden Land- und Forst- 
wirtschaftlichen Lehranstalten sind die 13 der niedem Stufe 
angehörigen Molkerei- imd Haushaltungsschulen auch Mädchen 
zugänglich. Dieselben sollen der weiblichen ländlichen Jugend die 
wichtigsten Kenntnisse imd Fertigkeiten in der Fohrung eines bäuer^ 
liehen Haushalts vermitteln. 

Der Unterricht umfasst demgemäss Stall- und Milchwirtschaft, 
GemOse- und Obstkultur im Hausgarten, Obstverwertung, 
Haushaltung, weibliche Handarbeiten, Gesundheitslehre und 
Krankenpflege; ausserdem Religionslehre, Sprach- und Rechen? 
Unterricht und an einigen Anstalten auch Erziehungslehre. 

Die Anstalten sind Internate von einer „Hausmutter,* der 
„Lehrmeierin* und der „Industriallehrerin" geleitet Von diesen 
Schulen sind a in Niederösterreich, z in OberOsterreich, z in 
Kärnten« i in Krain, 6 in Böhmen und a in Mähren. 

Wie die Zahl der höheren Mädchenschulen fOr die Bewohner 
der Städte zu gering ist, ebensowenig reichen diese Z3 Molkerei^ 
und Haushaltungsschulen fOr die Bedtlrfnisse der bäuerlichen 
Bevölkerung aus, sie decken nur die grossen Lflcken aut die 
aberall noch auszufüllen sind. 



Für kommerzielles Bildungswesen sind pro 190z aus Staats- 
mitteln 393600 K. veranschlagt Das ist im allgemeinen eine 
sehr kleine Summe und beweist, dass Osterreich noch zum 
überwiegenden Tefl ein Agrikulturstaat ist, dass sich der 
Industrialismus imd mit ihm das Bedürfnis nach kommerzieller 
Ausbildung noch in den Anfangsstadien befindet 

I) ^ ttaatliche LabnuistahcD, 40 Landes-, 7 koimmmile Anstalten, 96 tob Vereinen 
fcgründete nnd 9 tob P ri v at en crludtene. Davon haben a Hecfasdwlcharakter (Wien md 
Krakau), x8 haben ICttelsdrainnf und 139 sind niedere Lehranstalten. Friedr. 
▼. Zimmeraaer, Sektionsrat im k. k. Ackcrban-lCnisterium. Die Land- md Forstwirt- 
echafUi^en Sdinlcn in Österreich. Herausgcfeben Ton Esekattr-KenitC fOr die Ostcrr. 
landwirtscb«iftHcS^ AassteUonf in Paris 1900. 

Handbach der Franenbewef nnf. UL TdL ZS 



— 178 — 
Es sind 3 Typen von Handelsschulen fQr Mädchen zu unter- 

a) die Mädchen • Fortbildungskurse mit 6—6 monatlicher 
Dauer und 6 — za ständigem Unterricht pro Woche; 

b) die z jährigen Mädchen-Handelsschulen mit 15 — aostOndigem 
Unterricht pro Woche; 

c) die zweiklassigen Mädchen-Handelsschulen mit 15—34 
Unterrichtstunden in der Woche. 

Seit 5 Jahren bestimmt ein von den meisten Handelsschulen 
acceptierter Normallehrplan folgende Disciplinen fQr den 
Unterricht an Mädchen-Handelsschulen: Kaufmännisches Rechnen» 
Handels- und Wechselkunde, Buchhaltung, Koirespondenz- und 
Komptoirarbeiten, Handelsgeographie, SchOnschreiben,Stenographie. 

Den firemdsprachlichen Unterricht hält Schmid, wenn ihm 
nicht mindestens a Jahre mit 4 Stunden wöchentlicher Unterrichts- 
zeit zugewendet werden, ftlr Zeitverschwendung, da die ftlr die 
Handelskorrespondenz notwendigen Kenntnisse bei geringerem 
Zeitausmass nicht erworben werden können. 

Ausser den Z4 Privat-Handelsschulen in Wien, welche die 
Mädchen mit ziemlich unzulänglichem Wissen in den Konkurrenz* 
kämpf entlassen, (die Komptoristinnen , Buchhalterinnen, 
Kassierinnen, Assecuranz- und Versichenmgsbeamtinnen, die 
Ladenmädchen etc. sind jammervoll bezahlt), haben in Osterreich 
auch die folgenden kommerziellen Lehranstalten Handelskiuse für 
Mädchen eingerichtet: 

Die Handels-Akademie in Prag (Damen-Abendkurs mit 
52 SchQlerinnen bei einer Frequenz von 570 männ- 
lichen Schülern.) 

Die Handels-Akademie in Aussig (mit z jährigem Handelskurs 
ftlr Mädchen, 33 SchQlerinnen unter 4Z7 männlichen.) 

Die Kommunale Handelsschule in BrOz (mit z jährigem 
HandelskiDTs ftlr Mädchen, 24 SchQlerinnen, Z50 männ- 
liche Schüler.) 

Die Städtische Handels-Akademie in Gablonz (mit i jährigem 
Handelskurs fQr Mädchen, GesamtschQlerzahl ao8.) 

Die Höhere Handelsschule in Königgrätz (mit i Fachkurse 
für Mädchen, Schülerzahl az5.) 

I) Anton Schmid. Die Reform auf dem Gebiet des kommerriellen Unterricht»* 
wetent in Otterreieh. Wien xgoa 



— 179 — 

Die deutsche höhere Handelsschule in Pilsen (mit einem 
Madchenkurs, 3z weiblidie imter 272 SchQlem.) 

Die städtische Handelslehranstalt in Teplitz (mit einem 
Fachkurs üQr Mädchen, 35 weibliche, 294 männliche 
Schaler.) 

Die deutsche Handels-Akademie in OlmQtz (mit einem 
2 klassigen Fachkurs fOr Mädchen, 44 weibliche unter 
309 Schalem.) 

Diese Anstalten werden entweder ganz oder teOweise vom 
Staate, vom JL4mde oder von den Kommunen erhalten, sind aber 
in der Rq;el nicht unentgeltlich zugänglich. 

In Prag hat der deutsche Frauen-Erwerbverein, in BrOnn der 
Frauenbildungs- und Erwerbverein Vesna Handelskurse für 
Mädchen eingerichtet 

Dass sich die Mädchen-Handelsschulen auf NiederOsterreich, 
Böhmen und Mähren beschränken, stimmt mit dem oben aber den 
Industrialismus Gresagten aberein« 



Seit die Dienstverhältnisse der Post- und Telegraphen- 
manipulantinnen (der in den Telephon-Centralen angestellten weib- 
lichen Personen) durch eine Verordnung des Handelsministers im 
Jahre 1898 geregelt wurden, massen alle Bewerberinnen um 
solche Stellen vor ihrer definitiven Anstellung den Post- und 
Telegraphenkurs absolvieren. Ztun Eintritt in denselben genUgt 
die Volksschulbildung. Diese Kurse werden nach Bedarf 
abgehalten, stehen seit 1898 unter staatlicher Leitung imd sind 
den Kandidatinnen unentgeltlich zugänglich. Der Unterricht 
zerfällt in einen theoretischen und praktischen Teil und umfasst 
die Lehre der Telegraphie, Reglement, (Geographie, Physik, 
Schaltungslehre und Apparatlehre. Er dauert ungefähr 3 Monate 
und muss vor der Einberufung in den Dienst absolviert werden. 
Nach der zweijährigen provisorischen Verwendung wird neben 
dem Dienst der Postkurs (Post, Geographie, Reglement) gemacht, 
der ebenfalls 3 Monate in Anspruch nimmt Froher mussten 
sich die Telegraphistinnen und Postbeamtinnen privatim und 
natürlich entgeltlich die oben genannten Kenntnisse aneignen, die 
Telephonistinnen wurden ohne dieselben acceptiert 

xa* 



— x8o — 

MerkwQrdigerweise bestanden in einigen Provinzstädten schon 
vor 1898 staatliche Kurse, welche die Post- und Telegraphen- 
Aspirantinnen vor ihrer dienstlichen Verwendung absolvieren 
inussten. 

• 

Ein trauriges Kapitel des weiblichen Bildungswesens in Oster- 
reich bilden die Hebammenschulen. Abgesehen von der geringen 
2^ahl derselben — sie verteilen sich auf die Stftdte BrOnn, 
Czemowitz, Klageniurt, Krakau, Laibach, Lemberg, Linz, Olmfltz, 
Prag, Salzburg, Triest, Wien, Zara — ist auch die sechsmonat- 
liche Dauer der Kurse ganz unzureichend, um den Gebarenden 
jene Garantien zu gewahren, welche sie in Anbetracht ihrer 
schmerzvollen und wichtigen Aufgabe zu verlangen wohl 
berechtigt waren. In diese Kurse werden Frauen aufgenommen, 
welche oft kaum Aber die notdürftigste Volksschulbildung ver- 
fügen, sie kommen aus Bevölkerungsschichten mit niedriger 
Lebenshaltung, fOr welche ReinlichkeitsbedOrfnisse unbegreiflicher 
Luxus sind. Nach sechsmonatlichem Aufenthalt in der Landes- 
hauptstadt kehren sie in ihr Milieu zurück und haben das, was 
sie von höherer Lebenshaltung gesehen imd geübt, bald wieder 



Für die Hebammenlehranstalten sind im Staatsvoranschlage 
Z26840 K. eingesetzt. In Wien werden jahrlich a Kurse ab- 
gehalten. Am Ende des Jahres 1898 zahlte man 1678 hier an- 
sässige Hebammen und 33 Wund- imd Geburts-Ärzte. Bei den 
554x4 Geburten dieses Jahres muas man wohl annehmen, dass 
die Mehrzahl der Gebarenden nicht Ärzte zur Hilfeleistung herbei- 
rufen konnten, sondern auf den Dienst der Hebammen angewiesen 
waren. An Wochenbettfieber erkrankten 227 Wöchnerinnen imd 
136 starben (0,229%). Wenn aus keinem andern, so ist wohl im 
Interesse der Mütter die endliche Zulassung der Frauen zu den 
medizinischen Fakultäten aufs wärmste zu b^;rtlssen. 



Das R. V. Schulgesetz des Jahres 1869 beschäftigt sich in 
den §§ 26 — 58 mit der Lehrerbildung, der Fortbildung und den 
Rechtsverhaltnissen der Lehrer (Lehrexinnen). 

Der Eintritt in eine Lehrerinnenbildungsanstalt hangt von 
dem Resultat einer Auihahmeprüfung ab, bei welcher sich die 
Aspirantinnen über die an den Bürgerschulen gelehrten 



— i8x — 

Disdpllnen und womöglich über musikalische Kenntnisse und 
Befähigung ausweisen mOssen. Der Bildungskurs ist auf die 
Dauer von 4 Jahren festgesetzt Es werden die folgenden Gegen- 
stande gelehrt: Religion» Pädagogik mit praktischen Übungen, 
Unterrichtssprache, Geographie, Geschichte, Arithmetik und geo- 
metrische Formenlehre, Natux^geschichte, Naturlehre, Schön- 
schreiben, Freihandzeichnen, Musik, weibliche Handarbeiten, 
Turnen; ausserdem sind die Zöglinge nach Möglichkeit mit der 
Organisation des Kindergartens bekannt zu machen. Als nicht 
obligate Gegenstände können andre lebende, namentlich fremde 
Sprachen gelehrt werden» (Bis zum Jahre 1874 war an der 
L k. Wiener Lehrerinnenbildungsanstalt der Unterricht in der 
französischen Sprache obligat, es wurden sogar bei der Auihahme- 
prQfung Voricenntnisse in dieser Sprache verlangt) 

Das Lehrziel in allen diesen Fächern ist ftlr Lehrer- und 
Lehrerinnenbüdungsanstalten gleich bemessen, in den ersteren 
kommt bei Geschichte noch vaterländische Verfiaissungslehre hinzu, 
statt Arithmetik und geometrischer Formenlehre Mathematik und 
geometrisches 2Ieichnen, wobei das Lehrziel für die männlichen 
Kandidaten Geübtheit in der Lösung von Konstruktions- 
au%aben vorschreibt, was von den Kandidatinnen nicht 
verlangt wird. Statt des Handarbeitsunterrichtes ist an der 
Lehrerbildungsanstalt Landwirtschaftslehre in den Lehrplan auf- 
genommen, Violin- und Orgelspiel sind obligate Gegenstände, 
während der Violinunterricht fbr die weiblichen Anstalten 
fakultativ ist, dagegen die Elindergartenprazis hier durchweg 
verlangt wird. 

Am Ende des vierten Jahrganges werden die Lehramtszöglinge 
unter dem Vorsitz eines Abgeordneten der Landesschulbehörde 
einer strengen PrOfung unterzogen und erlialten, wenn sie den 
vorschriftsmässigen Anforderungen entsprechen, ein Zeugnis der 
Reife, das sie zum Schuldienst in provisorischer Eigenschaft 
berechtigt Vor der definitiven Anstellung mOssen sie sich nach 
mindestens zweijähriger Praxis an einer Volksschule oder an einer 
mit dem 0£fentlichkeitsrechte ausgezeichneten Privatschule der 
LehrbefähigungsprQiung unterziehen, welche vor einer vom Minister 
ftlr Kultus und Unterricht ernannten Kommission stattfindet und in 
einen theoretischen und praktischen Teil zerfällt 

Die Lehrbefähigung für Bürgerschulen kann erst nach einer 
dreijährigen zufriedenstellenden Verwendung im Schuldienste und 
nach Ablegxmg einer besonderen PrOfung, welcher die Lehr- 



— x8a — 

be&higungsprQfung ftlr allgemeine Volksschulen voratisg^angen 
ist, erworböi werden. 

In Osterreich bestehen 63 staatliche Lehrerbüdungsanstalten, 
und zwar 16 für Lehrerinnen und 47 für Lehrer; in Niederöster« 
reich 2 Landeslehrerseminare und zwar in St Polten und Wiener 
Neustadt, je eine kommunale Lehrerinnenbildungsanstalt in Pilsen 
(Böhmen) und OlmOtz (Mahren) und ausserdem 20 private Lehrer- 
bildungs-Anstalten, wovon 16 ftlr die Ausbildung von Lehrerinnen 
und 4 für die von Lehrern bestimmt sind. Aber auch diese 
privaten Anstalten dOrfen nicht eigentlich als Greschaftsunter- 
nehmungen angesehen werden, obzwar sie in der Ktgd von den 
Zöglingen Schul- und Kostgeld erheben. Es sind konfessionelle 
Anstalten, während die öffentlichen Lehrer- und Lehrerinnen- 
Bildungsanstalten allen Bewerbern ohne Unterschied des Glaubens- 
bekenntnisses und Oberdies unen^eltlich zugänglich sind. Unter 
den z6 Privatlehrerinnen-Büdungsanstalten stehen 14 unter der 
Leitung von geistlichen Orden (den Schulschwestem, englischen 
Fräulein und Ursulinerinnen), 2 sind weltlich und bilden einen 
Bestandteil des k. k. Civil-Mädchen-Pensionats (für die Töchter 
von Staatsbeamten) und des k. L Offiziers-Töchter-Instituts. 
Beide Anstalten haben ihren Sitz in Wien, wo ausserdem noch 
eine staatliche, die k. k. Lehrerinnen-Büdungsanstalt und eine 
private, die Lehrerinnen-Büdungsanstalt der Ursulinerinnen, sich 
befindet 

Das Lehrpersonal dieser vier Anstalten zählt 67 weibliche und 
99 männliche Lehrkräfte, darunter 54 Direktoren imd Hauptlehrer 
und zwar 3 weibliche, 5z männliche; 38 Obungsschullehrer') und 
zwar 25 weibliche, 13 männliche; 73 sonstige Lehrkräfte, (Religions- 
lehrer, Handarbeitslehrerinnen, Lehrerinnen der französischen 
Sprache, Kindergärtnerinnen) und zwar 38 weibliche, 35 männ- 
liche. 

Im Jahre 1898 haben sich Z05 Lehrerinnen und 70 Lehrer der 
LehrbefUiigungsprQfung unterzogen, von diesen wurden zoo Lehre- 

>) Die k. k. LthrcrinaenUldanfsaiistalt ward« erOffiBct im Jahre 1869. 

Die PrivattehrcriBDen-AsetaU der Unoliaeriiinea erhielt das öffenUichkeitsrecht, d. h. 
das Recht staatsffltife Zenfniase aaBustdlea, im Jahre xStx. 

Das k. k. Qvil-lIIdcheBpensionat wurde z^ and das k. k. Ofi&siers-Toditer-Iiistitixt 
r775 Ton Kaiser Joaef IL, resp. tob Maxia Thereaia snr AnabildoBf tob ErxidierinBeB 
gefTfiadet. Die Lehrerfimenhildmigsanstaltwi an diesen Instituten wurden erst einife Jahrs 
nach dem Inslebentreten des R. V. Scbnlfesetses eingerichtet. 

*) Zu jeder Ldirerbildanfsanstait gehört eine allgemeine Volksschnle (Obuigssdinle), 
an wacher die T ifh*«-«^^«"'««*«*^?««»*'* hospitieren und ihre praktischen Obongen vor- 



- x83 - 

rinnen und 69 Lehrer approbiert; der LehrbefthigungsprQfiing 
für Borgerschulen unterzogen sich 25 Lehrerinnen« wovon 02 appro- 
biert wurden, und 47 Lehrer, von welchen 41 die LehrbefUi^gung 
DOr Borgerschulen erhielten. 

Dieses Verhältnis, das auf die Strebsamkeit der weiblichen 
Lehrerschaft Wiens ein ungOnstiges Licht zu werfen im Stande 
ist, wird dadurch hervorgerufen, dass man den weiblichen 
Examinanden viel rigoroser entgq^tritt, um die besser dotierten 
Lehrstellen den Lehrern vorzubehalten. Die Stellenbesetzung ist 
daf&r ein deutlicher Beweis. So gab es in Wien im 
Jahre 2898: 



90 "^S""^ 



Direktoren an BOrger- 








und Volksschulen • 


z 


weibL 


90 


Oberlehrer an Volks- 








schulen 


8 


» 


22a 


Borgerschullehrer . « 


z6z 


» 


539 


Volksschullehrer . . 


710 


m 


9^4 


Defin. Unterlehrer • . 


?54 


m 


256 


prov. Unterlehrer . . 


387 


w 


47Ö 



Es bedurfte emes langjährigen Kampfes der weiblichen Lehrer- 
schaft, um das ihnen durch das FL V. Schulgesetz in den 
§§ 48, 49 garantierte Recht zur Leitung von allgemeinen Volks- 
•und Borgerschulen durchzusetzen. 

Das stadtische Pädagogium, zum Zwecke der methodischen 
und wissenschaftlichen Fortbildung der Lehrer vom Gemeinderat 
der Stadt Wien im Oktober z868 eröffnet, enthält 4 Jahrgänge, 
von denen 2 methodisch-praktischen Übungen, 2 dem wissenschaft- 
lich-theoretischen Unterricht gewidmet sind. 

Es bietet zugleich eine angemessene Vorbereitung ftlr die 
BOrgerschulprOiung und ftlr* die PrOftihg in der firanzOsischen 
Sprache, welche in den Borgerschulen als nicht obligater Gegen- 
stand gelehrt wird. Das städtiche Pädagogiimi war uraprOng^ch 
nur den männlichen Lehrpersonen zugänglich. Direktor Friedrich 
Dittes setzte es im harten Kampfe mit der Gemeindeverwaltung 
durch, dass die Lehrerinnen als ^eichberechtigte Hörer am Unter- 
richte teilnehmen durften. Gegenwärtig Obersteigt die 2^ahl der 
weiblichen Hörer die der männlichen, wie auf Seite 172 und 173 
ersichtlich. Es ist den im städtischen Schuldienst stehenden Lehr- 
personen unentgeltlich zugänglich. Ausländer und solche Hörer, 
welche die Eignung fOr diesen Dienst nicht besitzen, sind zur 



- x84 - 

Zahlung eines Schulgeldes verpflichtet Für die Erhaltung dieser 
Unterrichtsstatte verausgabte die Gemeinde Wien im Jahre 1898 
so 675 iL 

IV. 

Das heisseste Streben der Frauenrechtlerinnen war in allen 
Landern« besonders am Anfange der Bewegung, auf die Er* 
öfbung der Mittel- imd Hochschulen gerichtet In Osterreich 
setzten diese Forderungen mit der GrQndung des Vereins ,,Minerva* 
ein, der in Prag im Jahre 1890 das erste Mädchen-Gymnasium 
mit czechischer Unterrichtssprache eröffnete. Im Jahre z888 er- 
folgte in Wien die GrQndung des Vereines fQr erweiterte Frauen^ 
bildung, und im Jahre 1892 die ErOfbung seiner gymnasialen 
Madchenschule.*)*. Im Herbste 1898 erOfbete das deutsche Madchen- 
lyceum in Prag eine gymnasiale Abteilung, ebenso wurden durch 
Frauenvereine in Krakau und Lemberg Madchengymnasien ins 
Leben gerufen. Da bereits zwei Fakultäten der österreichischen 
Universitäten vor dem Andränge der Frauen kapituliert haben, 
werden wohl auch die übrigen Universitätsstädte bald an die 
GrQndung von privaten Mädchengymnasien schreiten. 

Im Sommer-Semester erfolgten nach Verlautbarung einer 
Verordnung des Ministers fQr Kultus und Unterricht vom 
93, März Z897 f^^ ersten Einschreibungen weiblicher Hörer an 
den philosophischen Fakultäten der österreichischen Hochschulen. 
Nach der genannten Verordnung hat die Kandidatin behufs Zu- 
lassung zur Inscription nachzuweisen: a) die österreichische 
Staatsbürgerschaft, b) das zurückgelegte 18. Lebensjahr, c) die 
erfolgreiche Ablegung der Reifeprüfung an einem inländischen 
oder einem vom Minister für Kultus und Unterricht als ^eich- 
wertig erkannten ausländischen Staatsgymnasium. Die geltenden 
Vorschriften über Inscrq>tion, Immatrikulation, Frequenz von 
Vorlesungen und Befreiung vom Kollegiengeide, sowie die 
geltenden Disdplinarvorschriften haben auch hinsichtlich der 
Frauen als ordentliche Universitäts-Hörerinnen sinngemäss An- 
wendung zu finden. 

Am 3. September 1900 erschien nach neuerlichen Petitions- 
stOrmen des allgemeinen österreichischen Frauenvereins und einiger 



In den 6 Kliinm der fjnnnaaklen UlddieBeduile in Wien waren a Beginn dee 
Sdinljahres 1899/1900 zaS, am Ende des SchnUahret zsx Schttleiinnen eingeechrieben. Im 
Laufe der nenn Sdiuljahre, wihrend wdcher die gTnmasiale lltdcfaensdiale besteht, sind 
9ns ScbOleiinnen eingetreten, in die letzte Klasie gelangten 5S1 Ton diesen haben bisher die 
MataciatsprQlBng 37 abgelegt, 90 erhielten ein Zeagnis der Reife. 



- 185 - 

czechischer und polnischer Frauenverbindungen eine Vei'ordnting 
des Ministers fOr Kultus und Unterricht im Einvernehmen mit 
dem Ministerium des Innern, welche die Zulassimg der Frauen zu 
den medizinischen Studien imd zum Doktorate der gesamten 
Heilkunde betrifit Zur Immatrikulation an der medidnischen 
Fakultät müssen dieselben Bedingungen erfilllt sein, welche 
filr die Aufnahme in die philosophische Fakultät gelten. 

Eine zweite Verordnung desselben Datums betrifft in logischer 
Folge die Zulassung der Frauen zum pharmaceutischen Berufe. 
Die Berechtigung zur selbständigen Leitung einer öffentlichen 
Apotheke jedoch hängt, wenn auch alle in der Verordnung vor- 
geschriebenen Studienbedingungen erftült sind, von der besonderen 
Bewilligung des Ministeriums des Innern ab.O 

Im Frühjahre 2899 stellte Prof. Dr. Edmund Bernatzik an 
der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Wiener 
Universität den Antrag, das Unterrichtsministerium zu ersuchen, 
die juristischen Fakultäten dem weiblichen Geschlechte zu er- 
offnen. Der Antrag wurde genehmigt und der Antragsteller zur 



I) Hintifhtlich 4es Hochadralstndiamf der Fzmucn fcttta di« folfciidcn VcrofdmmgeB 
des Minuten flir Kultos und Unterricht: 

Die Minieteriel-Verordttttnr tob & Mai 1897. Nach derselben kann Fräsen aaf Antraf 
des Dooenten von dem Professors&^KoUegium der Besudi ^«»»*i— - Voriesonfen gestattet 



Die MUsterial-Verordnanr tob 9. Mlrz 1896 Zahl 1966 hereidinet die inUndischen 
Gymnasien, an welchen die 'privatim T orberei t eten liataraadinnett die RcifeprOfunc 

Die Ministerial-Verotd nun g vom 19. Mirs 1896 R. G. BL Nr. 45 gestattet die Nostri- 
Scation der von Fraaen im Auslände erwerbenen medisinischen DoklordiploaM. 

Die IGnisterial-Verordttttnr vom «3. Mirs 2897 Zahl 7x55 IL G. BL Nr. 84 betrifft die 
Znlassmif der Frauen als ordentliche oder ausserordentlidie Hörerinnen an den philo- 
sophischen Faktiltlten der k. k. UniTersitIten. 

Die Ministeriat>VerordnttBg Tom 3. September 2900, R. G. B. Nr. 249 betrift die Zn- 
laasvnf der Fraaen xu den medizinischen Stadien and zun Doktorate der gesamten 
HHlkttnde 

Die Ifinisterial-Verordnnng vom 3. September 29001 R. G. BL Nr. 290 betrift die 
Znlassang der Fraaen som pharmaeeutischen Bemfe. 

Die lotsten beiden Verordnangen sind im Einvemthmen mit dem Ministrrinm des 
l'*'?Tr'* getroffen. 

Die ministerieDe Verordnung Tom 25. April 2870 und vom 22. Februar 288B enthalten 
die Bestimmungen der philosophischen Rigorosen-Ordnung, welche durch die Verordnung 
vorn m^ UMn 1B91 auch fOr die ordentlidiea Hörerinnen der philosophischen Fakultiten 
Anwendung flnden. 

Der ICinisterial-Erlass vom 22. Dezember 2900« Zahl 34352« betreffend dieUldden- 
lyceen, enthlit auch die P rttfung s Vo rschriften fUr Kandidatinnen des Lehramtes an lUdchen- 
lyceen. Absotventinnen einer Mittelschule, einer LehrerinnenbQdungs-Anstalt oder eines 
llAdchenlyeeums mOssen 6 SeoMstcr als ordentliche oder ausserordentliche HAreriaaen an 
«iaer Univcrsitit (5 Semester an der phüoeophiscfaen Fakalttt) zugebracht und 
Vorlesungen Ober Pldagogik und ihre Unterrichtssprache besucht haben. 



— 186 — 

Ausarbeitung eines Gutachtens beauftragt In demselben erklflrt 
Prof. Bematrik die Eröffiiung der juristischen Fakultät als eine 
unvermeidliche Konsequenz der bereits vom Unterrichts-Ministerium 
vollzogenen Zulassung der Frauen zur MaturitätsprQfung und zur 
philosophischen Fakultät, (die Zulassung der Frauen zur medi- 
zinischen Fakultät erfolgte erst nach der Publikation dieses Gut- 
achtens.) Es widerlegt die g^^en das Studium der Frauen an der 
juristischen Fakultät vorgebrachten Einwände imd tritt auf Grund 
der thatsächlichen Verhältnisse mit Wärme auch fOr die Zulassung 
der Frauen zu den rechtsgelehrten Berufszweigen ein. Die 
Antwort des Unterrichts-Ministeriums steht noch aus» aber es 
imterliegt keinem Zweifel, dass auch hier infolge des einmal ein- 
geschlagenen Weges die Entscheidung zu Gunsten des weiblichen 
Geschlechtes ausfallen muss.^ 

Die nebenstehende Tabelle giebt einen Oberblick Ober den 
Stand der weiblichen Studierenden an den österreichischen 
Universitäten, soweit dieselben in den Katalogen separat aus- 
gewiesen oder durch private Mitteilungen eruiert werden 
konnten. 

Die Zahl der Hörerinnen ist nicht eben imponierend; es 
wäre jedoch ungerecht, aus dieser geringen 2^ahl ohne weiteres 
auf die Indolenz der weiblichen Bevölkerung von Osterreich zu 
schliessen. Wenn dieselbe, insbesondere die der deutschen 
Zunge, auch nicht zu dem geistig strebsamsten Teil der Frauen- 
weit gehört, so muss doch in Betracht gezogen werden, dass die 
Vorstudien sehr kostspielig und deshalb nur einem kleinen 
Frauenkreise zugänglich sind, dass aber gerade in diesem Kieise 
die Frauen durch Vorurteile in ihrer freien Entwicklung am 
meisten behindert und vielleicht infolge erblicher Belastung am 
wenigsten zu ernster geistiger Arbeit befähigt sind. Immerhin 
darf die geringe Frequenz einige Verwunderung erwecken. For 
Wien, wo die Lehrerinnen-Bildungsanstalten jährlich ca 150 junge 
Kandidatinnen entlassen, welche sich als Hospitantinnen an der 
philosophischen Fakultät inscribieren könnten, ist die kleine Zahl 
der Universitätshörerinnen betrübend. In Elrakau scheinen Lehr- 



T) Zwei StttdentiiiBcn, weiche nm Zulassnaf xa den VorietunfeB an der Wieser 
Hodiscfaule für Bodenknltur nacfafetudit betten, wurden eis HotpttantinBen an dieser 
Anstalt aufgenommen, und es wurde ihnen in einem ministeridlen Dekret die s]>isere 
Zulassunf als ausserordentliche Hörerinnen in Aussicht festeüL 

Das Professorenkonefium der Hochschule Air Bodenkultur hat sich fOr die Zulassunf 
weiblicher Hörer ansfesprochcn und eine diesbesttfliche Eingabe an das K. k. Unterrichts« 
ministerium ferichtei. 



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— x88 — 



amtskandidatinnen von diesem Rechte mehr Gebrauch zu machen, 
doch sind auch hier die Ziffern im Sinken begriffen. Das lang- 
same aber stete Anwachsen der Zahl der ordentlichen Hörerinnen 
dagegen ist ein erfreuliches Zeichen. Wie überall, kommt es 
auch hier weit mehr auf die Qualität als auf die Quantität an. 

Dem BedOrfnis der bürgerlichen Frauenwelt nach Erweitenmg 
ihrer Bildung suchten zwei Vereinigungen entgegenzukommen. 
Der im Jahre 2895 gegründete ,, Verein zur Abhaltung akademischer 
Vortrage filr Damen", dessen Kurse jedoch nur von der weib- 
lichen jeunesse dor6t besucht waren, da er, um seinen Bestand 
zu sichern, gezwimgen war, ein ziemlich hohes Schulgeld zu 
erheben. In der jüngst stattgehabten Generalversammlung wurde 
seine Auflösung beschlossen, was nicht gerade sehr zu bedauern 
ist, weil er mit seinen Kursen dem oberfUlchlich - schöngeistigen 
Treiben dieses Teiles der Wiener Frauenwelt vielleicht zu sehr 
Vorschub geleistet hat 

Im Sommer vorigen Jahres erfolgte die Gründung des 
„Athenaeums", eines Vereines filr Abhaltung von wissenschaft- 
lichen Lehrkursen fOr Frauen und Madchen, welcher durch die 
Vereinigung der Wiener Hochschuldozenten ins Leben gerufen 
wurde. Im Gegensatze zu der oben genannten „Damenakademie'', 
wie der Verein zur Abhaltung akademischer VoTprtUgt filr Damen 
kurzweg und sehr bezeichnend genannt wurde, hat das 
„Athenaeum" in seinen Vortrags-Cyden das Hauptgewicht auf 
die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer gelegt und, den 
Forderungen des praktischen Lebens folgend, auch Gesetzeskunde 
in sein Unterrichtsprogramm aufgenommen. 

Die Kurse waren im z. Semester zahlreich besucht Trotz 
dieses Erfolges ist es zweifelhaft, ob das Unternehmen einem 
wirklichen Bedürfhisse der Wiener Frauenwelt, der ja seit vier 
Jahren die Universitatsvorlesungen zuganglich sind, entspricht 
Für den Besuch des Athenaeums kommen nur solche weU>liche 
Personen in Betracht, welche fbr die Hochschule nicht die 
erforderlichen Bedingungen zur Einschreibung nachzuweisen ver- 
mögen, oder welche nur einen bis zwei Abende wöchentlich ihrer 
Fortbildung widmen können oder wollen.') Für diesen Zweck 



>) Im X. Semester warden ag Kirne mit 9^ Hörerinnen (effekthr 544 Penonen, «U 
maacfae mehrere KnrM belegt betten); im a. Semester (Sonmcnemester 1901) wurden nnr 
6 Korse mit 248 Hörerinnen abfduJten. 

^ Die Hospitastinnen in der UniTcrsitlt mflasen mindestens » Standen wOcfaentHcfa 



- x89 - 

aber genügen die i^VolkstQznlichen UniversiULtsvortrage*, eine 
ausserordentlich segensreiche Schöpfung derselben Vereinigung 
der Hochschuldozenten, die im Jahre 2895 geschaffen, sich einer 
inuner steigenden Frequenz und Verbreitung über das ganze 
Reich erfreuen. Der Anteil der Frauen an den Kursen beträgt 
seit der Gründung 1895 ^^ ^898 nach einem statistischen Aus- 
weise 283V». 

Das Programm ist ausserordentlich reichhaltig, jeder Kurs 
dauert 6 Wochen und sucht in ein* bis zweistündigen Vortragen 
einen abgeschlossenen Abschnitt aus einem Wissensgebiet zu ver- 
mitteln, der in der zweiten, dritten und vierten Vortragsserie von 
den Hörern der ersten erweitert werden kann. Für je einen 
Vortragscydus ist eine Krone Einschreibgebühr zu zahlen. Diese 
Volkstümlichen Universitatsvortrage haben vor den beiden früher 
genannten Veranstaltungen noch den Vorzug, dass sie beiden 
Geschlechtem gleichmassig zugang^ch sind, wodurch von vom« 
herdn die Gefahr ausgeschlossen ist, dass die Darbietungen dem 
Geschmack der ,,Damenwelt* angepasst werden. Leider bieten 
seit der Zulassung der Frauen manche Hörsäle an der philo- 
sophischen Fakultät in Wien den unerquicklichen Anblick einer 
Schule der Pr^deuses und verldden sdbst aufrichtigen Bekennem 
der Frauenbewegimg die bisher geübte Vertretung dersdben. 
Doch wird auch hier die Zdt Wandel schaffen und die Spreu 
vom Weizen sondern, denn jede Neuerung zieht ausser den an- 
passungsßLhigen auch ungedgnete Elemente an, die nach und 
nach als nicht assimilierbar wieder abgestossen werden und die 
organische Entwicklung nicht wdter stören. 

Zu den Bildungsgelegenhdten, wdche auch den Frauen zu- 
ganglich sind, gehören noch die unentgdtlichen Vortrage, Konzerte 
und Redtationen, wdche der „Volksbildungsverein'' vom Oktober 
bis März an den Nachmittagen der Sonn- und Fdertage in Wien 
veranstaltet und welche den Zweck haben, den Teilnehmern 
geistige und ästhetische Anregungen zu vermitteln, um sie dem 
verrohenden Einfluss des Biertisches zu entziehen und für feinere 
Genüsse zu gewinnen. >) Ausserdem hat der Volksbildungsverein, 
sowie der Verein „Central-Bibliothek'^ in fast allen Bezirken Wiens 
Volksbibliotheken gegründet, wdche unter ihren Entlehnem zahl- 
rdche Frauen ausweisen. 



>) Ajif Aarefimf des «OfcmciDai Mtoreidiischca Frmne n Ter eia i Bahai dar Volksb. 
Verdn im Februar xpot in aciB Programm einea Vortrafscyklua Ober die Franenfrafe aufl 
Die Vortrife wurden tob Fraoea gehalten. 



— igo — 

Die gleicben Zieie« wie diese beiden Wiener Ox{[aniftationen, 
deren GrQnder und eifrige Förderer vorwiegend Hochschullelirer 
sind, verfolgen ,,der allgemeine niederOsterrdchische Volks- 
bildungsverein,'' „Der Deutsche Verein zur Verbreitung gemein- 
nfltziger Kenntnisse' in Prag, j^Der Deutschmahrische Volks- 
bildungsverein'' und der ,, Obersteierische Volksbildungsverein.* 

Der Wiener Volksbildungsverein hat unter seinen 4000 Mit* 
gliedern Aber zooo Frauen und unter den Frequenten der Volks- 
bibliotheken gehört ca. die Hälfte dem weiblichen Geschlechte an. 
Auch die zwei grossen und berühmten wissenschaftlichen Biblio- 
theken, die Hof-Bibliothek und die Universitats-Bibliothek mit 
ihren Lesesälen sind dem weiblichen Geschlechte unentgeltlich 
zugänglich und setzen die Frauen, soweit es ihre Vorbildung 
ermöglicht, in den Stand, sich aus den in diesen Btlchereien 
aufgestapelten ^^Hssens- und Weisheitsschatzen geistige Anregung, 
Erholtmg und Erhebung zu verschaffen.') 

Wenn den Frauen in Österreich die Bildungsmöglichkeiten 
auch noch nicht uneingeschränkt zur Verfügung stehen, so sind 
sie doch auf dem besten Wege zur vollen Gleichberechtigung auf 
diesem Gebiete. Ihre Aufgabe wird es dann sein, zu zeigen, was 
sie, im Besitze derselben Schulbildung wie die MAnner, zu leisten 
vermögen. Bisher waren alle ihre Bemühungen darauf gerichtet, sich 
jene Unterrichtsstatten zu erobern, welche bis in die neueste Zat 
das Reservat des mannlichen Geschlechtes darstellten. 

In dem Kampfe um dieselben wurden jene BUdungsquellen 
fast veif;essen, die Natur und Leben in so reicher Fülle bieten und 
die allein im Stande sind, unser formales Wissen in reale Kräfte 
umzusetzen, uns vor Verknöcherung, vor totem Formalismiu zu 
bewahren« 

Mögen die Frauen die formalen geistigen Waffen dazu ver- 
wenden, mit ihren ursprünglichen, noch unverbrauchten 
intellektuellen Kräften eine Reorganisierung des ganzen Bildungs- 
wesens herbeizuftihren. Sie werden dann den mühseligen Bildungs- 
gang, welchen imser den Forderungen der Gegenwart nicht mehr 
angepasstes, stark in Versteinerung begriffenes Schulsystem verlangt, 
nicht vergebens zurückgelegt haben. 

>) Lddcr werden die weiblichen Beracfacr der Unhrereittta-BibliothdL nsdit 
besonder! ausgewieten. nadi Angabe eines Beamten b e nuue n ttfUch «s—^d Frauen 



Der5tand der Frauenbildun^ in Ungarn. 

Von RoBika Sehwlmmer. 



!^o wie das ganze kulturelle Leben Ungarns erst seit der 
segensreichen Friedensepoche zu eigentlicher BlOte gelangen 
konnte« datiert die Entwicklung des Frauenbildungswesens auch 
erst seit dieser Zeit Speziell dem letzten Jahrzehnt war es vor- 
behalten* den Stand der ungarischen FrauenbOdung auf europaisches 
Niveau zu heben. Wenn auch die Ungarin rechtlich ihren west- 
lichen Schwestern seit Jahrhunderten in vielen Dingen überlegen 
ist, blieb ihr Bildungsstand auf sehr niedriger Stufe. Es fand sich 
niemand, ihn zu heben. Die Frauen kümmerten sich nicht darum, 
und die Idanner hatten keine Zdt daf&r, mussten sie doch stets 
auf eine oder die andere Art fbr ihre Freiheit und Unabhängigkeit 
kämpfen. Nach Wiederherstellung der ungarischen Verfassung 
erwachten die Frauen auch zu dem Bewusstsein, dass ihre bis 
dahin ganz primitive Schulbildung nicht ausreichend sei, und auf 
Anrq;ung von Frau Hermine von Benitzky-Veres kon- 
stituierte sich der heute blühende Frauenbildungsverein, dessen 
Aufgabe es lange Zeit war, alle nötigen Reformen anzuregen. 

Wie die nachfolgenden Daten beweisen, giebt es noch immer 
viel zu regeln; sicher aber ist, dass sich unsere Schul Verhältnisse 
jenen westlicher Kulturstaaten würdig zur Seite stellen können. 
Wenn die Stellung, welche die Lehrer eines Landes einnehmen, 
ein Massstab für die Intelligenz eines Volkes ist, so stellt sich 
Ungarn ein glänzendes 2^gnis aus, mit dem steten Bestreben, 
das materielle wie das geistige Niveau der Lehrerschaft zu heben. 
Ehe wir die einschlägigen Verhältnisse betrachten, sei erwähnt, 
dass alle angefahrten Zahlen der Statbtik vom Schuljahr 
Z899/1900 entnommen sind, da eine jüngere Statistik noch nicht 
zur Verfbgung steht, femer, dass sie sich nur auf Ungarn und 
nicht auf die gesamten Länder der ungarischen Krone bezieht 

Der Schulzwang herrscht in Ungarn gleicherweise für Kinder 
beiderlei Geschlechts bis zum 15. Jahre. Vor dem Schulbesuch 
sind die Kinder im Alter von 3 — 5 Jahren Kindergarten -pflichtig, 



— zga — 

eine Pflicht, der aber Kinder, die unter elterlicher Aufsicht stehen« 
entzogen werden können. Von z 049 527 kindergartenpflichtigen 
Kleinen (hiervon 522457 Mädchen) sind 271430 nicht unter 
Familienaufsicht (hiervon 134832 Mädchen), aber nur 224x23 
(82,58 */•» darunter 1x72x8 Mädchen) besuchen Kindergärten. Im 
ganzen gab es 2570 Kinderbewahranstalten, die sich folgender- 
massen verteilten: X342 regelrechte Kindergärten mit X42048 
Kindern, 236 ständige Kinderasyle mit X9573 Kindern und 
992 Sommerasyle, mit 62502 SchOtzlingen. X03X3 Mädchen mehr 
als Knaben besuchten die Kindergärten. Der Staat erhielt ganz 
oder teilweise 557, die (Gemeinden x 469 Kinderbewahranstalten, 
während die flbrigen Anstalten unter konfessioneller und privater 
Leitung standen. An den 2570 Anstalten waren 2656 Lehxlaräfte 
— unter ihnen nur 7X Männer — angestellt Die Hast aus- 
schliesslich weiblichen Lehrkräfte fOr die Kindergärten werden in 
eigenen Präparandin ausgebildet; es herrschte ein so grosser An- 
drang zu diesem Beruf, dass einige Institute geschlossen werden 
mussten, so dass gegen X2 derartige Präparandien mit xox Lehr- 
kräften und 65X Schülerinnen im Jahre X898, in X899 nur 
XI Präparandien mit 80 Lehrkräften und 6x6 SchQlerinnen und in 
X900 schliesslich nur xo Präparandien mit 62 Lehrkräften imd 
562 SchQlerinnen erhalten wurden. Eine fernere Verminderung 
dieser Präparandien steht bevor, da die Zahl der Absolventen in 
gar zu grossem Missverhältnis zu den neu zu errichtenden Kinder- 
gärten steht. So wurden im Jahre 1900 nur 79 Kinderbewahr- 
anstalten errichtet, während 3XX Elindergärtnerinnen diplomiert 
wurden. Die Präparandien tmifassen zwei Jahrgänge, deren Ab- 
solvierung nach Ablegxmg einer Di£ferenzialprQfung zur Aufnahme 
in die dritte Klasse der Lehrerinpräparandie berechtigt 

Der allgemeine Schulzwang verpflichtet die Kinder bis zum 
zwölften Jahre zum täglichen Schulbesuch und vom X2. bis 
15. Jahre zum Besuch einer Wiederholimgsschule. Dem Gesetze 
nach soUte die regelmässige Elementarschule 6 Jahrgänge, die 
Wiederholungsschule 2 imifassen. Doch finden wir derzeit noch 
sehr viele vierklassige Elementarschulen, die jedoch allmählich 
ausgebaut werden. In Städten und Gemeinden, wo Bürgerschulen 
bestehen, bleiben auch fernerhin nur vierklassige Elementarschulen. 
Der Unterricht umfasst: Religion und Sittenlehre, Rechnen, 
Geographie, Geometrie, Geschichte, Bürgerkunde, Naturgeschichte, 
Physik, Landwirtschaft imd Gartenwesen, Turnen, Singen, 
Zeichnen; Ungarische Sprache: Sprach- und Verstandesübimg, 



— 193 — 

Lesen und Grammatik. In den zwei Jahrgängen der 
Fortbildung^ oder Wiederholungsschulen werden folgende Gegen- 
stände praktisch und theoretisch gelehrt: Religion und Sitten- 
lehre, fliessendes Lesen und Erörterung des Gelesenen, Schreiben, 
Aufsatz, Rechnen, Geometrie, theoretische und praktische TAHrt- 
Schaftslehre, Handarbeit 

Der Lehrplan der 8 Jahrgange ist DOr Ifädchen und Knaben 
gleich, nur wird bei den Knaben statt des Handarbeitsimterrichtes 
mehr geturnt und gezeichnet Neuestens verbreitet sich aber das 
SlOydsystem sehr, so dass sich die Gleichheit auch in dieser 
Beziehung nflhert Der Unterricht imifasst für die Schüler 
wöchentlich 90—35 Stunden. Jede Woche bleiben zwei Tage 
frei, die entweder auf zwei ganze oder z ganzen und 2 halbe 
entfallen. 

In einem bedeutenden Teil der Elementarschulen — genaue 
Statistik hierüber giebt es nicht ^ herrscht gemeinsamer Unter- 
richt, der dort stattfindet, wo die Schulräume und die Anzahl 
der Lehrkräfte eine Trennung nicht gestatten. In Schulen mit 
zwei Lehricrftften unterrichtet die eine die L und IL gemischte 
Klasse (Knaben und MAdchen), die zweite die IIL, IV., V. und VL 
gemischte Ellasse. Bei vier Lehrern versieht einer den Unterricht 
der L gemischten, der zweite den der IL gemischten, der dritte 
den der IIL gemischten und der vierte den der IV., V. imd 
VL gemischten Klasse; nur wenn diese Einteilung ganz unmöglich 
wäre, ist es gestattet, dass der erste Lehrer dieL und IL Knaben- 
klasse, der zweite die L und IL M&dchenklasse, der dritte die 
nL gemischte Klasse und der vierte die IV., V. und VL gemischte 
Klasse unterrichte, oder wenn dies auch nicht durchftlhrbar, der 
dritte Lehrer die IIL, IV., V. und VL Knaben-, und der vierte die 
vier letzten Mädchenklassen unterrichte. Laut ministerieller Ver- 
ordnung ist diese Einteilung als am wenigsten Lehrerfolg ver- 
sprechend thunlichst zu vermeiden. Wenn diese VerfiQgung den 
gemeinsamen Unterricht auch scheinbar vorzieht, ist das allge- 
meine Bestreben nach Di£ferenzierung doch vorhanden, ja es 
wird durch Neubauten so viel als möglich fbr die Trennung nach 
dem Geschlecht der Schüler gethan. In den unteren Knaben- 
klassen werden auch weibliche Lehrkräfte verwendet; man ist mit 
den Erfolgen ihrer Thätigkeit auch da sehr zufrieden. 

Gewissermassen eine Fortsetzung der Schule sollen die 
irJugendvereine'' bilden, deren Gründung der hochgesinnte Leiter 
des ungarischen U^terrichtswesens, Dr. Julius Wlassics, in 

Handbuch der Fraaenbewef «ng. UL TcO. X3 



— 194 — 

einer soeben veröffentlichten Verordnung veranlasst Zweck der 
Vereine ist, die die Schule verlassende Jugend zu geistiger 
Thatigkeit weiter anzuregen. Mitglied kann jedes 15 jährige, des 
Schreibens und Lesens kundige Kind werden und bis zum voll- 
endeten 21. Lebensjahre bleiben. Dem sehr einfachen Entwurf 
der Vereine zufolge wflren in den Staatsschulen ausser der Unter- 
richtszeit Zusammenkaufte zu veranstalten, welche den "Winter 
Aber zweimal wöchentlich, dann — mit Ausnahme von Juni bis 
September — jeden Sonntag abzuhalten wären. Lehrer und 
Lehrerinnen sollen an der Spitze der Vereine stehen und für die 
geistige Anregung durch gehaltvolle Vorträge, GrOndung von 
Jugendliedertafeln, Bibliotheken etc. sorgen. Erörterungen poli- 
tischer oder konfessioneller Natur, wie auch alle Arten GlQcks- 
spiele und das Verabreichen geistiger Getränke sind streng ver- 
boten. Diese Vereine werden fflr Mädchen und Knaben getrennt 
errichtet Es dOrfte überflOssig sein, die kulturelle Tragweite 
dieser Neuorganisation näher zu erörtern. 

In bezug auf den Schulzwang sei angeführt, dass im Jahre Z900 
in Ungarn 2 936 750 schulpflichtige Kinder (hiervon 6^12 jährig: 
203x899 Knaben und 10x3491 Mädchen; zusammen 9045320; 
X3 — X5 jährige: 460090 Knaben und 43x340 Mädchen, zusanunen 
891 430} gezählt wurden, von denen 9045320 zu täglichem Schul- 
besuch, die Qbrigen (89x430} zum Besuch der Wiederfaolungs- 
schulen verpflichtet waren. Von ersteren gingen x 769 349 
(86,16 V») in die Schule, von den letzteren hingegen nur 618524 
(69,39 V«)- Von den Schulpflichtigen besuchten 38 658 (darunter 
225 Mädchen) Mittelschulen. Die Gesamtfrequenz der Volks- 
schulen ergiebt: x 723 265 (84,25 */#) Schaler der ordentlichen 
Elementarschule, 506862 (56,86*/*) der allgemeinen und land- 
wirtschaftlichen Wiederfaolungsschulen, 64x60 (7.2 Vt) der 
Gewerbelehrlings- und unteren Handelsschule, 44973 (hiervon 
2785 über dem schulpflichtigen Alter) der BOrgenchule und 
590X (darunter X239 Ober dem schulpflichtigen Alter) der 
höheren Töchterschule. Von den bestehenden X7048 Volks- 
schulen waren X6725 Elementar- (hiervon X2X69 (72,76*/«) un- 
geteilte, mit einer Lehrkraft), 27 höhere Volks- und 296 Box^ger- 
schulen. 

An den gesamten Volksschulen waren 26365 Lehrer und 
5986 Lehrerinnen beschäftigt, so dass auf it> Schulen durch- 
schnittlich x6 Lehrer, auf eine Lehrkraft 72 Schaler kommen. 
NatOrlich ist die Frequenz sehr verschieden. Die Lehrerinnen, 



— 195 — 

obgleich an Vorbildung und Gehalt den Männern gleichgestellt, 
werden nicht zu Direktoren ernannt Es giebt wohl noch einige, 
die froher zu Schulleiterinnen bestellt wurden, seit geraumer Zeit 
aber werden Frauen in den Elementarschulen nicht mehr mit der 
Leitung betraut Ab Lehrer stehen sich aber Manner und 
Frauen in Rechten und Pflichten vollständig gleich gegenober. 
Das Minimalgrundgehalt der Elementarschullehrer ist xooo Kronen, 
mit Wohnungs- und in grossen Städten entsprechender 
Teuerungszulage. Das Grundgehalt betrug in den staatlichen 
Schulen durchschnittlich 1335 Kronen, in den Kommunalschulen 
1680 Kronen. In den konfessionellen Schulen lassen die Zustände 
manches zu wOnschen Obrig, was um so bedauerlicher ist, als sie 
den weitaus grOssten Teil der Volksschulen ausmachen. Von 
den Z704S waren 1^31 (9»57V*) staatliche, Z774 (1040*/«) kom- 
munale, 13357 (78,35 Vt) konfessionelle, 197 (1,16 */#) Privat- 
und 89 (0,52*/*) .Vereinsschulen. Laut dem vom Landtag gut- 
geheissenen Programm des Unterrichtsministers werden zur 
Deckung des dringendsten BedOrfiiisses innerhalb 5 Jahren xooo 
staatliche Elementarschulen errichtet und ca. 3000 Lehrstellen 
systemisiert Die staatlichen Elementarschulen unterstehen einem 
Kuratorium, das aus 3 bis sx Mitgliedern besteht Obwohl 
das Gesetz Frauen nicht direkt ausschliesst, werden sie doch 
nicht zu Kuratoren .gewählt Es kann hier der ungarischen 
Frauenwelt der Vorwurf nicht erspart werden, dass sie sich nicht 
einmal solcher leicht erreichbaren Rechte bemächtigt Die 
liberale und -einsichtsvolle WOrdigung, die Unterrichtsminister 
Wlassics der Frauenarbeit stets zu teil werden lässt, macht es 
wahrscheinlich, dass er die Forderung, Frauen zu Schulräten zu 
wählen, nicht unberOcksichtigt lassen wOrde. Es fehlt aber an 
einem geeigneten Forum, solche Forderungen zu erheben; haben 
wir doch keine organisierte Frauenbewegung. Die Lehrerinnen 
ungeteilter Schulen und die Schuldirektorinnen sind jedoch von 
Amtswegen Mitglieder, ProtokoUfllhrer und Referenten des Kura- 
toriums. Dasselbe trägt fOr die materiellen Verhältnisse der 
Schule die Verantwortung, hat aber auf den Unterricht keinerlei 
Einfluss. Diesen Oben die Schulinspektoren aus. FOr jedes 
Komitat und jede grossere Stadt ist ein solcher Beamter an- 
gestellt Sie haben ftlr die strenge DurchfOhrung der bezOglichen 
Gesetze zu sorgen, schlagen nötige Lehrerstellen-Systemisierungen 
vor und liefern dem Ministerium alle auf die Schulverhältnisse 
bezO^chen Berichte. 

13* 



- 196 - 





Zu- 
sammen 


Ihre Studien setzten 




Borger" 
•cholca 


Ifittd- 
tdiulca 


HAbere 

Hudcb- 

scbnkn 


X«tbrer^ 

prtp^ 

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lUdettai- 
mIibIcb 


Knaben- 














schulen 
Mftdchen- 


4x05 

ZOO,00 


686 
x6,7X 


z88 
4.58 


994 

24,33 


X2^ 


155 

3.78 


schulen 


5x68 

xoooo 


9» 
x.78 


193 


371 

Sa4 


989 

I9.X4 


— 


•/o 


9*73 
xoooo 


778 
8^ 


3X0 

3^ 


1365 
13*4 


X5IO 

x6^ 


155 

167 



Ehe wir auf die höheren Lehranstalten übergehen« mOssen 
wir noch der landwirtschaftlichen Wiederholungsschulen gedenken, 
die im Jahre X897/1898 ins Leben gerufen wurden. Sie verfolgen 
den Zweck, die Schüler auf das praktische Leben vorzubereiten 
und erfireuen sich der grOssten Förderung sowohl seitens der 
Bevölkerung wie auch der Schulerhalter. 

Im Jahr 1900 bestanden 1639 solche Schulen mit X96 000 Schülern 
(Knaben imd Madchen). Für die Madchen ist der Lehrstoff so 
eingeteilt, dass er sie auf den zukünftigen Beruf der Hausfrau 
bestens vorbereite. So lernen sie besonders Küchengärtnerei, 
Geflügelzucht, Tierpflege, weibliche Handarbeit, Wirtschaftsführung 
und ii^gend einen Zweig der Hausindustrie. Augenblicklich werden 
in 4—8 wöchentlichen Kursen Lehrerinnen für die wirtschaftlichen 
Wiederholungsschulen ausgebildet Der Bajaer Obstkulturverein 
ist soeben daran, eine Gärtnerinnenschule zu errichten, um Gärtne* 
rinnen mit Fachbildung zu erziehen. 

Im Jahre X900 hatten wir 996 Bürgerschulen, von diesen waren 
XXI Knabenschulen (hiervon 56 staatlich, 39 kommunal, 8 kon- 
fessionell und 8 privat), mit 18573 Schülern imd 846 männlichen 
und 31 weiblichen Lehrkräften in den VI Klassen, und X85 Mädchen- 
bürgerschulen (hiervon 47 staatliche, 48 kommunale, 69 kon- 
fessionelle, 15 Privat- und 6 Vereinsschulen) mit 35 360 Schülerinnen, 
390 männlichen und 975 weiblichen Lehrkräften, während von den 
37 höheren Volksschulen die 8 Elnabenschulen 4x8 Schüler und 
30 Lehrkräfte (39 Männer, x Frau), die X9 Mädchenschulen aber 
883 Schülerinnen imd 86Lehricräfte (33 Männer, 53 Frauen) aufweisen. 



— 197 — 



fort in: 


SelbstAndig wurden 


Uiebca 


Ga- 

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GcWCflM" 

schnlcB 


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Fadi- 

tchnlcB 


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Beamte 




z8o 
4^ 

999 
4^3 


Z40 
34z 

338O 
6.54 


1% 
4.51 

X4 
097 


15« 

3.70 

99 
<M3 


444 
ZO,89 

39 
0.75 


136 
3.3z 

«537 
49.79 


Z 
0,09 

z 
0,09 


333 
737 

478 
9« 


409 
441 


478 
5.X6 


Z99 

9,Z5 


Z74 
Z.88 


493 
5.ax 


9709 
99,91 


9 
0,09 


80z 
8,64 



Die Oberzahl der weiblichen Schaler rOhrt daher, dass diese 
Schulen dem Gros der Töchter des mittleren Standes die Durch- 
schnittsbildung geben und zum Obertritt in die verschiedenen 
Fachschulen vorbereiten. Die Statistik der Beru&wahl der 
Absolvierten dieser Schulen ergiebt obenstehende Tabelle. 

Lehrgegenstande sind: Religion, Ungarische Sprache und 
Litteratur, Deutsche Sprache und Litteratur, Geschichte, Geographie, 
Verfassungskunde, Geometrie, Rechnen, Naturgeschichte, Physik, 
Gesundheitslehre, Wirtschaftslehre, Chemie, Gesang, Schönschreiben, 
Zeichnen, Handarbeit und Turnen. Dieselben Gegenstände, durch 

Sprache und Litteratur, Englisch, praktische Haus- 
und Pädagogik erweitert, werden an den höheren 
Töchterschulen, die sechs Jahrgänge umfassen, vorgetragen. Die 
Zahl dieser Anstalten (15 staatliche, a kommunale, 9 konfessionelle 
und z private » zusanunen 27) ist entschieden ungenOgend, was 
auch der Unterrichtsminister in seinem dem Parlamente vorgelegten 
Bericht anerkennt, indem er betont, dass die geringe Frequenz- 
steigerung (4909 Schfllerinnen gegen 4859 des vorhergehenden 
Jahres) nur dem beschränkten Raum der höheren Mädchenschulen 
zuzuschreiben sei Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass 
der Mädchenschule nicht die nötige Aufinerksamkeit geschenkt 
wird. Auch bei der diesjährigen Beratung des Budgets desKultus- 
und Unterrichtsministeriums im Finanzausschuss des Parlaments 
erhoben sich Stimmen im Interesse dieser Anstalten und stellte 



>) Voa diaaaa beabalffartftaa 33 die hobara TOdMaradiala und 5 dia Kiadarbawafara- 
Pripaiaadia n baaacbaa 



- 198 - 

Unterrichtsminister Wlassics die Errichtung weiterer staatlicher 
Töchterschulen in Aussicht Nur materielle GrOnde verhindern 
unseren Unterrichtsminister, sowohl fOr die Knaben- wie auch 
fOr die Madchenbfldung das bestmögliche zu leisten. 

Der Lehrstoff der höheren Töchterschulen bildet ein einheit- 
liches Ganzes mit dem ausgesprochenen Zweck, den Schülerinnen 
eine gründliche allgemeine Bildimg zu bieten. Grosses Gewicht 
wird auf die ungarische Litteratur und Geschichte gelegt; von der 
L Klasse ab wird Deutsch imd von der IL Klasse ab auch 
Französisch tmterrichtet Mit Rücksicht auf solche, die ihre 
Studien mit der IV. Klasse beenden wollen (der Lehrstoff ent- 
spricht bis dahin so ziemlich dem beendeten Stoff der Bürger- 
schulen) wird schon in dieser Klasse Wirtschaftslehre vorgetragen 
und ist auch laut dem im Juni 1901 herausgegebenen neuen Lehr- 
plan die Möglichkeit geboten, Hauswirtschafcsarbeiten praktisch zu 
erlernen. Obwohl diese Schulen nicht den Zweck haben, zu 
irgend einem höheren Studium vorzubereiten, ist der Lehrplan 
doch so angelegt, dass die Absolvierten der VL Klasse ohne 
weiteres in die IH Klasse der Lehrerinnenpräparandie übergehen 
können oder nach Ablq^g einer Ergänzungsprüfung an den Hoch- 
schulen Aufnahmen finden. 

Von einem gemeinsamen Unterricht in den IiCttelschulen ist 
absolut keine Rede, im Gegenteil: selbst die Schulgebaude der 
Schüler verschiedenen Geschlechts dürfen nicht in grosser Nähe 
von einander sein. Das lebhafte Temperament der Ungarn lässt 
bei den unreifen Jünglingen und Mäddien Vorsicht geboten sein, 
wenn auch bei dem wieder ziisammmBchlifftsenden Unterricht 
in den Hochschulen keinerlei Unstatthaftigkeiten konstatiert 
werden. 

An den höheren Töchterschulen sind 137 männliche imd 
248 weibliche Lehrkräfte beschäftigt, deren Gehalt sich bei gleicher 
Qualifikation gleichstellt Derzeit giebt es aber noch wenige Mittel- 
schulprofessorinnen, da ja die Universität, an der die Professoren- 
Qualifikation zu holen ist, den Frauen erst seit wenigen Jahren 
zugänglich ist Die Professoren und Professorinnen haben ein 
Anfangsgrundgehalt von 2400 K^ die an den höheren Töchterschulen 
wirkenden Lehrerinnen jedoch nur wie ihre Kollq;innen der Ele- 
mentarschule, 1000 K. 

Die Leitung der höheren Töchterschulen, speziell die der staat- 
lichen, liegt grösstenteils in Frauenhänden, imd die Direktorinnen, 
bei deren Wahl die persönliche Eignung gewichtig in die 



— 199 — 

Wagschale fällt« werden ohne Rücksicht auf den eventu- 
ellen Unterschied in der Vorbildung genau so besoldet wie die 
Direktoren. 

Zum Besuch der Universität bereiten Mädchengynmasien vor. 
Das erste wiurde vom Frauenbildungsverein im September 1896 
eröffiiet und weicht im Lehrplan von den Elnabengymnasien nur 
durch die Art und Weise der Einteilimg imd Verarbeitung des 
Lehrstoffes ab. Die Abweichungen zielen nur darauf hin, den 
Zeitpunkt der Beruüswahl für Mädchen hinauszuschiebent tmd 
teilen den Lehrstoff daher so, dass die vier unteren Klassen des 
Madchengymnasiums den bestehenden höheren Töchterschulen ent- 
sprechen und erst von der V. Klasse ab der Lehrplan der 
Knabengymnasien eingeholt wird Laut dem Originallehrplan 
dieses Madchengymnasiums sind, mit dem Knabengymnasium ver- 
glichen, folgende Abweichungen vorhanden: i. Im Madchen- 
gymnasium beginnt der Unterricht in der lateinischen Sprache erst 
in der f&nften Klasse. In dieser Beziehung folgt das Mädchen- 
gymnasium neben hervorragenden ausländischen Mustern auch 
dem Beispiele des lateinsprachlichen Lehrganges der heimischen 
Realschulen. Von letzteren unterscheidet es sich indessen gQnstig 
durch die bei weitem grössere Stundenzahl des lateinischen Unter- 
richts, a. In allen vier unteren Klassen tritt — mit beschränkter 
Stundenzahl — eine moderne fremde Sprache, nämlich die deutsche 
ein. 3. Da in dem ganzen Lehrgange des Mädchengymnasiums 
der Unterricht in der griechischen imd in den imteren Klassen 
auch der in der lateinischen Sprache fehlt, so zieht sich zum 
Zwecke der Errdchxmg der betreffenden sachlichen Kenntnisse 
durch alle 8 Klassen ein „Litteratur des Altertums'' genannter 
Lehrgegenstand hindurch, welcher der Lektüre vorwiegend 
griechischer Schriftsteller in guten Obersetzungen gewidmet 
ist 4. Zeichnen und Gesang wird mit Hinsicht darauf, 
dass bei der Erziehung der Mädchen immer imd überall 
auf die ästhetischen Elemente der Bildung grosses Gewicht 
gelegt wird, durch alle 8 Klassen fortgeführt; Gesang ist jedoch 
nur Nebenfach. 5. Obligatorisches Nebenfach ist schliesslich 
in den vier imteren Klassen weibliche Handarbeit 



Seit Bestehen das Gymnasium lassen sich folgende Daten 



notieren: 





Schalerinnen 


Lehrkräfte 


Vorw 


Gut 


Ein. 
fach 


Dtundi* 
fielea 


Zu- 




Ordent- 
liche 


Aasier- 

ordent- 

liehe 


Zu- 


Fraaca 


lllBBer 


maturierten 


sam- 
men 


Z896/97 
Z897/98 
Z898/99 
X899/00 

Z900/OX 
Z90Z/02 


91 
157 

2a6 

993 
296 

317 


9 

23 

X7 
z6 

15 


ZOO 

X79 
240 

309 

3Z2 

33a 


6 
6 
6 
6 

7 
6 


19 
2Z 

30 

«9 
25 


5 

3 


ZO 

8 


7 

2 


2 


«4 
13 



Femer wurde laut ministerieller Verordnung vom Juni Z897 
die Budapester staatliche höhere Töchterschule probeweise mit 
Klassen gymnasialer Richtung derart ergänzt, daiss nach der 
vierten Klasse eine Gabelung eintritt (einerseits: Französich, Päda- 
gogik, Wirtschaftslehre — anderseits: Latein, Griechisch und Algebra), 
worauf sich in der sechsten Klasse ein zwei Jahre wahrender Kurs 
anschliesst, dessen Absolvierung zur Ablegung der Reifeprüfung 
berechtigt Diese gymnasialen Kurse wurden seit ihrer Eröffinmg 
von z8x Schülern besucht, von denen z8 die Matura mit folgendem 
Resultat abl^;ten: 3 vorzQglich, zo gut, 4 einfach, eine fiel durch. 
Das Experiment gelang zur vollsten Zufiiedenheit aller 
kompetenten Kreise, so daiss mm die Errichtung weiterer der- 
artiger Kurse — demnächst in der staatlichen höheren Töchter- 
schule in Kolozsvär (Klausenburg) — bevorsteht Femer plant 
die Kommune Pozsony (Pressburg) die baldige Errichtung eines 
Mädchengymnasiums; die hierzu nötigen Schritte wurden schon 
in die Vftgt geleitet Schliesslich bilden in Budapest zwei 
private Kurse Mädchen zur Reifeprüfimg vor, doch müssen die 
Schülerinnen dieser Kurse an einem vom Unterrichtsminister 
bezeichneten öffentlichen Gymnasium Matura abl^en. 

Die höheren Mädchenschulen unterstehen der Au&icht von 
drei Ministerialkommissären. Den grössten und verantwortungs- 
reichsten Wirkungskreis unter ihnen hat Wilhelm Szuppän, 
Direktor der Budapester staatlichen höheren Töchterschule. 
Diesem um das Frauenstudium in Ungam äusserst verdienten 



i)Hi 



BMldettB BiCB 19 SV ■IitnrftBliprOftun» 



Manne unterstehen sämtliche staatlichen« einem zweiten Ministerial- 
kommissflr die konfessionellen und dem dritten die kommunalen 
und privaten höheren Töchterschulen. Während die beiden 
letzteren Kommissäre keinerlei Ingerenz auf den Studiengang etc 
der ihnen untergeordneten Schulen ausüben und ihr Wirkungs- 
kreis sich darauf beschränkt. Ober ihre Beobachtungen und Er- 
fahrungen dem Minister Bericht zu erstatten, nimmt Szuppän 
direkt Kinfluss auf den Lehrgang etc. Er hat das Recht, zu ver« 
fOgen, anzuordnen und die Systemisierung neuer Lehrstellen in 
Vorschlag zu bringen. 

Im Jahre 1900 hatten wir 8z Lehrer- und Lehrerinnen- 
präparandien; 49 fbr Männer, 3a filr Frauen. 19 (z Borger- 
schullehrerpräparandie, z8 Dementarschulpräparandien) waren 
staatlich, 30 (Dementar • Schulpräparandien) konfessionell. 
Von den Lehrerinnen - Bildungsanstalten waren im Jahre Z900 
7 staatlich (z BOrgerschulpräparandie, 6 Elementarschulpräpa- 
randien), 24 konfessionell (5 BOrgerschullehrer • Präparandien, 
Z9 Elementar-SchuUehrerinnenpräparandien) und eine von einem 
Verein erhaltene. Die Statistik der Lehrerpräparandien weist 
440 Lehrkräfte (ausserdem Z05 Religionslehrer) aus; diplomiert 
wurden Z033 Schüler, während die Lehrerinnenpräparandien 
3Z9 Lehrkräfte und 993 diplomierte Schülerinnen aufweisen. Die 
Gesamtfrequenz der Präparandien betrug 4884 Schüler und 
365z Schülerinnen. 

Die Lehrerbildungsanstalten imiiassen vier Jahrgänge ftlr die 
ElementarschtiUehrer und weitere zwei Jahrgänge f&r die Bürger- 
schullehrer. Diese müssen überdies die pädagogischen Gegen- 
stände an der Universität hören, und der Minister hat im Inter- 
esse der Hebung des Bürgerschullehrer-Standes den Schülern 
und Schülerinnen erlaubt, auch Gegenstände eigener Wahl an 
der Universität zu hören. Ausser den Klassenprüfungen ist die 
Ablegung einer Befilhigungsprüfimg zur Erlangung des Diploms 
nötig. Bd der vorurteilsfreien Würdigung, die der Lehrerin in 
ieder Beziehung zu teil wird, ist es selbstverständlich, dass man 
keinen Unterschied zwischen lediger und verheirateter Lehrerin 
macht Es giebt wohl einige konfessionelle Schulen, die nur 
ledige Lehrerinnen anstellen woDen,^ doch sind ihrer nur ver- 
schwindend wenige. 

Die Lehrerinnen haben einen einzigen grossen Verein, 
welcher im März z8^ mit humanitärem Programm gegründet 
wurde. Dersdbe erhält ein Lehrerinnenheim und ein Lehre- 



rinnensanatorium. Der Maria-Dorothea- Verein erweiterte seinen 
Wirkungskreis beträchtlich, so dass er heute im ^sozialen Leben 
der gebildeten ungarischen Frauenwelt eine vornehme Rolle 
spielt Viele anerkennenswerte Anr^ungen gingen von diesem 
Verein aus, der nahezu xooo Mitglieder zählt und 3 Provinz- 
tochtervereine hat In den übrigen Lehrervereinen sind beide 
Geschlechter vertreten. 

Den grössten Fortschritt in der Geschichte der ungarischen 
Frauenbildung regte Unterrichtsminister Dr. Wlassics an, als er 
im Hinblick auf die Bestrebungen ,der gebildeten Gesellschaft» 
der wissenschaftlichen Kreise tmd der Regierungen der meisten 
gebildeten Staaten* (bei uns hatte sich nichts geregt), es f&r an- 
gezeigt fand, den Frauen die Pft>rten der Universität zu öffiien. 
Ein schöneres Weihnachtsgeschenk ward der ungarischen Frauen- 
welt wohl noch nie dargebracht, als das Reskript des königlich 
imgarischen Ministers für Kultus und Unterricht vom Dezember 
des Jahres 1895. In diesem giebt der Minister die Zulassung 
von Frauen zur philosophischen, medizinischen und pharma- 
zeutischen Fakultät bekannt und motiviert dieselbe., u. a. wie 
ft>lgt: ^Zu bestreiten ist es sicherlich nicht, dass die Erwerbs- 
arten, welche die ältere gesellschaftliche Auffassung «- stief- 
mütterlich genug «- den Frauen bezeichnete, sich nicht als 
genügend erwiesen haben.* Weiters erwähnt er, dass der Staat, 
der neuen Auflassung folgend, «auch in seinen eigenen Anstalten 
solche Stellen, welche vorher ausschliesslich Männer ausgefüllt 
hatten, in grosser Anzahl durch Frauen besetzte, und das, wie 
jedermann weiss, mit vollständigem Erfolge*. Eine andere Stelle 
des Reskripts lautet: ,Und wer fühlte es nicht, dass die prinzipiell 
strenge Ausschliessung des weiblichen Geschlechts von einem 
Teile der wissenschafUichen Broderwerbslaufbahnen eine jener 
grossen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Unbilligkeiten 
ist, welche der Zivilisation niemals zum Ruhme gereichen werden.* 
Der Minister betont seine Ansicht, wonach die geistige Arbeit die 
Frau nicht nur nicht ,unweiblich* machen, sondern, im Gegenteil, 
erst recht befähigen wird, ihre Mission als Kulturträgerin, als 
Mutter der Menschheit zu erfüllen; er betont femer die Notwendig- 
keit dessen, daiss sich Frauen dem medizinischen Fache widmen 
und sagt schliesslich: ,Ich halte es nicht für motiviert und nicht 
f&r gerecht, die Lösung dieser Frage in unserem Vaterlande zu 
verzögern. In Fragen von so grosser Tragweite bedeutet die 
Verzögerung in der Regel einen sehr grossen Zeitverlust, denn 



— ao3 — 

man muss die Institution iuige voraus sichern, damit diejenigeo, 
welche dieselbe in Anspruch nehmen wollen, den Vorbereitungs- 
studien obliegen können.* All diese Bemerkimgen sagen ja 
nichts Neues, sie charakterisieren aber die Gesinnung des Mannes, 
der seine Macht mit freisinnigem Wollen und edler Begeiaterui^ 
auch ftlr die Frauen zum Segen werden lAsst, der stets bestrebt 
ist, den Wert der Frauen zu heben und ihm vollste WOrdigung 
angedeihen zu lassen. In der ungarischen Frauenwelt wird sein 
Name als der des grfissten Forderers der ungarischen Frauen- 
bOdung geehrt werden. 

Seine Initiative treibt nun schon zahlreiche Blüten, unsere 
Hochschulen in Budapest und KolozsvAr (Elausenbuig) weisen 
achon eine ziemlich stattliche Anzahl weiblicher HOrer au£ 



















Mcdi- Philo so- Pharma- 




Zu- 






zinische phische zeutische 
Fakultäten 


Höre. 






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I 1 n 


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Semacer 


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1896/97 


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— 


103 


— 



Die plötzliche Zunahme im Jahre 1900/1901 erklärt üch 
daraus, dass die SchOlerinnen, die das Mfldchengymnasium regel- 
massig absolviert hatten, am Schluss des vorhergehenden Schul- 
jahres zum eistenmaie das Abiturientenexamen ablegen konnten. 
Der Mangel an Pharmazeutinneo wieder erklflrt sich daraus, dass 
diese vor dem UnivenitUsstudium - eine dreijährige praktische 
Lehrzeit in Apotheken durchmachen mOssen; derzeit praktizieren 
15 Damen in Apotheken. Laut der letzten derartigen zur Ver- 
fllgui^ stehenden Statistik waren an der Zoricher Universität im 
Jahr« 1899/1900 an der medizinischen Fakultät beide Semester 



dv phüixophiKhaii FakolUl, 1b IL S 



— ao4 — 

hindurch zwei ungarische Hörerinnen, ander philosophischenFakultät 
im I. Semester 4, im IL Semester x. Seit &öffiiung der Universität 
fOr Frauen wurden 3 an der medizinischen und 3 an der philo- 
sophischen Fakultät promoviert, Von letzteren sind a am Buda* 
I>ester Mädchengymnasium als Professoren angestellt, die eine 
von ihnen ist zugleich Direktor des vom Frauenbildungsverein 
erhaltenen .Wlassics-Koll^um" (Universitätshörerinnenheim); die 
dritte wirkt als Professor einer staatlichen höheren Töchterschule. 
Einige der Ärztinnen wiurden schon zu Praktikantinnen auf der 
Lehrkanzel ihres Faches, im letzten Schuljahr auch eine Hörerin 
der Philosophie zur Praktikantin in ihrer Fakultät ernannt Dass 
wir noch keine weiblichen Dozenten haben können« liegt auf der 
Hand. Das Zusammenwirken der HochschOler beiderlei Ge- 
schlechtes hat noch nie den leisesten Grund zur Klage gegeben. 
Eine einzige, wenn auch nur formelle Differenaerung der 
Universitätshörer besteht darin, dass die Frauen von Fall zu 
Fall um die Erlaubnis der Aufnahme an die Hochschule nach- 
suchen müssen. Wenn dies auch nur eine ganz harmlose 
Formsache ist -— noch keine wxurde zurückgewiesen — wäre ihre 
Beseitigung, eben weil sie überflüssig ist, erwünscht, doch wurden 
derartige Wünsche noch nicht geäussert Eine Hörerin der 
Philosophie wendete sich vor kurzem mit der Bitte an den 
Minister, ihr den Zutritt zu der juridischen Faktütät zu gestatten. 
Eine Entscheidung hierüber steht derzeit noch aus. Im Vereins- 
leben der Hochschüler spielen die Hörerinnen der Philosophie 
auch schon eine bescheidene Rolle. So finden wir im Aufsichts- 
komitte des Universitätsspitals seitens der philosophischen 
Fakultät 2 Damen imd 2 Herren, und im Komitte des All- 
gemeinen Universitätshilfsvereins seitens derselben Fakultät 
2 Damen und 8 Herren. Einige Damen gemessen Stipendien vom 
Unterrichtsminister, um ihr Fachwissen auch an ausländischen 
Hochschulen zu erweitem. 

Nim hätten wir die Wtgt der ungarischen Frauenbildung 
bis zu ihrer höchsten Stufe beleuchtet, es erübrigte also nur noch 
eine Exkursion auf die Fachschulen zu machen, die eine immer 
grössere Anzahl von Frauen zum Broderwerbsberuf ausbilden. 

Die ältesten Fachschulen sind die Hebammenseminare, deren 
schon im Jahre 1809 zwei gegründet wurden. Derzeit bestehen 
9 solche, die sämtliche staatlich sind; dieselben wiesen im 
Jahre 1900 27 Lehrkräfte und 569 Schülerinnen auf, von denen 
568 diplomiert wurden. Staatlich sind femer Gouvenumten- 



— ao5 — 

Bildungskurse, die im Jahre 1869 gegrOndet wurden und im 
Berichtsjahr 17 Lehrkräfte imd 200 Schfilerinnen aufwiesen. Die 
Turnlehrer • Kurse wurden von xi Frauen absolviert Die im 
Jahre 1885 gegründete königlich ungarische Malerinnenschule wies 
X Lehxicraft und 25 Schfilerinnen aus, während unter den 
X87 Schfilem der königlich ungarischen Landes •Musterzeichen- 
schule und Zeichenlehrer • Bildungsanstalt 58 Frauen waren. 
Zeichenlehrerinbefthigung erhielten hier xo Damen. Ein Aus- 
weis fiber die Schfilerinnenzahl der diversen Musikakademim, 
Conservatorien, Privat-Kunstschulen steht nicht zur Verfügung. 
Die bestehenden X4 weiblichen Handelskurse entsprechen leider 
den Anforderungen nicht, da sie in ihrer Dauer von xo Monaten 
die Schülerinnen nur sehr ungenügend f&r den Beruf vorbilden ; 
den lilännem stehen dreijährige Handelsschulen, Handelsakademien 
und eine orientalische Akademie zur VerfQgung. Die ersten der- 
artigen Kurse wxirden im Jahre 1888 errichtet und die Institution 
X89X definitiv gemacht Die Abhaltung der Kurse ist von Fall zu 
Fall nur nach Einholung der Erlaubnis des Handels- und Unter- 
richtsministers gestattet 

Ihre Statistik weist folgende Zahlen auf: 

Staat- kommu- Vereins- zu- Lehr- Schüle- 

lich nai Privat Imrse sammen kräfte rinnen 



1897/98 


6 


XI 


4 


— 


21 


X27 


8x1 


1898/99 


2 


8 


5 


2 


17 


1x4 


940 


X899/900 


2 


6 


3 


3 


X4 


79 


656 



Im Schuljahr 1900/1901 wurde diesen Kursen ein fakultativer 
Fortbildungskurs mit 8 monatlicher Dauer ang^liedert der aber 
keinerlei Resultate aufweist Der ,,Landesverein der ungarischen 
Beamtinnen'' wendete sich im Jahre X901 mit einer Denkschrift an 
den Unterrichtsminister, in welcher er um Errichtung von solchen 
Handelsschulen für Frauen nachsucht die eine gleiche Ausbildung 
wie die für Männer bieten. Die Denkschrift ist noch unerledigt 
was um so bedauerlicher ist als sich im praktischen Leben grosse 
Nachfrage nach tüchtig voi^bildeten Beamtinnen zeigt Eine grosse 
Rolle spielen und sehr intensive Förderung erfahren die Frauen- 
gewerbeschulen, deren wir derzeit X2 staatliche haben; zwei der 
Anstalten sind ganz vom Staate erhalten, die übrigen staatlich 
subventioniert Die ausser diesen bestehenden 28 staatlichen 
Gewerbeschulen nehmen auch weibliche Schüler auf Ausserdem 
haben wir noch eine grosse Anzahl privater tmd kommunaler 



Gewerbeschulen. Der Vollständigkeit halber mOssen wir auch 
jener humanitären Anstalten gedenken, in denen mit Gebrechen 
behaftete Kinder gelehrt werden: so haben wir ein im Jahre 1835 
gegrOndetes Landes-Blindeninstitut mit 33 Erziehern, 88 SchQlem 
und 33 Schülerinnen, 7 Taubstummen-Anstalten mit 36 Erziehem, 
287 SchQlem und 285 Schülerinnen. 

Zum Unterricht der Stotternden beülhigen eigene Kurse, die 
folgende Statistik aufweisen: a Kurse mit 8 Lehrkräften, 62 Schülern 
und 33 Schülerinnen. Die Schulen und Erziehungsanstalten der 
xoo Waisenhauser hatten 344 Erzieher, 2353 männliche und 
2408 weibliche Zöglinge; die 24 Kinderasyle 83 Erzieher, 
736 Knaben und 532 Mäddien. Neben 3 Besserungs-Anstalten Ar 
Knaben bestand eine Ar llädchen, welch letztere 4 Eraefaer und 
36 Zöglinge auiwies. Schliesslich finden wir in den 38 Strafhaus- 
schulen von 4624 Lernenden 219 Frauen, imter ihren 48 Lehrern 
eine weibliche Lehrkraft. 

Die angeftlhrten Zahlen sind klein im Ver^eich zu denen 
grösserer Staaten, sie sind aber gross, wenn wir bedenken, dass 
alles auf diesem Gebiete Bestehende jung und neu ist, dass von 
alledem vor wenigen Jahrzehnten noch keine Spur war. Und 
auch der Zukunft blicken wir zuversichtlich entgegen, sehen wir 
doch die Sache der Frauenbildung von Staat und Gesellschaft 
gleicherweise gefördert, von allen mit liebevoller Aufinerksamkdt 
behandelt 




Der Stand 
der Frauenbildun^ in der Schweiz. 

Von Bmili« Bens. 



Volksschule. 

JDie GnindrQge des scfawdzeriscben Volksschulwesens sind 
in Art 97 der schweizerischen Bundesverfassung von 1874 ent- 
halten. Derselbe bestimmt: .Die Kantone soiigen für genügenden 
Primarunterricht welcher ausschliesslich unter staatlicher Leitung 
stehen soIL Derselbe ist obligatorisch und in den öffentlichen 
Schulen unentgeltlich. Die öffentlichen Schulen sollen von den 
Angehörigen aller Bekenntnisse ohne Beeinträchtigung ihrer 
Glaubens- und Gewissensfreiheit besucht werden können.* Da die 
Ausgestaltung dieser Vorschriften, also das gesamte Primarschul- 
wesen, Sache der Kantone ist, so .wehen auf den Bildungs- 
anstalten der schweizerischen Jugend die kantonalen Banner.' Die 
bunte Vielgestaltigkeit der 35 kantonalen Schulorganisationen ist 
in den allgemeinen, wirtschaftlichen und politischen Verhaltnissen 
der Kantone begründet Die Industriekantone der schweizerischen 
Hochebene und des Juragebiets mit ihrer dichten Bevölkerung imd 
ihrem lebhaften Verkehr, die Stadtekantone Überhaupt, die in 
ihren Hauptstädten ein im Verhältnis zum landlichen Kantonsteil 
auch in Bildungsangelegenheiten mehr oder weniger dominierendes 
Zentrum besitzen, bieten f&r Büdungsbestrebungen einen frucht- 
baren Boden. Dagqpen bereitet der alpine Charakter der Gebirgs- 
kantone Bestrebungen solcher Art die grössten Hindernisse. So 
meldet der Schulbericht aus dem Kanton Uri vom Jahr 1899: 
,Fflr 408 Kinder betrug der Sdiulweg Aber >/• — < Stunde und 
ftkr 966 Kinder Ober z— 2 und aVt Stunden, und der weite 
Schulwq; ist um so beschwerlicher, als er meistens in die hoch- 
gelegenen Beigheim Wesen, oft Ober Lawinenthäler und durch 
Vi — I Meter hohen Schnee fohrt' Nach der schweizerischen 
Schulstatistik vom Jahre 1895 hatten von 463623 PrimarschQlem 
3Z 124 einen Schulweg von 2,5—5 I<^^ 3455 ^^^ 5— *zo km und 
Z55 von mehr als zo km. 



— 208 — 



Seitdem 1875 die neue schweizerische Militärorganisation in 
Kraft getreten ist, haben die Bundesbehörden in den pädagogischen 
RekrutenprOfiingen, denen sich alljährlich die gesamte neun- 
zehnjährige Jungmannschaft unterziehen muss, ein Mittel gefunden, 
sich Aber den Stand der Volksschulbildung in den Kantonen zu 
orientieren. Seit 1875 werden die Resultate dieser PrOfiingen 
alljährlich vom eidgenössischen statistischen Amt veröffentlicht, 
was im Laufe der Jahrzehnte auf die Entwicklung des Volksschul- 
wesens einen ungemein günstigen Finflnss ausgeübt hat Die 
Kantone» namentlich diejenigen, deren ROckständigkeit zahlenmässig 
nachgewiesen worden» haben ihr Schulwesen verbessert durch 
strikte Durchführung des obligatorischen Schulbesuchs, durch Aus- 
dehnung der Volksschule auf das reifere Jugendalter (Fortbildungs- 
schule), durch Verrinfarhnng der Lehrpläne und Konzentration 
des Unterrichtsstoffes. Im übrigen sox^ das eidgenössische 
Fabrikgesetz vom Jahre 1877 dafür» dass in industriellen Gegenden 
eine Störung der Schulpflicht durch die Arbeit in den Fabriken 
möglichst vermieden werde. Das Gesetz verbietet jede Beschäftigung 
junger Leute bis zum vollendeten 14. Altersjahr im Fabrikdienst 
und bestunmt» dass f&r junge Leute vom 14. — z6. Altersjahr der 
nötige Schul- und Religionsunterricht in der elfstündigen Normal- 
arbeitzeit inbegrifien sein solL Die kantonalen Arbeiterinnen- 
schutzgesetze weisen Bestrebungen nach derselben Richtung hin 
aufl So bestimmt das kantonale zürcherische Gesetz betreffend 
den Schutz der Arbeiterinnen: ^Mädchen unter 14 Jahren 
dürfen weder als Arbeiterinnen noch als Lehrtöchter angestellt 
werden.* 

Die obligatorische Volksschule (Primarschule) ist in ihren (jrund- 
Zügen folgendennassen oxf;anisiert: Sie besteht aus einer Unter- 
stufe» der Primarschule im engeren Sinne des Wortes» und einer 
Oberstufe, die in der Regel in zwei gesonderte Einrichtungen 
zerfUlt, von denen die eine die einfache obligatorische Fortsetzung 
der Volksschule bildet» die andere als gehobene Volksschule 
(Sekundarschiile) fakultativ ist Die sechsklassige Primarschule 
wird in Stadt und Land von den Kindern aller Volksklassen 
besucht und bildet so den Unterbau für alle hohem Schulstufen. 
Ihr obligatorischer Oberbau mit 9—3 Jahreskursen schliesst die 
Bildung aller derjenigen ab» die nicht im Falle sind» die Sekundär- 
schule oder eine andre höhere Schule zu besuchen. In den einen 
Kantonen beschränkt sich der Untenicht in der Ergänzungs- oder 
Repetierschule auf wenige Tage» ja Stunden per Woche. Der 



ganze Bildungsgang umfasst somit 8—9 Schuljahre. Im Interesse 
einer möglichst soliden Volksschulbildung haben die Kantone 
ZOrich, Bern, Freiburg, Solothum, Baselstadt Schafihausen, Aar- 
gau, Thurgau, Waadt, auch die Oberstufe der Volksschule ganz 
oder doch zum grössten Teil als Alltagsschule organisiert Die 
grosse Mehrzahl der kantonalen Schulorganisationen weist eine 
jährliche Schulzeit von ca. 40 Schulwochen auC allerdings mit 
beträchtlichen Unterschieden in der wöchentlichen Stundenzahl 
Im Kanton ZOrich betragt dieselbe bei 4a Schulwochen in Klasse I 
Z5— ao. Klasse 11 18—32, Klasse m 90—24, Klasse IV, V, VI 
24—30, Klasse Vn, Vm je 27—30, im Kanton Obwalden in den 
6 Alltagsschuljahren wenigstens ao. In einigen Bex^gkantonen (Uri, 
Tessin, Wallis, GraubOnden) besteht die Alltagschule als Sommer-, 
resp. Winterschule nur fbr einen Teil des Jahres. In den Kantonen 
Waadt, Neuenburg und Genf bilden die staatlich organisierten 
Kindergarten, 6coles enfantines, einen intq^erenden Teil der 
Volksschule. Der antritt in die erste Klasse der Volksschule 
erfolgt auf Grund einer PrQfung in den Elementen des Lesens 
und Schreibens. Eine ganz besondere Schulorganisation weist 
der Kanton Baselstadt auf. Die Primarschule umfasst hier bloss 
vier Jahreskurse. An diese schliesst sich die obligatorische vier- 
klassige Sekimdarschule. 

Im Streben, beiden Geschlechtem eine zeitlich gleich bemessene 
Schulbildimg zu Teil werden zu lassen, sind fast alle Kantone 
einig. Nur Freiburg, Solothum« Thuxf;au haben fbr gut befimden, 
die Madchen ein Jahr, Luzem und Nidwaiden 2 Jahre firOher 
von der Schulpflicht zu entbinden als die Knaben. 

Die obligatorischen Fächer der Primarschule mit Einschluss 
der Erganzungsschule sind: z. Muttersprache, in dcj^ unteren 
Klassen mit besonderer Ausgestaltung zum sogenannten be- 
schreibenden und erzahlenden Anschauungsimterricht 2. Rechnen 
und Geometrie. Die Geometrie fehlt in den Urkantonen und in 
Zug, Appenzell A. Rh., Neuenburg und ist fakultativ f&r die 
Schulen in Freiburg imd Tessin. 3. Realien: Geschichte, Geo- 
graphie, Naturkunde. Letzteres Fach fehlt in Luzem, Unterwaiden, 
Appenzell A. Rh., Wallis, Neuenburg und ist fakultativ in Freiburg 
und Tessin. 4. Kunstfacher: Elalligraphie, Gesang, Zeichnen. 
Gesang ist fakultativ in Uri, Zeichnen in Uri, Freiburg, Tessin. >) 
Das Fach fehlt in Unterwaiden, Appenzell A. Rh., Wallis. Der 

1) Der Kanton Tctsin besitzt etwm ao dnrcfa daa Ceaetx Torffirhrifhmo bcaondere 
2cicfaniinftadiiilea (acoolo di diaagnoX Efaitritt mit deoi w, Altarsjahr. B aan c h fakultativ. 

Handbuch dar Frauanbawaffung; UL TtSL X4 



— 2ZO — 

Turnunterricht der männlichen Jugend vom zo. Altersjahr an ist 
durch eidgenössische Verordnung fOr die ganze Schweiz gefordert 
Der Mehrsprachigkeit des Landes tragen schon einzelne kantonale 
Primarschulen Rechnung. Im Kanton Luzem kann an Jahres- 
schulen in der 6. Klasse mit Einwilligung des Erziehungsrates 
Französisch als fakultatives Fach eingeführt werden. In den 
romanischen Schulen GraubOndens beginnt der Unterricht im 
Deutschen in der 4., event 5. Klasse. Ebenso ist in Neuenburg 
und Genf der Unterricht im Deutschen in den Stundenplan ein- 
gefügt 

In allen Kantonen ist der Unterricht in den weiblichen 
Arbeiten Unterrichtsfach der allgemeinen Volksschule. Das 
faktische Obligatorium ist auch da vorhanden, wo einzelne kan^ 
tonale Gresetzgebungen es nicht ausdrücklich aussprechen. (Uri, 
Appenzell L Rh., Wallis). In einigen Kantonen mit verkürzter 
Schulpflicht fOr die Mädchen sind dieselben verpflichtet, bis zum 
zurückgelegten z6. Altersjahr die Arbeitsschule in einigen 
wöchentlichen Stunden, eventuell eine Haushaltungsschule zu 
besuchen. In der französischen Schweiz, femer in den Kantonen 
Bern, Schwyz, Obwalden, Zug, Freiburg, Baselstadt, Appenzell 
L Rh., Tessin bq^nt der Arbeitsunterricht schon mit dem ersten 
Schuljahr, im Kanton Solothum mit dem a., in Luzem, Nid- 
walden mit dem 3. und in Zürich, Thiu^u, St Gallen, Appen- 
zell A. Rh., Uri, Glarus, Graubünden mit dem 4. Schuljahr. Im 
allgemeinen beträgt die wöchentliche Unterrichtszeit 4 — 6 Stunden. 
(Minimimi in einigen Kantonen 2.) Die durch die Eingliederung 
der weiblichen Arbeiten in den Untenichtsplan der Volksschule 
entstandene Dberbürdimg der Mädchen haben einzelne Kantone 
in der Weise beseitigt, dass sie die weibliche Schuljugend von 
einzelnen andern Unterrichtsstunden gesetzlich dispensieren, so 
Uri, Obwalden, Zug, Wallis, Schaffhausen (Landschulen), 
Aargau, Waadt, Tessin vom Turnunterricht In Bern und Luzem 
ist dieses Fach fOr die Mädchen fakultativ. Dagegen hat der 
Kanton Zürich in seinem neuen ,,Gesetz betreffend die Volks- 
schule'' vom II. Juni 1899, das an Stelle der firüheren Ergänzungs- 
schule ein 7. und 8. Alltagsschuljahr setzte, Turnen auch obli- 
gatorisch für die gesamte Schuljugend der 7. und 8. Klasse 
eingeführt, ein Fortschritt, der um so mehr zu begrüssen ist, als 
in der firühem Ergänzungsschule das Fach des Turnens fehlte. 
Um den Ausgleich in der Stundenzahl herzustellen, werden da 
und dort auch noch andre Fächer beschnitten, resp. die Stunden- 



— 2ZZ — 

zahlen der Knaben erhöht Die nicht unbedeutende Einbusse« 
welche die Madchen auf diese Weise in ihrem BUdungsgange 
erleiden, kann erst durch die obligatorische Einführung des Knaben- 
handarbeitsunterrichtes wettgemacht werden. In einer Reihe von 
Kantonen hat im Lehrplan der Arbeitsschule auch die Haus- 
haltungskunde Aufnahme gefunden, sei es in der Form bloss 
theoretischer Erörterungen, oder, in günstigen Verhältnissen, ver- 
bunden mit Praxis in einer Schulkflche. Wesentliche Verdienste 
in dieser Beziehung hat sich der schweizerische gemeinnützige 
Frauenverein erworben, der 1897 an alle Kantonsregierungen eine 
Eingabe richtete, um dieselben zur obligatorischen Einf&hrung des 
Haushaltungsunterrichtes und Einrichtung von Schulküchen in der 
Primär- und Ergänzungsschule zu veranlassen. Im Kanton Zürich, 
wo der Lehrplan gestattet, in der 7. imd 8. Klasse an Stelle des 
vorgeschriebenen Pensums in Physik und Chemie einen erweiterten 
Unterricht in der Gesundheitslehre treten zu lassen mit Anschluss 
der Lebensmittellehre, ist Haushaltungskimde als gesetzliches 
Schulfftch au%enommen worden, zunächst als Bestandteil des 
Arbeitsunterrichtes. In grösseren Gemeinden sollen besondere 
Koch- und Haushaltungskurse eingerichtet werden. Auf Grund- 
lage der neuen schulgesetzlichen Bestimmungen ist dieser Unter- 
richtszweig, der fiüher als Fakultativum betrieben worden, mm 
organisch in den übrigen Unterricht eingef&gt worden. Die 
Mädchen der Vm Primarschulklasse erhalten in den Schulküchen 
der Stadt Zürich in Gruppen (Familien) von 4 bis 6 allwöchent- 
lich in vier aufeinander folgenden Unterrichtsstunden Anleitung 
zu den im Haushalte vorkommenden Arbeiten. Solche Schul- 
küchen fOr die Volksschulen bestehen auch in andern Schweizer- 
stadten, so in Bern, Baselstadt, und den grossen Landgemeinden 
von Baselland und Solothum. In den £coles compl^mentaires 
des Kantons Genf erfolgt eine elementare Hnführung in Gesundheits- 
lehre, häusliche Krankenpflege und Haushaltungskunde. 

Ober die Zahl der Schüler und Schülerinnen der schweize- 
rischen Volksschule orientiert die (Seite 2x2) folgende Tabelle 
(aus dem Jahrbuch des Unterrichtswesens in der Schweiz 1900). 

Die Parallelanstalt der obligatorischen Oberstufe der all- 
gemeinen Volksschule verfolgt zwei Zwecke, einerseits das in 
der Primarsdiule (Alltagsschule) Erlernte zu befestigen, weiter zu 
entwickeln und den Bedürfiüssen des Lebens anzupassen, anderseits 
zugleich den Obertritt der Schüler an höhere Lehranstalten zu 
ermöglichen. Der Namen ftbr diese Schulstufen giebt es ver- 

i4' 



— az2 — 



Schweiserische Prünmrsckiilen 1900. 















Dnrdi* 




Sdnil- 






Srhnle- 




,fc - tat 


Kantone 


dtt 


Schulen 


Schaler 


rinnen 


Total 


■tdle 


Zorich .... 


356 


361 


^656 


27727 


53383 


60 


Bern . . . 






580 


834 


50637 


50445 


ZOZ082 


45 


Luzem . 






X65 


353 


8498 


8602 


Z7Z00 


47 


Uri . . , 






90 


fl6 


Z40Z 


1424 


2825 


48 


Schwyz • 






31 


59 


3744 


3800 


7544 


49 


Obwalden . 






7 


14 


863 


864 


Z727 


38 


Nidwaiden . 






17 


45 


848 


8Q3 


Z73Z 


34 


Glarus . . 






30 


30 


2396 


3532 


4998 


54 


Zug . . . 






zz 


23 


Z434 


Z458 


2892 


41 


Freiburg '. 






046 


as9 


zzooz 


9476, 


20477 


43 


Solothurn . 






1^4 


Z30 


7988 


7509 


15497 


5» 


Baselstadt . 






3 


4 


4z6z 


4413 


8574 


49 


Baselland , 






69 


72 


5576 


5431 


ZZ007 


6x 


SchafFhansen . 




95 


37 


«854 


328z 


6x35 


49 


Appenzell A.-Rh. 


90 


73 


4495 


5083 


9578 


78 


Appenzell L-Rh. 


15 


z6 


955 


973 


Z928 


55 


St Gallen . • . 


»7 


a84 


Z78ZO 


Z8229 


36039 


^ 


GraubOnden . 




956 


291 


73az 


7x33 


14 454 


30 


Aargau • • . 




232 


269 


Z49a8 


15 175 


30Z03 


50 


Thurgau 






185 


187 


852z 


90Z2 


17533 


65 


Tessin . . 






«53 


326 


8796 


90Z6 


Z78Z2 


3a 


Waadt . < 






384 


462 


20490 


20500 


40990 


39 


Wallis . . 






X65 


993 


9887 


9x77 


19064 


34 


Neuenbürg. 






67 


zz6 


98P5 


99^5 


19730 


37 


Genf . . . 






49 


6z 


4896 


4684 


9580 


30 


19 


üo: 


3538 


4663 


3Q4961 


^36753 


471 713 


45 


Diffen 


99^ 


3539 


4643 


232 asz 


934^x8 


466369 


46 


»z 


— z 


+ 20 


+ 27ZO 


+ 2634 


+ 5344 


— I 



schiedene, je nach den Landeag^enden; Sekundärschule in 
den Kantonen Zürich, Bern, Glarus, Thurgau — Realschule in 
Appenzell, St Gallen, Schwyz... — Bezirksschule in ^en 
Kantonen Aargau, Solothurn, Baselland. — Hieher gehören auch 
die Colleges communauz, die £coles industrielles et secondaires der 
französischen Schweiz und die scuole maggiori im Tessin. Dem 



— ai3 — 

demokratischen Staatsgedanken entsprechend besteht in der 
grossen Mehrzahl der Kantone volle Unentgeltlichkeit des Unterrichts 
auch auf der Sekundarschulstufe. Durch unentgeltliche Abgabe 
der Lehrmittel und Schulmaterialien an alle Schaler sowie durch 
Verleihung von Stipendien an dOrftige und wOrdige ist in manchen 
Elantonen audi dem allerarmsten Kinde dieser Unterricht zugänglich 
gemacht Von den 9z Sekundarschulgemeinden des Elantons 
Zürich * haben 43 die volle Unen^;eltlichkeit der Lehrmittel und 
Schulmaterialien durchgeführt, Z2 die teilweise. Die Zahl der 
Jahreskiurse an der Sekundärschule betragt a— 4 (Kanton Zürich 3). 
In den meisten Kantonen erfolgt der Eintritt nach zurückgelegtem 
za. Altersjahr, einzig in der Stadt Basel und im Kanton Bern 
schon nach zurückgel^em 4. Schuljahr, in der Stadt Scha£fhausen 
nach dem fllnften. Neben den eigentlichen Sekundärschulen 
bestehen im Kanton Bern auch erweiterte Oberschulen, im Kanton 
Aargau die sogenannten «Fortbildimgsschulen", im Kanton Freiburg 
die R<^onalschulen als erweiterte und gehobene Parallelanstalten 
der Oberklassen der Volksschulen. Das charakteristische Merk- 
mal der Sekundärschulen ist der Betrieb von Fremdsprachen. 
Weitere obligatorische Fächer der Sekundärschule sind: Mutter- 
sprache, Arithmetik, meist mit Buchführung, Geometrie mit Messen 
und Zeichnen, Naturkunde, Geographie, Geschichte mit Verfassungs- 
kunde, Kalligraphie, Zeichnen, G^umg, Turnen. . Religion ist wie 
in der Primarschule fakultatives Unterrichtsfach. Dazu kommen 
als obligatorische Fächer fbr die Madchen Handarbeitsunterricht 
und in manchen Kantonen Haushaltungskunde. 

Das Schulgesetz des Kanton Bern bestimmt: ,J3ie Madchen 
sind von den Fächern, welche nicht wesentlich in ihren Bildungs- 
kreis gehören, dispensiert'* Diesem Prinzip huldigen noch eine 
Reihe von Kantonen, ohne übrigens in der Erkenntnis dessen, was 
wesentlich oder unwesentlich im Bildungsgange der Madchen, voll- 
ständig übereinzustimmen. Das Turnen ist fbr Sekundarschülerinnen 
in den Kantonen Thurgau und Zug fakultativ. In den Kantonen 
Luzem, Wallis, Neuenburg, Baselland fehlt es ganzlich. Geometrie 
beziehungsweise ein Teil der mathematischen Fächer fehlt auf dem 
Stundenplan in Luzem, Zug, Baselstadt, Baselland, Schwyz, Freiburg, 
Wallis, Geni^ in Wallis auch Buchführung. In Luzem, Schwyz, 
Zug sind die Madchen ganz oder teilweise (Physik) von Naturkunde 
disi>ensiert Ausdrücklich von Verfassimgskunde ausgeschlossen 
sind die Madchen in Luzem, Freiburg, Genf, wahrend Tessin 
am Obligatorium derselben auch für die Madchen festhält 



— ax4 — 

Entgegen solchen Bestrebungen, die Madchen unbefragt in ihrem 
Bildungsgang zu verkOrzen, besteht im Kanton Zttrich lediglich 
die Bestinunung, dass die Mädchen zur Erleichterung der Teil- 
nahme am Handarbeitsunterricht ,4Luf Verlangen" von höchstens 
4 Stunden Unterricht in andern Fächern (Reduktion von Schreiben, 
Zeichnen, Turnen, Geometrie auf je z Stunde) befreit werden 
können. Ebenso hat sich der Erziehungsrat des Kantons Aargau, 
entgegen hie und da geäusserten Wünschen, es möchte der Lehr- 
plan der Mädchenbezirksschulen vereiniacht werden, nach ein- 
gehender PrOfung der Frage für den gemeinsamen Lehrplan aus- 
gesprochen. 

In den Kantonen ZOrich, Luzem, i^reiburg, Tessin, Neuenbürg, 
Genf tritt fbr die SekimdarschOlerinnen zum Fach der weiblichen 
Arbeiten noch als obligatorisches Schulüach Haushaltungskunde, 
in andern Kantonen ist dieselbe wenigstens von vielen Gemeinden 
eingeführt An den städtischen Schulen von Zorich, Bern, 
Solothum, Basel, sowie auch in den Landsekundarschulen von 
Baselland, Solothum werden mehrwöchentliche Kiurse im Kochen 
erteilt Gartenbau wird gelehrt in Tessin und Genf, Pädagogik in 
Neuenbürg imd Genfl In der firanzösischen Schweiz, namentlich 
in den Kantonen Neuenburg und Genf^ arbeiten die Sekundär- 
schulen , die 3 — 5 kuraigen dcoles industrielles , die dcole 
professionelle ä Gen&ve 'und die 6coles secondaires rurales des 
Kantons Genf wesentlich auf praktische Ziele hin. Den Mädchen 
wird hier auch Unterricht im Zuschneiden, Kleidermachen und 
Flicken erteilt 

Der Besuch der Sekundärschule gestaltete sich im Schuljahr Z900 
folgendermassen (siehe Tabelle Seite 2x5). 

Es lässt sich die erfreuliche Thatsache konstatieren, dass der 
Wert einer tüchtigen Schulbildung auch für die Mädchen immer 
allgemeinere Anerkennung findet Aus den SekimdarschOlerinnen 
rekrutiert sich die grosse Mehrzahl der später selbständig im Er- 
werbsleben thätigen Frauen. ^Sekundarschulbildung" ist Qberall 
unerlässliche Bedingung fbr erfolgreiche Bewerbung um Stellen in 
Ladengeschäften, Bureaux u. s. w. In den gut situierten Bevölkerungs- 
kreisen der deutschen Schweiz ist es vielenorts Sitte, dass die 
Mädchen nach Absolvierung einer drei- oder vierklassigen Sekundär- 
schule ihre Bildung namentlich nach der sprachlichen Seite hin in 
einem der zahlreichen Pensionate der französischen Schweiz ver- 
vollständigen. 



— 215 — 



Sohweiserische Sekondtrsohnlen 1900. 



Kantone 



Schulen 



Schaler 



Schale- 
rinnen 



Total 



Schfllcnalil 



ZQrich 



Lnzem . 
Uli 



• • 



Obwalden 
Nidwaiden 
Glams . 
Zug . . 
Freibux^ 
Solothom 
Batelstadt 
BaaeleDand 
Schaffhausen 
Appenzell A.-Rh« 
Appenzell L-Rh. 
St Gallen • . . 
GraubOnden • . 

) Fortbild.-SclL 
^^^•"j Bezirks- Seh. 
Thnrgan 
Tessin . 
Waadt . 
Wallis . 
Neuenbux^ 
Genf .' • 



X899 



Differenz 



94 

75 

«9 
6 

xo 

z 

4 
zz 

7 
z8 

z6 

4 

13 

9 
zo 

9 

35 
98 

36 

30 

«9 

37 

2Z 

6 

7 
zz 



460Z 

3I5B 

599 

42 

Z95 



539 
523 



+ z6 



X32 

415 
647 

2032 

5&4 

549 
303 

23 
Z420 

4^5 

65a 

Z576 

86z 
468 
962 

89 

357 

92 



20494 
19396 



+ 1098 



3137 
4068 

536 
58 

Z33 

8 

3a 

X54 

89 
Z64 

391 
2402 

28z 

33z 

X92 

2Z 

321 
790 
890 

395 
3Z3 

1244 
50 



7738 
7226 

ZZ35 

ZOO 

3a8 
8 

54 



Z09 



1745X 
1553« 



+ Z9Z9 



579 
Z038 

4434 
865 
880 

495 

44 
2370 

746 
144a 
2446 
Z256 

78z 
2206 

Z39 
749 



37945 
34928 



+ 30Z7 



3X 

«3 

29 

14 

17 
8 

X4 

19 

22 

X3 
«7 
44 
36 

«3 

X5 
24 

2Z 
40 
28 

«9 

19 

zo 
zo 

zz 

17 



24 

as 



— z 



Entq»rechend dem Charakter einer allgemeinen Volksschule 
werden in der grossen Mehrzahl der Primarschulklassen die Ge- 
schlechter gemeinsam unterrichtet Im Schuljahr 1896/97 betrug das 
Verhältnis der gemischten zu den Knaben- und Madchenschulen 
in V«* Gemischte Klassen 76^9%; Knabmklassen zz,5V«; Mfldchen- 



aa dim Mchaktanift 



noch 304 SchfOar dar 4eola pmfMrioBiBi dar Sttdt G«af (AbscUom 
Pdaanchok). 



— az6 — 

klassen iifi^l^. (7509 gemischte, 1117 Knabenklassen« 1x36 Madchen- 
klassen.) Im allgemeinen neigt die katholische und die romanische 
Bevölkerung zur Geschlechtertrennung. Gar keine nach Ge- 
schlechtem getrennte Primarschulen besitzen die Kantone Appen- 
zell A.-RIl, Glarus, Thurgau, eine verhältnismässig nur geringe 
Zahl von solchen: ZOrich, Bern, Luzem, Solothum, Baselland« 
Aargau. St Gallen, GraubOnden, Waadt; das Gleichgewicht halten 
sich Trennung und Mischung in Uri, Schwyz, Nidwaiden, Frei- 
burg, Schaffhausen, Neuenbmrg; */> ^'^ Klassen sind nach 
Geschlechtem getrennt in Genf, Wallis, Zug, Obwalden Appen- 
zell L-Rh. Noch grösser ist der Bruchteil der Knaben- und 
Madchenklassen in den Kantonen Baselstadt und Tessin. Die 
Städte Neuenbmrg, Genf und Carouge, St Gallen, Basel, Schaff- 
hausen haben die Geschlechtertrennung vollständig durchgefbhrt» 
andere stadtische Gemeinwesen wenigstens fbr die Oberklassen. 
In der Stadt ZOrich ist die grosse Mehrzahl der Schulklassen gemischt, 
nur der Kreis I (Altstadt) halt an der Geschlechtertrennung fest, 
L a. sind bloss die Oberklassen nach Geschlechtem getrennt 
Auf der Sekimdarschulstufe kommen verhältnismässig mehr nach 
den Geschlechtem getrennte Schulklassen vor, immerhin halten 
Kantone tmd Städte, welche für die einfache Volksschule die 
Mischung bevorzugen, auch auf dieser Stufe im allgemeinen daran 
fest Im Kanton Aargau bestanden 1897 ^6 ausschliessliche 
Elnaben-, 6 ausschliessliche Mädchen- und z8 gemischte Bezirks- 
schulen. Im Kanton Tessin dagegen sind alle Sekundärschulen 
nach dem Geschlechte getrennt Scuole maggiori femminili 
bestehen zur Zeit 13 neben 25 Knabensekundarschulen. 

Wie aus nachstehender Tabdle hervorgeht, sind die Anstellungs- 
verhaltnisse der Lehrerinnen in den einzelnen Kantonen ausser- 
ordentlich verschieden. Numerisch am schwächsten sind sie in der 
ganzen Nordschweiz vertreten, am gOnstigsten präsentieren sich 
noch in dieser G^end Baselstadt und Aargau. Der erstere Kanton 
hat 36,7 V« — der andere aa,5 V« seiner Primar-Lehrstellen mit 
Lehrerinnen besetzt Dagegen verwendet die Westschweiz weibliche 
Lehrkräfte in viel grösserem Umfange (Bern 43,3 V«f Freiburg 46,5 V«f 
Waadt 50,5 Vo» Genf 55,8 %. Neuenburg 66,6 %). Noch höher 
steht der Prozentsatz weiblicher Lehrkräfte in der Zentralschweiz, 
in Wallis und Tessin, doch sind ein Teil derselben Lehrschwestero, 
geistliche Lehrerinnen. Ein vergleichender Oberblick der An- 
stellimgsverhältnisse während einiger Jahrzehnte zeigt übrigens 
eine absolute und relative Zunahme der Zahl der schweizerischen 



— 2X7 •" 









Lehrerschaft 
(1899) 


Lehrerschaft 
(1899) 


Durchschnittsbesoldung 




Pri 


marschule 


Sekundärschule 


Primar- 


Selrondar- 












schule 


schule 




LCDTcr 


Ubf 


Totel 


Lanier 


Uhre- 


Totti 


Lahrcr 


Lehn- 


tLfthrv 


Ldu«- 






llBDCn 






riSBCB 






riuMB 


riuMB 


Zfirich . . • • 


790 


zzo 


900 


2S2 


^ 


^5» 


9502 


222z 


33« 


.. 


Bern . . 






X244 


WB 


2Z92 


26X 


69 


330 


Z593 


ZI5Z 


2764 


1745 


Lnsern 






«73 


66 


342 


34 


5 


39 


Z349 


Z288 


1958 


Z566 


üri. . . 






«3 


95 


59 


3 


4 


7 


7z6 


474 


ZZ7 


Z67 


Schwyz • . 






57 


95 


156 


9 


3 


Z2 


ZZ92 


559 


Z696 


687 


Obwalden . 






zz 


34 


45 


— 


z 


z 


1245 


458 


— 


700 


Nidwaiden . 






8 


40 


48 


3 


z 


4 


835 


466 


Z2SO 


689 


Glarus 






91 


— 


9X 


24 


— 


«4 


X743 


— 


249z 


— 


Zag. . . 






33 


40 


72 


«9 


^^ 


«9 


1323 


482 


1957 


— 


Freiburg . . 






255 


222 


477 


44 


7 


5X 


Z220 


8z8 


JI9Z9 Z89O 


Solothuni . 






265 


22 


287 


30 


— 


30 


14^ 


X474 


2^ Z95O 


Baselstadt . 






98 


57 


155 


89 


8 


97 


3782 


2067 


4149 


-? 


Baselland 






155 


20 


175 


17 


3 


20 


Z634 


Z33Z 


^28 


Z5^ 


Schaffhausen . 




zz6 


zo 


Z26 


34 


— 


34 


1959 


Z776 


2926 


— 


^penzell A.-Rh. 


ZX9 


2 


Z2Z 


z8 


2 


20 


Z867 


— 


29X9 


Z900 


Appenzell L-Rh. 


20 


14 


34 


z 


z 


2 


Z294 


693 


2400 


800 


St Gallen . . . 


522 


46 


568 


86 


8 


94 


z8z6 


155X 


2826 


600 


Gnuibflnden 




434 


49 


.483 


35 


— 


35 


760 


513 


Z46Z 


— 


Aargau . . 






458 


133 


•591 


( 33 
83 


( 2 
i 6 


( 35 
89 


Z408 


Z288 


2669 


22:^ 


Thurgau . . 






»85 


15 


300 


4i 


z 


4a 


Z685 


1338 


25Z5 


— ? 


Tessin. . . 






X51 


403 


554 


26 


15 


4i 


65z 


5Z2 


zz88 


839 


Waadt . . 






516 


52a 


Z048 


z8 




z8 


1748 


ZZ30 


2305 


— 


Wallis. . . 






243 


308 


551 


7 


7 


X4 


434 


366 


747 


500 


Neuenbürg . 






X47 


a94 


441 


49 


20 


69 


2039 


ZZ69 


2659 


z8o8 


Genf . . . 






Z26 


179 


305 


Z2 


— 


Z2 


2467 


Z679 3256 — 

• 






6439 


3667 


zozz6 


Z238 


i^ 


Z4OZ 


z6iz 


zozo 


aQ3Z 


14x5 



Lehrerinnen. In Z5 Jahren hat sich das Verhältnis der Lehrer 
und Lehrerinnen um 5,5% zu Gunsten der Lehrerinnen verschoben. 
Zieht man die Besoldungen in Betracht, so ergiebt sich, dass die 
Lehrerinnen in den Kantonen, die höhere Besoldungen ausrichten, 
weniger leicht Fuss fassen, dass ihnen dagegen da gerne das Feld 
überlassen wird, wo die Besoldungen niedrig gehalten 



i 



— ai8 — 

Übrigens muss man zur richtigen WOrdigung der Besoldungt- 
ansatze in Betracht ziehen, dass in den Bergkantonen vieiorts nur 
Halbjahresschulen und auch diese nur mit sehr bescheidener Stunden» 
zahl bestehen. (Halbtagesschulen). Nur wenige Kantone haben 
die gleichen BesoldungsansAtze fOr Lehrer und Lehrerinnen :Zorich 
im Minimum zaoo Fr. und Alterszulagen bis 400 Fr^ dazu Wohnung, 
Holz- imd Pflanzland; Aargau Minimum Z400 und Alterszulage 
bis 300, Solothum zooo, Naturalien, Alterszulagen bis 500; Thur* 
gau laoo und Naturalien und Alterszulagen bis 400. In den 
übrigen Elantonen beziehen die Lehrerinnen Vtt Vt oder etwa 
auch noch einen kleineren Bruchteil der Lehrerbesoldung. Grössere 
Gemeinden, namentlich Städte, richten auch an Lehrerinnen in 
der Regel eine Besoldung aus, die bedeutend Aber dem kantonalen 
Gehaltsminimum steht, immerhin aber der Lehrerbesoldung nicht 
gleichkommt Die höchsten Besoldungen der Primarlehrerinnen 
im Schweizerland weisen drei zQrcherische Gemeinden auf: 

Zflrich, Besoldungsmaximum . - . 3000 Fr., 

^A^terthur 3200 Fr., 

Vdtheim bei Winterthur . . . 3300 Fr. 

In einer Reihe von Kantonen ist die Anstellung von Lehre- 
rinnen gewissen Beschränkungen unterworfen. Es waltet, 
namentlich in der Westschweiz und dann in den Städten 
überhaupt, die Tendenz, die weibliche Lehrkraft vorzugsweise auf 
der Unterstufe zu verwenden, auch trägt man da imd dort 
Bedenken, ihr reine Knabenklassen, oder auch gemischte Klassen, 
zu Obertragen. Mehrere kantonale Schulgesetze enthalten dies- 
bezüglich bestimmte Vorschriften, sodass der Lehrerin von vorn- 
herein die Mög^chkeit genommen ist, ihre Tüchtigkeit an 
schwierigeren Angaben zu erproben. Eine andere Beschränkung 
ergiebt sich daraus, dass die Lehrerinnenbildung in einigen 
Kantonen der Lehrerbildung nicht gleichwertig ist, also der 
Lehrerin schon aus diesem Grunde die obem Klassen der Volks- 
schule verschlossen sind. In Gemeinden mit einer Lehrstelle, wo 
auch die Führung der Knabenfortbildungsschule, die Leitung der 
Bürgerschule, eventuell auch von Vereinen in Betracht kommt, wird 
man dem Lehrer den Vorzug geben. Von der Bekleidung der 
Stelle eines Oberlehrers (Inhaber der obersten Klasse und 
administrativer Leiter einer Primarschule), wie sie in einigen 
Kantonen besteht, (Bern, Schaffhausen u. a.) sind weibliche Lehr- 
kräfte herkönmxlicher Weise fast gänzlich ausgeschlossen. Das 



— az9 — 

Schulgesetz des Kantons Schaffhausen bestimmt ausdrOcklich, 
dass Lehrerinnen wohl an die i. bis 7. Klasse, nicht aber an die 
8. Klasse der Primarschule wahlbar seien. Nur wenige Elantone 
ges t at te n der verheirateten Lehrerin ein Fortwirken im Beruf. 
(Bern, Aargau). Im Kanton Aargau hat sich aber die verheiratete 
Lehrerin einer alljahriichen Wiederwahl zu unterziehen. 

Was die Sekundärschulen betrifft, so stehen die Verhältnisse 
im allgemeinen fOr die Lehrerinnen noch nicht gOnstig. Die Kan- 
tone ZOrich, Glarus, Zug, Solothum, Schaffhausen, GraubQnden, 
Waadt, Genf weisen keine Sekundar-Lehrerinnen auf, die Obrigen 
Kantone nur verdnzelt Da und dort haben weibliche Lehrkräfte 
wenigstens als Fachlehrerinnen Boden gelasst In der welschen 
Schweiz besteht noch die Einrichtung der „institutrices surveillantes,* 
welche dem Unterricht in Mädchenklassen als Aufseherinnen 
beizuwohnen haben. Dieselben sind dann zugleich etwa noch 
Fachlehrerinnen. 

Die Schulaufsicht wird allenthalben sowohl auf dem Gebiete 
der einfachen wie der gehobenen Volksschule durch Männer aus- 
geübt Einzig auf dem Gebiet des Arbeits- und Haushaltungs- 
imterrichtes, sowie des Schwinununterrichtes iind der Kindergärten 
werden Frauen zugezogen, aber fast ausschliesslich nur mit 
beratender Stimme. In einer grösseren 2Iahl von Kantonen 
funktionieren kantonale und Bezirksinspektorinnen zur Beauf- 
sichtigung des Arbeitsunterrichts.' In den Kantonen Basel, Genf^ 
Zorich, Tessin u. a. werden die Kleinkinderschulen resp. Kinder- 
gärten von Frauen inspiziert 2898 wurde in Baselstadt eine 
Petition aus Frauenkreisen, welche die Mitwiricung der Frauen in 
den Schulbehörden der Mädchenschulen verlangte, in dem Sinne 
begutachtet, dass, mit Umgehung einer Änderung des Schulgesetzes, 
die Inspektoren anzuhalten seien, Frauenkomit^ als sachverständige 
Beiräte da beizuziehen, wo es in den Verhältnissen der Mädchen- 
schule begrOndet erscheine. Das neue Erziehungsgesetz des Kantons 
Luzem vom 29. November 1898 enthält die Bestimmimg: In die 
Schulpflq;en fOr die Töchterschulen können auch Frauen gewählt 
werden. »Von dieser Licenz," wird 1899 berichtet »ist nirgends 
Gebrauch gemacht worden.* Bekanntlich ist im Kanton Bern am 
4. November 1900 das Gesetz betreffend Wählbarkeit der Frauen 
in die Schulbehörden verworfen worden. 



Fortbildungs- und Haushaltungsschulen. BerufsschuleiL 

Je nach der Schulorganisation erreicht der Besuch der öffent- 
lichen obligatorischen Primarschule mit dem 15. resp. 16. Lebens- 
jahr sein Ende. Aus der Erkenntnis heraus, dass das erworbene 
Wissen und Können der Auffrischung, Vertieiung und Erweitenmg 
bedarf^ wenn es fOrs praktische Leben Bedeutung erlangen soll, 
haben die meisten Kantone zu diesem Zwecke besondere Schul- 
einrichtungen geschaffen. Unter dem Eindruck der Resultate der 
pädagogischen RekrutenprQfungen sind videnorts die Knaben- 
fortbildungsschulen obligatorisch erklärt worden. Dagegen ist das 
staatliche Obligatorium der Mädchenfortbfldungsschule noch ein 
frommer Wunsch. Doch ist immerhin in einigen Kantonen den 
Gemeinden das Recht verliehen, das Obligatorium auszusprechen, 
wovon thatsächlich in den Kantonen Solothum und St Gallen 
Gebrauch gemacht wird. 

Eine mächtige Förderung erhielt das Fortbildungsschulwesen 
durch den Bundesbeschluss betreff, die hauswirtschaftliche und 
berufliche Bildung desweiblichenGeschlechtes vom 2o.Dezember 1895. 

Art z. Zur Förderung der hauswirtschafdichen und beruflichen 
Bfldung des weiblichen Geschlechtes leistet der Bund, in Ausdehnung 
des Bundesbeschlusses vom 37. Juni 1884 betreffend die gewerbliche 
und industrielle Bildung, Beitrikge aus der Bundeskasse an diejenigen 
Unternehmungen und Anstalten, welche zum Zwecke jener Bildung 
bestehen oder zur Verwirklichung gelangen. 

Die Bestimmungen jenes Beschlusses finden auf dieselben analoge 
Anwendung, und es ist insbesondere darauf hinzuwirken, dass die 
weniger bemittelten Bevölkerungsklassen möglichst weitgehend 
berQcksichtigt werdezL 

Art a. In das Budget des Bundes wird alljährlich ein an- 
gemessener Kredit fOr die UnterstQtzung dieser Bildung aufgenommen. 

Die Initiative zur Förderung der MAdchenfortbüdungsschule 
war in vielen Fällen von Privaten, von gemeinnfltzigen kantonalen 
wie lokalen Frauen- und Mannervereinen und von der Lehrerschaft 
ausgegangen. In erster Linie muss hier der Schweizer gemein- 
nützige Frauenverein mit seinen 50 Sektionen erwähnt werden, 
dann die Schweizer gemeinnützige Gesellschaft mit kantonalen 
und Bezirksgesellschaften, die Aargauische Kulturgesellschaft, die 
ökonomische Gesellschaft des Kantons Bern, die Kommissxon für 
Fabrikarbeiterveriiaitnisse und die Gesellschaft des Guten und 
Gemeinnütagen in Basel, die Vereine der Freundinnen junger 
Mädchen in Bern, Zürich, Chaux-de-Fonds, Vivis, Neuenbmrgu.s.f 



Durch diese Vereinsthätigkeit wurden auch die Schulbebörden in 
Aktivität versetzt Die Beteiligung derselben geschieht in der 
Form der Zuweisung von Geldmitteln und Lokalen, Mitwirkung 
an der Aufsicht und in vielen Fflllen durch Übernahme der ganzen 
Schule. Seitdem ein Teil des Reingewinns der vom Bunde 
monopolisierten Spritfabrikation als j^Alkoholzehntel" in die Kan- 
tone abfliesst, wird entsprechend der allgemeinen Zweckbestimmung 
dieser Gelder (Bekämpfung des Alkoholismus) i^zur Hebung der 
Volksemlhrung' auch die weibliche Fortbildungsschule im be- 
sondem noch bedacht 

Immerhin bleibt noch viel zu thun flbrig! Wohl herrscht in 
einzelnen Kantonen ein erfreulicher Wetteifer zur Förderung der 
MAdchenfortbüdungsschule, aber es weisen immer noch einige 
Kantone (Uri, Schwyz, Zug, Tessin, Appenzell L-Rh.) keinerlei 
Schuleinrichtungen dieser Art aufl Es scheint, dass hier infolge 
der weniger ausgebildeten und spezialisierten wirtschaftlichen und 
gewerblichen Verhaltnisse auch das UntenichtsbedQrfiiis nicht so 
ldl)haft sei wie in industriellen Gegenden« Die allgemeine 
Mfldchenfortbildungsschule baut sich naturgemflss auf den 
Leistungen der Primarschule auf. Daher kann von einer Unifor- 
mitat der Einrichtung und der Resultate in den verschiedenen 
Kantonen nicht die Rede sein. Immerhin herrscht ziemliche Ober- 
einstimmung in der Auswahl der Fächer. Von den Fächern der 
Primarschule werden weiter gepfl^ Sprache (Aufsätze, Brief- 
schreiben), Rechnen (besonders Rechnungsführung) Gesundheits- 
lehre, Haushaltungskunde, weibliche Handarbeiten und in günstigen 
Fällen Kochen. 

Die ein&chste Form ist in den Näh- und Flickschulen 
gegeben, wie sie sich namentlich in rein ländlichen Verhältnissen 
finden, entweder als Ganzjahr- oder blosse Winterschule mit 
wenigen wöchentlichen Nachmittags- oder Abendstunden. Etwas 
weniger zahbreich sind die Schulen, die auch theoretische Fächer 
pflegen. Im Schuljahr 2899/1900 pflegten von 63 FortbUdungs- 
schulen im Kanton Zorich 43 ausschliesslich Handarbeit Am 
reichsten ausgebaut finden wir die Schulen in grösseren in- 
dustriellen Dörfern und in den Städten. Die Bestrebungen zur 
Förderung der Erwerbsfähigkeit führen hier zu einem intensiven 
Betrieb der Sprach- und Rechenfächer und einer sorgfältigen 
Spezialisierung in gewissen gewerblichen Fertigkeiten. So bauen 
sich diese Schulen zu eigentlichen Gewerbeschulen aus, sei es als 
weibliche Abteilung antr städtischen Gewerbeschule (ZOrich, 



St Gallen, Lausanne, • Basel, Freiburg, Luzem), sei es als selb- 
ständige Anstalt Solche der letzten Art bestehen in Winter- 
thur,^ Chauz-de-Fonds, Neuenburg (£cole professionelle des 
jeunes filles), in Genf (gq;rQndet 1897) und Carouge (ge- 
grOndet 1896 (£cole m^nag&re et professionelle), in Vivis (£cole 
professionelle de couture.) Diese meist gut ausgebauten Schulen 
pflegen zumeist beide Zweige der praktischen Ausbildung, also 
die gewerbliche wie die hauswirtschaftliche. Die staatlichen Haus- 
haltungs- imd Gewerbeschulen von Genf tmd Carouge sind zu- 
gleich als Sekundärschulen zu betrachten, da der Eintritt nach 
absolviertem 6. Primarschuljahr zu geschehen hat Neben diesen 
wohlausgebauten Schulen kommen die Cours du soir in den 
Kantonen Neuenburg und Genf wenig in Betracht Wanderkoch- 
kursen, temporaren Kursen fQr irgend einen Zweig häuslicher 
Arbeit begegnen wir in der ganzen Nord- und Ostschweiz. (Koch- 
und Haushaltungskurse an der Gewerbeschule Zorich, Kochkurse 
fflr Arbeiterfrauen, veranstaltet vom Frauenbund Winterthur, vom 
gemeinnützigen Frauenverein Aarau, Kochkurse der Kommission fQr 
Fabrikarbeiterverhältnisse in Basel, Volkskochschule Herisau u. a.) 
Im Kanton GraubOnden sind die Wanderkochkurse, die abwechselnd 
verschiedene Thalschaften zu berflcksichtigen haben, staatlich 
organisiert 

In grösseren Ortschaften, so in Bern, Worb bei Bern, 
St Immer, Lenzbmrg, Boniswyl, Menziken, Zofingen, Winterthur, 
Vivis, Genf^ Lausanne, Nottwj'l bei Luzem, Chur, Chauz-de- 
Fonds, Zürich, St Gallen, Freiburg, Neukirch a. d. Thur bestehen 
selbständige Koch- und Haushaltimgsschulen, subventioniert von 
Bund und Kanton. Die Anstalten von Bern, Worb, Zürich, 
St Gallen, Freibmrg bilden in Jahreskursen auch Lehrerinnen für 
hauswirtschaftlichen Unterricht aus, diejenigen von Bern, 
Len^mg, Boniswyl, Vivis, Genf sind zugleich Dienstboten- 
schulen. 

An besonderen Berufsschulen sind noch zu nennen die Uhr- 
macherschule in Genf (BXt Knaben und Mädchen), Schulgeld 
5 Francs monatlich, Eintritt 14. Altersjahr. Die Vorbereitung auf 
diese Schule geschieht durch die £cole professionelle. An der 
Gewerbeschule der Stadt Zürich bestehen für Knaben und 
Mädchen Jahreskurse fllr Photographenlehrlinge, ebenso fllr Post-, 
Telegraphen- und Telephonlehrlinge. Eintrittsbedingungen zurück- 

I) X89B. 70B SdUÜcriBBCB im Aher tob is— S^ Jahres (davon 318 im Aher tob 

■0-90.) 



gdegtes 15. Altersjahr, dreijähriger Sekundarschulbesuch. Am 
Industrie- und Gewerbemuseum St Gallen besteht eine Zeichnungs- 
schule fbr Industrie, auch werden Feinstickkiurse fbr Fach- 
schQlerinnen und Dilettanten abgehalten. 

An den Frauenarbeitsschulen Bern, Chur, Aarau, Basel, 
Chaux-de-Fonds, Lausanne, Herisau werden einzelne Disziplinen 
ebenfalls zu eigentlichen Fachkursen ausgebaut An der Frauen- 
arbeitsschule Basel, gq;rQndet 1878, zuerst von Privaten geführt, 
dann an den Staat Qbergegangen, wird Unterricht erteilt in: 
Hand- und^ Bfaschinennfthen, Kleidermachen, Weissticken, Bunt- 
sticken, WoUfach, Flidcen, Putz, Glätten, Rechnen und Buch- 
führung, Gesundheitslehre iind Krankenpflege, Kochen, Pädagogik. 
An der gewerblichen Fortbildungsschule Luzem, sowie an der 
Acad^mie professionelle (Handwerkerschule) von Genf bestehen 
Fachkurse fbr Damenschneiderei und Lingerie. Die «Schweizerische 
Fachschule fOr Damenschneiderei und Lingerie in Zorich", vom 
Bunde im Schuljahr X900/190Z mit zoooo Fr. subventioniert, 
bildet in sVt Jahren Schneiderinnen, in aVt Jahren Weiss- 
näherinnen. Eintrittsalter zurückgelegtes 14. Altersjahr. Neben 
dem Fachunterricht bestehen als UnterrichtsfiLcher noch Zeichnen, 
Deutsch, Rechnen, Buchführung, Französisch, Wirtschaftslehre. 
Der Unterricht ist iür Schweizerinnen unentgeltlich. 

An den vom schweizerischen Gewerbeverein eingerichteten, 
vom Bunde subventionierten LehrlingsprOfungen nehmen seit Jahren 
auch Lehrtöchter teil, allerdings noch in bescheidener Zahl Diese 
PrOfungen sind in den Kantonen Waadt, Neuenburg, Genf und 
Freiburg staatlich oxf;anisiert Letzterer Kanton hat durch Gesetz 
den Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule und damit in 
Verbindimg die Teilnahme an den LehrlingsprOfungen fbr alle 
Lehrlinge und Lehrtöchter im Handel und Gewerbe obligatorisch 
erklärt 

Höhere TOchterschuleiu 

Bei der GrOndung der Höheren Töchterschule Zürich im 
Jahre 1875 wurde als Zweck der Anstalt ins Auge gefasst: 
«einerseits Förderung höherer allgemeiner Bildung, andererseits 
Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, welche den Töchtern 
den Eintritt in einen praktischen Wirkungskreis ermöglichen oder 
erleichtem können". Dieses Programm gilt heute noch in vollem 
UmÜEmge fOr die höheren Töchterschulen unseres Landes, nur 



dass, den BedQrlnissen der Zeit Rechnung tragend, mehr und 
mehr die berufliche Aufgabe in den Vordergrund gestellt wird. 
Es ist daher im Laufe der letzten Jahrzehnte die Mehrzahl dieser 
Anstalten reorganisiert und durch Einfügung von Seminar- und 
Handelsabteilungen speziell in den Dienst der höheren beruflichen 
Ausbildung des weiblichen Geschlechtes gestellt worden. Nach- 
dem die schweizerischen Universitäten dem Frauenstudium ihre 
Thore geöffnet, haben nun auch eine Reihe von Töchterschulen 
die Aufgabe übernommen, in sogenannten Maturandenklassen die 
Vorbildung für das Hochschulstudium zu bieten. Staatlich sind 
nur die Töchterschulen von Basel und GenC alle andern ver- 
danken ihre F/rigfi^ny der Initiative stadtischer Schulbehörded, werden 
aber immerhin ebenfalls vom Staate subventioniert Als Eintritts- 
alter wird last überall das zurückgel^e 15. Altersjahr bestimmt, 
wie denn im Sprachgebrauch der Deutschschweizer ^Töchterschule'' 
eine Anstalt für erwachsene Madchen bedeutet Es sei in folgen- 
dem die Organisation der Töchterschulen in aller Kürze skizziert: 
Höhere Töchterschule der Stadt Zürich. 3 Abteilungen: L 4 Seminar- 
klassen (mit sechsklassiger Obungsschule), Spezialabteilung für 
Maturandinnen. IL a Handelsklassen, in. 3 Fortbüdimgsklassen 
und periodische Kurse zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen 
und Haushaltungslehrerinnen. Zum Eintritt in die unterste Klasse 
jeder Abteilimg ist das zurückgelegte 15. Alter^ahr und der 
Ausweis über dreijährigen Sekundarschulbesuch erforderlich. Die 
Aufnahme erfolgt auf Grund einer Prüfung. Der Unterricht ist 
unentgeltlich. Die höhere Töchterschule Winterthur, deren 
Seminarabteilnng eingq;angen ist, besteht nur aus zwei Jahres- 
kursen. Die lyOberldassen der städtischen Mädchensekundar- 
schule'' Bern enthalten a) Fortbüdungskurse, z event a Jahres- 
klassen, b) Lehrerinnenseminar, 3 Jahreskturse. c) Handels- 
schule, 2 Jahreskurse. Eintritt zurückgel^es 15. Altersjahr. Die 
Töchterschule Basel schliesst unmittelbar an die vierklassige 
Primarschule an und besteht aus a Abteilungen: die untere 
Töchterschule als Parallelanstalt zur obligatorischen Sekundär- 
schule, mit 4, die obere mit a Jahresktu^en. Im Anschluss an 
die a. Klasse der obem Töchterschule bestehen 3 Fortbildungs- 
klassen mit einer Gliederung in allgemeine, pädagogische und 
merkantile Kurse mit je 3 Jahresklassen. Der Eintritt in die 
Fortbildungsklassen erfolgt nach zurückgelegtem z6. Altersjahr. 
Es besteht femer eine Abteilung für Maturandinnen, sowie ein 
Jahreskiurs .zur Heranbildung von Kleinkinderlehrerinnen. Die 



Höhere Töchterschule Aarau ist in das vierklassige Lehrerinnen- 
Seminar eingegliedert (Töchterinstitut Aarau.) Die £cole 
sup^eure et gymnase de jeunes filles in Lausanne umÜBisst 
5 Jahreskurse: a) £coIe sup^rieure, Eintritt zz. Altersjahr, 
b) gymnase (Eintritt 15. Altersjahr) mit einer litterarischen von 2 
und einer kommerziellen Sektion von 3 Jahreskursen. Zum 
Eintritt in die £cole sup6ieure des* demoiselles ä NeuchAtel wird 
das 16. Altersjahr verlangt Sie zerfällt in eine Section littdraire 
und eine Section commerdale. Im übrigen können in der 
firanzösischen Schweiz die Oberklassen aller 6cöles secondaires et 
industrielles, sofern dieselben vier- oder fllnfklsssig sind, in den 
Organismus der höheren Töchterschule einbezogen werden, da 
sie ebenfalls wesentlich praktische . Ziele mit industrieller, kauf- 
männischer oder pädagogischer Tendenz verfolgen. (Morges, Lode, 
La Chauz-de-Fonds, Fleurier, Cemier u. a.) Die höhere Töchterschule 
der Stadt Genf bfldet die Oberstufe der £cole secondaire. Die 
Unterstufe, die division inff rieure, schliesst mit 3 Jahreskursen an 
die ftlnfte Stufe der Primarschule an. ' Eintritt mit dem za. Alters- 
jahr. Die division sup6ieure besteht aus 3- Abteilungen, a) section 
litt^raire, b) section p^dagogique mit je 4 Jahreskursen, c) section 
commerdale mit 2 Jahreskursen. Es besteht eine Abteilung für 
Maturandinnen, femer, wie in Neuenburg und Bern, eine Fremden- 
klasse. 

Was den Lehrplan der Fortbildimgsklassen (Section litt^raire) 
betrifft, so sind Schfllerinnen unter z8 Jahren an der Töchter- 
schule Zürich zum Besuche von mindestens 3 Fftchem, worunter 
ein Sprachfach sein moss, verpflichtet, im übrigen ist ihnen die 
Auswahl der Fächer freigestellt Ältere können als Hospitantinnen 
auch nur einzelne Fächer besuchen. Auch die übrigen Töchter- 
schulen haben nur ein beschranktes Obligatorium und untere 
scheiden ebenfalls zwischen Schülerinnen und Hospitantinnen 
(internes et externes). Der Lehrplan f&r die Fortbildimgsklassen 
der höheren Töchterschule Zürich (vom Z5. Dezember Z898) 
stimmt im Wesentlichen mit den Plänen der übrigen Töchter- 
schulen überein, es sd daher anstatt einer ausführlichen Zu- 
sammenstellung bloss auf die wichtigsten Unterschiede aufmerksam 
gemacht 



Haadboch d«r Fraa«Bb«w«fiiBf. TEL TtQ. Z5 






r. 






f 



1- 

f 



Hebere Töchterschule der Stadt Zürich. 

Lehrplan der Fortbildangiklatien. 

^- a. 3. 

Klaaie Klasse Klasse ^^^ 

Deutsche Sprache . • • 4 4 4 za 

Französische Sprache • • 3 3 .3 9 
Französische Kon- 

versation z z z 3 

Englische Sprache ... 3 3 3 9 

Englische Konversation • »- z z a 

Italienische Sprache • • 3 4 3 zo 

Italienische Konversation, — » z . z 

Rechnen und Buchhaltung 3 — — ' 3 

Erziehungslehre • . • . — 2 a 

Geschichte 2 2 4 

{ Geographie 2 2 4 

^ Kunstgeschichte .... — 2 2 4 

i Physik 2 — — 2 

* '--— a - - a 



Hygiene . • — — a 2 

Zeichnen 2 2 2 6 

r: Leibesübungen 2 2 4 

Sticken a 2 2 6 

Weissnflhen 2 2 a 6 



*" Das Fach der Erziehungalehre fehlt in den Lehrplanen von 

Basel und GenC Kunstgeschichte, LeibesQbungen in Basel, Hand- 
arbeit in Winterthur, Aarau, Basel, Neuenburg, in Genf wird 
neben Handarbeit auch Hauahaltungakunde gelehrt, Demente der 
Rechtskunde werden in Genf und Neuenburg geboten. 

FOr die höhere Ausbildung der katholischen weiblichen 
Jugend aorgen in der Innerschweiz die Aeodosianischen Lehr- 
achwesteminstitute von Cham, Menzingen Ingenbohl u.a. Ebenao 
werden in Tessin zalüreiche Mädchenprivatachulen von Lehr- 
achwestem geleitet Einen Einblick in die Bedeutung dieser 
Anstalten fOr die katholische Schweiz geben die folgenden An* 
gaben Ober das 9Töchteq>ensionat und Lehrerinnenseminar 
Menzingen, Kanton Zug', (aus dem XXXVH 
Z900/Z90Z). 



Den Haushalttingikurs besuchten 99 

den Vorbereitungskars (Primär- 

schale) 56 « ... In 3 Abteiinngen« 

die Realschule (Sekundärschule) 92 , ... in 3 Tn»mf^n^ 

den Kurs in französischer 
Sprache (Fortbildungs- 
klassen) 45 ^ ... in 3 Abteihingen, 

(samtliche Sprach- und Real- 
fitoherwerdenausschliesslich 
in französischer Sprache be- 
handelt) 

dasdeutscheLehrerinnenseminar 224 .9 . • . in 4 K^rtrr. 

336 Zöglinge. 



Mit Rflckaicht auf die Anforderungen der eidgenössiachen und 
kantonalen MatuiitatsprQfung ist zur Zeit für die Maturandinnen 
an der höheren Töchterschule in Zürich nachfolgender Lehrplan 
obligatoriach: 

Lehrplan fOr die Maturandinnen: 

^- ^ 3- 4- n» 1 

Klasse Klasse Klasse Klasse ^^^ 

Deutsche Sprache ... 5 5 5 4 29 

Französische Sprache .4 4 3 3 24 

le Sprache. . • 3 2 3 2 20 

Sprache . . 4 4 4 4 26 

Mathematik 5 4 4V1 5 28Vt 

Naturkunde 4 3 5 5 27 

Naturwissenschaftliche 

Übungen — — — 2 2 

(Seschichte '»3 3 3 3 xa 

(Geographie 2 2 1 2 6 

(Sesamtzahl der obligaten 
Stunden 30 27 aBVt a6 222VS 



Die Maturandinnen erhalten nur in Latein, m analj^tischer (Geometrie 
(2 Vi Stunden) und teilweise im Englischen (Vt Stunde) getrennten Unter- 
richt; im Qbrigen werden sie mit den Seminaristinnen, im Englischen 
vom dritten Schu^ahr an mit der dritten Fortbildungsklasse 
vereinigt 



Abteilung f&r Maturandinnen wie in Zürich (seit 2883), 
besteht in Lausanne, in Basel und Grenf, (Cours de raccordement 
avec l'universitö). In Genf ordnet ein detaillierter Plan den 

15* 



betreffenden Bildungsgang für die zukünftigen Philosophinnen, 
Juristinnen, weiblichen Mediziner, In dem Zeitraum von 1883 bis 
Z899 haben 50 Schülerinnen der Maturandenabteilung in Zürich 
sich der eidgenössischen Maturitätsprüfung unterzogen und dieselbe 
mit Erfolg bestanden. Mehr und mehr öffnen sich den Mädchen 
auch die Gynmasien, so Bern seit 2893, Winterthur, Solothum Z900, 
Schaffhausen, St Gallen, Aarau 190a. 

Neben den Handelsabteilungen der höheren Töchterschulen 
von Bern, Zürich, Neuenburg, Genf, der 6cole mtoag&re von Genf 
mit Handelsklasse und der Mädchensekundarschule Biel, nehmen 
nun* auch Anstalten, die für Schüler männlichen Geschlechts 
bestimmt sind (Aarau, St Gallen, Lode, Winterthur, Solothum), 
Mädchen au£ Ebenso ist die in St Gallen gegründete staatliche 
Vericehrsschule und Akademie für Handel, Verkehr und Verwaltung 
auch weiblichen Personen geöffnet Der Unterricht in der Handels- 
abteilung der H. T. Seh. 21ürich erstreckt sich auf folgende Fächer : 
Deutsch, Französisch, Italienisch, Mathematik, kaufinännisches 
Rechnen, Buchhaltung, Handelskorrespondenz, Handelsgeographie, 
Handels- und Wechselrecht, Warenkunde, Maschinenschreiben, 
Stenographie, Schönschreiben, Kontorarbeiten. Zur Einführung in 
die kaufmännische Praxis besteht ein Obungskontor; in Bern, wo 
eine ähnliche Einrichtung vorhanden ist, können überdies im 3. Jahres- 
kurs die Nachmittage dem praktischen Dienst in einzelnen Geschäfts- 
häusern gewidmet werden. Seit Frühjahr 1897 sind in Zürich 
auch kau&nännische Fortbildungskurse für Handelsgehiliinnen 
(Frühkurse) eingerichtet worden. Die meisten Mädchen-Handels- 
schulen machen Anstalten, einen dritten Jahreskurs einzufiihren, 
da sie durch einen solchen Ausbau der Bundessubvention tdl- 
haftig werden. 

Die Zahl der weiblichen Lehrkräfte an den höheren Töchter- 
schulen ist unbedeutend und wird in eine merkwürdige Beleuchtung 
gerückt durch die Thatsache, dass den Frauen an den Universitäten 
des Landes schon seit Jahrzehnten das akademische Studium frei- 
g^eben worden ist Zwar ist es nicht bloss der Mangel behörd- 
licher Aufmunterung, welcher die Töchter des Landes davon abhält, 
sich dem akademischen Lehrberufe zuzuwenden. Die Bestrebimgen, 
den weiblichen Lehrkräften auf dem Boden der Sekundärschule 
und hohem Töchterschule ein schönes Arbeitsfeld zu sichern, sind 
von der Frauenwelt, resp. von organisierten Vereinen vorerst niu- 
schüchtem an Hand genommen worden. In Zürich wird von 
Lehrerinnen in Handarbeit, Sprachen und Zeichnen imterrichtet. 



von einer Arzdn in Hygiene, einer Juriatin in Handels- und 
Wechselrecht, in Aarau treffen wir drei weibliche Lehrkräfte für 
Geschichte und Kirchengeschichte, Turnen und Sprachen, an der 
oberen Töchterschule Basel nur fOr Handarbeit und Tiumen u. s. w. 
An der unteren Töchterschule Basel wirken z8 weibliche Lehr- 
kräfte, an der oberen 6, in den Fortbildungsklassen i, in 
Bern a. Dafllr besteht in Genf und in der Waadt auch filr die 
höheren Töchterschulen noch die ehrwürdige Institution der Auf- 
sichtsdamen, der «maltresses d'^tudes charg6es de la direction des 
d&ves au point de vue öducatiü' Dass unter solchen Verhältnissen 
der weibliche Einfluss auch in der Leitung und Beaufsichtigung 
der Schulen noch wenig zur Geltung kommt, ist einleuchtend. Den 
guten Willen wenigstens bekundet das Reglement des Töchter- 
instituts Aarau. Dasselbe bestimmt, dass das Rektorat von einem 
Lehrer oder einer Lehrerin bekleidet werden könne. In der Auf- 
sichtskommission der höheren Töchterschule Zorich sitzen neben 
13 Männern 2 Frauen als gleichberechtige Büßlieder, in Bern 
beaufsichtigt ein Frauenkomitö die weiblichen Arbeiten, die 
hauswirtschafUichen Kurse und ^das innere Leben der Anstalt '^ 



Lefarerinnenbildungsanstalten. 

Es bestehen gegenwärtig folgende Anstalten zum Zwecke der 
Ausbildung von Lehrerinnen (die erste Ziffer bedeutet das Ein- 
trittsalter, die zweite die Zahl der Jahreskurse): a) selbständige 
Seminarien: Kanton Bern Hindelbank (16 ni), Delsberg (15 TU). 
Tessin Locamo (15III). Waadt Lausanne (16 m). Wallis 
Deutsches Lehrerinnenseminar Brieg (x6 U) französisches 
Lehrerinnenseminar Sitten (15 II). £cole normale Neucbätel (15 III) 
b) als Abteilung einer höheren Töchterschule: Zürich (15 IV), 
Aarau (15 IV), Bern (15 m), Genf C15 IV), Basel (16 JE). Staat- 
liche Anstalten sind die Seminarien von Hindelbank, Delsberg, 
Locamo, Lausanne, Brieg, Sitten, Neuchätel, Genf, Basel Das 
früher allgemein übliche System der Trennung von Lehrer- und 
Lehrerinnenbildung wird mehr und mehr durchbrochen. Fol- 
gende staatliche Lehrerseminarien sind auch weiblichen Zöglingen 
geö&et: Küsnacht (Kanton Zürich 15 IV), Solothum (pädago- 
gische Abteilung der Kantonschule, Mariaberg (St Gallen), Chur 
(Graubünden, pädagogische Abteilung der Kantonsschule), Schaff- 
hausen (pädagogische Abteilung des Gymnasiums), Wettingen 



— 930 — 

(Kanton Aargau). Als Privatseminarien bestehen die «Neue 
Madchenschule Bern", die £cole secondaire et normale de St- 
Ursule k Fribourg und die Lehrschwesteminstitute der Inner- 
schweiz: IngenbohL Melchtal, Menzingen u. a. 

In den gemischten Seminarien ist selbstverständlich der Lehr- 
plan für beide Geschlechter derselbe. In den Kantonen Zorich, 
Aargau, Solothum, Thurgau kennt man nur ein JLehrerpatent', 
demzufolge sind die PrQiungen für beide Geschlechter dieselben- 
Die Qbrigen Bildungsanstalten für Lehrerinnen weisen teilweise 
nicht unbedeutende Unterschiede auf vom Lehrplan der Seminarien 
üQr das männliche Geschlecht Das Unterrichtsgesetz des Kantons 
Bern bestimmt» dass in den Lehrerinnenseminarien Modifikationen 
eintreten können, sofern es zulassig erscheine mit Rück- 
sicht auf die spätere Stellung und Aufgabe der Lehrerinnen. 
So sind die weiblichen Arbeiten Prüfungsfach in den 
bemischen Seminarien, auch in Luzem, Freiburg und der ganzen 
Westschweiz, in Freiburg wird zudem Ausweis Qber Aeoretische 
und praktische Haushaltungskunde verlangt Im Qbrigen sind in 
diesen Kantonen eine Reihe von Modifikationen in der PrQfung 
zulassig, ja vorgeschrieben, welche selbstverständlich die An- 
stellungsverhältnisse der Lehrerinnen beeinflussen und das 
Wirkungsfeld derselben mehr oder weniger beschränken. Im 
Kanton St Gallen gelten die PrimarlehrerprQflingen auch für 
Lehrerinnen, werden jedoch f&r solche an unteren Mädchen- 
schulen reduziert Atmliches ist aus den Elantonen Zug, Luzem, 
Waadt und Neuenbiu^ zu berichten. 

In einigen Kantonen mOssen die Kandidatinnen, Qbrigens auch 
die Kandidaten, durch das Feuer mehrerer Prafungen, um endlich 
beim definitiven Patent und bei der definitiven Anstellung zu 
landen, (Freiburg, Wallis, Genf, Schaffhausen). Der Kanton 
Wallis erteilt auf Grund der PrQfung zunächst ein provisorisches 
Patent, das zum Schulhalten auf ein Jahr berechtigt dann ein 
temporäres mit vierjähriger Dauer und endlich auf Grund einer 
neuen PrQfung das definitive Patent Im Kanton Genf können 
Lehrerinnen (wie Lehrer) nur Anspmch auf eine Primariehrer- 
steOe erheben, wenn sie, im Besitz des Fähigkeitsausweises, eine 
praktische Probezeit (stage) von mindestens i Jahr durchgemacht 
und nach Beendigung der »stage" eine PrQfiing ihit Erfolg 
bestanden haben. Die stagiaires haben sich auszuweisen Qber den 
einmonatlichen Aufenthalt in einer Kleinkinderschule, femer Qber 
den Besuch besonderer Normalkurse in den Schulfilchem, sowie 



— «31 — 

eines Kurses im Zuschneiden und NAhen. (Lehrer: Handfertigkeit 
und Gartenarbeit) Nach erfolgreich bestandenem Schlussezamen 
werden die Kandidaten zunächst zu sous-r^gents oder sous- 
r^gentes ernannt, spater zu r^gents und r^gentes. Eine jQngst 
eingebrachte Gesetzesvoriage, betr. Schaffung eines brevet supdrieur 
pour I'enseignement primaire, mit etwelcher Gehaltsaufbesserung, 
wird nach Inkrafttreten die Lehrerschaft ermutigen, die Bildung 
an der Universität zu vervollständigen. 

Da nur wenige Kantone (Bern, Basel, Schafihausen) die An- 
stellung von Lehrerinnen auf höheren Schulstufen (Sekundär- 
schule, Blittelschule) gesetzlich in Aussicht genommen haben, so 
reduzieren sich die Bemerk u ngen hierOber auf einige Einzelheiten« 
Die Ausbildung der Sekundaiiehrerinnen im Kanton Bern erfolgt 
wie die der Lehrer an der Hochschule Bern. For die Studien ist 
ein detaillierter Plan festgesetzt Bewerber um das Sekundar- 
lehrerpatent haben als Zeugnisse Ober ausreichende Vorbildung 
ein Maturitätszeugnis oder ein Primarlehrerpatent vorzulegen 
sowie Ausweise Ober zweijährige akademische Studien und über 
ein Jahr praktischen Schuldienst Von den Lehrerinnen wird 
auch noch eine Prüfung in weiblichen Arbeiten verlangt zum Aus- 
weis über die BefiLhigung für den Arbeitsunterricht in der 
ICädchensekundarschule. Ahnlich sind die Verhaltnisse in Basel 
geordnet An der Hochschule Zürich bilden sich Lehrerinnen 
namentlich in Sprachen als Fachlehrerinnen fikr die Sekundärschule 
und höhere Schulen aus. 



Universität 

Das eidgenössische Polytechnikum in Zürich, sowie die Hoch- 
schulen Zürich, GienC Bern stehen den Frauen unter denselben 
Bedingungen offen wie den Männern. Der Eintritt ins Poly- 
technikum ist abhängig vom zurückgelq^ z8. Altersjahr und 
der Vorweisung eines Maturitätszeugnisses schweizerischer Blittel- 
schulen oder dann von einer Aufhahmsprüftmg. Auditoren mit 
zurückgelq[tem x8. Altersjahr und genügendem Sittenzeugnis können 
die Voriesungen der 7. Abt (allgemein bildende Fächer) besuchen. 
Das neue Reglement betreffend die Aufiiahme von Studierenden 
an der Hochschule Zürich (§§ 140 und 14z des Gesetzes vom 
z8. Mai 1873) vom 17. Februar 1900 verlangt Ausweis über 
zurückgelegtes z8. Altersjahr. Aspiranten, welche Maturitäts- 



zaignisse der Gymnasien von Zflrich und Winterthur oder das 
Reifezeugnis der eidgenössischen Maturitätskonimission oder an* 
erkannt gleichwertige Zeugnisse in- und auslandischer Gymnasien 
besitzen, können ohne Einschränkung, Inhaber des zQrcherischen 
Lehrerpatentes an der philosophischen Fakultät L Sektion und an der 
staatswissenschaftlichen Fakultät immatrikuliert werden. Bewerber 
mit xmgenQgenden Bildungsausweisen haben sich einer Aufiiahme* 
prQfung zu unterziehen, fremdsprachliche Kandidaten dabei ins- 
besondere den Nachweis genOgender Beherrschung der deutschen 
Sprache zu leisten. Diese verschärften Bestimmungen bewirkten 
einen nicht unbedeutenden Rückgang in der Frequenz der 
Universität, da sich Studierende fremder Zungen nunmehr andern 
schweizerischen Universitäten zuwenden. In Bern ist zur Imma- 
trikulation Bescheinigung guter Sitten und das zurOckgelegte 
z8. Altersjahr erforderlich, femer ein Gymnasialzeugnis der 
Reife oder dann Bestehen einer PrQfung. Weibliche noch nicht 
majorenne Personen müssen eine beglaubigte Bewilligung ihrer 
R^htsvertreter vorweisen. «Versuchsweise bis auf weiteres" 
können an der Universität Basel Schweizerinnen und solche 
Ausländerinnen, die ihre Ausbildung in Basel erhalten haben, 
zur Immatrikulation zugelassen werden, wenn sie das z8. Lebens- 
jahr zurQckgelegt haben und ein Maturitätszeugnis vorweisen« 
Blinorenne haben auch die zusthnmende Eridärung des Vaters 
oder Vormundes einzubringen. Der Besitz des Lehrerinnen- 
patentes für Primär- und Blittelschulen berechtigt zum Besuch 
einzelner Vorlesungen, aber nur bei der philosophischen Fakultät 
Die Universität Freiburg (ohne medizinische Fakultät) lässt 
Frauen nur als Hörerinnen zu. An der Universität Lausanne 
giebt das Diplom der Gymnasialklassen der hohem Töchterschule 
Lausanne das Recht zur Immatrikulation. Nichtwaadtländerinnen 
haben ein Maturitätszeugnis vorzul^en oder sich einer PtOfung zu 
.unterziehen. Als Auditorinnen werden Abiturientinnen höherer 
Mädchenschiüen zugelassen. 

Die Akademie Neuenburg lässt Studierende zur Imma- 
trikulation zu mit zurQckgelegtem z8. Altersjahr und verlangt hier- 
für dn Maturitätszeugnis oder einen anderen gleichwertigen 
Studienausweis anderer Kantone und Länder oder eine Aufiiahms- 
prüfung. Die Aufnahme unter die Studierenden an der Hoch- 
schule Genf geschieht auf Grund von Examen oder von 
Maturitätsausweisen, die für beide Geschlechter die nämlichen 
sind. 



— 233 — 



Ober die Entwicklung des Frauenstudiums orientieren nach- 
stehende Tabellen: 



Semester 



WeibL Studierende 
Oberhaupt 



Hocpi- 



Total 



Von den 

Studierenden 

waren 



Sommer 2901 
Winter igoo/igoi 
Sommer 1900 • • 
Winter 1899/1900 
Sommer 2899. • 
Winter 1898/2899 
Sommer 2898 . . 
Winter 2897/2898 
Sommer 2897 • . 
Winter 2896/2897 
Sommer 2896 . . 
Winter 2895/2896 
Sommer 2895 • • 
Winter 2894/2895 



805 
954 
«5 
677 

549 
555 

474 



orfi 

575 

223 

453 



3ßa 



397 

391 

37a 

393 

347 
36a 



341 
158 

337 
28a 

«45 

144 
338 



Z0Q3 
2499 

878 
2230 

782 

937 
070 

843 

555 

798 

554 

491 
600 



223 

93 

99 

•78 

82 

74 
56 
54 
5^ 
42 

45 
42 
38 



74X 

572 

578 

471 

473 
400 

446 
343 
34z 
33z 
348 



Zur Vergleichung mögen noch Frequenzzahlen aus firflheren 
Jahren dienen: 



Semester 



WeibL Studierende 
Oberhaupt 



Hofpi* 
lantinnen 



Total 



Von den 
Studierenden' 
waren 



Sommer 2892. 
Winter 2890/92 
Sommer 2890. 
AAHnter 2889/90 
Sommer i&Qg, 
Winter 2888/89 
Sommer 2888. 
Winter 2887/88 
Sommer 2887. 



282 
290 

159 
26a 

153 
26a 

222 



72 
X73 

64 
269 

37 



297 
402 

248 

356 
296 
^o 



53 
78 
46 



240 
267 



22 
a6 

H 
26 

15 
26 

32 
X9 

H 



267 

174 
144 

246 



X43 
207 



i 



— ^34 — 



Ober das oumeriscbe Verhältzus der weiblichen Studierenden 
zu den männlichen giebt die Statistik folgende Auskunft: 



Sommer Z90Z 
Winter zpoo/oz 
Sommer 2900 
Winter 2899/00 
Sommer 28^ 
Winter 2898/99 
Sommer 2898 
Winter 2897^ 



Sommer 2902 
Winter 2900/02 
Sommer 2900 
Winter 2899/00 
Sommer 2899 
Winter 289^99 
Sommer 2898 
Winter 2897/98 



Basel ZQrich 



624(24) 

696(45) 
593(38) 
604(38) 
586(27) 

559(35) 
5^9(1«) 
524(13) 



869(200) 
896(222) 
832(207) 

939(348) 
825(209) 
874(^02) 
804(294) 
876(226) 



Lsttsanne 

692(232) 
722(279) 
642(220) 
620(233) 

556(96) 
602(230) 

584(84) 

539(95) 



Freiburg 

345(Z3) 

380(7) 

359(13) 
373(18) 

353(5) 
402(25) 

384(9) 
417(43) 



Bern 

22^(322) 
2^39(382) 
2044(220) 
2020(^30) 
9P3(i66) 
872(272) 

770(130) 
7^3(135) 

Neuenbürg 

167(45) 
227(98) 

145(33) 
204(77) 

156(43) 
183(52) 
149(31) 
171(45) 



Genf 

2016(358) 
2252(496) 

936(263) 

1054(390) 

902(229) 

948(292) 

870(226) 

2006(296) 

Total 

4878(2083) 
5302(2429) 
4549(878) 

4804(1134) 
4282( 775) 

4438(937) 
4090(676) 

4316(843) 



(Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die weiblichen 
Besucher [Stud. und Hosp.] und sind in der Hauptzaiil in- 
hcgriStiL) 

Auf die Fakultäten verteilte sich die Frequenz im Sommer- 
Semester 2902 in folgender Weise: 

Theologie 302 ( 2 weiblich) 

Rechtswissenschaft . . . 842 (29 , ) 

Medizin 2448 (530 « ) 

Philosophie 2287 (533 , ) 

Im Wintersemester 2902/02 studierten an der Hochschule 
ZOrich an der staatswissenschaftlichen Fakultftt 4 Frauen (Aus- 
lAnderinnen), an der medizinischen 78 Frauen (wovon 20 Schweize- 
rinnen) an der L Sektion der philosophischen Fakultät ao Frauen 
(davon 22 Schweizerinnen), an der IL* Sektion 29 Frauen 
(darunter vier Auslanderinnen). Die Hochschule Bern zahlte 
an der juristischen Fakultät 3 Frauen, an der medizinischen 
288, an der philosophischen 78. 



An allen Bchweizerischen Universitäten und Akademien mit 
Ausnahme von Freiburg werden Frauen unter den gleichen 
Bedingungen wie die Mftnner zu den Examen zugelassen. Ebenso 
sind sie von der Bekleidung akademischer Amter prinzipiell nicht 
ausgeschlossen. Gegenwärtig wirken als Privatdozentinnen: an 
der Universität Genf Fri. Dr. A. Rodrigue für Botanik, an der 
Akademie Neuenbiu^ Frau N. Zebrowsky fiOr deutsche Sprache 
und Literatur, an der Hochschule Zürich Ö Frau Dr. A. Bjamason- 
Rittershaus für isUndische Sprache und Literatur. 




iOyi «taMT ZOrdMria (Ftaa Dr. jw. E. KoBpia) dto mia, teg«idi ftr dto 
Faknllit crtaüt wordn war. 



(^W^ 



Der Stand der Frauenbildun^ 

in Holland. 

Von Martina 6. Kramera. 



JL)er Stand der Mädchen-Erziehung in Holland ist ein deut- 
licher Beweis daf&r, wie es weit mehr die Sitte als das Gesetz 
ist, wodurch die Frau vor dem llanne und das Madchen vor 
dem Knaben zurQckgesetzt wird. Alle Universitäten, Gymnasien, 
mittleren und Dementarschulen sind, soweit das Staatsgesetz in 
Betracht konmit, fOr Schüler beiderlei Geschlechts zugänglich. 
Die Anzahl der Mädchen ist aber nur beim Elementarunterricht 
der der Knaben imgefiLhr gleich, während dreimal soviel Knaben 
als Mädchen mittleren Unterricht empfangen, imd unter den etwa 
3000 Studenten nur 100 weibliche sind. Dieses Verhältnis hat 
sich allerdings in den letzten Jahren schnell zu Gunsten der Frauen 
verändert, und vielleicht ist die Zeit nicht mehr so ganz fem, wo 
das Wort, »vom Mädchen reisst sich stoU der Knabe', keine 
Geltung mehr haben wird. 

Erst seit Januar 1901 sind alle Eltern verpflichtet, ihren Kindern 
unter za Jahren Unterricht geben zu lassen. Es giebt in Holland zwei 
Arten von Schulen: öffentliche, die der Staat einrichtet imd unter- 
hält, und freie Schulen, die mit ihren eigenen Bütteln wirtschaften. Von 
jedem {«ehrer jedoch wird, sobald er Kinder aus drei oder mehr 
Familien unterrichtet,*ein staatlicher Befähigungsnachweis gefordert 
Ausserdem sind alle niederländischen Schulen in drei Arten ein- 
geteilt: Elementarschulen, Mittlere und Hohe Schulen. Diese drei 
Kat^orien sind durch drei besondere Gesetze geregelt und ver- 
langen je eine besondere Beflhigiing von den Lehrern. 

Berufsbildung der Mädchen. 

Der Fachunterricht fällt in den Bereich des Elementargesetzes, 
soweit man nicht die Ausbildung für gelehrte, militärische und 
polytechnische Berufe dazu rechnet Von den pVt Millionen 
Gulden der Gesamtausgaben des Staates fOr Unterrichtszwecke 



— «37 — 

werden 2Vt Millionen auf den Fachunterricht verwendet, aber nur 
Vi, dieser Summe (d. h. f 905 656) kommt den Gewerbebildungs- 
schulen für Madchen zu Gute, während >Vit Ar die Fachbildung 
der Knaben, der künftigen Erhalter der Familie, bestimmt sind. 
Von dieser f&r den weiblichen Fachunterricht bestimmten Summe 
unterhalt der Staat zwei Bildungsanstalten für Geburtshelferinnen 
mit zwdjAhriger Studienzeit in Amsterdam und Rotterdam und 
ein Seminar für Lehrerinnen in Apeldoom; er gewahrt fbnf 
Industrieschulen fOr Mädchen je eine jährliche Zulage von f 4000 
und einer der drei Bildungsschulen für Kindergärtnerinnen 
f 450a Im Qbrigen beschäftigt sich der Staat gamicht mit dem 
Kindergartenwesen, bä dem ja nur weibliche Lehrkräfte thätig 
sind, und Qberlässt den Unterricht von Kindern unter 6 Jahren 
den Gemeindevorständen und der Gesellschaft zum allgemeinen 
Nutzen.*) 

Die fünf Industrieschulen geben vornehmlich Unterricht im 
KostOmnähen, Musterzeichnen, Sticken, Bügeln, Plätten, zuweilen 
auch in der Buchfilhrung und in Amsterdam auch im Apotheker- 
fach. Die Rotterdamer Industrieschule hat fllr ihre Einsendung 
auf der Pariser Ausstellung 1900 die höchste Anerkennung 
gefunden. Sämtliche Industrieschulen zählten am x. Januar 1899*) 
Z036 Schtüerinnen ; da aber die Staatszulage nur etwa die Hälfte 
beträgt von der Summe, die f&r die Gewerbeschulen für Knaben 
verausgabt wird, und auch die städtischen Zuschüsse in demselben 
Verhältnis stehen, so sind die weiblichen Fachschulen grösstenteils 
auf Beiträge von Privaten angewiesen, und das macht das Schul- 
geld hoch und das Gehalt der Lehrerinnen gering. In Rotterdam 
z. B. ist das Schulgeld fiOr die Schülerinnen der Industrieschule 
f 90, während es für die Schüler der Gewerbeschule jährlich f 5 
beträgt. 

Die Koch- und Haushaltschulen, deren wir in Holland 
acht besitzen, erhalten gar keine Staatszulage, und nur zwei von 
ihnen werden von der Stadt, in der sie eingerichtet sind, mit 
f xooo jährlich subventioniert Die Schulgelder der Schülerinnen 
müssen also die Kosten decken, und daher gehören die Pensio- 



I) Skte ttbcr KindcrfirtaD S. z), No. 6 der Boofrasibcridits tob der Anwfllimy 
ftr FruMoarbait 1898, ODdcrwiJakoDfrat. W. Veralnja, Amacerdam. 

i) llaatachappij tot Nm vaa *t AlfaaMaa, bafittndat 1784. Daa Geaalt dar Voraieba- 
Ib dao XiadCTfirtaB batttgtfaoo 350, alao iaat dia Hilft« daa aam La b a uai i mtf h a h 



^ Der Raidiajahreabericht Ober den UoteRicht 1899/1908 liegt noch nicht vor. leh 
Bicfa alao Bit des Aagabea daa TorifiB Jahrca b a fnoga« . 



— 238 — 

närinnen meisteiis den wohlhabenden Standen an. In Amsterdanit 
Utrecht, den Haag und Rotterdam bestehen auch Kurse für 
DienstmAdchen. Unentgeltlicher Kochunterricht wird aber bat 
noch nirgends erteilt, so sehr man auch versucht hat, dieses 
Fach in den Fortbildirngsunterricht für Kinder, welche die Schule 
schon verlassen haben, hereinzuziehen.*) 



Man sieht, dass sich bei uns der Staat eben nicht viel 
kOmmert um die Ausbildung der Madchen für einen Beruft der 
ihnen ihren Lebensunterhalt gewahrt 

Eine Ausnahme * macht man jedoch in Bezug auf die Aus» 
bildung der Lehrerin. In diesem Beruf hat sich die Frau 
bereits einen bleibenden Platz erobert, und man sieht ein, dass es 
im allgemeinen Interesse ]iegt, sie ihrem mannlichen Koliken 
gleich zu befähigen und zu besolden. Schon bei der Einrichtung 
der heutigen LehrerprQfungen, vor etwa f&nCdg Jahren, wurden die 
Anforderungen zur Erlangung des Lehrerdiploms fOr beide 
Geschlechter gleichgesetzt Auch sind die Gehalter in den Staats- 
schulen s^eich, wenn auch nicht in allen stadtischen und privaten 
Schulen, und bietet der Staat mannlichen und weiblichen Zöglingen 
die gleiche Gelegenheit, sich für das Examen zu befthigen. Es 
giebt zwar sechs von Staatsw^en eingerichtete Lehrer- 
Seminare mit 496 Schüler und nur ein Lehrerinnenseminar mit 
ungefähr aoo Schülerinnen; doch ist die Ausbildung die gleiche. 

Nach Artikel 12 des Gesetzes für den Elementarunterricht 
giebt es drei Wege der Vorbereitung für den Lehrberufl Die 
beste Ausbildimg gewahren die Lehrerseminare. Sie nehmen 
ihre Zöglinge vom 24. bis zum z8. Jahre auf und unterrichten 
sie, auf der Dementarschule aufbauend, in Lesen, Schreiben, 
Sprachlehre, Zeichnen, Rechnen, Geographie, Landesgeschichte, 
Naturgeschichte, Pädagogik und Singen. Der Unterricht wird 
hier von den besten Fachlehrern, im Lehrerinnenseminar bat 
ausschliesslich von Lehrerinnen gegeben , und die Schüler werden 
auf den zugehörigen Obungsschulen in die Praxis eingefOÜirt 
Mangelhafter ist die zweite Art der Vorbildung durch sogenannte 
.Normalstunden', die in jeder grösseren Stadt auf Kosten der 
Gemeindekasse oder, wenn sie konfessionell sind, von einzelnen 



I) Jahnsbcfidit 1899 d« Vcrdas ftr FnuMBwdÜ In 



— 339 — 

Borgern eingerichtet werden. Dort geben einige Hauptlehrer 
nach Ablauf der Schule abends etwa zwei Stunden Unterricht, 
der filr die Zöglinge unentgeltlich ist Hier werden meistens 
Knaben und Mädchen, die von ihrem vierzehnten Jahre an in 
städtischen Schulen als StQtzen des Lehrers angestellt sind, für 
das Examen vorbereitet; jedoch sind junge Leute, die nicht 
praktisch in der Schule arbeiten, nicht ausgeschlossen. Die 
Normalstunden bereiten auch zum Haupüehrerexamen vor. Dies 
Examen geht in seinen Anforderungen in allen Fächern etwas 
weiter und berechtigt zur Leitung einer Dementarschule. Auf 
dem platten Lande sind die Normalstunden nicht für jeden zu 
erreichen, zumal wo die Dörfer weit von einanderli^en; und 
hier sucht man die Ausbildung auf eine dritte Art zu gewähren, 
dadurch nämlich, dass der Vorsteher einer Schule den Aspiranten 
die zur PrOfimg erforderlichen Kexmtnisse beibringt; natOrlich 
aber ist diese Ausbildung nur selten den Normalstunden oder 
gar den Seminaren gleichwertig. 

Unter den Lehrerinnen ist der Prozentsatz derer, die das 
Haupüehrerdiplom besitzen, weit geringer als unter ihren männ- 
lichen Kollegen. Das kommt wohl daher, dass ihnen nicht 
gestattet wird, Vorsteherin einer Schule filr Mädchen und Knaben 
zu werden. Esgiebt infolgedessen bei uns nur 63 Vorsteherinnen 
von Staatsschulen gegen 3017 Vorsteher. Noch ein Hemmnis, das 
das Gesetz den Lehrerinnen in den Weg wirft, ist die Be- 
stimmung, dass sie in gemischten Schulen nur in Dementar- 
klassen Unterricht geben dOrfen. Diese Beschränkung drQckt ihre 
Einkünfte- auch herab; so bezieht z. B. in Leiden der Stell- 
vertreter des Vorstehers einer Schule erster Klasse ein Gehalt 
von f Z500, die Stellvertreterin der Vorsteherin dner Mädchen- 
schule gleicher Klasse aber nur f zaoa — Noch deuüicher tritt 
dieser Unterschied der Entlohnung hervor beim mittleren Unter- 
richt; vor ein paar Jahren z. B. wurde fOr die Höhere Töchter- 
schule in Rotterdam eine Lehrkraft gesucht mit der Bestimmung, 
dass das Gehalt f 2100 betragen sollte SOar den Fall, dass die 
Stelle durch einen Mann besetzt wQrde, und nur f 1800, falls es 
eine Frau wäre! Es wird aber schon anders; wir haben jetzt 
schon drei Lehrerinnen an Höheren Bflrgerschulen, in denen 
Knaben und Mädchen gemeinsam Unterricht empfangen, und das 
weitere Vordringen weiblicher Lehrkräfte wird unfehlbar auch 
die Forderung: «gleichen Lohn für Reiche Arbeit!' ihrer Er- 
fiUlung näher bringen. Eine Bestimmung, dass verheiratete Lehre- 



— 240 — 

rinnen nicht im Schuldienst bleiben können» besteht bei uns nicht. 
Von den 8 Vorsteherinnen von Staatsschulen in Rotterdam sind 
z. B. zwei 



Der ElementaronterrlcliL 

In der gewöhnlichen Volksschule, die unentgeltlich ist, sitzen 
Knaben und Mädchen bei einander; in den Städten aber sind sie 
geschieden, sobald die Eltern f 90 Schulgeld für jedes Kind bezahlen 
können. Die Fächer des Dementarunterrichts sind gesetzlich 
(Artikel 2) folgende: a) Lesen, b) Schreiben, c) Rechnen; die 
An£uigsgrOnde d) der niederländischen Grammatik, e) der Landes- 
geschichte, f) der Geographie, g) der Naturgeschichte, 
fa) Singen, i) Turnen, k) Handarbeiten fOr die Mädchen. 
In gehobenen Elementarschulen können ausserdem gelehrt 
werden: die Anfangsgründe des Französischen, Deutschen und 
Englischen, der Weltgeschichte, Geometrie, Landwirtschafts* 
künde. Die Elementarschule umfasst gewöhnlich 6 Klassen 
und beansprucht ihre Schüler vom 6. bis zum 12. Jahr. 
Der weitergehende Unterricht in der gehobenen Elementarschule, 
der beinah nirgends unentgeltlich ist, reicht zuweilen bis zum x6. 
und 17. Jahr. In den gemischten Schulen sind die Handarbeits- 
stunden ein Hindernis für den gemeinsamen Unterricht; wenn der 
Handarbeitsunterricht in die eigentliche Schulzeit fiült, so bleiben 
entweder die Mädchen in den Fächern zurück, die den Knaben 
in diesen Stunden beigebracht werden, oder diese werden mit 
überflüssigen Beschäftigungen hingehalteiL Ebenso bedenklich ist 
es aber, den Mädchen die freien Mittwoch- und Samstag- 
nachmittage zu rauben, die ihren Brüdern so schöne Gelegenheit 
zum Spielen im Freien lassen. Dem «Wiederholungsunterrichf 
(Fortbildungsunterricht), der abends Kindern, welche die Schule 
schon verlassen haben, gegeben wird, können die Handarbeiten 
nicht eingeordnet werden, denn der Wiederholimgsunterricht ist 
nicht obligatorisch, sondern fakultativ nach Gütachten des 
Gemeindevorstands und fängt erst nach dem zwölften Jahre an. 
Für je 55 Schüler fordert das Gesetz einen Lehrer. Wo also die 
Zahl der Schüler einer Stufe stark unter diesem Maximum bleibt, 
wie auf dem Lande und vielfach auch in konfessionellen Schulen, 
müssen Kinder verschiedener Stufen zusammen unterrichtet 
werden. 



— 241 — 

Zum Elementarscbulwesen gehören eine ganze Menge von 
Privatachulen und Pensionaten meist konfesaiondlen Chankten, 
die in den meisten Fallen nur für Knaben oder nur für Madchen 
eingerichtet sind. Von diesen Schulen sind 990 in den Händen 
von Lehrern, 470 haben Vorsteherinnen. Der Studienplan um- 
fitsst hier gewöhnlich drei fremde Sprachen, und es heirscht die 
mehr oder weniger bqrOndete Meinung, dass Mädchen besser 
Sprachen, und Knaben besser Mathematik und Physik lernen. 

Das Elementarschulwesen untersteht sowohl staatlicher als 
kommunaler Au&icht In vier Gemeinden sind Frauen in 
kommunale Schuldeputation gewählt worden. 



Der Sdcundär-Unterricht. 

Wenden wir uns nun zum Sekundflruntenicht, so finden wir 
für densdben Z2 höhere Töchterschulen vor; ausserdem sind die 
höheren Borgerschulen, 60 an der Zahl, in den meisten Fallen den 
Madchen zugänglich. Nur einzelne reaktionäre Gemeindevorstände 
haben ihre Erlaubnis verweigert 

In diesen mitderen Schulen soll Fachunterricht ausgeschlossen 
sein und nur allgemeine Geisteskultur angestrebt werden. Def 
Zweck der höheren Bflrgerschulen ist, ajtmge Leute auszurasten 
mit den Kenntnissm, die die heutige Gesellschaft von jedem 
gebildeten Mann fordert' Eben dasselbe sollen die höheren 
Töchterschulen für die jungen M ädchen leisten. JDiese An- 
forderungen aber,** bemerkte FrL Eidering, die auf dem 
Unterrichtskongress gelegentlich der grossen Ausstellung fbr 
Frauenarbeit im Jahre 1898 Ober die höheren Töchterschulen 
q)rach, „sind bei weitem nicht die gleichen. Die Gesellschaft ist 
der Meinung, dass die Frau weniger Verstand hat, als der Mann, 
deshalb lässt sie das Mädchen weniger lernen, und dass sie nach- 
her weniger weiss, bestärkt die Gesellschaft in dieser Meinung.** 
Dies mag wohl der Grund sein, dass man es mit den An- 
forderungen an SchQlerinnen und Lehrkräfte bei den höheren 
Töchterschulen weniger genau nimmt, sind doch die Untenichts- 
iächer und die Anzahl der Stunden in den la Schulen dieses 



<) Prot H. Trenb. Co-ednatioa. AattcrdaB 1898. 

Rede tob FrL K. Goadimit ia Nr. 6 der KoBffrteeberidtte der NatioaaJea Aue- 
«ttUoBf iQr FrancaerbeiL OBdenrijacoofrct. W. Vcnlujrs, AaeterdaB 1898. 

Haadbach der Fraaeabewef vaf. HL TeO. x6 



Namens ganz verschieden, tind fOar die Anstellung der Lehrkräfte 
genügt als Fahig^dtsnachweis das Hauptlehrerinnenzeugnis für den 
Elementarunterricht Indessen wird doch von dieser Konzession 
selten Gebrauch gemacht, da wir in Holland keinen Ifangel an 
Lehrerinnen mit dem Diplom f&r den mittleren Unterricht haben. In 
den Z2 bestehenden Töchterschulen wurden am z. Januar 1900 
im ganzen 1670 SchOierinnen von Z39 Lehrerinnen und 37 Lehrern 
unterrichtet In den StundenplSnenfehlennirgends die unvermeidlichen 
Handarbeiten, im Qbrigen weichen sie stark von einander ab; und 
sollte morgen irgend em Gemeindevorstand z. B. Klavierspielen 
einführen und daftkr Geographie streichen wollen, so könnte er 
das ruhig thun. Der Lehrplan der höheren BOi^gerschule ist auch 
für die Madchen massgebend mit Ausschluss jedoch der Mechanik 
und Technik, der Handels- und Staatswissenschaften, der Geologie 
Blineralogie, Kosmographie, des Figurenzeichnens u. s. w. 

Die Streichung dieser Fächer kann uns nicht wundernehmen, 
wenn wir bedenken, dass eigentlich die höhere BOgerschule ihren 
Schalem mehr giebt, als die angestrebte allgemeine Bildung, in- 
dem ihr Abiturientenzeugnis ihnen den Eintritt in die Ingenieur- 
oder Militärakademie, sowie die Aufiiahme des medizinischen oder 
pharmazeutischen Studiums und andrer BerufiMuten ermöglicht 
Das Zeugnis der Töchterschule aber hat nicht den geringsten 
Wert ßlr SchOierinnen, die einen Beruf eingreifen wollen, und das 
erklart, warum so viele Madchen lieber die Bürgerschulen be- 
suchen. Am z. Januar Z900 zählten letztere 7762 Schaler imd 
62z Schalerinnen. 

Da die höheren Bürgerschulen wie die Gymnasien in den 
meisten Fallen in den grösseren Städten vom Gemeindevorstand 
errichtet und tmterlialten werden, so liegt bei diesem auch die 
Entscheidung über die Zulassung der Madchen. Dieselbe wird 
meist nur gestattet unter der Bedingung, dass genügend Raimi 
vorhanden ist, damit nicht etwa ein Knabe durch ein Madchen 
verdrangt werden könne. Der Staat giebt fast allen höheren 
Bürgerschulen, aber kemer der höheren Töchterschulen eine Zulage. 
Darum ist das Schulgeld in den letzteren beinah überall f 60 und 
höher, wahrend die Schüler der ersteren f 30—60 bezahlen. Auch 
dieser Umstand fallt in diesem Falle zu Gunsten der Bürgerschule 
ins Gewicht und unterstützt somit die gemeinsame Erziehung der 
Geschlechter. 



— »43 — 

Der höhere Unterricht. 

Die dritte Stufe des Unterrichts, der höhere Unterricht, um- 
fksst Gymnasien und Universitäten. Hier finden wir keinerlei 
Anstalten, die nur für Mldchen bestimmt wflren. Vielmehr werden 
dieselben geduldet, und zwar auf allen 39 existierenden Gymnasien, 
zwei ausgenommen. Es würde auch wahrlich viel zu kostspielig 
sein, für so wenig SchQlerinnen eine eigene Schule zu bauen. Im 
Jahre 1899 waren 155 Madchen unter den 3967 Schfilem der 
niederländischen Gymnasien Bemerkenswert ist der schnelle 
Zuwachs, den die Zahl der SchQlerinnen im Laufe der Jahre 
eriUirt 

Fttr die Universitäten gilt dasselbe. 

Am z. Januar 1900 gab es 2750 Studenten und zoz einge- 
schrid>ene Studentinnen und 67 Zuhörerinnen an den drei staatlichen 
und der einen städtischen Universität, die Holland besitzt, ziemlich 
gleich Ober die Hochschulen verteilt Kein Professor darf ihnen 
den Zutritt zu den Voriesungen verweigern, welches auch 
seine persönlichen Ansichten in dieser NSnsicht sein mögen. Die 
meisten Studentinnen zählt die medizinische Fakultät; doch sind 
Frauen in allen Qbrigen Fakultäten, auch in der theologischen vor* 
banden. Bis jetzt ist noch keine Frau zur Predigerin ernannt, und 
ebenso wenig sind Frauen als Advokatinnen oder zum Untenicht 
an einem Gymnasium zugelassen. Gewiss aber wird das nicht 
lange dauern. Im Laufe dieses Jahres wird die erste Holländerin 
zum Doctor juri spromovieren; jedoch sind bereits zwölf Ärztinnen 
und mehrere Zahnärztinnen praktisch thätig. 

In Holland bildet also das Gesetz kein Hindernis für den 
Eintritt des Mädchens in die gelehrten Berufe, weit mehr thut dies 
das Vorurteil der Eltern. Die Frage, inwieweit sich die Frau zum 
Studium eigne, wird auch hier von den Professoren und 
Theoretikem eifirig debattiert >) Doch dringt das Bewusstsein 
mehr und mehr durch, dass die Mädchen ein gleiches Recht auf 
Bildung haben, wie ihre Brüder. 



>) De Vrovw cn d« Stndie, Debcttca im Verdn ftr FrsiMBw6hl n RatHrrtam. 



(5-"^^^ 




16" 



Die Frauenbildun^ in Gro^^britannien 

und Irland. 



Von Oflrtmd BAnmer. 



Litteratnr« 

In bezog auf die jOngste Geschichte und den gegenwärtigen Stand 



der Frauenbildung im britischen Königreich sind wir mit Litteratnr 
gut versorgt Eine ]dare, gut orientierende allgemefne Obersicht aber 
das ganze Gebiet des weiblichen Unterrichtswesens in England und 
Schottland giebt das Buch von C S. Bremner: Education of Giris 
and Women in Great Britain. London 2897. <— Ober dasselbe Gebiet 
orientieren einige Aufsatze in einem jQngst erschienenen Sammel- 
band: Education in the Nineteenth Century. Edited byR. D.Roberts. 
Cambridge zpoz. — Eine gute, wenn auch in einzelnem veraltete Dar- 
stellung des gesamten Unterrichtswesens von Grossbritannien und 
Iriand, allerdings mit nur flüchtiger BerOhrung der Universitftten, 
findet sich auch in der deutschen pädagogischen Litteratur, nAmlich 
im ÜL Bande von Schmid*s Encyklop&die des gesamten Erziehungs- 
und Unterrichtswesens, unter dem Stichwort pGrossbritannien und 
Irland' (S. zoo8~zz37). ^ Die Bestrebungen zur Hebung des 
Mftdchenschulwesens in den letzten 50 Jahren nach mehr historischen 
als statistischen Gesichtspunkten schildert das ausgezeichnete Buch 
von Alice Zimmern: The Renaissance of Giris' Education in England. 
London Z898. — Weniger systematisch und in den Einzelheiten nicht 
so klar und erschöpfend, aber immerhin als Orientierungsmittel 
verwertbar ist A. H. Schaible: Die höhere Frauenbildung in 
Grossbritannien, Karlsruhe Z894. — Eine kurze geschichtliche Dar- 
stellung der Frauenbildungsbewegung giebt Maria G. Grey in dem 
Buch von Theodore Stanton: The Woman Questkm in Europe. 
London Z884. — Schmid's Geschichte der Erziehung (Bd. Va, Smtt- 
gart igo2) enthalt eine Darstellung des Mftdchenschulwesens von Prof. 
Dr. A. Hamann, die ein sehr lebendiges Bild von dem inneren Leben 
der höheren MAdchenschulen giebt — Ober die ersten Kampfe der 
englischen Frauen um die Erlangung einer höheren Bildung berichtet 
Helene Lange: Frauenbildung. Beriin z888. — Als eine Magna 
Charta der Frauenbildungsbewegung in England sei das Buch von 
Emily Davies genannt: The Higher Education of Women. London 



— 245 — 

z866. <— Auch biographische Werke kommen Oür das Gebiet in Betracht; 
vor allem: A Memoir of Anne Jemima Qough by Blanche Athena 
Clough, London 2897; mid Annie E. Ridley: Frances Mary Boss 
and her Work for Education. London 1895. Ober Miss Buss findet 
sich auch ein längerer Aufsatz in dem Buche von Edwin A. Pratt: 
Pioneer Women in Vietoria*s Reign. London 1897. — Adressen und 
allgemeine statistische Angaben enthalt in grosser Zahl und an- 
eriLennenswerter Zuverlässigkeit das jedes Jahr erscheinende English- 
woman*s Year-Book, edited by Emrly Jan es. London. (Adam and 
Charles Black.) Im einzelnen sind benutzt die Jahresberichte, 
Progranune und sonstigen Dokumente der einzelnen Anstalten» 
Universititskalender, Berichte der königlichen Kommissare etc^ die 
hier nicht einzeln genannt werden können. — FOr die FrauencoUeges in 
Cambridge kommen besonders in Betracht: A Brief History of Girton 
College, von der Anstalt selbst 1899 herausgegeben, und fOr die erste 
Geschichte von Newnham: Newnham Coüege Commemoration Day, Febr. 
24 th z88i. By A W. Richardson. — Ober die Stellung der Frauen 
in der Schulverwaltung enthalten die SchriAen der Women's Local 
Government Society alles Wissenswerte (Bureau 27, Tothill Street, 
Westminster, London). — Ober die (beschichte des medizinischen 
FranenstudiumsvgLDr.Elizabeth Blackwell: Pioneer Work in opening 
the Medical Profession to Women. London 2895. <— Robert Wilson: 
Aesculapia Victrix. Fortnightly Review. Jan. 2886. <— Edwin A. Pratt 
a. a. O. S. 9a ff. — Edith A. Huntley: Women and Mediane. 
London 2886. — Theodore Stanton: The Woman Question in 
Europe. London 2884. — Ausserdem die Berichte, Programme etc. 
der verschiedenen Medical Colleges. — Vgl auch die (beschichte der 
engUschen Frauenbewegung in Bd. I dieses Handbuchs, S. a^— 988. 
Ich gebe die hier angeführten Quellen, denen das Material fOr die 
nachfolgende Darstellung entnommen ist, im einzelnen nur noch 
einmal an, wo es sich um wörtliche Gtate, persönliche Meinungs- 
äusserungen der Ver£Mser und statistische Angaben handelt 



Die 

1 OeaeUehtUeheF ÜberbUek. 

A. Grossbritannien. 

JL/ie Volksschule von Groasbritannien verdankt ihre Ent- 
stehung in demselben Sinne wie die in Deutschland der Re- 
formation; aber spftter als fast bei allen Kulturvölkern hat sie 
sich auf ein ihrer Bedeutung entsprechendes Niveau erhoben. In 



— 24^ — 

Schottland war es John Knox, der ganz wie die deutschen 
Reformatoren einen Plan entwarf f&r eine Volkserziehung Ober 
das ganze Land,0 für dessen Verwirklichung freilich die von 
politischen und religiösen Kflmpfen zerrissene Folgezeit nicht 
gerade gOnstig war. 

In England gewann diese erste Einrichtung von Volksschulen 
einen ganz anderen Charakter. Es war die yEstablished Church,*' 
die im Kampf gegen die Dissenters Einfiuss auf die unteren 
Volksschichten gewinnen wollte, die nach der Restaiuration fiber- 
all im Lande sogenannte „Charity Schools** bq;rfindete. Von diesen 
Schulen, in denen Schreiben, Lesen, Handarbeiten, wenig Rechnen 
und vor 'allem Katechismus getrieben wurde, meint Sir Joshua 
Fitch,*) dass sie die intellektuelle Entwicklung der niederen 
Volksklassen eher zurQckzuhalten als zu beschleunigen geeignet 
waren. Ihr Erziehungsideal ist nach ihm durch das bekannte 
G>uplet gekennzeichnet: 



God bless the Squire and his relationSy 
And make us keep our proper stations. 



Die AnfiLnge eines staatlichen Volksschulwesens liegen in der 
ySodety for Promoting Christian Knowledge', die ihre erste 
Schule Z702 in London eröffiiete. IfAdchen nehmen am Untenicht in 
etwa halb so grosser Anzahl als Knaben teil und werden ge- 
wöhnlich von Lehrerinnen unterrichtet, von denen aber nicht 
einmal die Kenntnis des Schreibens und Rechnens unbedingt 
verlangt wurde. 

Ende des z8. Jahrhunderts begann die Sonntagsschulbewegung 
sowohl in den Kreisen der Hochkirche als der Dissenters und 
etwas spater die noch bedeutsamere ,,Ragged School'^-Bewegung. 
Frauen waren es in erster Linie, die hier die Initiative ergriffen. 
Hannah More und Miss Harrison, Louisa Twining und 
Elizabeth Fry waren die zuerst viel verspotteten Pioniere. Zur 
Zeit, da in Deutschland Theorieen zu einer nationalen Erziehung 
das Modestudilun der höchsten Kreise bfldeten, war in England 
die allgemeine Stimmung durchaus gegen jeden Volksunterricht, 
mit Ausnahme des Religionsuntenichts. 

<) Dia Urkaade »Th« Tint Book of Ditd]>liBe*, wurde X560 ron der refofBitrtca 
KirdM aasfCfeben. C S. Bremaer. EdocalioB of Girli and Woaaen ia Graat Britaia. 
LoodoB S897. S.a9oC 

*) Edacation ia üia IQaeteaatk Caatary. Lectaraf ddivered ia üia Edueation Saedoa 
of tha Cambfidfe UaiveniQr Eztaaaioo Soauaer ICaadaf ia Aafust xpaa Editad bj 
R. D. Robarta M. A., D. Sc Caaibridga S901. S.84& 



— »47 — 

In Schottland war bei der innigen Verschmelzung von ataat- 
lichen und kirchlichen Befugnissen, die die presbyterianischen 
Verfassungen kennzeichnete, die Schule bis 187a in all ihren 
Beziehungen em Institut der Kirchengemeinde. ^Der Lehrer 
wurde von dem Presbyterium geprüft und bestätigt Der Pfarrer 
hatte ihn mit den »herxtors' (Landeigentflmem) zu wählen. Ihm 
war die Oberaufsicht Ober die Schule fibertragen. Und, endlich, 
der Lehrer musste die SymboU der Church of Scodand unter- 
zeichnen^. Aber er genoss auch die Rechte dieses seines 
kirchlich-kommunalen Amtes, er war „freeholder^ (Freisasse) so 
gut wie der Geistliche. 

In Enj^d haben zu Anfang des 19. Jahriiunderts Bell und 
Lancaster ebe Bewegung zu Gunsten der Volkserziehung 
hervo rg er u fen. Ihr System, die alteren Zöglinge zum Unterricht 
der jüngeren zu verwenden, war bei der Knappheit der zur Ver- 
tagung stehenden Ifittd und dem Mangel an Lehrern ein immer- 
hin glfickliches Auskunftsmittel, wenn auch in der Folge für die 
Gestaltung des englischen Volkschulwesens das Monitorenwesen 
nicht • eben einen besonders günstigen Kinfluss ausfibte. Auf 
Grund des Systems von Bell arbeitete seit x8iz die ,JfationaI 
Sodety die Vertretung aller Erziehungsbestrebungen der Hoch- 
kirche, und Lancaster*s Bestrebtmgen führten 1809 zur Grfindung 
der ,3ritish and Foreign School Sodety^, die, ans Dissentem zu- 
sammengesetzt, freilich von wdt geringerem Einfhiss blieb. 

Der ausgesprochen religiöse oder vielmehr konfessionelle 
Charakter dieser bdden Körperschaften hinderte lange Zdt das 
Eingreifen des Staats in das Volksschulwesen, das man schon 
Ende des z8. Jahrhtmderts als eine Notwendigkdt erkannte. Eine 
Bül Lord Broughams, der zufolge die Eriialtung der Schulen den 
Gemeinden auferiegt und der Staat zu Zuschüssen verpflichtet 
werden sollte, wurde z8ao von den Nonkonformisten zu Fall 
gebracht, eine zwdte von 1839 umgekehrt von der Hodikirche, 
Z842 wieder eine von den Dissentem. 

Unterdessen bUeb der Unterricht der Jugend zum allergrössten 
Teil der Privatspekulation fiberlassen, tmd die Enqu6te, die 1838 
von einer königlichen Kommission fiberdieEraehung der unteren 
Volksschichten angestellt wurde, f&rderte Zustande zu Tage, die 
in den anderen fahrenden europaischen Staaten schon seit mehr 
als einem halben Jahriiundert der Vergangenhdt angehörten. Von 

Breaner a. t. O. 5.1^ 



— 248 — 

X459 erwachsenen der Armenpflege unterstehenden Personen in 
Norfolk und Suffolk konnten in diesem Jahre 8x8 gar nicht, 900 
nur ganz ungenügend lesen und schreiben. Von den Frauen, die 
2845 — Z850 in das Heiratsregister eingetragen wurden, konnten 
45—49 Vt nur mit einem X unterzeichnen, gegen 3z — ^33 */# der 
Idflnner. z86o waren noch 57 V« der britischen Armee An* 
alphabeten. 

Der Staat that zunächst weiter nichts, als dass er 2832 den 
beiden genannten grossen Erziehungsgesellschaften eine Summe 
{9 90000) für Bauzwecke zur Verfügung stellte. 1839 wurde 
dieser Zuschuss um die Hälfte erhöht und die Verwaltung einer 
Regierungskommission Obertragen. Der Vorsitzende dieser 
Kommission, Sir James Kay«Shuttleworth, der das Schul- 
wesen in Holland, Preussen und der Schweiz studiert hatte, ver» 
suchte nun wenigstens, die Lehrerbildung, für die nur ganz un- 
zureichende Vorkehrungen getroffen waren, zur Angelq;enheit des 
Staats zu machen, und gründete zunAchst auf eigenes Risico eine 
Art Seminar in Battersea. Für die konfessionellen Gemeinschaften 
war das nur das Signal, ihre Anstrengungen auch auf dies 
Gebiet des Bildungswesens auszudehnen. Die ^National Sodety' 
gründete sofort 24 weibliche und zz mflnnliche Anstalten und 
fibemahm Battersea, die andern Gesellschaften folgten, und so 
kommt es, dass der Staat an der gesamten Lehrerbildung in 
England keinen Anteil hat 

In Schottland bestanden 2846 schon 4 Seminare, aber nur 
für Lehrer. Lehrerinnen waren bis in die zweite Hälfte des Jahr« 
hunderts hinein nur in Privatschulen zu finden. z86z eridflrt ein 
Blaubuch die ]Qnrichtung von Seminaren für Lehrerinnen in Schott- 
land für fiberflüssig und verfinht 

Z846 übernahm man von Holland das sogenannte wpupil teacher 
System', d. h. die Ausbildung zum Lehrerberuf durch eine Lem- 
zdt als Gehilfe eines andern Ldirers, die bis heute neben der 
Seminarausbndtmg gebrauchlich ist Das System verbreitete sich 
auch in Schottland so srhnril, dass z86z die »pupil teachers' 
dort 62 Vt der gesamten Lehrerschaft ausmachten. 

2848 aber führte Shuttleworth ein staatliches Lehrerexamen ein 
tmd als tmerlassliches Korrelat die Gewährung staatlicher Zuschüsse 
an Schulen mit ordnungsmassig.geprüften Lehrern und Lehrerinnen, 
2859 betrugen die Ausgaben für Volksschulen schon 9 8I37000. 
Dne Kommission, die zu untersuchen hatte, ob die Resultate der 
Volkserziehungsanstalten den aufgewandten Kosten entsprachen. 



— 249 — 

konstatierte allgemein unregelmflsaigen Schulbesuch und ein 
grosses Missverhflltnis zwischen der Zahl der schulpflichtigen und 
der in den Schulen vorhandenen Kinder. Ein sehr eigentümliches 
Mittel, diesem Missstand zu steuern« wurde vorgeschlagen und an- 
genommen. Die StaatazuschQsse wurden den Lehrern nur im 
Verhältnis der Zahl von Schalem gewährt, die ein einfaches Examen 
in Lesen, Schreiben und Rechnen vor einem staatlichen Inspdrtor 
ablegen konnten. Die Folge dieses Systems der ^pAyment by 
results*' war natOriich, dass der gesamte Unterricht zu einem 
geisttötenden Drill auf das geforderte Examen wurde, durch das 
die Kinder f&r die Schule Geld verdienten. Diese Thatsache 
konnte auch dem Gesetzgeber nicht entgehen, und man hat daher 
dieses System in der Folgezeit mehr und mehr modifidert, wenn 
auch nicht ganz aufgegeben. 

Auch Schottland hat dies System angenommen und noch im 
Jahre 1900 die Bestimmung eingeführt, dass tOr schlechte Unterrichts- 
resultate oder mangelhafte Disziplin von dem Staatszuschuss, auf 
Bericht des Inspektors, AbzQge gemacht werden können. 

Den entscheidenden Fortschritt im englischen Elementarschul- 
wesen brachte das Jahr 1869 mit der von Mr. Forster ein^- 
gebrachten Vorlage zu einem Schulgesetz. Sie gründete sich auf 
eine sorgfältige Enquete, die wieder, wenn auch g^en ZQ38 einen 
Fortschritt, so dodi noch die traurigsten Lficken an den Tag 
brachte. In London waren bei einer Bevölkerung von 3^58000 
Köpfen nur ca. 975 000 Kinder in den Volksschulen; Schulrflume 
und Lehrpersonal waren in den grossen Indu s triecentren unter 
aller Kritik und die Leistungen dementsprechend. 

Die berühmte Education Bill von 1870 teilte das Land in 
Schuldistrikte entsprechend der bestehenden Einteilung fOr die lokale 
Verwaltung und bestimmte, dass, falls keine genügende Zahl 
leistungsfUiiger Volksschulen vorhanden seien, oder auf Wunsch 
der Bevölkerung, die Steuerzahler eine Schulbehörde (School 
Board) zu wählen hätten. Diese hatte die Befugnis, einen ent- 
sprechenden Teil der Gemeindesteuern für Schulzwecke zu bean- 
spruchen und zu verwenden. Sie durfte ausserdem den Schul- 
zwang bis zu einer beliebigen Altersstufe zwischen 5 und 
13 Jahren einfuhren. Die Schulen, die Staatsunterstützung er- 
hielten, durften keinen konfessionellen Charakter tragen, ^e 
Bestimmung, die um so schwerer wog, als Vit aller Schulen 
damals in den Hflnden von kirchlichen Körperschaften waren. 
Die Eduction Act wirkte besonders vorteilhaft in Wales, wo bei 



— 250 — 

der grossen Abneigung der Bevölkerung gegen die Hochkirche 
die Erziehungsreformen sich bisher noch schwer hatten durch- 
setzen lassen. Wales hat relativ mehr School Boards als 
England. 

Die Lacken, die hier noch gelassen waren, dass nftmlich für 
Gegenden ohne School Boards kein Schulzwang ausgesprochen 
werden konnte, wurden 1876 dadurch ausgefällt, dass solche Orte 
zur Errichtung einer ^School Attendance Committee' ermächtigt 
wurden, das in diesem Fall die Funktionen des School Board 
Qbemehmen konnte. Zur vollen Durchführung kam der Schul- 
zwang, wenigstens fOr das Alter von 5 — zo Jahren, durch eine 
Act von z88o, die Dispens vom Schulbesuch nur für Kinder Qber 
zo Jahre gestattete, wenn sie ein bestimmtes Pensum absolviert 
hatten, und Eltern wegen ungesetzmflssiger Schulversaumnisse 
einer Strafe unterwarfl Später wurde die Altersgrenze noch um 
ein Jahr hinau^g^erOckt 

Durch ein Gesetz von Z89Z schliesslich wurde als notwendiges 
Korrelat der Schulpflicht die Unentgeltlichkeit des Elementarunter- 
richts — auch des Unterrichts von 3 — 5 jährigen Kindern — ein- 
geführt Das auf diese Weise ausfallende Schulgeld wird ersetzt 
durch einen Staatszuschuss von zo s. jährlich f&r das Kind. Von 
den bestehenden Volksschulen haben ttber 80 % auf die Erhebung 
von Schulgeld verzichtet und den Staatszuschuss angenommen, 
etwa z6 */• nehmen FreischQler neben zahlenden auf, und ein ganz 
geringer Bruchteil halt an der Erhebung von Schulgeld fest und 
verzichtet auf den Staatszuschuss. 

In Schottland konnte die Gesetzgebung rascher und radikaler 
vorgehen, da die Zustande im Schulwesen dort in der voran- 
gehenden Zeit im allgemeinen gOnstiger waren. Z867 schon 
genossen 80 % der Kinder im Schulalter thatsAchlich Schulunter- 
richt Die Education Act für Schottland, die der englischen 
von Z870 entsprach, fiberlasst die Einsetzung eines School Board 
nicht dem Belieben der Steuerzahler, sondern macht sie geradezu 
obligatorisch. Auch die Bestimmung des schulpflichtigen Alters 
ist nicht den Gemeinden überlassen, sondern f&r das ganze Land 
ist die Erreichtmg der 5. Stufe obligatorisch. Den School Boards 
wurden sofort viel weiter gehende Kompetenzen gegeben, als 
in England, wo ihnen nur die Festsetzung tmd Überwachung des 
Schulbesuchs zusteht 

So ist der Unterschied zwischen Kommimalschulen und kirch- 
lichen Privatschulen in Schottland nicht so gravierend, da mit 



— 251 — 

Ausnahme weniger, z. B. der römisch-katholischen, alle Schulen 
unter die Verwaltung der Boards gekommen sind. 

Auch die Unentgeltlichkeit des Unterrichts wurde in Schott- 
land etwas eher als in En^and, 1889, verfügt; durch eine Er- 
weiterung der Unterrichtsgesetzgebung vom Jahre Z900 ist in 
Sdiottland eine AbschlussprQfung üQr QementazBchOler der 7. Stufe 

eingefilhrt 

B. Irland. 

In Irland boten konfessionelle G^;ensatze der Entwicklung 
der Volksschule noch grössere Schwierigkeiten als in England. 
Dazu kam die sprichwörtliche Armut der Bevölkerung als ein 
andres Hindernis. Der Staat unterstQtzte im Anfang des 19. Jahr- 
hunderts eine Anzahl protestantischer und paritätischer Schul- 
gesellschafken, die aber beide das Vertrauen der katholischen 
Bevölkerung nicht gewinnen konnten. Auf katholischer Seite 
bemflhten sich Klöster, die Volkserziehung in die Hand zu 
bekommen. 1833 A^hrte nun die englische Regierung ein so- 
genanntes Nationalerziehungssystem auf paritätischer Grundlage 
ein, dessen Verfassung von Angehörigen der drei Haupt- 
konfessionen des Landes beraten wurde. Die Verfassung 
entsprach aber den Wünschen der Church of England so wenig, 
dass sie 1840 eine Church Education Society for Ireland be- 
gründete, die ihrerseits nun protestantische Schulen gründet und 
subventioniert Seine gegenwartige Gestalt erhielt das irische 
Volksscfaulwesen durch die ^Irish Education Act' von 1890, durch 
die die lokalen Verwaltungen zur Einsetzung und Besoldung von 
ySchool Attendance G>mmittees' <) gezwungen und die Elementar- 
schulen unentgeltlich wurden. 

2. GegenwftrtlgeF Stand. 
A Grossbritannien. 

Versuchen wir nun auf Grund der geschilderten geschicht- 
lichen Entwicklung des englischen Volksschulwesens nach der 
gesetzlichen Seite ein Bild von seinem gegenwartigen Stand zu 
gewinnen, so ergiebt sich zunächst der Unterschied von ^Board 
Schools', d. h. staatlich-kommunalen, und jpVoluntary Schools', 
d h. solchen, die meist von kirchlichen Körperschaften, der 
Church of England, der Wesleyanischen, Römisch-Katholischen, 
und den verschiedenen Sekten unterhalten werden. 



^VfL 



Die Zahl der SchulUnder verteilte tich auf diese beidenAiten 
von Schulen in England und Wales im Jahre 1895 folgender« 

Board Schools 1879000 
Voluntary Schools 3445 00a 



Es ist anzunehmen, dasa sich dieseZahl in den letzten Jahren 
zu Gunsten der Board Schools ein wenig verschoben hat Das 
Übergewicht der Voluntary Schools liegt hauptsächlich in den 
Landschulen. In den Städten liegen die Verhältnisse anders. In 
London z. B. besuchten im Jahre Z900 

Board Schools 752000 Kinder 
Voluntary Schools aaöooo . 



Die Board Schools sind im grossen und ganzen sdir 

besser eingeriditet als die andern, sie haben bessere Schulrtume 

und Lehrmittel und besser bezahlte Lehrkräfte. Der Grund dazu 

li^ natOrlich in der höheren Subvention der kommunalen Schulen 

durdi Staat und Kommune. Der Staat zahlt alles in allem fOr 

jedes Schulkind 

der Board School ca. zga. 

der Voluntary School ca. zSa.*) 

Die fbr die Board Schools erhobenen Kommunalsteuem betrugen 
im ganzen Sf 1943000 im Jahre 2895. FOr Voluntary Schools 
werden keine Steuern verwandt Sie ertxalten sich hauptsächlich 
von firdwilligen Beiträgen, die im Jahre 1895 9 Q36000 ergaben. 

Von den 7 Vi Millionen Kindern in England*) und Wales em- 
pfingen 1895 im ganzen 5300000 Elementaruntenicht Wie viel 
davon Ifädchen sind, wird in der Statistik des Endehungsdeparte- 
ments nicht angq;eben. Das Durchschnittsmass des jährlichen 
Schulbesuchs exreichten 3079009 Mädchen gegenflber 3346000 
Knaben. Es beträgt 86,91% ft^ die eigentlich schulpflichtigen 
Kinder. 

In Schottland fand die Inspektion von 870000 Kindern im 
Schulalter etwa 645 000 an. Davon waren 33X 000 Knaben und 
3x4000 Mädchen. Die Durchschnittszifier des Schulbesuchs er^ 
reichten 376000 Mädchen gegen 300000 Knaben.*) 



>) Ftlr diiM OBd dte folfeadaa ■fiHrtichtn AagmbiD Tf^ C S. Bremaer a. a. O. 
& 4aC 

«) Nmdi der VolkmUsaf t«b x8!^ nte RwHif dw BMn Zlhlnv lagta M 
F eiüfl i l limg dicMT SUm aoch aidtt vor. 

*) C S. Bremaer 1. 1. O. S. •43C 



— 253 — 

Gemeiiisame Endehung herrscht etwa in dem gleichen Ver- 
hflitnis wie in Deutschland; auf dem Lande werden die 
Geschlechter zusammen unterrichtet, in den Städten zieht man 
getrennte Schulen oder mindestens getrennte Klassen vor. Die 
voll entwickelten Board Schools in England bestehen meist aus 
drei Abteilungen: für Knaben, für Mädchen und fior Kinder von 
3—5 Jahren, die in den besseren Schulen nach Froebelschen 
Methoden beschäftigt, in den einfacheren nur ybewahrt' 
werden. In Schottland herrschen die gemischten Schulen durchs 
aus vor. 

Die Volksschulen in England sind meist sechsstufig, höher 
entwidcdte 7 stufig. Die Lehrziele der 6 Stufen sind durch eine 
kOnig^che PrOfungsordnung vorgeschrieben. 

Ober die sechste Stufe hinaus besteht keine Schulpflicht Die 
meisten School Boards gestatten auch nach Absolvierung der 
dritten Stufe auf dem Lande, der vierten in der Stadt, dass die 
Kinder yhalf-thners' werden, d. h. nur den Tag einmal, oder einen 
um den andern Tag zur Schule kommen. Durch idie* Kinder- 
Schutzgesetze ist aber die Benutzung dieser VergOnstigung, der 
zumeist Erwerbsracksichten zu Grunde lagen, in erfireulicher Weise 
eingeschränkt worden. 

Die Unterrichtsfächer in den elementaren Mädchenschulen 
sind folgendermassen festgesetzt: T>rsm, Schreiben, Rechnen 
sind obligatorische Fächer. Dazu kommen sogenannte ^class 
subjects' Unterrichtsgegenstände, von denen für die vom Staat 
subventionierten Schulen nur zwei nach Auswahl obligatorisch 
sind: Englisch, Geographie, Geschichte, Nähen, Singen, und 
schliesslich „specific subjects' d. h. wahlfireie '^UnterrichtsfiLcher, 
nämlich Algebra, Chemie, Haushaltungskunde, Französisch, Kochen. 
Dazu kommt f&r beide Geschlechter »drill'', d. h. ein aus Frei- 
übungen bestehender Turnunterricht, der zur Erlangung des 
höheren Regierungszuschusses von den Schulen ebenfalls verlangt 
wird. Nähen ist fOr Mädchen obligatorisch. Zeichnen dagegen f&r 
Knaben. Die Mädchenschulen können den Zuschuss für den 
Zeichenuntenicht nur bekommen, wenn sie auch Kochunterricht 
gewähren. Um noch mehr Zeit für den Handarbeitsunterricht 
zu gewinnen, darf er auch statt Geographie oder Geschichte ein- 
geschoben werden. Der Rechenunterricht darf dagegen zurücktreten. 
Die Anforderungen sind da niedriger als bei den Knaben. 



>) C S. Breaaer a. a. O. S. 47 £ 



— 354 — 

In Schottland liegen die Verhältnisse ahnlich. Nftheh ist 
auch dort fiOr Madchen obligatorisch, für Kochen, Waschen, Bfilch- 
wirtschaft, Haushaltungskunde und Hygiene erteilt die Regierung 
eztra Zuschösse. Da die Qbrigen Unterrichtsfilcher fiOr Knaben und 
Madchen die gleichen sind, so sind die Madchen durch diese 
Spezialfilcher zum Teil starker durch die Schule in Anspruch 
genommen als die Knaben. 

Höher entwickelte Elementarschulen, die ihren Schalem eine 
Ausbildung bis zum 16. Jahr geben, existieren sowohl in England, 
als in Schottland in grösseren Städten. In Schottland bezahlt 
die Regierung flu* Schaler bis zum z8. Jahr Zuschüsse; es ist 
deshalb dort leichter, aber die 7. Stufe hinaus Untenichtsgelq;en- 
hdten zu schaffen. Es heisst, dass die Oberklassen solcher Schulen 
von Madchen durchgehend mehr besucht sind, als von Knabm, 
die man froher zur Erwerbsarbeit heranzieht 

An den Elementarschulen von England und Wales, die dem 
i^Education Department' tmterstehen, unterrichteten 1896 im 
ganzen 92580 Lehrpersonen, von denen 663x0 Frauen sind, also 
,70 Vf In Schottland waren tmter xi 000 Lehrenden nahezu 
7 000 Frauen, also 63 */•• Diese haben die verschiedenartigste 
Vorbildung. Dazu, kamen fOr England 33000 pupil teachers, 
von denen 26 700 Madchen, 7 900 Knaben waren, ÜQr Schottland 
4900 pupil teachers, von denen 3400 Madchen waren.*) Die ver- 
hältnismässig ausserordentlich grosse Zahl der Madchen, die diesen 
billigen und entsprechend unzureichenden Bildungsgang durch- 
machen, zeigt, wie viel weniger man geneigt ist, flQr die Ausbildung 
der Madchen zu thun, als f&r die der Knaben. 

Fast alle Elementarlehrer und •lehrerinnen gehen aus den 
Elementarschulen hervor. Erst in den letzten Jahren sind mehr- 
fiich auch SchOlerinnen der Sekundärschulen Elementarlehrerinnen 
geworden. FOr ihre Berufsbfldung steht ihnen zunächst der Weg des 
vpupil teacher" ofiien. Als mindestens 15 jährige Madchen*) mOssen 
sie eine Art Aufiiahmeezamen ablq;en und kommen dann zu einer 
Lehrerin ^in die Lehre" oder in eines der auf demselben Unterrichts- 
prinzip beruhenden vPupQ Teachers' Centres', die manche School 
Boards eingerichtet haben. Sie bleiben 3 — 4 Jahre in der Lehre, helfen 
g^en ein kleines Gehalt 3-— 20 Stunden wöchentlich beim Unter- 



>) C S. Bremner a 


. tu 0. 


S.>44£ 


>) VfL C S. Bremner tu tu 


a S.I 


*) Auf dem Lande 


werden 


mit bei 









beson d erer Genehsufonf des Sditilinepeklore encfa 



— 255 — 

richten und erhalten ausserdem mindestens 5 Stunden wöchentlich 
Unterricht Diese ganze Ausbildung ist unentgeltlich und findet 
ihren Abschluss in dem vor einer königlichen PrOfungskommission 
abzulq;enden i^Scholarship' Examen. Die Schullehrlinge können 
dann entweder noch fiOr zwei Jahre in em Seminar, ein ,ptraining 
coIlq;e', emtreten, oder sie bleiben als HiUslehrer oder 
provisorisch diplomierte Lehrer im Schuldienst, bis sie das 
Staatszeugnis fdr ihre Lehrbefähigung erwerben. Dieses Zeugnis 
ist jedoch keineswegs eine unerlAssliche Vorbedingung für das 
Verbleiben im Dienst 

Die Seminare sind meist (zu Dreivierteln etwa) Internate, die 
Eztemate (day training Colleges) sind sämtlich neueren Datums. 
Sie sind zum Teil mit den Universitäten verbunden und dann 
interkonfessionell, zum grössten Teil aber bestehen sie f&r sich 
als Institute einer der grossen kirchlichen Korporationen. In 
Schottland sind alle Seminare interkonfessionell Der Staat zahlt 
allen Lehrerbildungsanstalten eines gewissen Standard Zuschüsse, 
und zwar f&r jeden männlichen Schüler JST 50 jährlich; f&r jeden 
weiblichen ^ 35. 

Der Besuch der bestehenden Lehrerinnenseminare in England 
stellte sich im Jahre 1900 folgendermassen: 

SchQle- 

Intemat •^««•« 

nnnen 

Church of England Colleges z 358 

Wesleyan CoUeges Z07 

Romal Catholic Colleges 178 

British Colleges >) 347 

Undenominational Colleges (Interconfesiioaell; 247 

«237 
Externst 597 

a834 

In Schottland sind die grosse Mehrzahl der Colleges Exter- 
nste und für Lehrer und Lehrerinnen gemeinsam. 

Der Andrang zu den Training Colleges ist so gross, dass sie 
in England sowohl als in Schottland bei weitem nicht alle Aspi- 
rantinnen aufiiehmen können. Den 2834 Plätzen in den englischen 
Colleges standen 59x2 SchQlerinnen gegenfiber, die in demselben 
Jahr das Queen 's Scholarship-Ezamen bestanden. Der dringende 



D. h. CoUcfCtdcr JBritiMh udForaifB SdioolSocietjr.TOBdcr ia der UtioritdMn 
Fhitohnnf (S. a47) die Rede war. 



— 256 — 



Wunsch aller Interessenten geht deshalb dahin, dass staatliche 
Einrichtungen zur Ergänzung der ganz ungenQgenden Privatunter- 
nehmungen getroffen werden. Vorläufig bleibt der Prozentsatz 
von Lehrerinnen, die ins Amt treten, ohne ein Seminar besucht zu 
haben, noch ein sehr hoher, ein sehr viel höherer als bei den 
Lehrern, wo der Andrang geringer ist und die Anstalten im Ver- 
hältnis zahlreicher sind. Im Jahre 1895 hatten von den Lehr- 
kräften an 14 375 Schulen Englands 

Männer 

a Jahre Seminsrausbildung 67,96% 

weniger alt a Jahre Seminar- 

ausbOdung 3-53 */• 

gar keine Seminarausbüdung Qi^ai */• 

Die Gehälter der Lehrer und Lehrerinnen sind verschieden 
nach der Art der Schule. Folgende Tabelle (1895) giebt 
die Durchschnittsgehälter der Hauptlehrer und -lehrerinnen. 

Vf d. Gehalts 



Frauen 
47^04 •/# 

a.19 •/# 
5o»77*A 





Lehrer 


Lehrerin 


d. Lehrerin 
v. d.d. Lehrers 


Qiurch of England 


. Sf zaz 


Sf 75 


6a 


Wesleyan .... 


. JBT 170 


Sf 86 


50 


Roman Catholic 


. JBT X17 


JBT 66 


56 


British Undenomi- 








national . . . 


. JBT X43 


Sf 81 


56 


School Board. . . 


. JBT z6a 


jer IZ4 


70 



Als Schulleiter, auch zuweilen gemischter Schulen, finden wir 
nicht selten Frauen, in England sehr viel häufiger als in Schott- 
land. Für staatlich diplomierte Lehrerinnen (assistant teachers) 
beträgt das Gehalt jährlich Sf 80—140 ^ d^°^ London School 
Board, und Sf 45 — 90 in den Voluntary Schools, fOr nicht staatlich 
diplomierte Sf 80—100 bezw. Sf 30—50. Die pupil teachers be- 
kommen 

Board School Voluntary School 

im I. Jahr .... JBT 7— xa Sf 5— xo 

steigend bis zum 

4. Jahr auf . . . JBT 90 Sf 15— z6. 

In Schottland betragen die Gehälter für 

Hauptlehrer Hilfslehrer 

Blänner . . St 16g JST zoo 

Frauen . . JST 76 JST 64 



1) Headnuster, HMdmistrwi d. h. «Ue die erste Stdle einer Schule bekle idend en oder 
•ddie eelbetl&dif filhrcBde& 



— 257 — 

Die kommunale Verwaltungsbehörde der Schulen ist eine 
Wahibehörde, für die Frauen das aktive und passive Wahlrecht 
besitzen. In London sind durch die Wahlen vom November 1900 
14 Frauen Mitglieder der stadtischen Schuldeputation, geworden. 

Die dem Erziehungs-Departement unmittelbar unterstehende 
staatliche Schulaufsichtsbehörde sind die königlichen Inspektoren, 
die Ober die ErfQllung der Bedingungen zu wachen haben, unter 
denen der Staatszuschuss gewahrt wird. Auch zu diesen Posten, 
die nur mit akademisch gebildeten Beamten besetzt werden, sind 
1896 zwei Frauen berufen worden, die in Gehalt und SteHung den 
minnlichen Inspektoren 



B. IrUnd. 

In Irland waren am 3z. Dezember 1897 8^1 Elementar- 
schulen, mit einer Gesamt-SchOlerzahl von 816000. Der Durch- 
schnittsschulbesuch ist weit ungünstiger als in England und Schott- 
land, er wurde nur von 63,9 Vt der Schaler erreicht Diese 
ca. 800 000 Schaler (die Verteilung der Zahl auf die Geschlechter 
wird nicht angegeben) verteilen sich auf ca. aooo Knabenschulen, 
aaoo Madchen- und Kleinkinderschulen und 4300 gemischte 
Schulen. Von diesen Schulen sind etwa 38 */# paritätisch, die 
übrigen konfessionell, und zwar ist die Zahl der paritätischen zu 
Gunsten der konfessionellen in stetem Rückgang begriffen. Das 
Verhältnis der katholischen zu den protestantischen Schülern ist 
wie 7:3. 

Neben den gewöhnlichen Dementarschulen bestehen 30 soge- 
nannte „Model Schools*' (Normalschulen, Übungsschulen) zur Aus- 
bildung von pupil teachers. Sie sind von ca. 10 000 Schülern und 
Schülerinnen besucht und beschäftigen etwa 200 männliche und 
weibliche pupil teachers (Verhältnis: 3:2). Charakteristisch ist 
für sie die starke Verwendung von Monitoren. Die Zahl der 
bezahlten Monitoren in Irland betrug 1897 über 6000, von denen 
weniger als aooo Knaben und mehr als 4000 Mädchen waren. 
Etwa 100 000 Schulkinder besuchen die Klosterschulen (Convent 
oder Monastery Schools.) 

Eine besondere Erwähnung verdienen die 150 Armenhaus- 
schulen (Workhouse Schools) mit etwa 5000 Schülern. Abend- 
schulen bestehen ca. 40 mit 1 300 Schülern. 

Die Lehrerschaft der irischen Dementarschulen zählt etwa 
13000 Mitglieder, darunter etwas über 7000 Frauen, 

Handbuch der Frauenbewef uBf. TJL TdL l^ 



— 258 — 

lehrerixmen eingerechnet Auf die Schulen verteilen sich diese 
Lehrkräfte folgendermassen: Die Knabenschulen (ca. aooo) stehen 
nur unter Lehrern, die M&dchenschulen (ca. asoo) nur unter 
Lehrerinnen, von den gemischten Schulen unterstehen 850 aus- 
schliesslich Lehrern, z 570 ausschliesslich Lehrerinnen , 950 einem 
Direktor mit weiblichen Hilfslehrern, 961 einem Lehrer und einer 
Handarbeitslehrerin. An leitenden Stdlen (als prindpak) stehen 
4700 Lehrer, 3600 Lehrerinnen, als „assistants** fungieren 
zoooLehrerund 2500—2600 Lehrerinnen. Ihre Ausbildung erhalten 
die irischen Elementarlehrer und -lehrerinnen, ausser als pupil 
teachers oder monitors in 5 staatlich subventionierten Seminaren, 
von denen 2 filr MAnner und Frauen gemeinsam, eines fOr Frauen 
allein und zwei fOr MAnner allein bestimmt sind.0 Die Training 
Collies decken aber den Bedarf nur etwa zur Hälfte, die andere 
Hälfte muss durch bezahlte Monitoren, pupil teachers und in einem 
noch verhältnismässig grossenProzentsatz durch ganz unvorgebildete 
Kandidaten ergänzt werden« Die Gehälter betragen fOr 

männliche weibliche 

Hauptlehrer JST 4a— 84 JST 33—70 

Hilfslehrer mit weniger als 

5jihriger Dienstzeit . . ^42 JST 3a 

Hilfslehrer mit mehr als 

5 jähriger Dienstzeit . . ^ 5z J? 40 

n. 

Allgemeine gewerbliche und kfinstlerische Fortbildung. 

Ehe wir einen statistischen Überblick Ober das ungeheuer viel- 
seitige Gebiet des landwirtschaftlichen, gewerblichen und technischen 
Unterrichts geben, seien in wenigen Strichen die HauptzQge der 
historischen Entwicklung gekennzeichnet Eine Scheidung nach 
den einzelnen Reichen ist hier weniger notwendig, weil wir es mit 
einer modernen Einrichtung zu thun haben, auf deren Aus- 
gestaltung die in den drei Reichen so verschiedene historische 
Vergangenheit wenig Einfluss mehr geQbt hat 

Die Fortbildungsschule ging in England aus den verschieden- 
artigsten BedOrftiissen hervor und ist dementsprechend sehr 
mannichfaltig in ihrer Ausbildimg. 

Auf der einen Seite machte die grosse Zahl von Kindern, die 
die Schulen schon frOh verliessen, die Einrichtung von Abend- 

I) Zwd wehere fftr Tnamn tiad ia der GrOndimf befriffsn. 



— «59 — 

Fortbildungsschulen wOnschenswert, die durch ein Gesetz von 
1892 organisiert wurden. Ihre Ausgestaltung führte mehr und 
mehr zur Aufiiahme technischer Fächer in den Unterrichtsplan. 

Andrerseits erwuchs das BedOrfiiis nach einem den Verhält- 
nissen des Volks '^angepassten Fortbildungsunterricht aus den 
Dementarschulen selbst, deren fthigste SchQler Ober die sechste 
oder siebente Stufe hinaus ihr Wissen zu erweitem wünschten. 
Die grosse Frage nach der Beschaffimg der Mittel lOste in 
gewissem, allerdings bescheidenem Masse das ^Department of 
Sdence*) and Art', das schon seit längerer Zeit fbr die Er- 
richtung von Abendschulen Mittel zur Verfügung stellte und die 
subventionierten Schulen einem Examen unterzog. Aus der Er- 
weiterung und Systematisierung dieser Veranstaltungen entstanden 
die sogenannten ^Organised Sdence Schools.' Da die PrOfungen, 
von denen die Gewährung der Zuschüsse an diese Schulen ab- 
hingen, nur in naturwissenschaftlichen und kunstgewerblichen 
Fächern abgehalten wurden, beschränkte man den Unterricht 
fast ausschliesslich auf diese Gegenstände; erst in letzter Zeit 
hat man unter dem Druck der Neigungen und BedOrfiiisse 
der Schüler und Schülerinnen auch sprachlich-historische 
Fächer einerseits, hauswirtschaftliche andrerseits berücksichtigt 
Es gab in England 1898 169 solcher Schulen, die zum grossen 
Teil die Oberstufe einer Elementarschule ,4iöheren Grades' aus- 
machen. Wie viele von den ca. 2Z 000 Schülern Mädchen sind, giebt 
die Statistik des Erziehungsdepartements nicht an. In den meisten 
der yOrganised Science Schools' findet mehr oder weniger 
gemeinsamer Unterricht statt Das wird von Freunden der Mädchen- 
fortbildungsschule L a. nicht als ein Glück bezeichnet, da diese 
Schulen auf die Bedürfiiisse der Knaben zugeschnitten sind und 
man die Mädchen nur aufiiimmt, weil zur Errichtung ent- 
sprechender Schulen fOr sie, in denen der hauswirtschaftliche 
Unterricht im Mittelpunkt stehen müsste, die Bfittd fehlen. 

Durch das Beispiel der ausgedehnten Fürsorge, die in 
andren Staaten, vor allem in Deutschland, dem technischen 
Unterricht zu teil wm-de, z. T. wohl auch durch die Agitation der 
, Gesellschaft zur Beförderung des technischen Unterrichts' sah 
sich in England schliesslich auch der Staat veranlasst, etwas mehr 
auf diesem Gebiet zu thun. Die ^Technical Instruction Act" von 
Z889 ermächtigte die Lokalverwaltungen zur Erhebung einer 



I) Ifit dem Worts ^^tinotf^ **^'— '*^*«*^ aun ia England die Guimehflt dar Natvr- 
ifseBieliAfteB. 

17* 



Steuer für die Beförderung des technischen Unterrichts. Von 
dieser Ermflchtigung jedoch wurde nur sehr sporadisch Gebrauch 
gemacht Das folgende Jahr nun bot eine filr die Entvricklung 
derartiger Dinge in England ausserordentlich charakteristische 
Gelegenheit zu wirksamerem Eingreifen. Eine Steuer auf Bier und 
Spirituosen ergab einen Oberschuss von einigen zooooo Pfund, 
den man kurz entschlossen im Parlament zur Förderung des land- 
wirtschaftlichen, kaufinännischen und technischen Unterrichts ^ 
bestinunte. Das Whisky-Geld konnte verfassungsgemSss nur den 
Gralschaftsräten zur Verwaltung übertragen werden, und damit 
war eine neue Behörde ftlr diesen Zweig des Erziehungswesens 
geschaffen. Fast alle Coupty Councils ernannten Technical 
Instruction Committes, in die an einigen Orten auch Frauen be- 
rufen wurden. In dem Technical Instruction Board von London 
Übernahm Mr. Sidney Webb den Vorsitz, das Gebiet des haus- 
wirtschaftlichen Unterrichts vertritt eine Frau. 

In einer Reihe grosser Städte datiert nun der AuiG^hwung 
des technischen Unterrichtswesens von dieser Whisky-Steuer her. 
Sie wiu'de teils zur Unterstützung bestehender, teOs zur Gründung 
neuer Anstalten verwendet 

Betrachten wir nun die Gestaltung des gesamten Fortbildungs- 
wesens unter dem Einfluss dieser Verwaltungsprazis, besonders 
mit Rücksicht auf die Mädchen. Da bestehen zunächst eine An- 
zahl* von hauswirtschaftlichen Schulen teils für sich, teils im An- 
schluss an grössere Anstalten, z. B. eine Anzahl von Poly- 
techniken in London und andern Städten. In London umfasst 
der Kursus 5 Monate mit 5—6 Stunden täglichem Unterricht in 
allen Zweigen häuslicher Beschäftigung. Für weiter gehende 
berufsmässige Ausbildung sorgen Spezialkurse, z. B. das , Jfational 
Training College of Cookery.** Ahnliche Kochschulen bestehen in 
Edinburgh und Glasgow. Der Kursus umfasst in all diesen 
Schulen nicht weniger als em Jahr. In Irland, wo der technische 
Unterricht noch sehr wenig entvrickelt ist, bildet die »Jloyal Irish 
Association for the Training and Employment of Women"* Lehre- 
rinnen in diesem Fach aus. In kleineren Städten und auf dem 
Lande wird der hauswirtschafUiche Unterricht in Abendklassen 
und häufig durch Wanderlehrerinnen erteilt In all den Gegen- 
ständen hauswirtschaftlichen Unterrichts können vor den ver- 
schiedensten Körperschaften Examen abgel^ werden, am wich- 

I) Die Definition des Anadrucka ,4echnical instrnctfon^ ist in «Den amtUdien Er- 
lacsen tinm etwas Tsge. Er d«ckt sidi etwa mit unseiB BcfrifT der Reslsdralbildanf. 



— 26l — 

tigsten sind die des ^Ci^ and Guilds of London Institute^' und 
die der ^National Union for the Technical Education of Women 
in Domestic Sciences/^ 

Das von dem Guilds of London Institute gegründete Central 
Technical College, das hervorragendste Polytechnikum in Eng^d, 
nimmt; wie die übrigen technischen Hochschulen des Landes 
mindestens in einigen Kursen Frauen auf. Doch ist die Zahl der 
Schülerinnen verhältnismässig klein. Auch in der Königlichen 
Hochschule fbr Naturwissenschaften (Royal College of Science) in 
South Kensington, die in erster Linie Lc^irer fbr den naturwissen- 
schaftlichen Unterricht ausbildet, sind Frauen nur in geringem 
Procentsatz vertreten. 

In Schottland stehen den Frauen neben den betreffenden 
Universitatskursen das West of Scotland Technical College in 
Glasgow und das Heriot-Watt College in Edinburgh offen. 



Eine sehr viel stärkere Frequenz durch Frauen weisen die dem 
Science and Art Department unterstehenden königlichen Kunsthoch- 
schulen auf. In dem ^Royal College of Art'', dessen Hauptzweck 
die Ausbildung von Lehrern für Kunstschulen ist, sind die Frauen 
in einer geringen Majorität Auch die »Royal Academy Schools^, 
die höchste Kunstakademie Englands, unterrichtet MAnner und 
Frauen, ausser in einzelnen Aktkursen, gemeinsam. In Schott- 
land nehmen alle Kunstschulen, auch die königlichen Schulen von 
Edinburgh, Glasgow und neun andren schottischen Städten, 
Frauen auf. 

Es würde zu weit führen, auf die einzelnen privaten Kunst- 
schulen und kimstgewerblichen Schulen naher einzugehen, um 
so mehr, als auf diesem Gebiet eine solche Mannichfaltigkeit von 
Arten und Stufen von der künstlerischen und kunstgewerblichen 
Bildung bis zur eigentlich technischen herrscht, dass nur eine Un- 
zahl kleiner Monographien ein zutreffendes Bild des Ganzen 
geben würde. Durchweg gilt die Regel, dass Frauen aufgenommen 
werden. Besondere weibliche Kunst- und Kunstgewerbeschulen 
sind selten; der Unterricht li^ aber überall zum weitaus 
grössten Teil in der Hand von Lehrern. Einen speziellen Zweig 
des Kunstgewerbes pflegt die grosse Holzschnitzereischule, die, dem 
Central Technical College angeschlossen, unter weiblicher Leitung 
steht und vorzugsweise Frauen zu Schülerinnen hat Unter ca. 
300 Schülern sind nur ca. 60 Manner. 



Qn Ähnliches Bild geben im allgemeinen die Musik-Akademien, 
nur dass hier naturgemäss weibliche Lehrkräfte in höherem Masse 
verwendet werden« Jede der grossen Musikschulen, die i^Royal 
Academy of Music', das „Royal College of Music**, die ,»Guildhall 
School of Music**, hat eine ^Lady Superintendent' neben dem 
männlichen Leiter. Eine Reihe englischer Universitäten und die 
Universität Edinburgh verleihen Grade filr Musik, die auch Frauen 
zugänglich sind. 



Von den mannichfaltigen Qbrigen Anstalten fOr Beru&bildung 
ist als besonders hervorragend vielleicht noch die grosse Swanley- 
Gartenbauschule (Horticultural-CoUege) zu erwähnen, an der seit 
Z89Z auch eine Frauenabteilung unter einer Lady Superintendent 
besteht, und das auf schwedische Kinflflssr zurflckzufQhrende 
yPhysical Training College' in Hampstead, das seit 1885 Lehre- 
rinnen fOr den gymnastischen Unterricht nach dem Ling'schen 
System ausbildet Fast alle höheren Mädchenschulen beschäftigen 
solche Lehrerinnen. 

FOr die zahlreichen Beamtinnen, die in der kommunalen Ver- 
waltung, der Fabrik- und Sanitätsinspektion etc in England 
beschäftigt sind, bietet die (^London School of Economics and 
Political Science' eine Bildungsgel^enheit Etwa ein Drittel der 
SchOler dieser Anstalt sind Frauen. 

Auf landwirtschaftliche Fortbildung wird in Irland grosses 
Gewicht gelegt In dem vierten, fOnften und sechsten Schuljahr 
aUer Landschulen ist der landwirtschaftliche Unterricht fOr Knaben 
obligatorisch, fOr Mädchen kann er erteilt werden, falls der Lehrer 
dazu befUugt ist In den grösseren Ackerbauschulen besuchen 
Mädchen vorzugsweise die Kurse fdr Milchwirtschaft und Geflügel- 
zucht 

m. 

Höhere Frauenbüdung. 

1 Historische Entwieklung. 

Für die Geschichte des höheren Schulwesens in Gross- 
britannien ist zunächst die Thatsache entscheidend, dass der Staat 
ausschliesslich den Dementarunterricht und später einige Zweige 
des tedmischen Unterrichts in die Hand genommen hat, das 
gesamte höhere Schulwesen aber der ft-eien Gestaltung durch 
die Beteiligten selbst überliess. 



— a63 — 

Die grossen Etappen in der Geschichte des höheren Frauen- 
bildungswesens sind in England dieselben wie in Deutschland: 
eine Blüte in den Frauenklöstem des Mittelalters, die in England 
wohl noch voller und reicher war als in Deutschland« dann zu- 
nehmender Verfall, eine spärliche und auf wenige beschrankte 
Wiederbelebung durch die Renaissance, eine allgemeine Gleich- 
giltigkeit im 17. und z8. Jahrhundert, die einzelne Reformer ver- 
gebens zu erschottem versuchen — wie Anna Maria von Schur- 
mann in Deutschland und Mary Asteil in England — und auf 
die die schnell vorobereilende Periode der ^gelehrten Frauenzimmer^ 
in England einen noch weit geringeren Einfluss ausübte als in 
Deutschland. 

Schliesslich gewinnen, um die Wende des Jahrhunderts ein- 
setzend, fllnfidg Jahre hindurch nur ganz langsam und gleichsam 
unter der Oberflache fortwirkend, die Tendenzen zur allgemeinen 
sozialen und geistigen Hebung der Frau in der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts den entscheidenden Einfluss, und führen, in Eng- 
land schneller, in Deutschland langsamer, zur immer stärkeren, 
wenn auch nicht mechanischen Angleichung der Mädchenbildung 
an die der Knaben. 

Von diesen Reformern um die Wende des 17. und x8. Jahr- 
hunderts wird die historische Betrachtung der höheren Frauen- 
bildung in England ausgehen müssen, um alle Elemente zur 
Erklärung der Gegenwart zu sammeln. Aus dem sozialen und 
geistigen Leben einer Zeit, die schon in mancher Hinsicht zur 
modernen englischen Geschichte gerechnet werden kann, fliessen die 
Säfte, aus denen sich die Erziehungsgedanken der Mary Asteil 
aufbauen. Da ist der Einfluss der englischen Verstandeskritiker, 
vor allem Lockes, der das Bedürfnis nach Erkenntnis und Wissen 
und das Streben nach der Kultur der edelsten Kräfte des 
Menschen so mächtig werden liess. Da ist die grenzenlose Ver- 
derbtheit der Sitten in der guten Gesellschaft, wie sie England 
nach der Restauration kennzeichnete, die Faulheit der politischen 
Veriiältnisse, die allgemeine Unbildimg der höheren Stände, die 
den Wunsch nach einer Regeneration der Gesellschaft erwecken 
musste. Mary Asteil sieht die Notwendigkeit dieser Regeneration 
und die Wege, sie zu verwirklichen, von ihrem Standpunkt Das 
Verhältnis der Geschlechter, die niedrige Stellung der Frau, die, 
ausgeschlossen von allen Mitteln innerer Veredelung, zu allem 



1) VfL Haadbnch der Fnntabtmtgfmg L S. M9C 



- a64 - 

Guten xmd Weisen unflhig bleiben muss, scheint ihr die vor aDem 
zu beseitigende Ursache der Verderbnis. 

Eine Art Frauenkloster plant sie, das den Töchtern der 
höheren Stande Gel^enhdt bieten soll, sich, ungestört durch die 
Anforderungen des üaishionablen Lebens, durch Studium, praktischen 
Dienst an Armen und Kranken, Erziehung kleiner Kinder, kurz 
eine einfache, gesunde, Arbeit und Zerstreuung in rechtem Ver- 
hältnis bietende Lebensweise die geistigen und sittlichen Fähig- 
keiten zu erwerben, die ihr Leben später von ihnen fordert 

Marjr Asteil ist eine „Frauenrechtlerin"; sie schreibt ihr 
ganzes Buch, und ihre beiden folgenden ebenso*), in einer pronon- 
derten Frontstdlung gegen das männliche Geschlecht Das hat 
ihr natOrlich Feinde gemacht Die moralischen Wochenschriften, 
thun sich eine Gate darin, sie zu verspotten xmd zu verdächtigen. 
Addison und Swift sdbst spitzten ihre Federn, um GIdches mit 
Gldchem zu vergdten. Aus ihrem Plan wiu'de nichts. 

Ein unabhängigerer Mann, als die Vertreter der konven- 
tiondien BOxgertugend in den moralischen Wochenschriften, 
Daniel Defoe, wusste de besser zu wOrdigen. In seinem „Essay 
on Projects of Academies" erklärt er es als ,»eme der bar- 
barischsten Gepflogenhdten, zumd mitROckdcht darauf, dass wir 
uns als ein dvilidertes xmd christliches Land ansehen', den 
Frauen die Vorteile der Bildxmg zu versagen. 

Sein Vorschlag sind dne Art öffentlicher Schulen, von denen 
in jeder Grafschaft dne und zehn in London eingerichtet werden 
mOssten. In diesen Schulen, fOr die er an dne staatliche Kon- 
trolle zu denken scheint, sollten Frauen zur LektOre enister Bücher, 
vor aUem der Geschichte, angddtet xmd in Französisch, Italienisch, 
Mxisik xmd Tanz xmtenichtet werden. 

FOr die thatsächliche Entwicklung des Mädchenschulwesens 
sind er xmd Marjr Asteil von kdnem erkennbaren Kinflnss ge- 
wesen. In England lag im z8. Jahrhxmdert, wie in Deutschland, 
die MädchenbOdxmg vollkommen in den Händen der Familie, wo 
man de vernachlässigte, oder der Privatschxile, des Instituts, wo 
de zum G^enstand kaufmännischer Berechnxmg wurde. »V/lr 
finden** heisst es in einem zdtgenössischen TheaterstQck, Jn jedem 
Dorfe: ,Hier werden junge Damen in Pendon xmd Unterricht ge- 
nommen' in goldenen Buchstaben axif blauen Tafeln. Da pflegt 



I) A Scriottt Propoul to tbe Ladies by a Lovcr of tbcir Sex. Loadeo 1694. 

^ An Essay ia cicfsBee of tfae FoBsle Saz, Loadeo 1696, and Sons Rsflsctiows opon 



— 265 — 

denn ein vagabondierender Schauspieler als Tanzlehrer und ein 
Deserteur von Dünkirchen für das Französische zu fungieren' 
Eine neue Reaktion gegen die Zustande und die Ansichten auf 
dem Gebiet der Frauenbildung ist der berOhmte ,»blue-stocking 
Club'', der wie die Predeusen in Frankreich, der litterarischen 
Satire fOr einige Zeit einen dankbaren Stoff gab. 

. Dann aber kamen, froher als in Deutschland, die zwingenden 
Eindrücke der wirtschaftlichen Veränderungen, die der Frau des 
Mittelstandes zwar zunächst noch nicht die Notwendigkeit des 
eigenen Erwerbs, aber in der grenzenlosen Vernachlässigung und 
Verkommenheit der unteren Volksschichten eine nicht abzu- 
weisende soziale Pflicht auferlq;ten. 

Es ist bezeichnend, dass Hannah More, die erste, die nach- 
drücklich f&r eine gesunde Frauenerziehung in den oberen Ständen 
eintrat, zugleich die Hauptbegründerin der Sonntagsschulen für 
die Kinder des Volkes wurde. 

Hannah More hat in ihren ,,Strictures on Female Education' 
mit bewundernswürdiger Klarheit und Schärfe den Grundfehler 
im Frauenbildungswesen ihrer Zeit au%edeckt: Die Erziehung 
für den Schein, zu äusseren Fertigkeiten und gesellschaftlichen 
Vorzügen, die weit entfernt von wirklicher Bildung ist Mädchen 
lernen alles nur aus Anthologieen, Auszügen und Abrissen in 
Frage und Antwort auswendig, und niemand denke daran, ihnen 
Dinge zu bieten, die ihren Geist wirklich aufbauen, die ihnen 
Klarheit tmd Urteilsfähigkeit geben. Gegen dieselben Fehler 
wendet sich Maria Edgeworth in ihren zahhreichen Erziehungs- 
schriften. 

Ein ganz bestimmter gemeinsamer Zug kennzeichnet diese 
ersten Vorkämpferinnen tieferer Frauenbildung: etwas Pedantisch- 
Engherziges, Gouvemantenmässiges, eine schulmeisterlich-alt- 
jüngferliche Strenge, die alle Ezcentricitäten aufs Entschiedenste 
ablehnt So erscheint Hannah More neben der frauenhaft-weichen 
Enthusiastin, die im Grunde ihre Mitkämpferin war. 

Mary Wollstonecraft-Godwin hat für die Entvricklung der 
FrauenbUdung in England keinen Einfluss gehabt, trotzdem heute 
erfilllt ist, was sie damals wollte. Das harte Urteil der Hannah 
More über die i^Hyäne in Unterröcken* wurde von der englischen 
Frauenwelt getcdlt; man las ihre „Verteidigung der Frauenrechte' 



I) VfL Alice Zimmern. The Rtneimnce of Girls' EdoeatioB in Eagliiid. 



nur, um sich darQber sittlich zu entrüsten, oder man las sie ^ 
wie Hannah More — Oberhaupt nicht*) 

Die Gouvernanten aber wurden populär, besonders Maria 
Edgeworth durch ihre moralischen Erzählungen. Aber es fehlte 
an pädagogisch begabten oder gebildeten Menschen, um ihre 
Forderungen zu verwirklichen. Man suchte die Reform in einem 
Mehr an Memorierstoffen, dOrrem BOcherwissen, dessen Bildungs- 
kräfte man nicht auszulösen verstand. 
Es fehlte an Lehrerinnen. 

An Frauen freilich, die im Unterricht einen Erwerb suchten, 
fehlte es nicht Ihre Zahl war in den ersten Jahrzehnten des 
19. Jahrhunderts unheimlich gestiegen, ihre Lage die denkbar 
klaglichste. Man gründete einen Verein, halb Wohlthatigkeits- 
verein, halb Berufsorganisation, die ,,Govemesses' Benevolent In- 
stitution', um ihnen zu helfen. Das war 1843. Die Akten der 
Gesellschaft sind ein trauriges 2^gnis für das äussere Elend und 
die innere Unfähigkeit der Frauen, denen die höheren Stände ihre 
Mädchen zur Erziehung gaben. 

Mit der Forderung emer Berufsausbildung fOr diese Frauen 
setzt die Reform oder, richtiger gesagt, die Schöpfung der 
gesamten höheren Frauenbüdung in England ein. 

Man b^ründete 1847 Abendklassen in London, in denen Er- 
zieherinnen durch Vorträge der Professoren von King*s Collq^ 
eine höhere Bildung empfingen. Diesen wurden Tageskurse an- 
geschlossen, die dem allgemeinen Bedürfnis der Frauen nach einer 
erweiterten Bildung entgegenkommen sollten, und 1848 wiu'de das 
ganze Institut als Queen's College eröffnet So zurückhaltend man 
in der Aufstellung und Behandl\mg der Lehrgegenstände verfuhr, 
wir finden doch darunter die als das eigentliche Monopol der 
Knabenschulen betrachteten: Mathematik und Latein. 

Gleichzeitig hatte Mrs. Reid nach dem Vorbild des neu 
begründeten interkonfessiondlen University-College in London ein 
Unternehmen gleicher Bestimmung, wie Queen's College, auf inter- 
konfessionellem Boden begründet Sie brachte auch in andrer 
I£nsicht liberalere Prinzipien zur Geltung, vor allem in der Zu- 
sammensetzung des Kuratoriiuns, das im Gegensatz zu Queen's in 
der überwiegenden Mehrheit aus Frauen bestand. 

Veranstaltungen wie diese beiden Colleges finden wir zu 
Beginn der Bestrebungen für eine höhere Frauenbildung in allen 



VfL HAadbncfa der Frauenb e we fim y Teil L S. asaff. 



^ 267 — 

LAndern. Sie sind ihrer Natur nach Provisorien. Zu Konzessionen 
an bestehende Vorurteile gezwungen, einem vielseitigen, aber noch 
undifferenzierten BedQrfiiis angepasst, können sie natuigemfiss ihre 
fährende Stellung nicht bewahren. Um so schneller müssen sie 
sie verlieren, je breiter die Basis, auf die sie ihre Bestrebungen 
begrOndeten, je kräftiger die Bewegung, die sie auslösten. Es 
wird ihr Schicksal sein, sich entweder dem Fortschreiten der 
Entvncklung so anzupassen, dass sie innerhalb derselben eine 
neue Stellung gewinnen, oder aber aus dem allgemeinen Strome 
abgeschoben zu werden zu einer im kleinen Kreise sich ab- 
spielenden Sonderexistenz. Das erste Schicksal erwflhlte Bedford, 
das letzte Queen's Collq^e. Queen's hielt seine Traditionen fest 
und stellt jetzt eine Art Lyceum dar, wo in Vortragscyklen aus 
allen Fächern die Elemente emer höheren „allgemeinen Bildung** 
fbr solche dargeboten werden, die sich keine Berufsbildung ixgend 
welcher Art suchen wollen. Dem Bedford CoUq^ werden wir 
in der weiteren Entvricklung der höheren Frauenbildung noch 
einmal begegnen. 

Jedenfalls stellte die erste Generation der Schülerinnen beider 
Anstalten die Truppe von Pionieren, die nachher auf den ver- 
schiedenen Wegen, in die die Frauenbildungsbewegung sich 
spalten musste, die Initiative übernehmen. Diese verschiedenen 
Wq;e: höhere Schulbildung, Universitätsbildung, Lehrerinnen- 
bfldung haben wir nun zu verfolgen. 

2. Die moderne Oestaltimg der höheren Franenbüdnng. 
A. Die höher.en Schulen für Mädchen. 

Es waren Lehrerinnen, die sich der Reform der Mädchen- 
bildung in den höheren Ständen zuerst annahmen. Vergegen- 
wärtigt man sich, dass das gesamte höhere Schulwesen in keinerlei 
Verbindung mit dem Staat steht, dass es gewissermassen einen 
Staat fOr sich bildet, so sind für seine Geschichte zwei Fragen 
von besonderer Wichtigkeit: erstens, wie werden die Mittel f&r 
den höheren Urterricht aufgebracht, und zweitens, wie erhält man 
den Stand all dieser verschiedenen unabhängigen Anstalten auf 
einem gewissen Niveau, wer übt die Kontrolle? Was zunächst 
die erste Frage . betri£Et, so ist in England von altersher die 
Schule ein Objekt frommer Stiftungen gewesen. Solche 
bestanden in den mannichfaltigsten Formen, für die verschieden- 
artigsten Sonderzwecke in grosser Zahl. Eine gewisse Ober- 



waehung und R^ulierung ihrer Verwendung stellte sich als not- 
wendig heraus, da für viele die Bedingungen, an die ihre 
Benutzung gebunden war, nicht mehr zu erfüllen waren, da bei 
anderen die Institute, denen sie bestimmt waren, keine Existenz- 
berechtigung mehr hatten u. s. w» Diese Regulierung übernahm 
der Staat unter der sogenannten ,,Endowed Schools Act* von 
1869. In diesem Gesetz wurde ausdrflcklich hervorgehoben, dass 
bei der. Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel thunlichst 
die höheren MAdchenschulen berücksichtigt werden sollten, eine 
Bestimmung, die um so bedeutungsvoller war, als von den be- 
stehenden Stiftungen kaum eine für Mändchenerziehung bestimmt 
war, und als viele, die für Erziehungszwecke schlechthin gegeben 
waren, in der Auslegung durch die Vollstrecker nur für Knaben 
verwandt wurden. Was die Frage nach der Kontrolle betrifft, so 
suchen die niederen Glieder dieses Staates im Staate, wenn sie 
für ihre Existenz und ihr Gedeihen der Anerkennung und Stütze 
einer Autorität bedürfen, eme solche nur bei den höheren Tnstanzm 
ihres eigenen Kreises. Das sind für die Sekundärschulen natur- 
gemftss die Universitäten. Zunächst ergiebt sich die Kontrolle durch 
die Universität ja schon mit Notwendigkeit daraus, dass die Sekundär- 
schulen für die Aufnahmeexamen der Universitäten vorbereiten. 
Aber auch ausserhalb des eigentlichen gelehrten Bildungsganges 
stellte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis nach 
einer Möglichkeit heraus, minderwertige und leistungsfUiige 
Schulen dem Publikum gegenüber zu kennzeichnen. So wurden 
von Oxford und Cambridge aus 1857 imd 1858 sogenannte Lokal- 
examen eingerichtet, durch die ^ßdltmitgliedem der Universität 
Gelegenheit gegeben wurde, ihr Wissen durch sie bestätigen zu 
lassen. Es werden von der Universität Bogen mit Fragen aus 
den verschiedensten Fächern ausgegeben und die Antworten der 
Schüler darauf zensiert Die besseren Schulen beeilten sich 
natürlich, sich diese 2^gnisse für ihre Leistungen zu verschaffen, 
und so bewährte sich die Einrichtung für die Hebung des ganzen 
höheren Schulwesens thatsächlich. 

Der Gedanke lag nahe, auch die Mädchenschulen an dieser 
Einrichtung teilnehmen zu lassen, und wurde 1862 auch auf An- 
rufung vor allem von Miss Emily Davies verwirklicht, zunächst 
freilich nur insofern die Prüfungskommission sich bereit erklärte, 
inoffiziell auch an Mädchenschulen Fragebogen auszugeben, die 
Antworten durchzusehen und darüber zu berichten. Die Resultate 
der Prüfung, an der sich freilich nur einige der besten Schulen 



- 269 - 

zu beteiligen wagten, zeigten als auffallendstes Charakteristikum 
einen ausserordentlichen Tiefstand des Rechenunterrichts, wahrend 
f&r die modernen Sprachen das Niveau der Knabenschulen erreicht 
war. Von 1865 an wurden, ebenfalls besonders auf Betrieb von 
Miss Emily Davies, diese Examen den Mädchen o£Bziell zugänglich 
gemacht x866 wurden sie schon an zo Orten mit ca. 200 Mädchen 
vorgenommen« 

Damit hatte man sich — und das war f&r die gesamte weitere 
Entvricklung von ganz ausserordentlichem Vorteil ^ fOr die 
Mädchenbildung von vornherein dieselben Massstahe gesichert, 
die man an die KnabenbOdung legte. 

Immeriiin gewährten diese Prüfungen, die ja nicht obligatorisch 
waren, noch kein Bild des thatsächlichen Standes der höheren 
Mädchenbildung und damit noch nicht die notwendige Grundlage 
fdr weitere Reformen. Eine Gelegenheit, diese zu gewinnen, bot 
die Einsetzung einer staatlichen Kommission zur Untersuchung 
des Standes der nicht elementaren Knabenschulen. Es gelang, 
wiederum durch die Bemühungen von Miss Davies, unterstützt 
von zwei Vorsteherinnen hervorragender Privatanstalten, Miss 
Buss und Miss Beale, die Hineinziehung der Mädchenschulen in 
diese Enquete durchzusetzen. Die Resultate, aus dem umfiemg- 
reichen Material der Kommissionsberichte von Miss Beale zusammen- 
gestellt und verarbeitet,ergaben, wie man erwartet hatte, ausser- 
ordentlich kläglicheZustände. InBezug auf Ausstattung, Organisation, 
Auswahl und Verteilung der Lehrgq^enstände, Methoden und als 
Folge von dem allen natürlich die Kenntnisse der SchQlerinnen, 
rangierten die Mädchenschulen tief unter den Knabenschulen. Als 
wünschenswerte Reformen ergaben sich die Errichtung von öffent- 
lichen Mädchenschulen unter angemessener Kontrolle, die stärkere 
Betonung des Rechnens und Einführung von Mathematik und 
eventL Latein, und die Errichtung von Anstalten, in denen die 
Lehrerinnen höherer Mäd'chensch\ilen eine der Universität gleich- 
stehende Bildung erwerben könnten. 

Die Ausführung dieser sachkundigen und wohlmeinenden 
Ratschläge freilich mussten die Lehrerinnen selbst in die Hand 
nehmen. Und das thaten sie auch. Dass die Enquete die allgemeine 
Aufinerksamkeit auf die Unzulänglichkeiten der Mädchenbildung 
gelenkt hatte, half ihnen die öffentliche Meinung zu gewinnen. 

Um die schwierige Aufgabe : gut ausgestattete grosse Mädchen- 
schulen mit niedrigem Schulgeld — zu erfüllen, gab es, da eine 
genügende Zahl von „endowments** sich natOriich nicht aus der 



— 270 — 

Erde stampfen liess, in England keinen andern Weg als Aktien- 
gesellschaften, deren Teilhaber bereit waren, der Sache auch 
notigen&lls pekuniäre Opfer zu bringen. Durch kräftige, von 
Frauen unternommene, von MAnnem bereitwillig unterstatzte Agi- 
tation, die ihren Mittelpunkt fand in einem aus Lehrerinnen- und 
Erziehungsvereinen bestehenden grossen Nationalverband zur » Ver^ 
besserung der Erziehung der Frauen aller Stände' wurde 
schliesslich als erste derartige Gesellschaft 1873 die Girls' Public 
Day School Company ins Leben gerufen. 

Ihrer Wirksamkeit hatten einzelne tQchtige Vorsteherinnen 
praktisch vorgearbeitet, indem sie aus eigener Initiative Muster- 
anstalten schufen, die in ihrer Organisation fOr die folgenden vor- 
bildlich wurden. Als Schülerin von Queens' College hatte Bliss 
Frances Mary Buss in einer kleinen Privatschule versucht, den 
neuen Idealen der Madchenerziehung Leben zu geben. Ihre 
Schülerinnen stellten einen Hauptteil der an den ersten Local 
Examinations in London teilnehmenden Mädchen. Unter un- 
geheuren pekuniären Schwierigkeiten gelang es Miss Buss endlich, 
die erste öffentliche höhere Mädchenschule in England, die North 
London Collegiate School, durch eine Anzahl von Stiftungen 
auf wirtschaftlich sicherer Basis zu begrOnden. Die Schulen von 
Miss Buss sind unter den Mädchenschulen der Typus der so- 
genannten yCndowed schools.** 

Unter denselben Schwierigkdten kämpfte unter Miss Beale's 
umsichtiger und energischer Leitung des Cheltenham Ladies 
College gegen die Vorurteile, die einer sich dem Knaben- 
gymnasium priiizö>iell angleichenden Mädchenerziehungsanstalt 
entg^ienstanden. 

Da die Girls' Public Day School Company ihre Schulen auf 
interkonfessioneller Grundlage einrichtet, so entstand in den der 
Church of England angehörenden Kreisen der Wunsch, ihrer- 
seits eine entsprechende Gesellschaft zur GrQndung von Schulen 
mit hochkirchlichem Religionsunterricht zu schaffen. Diese trat 
1883 ins Leben. Da sie über geringere KGttel verfllgt, wie die 
ältere Gesellschaft, so sind ihre Schulen bis jetzt sowohl an Zahl 
als auch durchgehend an Ausstattung und Leistungsfähigkeit 
geringer als jene. 

Betrachten wir nun, wie die geschilderte geschichtliche Ent- 
wicklung die Schule gestaltet hat 

Die Girls' Public Day School Company veribgt gegenwärtig 
Ober 33, die Church Schools Company über 25 Schulen. Dazu 



— 271 — 

kommen noch eine ganze Anzahl von Privatanitalten verschiedenster 
Art Die High Schools zerfallen in solche ersten und solche 
zweiten Grades. Die ersten Grades behalten ihre Zöglinge vom 
7. bis zum 19. Jahre. Die andern bis zum 16. oder 17. Die Jahr- 
gänge sind verteilt auf 6 Klassen, von denen in höher ent- 
wickelten Schulen jede noch einmal in eine untere und obere 
geteilt wird Obgleich also die High Schools die Dementarfilcher 
mit umfassen, entspricht ihre Unterstufe keineswegs der Dementar- 
schulCt so, dass etwa diese in derselben Weise den Unterbau der 
oberen Klassen bilden könnte. ' Es wird als ein Mangel der High 
Schools empfunden, dass es kaum eine Möglichkeit giebt, von der 
Dementarschule zu ihnen Qberzugehen. 

Die Organisation der Klassen ist eine weit lockere und 
beweglichere als in deutschen Schulen. Meist werden die 
Leistungen im Englischen imd Rechnen zum Massstab der Ver- 
setzung gemacht, für die Obrigen Fächer aber Klassen der etwa 
gleich fortgeschrittenen Schülerinnen verschiedener Stufen or- 
ganisiert Der Unterricht dauert 5 Stunden täglich; ein Tag in 
der Woche, der Sonnabend, ist ganz frei 

Die Unterrichtsfächer sind folgende: Religion, Lesen, 
Schreiben, Rechnen, Mathematik, Buchführung, Englisch, Geschichte, 
Geographie, Französisch, Deutsch, Latein, Naturwissenschaften, 
Volkswirtschaftskunde, Zeichnen, Chorgesang, Harmonie, Turnen, 
Handarbeiten. 

Die Verteilung dieser Fächer auf die zur Verfügung stehende 
Unterrichtszeit, die Auswahl der einzelnen Lehrpensen imd die 
Festsetzung der Lehrziele wird im grossen und ganzen bestimmt durch 
dieAnforderungen der verschiedenen Examen, fiOrdieman die Schüle- 
rinnen vorbereitet Diese Examen bilden untereinander ein ganzes 
System von über-, neben- und untergeordneten Stufen. Die be- 
liebtesten sind die von Oxford und Cambridge organisierten Schul- 
examen (local examinations) für die mittleren und höheren Stufen, 
das Examen des sogenannten Joint Board of Oxford and Cambridge, 
das seit 1873 fOr die öffentlichen höheren Knabenschulen ein- 
geführt ist, für die höchsten Klassen. Dieses Examen gilt zugleich 
als Matrikulationsexamen für Oxford und Cambridge und für eine 
Reihe andrer Hochschulen. 

Ober die Leistungen der High Schools herrscht in sach- 
verständigen Kreisen im allgemeinen Befriedigung. Der grosse 
Fehler, der in der ersten Zeit ihrer Entstehimg naturgemäss häufig 
gemacht wurde, die Handhabung des ganzen Unterrichts als einer 



Vorbereitung auf die Examen ist mehr imd mehr verschwunden» 
seit man pädagogisch gebildete Lehrerinnen hat, und seit diese 
Examen die Bedeutung einer Feuerprobe ftlr die Existenz- 
berechtigung der Madchenhochschuie mehr und mehr vezloren 
haben. Als ein BedOrfhis empfindet man jetzt auch — nachdem 
zuerst die Vorbereitung auf die Universität als Hauptziel ins Auge 
gefasst wurde — eine bessere Berücksichtigung der Madchen» die 
mit Z5 oder z6 Jahren die Schule verlassen müssen, um einen 
praktischen Beruf oder Oberhaupt keinen zu erwählen, und die 
bei der gegenwärtigen Organisation leicht zu kurz kommen. Eine 
an die gemeinschaftliche Unterstufe sich schliessende Gabelung 
in zwei Bildungsgänge, entsprechend den Bedürfhissen der beiden 
Kategorien von Schülerinnen, wird vorgeschlagen, dürfte aber 
doch nur in den wenigen höchst entwickelten Anstalten aus- 
fahrbar sein. 

Was nun die äussere Organisation betrifit, so hat der Verzicht 
des Staates auf jede Beeinflussung des höheren Schulwesens 
naturgemäss auch seine Schattenseiten. Jede Kommission, die seit 
Lord Brougham über den Stand der Sekimdarschulen Unter- 
suchungen zu machen hatte, vdes auf diese Schattenseiten hin. Mehr 
oder weniger hatten die Gutachten immer in den bekannten Ruf 
von Matthew Arnold eingestimmt: ^Organise your Secondary 
and Higher Instruction:'' Vor allem rechnet zu diesen Miss- 
ständen die Ungleichmässigkeit in der Verteilnng der Schulen 
über das Land. Überall da, wo die Gründung einer Schule nicht 
sehr rentabel erscheint, fehlt auch die Initiative dazu. Auch in 
andrer Hinsicht hat sich das System der Aktiengesellschaften 
und endowments vielfach nicht als ausreichend bewiesen. Auch 
die Vertretung des höheren Schulwesens in der höchsten Behörde 
war uneinheitlich. Die drei bestehenden Autoritäten im Unter- 
richtswesen: das Education Department, das Science and Art 
Department und die Charity Commission, hatten alle gewisser- 
massen im Nebenamt nur mit dem Sekundärunterricht zu thun. 
Die grosse Erhebung, die im Jahre 1894.-95 von einer König- 
lichen Kommission, der auch drei Frauen angehörten, auf dem 
Gebiet des gesamten Sekimdärunterrichts gemacht wurde, zeigte 
die daraus hervorgehenden Missstände in ihrem ganzen Umfang. 

„Der Boden des sekundären Unterrichtswesens", heisst es in 
dem Bericht der Kommission, „ist schon fast bedeckt mit so 
stattlichen Gebäuden, dass man sich dem Verlust, den man er- 
leiden würde, wenn man ihn fireimacht für die Errichtung eines 



— 273 — 

umfiLSsenden systematischen Neubaus nicht aussetzen kann. Doch 
sind diese bestehenden Gebflude so schlecht verteilt, so schlecht 
verbunden imd so unzweckmAssig, dass irgend eine Art 
Rekonstruktion unvermeidlich scheint". 

Dass eine solche Regelung in England, wo man in Bezug auf 
die Wahrung der persönlichen Bewegungsfreiheit so nerv<ys ist, 
durchaus nicht eine autoritative Staatsaufsicht Qber den inneren 
Betrieb 4er Schulen involviert, ist selbstverständlich. Es handelt 
sich nur um eine zentrale Verwaltung der zur Verfügung stehen- 
den Mittel, um die Forsorge ftlr die Errichtung von Schulen, wo 
bisher ,'noch keine bestehen, um die Förderung von Reformeut 
soweit das geschehen kann, ,,durch Aneiferung, Überredung und 
das Anerbieten von Privil^en und Gutachten**. Durch die Board 
of Education Act von 1899, die am z. April 1900 in Kraft trat, 
sind die drei genannten Erziehungsdepartements der englischen 
Regierung zu einem eigentlichen Unterrichtsministerium mit einem 
verantwortlichen Minister an der Spitze zusammengefasst Die 
Verteilung der Ressorts ist jetzt folgende: 

Board of Education 

Elementary Education Secondary and Technological . 

Education 



Branch Technological 

Brauch. 

Dem Ministerium ist ein beratendes Kommitee beigegeben, dessen 
Mitglieder die Regierung ernennt Dem Kommitee gehören in 
erster Linie Vertreter der verschiedenen Schulgattungen an, die 
dem Ministerium unterstehen. Es gehören auch drei Frauen 
dazu. Die Au&icht ist im allgemeinen eine nur administrative. 
Schulen aber, die eine staatliche Inspektion über die unterricht- 
liche Seite ihres Betriebs wünschen, können sie erhalten.*) 

Die weitere dezentralisierende Ausgestaltung dieser neuen 
Behörde ist noch nicht abgeschlossen. Ein Muster fbr die Hand- 
habung dieser staatlichen Beaufsichtigung der Erziehung sind in 
gewissem Sinne die sogenannten Intermediatschulen von Wales, 
wo seit 1889 ein staatliches höheres Schulwesen besteht Die 
Armut des Landes, die grosse Privatstiftungen zu Schulzwecken 

>) VfL Alice Zimmcra •. •. O. S. a3& 

^ VfL Dr. R. P. Scott Secoodary Ednotion LcfiiUtiOB. Li ,Ednc«tiatt ia th« 
madtCBth CcntoiT'. Caabridfe 190K. S.s^'^ 

Haadbach d«r Fran«ab«w«f aaf. TSL TciL x8 



— 274 — 

ausschloss, machte die Inanspruchnahme von Staatsmitteln imd 
Steuern ftlr das höhere Schulwesen notwendig. Die Unterrichts- 
gegenstande, durch die höhere Mädchenschulen sich als solche 
kennzeichnen sollten, waren die der englischen HQgh Schools. 
Als verantwortliche Inspektionsbehörde wurde 1895 ein aus 
80 Vertretern der Provinzialbehörden, der verschiedenen Schul- 
gattungen etc. bestehender Board ernannt, zu dem auch Frauen 
gehören. Die zwischen dem Board und den lokalen Schuiver- 
waltungen stehende Behörde sind die county-coundls, die Graf- 
schaftsrate. Entsprechend dem demokratischeren Charakter der 
Bevölkerung von Wales ist die Trennung der elementaren und 
der höheren Schule dort nicht so organisch wie in England. Im 
Gegenteil bildet die Volksschule den gemeinsamen Unterbau, auf 
4en die intermediate school, die erst Kinder vom zo. Jahre 
an aufiiimmt, sich aufbaut Die Folge ist eine Mischimg der Be- 
völkerungsklassen in beiden Schulen, die noch dadurch von oben 
imterstotzt wird, dass ftlr Elementarschflier in den Intermediat- 
schulen immer einige Freistellen vorhanden sein mOssen. 

Von den Intermediatschulen sind etwa die Hälfte solche ftlr 
Knaben oder für M&dchen allein. Die andere Hälfte sind i,dual'', 
d. h. Knaben und M&dchen sind in einem Schalhaus mit ge- 
trennten Klassen, aber unter einem Leiter. Doch können die 
Beamten des Board gemeinsamen Unterricht in einzelnen oder in 
allen Klassen veranlassen. 7 Schulen haben thatsächlich gemein- 
same Erziehung. Die Folge davon war, dass Frauen in Wales 
an der Leitung von Sekundärschulen in sehr geringem Masse nur 
beteiligt sind, da nur die Madchenschulen imter der Leitung von 
Lehrerinnen stehen, alle andern männliche Direktoren haben. 

In Schottland ist, wie im Elementarunterricht, so in den 
höheren Schulen, der gemeinsame Unterricht der Geschlechter zu 
jeder Zeit stark verbreitet gewesen. Ausschliessliche Mädchen- 
schulen entsprechend den englischen High Schools giebt es daher 
dort verhältnismässig wenige. Sie sind zum Teil von einer Girls' 
School Company, wie die englischen Gesellschaften, gegründet, 
zum Teil unterstehen sie dem School Board als obere Ab- 
teilungen der Elementarschulen, oder es sind aus Stiftungen erhal- 
tene Schulen (endowed schools) wie die cai 1000 Schülerinnen 
zählende Schule der „Merchant's Company" in Edinburgh. Die 
Sekundärschulen in Schottland unterstehen staatlicher Aufsicht, 

I) Von des techi llitfUeden, dte der Board eooptierett darf, mOaa«a dre 
FxmiMn aein 



— 275 — 

soweit sie an den seit 1892 gewahrten StaatszuschOssen teil- 
nehmen, wahrend die Privatschulen sich ihr fireiwülig unter- 
werfen können. FOr alle Sekundärschulen . besteht eine staatliche 
ReifeprQfung, die von den Auinahmeexamen ftlr die Universität 
dispensiert') 

In Irland Uegcn die Verhältnisse annähernd so wie in 
Wales. Es wurde 1878 die ,pBoard of Intermediate Education** 
geschaffen, eine Behörde, die alle zur Verfügung stehenden öffent- 
lichen Mittel verwaltet und nach dem System der „payments by 
results'^ auf Grund der von ihr abgehaltenen Examen verteilt Dass 
dies System in der Anwendung auf den Sekundärunterricht noch 
grössere Bedenken hat, als im Elementarunterricht leuchtet ohne 
weiteres ein. Viele Schulen wählen ihre Unterrichtsfilcher nicht 
nach dem Bedfirfhis der Schaler, sondern nach den Chancen f&r 
die Erwerbung von Zuschflssen aus; an befiLhigten Schalem, aus 
denen die Schule viel Kapital schlagen kann, abt man eine un- 
gesimde Treibhauskultur und unbefiLhigte „go to the walL*' 
Immerhin hat die höhere Mädchenbildung in Irland dem Board of 
Intermediate Education, in dessen Bereich eine ganze Reihe von 
privaten und Klosterschulen mit der Zeit abergegangen sind, eine 
bemerkenswerte Hebung ihres allgemeinen Standes zu verdanken. 
Während vor seiner Begrandung fOr den Unterricht der Mädchen 
nur sehr dOrftig gesorgt war, stellten 1899 die Mädchenschulen in 
Irland 2042 Kandidatinnen zu den Examen, gegen 5726 Knaben. 
Vermutlich wird infolge der Neur^;elung des englischen höheren 
Schulwesens durch die Board of Education Act von 1899 auch 
eine Abstellung der Missstände in Irland erfolgen. 

B. Franenstudinm und Lehrerinnenbildnng. 

Die Geschichte der Eröffiiung der Universitäten für Frauen 
ist so durchaus ein Stack Frauenbewegung, dass sie im ersten 
Band dieses Handbuchs schon eine ziemlich eingehende Dar- 
stellung finden konnte.^ Hier seien nur die Hauptdaten der 
historischen Entwicklung gegeben, um dann auf den Stand des 
Frauenstudiums in En^and ausfQhrlicher einzugeben. 

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die der vollen, gleich- 
berechtigten Aufnahme der Frauen in die englischen Universitäten 
entgegenstanden, muss man sich aber die Verfassung des 
Universitätswesens klar sein. 

I) VfL C S. Br«mBttr •. •. O. S. a^gft 

^ VfL HmiWwirh der FruMDbewtfonf. Bd. L S. 148^; adoft 

X8» 



i 



^ 276 — 

Ifaren ganz besonderen Charakter tragen Oxford und 
Cambridge. Sie sind kleine Staaten mit grossen BesitztOmem 
unter einer Verwaltung, an der durch Stimmrecht jeder teilnimmt, der 
durch den Erwerb ihrer Grade Mitglied der Universität geworden 
ist Der Unterricht fiült cum grössten Teil den einzelnen Colleges 
mit ihren Tutors zu und charakterisiert sich so mehr als Privat- 
unterricht an einzelne. Daneben bestehen öffentliche LehrstQhle, 
die in den letzten Jahrzehnten an Zahl mehr imd mehr zu- 
genommen haben, im Centrum der alten Universitäten von 
Oxford und Cambridge stehen ursprOn^ich die humanistischen 
Fächer, die jpQassics', in letzter Zeit haben Mathematik und 
Naturwissenschaften ihnen den Rang strcdtig gemacht Geschichte, 
Philosophie, mittelalterliche und moderne Philologie, Jura und 
Staatswissenschaften reihen sich an. 

Der gewöhnliche Grad, den die Universitäten verleihen, ist 
der des ^Bachelor of Arts'*. Durch zwei Examen kann er er- 
worben werden, durch ein leichteres und ein sc h w e rere s in einem 
der genannten Fächer. Mit der Bestehung des leichteren ist die 
Anwartschaft auf die Rechte und Privil^en der Universität ver- 
bunden. Durch das schwerere Tripos*) erwirbt man den Grad des 
Bachelor of Arts with Honours. Die Zulassung zu diesem Examen 
setzt ein Auftiahmeexamen (Previous examination oder Little-go) 
und ein daran schliessendes dreijähriges Universitfltsstudium 
voraus. 

Die neueren Universitäten sind zum Teil PrQftmgssyndikate, 
an die sich Colleges und Universitatsvorlesungen angeschlossen 
haben, ohne mit ihnen in engerem organischen Zusammenhang 
zu stehen, oder gar mit ihnen identisch zu sein. 

Ein praktisches Bedfirfhis nach einer UniversitStsbildimg für 
die Frauen erkannte man zuerst im Hinblick auf die Lehrerinnen, 
die man üQr die höhere Mädchenschule nötig hatte. Es war 
wieder Miss Emily Davies, die initiativ vorging. Aus dem 
kleinen College, dass sie 1869 in Hitchin zwischen London tmd 
Cambridge eröffnete, ging einige Jahre spater das Girton College 
nahe bei Cambridge hervor. Es sollte den Madchen, auf der 
High School aufbauend, eine der Universität entsprechende Bildung 
geben und zugleich zu geeigneter Zeit Schritte thun, um fOr seine 
Schülerinnen die Zulassimg zu den Degrees der Universität zu 
erlangen. 

^^^ ^ ■ 

I) So fcaaBBt aadi daoB drdAkstifcn Schema auf dem der F.ttnriiuiad wahrend 
des KTiinfni titsea muiste. 



— 877 — 

Bei einem Uotemehmen, das gleichzeitig Professor Sidgwick 
in Cambridge einleitete, stand die Erlangung dieses Rechts weniger 
im Vordergrund als der Wunsch, Frauen in irgend einer Form die 
Universitätsbildung Oberhaupt zugänglich zu machen. Es wurde 
von Cambridge-Professoren ein Kursus von Vorlesungen ein- 
gerichtet, als deren äusseres Ziel das ^Higher Local* von 
Cambridge gesetzt wurde, imd durch die man besonders Lehre* 
rinnen heranzubilden wünschte. Dieses Institut, durch ein Internat 
zu einem College im eigentlichen Sinn erweitert und unter die 
Leitung von Miss Anne Jemima Clöugh gestellt, wurde 1876 
als Newnham College in einem eigenen Hause eröffiiet Während 
Girton in jeder Hinsicht eb geschlossenes System in strikter An- 
lehnung an die männlichen Colleges bildete, war man in Newnham 
weniger rigoros. Doch trat auch dort mit der Zeit ganz von 
selbst das Hij^er Local als Ziel der Schülerinnen mehr und mehr 
zurück hinter dem eigentlichen Universitätsexamen. Auch in 
Girton entfernte man bald das sogenannte College Certificate, 
das an Schülerinnen erteilt wurde, die an Stelle der alten 
Sprachen die modernen setzten, und das Certificate in profidency, 
das für ein Examen in einzelnen Zweigen eines Fachs verliehen 
wurde, ganz imd gar aus dem Statut, da die eintretenden 
Schülerinnen nahezu ausschliesslich auf Absolvierung des vollen 
Universitätsstudiums imd Erlangung des Degree Certificate hin- 
arbeiteten. 

Dieses Examen war bis z88o von den Prüfungskommissaren 
der Universität ganz in der Weise der Universitätsexamen, aber 
inoffiziell, als eine Privatangelegenheit der Colleges, abgenommen 
worden. 

Da liess 1879 die London University, ein Prüfimgssyndikat in 
dem oben schon erwähnten Sinne, Frauen zu all ihren Examen 
und Degrees zu. Newnham und Girton selbst hatten durch die 
Leistungen ihrer Schülerinnen ihre Ebenbürtigkeit der Universität 
gegenüber bewiesen. Man bat nun für die Schülerinnen von 
Newnham und Girton um die offizielle Zulassung zu den Tripos- 
Examen in Cambridge. 

Am 24. Februar 1881 wurde sie vom Senat mit überwältigender 
Majorität gewährt Damit werden fireilich die Frauen noch nicht 
Mitglieder der Universität in dem . Sinne, vde die Studenten es 
werden können. Die Universität ermächtigt nur ihre Prüfungs- 
kommission, der Studentin ein Zeugnis über das vor ihr be- 
standene Examen auszustellen, in dem zugleich angegeben wird. 



— 278 — 

welchen Platz sie entsprechend ihren Leistungen in der Reihe 
der sfimtiichen Examinanden ihres Fachs einnehmen wflrde. Der 
PrQfimgskommissar ist zugleich ermächtigt, der Examinandin, die 
das Tripos nicht besteht, zu bescheinigen, ob ihre Leistungen den 
geringeren Anforderungen des einÜEichen Bachelor of Arts ent- 
sprechen würden, obgleich der D^;ree selbst ihr v^egcn der damit 
verbundenen Rechte als UniversitOtsmitglied nicht verliehen 
werden kann. Auch die Zulassung zu den Universitfltsvorlesungen, 
die die Studentinnen neben dem Unterricht im College selbst 
besuchen, ist nicht ofBzirll, sondern nur eine GefUligkeit des 
einzelnen Dozenten. 

Z897 trat man noch einmal an den Senat heran mit der Bitte 
um unbeschrankte Zulassung der Frauen zu den Graden, nach- 
dem eine gleiche Bitte 1887 schon einmal abgelehnt worden war. 
Eine Kommission, die zur Beratung der Bitte eingesetzt war, ent- 
schied sich fOr die Gewährung von Titulargraden, vor allem des 
B. A., an Frauen. Der Senat lehnte aber unter heftigen Kund- 
gebungen der Studenten g^en die Frauen den Kommissions- 
beschluss ab. 

Ober die Erfolge des Frauenstudiums in Cambridge orien- 
tieren folgende Zahlen: 

Die Honour Dqrce Kxaminations von Cambridge bestanden 
von z88i-*Z900 in 

Mathematik 950 Frauen 

Alte Sprachen 227 » 

Philosophie 65 „ 

Naturwissenschaften z8o „ 

Theologie z ^ 

Jnra 4 » 

Geschichte Z76 » 

Orientalische Sprachen z „ 

Mittelalterliche und modemePhilologie Z3a , 

z 036 Frauen 

Ober das Verhältnis der Zahl der Studentinnen, die in die 
Colleges eintreten, zu der Zahl derer, die ihr Ziel wirklich er- 
reichen, orientieren die folgenden Angaben: Von 487 Studen- 
tinnen, die zwischen Z893 — ^^7 eintraten, machten von Z896 — Z900 
355 das Honour Degree Examen, das sind 72,8^/0; von 463z Mflnnem, 

I) VfL für diese uad die folftadca Zahlen Mn. Henry Sidfwiek in «Xdncation 
in the IQaeteenth CentnrT' S.aojfL 



— 279 — 

die in denselben Jahren eintraten« machten aoi2 dasselbe Examen, 
das sind 43,4 %. 

In Oxford ist die Entwicklung des Frauenstudiums nicht ganz 
so systematisch me in Cambridge, aber im grossen imd ganzen 
eine ähnliche. Wie dort, entstanden auch in Oxford, und zwar 
durch lebhafte Förderung von Profi Max MoUer, Vortragskurse, 
aus denen 1878 die Association for the Education of Women 
hervorging. Diese Körperschaft, zu der seit 1893 auch ein Mit- 
^ed des Hebdomadal Council der Universität gehört, bildet eine 
Art Vermittlung zwischen der Universität und den Frauen, sie hat 
die Errichtung von Halls of Residence ftlr die Studentinnen zu 
genehmigen, richtet Vorlesungen ein, vermittelt die Zulassung der 
Frauen zu den Vorlesungen der Professoren etc. Seit z886 sind 
Frauen zu den Auihahmeexamen (Responsions) zugelassen. 

FOr die Degrees der einzelnen Fakultäten erfolgte die Zu- 
lassung nach einander in den achtziger und neunziger Jahren. 
Die Examen ftlr Frauen werden indessen nicht von der Universitäts- 
prQfiugskommission, sondern von der Behörde ffir die Local 
Examinations abgenommen, allerdings unter Benutzung derselben 
Au%aben. Doch sind die Studentinnen in Oxford nicht wie in 
Cambridge den fOr die Studenten geltenden Bestimmungen Ober 
die Dauer des Studiums, die Wahl der zu belq;enden Vor- 
lesungen etc imterworfen. Da diese Freiheit ihre Bedenken 
hatte, ftlhrte die Association besondere Diplome ein ftlr solche 
Studentinnen, die alle Verpflichtungen der männlichen Studenten 
erfallt hatten. Eine Bitte um Gewährung der vollen Zulassung 
zu allen Degrees wurde von Oxford 1896, wie 1897 in Cambridge 
abgeschlagen. Die vier Internate fOr Frauen in Oxford stehen 
nicht in so naher Beziehung zur Entwicklung des Frauenstudiums, 
wie Newnham tmd Girton. Sie waren ursprOnglich nur als „Halls 
of Residence' geplant, die selbst keinen Unterricht Qbemehmen 
sollten, imd sind es zum Teil geblieben. Nur Somerville College 
gleicht in seiner Oi^ganisation den Frauencolleges in Cambridge; 
es ist inteiiconfessionell, während die andern drei: Lady Margaret, 
St Hugh's und die ursprOn^ch ftlr SchQlerinnen von Chelten- 
ham gegrOndete St Hilda's Hall auf dem Boden der Church of 
England stehen. 

Während die alten aristokratischen Universitäten Frauen noch 
kein volles Bürgerrecht innerhalb ihrer durch tausend glänzende, 
ehrwürdige Traditionen geheiligten Mauern gegeben haben, konnten 
die neuen Universitäten rascher vorgehen. An die London Univer- 



— aSo — 

siQr, ein ungeheuer vielseitiges und umfangreiches PrOfungs* 
Syndikat, dessen Examen fOr Hunderte von Anstalten jeder Art 
die Lehrziele bestinunen , trat die Frage der Zulassung von 
Frauen zuerst heran» als i6$6 Miss J. M. White sich bei ihr um 
ein arztliches Diplom bewarb. Sie wurde zurückgewiesen, ebenso 
me i86a noch einmal Elizabeth Garret Ein Antrag auf eine 
Modifikation des Grundgesetzes der Universität, um die Zulassung 
von Frauen möglich zu machen, wurde mit einer Stimme 
Majorität, der des Kanzlers, abgelehnt FOr ein besonderes Examen 
f&r Frauen, das 'man einführte, gingen wenig Meldungen an. 
1879 wurde dann durch eine Hinzufügung zum Grundgesetz be> 
stimmt, dass ^ftUe Grade, Auszeichnungen und Preise der Univer- 
sitat Studierenden beiderlei Geschlechts unter vollkommen gleichen 
Bedingungen zuganglich sein sollten.'* Aber es sollte keine Frau 
in den Convent der Universität aufgenommen werden, bis der 
Convent selbst sich dazu bereit erkläre. Das geschah schon 1882, 
und seitdem besteht an der London Universi^ zwischen Männern 
und Frauen kein Unterschied der Rechte mehr. 

. Die Zulassung in London musste nun natürlich auch zur Er- 
richtung von Vorbereitungsanstalten für diese Examen führen. 
Zunächst gestaltete Bedford College seinen Lehrplan so um, 
dass er den Anforderungen der London Universi^ entsprach. 
Bedford kam so zu einer grösseren Geschlossenheit seiner 
Organisation, und da es ihm nun leichter wurde, Mittel zu beschaffen, 
zu besserer Ausgestaltung all seiner Einrichtungen. Berühmt sind 
seine Laboratorien. Da Bedford interkonfessionell ist, entsprach 
die Gründung von Westfidd College in Hampstead (1882) auf 
dem Boden der Church of England einem Bedürfnis. 

Eine ganz eigenartige Gründung ist Holloway College in 
Egham nicht weit von London, eine Qrpische Verkörperung der 
noblen Laune eines „reichen Engländers", wie er in der Phantasie 
des Kontinents lebt Der Stifter, Mr. Holloway, beabsichtigte 
damit die Gründung einer Frauenuniversität, die später durch eine 
Parlamentsakte zur Erteiltmg eigener Grade ermächtigt werden, 
vorläufig aber ihre Schülerinnen für die London Degrees vor- 
bereiten sollte. Das College wurde in jeder Weise glänzend aus- 
gestattet mit imposanten Gebäuden, einer kostbaren Gemälde- 
gallerie, einem Museum imd allen denkbaren Vorkehrungen für 
die Bequemlichkeit der Studentinnen. Es verfügt über eine be- 
sonders grosse 2Lahl von Stipendien und ein ausgezeichnetes 
LehrpersonaL Aber trotzdem war seine Entwicklung eine langsame. 



— a8i — 

Es zeigte sich, dass der Plan des Stifters dem BedOrfiiis zu wenig 
entsprach, um in vollem Umfang durchgef&hrt werden zu können. 
Man begann den Gedanken an eine Frauenuniversität mit eigenen 
Graden mehr und mehr aufzugeben und schliesst sich in HoUoway 
immer enger an die London UniversiQr. Noch jetzt sind lange 
nicht alle Platze in Holloway besetzt 

In allen Frauencolleges liegt der Unterricht z. T. in der Hand 
von weiblichen Dozenten* z. T. von Universitätslehrern, die Leitung 
immer in der Hand von Frauen. 

In London wiurde auch zum erstenmal der Gedanke der 
Coeducation auf akademischem Gebiet verwirklicht Das London 
University College that diesen Schritt, indem es Frauen zuerst 
zu einzelnen, dann schliesslich zu allen Abteilungen zuliess. Nur 
die medizinische und die Ingenieurabteilung sind ihnen noch ver- 
schlössen. Eine „lady Superintendent" vertritt den Studentinnen 
gegenober dieselbe Stelle, wie der Vice-Decan den Studenten 
g^enüber. 

Dem Beispiel von London folgte Victoria Universi^, ein z88o 
gegrOndetes PrQfungssjmdikat für die Colleges in Manchester, 
Liverpool und Leeds. Die Colleges der Victoria-Universität tragen 
einen etwas andren Charakter als die bisher genannten. Sie um- 
fassen grosse Unterrichtsgebiete, die in Deutschland dem Poly- 
technikum angehören würden, Baufach« Zeichenkurse etc. Manche 
dieser Gebiete sind den Frauen erst in den letzten Jahren er- 
schlossen, wie die medizinischen Kurse von Owen's College in 
Manchester und die den ersten Semestern des deutschen Medizin- 
studiums entsprechenden Kurse der Medical School von Leeds 
und Liverpool. Auch zum Studium des Baufachs in Leeds sind 
Frauen zugelassen. Alle Grade der Victoria University sind Frauen 
zugänglich. 

Von der Universität von Durham, deren bedeutendste Fakultät 
die theologische ist, sind Frauen seit 1895 ^^ siütn Degrees, mit 
Ausnahme der theologischen, zugelassen. Die erst im Jahre 1900 
inkorporierte Birmingham Universi^ umfasst Natuiwissenschaften, 
Kunstgewerbe, Handelswissenschaft und Medizin. Auch sie lässt 
Frauen in allen Fakultäten unter gleichen Bedingungen wie die 
Männer zu. 

An einer Universität ist die Zulassimg der Frauen nicht ein 
Sieg der Frauenbewq^ng, sondern die freiwillige Zubilligung 
eines Rechtes an die ersten, die es beanspruchten; das ist die 
UniversiQr of Wales, zu der drei ältere Colleges, Abexystwyth, 



Cardiff und Bangor, die bis dahin für die Londoner Examen vor- 
bereiteten, 1893 vereinigt wurden. Aberystwyth, das älteste» hatte 
ohne weiteres die ersten Frauen zugelassen, die sich meldeten, 
und Z889 in seine Verfassung den Satz aufgenommen: Weibliche 
Studenten sollen zu allen VergOnstigungen und Vorteilen des 
College zugelassen werden, und Frauen sollen wählbar sein fbr 
den Governing body, den Council und den Senate. Die andern 
beiden Colleges, die 1883 und 1884. gegrOndet wurden, nahmen 
von Anfang an die Gleichberechtigung der Geschlechter in ihr 
Statut au£ Das machte, da die Colleges von Wales ihrer geringen 
HonoraransprQche wegen sehr viele Studentinnen, auch von 
England her, anzogen, die Errichtung von Halls of Residence für 
Frauen und die EinfQhrung des Intematszwanges notwendig. 
Interessant und ftlr den demokratischen Charakter des Schulwesens 
von Wales bezeichnend, ist, dass dem College von Cardiff eine 
Haushaltungsschule angeschlossen ist, deren SchQlerinnen offiziell 
zum College gehören. 

Den stärksten Widerstand setzte die Universität den Frauen 
in Irland entgegen. Das Trinity College in Dublin ist die letzte 
Universität der drei Reiche, die Frauen heute noch verschlossen 
ist; nur einige besondere Examen fiOr Frauen sind dort emgerichtet, 
zu denen aber wenig Meldungen einlaufen. Die Frauen bereiten 
sich in Irland meist auf die Examen der Royal Universi^ of Ireland 
vor, eines Prflfungssyndikats, me die London UniversiQr, das 
Frauen zu all seinen Graden zulässL Dementsprechend verfahren 
die der Royal University angeschlossenen Queen's Colleges in 
Belfast, Cork, Galway und das Magee College in Londonderry, 
die Frauen den Zutritt zu all ihren Vorlesungen, auch zu den 
medizinischen, fird geben. 

In Schottland ist die volle Gleichberechtigung der weiblichen 
Studierenden annähernd durchgeführt Der Verlauf war ein 
ahnlicher wie in England. Wie dort waren die treibenden Erftfke 
die jpAssodations for the Higher Education of Women.' Etwa 
um dieselbe Zeit wie Oxford und Cambridge Hessen Edinburgh 
und St Andrews, ein Jahrzehnt spater Glasgow und Aberdeen 
Madchen an ihren local examinations aller drei Stufen teilnehmen. 
Hnen Schritt weiter that 1876 St Andrews durch die Einführung 
eines höheren Grades, des L. L. A. (Lady Literate in Arts) nur 
fQr Frauen imd Glasgow durch die Zulassung von Frauen zum 
Higher LocaL 1893 wurde statt dessen fQr alle 4 Universitäten 
das eigentliche Immatrikulationsexamen (UniversiQ' Preliminaxy 



— a83 — 

Examination) den Frauen zugänglich gemacht Vorlesungen wurden 
zunächst privatim von den Frauenbildtmgsvereinen unter IiGüiilfe 
der Dozenten und in engerem oder loserem Anschluss an die 
Universität eingerichtet Eine dieser Veranstaltungen wuchs sich 
zu einem College aus mit dem vollen Bildungsgang der Universität 
in der philosophischen imd medizinischen Fakultät: das Queen 
Margaret College in Glasgow. Die Zulassung der Frauen zu den 
Vorlesimgen und Graden erforderte eine Änderung in der Verfassung 
der schottischen Universitäten, die erst infolge der Universities 
Act von Z889 möglich wurde. 1892 wurden an drei Universitäten 
den Frauen die Vorlesungen erschlossen, während Glasgow im 
Anschluss an Queen Margaret gesonderten Unterricht fbr sie dn- 
f&hrte. Queen Maigaret wurde als weibliche Abteilung dem 
Organismus der Universität voll eingefügt 

An allen schottischen Universitäten sind die Frauen nim zu 
allen Rechten und Graden zugelassen. Jede immatrikulierte 
Studentin hat das Stimmrecht für die Wahl des Rektors, und 
jede graduierte gehört zu dem Universitätsparlament, dem so- 
genannten General Council of the UniversiQr. 



Die höhere Bildung, die man den Frauen durch die Er- 
schliessung der Universitäten gesichert hatte, (and ihre praktische 
Verwertung vor allem im Lehrberufl Zwei Drittel aller Studentinnen, 
die den Grad des B. A. erwerben, werden Lehrerinnen. Erst 
lange nachdem die ersten Colleges gegründet wurden, drängte sich 
die Notwendigkeit auf, den studierenden Frauen auch eine be- 
stimmte praktische Berufsausbildung, eine pädagogische Schiilung 
zu gewähren. Es war die Initiative von Mrs. William Grey, 
die Z878 zur Errichtung eines ersten Lehrerinnenseminars fOr den 
höheren Unterricht fohrte. Dieses „Maria Grey Training College' 
ist mit einer höheren Mädchenschule verbunden und umfasst die 
Ausbildung fiOr den höheren, mittleren und Kindergarten-Unterricht 
Nachdem 1878 die Universität Cambridge ein besonderes PrOfiings- 
syndikat f&r Pädagogik einrichtete, das ein Zeugnis, das „Cambridge 
Teachers' Certificate'', ausstellte, mehrten sich die Seminare. 1885 
entstand das Cambridge Training College for Women, das mit 
einer Reihe von Elementarschulen imd höheren Schulen als Obungs- 
schulen in Verbindung trat In demselben Jahr eröffiiete Cheltenham 
emen Seminarkurs, 1888 entstand das Datchdor Training College 



— aa4. — 

in Camberwell, London; noch mehrere andere, darunter auch eines 
in Edinburgh, folgten. Da die allgemein-wissenschaftliche Aus- 
bildung nicht 2u den Aufgaben dieser Training Colleges gehört, 
ist ihr Kursus viel kflrzer als in Deutschland In Cambridge 
umiasst er ein Jahr. 

Die Frauen sind auf diesem Gebiet Bahnbrecher gewesen. 
FOr die Lehrer grOndete man erst 1895 nach einigen misslungenen 
Versuchen das College of Preceptors, das Frauen gleichfalls zu- 
gänglich ist 

Seither sind aber den meisten Universitäten Seminarkurse 
angegliedert worden, deren SchQler Diplome ftlr ihre pädagogische 
Befähigung erwerben können, und der Gedanke einer praktisch 
methodischen Schulung fOr den Sekundärunterricht hat sich fast 
überall durchgesetzt 

Die Gehaltsverhflltnisse der Lehrerinnen an den High Schools 
sind keine besonders günstigen. Die höher stehenden High 
Schools nehmen nur erfahrenere Lehrerinnen. Das Gehalt beträgt 
hier jBT 80— zoo jährlich, im Internat JBT 50—80; es steigt etwa bis 
zur Höhe von JBT 150; dieser Gehaltserhöhung werden aber nur 
die faihigsten unter den Lehrerinnen teilhaftig, nach einer Angabe 
von Ellen C Steedman im Englishwoman's Yearbook von 190z ^) 
etwa fünf oder sechs aus einem KoU^um von dreissig. Die 
Gehälter divergieren von denen der Lehrer an den entsprechenden 
Knabenschulen sehr stark. Die Vorsteherinnen und Vicevor- 
steherinnen beziehen ein entsprechend höheres Gehalt: Vor- 
steherinnen erhalten von JgT z8o— 800; Vicevorsteherinnen bis zu 
JBT 900 Gehalt In Schottland betragen die Gehälter etwa 8oVt 
von den in England gewährten; das entspricht ungefähr dem 
Unterschied in den Lebenspreisen der beiden Länder. 

Der Unterricht an den High Schools liegt üsst ausschliesslich 
in der Hand von Lehrerinnen, Ober die Zahl der im Sekundär- 
unterricht beschäftigten Männer und Frauen sind keine genauen 
Angaben vorlianden. 



besondere Darstellung erfordert die Geschichte des 
medizinischen Frauenstudiums; vor allem, weil die Medizin nur 
zum Teil den Universitäten als Fakultät eingefügt ist, me in 
Deutschland, zum Teil aber ihre getrennten Prüfimgsbehörden und 
Vorbildungsanstalten hat 

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— 386 — 

Auch die Erlangung der Zulassung ru den medianiscfaen 
Prüfungen ist ein StQck Frauenbewegung und deshalb im ersten 
Bande dieses Buchs eingehend dargestellt Nachdem die Londoner 
medizinischen PrOfiingssyndikate die Frauen hartnäckig zurQck- 
gewiesen hatten, nachdem einige Medizinstudierende, die man in 
Edinbuzt^h zuerst ^ in gesonderten Klassen — angenommen hatte, 
durch dne Meinungsanderung der ausschlaggebenden Behörde 
wieder ausgeschlossen worden waren, beschlossen die Frauen, 
sich durch die Gründung einer eigenen medizinischen Hochschule 
zu helfen. So entstand 2874 die London Medical School of Women 
mit einem LehricOrper, der sich aus Professoren der hervorragendsten 
männlichen Schools of Mediane zusammensetzte. X877 wurden 
durch eine Parlamentsakte die PrOfungssyndikate ermächtigt, 
Frauen zuzulassen. Das Irische College of Physicians eridärte 
sich als erstes bereit, die in der School of Mediane ausgebildeten 
Frauen zu prüfen. Dieses Entgegenkommen hätte noch nichts 
genützt, wenn nicht gleichzeitig das Royal Free Hospital in London 
den Frauen die lange verschlossene Gdqfenheit zu der unum- 
gänglichen klinischen Ausbildung gegeben hätte. In London bildete 
die Zulassung der Frauen zu den medizinischen Graden einen 
Teil der allgemeinen ErOffiiung der London UniversiQr; aber es 
ist interessant zu konstatieren, dass von jeder im Konvent ver- 
tretenen Fakultät ca. 90 */• der Stimmen gegen die Frauen ab- 
gqpeben wurden, während in der medizinischen nur 90 Vt für die 
Frauen waren. Edinburgh, das erst bat, sich von der Ermächtigung 
aussrhliCBsm zu dürfen, folgte mit den übrigen schottischen 
Universitäten. 

Ober die medisnischen Vorbildungsanstalten und Prüfungen, 
die Frauen gegenwärtig zugänglich sind, orientiert vorstehende 
Tabelle (S. 9^5). 



■^j^ 



Frauenbiidun^ in Dänemark. 

Von Bdag. «rt Ida Falbe Hansen. 



JDas däniacbe Schulwesen steht in mancher Beziehung sehr 
hoch; es ist aber so mannichfaltig in semer Organisation, dass es 
schwer zu einem fOr den Ausländer flbersichtlichen Ganzen geordnet 
darzustellen ist 

L 
Der Elementarunterricht. 

Die dänische Volksschule ist zur Zeit des Pietismus im Anfang 
des z8. Jahrhunderts gegründet worden, und schon seit 2739 hat 
allgemeine Unterrichtspflicht geherrscht Doch beobachten wir 
nach dieser kurzen Zeit des Aufschwungs einen Rückgang des Schul- 
wesens bis gegen Ende des z8. Jahrhunderts ; von da' an entwickelte 
sich aber ein lebhaftes, pädagogisches Interesse, das in gleichem 
Grade dem Unterricht und der Erziehung der Mädchen als der 
der Knaben galt Seminarien wurden gq^rOndet, wenn auch nur f&r 
Mflnner, und es wurde der Plan zu einer umfassenden Organisation 
des ganzen Schulwesens gefasst Das neue Jahrhundert brach an; 
ein langer Krieg, der mit dem Verlust von HorwegCD und dem 
Bankerott der Staatskasse endigte, war die Ursache, dass die 
Forderungen in jeder Beziehung heruntergesetzt werden miissten. 

Im Jahre 28x4 erschien das Gesetz, das für das dänische 
Volksschulwesen bis jetzt die Grundlage gebildet hat Danach 
wurden Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen als 
Lehrfächer der Volksschule bestimmt, ein wenig Geschichte und 
Geographie sollten die Kinder an der Hand des Lesebuches lernen; 
die Knaben sollten eventuell Unterricht im Turnen erhalten. Man 
ersieht daraus, dass auf die Madchen wenig Rücksicht genommen 
wurde; weder Handarbeit noch Haushaltungsunterricht sind auf 
dem Schulplan zu finden, obgleich man im z8. Jahrhundert ein 
offnes Auge für den Nutzen dieser Fächer besass. In den Städten 
ging die Entwicklung schneller vorwärts, hier wurde bald Unterricht 
in Handarbeiten eingeführt 



— 288 — 

Um den Mädchen den Unterricht zu verschaffen, dessen sie 
bedurften, fehlte es vor allen Dingen an Lehrerinnen. Es muss 
deshalb als ein Schritt von der allergrössten Bedeutung aufgefasst 
werden, dass der Kultusminister, der Bischof Monrad, im 
Jahre 1858 eine besondere PrQfung für Lehrerinnen einrichtete, 
die der der Lehrer entsprach, nur mit dem Unterschied, dass diese 
anstatt des Unterrichts in der Mathematik und Physik solchen in 
weiblichen Handarbeiten erhalten sollten. Diese PrQfung wurde 
von einer stetig wachsenden Zahl von Frauen bestanden, und die 
Lehrerinnen, die durchweg höheren sozialen Kreisen angehörten, 
als die Mflnner, führten dem Stande eine grössere Bildung, eine 
lebendigere Berufsfreudigkeit zu. Da die Lehrerinnen bis jetzt 
ihren Wirkungskreis im wesentlichen in der Hauptstadt und in 
den Provinzstadten gefunden haben, steht der Unterricht der 
Madchen auf dem Lande noch hinter dem in den Städten zurQck. 

Die Unterrichtspflicht dauert vom 7. — 24. Jahre; auf dem Lande 
werden Qberall Mädchen und Knaben gemeinsam unterrichtet, in 
den Städten sehr selten, und dann auch nur in den Unterklassen. 
Die Unterrichtsfächer auf dem Lande sind jetzt: die Muttersprache 
(wenigstens 987 Stunden im Jahre), Religion, Schreiben, Rechnen, 
Geschichte, Geographie, Gesang, für die Knaben zugleich Turnen. 
Die betreffende Verordnung wurde 2899 eingeftlhrt; zugleich wurde 
bestimmt, dass da, wo eine Lehrerin angestellt sei, auch in Hand- 
arbeit unterrichtet werden solle. Es wurde aber nicht zugleich 
die Anstellung von Lehrerinnen gefordert, und dadurch verliert 
diese Bestimmung an Bedeutung. 

An mehreren Orten auf dem Lande giebt es sogenannte «Vor- 
schulen', d. h. Schulen für Kinder unter 20 Jahren ; diese werden von 
einer Lehrerin unterrichtet, die zugleich den älteren Mädchen Unter- 
richt in Handarbeiten erteilen soll. Im allgemeinen giebt es da, wo 
nur ein Lehrer angestellt ist, a Klassen, jede derselben besucht 
die Schule dreimal die Woche. 

Ein besonderes Gewicht wird bei uns auf das persönliche Ver- 
hältnis zwischen Lehrern imd Schülern gelegt; daher ist eine 
beschränkte SchOlerzahl in den Klassen notwendig; das Gesetz 
von 2899 gestattet nur 37 Schüler in den Klassen auf dem Lande, 
35 in denen der Stadt Es soll wenigstens 42 Wochen jährlich 
unterrichtet werden, 28 Stunden wöchentlich auf dem Lande, ai in 
der Stadt (Minimum) ; darin sind die Stunden nicht miteingerechnet, 
die zum Turnen, Slojd, Handarbeiten und dergleichen angewendet 
werden. 



— a89 — 

Der Unterricht in den Städten ist selbstverständlich um- 
fassender; unbedingt gefordert wird der Unterricht in der Mutter- 
sprache (wenigstens 387 Stunden jahrlich), in der Religion, 
Geschichte, Geographie, im Schreiben, Rechnen und Singen, in 
Handarbeiten, f&r die Knaben auch im Turnen; ausserdem kann 
unterrichtet werden in Naturwissenschaften, Slojd, Mathematik 
und fremden Sprachen, in Turnen und Haushaltungskunde filr die 
Blfldchen; diese Fächer smd in den Plan der meisten grösseren 
Sdmlen aufgenommen. 

In den Städten und besonders in Kopenhagen sind Lehrerinnen 
in grosser Anzahl thfttig. Das Verhältnis zwischen Lehrern und 
Lehrerinnen war im Jahre 1895 folgendes: 

Lehrer Lehrerinnen 

Kopenhagen 447 549 

StÄdte ausser Kopenhagen .... 796 597 

Auf dem Lande 3488 65z 

Dabei muss noch bemerkt werden, dass von den auf dem 
Lande angestellten Lehrerinnen nur der dritte TeQ das Examen 
gemacht hat 

Das Gehalt betragt jetzt auf dem Lande f&r den Hauptlehrer 
700 bis höchstens 2000 KronenOt für den zweiten Lehrer und die 
Lehrerinnen 500 bis höchstens 1200 Kronen nebst freier Wohnung. 
Das Gehalt des zweiten Lehrers kann jedoch bis auf Z400 Kronen 
steigen. In den Städten betragt das Gehalt der Lehrer 900 bis 
3400 Kronen, das der Lehrerinnen 700 bis 2500 Kronen. In 
Kopenhagen erhalten die Lehrer und Lehrerinnen das gleiche 
Anfangsgehalt, 1400 Kronen, aber das der Lehrerinnen steigt nur 
bis auf 9000 Kronen. In Kopenhagen hat jede Schule einen 
Direktor (Hauptlehrer), einen Vicedirektor und eine Vicedirektorin. 
Eine einzige Schule, in der Madchen unterrichtet werden, steht 
unter weiblicher Leitung; ihre Vorsteherin ist die einzige Frau, die 
an der Volksschule eine höhere Stellung einnimmt, und da Fraulein 
Henriette Petersen von ihren Vorgesetzten als besonders tQchtige 
Beamtin geschätzt wird, hoffen die Kopenhagner Lehrerinnen, dass 
bald mehrere solche Ämter von Frauen besetzt werden. 

Die Kopenhagner Volksschullehrerinnen nehmen sich auch 
ausserhalb der Schule ihrer Berufs- und Standespflichten mit 
regem Eifer an; sie haben einen Verein g^irOndet, der unter anderm 
•ein Gebäude mit vorzüglich eingerichteten und billigen Wohnungen 
für seine Mitglieder errichtet hat Sie beteiligen sich lebhaft an 

1) z Kr. ■■ 14a Mttk. 
Haadbaeh d«r Fraa«ab«w«f«af. UL TwSL 29 



humanen Bestrebungen: an der Speisung der armen Schulkinder, 
der Aussendung derselben aufs Land in den Ferien u. s. w. 

In der grossen allgemeinen Ox^ganisation des Lehrentandes: 
»Dänemarks Lehrerverein', werden Lehrerinnen ebenso gut auf- 
genommen wie Lehrer, und im Vorstände befindet sich jetzt eine 
Frau, Fräulein Anne Brunn, die frohere Herausgeberin der 
»Die Frau und die bOrgerliche Gesellschaft'. 
Inspektion der Schulen li^ bis jetzt noch ausschliesslich 
in den Hflnden der Manner, doch ist ein kleiner Fortschritt darin 
zu erblicken, dass einzelne Frauen in die Kopenhagner Schul- 
kommissionen angenommen worden sind, und dass nach dem 
Gesetz von 2899 Witwen mit schulpflichtigen Kindern zu Mit- 
gliedern von Schulkommissionen gewählt werden können. 

Fortbildtingsunterricfat« 

Fflr Haushaltungsschulen hatte man lange Zeit kein 
Interesse. Erst in den letzten 6—7 Jahren ist dasselbe flberall fikr 
die Schulkflche rege geworden. Es ist zunächst die höhere 
Madchenschule, die hier voran g^angen ist (besonders Fraulein 
L. Winteler), aber die Lehrerinnen der Volksschule schliessen 
sich mit grosser Warme der Bewegung an, und im Jahre 2899 
erreichte man, dass der Staat eine Summe zur Ausbildung von 
Lehrerinnen f&r die SchulkOche bewilligte. 

Fortbildungsschulen in der im Auslande gewöhnlichen Art 
kennt man in Danemark nicht; dagegen haben wir die be- 
rühmten „Volkshochschulen". Diese Schulen, 90 an der Zahl und 
alle vollständig privat, werden jahrlich von mehr als 6000 jungen 
Männern und Frauen besucht; diese wohnen in der Schule und 
erhalten daselbst Unterricht wahrend 3 — 6 Monaten. Die Volks- 
hochschulen sind unentgeltlich und selbstverständlich nicht obli- 
gatorisch, vielmehr bezahlen alle Schfller für Aufenthalt und 
Unterricht Bei diesem letzteren ist es weniger auf praktischen 
Nutzen abgesehen, als vielmehr darauf, der Jugend den geistigen 
Horizont zu erweitem und ihr einen edleren, freieren Blick auf 
das Leben zu geben. Dänemark ist mit Recht stolz auf diese 
Schulen, die sicher einen grossen Teil zur Kultur des Volkes bei* 
getragen haben. Sie haben weit Ober die Grenzen des Landes 
hinaus grosses Aufsehen erregt und werden jahrlich von vielen 
Ausländem besucht Der Raum gestattet hier keine ausfilhrliche 
Schilderung desselben, ich verweise deshalb nur auf Dr. W. Reins 
Encyklopadisches Handbuch der Pädagogik. 



^ 29z ^ 

m. 

Der Sekundflninterricht. 

Der SekundaruDterricht für Mädchen hier in Dänemark ist 
neueren Datums. Allerdings wurden mehrere höhere Mädchen- 
schulen am Schlüsse des z8. Jahrhunderts gq^rOndet, aber in der 
ersten Hflifte des 29. führten sie ein recht trauriges Dasein. Die 
damals herrschende geistige Richtung, die 'Ästhetische Betrachtung 
der Frau als , einer sdiOnen Blume'', stand der Schulerziehung 
der Bladchen missbilligend gegenflber. Um die Mitte des Jahr- 
himderts £uid jedoch ein Aufschwung statt, der im wesentlichen 
einer einzigen Persönlichkeit, dem Fräulem Natalie Zahle, 
zuzuschreiben ist 

Sie war damals, vor 5z Jahren, eme junge Lehrerin, die unter 
dem Druck litt, keine rq;elmassige Ausbildung zum Lehrerinnen- 
beruf erhalten zu haben. Sie beschloss, diesem Mangel, den sie 
so stark gefühlt hatte, dadurch abzuhelfen, dass sie einen Kursus 
für Privadehrerinnen und Lehrerinnen für höhere Mädchenschulen 
eröffnete. Zu der Zeit hatte der grosse Pädagoge Grundtvig 
seine Ideen ttber die Zukunftsschule ausgesprochen. Von diesen 
Ideen wurde Fräulein Zahle stark beeinflusst, und von den jungen, 
begeisterten Lehrerinnen, die von ihr ausgebildet waren, wurden 
sie ins Leben hinausgetragen und praktisch veiw ei leL Es ist 
nicht zu viel gesagt, dass jetzt ein Wendepunkt in der Geschichte 
der dänischen Schule eintrat; doch verhielten sowohl die Volks- 
schule, als auch die höhere Knabenschule sich den neuen 
pädagogischen Gedanken gq^über abweisend. 

Fräulein Zahles Arbeit für die Ausbildung der Lehrerinnen 
gab dem Bischof Monrad die Idee, auch weibliche Kräfte für die 
Volksschule ausbilden zu lassen (siehe oben unter ^Elementar- 
untenicht''). Fräulein Zahle errichtete dann auch ein Seminar 
zur Ausbildung von Volksschullehrerinnen; es war zwar nicht das 
erste, wurde aber bald und ist noch jetzt das grösste Seminar in 
Dänemark. Wt ihrer höheren Töchterschule wurden später Real- 
imd Gymnasialklassen verbunden, und da sie schliesslich auch noch 
eine Volkshodischulklasse und eine Haushaltungsschule hinzuAgte, 
kann man mit Recht ihre Schule als eine Art Musteranstalt für 
den gesamten weiblichen Unterricht betrachten. 

>) Das GtBwt ist Jetzt eine ÜBSttatton, die sich selbst crfallt und Tsnraltet Fktaleia 
Zahle bst dieOberieitmif bis tot a Jshren gehsbL Vldlcicfat giebt es am besten eteoa Begriff 
▼OB der Grosse der Schule, dsss die SchfllcRahl der gesamteD Sdiiüen ca. zaoo beirigt, 
und dass die monatlidiea Gagen der Lehrer und Klastenanfaeher sich aaf 9eoo Kronen 
(zooeo K.) beUuft. 

19* 



Ennutigt durch dies Beupiel und den bedeutenden Erfolg 
entwickelten die Madchenschulen sich schnell, und sowohl in der 
Hauptstadt als in den Provinzen wurden eine Menge von Anstalten 
gqirOndet, die durchaus den Anforderungen der Zeit entsprachen. 
Sie hatten gewöhnlich 9 Jahrgänge; die Lehrfacher warenRealwissen- 
schaftcn, Deutsch, Französisch» Englisch, Turnen, Handarbeit, selten 
Mathematik und Physik« 

Im Jahre z88z wurde eine RealprQfixng fQp Knabenschulen ein- 
geführt; Fraulein Zahle erwarb den Bladchenschulen das Recht, diese 
PrOfung abhalten zu dürfen; infolgedessen mussten ihnen weitere 
Klassen hinzugeAgt werden, so dass diese Madchen-Realschulen 
nun ZI Jahrgange haben. Auch die EinAhrung der Mathematik 
und Physik als obligatorische Unterrichtsfilcher wurde jetzt not- 
wendig. — Solcher Madchen-Realschulen giebt es 33» und zwar 
14 in Kopenhagen. Die PrOfiing findet statt im April und Juni; 
es wird dabei von den Lehrern in Gq^wart von PrOfungs- 
kommissaren, die meistens unter den Lehrern und Lehreriimen 
andrer Schulen gewählt werden, examiniert 

Die Aufsicht Qber diese Schulen und Prüfungen wird von dem 
Unterrichtsinspektor der Knaben- und Madchenschulen geführt 
Von den Knabenschulen sind nicht wenige staatlich oder stadtisch, 
die Madchenschulen sind ohne Ausnahme privat und werden aus- 
schliesslich von Frauen geleitet, wahrend das Lehrpersonal aus 
Männern und Frauen besteht (die ersteren gewöhnlich Stunden- 
lehrer, die letzteren «feste'' Lehrer). Frauen unterrichten in allen 
Klassen und in allen Fächern, und die best besoldeten von ihnen 
erhalten dieselbe Gage, wie die best besoldeten Männer.^) 

FOr eine Statistik der höheren Madchenschulen in Danemark 
fehlt eine genflgende Grundlage. In der Rtg€L sind sie nicht 
gross; nur 4 der Kopenhagener Schulen haben je 300 Schfllerinnen 
und darQber, in den Provinzen haben nur die gröasten Schulen 
900—450. Einige Schulen sind wie gesagt Realschulen, andre 
entlassen nicht zu der genannten Prüfung, haben folglich weniger 
Jahrgange, ohne dass doch der Unterricht wesentlich andrer Art 
wäre. Gewöhnlich sind die oben besprochenen Realschulen, so 
wie Fraulein Wintelers Schule in Odense (eine der ältesten) und 
die von Fraulein Schölten in Aalborg (eine der jüngsten) aus- 
schliesslich Kinderschulen; eine einzelne, die von Fraulein Lang 



>) Eines der fröttten ICiubcii-Gjiniwflicn in Kopcahafca wird von FnuMB fdeitet, m 
wie lodi Ldvcrinntii in allta ESaimb imtcrrichtc&. 



_ 293 — 

in Silkeborg, ist ebenso wie Fräulein Zahles eine mehr zusammen- 
gesetzte Institution. In dem letzten Jahrzehnt ist mehreren der 
Madchenschulen eine ziemlich einflussreiche Konkuxrenz erwachsen 
durch die staatlicherseits unterstQtzten Knabenschulen, die, und 
zwar nicht aus pädagogischen, sondern aus ökonomischen Gründen, 
Mädchen aufgenommen haben. 

Im ganzen genommen, leiden die Mädchensdhulen unter 
ökonomischen Schwierigkeiten, da sie vom Staate nur in geringem 
Masse unterstützt werden; derselbe gewährt den Mädchenschulen 
einen Zuschuss von 6—7 000 Kronen jährlich, während die Knaben- 
Realschulen und Gymnasien das Hundertfache erhalten. Doch ist 
grade jetzt (Januar 1902) eine Gesetzvorlage eingebracht worden, 
die darauf ausgeht, Knaben- und Mädchenschulen in gleichem 
Grade zu unterstützen; dadurch würde die Lmgt der Mädchen- 
schulen eme bessere werden, und das würde besonders der Selbst- 
pensionierung ihrer Lehrkräfte, die die Schulen schon ins Leben 
gerufen haben, in erfreulicher Weise zugute kommen. 

Eine andere Schwierigkeit ist der Mangel an einem hin- 
reichenden Stab ausgebildeter Fachlehrerinnen, so wie die Ver- 
hältnisse der Schule sie erfordern. Um diesen und anderen 
Mängeln abzuhelfen, bildeten die Blädchenschulen sdion vor 
9 Jahren ihre eigene Organisation, den Verein: »Die dänische 
Mädchenschule'*; er steht unter dem Vorsitze von Fräulein Louise 
Win te 1er, Odense. Dieser Verein hält jährlich eine Zusammen- 
kunft, in Kopenhagen oder in anderen Städten, wo teils allgemeine 
pädagogische Fragen, teils die besondem Verhältnisse der Mädchen- 
schule behandelt werden. 1895 wurde eine Pensionskasse ge- 
stiftet, die jetzt 40 000 Kronen besitzt; eine monatliche Zeitschrift: 
JBnch und Nade]{/' (ein Ausdruck« der dnem unserer Vaterlands- 
Ueder entnommen ist) redigiert von Fräulein Lang, wird heraus- 
gegeben. Eine der Ideen, die der Verein ausgesprochen und 
verwirklicht hat, ist der Austausch von Lehrerinnen der skandi- 
navischen Schulen, eine Einrichtung, die in hohem Grade das 
Band zwischen ims und unsem Stammverwandten jenseits des 
Sundes befestigt und uns unsere Schulen gestärkt und belebt hat; 
sie legt vielleicht das beste Zeugnis ab filr den hoffiiungsvoUen 
imd freudigen Geist, der trotz des ökonomischen Druckes in den 
dänischen Mädchenschulen herrscht 



_ 394 — 
IV. 

Lehrerinnenbildung. 

Um Lehrer oder Lehrerin an der Volksschule zu werden, ist 
das Bestehen einer PrQfung erforderlich; diese ist jetzt die gleiche 
f&r lianner und Frauen, nur haben die Lehrerinnen Handarbeit als 
Eztrafach. Die Ausbildung umfasst 3 Jahrgange, und wird auf 
Seminarien erteilt Zu diesen geboren 4 Staatsschulen, die nur 
Manner au&ehmen. Bald nachdem im Jahre 2859 das Lehrerinnen- 
ezamen eingeführt wurde, errichtete man a Lehrerinnenseminare; 
diese beiden, die sich bald zu grossen und angesehenen Lehr- 
anstalten entwickelten, bestehen noch heutigen Tages; spater 
wurden a private Lehrerinnenseminare in Jatland gq;rQndet Von 
diesen 4 werden a von Frauen, a von einer Frau und einem 
Manne gemeinschaftlich geleitet Ausserdem giebt es 9 private 
Seminarien fOr Manner, von denen 5 auch Frauen aufnehmen. 
Viele der Seminaristinnen besuchen die Seminarien nur a Jahre, 
da sie sich bereits anderweitig eine höhere als die verlangte Vor* 
bildung erworben haben. Bei der Prüfung, die an den staatlichen 
und privaten Seminarien in derselben Weise gehandhabt wird, 
werden sowohl schriftliche als mOndliche Fragen gestellt; bei der 
mündlichen Prüfung examiniert der Lehrer in Gegenwart eines 
oder zweier vom Staate ernannter Kommissare. Zwei dieser 
kgL Kommissare sind Frauen, die eineO ist akademisch aus« 
gebildet, die andere hat das seminaristische Examen gemacht 

Ausserdem werden Lehrerinnen fOr die Vorschule ausgebildet; 
der Unterricht umfasst einen Jahrgang und ist wesentlich praktisch 
pädagogisch. Es giebt 4 Seminarien dieser Art; das erste wurde 
schon im Jahre 1891 von Fraulein Lang in Silkeborg gegründet; 
eizis ist staatlich, (also das einzige Staats -Lehrerinnenseminar) 
es hat einen mannlichen Vorsteher aber weibliche Lehrkräfte. 
Als kgL Prüftmgskommissar hat in den letzten Jahren eine Frau 
fungiert") Es werden jahrlich zoo solcher Lehrerinnen ausgebildet, 
die aber leider bis jetzt nur schlecht besoldet werden (400—800 Kr.). 

Für die höheren Schulen giebt es neben der akademischen 
noch keine besondere Lehrerinnenbildung. Eine Art Ersatz daf&r 
gewahrt der „staatliche Lehrer-Kursus in Kopenhagen^; eine Reihe 
kurzer Kurse von Monatsdauer werden in den Sommerferien ab- 
gehalten, längere von 10 Monaten, beide bestimmt fQr die, welche 
schon eine Anstellung als Lehrer haben. Der Unterricht ist gratis, 

>) Die Vcrtkneritt dieser DanteUna^. Aam. d. Red. 



— 295 — 

und die, welche von auswärts kommen« erhalten Unterstützung, 
um den Aufenthalt in der Hauptstadt bestreiten zu können. Diese 
Kurse werden besonders von Frauen besucht Der Unterricht 
wird von den besten Lehrern Kopenhagens erteilt und ist gemein- 
sam für Mflnner und Frauen. Unter den Lehricräften befinden 
sich auch akademisch gebildete Frauen. Die Zahl der Teilnehmer 
an den zo monatlichen Kursen betragt jahrlich ca. 250, an den 
monatlichen 600. Mit diesem Unterricht ist keine PrOfung ver- 
bunden. — 

V. 

UniversitäL 

Danemark hat nur eine- Universität, die alte, angesehene 
Universitas Hafhiensis, errichtet im Jahre Z479; sie ist Jahrhunderte 
hindurch ausschliesslich Männern zugänglidi gewesen, aber in dem 
letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts hat sie auch den 
Frauen Zutritt zu ihren heiligen Hallen gewahrt 

Schon in den sechziger Jahren hatten einzelne Frauen die 
Universität als ZiihOrerinnen besucht; die Zahl nahm zu in den 
siebziger Jahren, aber erst im Jahre 2875 suchte eine Dame um 
die Erlaubnis nach, ihr Abiturientenezamen (Examen artixmi) 
machen und sich später dem Studixmi der Arzneiwissenschaft 
widmen zu dürfen. Dieser Schritt wurde in der Presse debattiert; 
man wusste, dass die Mediziner dem Gedanken, weibliche Ärzte 
in ihren Stand aufzunehmen, nicht entgegenstanden. Der damalige 
Kultusminister Fischer war ein humaner, fireisinniger Mann, und 
ihm ist es zu verdanken, dass schon nach anderthalb Jahren eine 
königliche Vertagung erscheinen konnte, die nicht nur das oben- 
genannte Gesuch bewilligte, sondern auch mit einem Schlage den 
Frauen die Universität öffiiete. Sie bekamen nicht allein die Er- 
laubnis, unter denselben Bedingungen wie die Männer immatrikuliert 
werden zu können, sie erhielten auch das Recht, sich zu allen 
AbgangsprQfungen der Universität zu stellen — die theologische 
allein ausgenommen — allerdings mit gewissen Beschränkungen. 

Erstens gab die Immatrikulation den Frauen nicht das Recht, 
der Universitäts-Stipendien und Legate teilhaft zu werden (die 
dänische Universität ist sehr reich dotiert, und die dänischen 
Studenten sind mit Rücksicht auf pekuniäre UnterstQtzung in der 
Studienzeit besser gestellt, als es an den meisten europäischen 
Universitäten der Fall ist), und dies hatte seinen Grund darin, 
dass dats Ministerium nicht das juridische Recht besass. Ober diese 



- 096 - 

Mittel za verf&gen, die als fior MAnner bestimmt betnchtet werden 
musstexL Zweitens wurde es ausdrOcklich hervorgehoben, dass, 
selbst wenn die Frauen die AbgangsprQfungen bestanden bitten» 
diese ihnen nicht das Recht auf staatliche Ämter verleihen worden. 
Es war sicher die Absicht des Bfinisters abzuwarten, wie die Studien 
der Frauen sich gestalten worden, ehe er weitere Schritte diat» 

Wie wohlwollend die Stimmung dieser Neuerung gegenober 
war, zeigte sich am deutlichsten darin, dass in dem Etat des 
Jahres eine grössere Summe bewilligt wurde, teils zu Gunsten der 
Frauen, die schon an der Universität studierten, teils fbr solche, 
die sidi auf das Studium vorbereiteten, eine Liberalität, wie sie 
kaum ein anderer Staat bei ähnlicher Gd^enheit an den Tag 
gdegt hat Die Frage war nun nur noch, wie sich die MAnner 
der Universität, Professoren und Studenten, diesen Eindringlingen 
gegenober verhalten worden* 

Im Sommer 1877, also genau vor 95 Jahren, wurden die 
beiden ersten Frauen immatrikuliert: FriUilem Nielsine Nielsen 
und Fraulein Marie Gleerup; beide beabsichtigen, sich zu 
Arztinnen auszubilden. Mehrere kamen hinzu, vorläufig nicht 
viele, eine oder zwei jährlich. Hatte man gefürchtet, dass seitens 
der Universität den Frauen Hindernisse in den Weg gelegt oder 
Unannrhmlichkritm bereitet werden worden, so erwies sich diese 
Fiuxht bald als völlig unbegrOndet Es herrscht unter den weib- 
lichen Studenten dieser ersten Jahre nur eine Meinung Ober die 
ausgeztichnete LiebenswOrdigkeit und Bereitwilligkeit, die ihnen 
von Seiten der Lehrer wie der Kameraden entg^engebracht 
wurde. Es lag etwas wie ein Festglanz Ober diesem Einzug der 
Frauen in die Universität: keine kleinliche Beschränkung, deshalb 
auch kein eifersOchtiges Oberwachen der Grenzen auf der einen 
Seite, kein bittrer Trotz auf der andern. Daher auch keine 
interessanten Ersählungen von Kämpfen und Si^en im Kreise der 
dänischen weiblichen Studenten, und nie sind Stimmen laut ge» 
worden, die das, was vor 95 Jahren geschah, als einen unOber- 
legten Schritt verurteilten, den man zu bereuen habe. 

Schwierigkeiten zeigten sich nur in einer I£nsicht, und das 
grade da, wo man die gemeinschaftliche Arbeit der jungen Männer 
und Frauen von vornherein als misslich betrachtet hatte, — bei 
dem Unterricht der Mediziner. Der Oberarzt eines der grossen 
Hospitäler erhob Einspruch gegen die Anwesenheit der weiblidien 
Studenten, »es streite gegen seine Begriffe von Sittlichkeit und 
Wohlanständigkeit, dass klinische Untersuchungen von Blännem 



— 397 — 

in Gtgeaw2Tt von Frauen ausgeführt worden.'' Aber der llinister 
war auch hier gleich bereit« die vollen Konsequenzen des Schrittes 
zu tragen, den er angebahnt hatte. Er erklärte, dass die Frauen 
gleichzeitig mit dem Zutritt zur Universität auch das Recht 
bekommen hätten, nach bestandener Prüfung an den klinischen 
Übungen in den Hospitälern teil zu nehmen, da diese ein not- 
wendiges Glied ihrer AusbQdung zum ärztlichen Berufe bildeten. 
Und damit war die Sache abgemacht 

Auch an einer andern Stelle waren die Frauen nicht willkommen, 
wenigstens nicht gleich: in dem grossen allgemeinen Studenten* 
verein. Die ersten weiblichen Studenten meldeten sich gleich zur 
Aufiiahme, dieselbe wurde ihnen verweigert, und an dieser 
Weigerung hielt man eine Reihe von Jahren hindurch fest Als 
Grund gab man an, dass der freie, ungezwungene Ton, der bei 
den geselligen Zusammenkünften der Studenten herrsche und 
herrschen müsse, nicht fiOr Frauen passen würde. Die darauf 
folgende, in politischer Hinsicht stark bewegte Zeit führte jedoch 
eine Spaltung im Studenten verein herbei; eine grossere Anzahl 
der Studenten, denen er zu konservativ war, stiftete unter einem 
neuen Namen: Studentengemeinschaft — ein neues Bündnis. 
Dieser neue Verein gewährte nicht allein den Frauen Zutritt, die 
Führer desselben benutzten eine jede Gelq^heit um ihnen zu 
zeigen, wie grossen Wert man auf ihr Erscheinen im Verein legte. 
In den neunziger Jahren wurde ein dritter Verein, das von chx4st- 
lichem Geiste getragene ^Studentenheim*', gestiftet Es gewährte 
den Frauen freien Zutritt ja man ging weiter, indem man eine 
Dame, Fräulein Ragnhild Högsbro, Tochter des langjährigen 
Vorsitzenden im Folkething, in den Vorstand aufnahm. Die Frauen 
hatten nicht wieder versucht in dem alten Studentenverein Einlass 
zu gewinnen, aber innerhalb desselben erhoben sich Stimmen fiOr 
die Aufiiahme der Frauen: »man dürfe nicht dauernd eine solche 
Sonderstellimg einnehmen,* und nach Jahren des Kampfes wurde 
es 1898 durchgesetzt dass auch weibliche Studenten Mitglieder 
des Vereins werden konnten. Der Grundsatz: ^pDasselbe Recht 
für Mann und Frau* ist nun auch auf diesem Gebiet durchgeführt 
Die weiblichen Studenten haben keinen eigenen Verein gebildet ^ 

Doch zurück zu den Studien der Frau. In den ersten Jahren, 
wie schon erwähnt ist, meldeten sich nicht viele Frauen, ein 
Umstand, der imter anderm seinen Grund darin hatte, dass es 
noch keine Bildungsanstalt gab, deren Zweck es gewesen wäre, 
Frauen auf das Examen ardum vorzubereiten. Bis zum Jahre 1885 



— 298 — 

lag die Sache so, dass auf 165 studierende Mflnner eine Frau 
kam; aber von diesem Jahre an trat eine bedeutende Veränderung 
ein. Fräulein Natalie Zahle, deren Name schon oft genannt 
worden ist, errichtete um diese Zeit in Verbindung mit ihrer 
Schule Gymnasialklassen; und die Thatsache, dass die grösste 
und angesehenste Mädchenschule des Landes die Vorbildung von 
Studentinnen als einen Teil des regulären Unterrichts dem Ganzen 
einfügte, drückte der Sache des Frauenstudiums einen ganz andern 
Stempel auf. Früher war es ein Experiment gewesen, dem man 
mit Achselzucken b^egnen konnte, nun wurde es eine allgemein 
anerkannte Thatsache. Früher mussten die weiblichen Studenten die 
notwendigen Kenntnisse mühsam hier und dort zusammensammeln, 
was keineswegs leicht war; nun konnten Eltern ihre bq;abten Töchter 
ebenso fiühzeitig wie ihre Söhne für das Studium bestimmen. 

Die Folgen zeigten sich bald. Erstens wuchs die Zahl der 
weiblichen Studenten ganz bedeutend. Von 1885 — 1889 absol- 
vierten jährlich durdischnittlich 84 Frauen (eine auf je 46 Männer) 
das Examen; im Jahre 1900 eine auf je 13 Männer. Im ganzen 
haben bis zum letztgenannten Jahre 250 Studentinnen ihr Examen 
an der Universität gemacht, die Hälfte von ihnen hat ihre Aus- 
bildung in Fräulein Zahles Schule empfangen. Zweitens wurde 
das Durchschnittsalter der weiblichen Studenten bedeutend 
niedriger. Während die männlichen Studenten gewöhnlich zur 
Zeit der Immatrikulatien 18---19 Jahre alt sind, standen die ersten 
weiblichen Studenten im Alter von 25 — ^30 Jahren ; aber nach 1883 
machten meistens ganz junge Mädchen das Examen; das durch- 
schnittliche Alter war 22, nicht wenige waren unter z8 Jahren. 

Nur eine Schule in Kopenhagen folgte dem von Fräulein 
Zahle gegebenen Beispiel in der Gründung von Gymnasialklassen; 
ausserdem errichtete Cand. mag. Fräulein R Adler eine Schule, 
die zum Examen artium vorbereitet, filr Knaben und Mädchen 
gemeinsam. Mehrere Gymnasien, darunter sogar staatliche, 
haben Schülerinnen aufgenommen; viele jxmge Mädchen werden 
in verschiedenen Kursen vorbereitet, wo sie mit jungen Männern 
zugleich unterrichtet werden. Die meisten weiblichen Studenten 
bestehen das Examen mit sehr gutem Resultat 

Das Vo-hältnis zwischen den weiblichen und den männlichen 
Studenten ist immer gut gewesen, imd hat einen natürlichen, 
kameradschaftlichen Charakter gehabt Die von mehreren Seiten 
geäusserte Furcht, dass die Mädchen, wenn sie Studenten würden, 
die Männer hassen und Feinde der Ehe werden könnten, hat sich 




— 299 — 

nicht bewahrheitet Ein grosser Teil der weiblichen Studenten 
verheiratet sich verhältnismässig froh« häufig mit ehemaligen 
StudiengefiLhrten. Von den za Frauen, die eine vollständige 
medizinische Ausbildung erworben haben, sind nur 3 unverheiratet; 
7 sind mit Ärzten verheiratet Einer der Gründe dieser Er- 
scheinung ist sicher die Thatsache, dass die männlichen und weib- 
lichen Studenten wesentlich den gleichen Kreisen angehören. Aber 
•ist die Arbeit nicht ein besserer Sammelpunkt, als der Ballsaal? 

Was die Wahl der Studien betrifii, da werden die medi- 
zinischen und philologisch-philosophischen Fakultäten vorgezogen; 
einzdne Frauen haben die mathematisch-naturwissenschaftlichen 
Studien gewählt, einige wenige die juridisch-staatswissenschaftlichen. 
Die SchlussprOftmg ist bis Januar Z90Z von 52 Frauen bestanden 
worden; 24 derselben sind Arztinnen geworden. Z5 haben das 
Schulamtsezamen gemacht (das deutsche Examen pro facultate 
•docendi), zi das sogenannte Magisterexamen, das keinen Zutritt zu 
staatlichen Ämtern gewährt, sondern eine wissenschaftliche Prüfung 
ist, die den Betreffenden berechtigt, sich auf den Doktorgrad vor- 
zubereiten; a haben das Cameralexamen gemacht Das Prüfungs- 
resultat war ein sehr gutes; *U <i^ Frauen erhielten das höchste 
Prädikat: Laudabilis. 

Wenn die Zahl der Frauen, die ihre Studien mit einem 
akademischen Examen abschliessen, nicht grösser ist als oben 
angq^ben, liegt der Grund zum Teil darin, dass nicht wenige 
ihre Studien aufgeben, um sich zu verheiraten; aber zum Teil auch 
darin, dass die Frauen, im Gegensatz zu den Männern, keinen 
materiellen Vorteil davon haben, ihre Studien zum Abschluss zu 
führen; das Examen giebt ihnen kein Recht auf die staatlichen 
Amter. Von vielen Seiten wird anerkannt, dass dies ein miss- 
liches und ungerechtes Verhältnis ist, und man nährt die Hoffiiung, 
dass Arztinnen in Bälde an Hospitälern und Gefängnissen An- 
stellung finden werden, und dass die, welche die Lehrerprüftmg 
bestanden haben, an den öffentlichen Gymnasien Arbeit finden 
werden, und letzteres um so mehr, als der Unterricht an einigen 
derselben für beide Geschlechter gemeinsam ist — 

Die praktizierenden Ärztinnen sind vollständig gleichgestellt 
mit den Männern und haben sich teils in der Hauptstadt, teils in 
den Provinzen niedergelassen. Im übrigen hat ein grosser Teil 
der weiblichen Akademiker einen ^^kungskreis als Lehrerinnen 

I) £iam TOB disMo, die tehr b«Ud>tt imd ■sfMeheD« Fnaeniixda, Fna Emmy 
Lanf «, fBb. Krmmp, ist gestorben. 



— 300 — 

gefunden, da alle Mädchenschulen privat sind. Eine, Fräulein 
Adler, ist Vorsteherin eines Gymnasiums wo Knaben und Mädchen 
gemeinsam unterrichtet werden; eine ist Vorsteherin einer höheren 
Mädchenschule (Realschule) in Kopenhagen. Einzelne haben an 
öffentlichen Bureaus Anstellung gefunden; eine, Fräulem Annette 
Vedel, ist kOrzlich im Fabrikinspektorat angestellt 

Der höchste akademische Grad, der Doktorgrad, ist bis jetzt 
nur von einer Frau erlangt worden, von Fräulein Anna Hude, 
der Historikerin; ihre Dissertation wird fOr eine besonders tQchtige 
Arbeit gehalten; sie ist jetzt am Reichsarchiv angestellt 
Akademische Preise sind mehrere Male von Frauen erworben, 
so von Fräulein Anna HudeO* Eine physikalische Abhandlung 
der Frau Meyer, geb. Bjerrum ist von der Gesellschaft der 
Wissenschaften preisgekrönt worden. — 

Alles wohl erwogen, haben die Frauen allen Grund, mit Be- 
auf die Arbeit der verflossenen 35 Jahre zurückzublicken. 
Gab es Oberhaupt Stimmen, die seiner Zdt meinten, es sei flber- 
eilt, den Frauen den vollen Zutritt zur Universität zu gestatten, 
dass sie nicht reif genug dazu seien, dass es schädliche Folgen 
nach sich ziehen wQrde u. s. w., so sind diese Stimmen längst 
verstummt — ♦ ♦ 

Island. In früheren Zeiten wurde der Mädchenunterricht 
im elterlichen Hause erteilt, die Mütter lehrten die Kinder lesen; 
jetzt, seit Unterrichtspfiicht herrscht, wird dieser von Lehrern 
gegeben, die von einem Ort zum andern wandern. 

In-Reykiavik giebt es Volksschulen, wo Knaben und Mädchen 
gemeinsam von Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. 

Was den Sekundärunterricht angeht, so giebt es auf Island 
ein Gymnasium (in Reykiavik), aber nur fllr Knaben; an diesem 
Gymnasium kann man sowohl die Realprüftmg, als das Examen 
artium ablegen. 

Island hat zwei staatliche Schulen für erwachsene Mädchen 
und eine private, die aber von der Landeskasse unterstützt wird; 
alle 3 Schulen werden von Frauen geleitet 

Eine Isländerin studiert augenblicklich an der Kopenhagner 
Universität, und mehrere haben die ,,10 monatlichen Lelu^rkurse', 
deren früher erwähnt wm-de, besucht 



Diese kfloBca eacfa tob Nldit-Akademikcra gtwoases ^rerdeau und echoo ^or 
Jahren hat FitaleiB Kirstine Frederiksea fbr eise pidagpfiadbe Abbrnadtaag 
die füldeDe M^»ai^ der Uahrenitit eihahaa. Der swcite Preis ist m e hieren Fraueo 
ertcut iPorde& 




Der Stand der Frauenbildun^ 

in JV/orWe^en. 

Von Direktor Olaf Ber?, Christiania. 



Die Volksschule. 

JDas Volkaschulgesetz von 2827 f&hrte den Schulzwang ein 
filr alle Kinder, Mädchen sowohl als Knaben, vom beendigten 
7. Jahre ab bis zur Konfirmation. Das jetzt geltende Gesetz ^) hat 
darin nur die Änderung getrofien« dass der Schulzwang mit dem 
beendigten 14. Jahre aufhört 

A. Die Volksschule auf dem Lande. 

Die Zeit des Unterrichts ist auf Z2 — 15 Wochen des Jahres 
festgesetzt Die Schule hat zwei Abteilungen; die erste Abteilung 
umfasst die Kinder von 7 — 10 Jahren, mit 30 Stunden wöchent- 
lichem Unterricht; die zweite Abteilung die Kinder von 
zo— 24 Jahren, die 36 Stunden wöchentlich unterrichtet werden. 
Der Unterricht wird erteilt in nachfolgenden Fächern. Erste 
Abteilung: Religion, norwegische Sprache, Rechnen, Schönschreiben 
und Gesang; dazu kommt mOndÜcher, vori>erextender Unterricht 
in den f&r die zweite Abteilung au%efilhrten Fächern. Die zweite 
Abteilung um£ust neben den fllr die erste Abteilung bestimmten 
Fächern: Erdkxmde, Geschichte, einschliesslich Kenntnis einer 
elementaren BOzgerkunde, imd Naturkunde, verbunden mit Gestmd- 
hdtslehre. Femer soll, soweit es die Umstände erlauben, noch in 
Handarbeit, Turnen oder Zeichnen unterrichtet werden. In den Turn- 
unterricht können vorbereitende Schiessübungen mit aufgenommen 
werden. Ausserdem kann der Gemeinderat beschliessen, an die 
zweite Abteilung der Volksschule einen firdwilligen Unterrichts- 
kursus anzuknüpfen, der für jede Klasse ca. 6 Wochen um- 
fassen soll 



>> Dv V«r£user det ArtÜMlt .VolkstchiihPBscn* im Haadbndi dar SlaatswIsMB- 
•fhafttn, Supp&aBCBtslMBd U X897, t^aütt dissM GM t t i akfat an 



— 3P^ — 

Das Gesetz fordert ein Schulgebftude fOr jeden Schulkrets mit 
wenigstens 70 schulpflichtigen Kindern, weshalb die froheren so« 
genannten ,, Wanderschulen'', d. h. Schulen, die auf den Bauern- 
höfen gehalten wurden, jetzt beinahe verschwunden sind. 

Die Aufsicht über die Schulen einer Gemeinde liegt in den 
Händen des j^Gemeindeschulrats'', der aus folgenden Mitgliedern 
besteht: a) einem Prediger, vom Bischof ernannt, b) dem Vor- 
steher des Gemeindeausschusses, c) einem Lehrer oder einer 
Lehrerin in voller Stellung, von Lehrern und Lehrerinnen 
gemeinsam gewählt, d) einigen von dem Gemeindeausschusse 
gewählten Mitgliedern, deren Anzahl er selbst bestimmt Der 
Gemeindeschulrat wählt selbst seinen Vorsteher. FOr jeden Schul- 
kreis setzt der Gemeindeschulrat ein Inspektionskomitee ein, das 
aus drei in der Kreissitzung fOr ein Jahr ernannten Mitgliedern 
und einem Gemeinderatsmitglied als Vorsteher besteht 

Männer und Frauen sind gleicherweise zu Mitgliedern des 
Gemeindeschulrates und des Inspektionskomitees wählbar. Viele 
Frauen sind bereits Mitglieder. 

In jedem da-6BistQmer des Landes unterstehen sämtliche Schulen 
der AuCucht eines Schulrats, der dem Ministerium der geistlichen 
und Schidangelq;enheiten einen jährlichen Bericht einzureichen hat 



B. Die Volksschule in den Städten. 

Die Schule zerfällt in 3 Abteilimgen mit wöchentlich 24 Stunden 
Unterricht während 40 Wochen des Jahres. Die UnterrichtsflSLcher 
sind: In der ersten Abteilung (die drei unteren Jahresklassen) 
Religion, norwegische Sprache, Geschichte, Erdkunde, Rechnen, 
Schönschreiben, Gesang, Turnen, Handarbeit In der zweiten 
Abteilung (die 4. und 5. Jahresklasse) die ftkr die erste Abteilung ver- 
ordneten Fächer, ausserdem Naturkunde, Raimdehre und Zeichnen. 
In der dritten Abteilung (die 6. und 7. Jahresklasse) die oben 
erwähnten Fächer. Die Geschichte wird ergänzt durch Grund- 
zQge der Verfassungs- und Gesetzeskimde, mit der Naturkunde 
verbindet sich Gesundheitslehre. 

Da die Schulpflichtigkeit die Zeit vom 7. bis zum 14. Lebens- 
jahr umiasst ist jedes Kind zu freiem Unterricht fQr 7 Jahre be- 
rechtigt Die Stadtschulkommission ist auf folgende Weise zu- 
sammengesetzt: a) fQr jede Gemeinde ein Prediger, doch nie 
über drei, und zwar vom Bischof für ein Jahr ernannt, b) ein 
Mitglied des Stadtratausschusses, von diesem fQr ein Jahr erwählt, 
c) so viele von dem Stadtrat ernannte Mitglieder, wie dieser bestimmt 



— 3P3 — 

For jede Volksschule sem der Schulrat ein 
ein, zu dem folgende Personen gehören a) ein Mitglied des 
Stadtschulrates, b) ein geistliches Mitglied des Stadtschulrates, 
oder ein vom Bischof für 2 Jahre ernannter Prediger, c) 3 Mit- 
glieder, von den Eltern der schulbesuchenden Kinder f&r ein Jahr 
ernannt Die Aufsicht Ober die Stadtschulen wird wie bei den 
Landschulen vom Schulrat gefohrt 

Die mit den Volksschulen sowohl auf dem Lande als in den 
Stftdten verbundenen Ausgaben werden von der Gemeinde oder 
der Stadt getragen, bis zu einem Viertel der Besoldungskosten 
wird vom Staate bestritten. Der Unterricht eines Kindes kostet auf 
dem Lande ca. 20 Kr.,0 in den Städten ca. 50 Kr. jflhriich. Das 
Gehalt der Lehrer schwankt zwischen 800 und 2600 Kr., das der 
Schulvorsteher steigt in den Städten bis auf 5800 Kr. mit freier 
Wohnung und freier Heizung. Das Gehalt der Lehrerinnen steigt 
von 600 Kr. bis 1500 Kr. Der Zugang zu dem Amte des Schul- 
vorstehers ist den Lehrerinnen nicht verschlossen, indessen hat 
bisher keine Frau diese Stellung gehabt Doch hat gewöhnlich 
jede Schule eine Aulsichtslehrerin mit erhöhtem Gehalt 

In den Landschulen werden meistens Knaben und Mädchen 
zusammen unterrichtet; in den Städten aber gewöhnlich jedes 
Geschlecht fOr sich. Die Schulzeit und die Fächer sind aber 
durchweg für Knaben und Mädchen gleich, von der Handarbeit 
abgesehen, die fOr die Knaben durch Holzarbeit ersetzt wird. 
Auch haben die oberen Klassen der Mädchenschulen wahlfreien 
Hauswirtschafts* und Kochunterricht Im Jahre 1898 gab es auf 
dem Lande 5971 Schulkreise. 255 162 Kinder wurden in festen 
Schulen unterrichtet, 3898 in Wanderschulen. Die Zahl der Lehrer 
war 3869, die der Lehrerinnen 1138. 

In den Städten wurden 733x3 Kinder unterrichtet: 
36 943 Knaben und 36 370 Mädchen. Die 2^ahl der Lehrer betrug 
683. die der Lehrerinnen 1216, die Zahl der Klassen war 2344; 
auf jede Klasse kamen durchschnittlich 32,3 Schaler; in Christiania 
ist die durchschnittliche Anzahl jetzt 32,9. 

Die Zahl der Lehrerinnen ist, mit derjenigen der Lehrer ver- 
glichen, besonders in den Städten, in raschem Wachsen begriffen. 
Auch in den Städten rekrutiert sich der Lehrerstand wesentlich 
aus Bauemkreisen, während die Lehrerinnen meistens den 
gebildeten Ständen angehören. 



O EiM Kroae « x Mirk xa Pt 



— 304 — 

Dem Gesetze von 1896 über Behandluog verwahrloster Kinder 
zufolge sind rings im Lande Zwangsschulen errichtet worden, im 
ganzen 7, unter ihnen 2 strengere, die eine fQr Knaben, die andere 
fbr Madchen; 5 sind milderer Art, 3 fOr Knaben, a f&r Madchen. 
Die f&r Madchen berechneten j^Schulheime'' stehen ausschliesslich 
unter weiblicher Aufsicht 

IL 

FortbÜdungs* und Haushaltungsschulen. 

Das Gesetz von 2889 für die Landschule gestattet die Er- 
richtung von FortbUdungsschulen. Staat und Gemeinde tragen die 
Kosten, und zwar in der Weise, dass der Staat den grösseren 
Teil Obemimmt Die Lehrer der Volksschule erteilen den 
Unterricht Die Fächer sind zum grösseren Teil dieselben wie die 
der Volksschule, jedoch werden zuweilen einige Stunden fQr 
Knaben auf landwirtschaftliche Ausbildung, für Madchen auf er- 
weiterten Handarbeitsunterricht verwandt Sonst ist der Unterricht 
fbr beide Geschlechter ein gemeinschaftlicher. Die Schüler sind 
gewöhnlich 14 — 18 Jahre alt Im Jahre 1898— 1899 bestanden 
Z92 solche Schulen mit 1915 mannlichen, 800 weiblichen Schalem. 

FOr altere Schaler giebt es Abendschulen mit ungefähr den- 
selben Unterrichtsgegenstanden wie die Fortbildungsschulen. Das 
durchschnittliche Alter der Schaler ist gewöhnlich ca. 2 Jahre 
höher als in den Fortbildungsschulen. 2898 — 1899 arbeiteten 406 
Abendschulen, mit 4x68 mannlichen, 2019 weiblichen Schülern. 
Auch diese Schule ist eine gemeinschaftliche fOr beide Geschlechter. 

In einem jeden der 18 Landesamter giebt es eine oder mehrere 
Amtsschulen oder Volkshochschulen, die mit ihnen nahe verwandt 
sind. Diese Schulen haben ein bedeutend höheres Ziel als 
die oben erwähnten. Die meisten von ihnen sind vom Staate 
errichtet; einige private erhalten Zuschuss vom Staate. Sie sind 
zum Teil Separatschulen für Manner und Frauen; zum Teil auch 
f&r beide gemeinschaftlich. Ausser dem gewöhnlichen theoretischen 
wird auch praktischer Unterricht erteilt und zwar fbr die Manner 
in der Landwirtschaft, für die Frauen in Handarbeiten tmd Haus- 
wirtschaitskunde. Die Dauer der Kiu^e ist in der R^el 
6—8 Monate. 1898 — 1899 existierten 44 Schulen dieser Art, mit 
1131 mannlichen und 856 weiblichen Schalem. 

Die Fortbildungsschule der Städte ist im ganzen genommen 
noch eine Sache der Zukunft, wenn auch in der Diskussion weit vor- 
geschritten. Doch existieren in den meisten grösseren Städten 




— 305 — 

technische Abendschulen, zusammen 14 für die mannliche Jugend« 
und Industrieschulen für die Mädchen, neben Handelsschulen und 
anderen Fachschulen für beide Geschlechter. 

Es ist schon erwähnt worden, dass an die obem Mädchen- 
klassen der meisten Stadtschulen wahlfreier Unterricht in Haus- 
wirtschaftskimde und im Kochen ang^liedert ist Im Jahre 2900 
waren zs von den 16 Volksschulen Christianias mit SchulkOche 
versehen. Der Unterricht umfasst: Die Zusammensetzung und den 
Wärmewert der Brennstoffe; die Behandlung des Kohlen- und 
Gaskochofens; das Reinmachen und Waschen; das tägliche 
NahrungsbedOrfius des menschlichen Körpers; die richtige Zu- 
sammensetzung der Speisen; Kenntnis des Nährwertes der einzelnen 
Nahrungsmittel; Obung im Zubereiten der gewöhnlichsten Gerichte 
in der billigsten und praktischsten Weise, im Backen und Ein- 
machen; Grundregeln der Verpflegung kleiner Kinder und Kranker; 
häusliche BuchfOhrung. 

Der Unterricht schliesst sich dem in der Naturkunde eng an. 
Er findet zweimal wöchentlich statt Die erste Lektion ist theo- 
.retisch mit Demonstrationen, in der zweiten wird das Gelernte 
praktisch geübt Ausserdem giebt es sowohl auf dem Lande als 
in den Städten noch besondere Kochschulen. Die ^Königliche Gesell- 
schaft für das Wohl Norwegens'' hat fQnf solche Schulen im Lande 
oxganisiert; femer auch sechs Lehranstalten für Viehzucht Der 
Staat hat neun Meiereischulen errichtet, sieben nur für weibliche 
Schüler. Die Haushaltungsschulen der Städte sind alle privat 

m. 

Höhere Schulen. 

(Sekundärunterricht). 

Höhere Schulen, die ausschliesslich Mädchen aufiiehmen, 
empfangen in Korwtgen keine Staatsunterstützung. Eine kommu- 
nale Mädchenschule (in Drontheim) erhält sich durch eigenes Ver- 
mögen und nicht durch öfifentliche Unterstützung. Zwei kommunale 
Mädchenschulen haben kommunalen Zuschuss, die eine von 
1400 Kr., die andre von 1000 Kr. 

Das Gesetz von 1896 über die höheren Kommunalschulen 
benutzt überall das Wort ,,Schüler,'' wo es sich nicht gerade um 
solche Fächer handelt, die ihrer Natur nach nur für Knaben 
geeignet sind' (z. B. Holzarbeit), oder nur fOr Mädchen 
(z. B. Hauswirtschaftslehre und Kochen). Dieser Ausdruck ist 

Handbuch d«r Fratt«Bb«wef VBf. DL T«flL SO 



- 306 - 

von den AutorittLten dahin gedeutet worden, dass die Offimiliche 
Schule als eine gemeinschaftliche aufinifassen ist, die auf allen 
Stufen sowohl Knaben als Madchen ohne Unterschied aufiiimmt 

Da das Gesetz von 2896 auf die zweite Abteilung (das 5. Schul- 
jahr) der Stadtvolksschule eine 4jährige Mittelschule aufbaut, und 
da die Stadtvolksschule keine gemeinschaftliche ist, wird das 
Zusammensein von Knaben und Madchen in der Mittelschule viel- 
fiich von den Schalem selbst als neu tmd ungewohnt empftinden. 

Seit Z878 hat eine grosse Anzahl privater Madchenschulen das 
Recht erhalten, das öffentliche MittrlsrhulfTamen abzuhalten, das nur 
darin von dem der Knabenschulen verschieden war, dass eine 
Beschrankung des mathematischen Pensums erlaubt war. Nach 
dem Gesetze von 1896 existiert dieser Unterschied nicht mehr. 
Der einzige Unterschied zwischen dem Mittelschulezamen der 
Knaben und dem der Madchen liegt jetzt darin, dass die Madchen 
kein Tumezamen abzul^en brauchen, dagegen in den Schulen, 
wo dazu Gelegenheit ist, in Hauswirtschaftskunde geprQft werden. 

Die vom Gesetz von 1896 errichtete Mittelschule ist, wie oben 
erwähnt, eine vierjährige. Die ezamenberechdgten Madchenschulen 
des Landes hatten aber, schon ehe das Gesetz in Kraft trat, einen 
wenigstens ein Jahr längeren Kursus als die Knabenschulen. Man 
hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass die Madchen in diesem 
Alter etwas geschont werden mussten, ebenso glaubte man einige 
Rücksicht auf die Forderungen des Hauses an die Töchter ndunen 
zu mQssen. Die längere Dauer der Schulzeit gestattete eine Be- 
schrankung der taglichen Unterrichtsstunden; zugleich erlangten 
die Madchen eine grössere geistige Reife, legten ihr Examen daher 
mit grösserer Leichtigkeit ab. Es zeigte sich in der That, dass 
beim Examen die Madchen in der Rq;el mehr Kenntnisse besassen 
als die Knaben, auch war es ein seltener Fall, dass ein Madchen das 
Examen nicht bestand. Auf Grundlage dieser Erfahrungen reichten 
die drei grössten privaten Madchenschulen der Haupstadt dem 
Ministerium den Antrag ein, die Verlängerung des ÜGttelschul- 
kursus um ein Jahr beil>ehalten zu dOrfen. Der Antrag wurde 
genehmigt und dasselbe Recht allen Obrigen MAdchenschulen im 
Lande zugestanden. 

Nachdem das neue Gesetz den Mädchen das Recht gegeben, 
in die Schulen des Staates oder der Kommune aufgenommen zu 
werden, wo das Schulgeld, des öffentlichen Zuschusses wegen, 
niedriger ist, sind mehrere Mädchenschulen, besonders solche in 
kleinen Städten, aus Mangel an Subsistenzmittehi eingegangen. 



— 307 — 

Das fiühere Gesetz (von 1869) baute eine sechsjährige Mittel- 
schule auf eine dreijährige Vorschule, die gewöhnlich derselben 
Schule angehörte. Die drei oberen Mittelklassen waren in eine 
lateinische und eine englische ^Liidc" gespalten. Auf die Mittel- 
schule war ein dreijähriges Gymnasium gebaut, das fOr die 
Universität vorbereitete. Auch das Gymnasium hatte zwei Linien: 
die lateinische und die reale. 

Nur die Privatschulen besitzen jetzt eine Vorschule; weder 
die Staatsschulen noch die Kommnnalschulen mit Staatszuschuss 
haben das Recht, eine solche Vorschule einzurichten. In der 
neuen Mittelschule wird Lateinisch nicht gelehrt Die ÜGttel- 
schule wird mit einem öffentlichen Examen abgeschlossen: dem 
Abgangsexamen der Mittelschule, das normal beim Abschluss 
des 15. Jahres absolviert wird; an den privaten Madchenschulen, 
die, wie schon erwähnt, eine fidnfjahrige Mittelschule haben, daher 
nicht eher als beim Schluss des 16. Jahres. Dieses Abgangs- 
examen berechtigt zum Eintritt in Handelsschulen, technische 
Schulen u.s.w., zu verschiedenen Anstellungen imPost-,Telq;raphen- 
wesen u. dergL, sowie auch zur Aufnahme in das Gymnasium, das 
für die Universität vorbereitet 

Das jetzige Gymnasium ist, wie auch das firOhere, dreijährig, 
und hat zwei Linien: eine reale und eine sprachIich*historische. 
Ein Lateingymnasium mit Griechisch existiert nicht mehr; in den 
beiden oberen Klassen der sprachlich -historischen Linie kann 
Lateinisch gelernt werden, doch nur gegen Reduktion anderer 
Fächer. 

In der Mittelschule werden folgende Fächer gelehrt: Religion, 
Norwegisch, Deutsch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, 
Rechnen, Mathematik mit Algebra (bis zu den Potenzen und dem 
Notwendigsten von den Wurzelgrössen, samt leichteren Gleichungen 
ersten Grades), Planimetrie, Schreiben, Zeichnen, f&r Knaben 
Holzarbeit, fOr Mädchen Handarbeit; Turnen und Gesang. 

Die Hauswirtschaft ist dem Gesetze gemäss ein freiwilliges 
Fach, thatiächlich ist es jetzt aber den meisten Mädchenschulen 
als ein obligatorischer Lehrg^enstand eingefOgt 

Statt des ,, vollständigen* Mittelschulexamens giebt das Gesetz 
Gelegenheit, ein ^beschränktes'' Mittelschulexamen zu absolvieren, 
mit nur einer fremden Sprache, und mit Beschränkung des 
mathematischen Pensums. Zuweilen wird auch ein Examen mit 
nur einer dieser Beschränkungen gemacht Ein solches Examen 
kann dem Gesetze gemäss später vervollständigt werden. 



- 308 - 



Im Jahre 1900 wurden zum Mittelschulezamen 1252 Knaben 
und 797 Mädchen angemeldet Davon bestanden 1 151 Knaben und 
778 Mädchen, d. h. 91,03 •/• der Knaben, und 97,62 Vo der Mädchen. 

Im Gymnasium ist die erste (unterste) Klasse für beide Linien 
gleich. Die Fächer und die Verteilung der Lektionen gehen aus 
der folgenden Tabelle hervor: 









• 


Sprachlich- 


Sprachlich- 




Linien 


Die Reallinie 


historische 


histor. Linie 










mit Lateinisch 




KkiM 


KkiM 


SlASM 


SlASM 




I 


n 


1 ni 


n 1 m 


n 


m 


Religion • . 


X 


X 


2 


X 


2 


X 


2 


Norwegisch . 


4 


5 


4 


6 


5 


5 


4 . 


Deutsch . . 


3 


3 


3 


3 


3 


3 


3 


Englisch . . 


4 


2 


2 


7 


7 


2 


2 


Französisch • 


4 


2 


2 


4 


3 


5 


— 


Lateinisch • . 


— 


— 


— 


— 




7 


XX 


Geschichte . 


3 


3 


3 


5 


5 


3 


3 


Erdkunde . . 


I 


I 


2 


X 


2 


X 


2 


Naturkunde . 


4 


5 


5 


X 


X 


X 


X 


Mathematik . 


4 


6 


6 


2 


2 


2 


2 


Zeichnen . . 


2 


2 


X 


^ 


-^ 


— 


— 


Turnen und 
















Gesang . . 


6 


6 


6 


6 


6 


6 


6 




36 


36 


36 


36 


36 


36 


36 



Einige Schulen haben Ellassen f&r beide Linien, andre nur 
fOr eine. Die erste Gymnasialklasse ist auch eine abschliessende 
Fortbildungsschule fQr solche, die sich nicht mit dem Mittelschul- 
examen bq;ntlgen, aber sich auch nicht f&r die Universität vor- 
bereiten wollen oder können. Es giebt daher Schulen, die nur 
diese erste Klasse an ihre Mittelschule geknOpft haben, entweder 
in der Gestalt der gegebenen Obersicht, oder mehr dem BedOrfnis 
des praktischen Lebens angepasst, z. B. durch Aufnahme von 
Handelslehre. SchQler, die nach Absolvierung der ersten Klasse 
das am Ende des Jahres abgehaltene Examen bestehen, können, 
dem Gesetze zufolge, auf ein Zeugnis Anspruch machen. 

Von grosser Bedeutung fbr die Entwickelung der Schule ist 
§ 10 des Gesetzes, der für die Mittelschule sowohl als fOr das 
Gymnasium gilt Er lautet so : Abweichungen von den Bestimmungen 



— 309 — 

Ober den Fachkreis und das Ziel des Unterrichts können, wenn 
die Lange des Scbulkursus nicht dadurch beeinträchtigt, der 
Fachkreis nicht wesentlich beschränkt, das Mass des gesamten 
Unterrichts, der Kenntnisse und der Tüchtigkeit nicht vermmdert 
und das Abgangsexamen nicht erieichtert wird, vom Ministerium 
gestattet werden. 

Der Fachkreis des sprachlich-historischen Gymnasiums zeigt, 
dass diese Linie sich vorzQglich f&r junge Mädchen eignet, die 
eine höhere allgemeine Ausbildung wünschen, als ihnen die Mittel- 
schule, auch mit Anschluss einer ersten Gymnasialklasse geben 
kann. Dies veranlasste die drei grössten Mädchenschulen der 
Hauptstadt (die Schulen von Olaf Berg, Berle und Nissen) dazu, 
zusammen eine solche Gymnasiumlinie, nur für Mädchen berechnet, 
zu errichten, und zwar in der Weise, dass eine der Schulen (die- 
jenige Olaf Bergs) im September 1900 eine erste Klasse eröffioete, 
eine andre (Nissens) im September 1901 begann, während die 
dritte Schule im September 1903 dasselbe thun wird. Die ersten 
Schalerinnen dieses Gymnasiums werden also im Jahre 1903 von 
Olaf Bergs Schule zum Examen entlassen werden; dies Jahr ist 
der erste Termin, an dem nach dem neuen Gesetze das Maturitäts- 
examen gemacht werden kann. 

Die erste Studentin an der Universität Norwegens wurde im 
Jahre i88a immatrikuliert In den nächstfolgenden Jahren war die 
Zahl der Studentinnen natOrlich nicht sehr gross, in den letzten 
Jahren ist sie aber sehr gestiegen. Das sprachlich-historische Gym- 
nasium wird die Zahl der Studentinnen wahrscheinlich sehr vermehren. 

In den Jahren 1898 — 99 existierten 14 Staatsschulen, aus 
Mittelschule und Gymnasium bestehend, und 41 kommunale, vom 
Staat unterstützte Mittelschulen. Alle. 55 Schulen, auch die Gym- 
nasien, sind verpflichtet, Blädchen sowohl als Knaben aufzundunen. 
Hierzu kommen 8 private Mittelschulen mit Gymnasium, zwei davon 
gemeinschaftliche f&r die beiden Geschlechter; weiter giebt es eine 
kommunale, nicht vom Staat unterstützte Mädchenschule und 
21 private Mittelschulen, 15 nur für Mädchen, 4 sind gemeinschaftliclL 
Im Schuljahr 1898 — 99 wurden jedoch nicht mehr als Z45 Mädchen 
in den 14 Staatsschulen unterrichtet, während die kommunalen 
gemeinschaftlichen Schulen 1834 Schülerinnen aufwiesen, die 
privaten gemeinschaftlichen Schulen 591, die kommunale Mädchen- 
schule 150 und die privaten Mädchenschulen 3254. 

Femer giebt es noch eine ganze Menge höherer Schulen ohne 
Examensberechtigung, nämlich 3 kommimale gemeinschaftliche 



— 3i<> — 

Schulen mit 44 Mädchen, 33 private solche Schulen mit 1744 Madchen 
und 6 private Mädchenschulen mit zo6o Mädchen. Alles zusammen 
genommen hatten folglich 2898 — 99 4358 Mädchen mit den Knaben 
gemeinsamen Unterricht, während 447a Mädchen die Mädchen- 
schulen besuchten. Zu «diesen 2^ahlen ist zu bemerken, dass gerade 
zu dieser Zeit die öffentlichen Schulen ihre Vorschulklassen auf- 
gegeben, während die privaten die ihrigen beibehalten hatten. 

An den 49 ezamensberechtigten Staats- und Kommunalschulen 
waren im Jahre 1900 240 Lehrer und 59 Lehrerinnen fest angestellt; 
sämtlichen Schulen standen Männer vor. Im Jahre 2898—99 hatten 
die privaten gemeinschaftlichen Schulen 49 Lehrer und 43 Lehre- 
rinnen, die privaten Mädchenschulen 7a Lehrer und 223 Lehrerinnen. 
Die gemeinschaftlichen Schulen stehen mit einer Ausnahme alle 
unter männlicher Leitung. 6 der 25 ezamensberechtigten Blädchen- 
schulen werden von Frauen geleitet, 6 von Männern, 3 von« 
Männern und Frauen in Gemeinschaft 

An den nicht ezamensberechtigten Schulen waren beschäftigt: 
an den 3 kommimalen gemeinschaftlichen Schulen 7 Lehrer und 
2 Lehrerinnen, an den privaten gemeinschaftlichen Schulen 99 Lehrer 
und 222 Lehrerinnen, an den privaten Mädchenschulen 28 Lehrer 
und Qs Lehrerinnen. 

Der Vorsteher der Staatsschulen wird Rektor genannt, ihre 
übrigen Angestellten Oberlehrer und Adjimkten. Die Rektoren 
beziehen ein Gehalt von 4600 bis 5400 Kr. und haben freie 
Wohnung; die Oberlehrer haben 3200 bis 4400 Kr., die Ad- 
junkten 2200 bis 3200 Kr. Die Lehrerinnen bekommen 2200 bis 
2700 Kr. Die Vorsteher der kommunalen Schulen sind teils 
Rektoren, teils Oberlehrer, teils Adjunkten. Sie haben alle freie 
Wohnung und werden, wie auch die abrigen Oberlehrer und 
Adjunkten dieser Schulen, nach den oben aufgeführten Sätzen des 
Staates besoldet Es kommen noch Stundenlehrer hinzu mit einer 
Besoldimg von 900 bis 2700 Kr. Die Lehrerinnen beziehen das 
gldche Gehalt wie die Stundenlehrer. Für Privatschulen kann 
keine Statistik der Besoldungsverhältnisse angestellt werden. 

Im ganzen kann angenonunen werden, dass die Gehalts- 
verhältnisse ungefähr dieselben sind wie an den kommunalen 
Schulen; die Stundenzahl ist, jedenfalls in den grösseren Städten, 
kleiner, selten über 25, während die kommunalen Schulen ge- 
wöhnlich 30 aufstellen. Dag^en haben die öffentlichen Schulen 
eine durch öffentliche Mittel unterstützte Altersversicherungskasse, 
zu der die Lehrer einen Beitrag zu liefern haben. 



— 311 — 

SAmtliche höhere ezamensberechtigte Kommunalschulen sind 
dem Untemcht8*Ministerium unterstellt Die Beauisichtigung der 
Schulen und der Prüfungen liegt in den Händen eines Unter- 
richtsrats mit einem Vorsteher und 6 anderen Mitgliedem; alle 
werden vom König auf 5 Jahre ernannt tmd müssen praktische 
Einsicht in das höhere Schulwesen haben. Bei hygienischen 
Fragen wird ein sachkundiger, vom König auf 5 Jahre ernannter 
Beisitzer hinzugezogen. Der Rat hat die Pflicht, alle Jahre dem 
Ministerium einen detaillierten Bericht über seine Wirksamkeit und 
den Ausfall der Prüfungen einzusenden. 

Für jede einzelne öffentliche höhere Schule verordnet das 
Gesetz einen Vorstand, zu dem folgende Personen gehören: 
a) der Rektor der Schule, b) ein vom Ministerium auf 4 Jahre 
erwähltes Mitglied, c) drei vom Stadtrat erwflhlte Mitglieder. 
Der Vorstand tritt wenigstens 4 mal im Jahre zusammen. 
1896^97 wurde durch ein von dem Ministerium eingesetztes 
Komitee ein Reglement und ein Unterrichtsplan im Anschluss an 
das neue Unterrichtsgesetz ausgearbeitet 

IV. 

Die Ausbfldung der Lehrerinnen, 

Das staatliche Seminar zur Ausbildung von Lehrern tmd 



Lehrerinnen ist f&r beide Geschlechter gemeinschaftlich. In 
der letzten Zeit sind Änderungen im Gesetz von 1890 über die 
Volksschulseminarien vorgenommen worden, wonach der Kursus 
dreijährig statt zweijährig sein soll Das Aufhahmealter ist 
z8 Jahre. Es wird nur Volksschulbildimg vorausgesetzt Der 
Unterricht um£ust samtliche Fächer der Volksschule. Bn Vor* 
schlag im ^Storting^, eine fremde Sprache aufzunehmeut erhielt 
nicht die nötige StimmenmehrheiL 

Mit jedem Seminar soll eine Obungsschule verbunden sein. 
Der Kursus findet seinen Abschluss durch ein Öffentliches Examen, 
dessen Abhaltung einer vom Ministerium auf 5 Jahre ernannten 
Examenskommission obliegt, die aus einem Vorsteher und zwei 
anderen Mitgliedem besteht; wenigstens eines der Mitglieder muss 
ein an der Volksschule unterrichtender Lehrer sein. 

Es giebt sechs Stäatsseminare, eines für jedes Bistum, und vier 
private« eines davon nur für Frauen. Im Jahre 1898—99 wurden 
die öffentlichen Seminare von 908 Männern und 153 Frauen 
besucht, die privaten von 229 Mflnnem und larj Frauen. An den 



— 3^^ — 

Öffentlichen Seminaren unterrichteten 96 Lehrer und 7 Lehrerinnen, 
an den Privatseminaren 33 Lehrer und 8 Lehrerinnen. Die Vor- 
steher der öffentlichen Seminare haben ein Gehalt von 3800 bis 
4900 Kr. und freie Wohnung; das Gehalt der Lehrer der ersten 
Besoldungsstufe betragt 2400 bis 3200 Kr. und freie Wohnung; 
die Lehrer der zweiten Stufe haben z8oo bis 2400 Kr. und freie 
Wohnung; die Lehrer der dritten entweder 1500 Kr. oder 1300 Kr. 
und freie Wohnung. Augenblicklich gehören sämtliche Lehrerinnen 
zur dritten Besoldungsstufe. 

Eigene öffentliche Ausbildungsanstalten fDr Lehrerinnen der 
höheren Schulen giebt es nicht Es haben aber dem Gesetze 
von 1884 zufolge Frauen dasselbe Recht wie Manner, Lehrer- 
ezamen an der Universität zu absolvieren, ein Recht, das bisher 
wenig benutzt worden ist, nflmlich nur von vier weiblichen 
Studenten; zwei haben das sprachlich-historische Lehrerexamen, 
zwei das mathematiscb-natnrwisscnsrhaftliche abgelegt 

Im Laufe der Zeit haben wir mehrere private Ausbildungs- 
anstalten gehabt; ihre Ziele aber gingen nicht Ober die durch 
das Gesetz von 2896 festgesetzten Lehrpensen der sprach- 
lich-historischen Gymnasien. Der bedeutendste dieser Lehrerinnen- 
kurse wurde daher, als das neue Gesetz in Kraft trat, in ein 
solches Gymnasium umgewandelt, nämlich das oben erwähnte 
Gymnasium der drei grössten Madchenschulen Christianias. Um 
dem Mangel an praktischer Ausbildung einigermassen abzuhelfen, 
sind an diesem Gymnasium, fOr die zukünftigen Lehrerinnen, 
methodische Obungen in einigen Fächern eingelegt Es ist die 
Absicht, späterhin einen praktischen Fortbildungskursus an das 
Gymnasium anzui&gen. Auch in den LehrerprOfungen der Uni- 
versität steht eine Änderung bevor, die voraussichtlich fDr die 
auf das Lehrfach sich vorbereitenden weiblichen Studenten von 
Bedeutung werden kann, indem sie sie von dem ziemlich schweren, 
mit lange dauernden, daher teuren Studien verbundenen Staats- 
examen befreit 

V. 

Die Universität 

Die Anmeldung des ersten Mädchens zum Maturitätsezamen 
(Examen artium) veranlasste ein Gesetz (vom 15. Juni i88a), das 
den Frauen erlaubte, sich sowohl diesem, als auch dem Examen 
philosophicum zu unterwerfen; dieses letztere ist das erste Examen 
an der Universität und berechtigt zum weiteren Universitätstudium. 



— 313 — 

Schon zwei Jahre später wurde ein Gesetz (vom 14. Juni 1884) 
erlassen, das die weiblichen Studenten den männlichen in jeder 
Beziehung gleichstellte. Sie haben seitdem mithin das Recht, sich 
zu sämtlichen Prüfungen der Universität zu melden und die 
akademischen Grade zu erwerben. 

Nur 27 von den 296 an der Universität Christiania (der einzigen 
in Norwegen) in der Zeit von z88a bis 1900 immatrikulierten 
Frauen haben sich dem Staatsexamen unterworfen, 18 von ihnen 
haben das medizinische Staatsexamen gemacht, 4, wie schon 
erwähnt, das Lehrerexamen. Die Konsequenz des Gesetzes von 
2884 sollte natOrlich sein, dass den Frauen der Zugang zu den 
Staatsämtem erschlossen wQrde. Dies Recht ist ihnen jedoch bis 
jetzt nur in bezug auf das Lehramt zugestanden. Das Schulgesetz 
von 2899 hat nämlich im § 33 den Passus: »Die Bestimmungen 
dieses Gesetzes sollen nicht hindern können, dass die Frauen 
dasselbe Recht haben, wie die Männer, Schulvorsteher und Lehrer 
zu werden*, und der Bestimmung vom 19. Mai 1901 gemäss ist 
dem § 9a des Grundgesetzes folgende Ergänzung beigefügt: j^In 
welchem Umlange Frauen, welche die vom Grundgesetz den 
Männern vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen, in Ämter ein- 
gesetzt werden können, wird durch gewöhnliches Gesetz bestimmt'' 
Diesen beiden Bestimmungen zufolge hat § 32 des Schulgesetzes: 
„Der Vorsteher einer öffentlichen höheren Schule wird Rektor 
genannt Die übrigen Lehrer sind Oberlehrer und Adjunkten*' 
durch Gesetz vom 27. April 2902 die folgende Ergänzung erhalten: 
,Jn diese Stellungm können sowohl Frauen als Männer eingesetzt 
werden.** 

Die Grundgesetzveränderung vom 29. März 2902 macht es 
wahrscheinlich, dass auch die übrigen staatlichen Anstellungen 
bald den Frauen eröffnet werden; eine derartige Gesetzes- 
bestimmung fordert nur die einfache Majorität, während eine 
Veränderung im Grundgesetz Vs Majorität verlangt 

Die Frauen, die das medizinische Staatsexamen gemacht haben, 
bekommen die Erlaubnis zur Ausübung der Praxis, können aber 
noch nicht in die ärztlichen Staatsämter eingesetzt werden. 

Frauen können als Dozenten an der Universität angestellt 
werden. Eine Dame, die Konservator am zootomischen Museum 
ist, hält schon Vorlesungen für die Studierenden. 



^^S^ 



Frauenblldun^ In Schweden. 

Von Anna Hierta-Retziiis« 



Die Volksschulen. 

In firQherer Zeit wurde der Unterricht der Kinder in Schweden 
entweder von den Qtem oder auch von Kirchendienern oder andren 
dazu befähigten privaten Lehrern oder Lehrerinnen erteilt und zwar 
sowohl in privaten als in Gemeindeschulen. Dem eigentlichen 
Volk — vor allem den Frauen — wurden auf diese Weise aber 
nur die nötigsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben, Rechnen, sowie in 
der Religion zu teil Im Jahre 1842 wurde dann der obligatorische 
Unterricht des ganzen Volkes gesetzlich durchgeführt und fbr 
jedes Kirchspiel die Errichtung wenigstens einer Schule ge- 
fordert Seitdem hat der Volksunterricht in Schweden grosse 
Fortschritte gemacht, so dass jeder Knabe und jedes Madchen in 
dem schulpflichtigen Alter (von 7 — 14 Jahren) nicht nur Lesen, 
Schreiben und Rechnen lernt, sondern auch verschiedene andere 
Kenntnisse erwirbt 

In der Regel ist in den Volksschulen der Unterricht für Knaben 
und Madchen gemeinsam und immer unen^eltlich. Nach den 
Königlichen Statuten vom Jahre z88a sind die Volksunterrichts* 
anstalten von 5 verschiedenen Arten: Smiskolor, Mindre Folk- 
skolor, Folkskolor, Fortsättningsskolor und HOgre Folkskolor 
(Kleinkinderschulen, niedrigere Volksschulen, Volksschulen, Fort- 
bildungsschulen und höhere Volksschulen). Im Jahre 1900 be- 
standen im ganzen zz 98z solcher Volksschulen. 

Die Lehrfächer sind: Religion, Muttersprache (Lesen und 
Schreiben), Rechnen, Geometrie, Geographie, Geschichte, Natur- 
geschichte, AnschauungsObungcn, Singen, Zeichnen, Gymnastik, 
Slöjd. In Schweden sind gegenwärtig nur noch o,z */• ^^ 
Bevölkerung Analphabeten (Finnländer im nördlichsten Teil des 
Landes). 



— 315 — 

Die Volksschulen werden geteilt in dteKIeinkinderscbulen 
(Smiskolor, Infant schoob) fOr Anfänger von 7—9 Jahren und 
die eigentlichen Volksschulen. 

Der Kursus ist, nach dem vom Staate festgestellten Normal- 
plane» in den ersteren auf a, in den letzteren auf 4 Jahre berechnet 
Der ganze obligatorische Schulunterricht umiasst also 6 Jahre; 
aber die LokalschulbehOrde ist ermlchtigt» diese Zeit eventuell 
etwas abzukOrzen. Hne Ausnahme wird nämlich gemacht für 
Kinder» deren Dtem sehr arm sind. Sie können» wenn sie das 
festgestdite Minimum der Kenntnisse erworben haben» die Schule 
firOher verlassen, mflssen dann aber während einer Anzahl von 
Jahren eine Fortbildungsschule (bis zum 15. Jahr) besuchen, wof&r 
die Fabrikcheis oder andere Arbeitgeber verantwortlich sind. 

Ausserdem giebt es eine Art niedrigere Volksschulen (mindre 
Folkskolor)» und zwar in wenig bevölkerten Orten oder da» wo die 
eigentliche Volksschule zu fem Uegt; der Kursus ist in ihnen ein- 
fiicher und die Lehrer werden niedriger bezahlt Diese Schulen 
bilden dann eine Art von Ersatz f&r die andern beiden Arten von 
Schulen (Kleinkinderschulen und Volksschulen). 

Alle die genannten Schulen (Kleinkinderschulen, Volks- 
schulen, niedrigere und höhere Volksschulen) sind teQs feste 
(fasta)» teils ambulatorische (flyttande) Schulen. In den letzteren 
unterrichtet derselbe Lehrer an a bis 3 verschiedenen Orten 
des Jahres; also eriULlt jeder Schtüer nur während eines Bruchteils 
des Jahres Unterricht während in den festen Schulen der Unter- 
richt mit Ausnahme der Ferien durch das ganze Jahr erteilt wird. 

Im Jahre 2900 gab es in den ^393 Schuldiitrikten Schwedens: 

z6 höhere Volksichnlen 
4369 feste n. 6ao ambulatorische od. zus. 4989 Volksschulen 
X0S9 , I, Taa , , , Z776niedrige 

Volksschulen 
3900 , . 1278 , ,1, si9BKleinkinder- 

schnlen 

Summe 9348 feste u. adao ambulatorische od. zus. XX965 Schulen 

öder mit den höheren Volksschulen zzgSz Schulen. 

In den höheren Volksschulen ist der Unterricht auf 
24 Wochen festgesetzt Die Kinder der arbeitenden Klassen er- 
halten dort Gel^enheit sich ein höheres Mass von Bildung zu 



— 3x6 — 

verschaffen als in der Volksschule, ohne ihren gewöhnlichen 

Beschäftigungen zu lange entzogen zu werden. Im Jahre 1900 

unterrichteten an diesen Anstalten 17 Lehrer und 2 Lehrerinnen. 

In den sämtlichen Volksschulen unterrichteten im Jahre 1900: 

in den Volks- 

schulen ... 4 933 Lehrer u. 2 649 Lehrerinnen od zusamm. 7 57z 
in den niedrigeren 

Volksschulen . ais » » 2569 , » . » ^7^ 

in den Klein- 

kinders chulen . 313 , ^ 6037 m n m 6250 

Sunmie 5350 Lehrer u. 10955 Lehrerinnen ^d. zusamm. 15605 

Dazu kamen noch 350 Lehrer und 656 Lehrerinnen fOr Slöjd 
und ähnliche Untemchtszweige. 

Die Zahl der schulpflichtigen Kinder (von 7 — 24 Jahren) 
war im Jahre Z900 83360z, imd zwar 423387 Knaben und 
4Z02Z4 Madchen. Von diesen Kindern empfingen 7547x8 ihren 
Unterricht in den oben genannten Schulen, 70637 in anderer 
Weise; in Bezug auf die übrigen 8246 fehlten die Angaben. 

Die Unkosten für Volksunterricht werden teils vom Staat, 
teils von der Gemeinde bestritten. Sie verteilten sich im Jahre 
X900 folgendermassen: 

Gehalt der Lehrer und Lehrerinnen (in Geld) .... ZZ8025Z7 Kr. 

Gehalt der Lehrer und Lehrerinnen (in natura) ... z 3az 594 ^ 

GebAude und Inventarien 5 829 409 1, 

Unterrichtsmaterialien 338358 » 

Übrige Kosten . . 3805868 ^ 

Summe ^097746!^. 

Zur Besserung der Gehüter wurde im Jahre Z90Z ein 

Zuschuss gewahrt von 5128765 Kr. 

Für die Lehrer in den Fortbildungsschulen ^3850 n 

Für den Slöjduntemcht der Knaben (in 3489 Schulen) . a6z675 n 

Für den SlOjdunterricht der Madchen Qu 3547 Schulen). Z064Z0 

Für die höheren Volksschulen 19590 

Für die 29 Volkshochschulen zaz 377 h 

Das Minimalgehalt der vollbeschäftigten Lehrer und Lehrerinnen 
der Volksschulen ist gleich; es* betrügt üQr die L Gehaltsklasse 
700, n. 800, nL 900, IV. zooo Kr. 

Das Hinaufrücken in die höheren Gehaltsstufen erfolgt nach 
Verlauf von 5, zo und Z5 Jahren bei untadelhafter Ausübung des 
Dienstes. Dazu konunen noch Wohnung und Feuer (oder Ersatz 



ft 

n 



— 3*7 — 

daiOr). Dieta G«baJt plt fOr einen 8 Monste langen Unterricht; 
für jeden Monat, wahrend denen darflber hinaus unterrichtet wird. 
wird V( des Gdialti noch dazu bezahlt. Da« sind die gesetzlichen 
TLiitiiiwU«tT> In den StAdten und in manchen Orten auf dem 
Lande geben die Kommunen gewöhnlich ein bedeutend höheres 
Gebalt und zwar den Lehrern ein höheres als den Lehrerinnen. 
Folgende Tabelle giebt eine Übersicht aber das Gehalt der Lehrer 
und Ldirerinnen in den Tersdiicdenen Schulen der grösseren 
Sttdte Schwedeos: 





Volkuc hullehrer 


VoUts- 


Kleinkmder- 




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Kr. 


Kl. 


Kr- 


Kl. 


Kr. 


Kr. Kr. 


Kr.* 


Kr. 


Kr. 


Kl. 


Kr, 


Eiockholm I . 


1400 1 1600 1800 


_ 


rioo 


laoo 1300 


_ 


_ 


_ 


_ 


_ 


Stockholm H . 


1800 aooo 


3300 


_ 


1400 


1500 1 1600 


— 


_ 


_ 




_ 


Siockhoim m. 


acoo! 2900 


3400 


— 




-1- 


— 


— 


— 


— 


— 


Göteborg . . 


1350 1 1670 


aooo 


— 


1300 


"»75 11350 


— 


5!P 


700 


850 


— 


Halmö . . . 


1300 


IS50 


iSoo 


— 


tiool 133011400 


— 


5.SO 


650 


7."io 


— 


Norrltöping . 


1300 


1600 


1800 


aooo 


iioo laoo 1 1300 


— 


600 


700 


800 


— 


Celle ... . 


1^00 


1750 


30OO 


— 


1000 1100 1 laoo 


— 


5*» 


600 


700 


— 


Helaingborg . 


1400 


1600 


1800 


— 


110011300 


ISOO 


— 


600 


700 


ßoo 1 — 


Upsala , . . 


1300 


1550 


1800 


._ 


1000 


IIOO 


— 


_ 


_ 


— 


— 1 — 


Jdnkaping . . 


I3O0 


1450 1 1700 


— 


1000 


IIOO 


laoo 


— 


-Soo 


\V> 


600 1 — 


Orebro . . . 


1300 


1400 1600 


— 


<)O0 


1050 


laoo 


- 




— 


_ 1 _ 


Lund .... 


laoo 


1400 i6ao 


1800 


1000 


IIOO 


1200 


i^too 


600 


6,0 


7=0 750 


Karlskrona . . 


i»5 


.3.5'J 


1435' 


1535') 


1235 


— 


— 




— 









Die mannlichen und weiblichen Lehrer und zu einer Pension 
von 750 Kr. berechtigt (im Alter von 55 J. und nach 30J. Dienst). 

Lehrerinnen sind aberall in Schweden, auch in den Knaben- 
klassen, angestellL In den grösseren Städten irird die Leitung 



— 3^8 — 

der Volksschule von einem Lehrer, auf dem Lande gewöhnlich 
von einer Lehrerin ausgeübt Die niedrigeren Volksschulen und 
die Kleinkinderschulen werden meistens von einer Lehrerin geleitet 

Dem Schulraty den die Gemeinde selbst wflhlt ist in jedem 
Schuldistrikt oder jeder Gemeinde die Auüucht Ober die Volks- 
schule übertragen. Er besteht aus 5 Personen, unter denen der 
Pfiarrer der Gemdnde obligatorisches Mitglied und Vorsitzender 
ist Seit 2889 können Frauen Mitglieder des Schufarats und als 
solche auch als Schulinspektorinnen thätig sein. In den meisten 
Gemeinden Stockholms und auch in andern Stfldten Schwedens 
sind nunmehr Frauen in den Schulrat gewählt worden, aber 
eine Statistik darüber giebt es noch nicht Ober dem Schulrat 
stehen seit z86z die von der Regierung ernannten Schulinspektoren, 
deren es im Jahre 1900 50 gab. 

Die Volksschulgebäude sind, besonders in den Städten, im 
ganzen ausgezeichnet gut und schön und das Unterrichtsmaterial 
vorzüglich; beides bestreitet im allgemeinen die Gemeinde. In den 
neueren Gebäuden sind Schulbäder, schöne Tumsäle, Kochschulen 
imd Werkstätten tOr Holz- und Metallslöjd eingerichtet 

Für die Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen üQr Volks- 
schulen sind 8 Seminarien üQr Männer imd 6 besondere fOr 
die Frauen, jedes mit einem 4jährigen Kursus, vom Staate ein- 
gerichtet Es werden jetzt aber auch viele weibliche Studenten als 
Lehrerinnen an Schulen angestellt auch wenn sie die Seminarien 
nicht durchgemacht haben. 

n. 

Volkshochschulen für Frauen. 

Folkhögskolor för Kvinnor. 

Diese, zuerst auf Initiative des Bischofs Grundtvig in Dänemazi: 
gegründeten Schulen fbr eine höhere nationale Bildung der 
unteren Stände der Landgemeinden, wurde auch vom Jahre z868 
an in Schweden, allerdings nach etwas anderen Unterrichts- 
prinzipien, eingef&hrt In^ Jahre 1869 wurde auch für Frauen ein 
solcher Unterricht eröffnet Im Jahre 190z gab es 29 vom Staate 
unterstützte folkhögskolor, in 16 von ihnen werden erwachsene 
Mädchen vom z6. Jahre an gegen eine sehr geringe Zahlung auf- 
genommen. Diese Schulen werden besonders im Sommer gehalten. 
Sie wollen eine nationale Bildung vor allem durch Geschichte, 
Litteratur, Geographie und Naturgeschichte vermitteln; auch 
in Buchhaltung, Gesang, Hygiene, Gymnastik, Weben und anderen 




— 3X9 — 

häuslichen und Handarbeiten wird hier Unterricht gegeben. Die 
Schalerinnen wohnen im allgemeinen wahrend der 3 monatlichen 
Kurse in den Schulen und wiederholen oft ihren Kursus im 
folgenden Jahr. Jahrlich kostet der Kursus 15—80 Kr. 

Die Volkshochschulen für Frauen können sowohl von Männern 
als von Frauen geleitet werden; an dem Kursus sind gewöhnlich 
ein Lehrer (öfters der Rektor der Schule) und mehrere Lehrerinnen 
beteiligt, wahrend die jungen Manner von 9—4 Lehrern imterrichtet 
werden. In den og Volkshochschulen wurden im Jahre Z90Z 
6c>5 weibliche und 905 mannliche oder zusammen 15x0 Schaler 
unterrichtet, von denen 283 unbemittelte weibliche und 376 mannliche 
Schaler Stipendien von zusammen 20000 Kr. erhielten. 

IIL 

Höhere Mädchenschulen, 
Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in den höheren 



Standen die Erziehung der jungen Madchen in Schweden durch 
die Dtern oder durch Gouvernanten ausgeabt, oder sie wurden auch 
Pensionaten abergeben. Erst in dem zweiten Dezennium des Jahr- 
hunderts fing man an, grössere Madchenschulen zu granden. In 
der Stadt Gothenburg (Göteborg) wurde die erste Schule dieser 
Art im Jahre i8a6 errichtet» und im Jahre 1831 entstand in 
Stockholm eine zweite, die unter der Au£ucht des Erzbischofs 
J. O. Wallin von dem berahmten Historiker Anders Fryxell 
gegrandet und geleitet wurde. Seitdem sind in den schwedischen 
Städten eine ganze Menge von Madchenschulen errichtet worden, 
so dass jetzt etwa 120 gehobene Dementarschulen fiOr Madchen 
bestehen, gewöhnlich mit 7— 8 jahrigem Kursus. Seit im Jahre 1870 
die medizinische und 1873 samtliche Fakultäten der schwedischen 
Hochschulen sich den Frauen öffneten, haben eine Anzahl höherer 
Madchenschulen ihrem Lehrgang eine Gymnasialabtrihmg an- 
gegliedert, die zum Abiturientenezamen vorbereitet Auch dne drei- 
jährige Vorschule f&r Kinder haben viele der höheren Töchter- 
schulen. 

Bis in- das Jahr 1859 war der Unterricht auf Lesen, Schreiben, 
Rechnen, Geographie, Geschichte, Religion und moderne Sprachen 
beschrankt In jenem Jahre wurde von zwei Gelehrten, Herrn 
Rektor P. A. Siljeström und Freiherm A. H. Fock, denen 



>) VfL .Hudbacii dir Fn anub w ugiui f* Tifl I, S. 31^ 



sich sechs andre Gelehrte anschlössen, ein unen^ltlicher dreijähriger 
Kursus für 131 junge Damen in Stockholm gegrOndet» durch den 
zum ersten Male den Frauen ein wissenschaftlicher Unterricht 
vermittelt wurde. Die Lehrfächer waren Physik, Mathematik, 
Botanik, Zoologie, Physiologie, Chemie, Hygiene, Litteratur 
und Geschichte. In mehreren dieser Fächer wurden denen, die 
es wQnschten, Examina gestattet Da dieser private Kursus gute 
Erfolge erzielte, wurde durch den schwedischen Reichstag die 
Gründung einer öffentlichen Anstalt für höhere Frauenbildung 
beschlossen, mit dem praktisdien Ziel, Lehrerinnen auszubilden. 
Es wurde also das königliche Högre Lararinne-Seminarium 
in Stockholm, die erste Hochschule für Frauen in Schweden, 
im Oktober z86i eröffnet 

In Verbindung mit diesem Seminarium wurde im Jahre 1864 
als Ubungsschule eine Normalschule für junge Mldchen er- 
richtet, deren Einrichtungen den übrigen schwedischen Madchen- 
schulen als Vorbfld gedient haben. An der Spitze des Seminars 
stehen ein Rektor und eine Vorsteherin. Der Unterricht im 
Seminar ist unentgeltlich fOr die Schülerinnen. Sie müssen beim 
Eintritt wenigstens 18 Jahr alt sein. Der Kursus ist 3- bis 4 jahrig. 
Das höhere Lehrerinnen-Seminarium steht unter der Aufsicht 
eines von der Regierung ernannten Vorstandes von Männern. 

Im Jahre 1875 wurde zum ersten Male eine Anzahl schwedischer 
höherer Madchenschulen vom Staate unterstützt, und zwar mit 
einer Gesamtsumme von 30000 Kr. Dieser Zuschuss wurde 
allmählich erhöbt und belauft sich jetzt auf 347000 Kr. Jede 
Schule erhalt davon höchstens 4500 Kr. jahrlich unter der Bedingung, 
eine gewisse Zahl von Schülerinnen entweder unentgeldich oder 
zu ermassigtem Preise (50 Kr.) au£nmehmen. Im Jahre 1902 gab 
es zp3 solcher Schulen. 

Es giebt aber auch eine Anzahl von nicht vom Staate unter- 
stützten Schulen, die Aktiengesellschaften oder privaten Personen an- 
gehören. Einige von diesen sind nur von Männern, andere nur von 
Frauen geleitet Der Unterricht wird jedes Jahr wahrend 32 bis 
36 Wochen gegeben, mit Ferien von Anfang Juni bis Ende August, 
sowie von 4 Wochen zu Weihnachten und einer Woche zu Ostern. 

Der Unterricht umftisst taglich ftlnf Stunden, von 9 Uhr vor- 
mittags bis 3 Uhr nachmittags mit einer freien Frühstücksstunde 
(zz bis za Uhr vormittags). Von den drei modernen Sprachen 
ist eine wahlfrei. Latein ist nur in den Schulen eingeftlhrt, welche 
höhere Fortbildungsklassen haben. Der Unterricht in den fremden 



_ 321 — 

Sprachen wird besonders viel getrieben, 95 V« des Schulunterrichts 
sind dafbr bestimmt Zoologie, Botanik, etwas Physiologie und 
Hygiene, sowie Arithmetik und Geometrie werden allgemein 
getrieben; ausserdem in den Fortbildungsklassen Algebra, Physik 
und Chemie. 

Gymnastik ist nach dem Lingschen System in allen Schulen 
eingeführt, und zwar im allgemeinen unter der besonderen Aufsicht 
von Ärzten, unter denen sich auch einige Frauen befinden. 
Allgemein wird im Singen, Zeichnen und in Handarbeiten, von 
denen die einfacheren obligatorisch sind, Unterricht gegeben. In 
vielen Schulen wird jetzt auch in dem schwedischen Slöjd 
(träslojd) und in der Holzschnitzerei, sowie in feineren Stickereien, 
im Kleidermachen u« s. w. unterrichtet Kochschulen sind seit etwa 
einem Jahrzehnt von mehreren Madchenschulen, welche dann vom 
Staate 500 Kr. jahrlich erhalten, errichtet Die Höheren Madchen* 
schulen sind staatlich beaufsichtigt und zwar von einem von der 
Regierung ernannten Inspektor; aber man lasst ihnen grosse 
Freiheit Kommunale Au&ichtsbehOrden haben sie nicht 

IV. 

Schulen für gemeinsamen Unterricht von Mädchen 

und Knaben. 

(Samskolor). 

In den schwedischen Volksschulen war schon seit der Mitte 
des vorigen Jahriiunderts der gemeinsame Unterricht der Geschlechter 
Qblich. Im Jahre 1876 wurde in Stockholm, auf Initiative von 
Fraulein A. Hierta, Professor TOrngren und Herrn G. Laurin 
die erste solche Schule für Kinder aus den höheren Standen 
errichtet, die spater nach dem Vorsteher die Palmgren'sche 
Samskola genannt wurde und reichlich vom Staate unterstützt 
worden ist; hier wurde zum ersten Male der schwedische SlOjd 
als Hauptfach obligatorisch eingef&hrt Diese Schule ist in Schweden 
die erste gewesen, die Knaben und Madchen durch gemeinsamen 
Unterricht bis zum Maturitatsezamen fohrte; bei Upsala Enskilda 
Laroverk ist dies jetzt auch der FalL 

Seitdem ist das Prinzip des gemeinsamen Unterrichts f&r 
Knaben und Madchen in vielen andern schwedischen Schulen an- 
ericannt und durchgefohrt worden. In den meisten Samskolor 
sind sowohl Lehrerinnen als Lehrer angestellt Eine Statistik Ober 

Handbach d«r FrAtt«Bb«wef «Bf. HL T«fl. 21 



das Verhältnis der Lehrerinnen zu der Anzahl der Lehrer giebt 
es nicht Vom Staate werden im ganzen 8 Samskolor unter- 
stützt Die allermeisten Madchenschulen nehmen in den unteren 
Klassen auch Knaben auf, ohne deshalb als ,, Samskolor' 
bezeichnet zu werden. 

V. 

Der Unterricht der Frauen in den Universitäten. 

Durch Regierungsverf&gungen von 1870 und 1873 wurde es 
den Frauen ertaubt nicht nur das Maturitätsezamen abzulegen, 
sondern auch in den schwedischen Universitäten, in Upsala und 
Lund, in gleicher Weise wie die mflnnlichen Studenten und zu- 
sammen mit ihnen, ihre Studien fortzusetzen, die philosophischen, 
medizinischen und juristischen Examina abzulegen und Doktoren 
der Philosophie, der Jurisprudenz und der Medizin zu werden. 
Bis X901 hatten im ganzen 676 Madchen die Maturitat erworben. 
Den Arztinnen wurde dann auch die Licentia practicandi erteilt*) 

VL 
Der praktische Unterridit der Frauen. 

A. Haushaltungsschttlen. 

Die Unterweisung erwachsener Madchen in der Hauswirtschaft 
fiel in froherer Zeit ganz dem Hause zu. In der zweiten Hälfte des 
vorigen Jahrhimderts wurden sowohl in den Städten als auf dem 
Lande besondere Schulen fOr den praktischen Unterricht gegrOndet 
Dieser Unterricht um&sste in der R^: Kochen, Einmachen, 
Backen, Waschen, Plätten, Reinmachen, Weben, Nähen und die 
hauslichen Arbeiten. Die älteste dieser Schulen ist Göteborgs 
praktiske Hushillsskola för Flickor, im Jahre z8^ 
gegründet, mit einem 2 jährigen Kursus. Im Jahre 1870 wurden 
Praktiska HushiUskolan in Stockhohn mit einem 3jährigen 
Kursus errichtet iÜinliche Anstalten entstanden in Wisby, Upsala, 
Lund, MalmO u. s. w., alle zur Ausbildung von Dienstboten. 

Etwas später wurden auch fOr Mädchen aus den höheren 
Ständen praktische Haushaltungsschulen gegründet; die ersten 
waren: die Nya Hushillsskolan in Stockholm, von Fräulein 
R Cronius mit etwa 5 monatlichem Kursus im Jahre 1881 ein- 
gerichtet, und die im Jahre 1882 errichtete Hirstorps praktiska 



>) VfL im ObiifVB ÜAndbadi der Tmaa ht m tiung . Bd. L S. 8rs<^ 




— 3^3 — 

arbets- öch hush&Ilsskola bei Motala; später wurde eine 
Reihe von ahnlichen Schulen gegründet, wie die von Bjömsnfls 
(von Frau H. Haglund), von Broby (von Frau E. Gadd), von 
Aakersund, von Hudikawall (von Frau S. Rodenstam), die ^e das 
Ziel haben, die erwachsenen Madchen der wohlhabenden Klassen 
zu praktisch geschickten Hausfirauen auszubilden. 

B. Kochschulen. 

Ausser diesen allgemeinen Haushaltungsschulen f&r hausliche 
Arbeiten aller Art sind seit dem Jahre 1882 besondere Koch- 
schulen, Matlagningsskolor, fOr erwachsene Madchen sowohl 
aus den höheren wie den niedrigen Standen errichtet worden. 

Die erste Schule dieser Art wurde in Stockholm von der 
Stiftung Lars Hiertas Minne gegründet und zwar, da es damals 
noch keine Kochschulen in Verbindung mit der Volksschule gab, 
für die Töchter der Arbeiter (von za — 20 Jahren). Spater wurden 
auch junge Madchen aus den höheren Standen gegen höhere 
Zahlung angenommen, was der Sache grösseres Ansehen gab, da 
das Kochen damals noch recht unpopulär war und grossen 
Widerstand erregte. Seitdem ist eine ganze Reihe solcher Schulen, 
welche Matlagningsskolor (Schulen für die Bereitung der 
Speisen) genannt wurden, errichtet worden. Der Kursus ist ge- 
wöhnlich 3 monatlich, die bereiteten Speisen werden i la carte 
für Gaste verwertet, wodurch diese Anstalten sich selbst eriialten. 

Eine Kochschule für Lehrerinnen wurde im Jahre 1893 ^ 
Königlichen Höheren Lehrerinnen-Seminar (sowie fOr die ältesten 
Schülerinnen der Normalschule) in Stockholm mit einem jahrlichen 
vom Staat bestrittenen Budget von 5000 Kr. gegründet Ausser- 
dem werden mit Staatsunterstützung seit mehreren Jahren in 
3 andern Lehranstalten (in Upsala Enskilda Laroverks fackskola 
för huslig Ekonomi, in Göteborgs Kochschule (skolkök) und in 
Atheneum för Flickor in Stockhohn) Lehrerinnen fOr Hauswirtschaft 
ausgebildet, und 8 höhere Madchenschulen erhalten für ihren 
Kochunterricht Unterstützung vom Staate. 

In den Volksschulen vor allem der grösseren Städte sind seit 
mehreren Jahren Kochschulen (skolkök) errichtet; solche finden 
sich in mustergiltiger Ausstattung z. B. in allen Volksschulen 
Stockhohns, femer in Gothenburg, Mahnö, Norrköping, Gefle, 
Sundswall, Upsala, Landskrona, Hudikswall, Lund, Orebro und 
.andern Provinzstadten. Entweder werden die Speisen an arme 
Kinder unentgeltlich ausg^eben, oder die Schülerixmen verzehren 

ax* 



i 



— 3^4 — 

sie gegen ein kleines En^lt von 5 öre (etwa 5Vt P£) selbst Im 
Jahre 1902 giebt es 60 Kochschulen in den Volksschulen, 3 von 
ihnen in den höheren Volksschulen und 6 in den Volkshochschulen. 

C Technische Schulen. 

Der technische Unterricht in Schweden ist auf eine Anzahl 
teilweise von dem Staate unterstQtzte, höhere und niedere 
Schulen verschiedener Art verteilt Die technische Schule 
(Tekniska Skolan), in Stockhohn im Jahre 1844 gegrOndet, steht 
seit dem Jahre 1858 auch den Frauen offen, und seit dem Jahre 
Z879 ^d zwei ihrer Hauptabteilungen (Tekniska Skolan för 
kvinliga Iftrjungar und den högre konstindustriella 
skolan) einer bedeutenden Anzahl weiblicher Schüler zugänglich. 
Auch die Mehrzahl der niederen technischen Gewerbeschulen, 
von denen 3z in den verschiedenen Teilen des Landes vorhanden 
sind, nehmen Madchen auf. 

Ausserdem giebt es mehrere Schulen fOr den Unterricht im 
Weben imd in der Kunststickerei, von denen hier u. a. die von 
der Gesellschaft Handarbetets Vanner(die Freunde der Hand- 
arbeit) im Jahre z88a in Stockholm, die von Fräulein von Engeström, 
von Frau Thora Kulle, von Frau Brunskog gegründeten Webe- 
schulen erwähnt werden mögen. 

Auch in dem Slöjdslehrerseminar bei Nääs, das im Jahre 
1872 von den Herren Abrahamson und Otto Salomon errichtet 
wmxle, werden Frauen als Schülerinnen aufgenommen und zu 
Lehrerinnen ausgebildet In den schwedischen Volksschulen 
ist weiblicher Slöjd (Nähen, Flicken, Stricken, Kleider zuschneiden 
und machen u. s. w.) nach Fräulein Hulda Lundins Methode, 
nicht obligatorisch, aber doch weit verbreitet Zahlreiche 
Lehrerinnen werden zweimal jährlich in einem dreimonatlichen 
Kursus von Fräulein L und in ausgebildet 



Das Unterrichtsbudget vom Jahre igooJ) 



£s werden Beitrage gezahlt für: 



Fo&di B)Ul 
ZaUuBE der 

Schüler 
iLdcL 

Kr. 



Du Vollcsachulwesen nebst den Semi 
nahen. VoUtshacbschulen und Abnorm- 

Unterricht 

Heberen Unterricht der Knaben 
Höheren Uatemchl der Mädchen . 
UntversitAt und private Hochschulen 
Technischen Unterricht 



Volksscbulwesen; 



Gehalter 

Pensionen 

Lokale (Gebäude und Inventarien) . . 

Unterrichtsmaterial 

Obrige Kosten 

Vdksschulen. Seminarien u. b. w. . . . 

Volkshochschulen 

Unterricht an Abnorme (Taube. 

Idioten etc.) 

Allgemeine Schulen u. Pädagogien 
Höhere private Knabenschulen .... 
Höhere private Mädchenschulen . . . 
Höheres Lehrerinnen-Seminaiium . . 
Technische Schulen 



Summe . 



7405543 
4043368 

356390 
1303851 

573550 



18 176965 410000 
400000 315000 
178362 1 173475 
733313 

375000' — 



35994507 
4757388 
1608037 

3 035 163 
948550 



13 481 531 



56387! 
5657: 



19330337 3631787 



7485389 

374994 

5837409 



3805868 

64947 



360000 
400000 



178363 
375000 



13481531119300337 



K333535 



13 134 HI 
840767 

5837409 
338358 

4315868 
546743 
170017 



4 649 788 
107500 

1553377 
54 7SO 
946550 



35 333 533 •) 



-^©^ 



Die Mädchenerziehun^ in Finnland. 

Von Alexindm Oripenberg. 



Odtdem Uno Cygnaeus, genannt ,der Vater der Volksschule*, 
durch ErOfihung des ersten Volksschullehrerseminan im Jahre 1863 
das Volksschulwesen unseres Landes schuft hat sich die Zahl 
der Volksschulen stetig vermehrt Schulzwang existiert nicht» aber 
der Staat und die Gemeinden tragen zum Unterhalt der Volks- 
schulen bei« so dass der Unterricht daselbst beinahe kostenfrei 
erteflt wird. Der Lehrplan ist, abgesehen von dem Handarbeits- 
unterricht bei den Madchen, flQr beide Geschlechter derselbe, imd 
auf dem Lande und in den unteren Klassen der stadtischen Volks- 
schulen werden häufig Knaben und Madchen zusammen unter- 
richtet Der Unterricht umfiasst Religion, Lesen und Schreiben 
der Muttersprache, Geographie, Geschichte, Rechnen, Natur- 
geschichte, Zeichnen, Gesang, Tiumen, einfachen Handfertigkeits- 
unterricht für Knaben und Handarbeit f&r Mädchen. Die Schaler 
sind im Alter von 8 — 14 Jahren. 

In den Seminarien erhalten die Volksschullehrer und 
Lehrerinnen die gleiche Ausbildung, und die Lehrerinnen können 
jede Stelle an der Volksschule bekleiden, ausgenommen die Lehr- 
stellen an den höheren Knabenvolksschulen in den Städten. Das 
Gehalt der Lehrerinnen beträgt ungefähr V» weniger als das 
der Lehrer. 

Die Au£ucht aber die Volksschulen wird von Männern ge- 
handhabt 

Die Staatsxmterstatzung far die Volksschulen auf dem Lande 

betrug im Jahre 1898 z 490 725 Mark, die far die Volksschulen in 
den Städten 446 849 Mark. Die städtischen Volksschulen wurden 
von Z2 725 Knaben und 13 906 Mädchen besucht; die Anzahl der 
Volksschulen auf dem Lande betrug 1650 mit 40 222 Knaben und 
32796 Mädchen. In den Städten arbeiteten 2x7 Lehrer und 
578 Lehrerinnen, auf dem Lande 962 Lehrer und 926 Lehrerinnen, 
ausserdem noch 82z Hilfslehrer und -lehrerinnen. 



— 3^ — 

In vielen Sttdten sind den Volksschulen Fortbildungskurse 
angegliedert; diese bieten Unterricht in den Volksschulfilchem 
sowie stellenweise ausserdem fbr Mädchen in praktischen Be- 
schäftigungen und Handarbeiten. Auch auf dem Lande kommen 
solche Klassen vor; sie verdanken ihre Organisation der Initiative 
eines Lehrers oder einer Lehrerin, erfreuen sich aber immer einer 
StaatsunterstQtzung. Der Lehrplan ist for Knaben und Mädchen 
gleich« ebenso der in den privaten Volkshochschulen, wo die Zahl 
der Schülerinnen oft die der Schaler übersteigt Diese Volkshoch- 
schulen sind nach demselben Prinzip eingerichtet wie die von 
Grundtvig in Dänemark gegründeten, und wollen den erwachsenen 
Mitgliedem der Landbevölkerung Gd^enheit bieten, sich über 
das Schulpensum hinaus Kenntnisse zu erwerben. Im Jahre 1898 
eriiielten z8 Volkshochschulen und nHausmutterschulen* Staats- 
zuschüsse. 18 mit Volksschulen verbundene Fortbildungsklassen 
genossen an Staatsunterstützungen Z0660 M. 

Seit ungefiüu- iz Jahren giebt es systematische Haushaltungs- 
und Kochschulen f&r Madchen sowohl auf dem Lande wie in den 
Städten. Zu den meisten haben einzelne Personen oder Vereine die 
Anregung gegeben, und der Staat oder die Gemeinde sind dann mit 
Zuschüssen dehi Unternehmen zu Hilfe gekommen. Mehrere dieser 
Schulen sind mit Volkshochschulen, Webe- oder Handarbeitsschulen 
vereinigt, oder sie sind für sich bestehende Hausmutterschulen. 
Die Staatsunterstützung fOr eine solche Anstalt betragt gewöhnlich 
zooo— 1500 M. Die Webe- und Handarbeitsschulen gemessen im 
Jahre zpoa einen Staatszuschuss von im ganzen 50 700 M., abgesehen 
von verschiedenen Unterstützungen fOr ambulatorische Wd>e- 
schulen. Einige dieser Schulen sind mit Klassen fbr die Aus- 
bildung von Lehrerinnen filr Handarbeits- und Webeschulen ver- 
einigt 

Gegenwärtig können sich die Madchen sowohl in den 
Töchterschulen wie in den gemeinsamen höheren Schulen 
fOr Knaben und Madchen eine höhere Bildung aneignen. Erstere 
sind entweder Privatschulen mit Staatsunterstützung oder solche, 
die ganz und gar vom Staat unterhalten werden. Sie haben 
7 Klassen oder auch 5 Schulklassen und a vorbereitende Klassen 
und werden von Mädchen zwischea s^ — ^^ oder zo— Z7 Jahren 
besucht Der Unterricht in den Staa^schulen umfiust Religion, 
die Muttersprache, die zweite einheimische Sprache, Deutsch, 



I) Ib FtaBlaad ipricht naa ftniacli oad tdnraditch. 



_ 328 — 

Französisch, Geographie, Geschichte, vaterlandische Verwaitungs- 
lehre, Mathematik, Naturkunde und Gesundheitslehre, Schön- 
schreiben, Gesang, Haudarbeit, Zeichnen und Gymnastik. Die 
Töchterschulen werden von einer Vorsteherin geleitet, die auch 
am Unterricht beteiligt ist Die übrigen Fächer verteilen sich auf 
drei Lehrer, deren Ämter aber auch durch Frauen bekleidet 
werden können, drei fest angestellte Lehrerinnen sowie Hil&- 
lehrerinnen nach Bedarf filr die technischen Fächer etc. Die Beitrage 
des Staates fOr die Z2 staatlichen Töchterschulen beliefen sich im 
Jahre 1898— 1899 auf 50058z M« Diese Schulen wurden von 
Z981 Schülerinnen besucht Ausserdem gab es z6 private Töchter- 
schulen, die Z36 650 M. StaatsunterstQtzung ertiielten. Die Schüler- 
zahl betrug 314z, die der Lehrer 82 und die der Lehrerinnen 3Z4. 
Das Schulgeld in den staatlichen Töchterschulen und höheren 
Elementarschulen, auch in denen, die zur Universität vorbereiten, 
ist jetzt auf 20 IL per Semester festgesetzt Bis Z902 bezahlten 
die Madchen doppelt soviel wie die Knaben. 

Einige Töchterschulen haben jetzt die Erlaubnis erhalten, 
durch Fortbildungs- oder Erganzungsklassen die Schülerinnen zur 
Universität vorzubereiten, andre bilden Lehrerinnen aus, wieder 
andre bieten Gelegenheit zur Erlangung einer erweiterten und 
vertieften Allgemeinbildung. Im Jahre Z899 hatten 7 Töchter- 
schulen solche Erganzungsklassen, aber nur wenige von ihnen 
genossen eine Staatsunterstützung. Sie betrug im ganzen z8 000 M. 

Anüang der achtziger Jahre des Z9. Jahrhunderts kam die 
Frage der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter in Finnland 
zuerst zur Sprache. Sie fiand anfangs viele Grüner, auch unter 
den Freunden höherer Frauenbildung. Z883 wurde das erste 
schwedische Lyceum für Knaben imd Madchen gemeinsam eröffnet 
Ein finnisches folgte bald nach. Dass der Gedanke der Coeducation 
dann rasch Boden gewann, hat seinen Grund vielleicht nicht so 
sehr in der Oberzeugung von ihrem pädagogischen Wert als in 
ökonomischen Erwägungen. In unserm armen Lande ist es fbr 
die Städte unmög^ch, vier Vorbereitungsanstalten für die Universität 
(schwedische und finnische Knaben- imd Madchenschulen) zu unter- 
halten. Auch der Staat begann aus- diesem Grunde seine Schulen 
nach dem Prinzip der Coeducation xmizugestalten. Es giebt somit 
zwei Arten gemeinsamer Schulen, Knabenschulen, wdche nach 
imd nach in höhere Schulen fOr Knaben und Madchen verwandelt 
worden sind, imd solche, die von Anfang an diesem Typus an- 
gehörten. Die letzteren sind die beliebtesten. Sie werden alle 




von Privatpersonen, Aktiengesellschaften oder Gemeinden unter- 
halten und gemessen Staatszuschüsse. 34 solcher höheren Schulen 
fOr Knaben und Mädchen, von denen die meisten zur Universität 
vorbereiten, zählten im Jahre 1899 208a Mädchen (21x4 Knaben) und 
aos Lehrerinnen (192 Lehrer); die StaatsunterstOtzung belief sich 
auf 405 800 IL Der Unterricht in den zur Universität vorbereitenden, 
gemeinsamen Schulen fQr Knaben und Mädchen ist fOr beide 
Geschlechter gleich; die einzigie Ausnahme, die gemacht wird, 
betrifft den Tiumunterricht, der in den höheren Klassen jedem 
Geschlecht besonders erteilt wird. Ober die Resultate der 
gemeinsamen Erziehung sind die Ansichten vorzugsweise gOnstig. 
Verschiedene Direktoren gemeinsamer Schulen, auch zwei Rektoren 
der Universität haben sich fQr das System öffentlich geäussert 
Andrerseits wird auch darauf hingewiesen, daas eine zwanzigjährige 
Erfahrung noch nicht ausreiche, um endgiltige Urteile zu fällen. 

Alle Schulen, die zur Universität vorbereiten, sowohl Töchter- 
schulen wie gemeinsame Schulen fQr Knaben und Mädchen, müssen 
von Personen mit akademischer Bildung geleitet werden. Diese 
Posten sind bisher von Männern besetzt gewesen; ausserdem sind 
eine Vorsteherin und Lehrerinnen angestellt, auch an der höchsten 
Klasse, aus der die Schüler zum Abiturientenezamen entlassen 
werden. Ebenso unterrichten Lehrerinnen an den Knabenlyceen 
in Sprachen und Zeichnen. Ihr Gehalt beträgt ungeCflLhr Vs weniger 
als das der Lehrer, zuweilen auch noch weniger, zuweilen mehr. Sie 
können auch als verheiratete Frauen in das Lehramt eintreten. 
Sowohl an den gemeinsamen als an den höheren Mädchenschulen 
arbeiten mehrere verheiratete Lehrerinnen. Die höheren Schulen 
werden von einem Schulinspektor der Oberschulbehörde inspiziert; 
diese Ämter können nur von Männern verwaltet werden. 

Die Volksschullehrerinnen werden in Volksschullehrer- 
seminaren ausgebildet, und zwar ist der Unterricht derselbe wie 
der fQr die Lehrer. Die Lehrerinnen fOr Töchterschulen erhalten 
ihre Ausbildung in den 3 klassigen FortbOdungsanstalten, die mit 
den 2 Staats-Töchterschulen in Helsingfors verbunden sind. Im 
übrigen absolvieren die weiblichen Studenten, die sich dem Lehr- 
beruf widmen wollen, dieselben Kurse an der Universität wie die 
männlichen Studenten, legen dieselben Examina in Pädagogik und 
den andern Fächern ab wie diese und geben Probestunden in der 
Normalschule, der Töchterschule, Fortbildungsklasse oder in dem 
Seminar, je nach dem Unterrichtsgebiet, dem sie sich 
wollen. 



— 330 — 

Besoodere Hochschulen flQr Frauen gid>t es nicht Die Frauen 
haben aber Zutritt zur Universität; bis zum Jahre Z901 musste 
jedes Mädchen besonders sich die Erlaubnis auswirken, die 
Maturitätsprüfung ablegen zu dOrfen, seitdem aber ist den Frauen 
der Zutritt unter denselben Bedingungen wie den Männern gewährt 
Als Hörer sind sie stets zu den Universitstsvorlesungen zugelassen 
worden; aber erst 1870 erhielt die erste Frau auf ein besonderes 
Gesuch hin die Zulassung zur Reifeprüfung. In demselben Jahre 
beantragte das Universitätskonsistorium einstimmig, der Frau unter 
den gleichen Bedingungen und mit denselben Rechten wie dem Mann 
die Hochschule zu öffnen, jedoch mit der Bestimmung, ihre Studien 
unter der AuÜBicht des Rektors zu betreiben, ohne den Zwang, 
einer Studentenabteilung anzugehören. Dieser Vorschlag des 
Konsistoriums gewann jedoch nicht die Zustimmung des Kaisers. 
Nur soviel wurde erreicht, dass Frauen, die sich dem ärztlichen 
Berufe widmen wollten, seit 1871 berechtigt waren, sich zu diesem 
Zwecke den Unterricht an der medizinischen Fakultät zu Nutze zu 
machen. Auf besonderes Gesuch hin konnten die Mädchen jedoch 
auch femer die Erlaubnis erhalten, das Maturitätsezamen abzulegen, 
und die Zahl dieser Bittstellerinnen nahm in dem Masse zu, als 
immer mehr zur Universität vorbereitende gemeinsame Schulen 
für Knaben imd Mädchen entstanden. Im Jahre 1890 waren im 
ganzen 19 weibliche Studenten eingeschrieben, 1895 war ihre 2^ahl 
auf 158 gestiegen und 1901 auf 57a. Alles in allem haben also 
bis dahin 749 Frauen das Maturitätsezamen abgelegt Die Be- 
stimmung betrefis des besonderen Gesuches um Erlaubnis wurde 
im Sommer 1901 aufgehoben, und die Frauen können nunmehr 
unter den gleichen Bedingungen wie die Männer der Akademie 
angehören. Von den weiblichen Studenten haben sich 2 bei der 
theologischen Fakultät einschreiben lassen; zur juridischen Fakultät 
haben sich 7 Prozent angemeldet, zur historisch-philologischen 
SdLtion 65 und zur physikalisch-mathematischen Sektion 28 Prozent 
sämtlicher eingeschriebenerweiblicher Studierender. Von den letztge- 
nannten sind später 20 Prozentin diemedizinischeFakultät eingetreten. 

Im letztvergangenen Herbst schlug das Konsistorium eine Frau 
fOr eine Dozentur vor; der Vorschlag wurde jedoch vom Kaiser 
nicht bestätigt 

>) Di* CMchidrt» dar FnuMobcwcfOBf in FianlaDd (Haadklacb der Fraaenbewcfniif 
Xiu I) ^^*fl'**if Aber disBMi Foftschiiu socn nldtt beTi^tc&. 



Der Stand 
der Frauenbildun^ in F^u^^land. 

Von M. Betsmartoy. 



Von einer Volksbfldung im europäischen oder im amerikanischen 
Sinne kann vorderhand in Russland in keiner Weise die Rede 
sein. Ein Abgrund von Unwissenheit Utgt zwischen der Frau 
des Volkes und der gebildeten Russin. Diesen Abgrund zu über- 
brocken, hat die russische Frauenbewegung mit zu ihren Aufgaben 
gemacht Diurchgreifende Erfolge stehen jedoch kaum zu erwarten, 
solange kein auf Schulzwang beruhendes staatliches Volksschul- 
wesen voriianden ist Bis dahin aber bleiben die Sonntags- 
schulen, die Arbeiterinnenklubs, die Frauen-Untexiialtungsabende 
u. dgL m., so vorzügliche Institute sie sonst sind, nur Palliativ- 
mittel, sofern sie besonders den Zweck verfolgen, die weibliche 
Dementarbildung zu heben. Ein kleiner Bruchteil geniesst die 
Vorteile der Aufklflrung, während die Masse im Dtmkel verharrt 
Vergleicht man die Elementarschulen Russlands mit denen West- 
europas, so ergiebt sich, dass erstere sowohl hinsichtlich der für 
sie aufgewandten Mittel, als ihrer Zahl nach völlig hinter den 
andern zurückstehen. 

Der statistische Nachweis, dass Russland 70 bis 80 Vt des 
Lesens und Schreibens Unkundige zahlt, charakterisiert die Volks- 
bildung im allgemeinen und die volkstümliche Frauenbildung im 
besondem. 

Die Elementarschulen sind zum grössten Teil staatlich; sie 
umfassen dann einen fünfjährigen Lehrgang, zu dem neben den 
Dementarfllchem: Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, noch etwas 



Geschichte und Geographie gehört Die Schulen der städtischen 
und Dorfgemeinden sind nur dreijährig und gewähren keinen 
geschichtlichen und geographischen Unterricht Bei den Mädchen 
kommt zu den genannten Fächern noch Handarbeit hinzu. Im 
übrigen ist der Lehrplan f&r Mädchen- und Knabenschulen derselbe. 
Gemeinsamer Unterricht der Geschlechter ist nur als Notbehelf 
gestattet Er findet in staatlichen und städtischen Schulen nicht 
statt, in privaten nur bis zum za. Jahre. Darüber hinaus ist 
Trennung äer Geschlechter gesetzlich gefordert 

Die Zahl der Elementarschulen beträgt nach dem statistischen 
Bericht der Kaiserlichen Freiwilligen ökonomischen Gesellschaft 
gegenwärtig 44 ^36, in denen 2 0x9 174 Knaben und 653 894 Mädchen 
unterrichtet werden. Weitaus die meisten dieser Schulen werden 
auf Kosten des Staates unterhalten, annähernd 60 %> ^ übrigen 
zum grosseren Teil (30 %) von Kommunen, zum kleineren (zo Vt) 
von kirchlichen Korporationen, Vereinen, ausländischen Behörden 
und Privatpersonen. 

An diesen Schulen unterrichten 38734 Lehrer und 
22 386 Lehrerinnen. Das Gehalt der Lehrerinnen ist mn V« bis Vs 
geringer als das der Lehref. Nur in einzelnen grossstädtischen 
Schulen hat es die gleiche Höhe. 

Die Schulaufsicht war bis zur Zeit Alexanders m. eine aus> 
schliesslich weltliche. Im allgemeinen herrscht auch jetzt noch 
der weltliche Einfluss der staatlichen, dem Ministerimn der Volks- 
aufklärung unterstehenden Direktoren und Inspektoren vor, aber 
unter dem vorietzten R^ime hat die Geistlichkeit einen grossen 
Anteil an der Schulau&icht gewonnen. 

Steht nun auch das r];issische Schulwesen noch sehr tiei^ so 
stimmen die Urteile massgebender Lehrer und Lehrerinnen doch 
darin überein, dass die geistige Veranlagung unter den Frauen 
der niederen Stände eine höchst befriedigende ist Das ist auch 
deutlich zu Tage getreten in dem vor einigen Jahren im Orelschen 
Bezirk gqjQndeten weiblichen Bauemgymnasium, in dem sämtliche 
Schülerinnen auch die fakultativen humanistischen Oberklassen 
besuchen wollen. Auf Grund dieser Thatsache vermachte der 
jQngst verstorbene Moskauer Millionär Solodownikow zwölf 
Millionen Rubel zur Errichtung weiblicher Bauemgymnasien im 
Moskauschen Gouvernement 




— 333 — 

n. 

Sekundänmterricht 

FOr die Frauen der höheren SUnde bieten die Gymnasien 
und Institute Gelegenheit zu einer umfassenderen Bildung. Als 
erstes und ältestes Institut ist das von Katharina IL 1764 gegrOndete 
Smolny-Monastyr zu nennen, das in die durchaus willkOrliche 
und uneinheitliche MadchenbQdung jener Zeit ein bestimmtes 
System bringen sollte. Seiner ursprOngUchen Bestimmung ent- 
sprechend, ist es auch heute noch eine Erziehungsanstalt fOr die 
Tochter des hohen Adels. Neben diesem existieren noch viele 
andre Institute, die sich teils auf gleicher, teils auf ähnlicher Basis 
aufbauten und den Zweck verfolgen, die jungen Mädchen fOr das 
vornehme Gesellschaftsleben zu erziehen. Erst das 1858 durch- 
geführte System der weiblichen Mariengymnasien durch den 
Schuhat Wischn^radsky eröffnete den Frauen des Mittelstandes 
höhere BildungsmöglicÜceiten in einer allgemeinen staatlichen 
Schule, die ihrem Typus nach der deutschen hohem Madchenschule 
gleichkommt Diesem Typus entsprechen im wesentlichen die 
spater gq;rQndeten, dem Mimsterimn fOr Volksaufklarung unter- 
gehenden MiSLdchengymnasien und die an Zahl sehr geringen 
nicht-staatlichen, kommunalen oder privaten höheren Madchen- 
schulen. Privatgymnasien bestehen nur in einzelnen Grossstadten: 
Petersburg, Moskau, Odessa, Kiew; konmiunale Gymnasien und 
Progymnasien hier und da in den Provinzen. Der Unterschied 
zwischen ' den (»Kaiserin - Maria - Gymnasien' und denen des 
Ministeriums fOr Volksaufklarung besteht nur darin, dass die 
letzt e re n mehr Mathematik betreiben und eine Selekta mit einem 
einjährigen pädagogischen Kursus zur Ausbildung von Lehrerinnen 



»iw^.ii^^^i 



Die Lehrfilcher in den Madchengymnasien sind: Religion, 
russische Sprache und Litteratur, Rechnen, Geschichte, Geognq>hie, 
Schönschreiben, Geometrie, Naturicunde, Handarbeit, Französisch« 
Deutsch (obligatorisch ist eine Fremdsprache), Zeichnen, Gesang 
und (fakultativ) Tanz. Diese Fächer verteilen sich auf sieben 
Jahrgange. FOr den Eintritt in die Unterklasse werden als Vor- 
kenntnisse verlangt: Lesen, Schreiben, Rechnen (bis xoo), etwas 
Religion, etwas Grammatik und die Fähigkeit, eine Fremdsprache 
richtig lesen und nach Diktat schreiben zu können.«) Zur 

*) JXtA Prospekt dw TacisxvwA^SyflnMiBBs i& PdcnbBrg. 



— 334 — 

Erwerbung dieser Vorbfldong dienen eventuell Vorbereitungs- 
klassen. 

Von den Knabengymnasien unterscheiden sich die höheren 
Madchenschulen dadurch, dass sie keine alten Sprachen lehren 
und sehr viel weniger Mathematik^ abgesehen davon, dass der 
Knabenunterricht im allgemeinen wissenschaftlich mehr vertieft 
ist, wahrend die Pflege der modernen Sprachen in der Madchen- 
schule sorgfaltiger ist Gemeinsamer Unterricht der Geschlechter 
findet nirgends statt 

Die Leitung der Madchengymnasien Htgt in der Hand eines 
Direktors; der Unterricht in Mathematik und Religion wird von 
Lehrern erteilt, in allen Qbrigen Fächern unterrichten meist 
Lehrerinnen. Das Gdialt der Lehrer betragt etwa 90—30 Vt mehr 
als das der Lehrerinnen. 

Die Lehrerinnen der höheren Schulen finden ihre Vorbildung 
in den ,,Höheren Frauenkursen' in Petersburg und (seit 1900) 
Moskau. Der Lehrgang dieser Kurse ist vierjährig, und die Auf- 
nahme erfolgt auf Grund des Abgangszeugnisses eines Gymnasiums 
und einer AufiiahmeprQfung. Die ,,höheren Frauenkurse' zahlten 
im Jahre 1899 im ganzen 930 Schülerinnen, von denen 589 die 
historisch-philologische, 34z die naturwissenschaftlich-mathematische 
Abteilung besuchten. 

Die Entwicklung des höheren Madchenunterrichts infolge der 
Bauememanzipation und der Einführung von Madchengymnasien 
wird durch die folgenden Zahlen illustriert*) 



Staatliche Sekundärschulen (Gymnasien). 

Schüler Schülerinnen 

X809 5569 — 

18^ 7682 ~ 

X836 X547Ö — 

Z848 Z89ZZ — 

1^54 X7809 — 

Z864 sSaoa 4335 

1875 5x097 27470 

x8?5 91x09 35ap5 

X894 87411 45544- 



I) NicoUm Mclaikow, JDm ffutÜThaftttrhr Steliimf der ranbdMn Fno' 



— 335 — 

StAdtitche und bezirktstftdtitcbe Schalen 
und Untergymnatien. 

Schaler Schalerinnen 

X864 ^^ 4630 

1875 aifla? ? 

2894 69814a <776x* 

m. 

Fachunterricht. 

Weibliche Fachschulen zur Vorbildung für kflnstlerische» 
gewerbliche und praktische Berufe finden sich vorzugsweise in 
den grossen Städten. KOnstlerisch veranlagte liAdchen finden in 
der Petersburger Akademie der Künste, in der Zeichenschule, in 
der technischen Zeichenschule von Baron Stiq^litz, in der Kunst- 
gewerblichen Schule, in der Theaterschule eine angemessene Aus- 
bildung. Das Konservatorium ftlr Musik in Petersburg hat Anton 
Rubinstein bekanntlich zu einem der bedeutendsten der Welt aus- 
gestaltet 

Die Ausbildung zu praktischen Berufen bieten femer folgende 
Institute: Das Hebammeninstitut (auch unverheirateten Frauen zu- 
gänglich) unter Professor Ott, dessen Flamen zur Praxis im ganzen 
Reiche berechtigt Die ajährigen Kurse fOr Apothekerinnen, die, 
ajährige praktische Arbeit in einer Apotheke vorausgesetzt, den 
Titel Provisor verleihen. Die Kurse für die Schwestern des Roten 
Kreuzes, die Dentistenkurse mit 5 Semestern, die eine abgeschlossene 
theoretische und praktische Fachbildung und die Mög^chkeit bieten, 
ein Examen an der medizinischen Abteilung der Kriegsakademie 
abzulegen, das zu dem Titel ,,Zahnarzt* berechtigt 

Die Fröbelkurse umfassen 2 Jahre und bilden Kinder- 
gärtnerinnen und Vorsteherinnen von Kindergärten aus. Die 
Kurse fflr Gymnastik und Btassage werden sehr staric besucht, 
weil die einschlägige Praxis eine recht lukrative ist Die ajährigen 
Hygienischen Kurse sind von der Prinzessin von Oldenburg ins 
Leben gerufen, als im Jahre 1898 eine Bewegung zur Hebung der 
Frauengesundheit einsetzte. 

In die Feldscheeritzen-Kurse mit Internat werden Frauen mit 
Gymnasialbfldung aufgenommen, die sich der ärztlichen Hilfs- 
thätigkeit in den Frauen-Lazarett-Kbmitees widmen wollen. One 
AbgangsprQfung berechtigt erst zur Praxis. 



— 33^ — 

grosses Feld der Thatigkeit eröffnete sich der Frauenwelt, 
seitdem das Ackerbauministerinm es für zweckentsprechend er- 
achtete, die Frauen zur Landwirtschaft heranzuziehen. Baronesse 
Budberg, Mme. Grinewau. a. erbrachten mit ihren mustergiltigen 
weiblichen Farmen den Beweis, wie tOchtig die Frauen sich in 
der rationellen Landwirtschaft bewähren. Im Jahre zpoo wurden 
die agronomischen Frauenkurae mit 50 Zuhörerinnen in Moskau 
vom Staate eröffnet Es waren 130 Gesuche um Aufiiahme ein* 
gegangen, man wollte jedoch bei dem ersten Versuch die Zahl 
von 50 Schülerinnen nicht überschreiten. 

Eine Obst- und Gartenbauschule fOr Frauen vom 13. Lebens- 
jahre an in Zarskoje-Selo bei St Petersburg bietet eine grOndliche 
Vorbereitung fOr die gärtnerische Bethätigung.>) 

Das geistige Niveau, wie auch die ganze soziale Stellung der 
im Kaufmannsfache angestellten Frauen wurde wesentlich gehoben 
durch die Gründung der Kaiserlichen Weiblichen Handelsschule 
im Jahre 1898, die mit einem x— ajährigen Kursus gleichwertig 
neben den männlichen Handelsschulen dasteht Private Handels- 
kurse sind natürlich mehrfach vorhanden. Für die Stellenver- 
mittelung der weiblichen Handelsschülerinnen sorgt der ,|Verein 
Petersburger weiblicher Handelsbeflissenen'. 

Eines r^fen Besuches erfireuen sich die Tel^raphen- und 
Photographenschulen fOr Frauen. Die (^Kaiserliche Weiblich- 
Patriotische Gesellschaft' hat eine Reihe von Unterrichtsanstalten 
ins Leben gerufen, an die sich berufliche Ausbildungsanstalten 
der verschiedensten Art anschliessen; Näh-, Schneider-, 
Koch-, Wirtschaftsschulen, gewerbliche Handfertigkeitsschulen 
u. dgl. m. 

Etwas mehr Licht und Sonnenschein wurde in das Leben der 
Frauen auf dem Lande gebracht durch eine Bewegung, die das 
Ziel verfolgt, die alten Hausarbeiten der russischen SpitzenklOppelei 
und russischen Stickereien wieder zu Ehren zu bringen. Spitzen- 
und Stickschulen, die sich stets mit Elementarklassen verbinden, 
werden seit einigen Jahren in den südlichen und kleinrussischen 
Gouvernements erOf&iet und fördern das geistige und ökonomische 
Gedeihen der weiblichen Bauembevölkerung. Nachdem der 



I) Am 7.(aa) Mai 1900 wurden «odi in Sl Pet c iibun tob AdccrtenmiBiiceiiion die 
«WeSbUcben LeadwirtMliaftikime' im Antcfalnu n den KeiecrlkfaeB BotnnisdicB Genen 
crOffiieL Die groeae Zahl der B e we r b eri nnen an* allen Teilen dea Reidiea bewiea daa 
dringende Bedftrftrii nach afronomiacfaer Umerweiaanf . Zimidiat fanden 48 SchQlerinnea 



— 337 — 

russischen Spitzenklöppeiei auf der letzten Pariser Ausstdlung 
grosse Anerkennung zu teil wurde, soll ihr eine erhöhte 
Aufinerksamkeit zugewandt werden, damit sie sich zu einem 
erspriesslichen Industriezweige ausgestalte. 

IV. 

Stadium und UniversitäL 

Ober die Geschichte des akademischen Frauenunterrichts in 
Russland ist in Bd. I des Handbuchs der Frauenbewegung be- 
richtet Ausser dem Lehrerinnenberu£ der schon besprochen ist, 
war es vor allem der medizinische, den die Frauen sich erkämpfen 
wollten, und der den Zugang zu höherer wissenschaftlicher Bildung 
voraussetzte. An die Erschliessung der. Universitäten war nun 
freilich in Russland nicht zu denken. Man suchte vielmehr dem 
vorhandenen BedOrfiiis durch eine eigene, nur fOr Frauen be- 
stimmte Anstalt zu entsprechen. Z879 wurden im Anschluss an 
die medizinisch-chirurgische Akademie in Petersburg Frauenkurse 
eröffnet, die wahrend zo Jahren etwa 700 Frauen zum medizinischen 
Examen entliessen. Dann aber z886 wurden sie infolge des Wider- 
standes der massgebenden Behörde aufgelöst Erst nach langen 
Vorbereitungen gelang es Z897, ein selbständiges medizinisches 
Institut fOr Frauen in Petersburg zu errichten, das dem Kultus- 
ministerium unterstellt wurde. Es umfasst 5 Jahrgänge, zählt 
ca. 500 Studentinnen und ist mit einem von der „Gesellschaft zur 
Förderung des Frauenstudiums* begründeten Internat verbunden. 
Das Entlassungsezamen berechtigt zur Ausübung der ärztlichen 
Praxis. Der Titel des medizinischen Doktors ist Frauen noch 
nicht erreichbar. Zur Aufnahme in das medizinische Institut wird 
ausser dem Entlassungszeugnis des Mädchengymnasiums ein Zeugnis 
darüber verlangt, dass die Aspirantin das Lateinpensum von acht 
Klassen der Knabengymnasien beherrscht Die Prüfung, die dies 
festzustellen hat, wird an einem Knabengymnasium abgelq^ 

Zur Vorbereitung auf das akademische Studium besteht bis 
jetzt in Russland nur eine einzige Anstalt für Mädchen: das pri- 
vate, aber staatlich unterstotzte klassische Mädchengymnasium in 
Moskau. Es zählte im Jahre zpoo za4 Schülerinnen. Das Ab- 
gangszeugnis dieses Gymnasiums dispensiert von dem Latein- 
Examen und berechtigt ohne weiteres zum Eintritt in das „Medi- 
zinische Institut*. Es giebt ausserdem die Berechtigung zum 

HABdbiieh d«r Fraa«Bb«w«r*Bf> ^ T*ä. as 



— 338 - 

Unterricht an den vier unteren Klassen der Knabengjrmnasien und 
an allen Klassen der Madebengymnasien. 

Seit längerer Zeit besteht die Absicht, auch dem grossen und 
sehr leistungsfiüiigen privaten Stajunin- Gymnasium in Petersburg 
humanistische Oberklassen anzugliedern, wie manche der Gym- 
nasien grösserer Städte schon auf Wunsch Lateinunterricht erteilen. 

Durch eine kOrzlich erlassene ministerielle VerfQgung werden 
diese Vorbereitungsanstalten vermutlich noch mehr praktische Be- 
deutung gewinnen: Um dem Mangel an Philologen abzuhelfen, der 
sich bei der augenblicklich in Angriff genommenen staatlichen Re- 
organisation der Mittelschulen empfindlich bemerkbar macht, sind 
Frauen auf Grund des Abgangszeugnisses eines Madchengymnasiums 
nun auch zur philologischen Fakulttt der russischen Universitäten 
zugelassen. Das philologische Examen berechtigt sie zum Unter- 
richt in allen Klassen der Madchenschulen und in den unteren 
Klassen der Knabengymnasien. ^ 

Die für den Fortschritt des Frauenstudimns interessierten 
Kreise erwarten von der gegenwärtigen Regierung noch weitere 
Förderung ihrer Sache, da aus mancherlei Symptomen hervorgeht, 
dass sie der Frauenbewegung nicht ohne Wohlwollen gegenOber- 
steht So ist man verschiedentlich, z. B. kOrzlich in Kiew, aber 
auch in der Presse, im Anschluss an die im Sommer 1901 ver- 
fügte Gleichberechtigung der Studentinnen an der Universität 
Helsingfors *) mit der Forderung „Freigabe der Universitäten' 
wieder entschiedener hervorgetreten. Da hinter dieser Forderung 
das ungewöhnlich lebhafte intellektuelle Interesse und die zähe 
Energie der russischen Frauen steht, wird man sich auch in Ost- 
Europa ihr nicht auf die Dauer entziehen können. 



RouUa Tom za. Juli 1901. 

^ VgL den Abcdnitt ^rmuOTbOdimf in Fiaaluid*. 




Der Stand der Frauenbildun^ in Polen. 

Von P. KveMlika-RelBsehinlt. 



Historischer Rückblick. 

jyJDie Frau im alten Polen lebte in der Epoche des auf« 
keimenden Humanismus unter ziemlich günstigen Verhaltnissen. 
Im patriarchalischen Familienleben genoss sie dieselbe Selb- 
ständigkeit wie der Mann und ist in gleichem Masse an den Er- 
folgen nationaler Kultur beteiligt Denn die Erziehung ist für 
Manner und Frauen die gleiche, trotz der verschiedenen Auf- 
gaben, die beide Geschlechter im Leben zu erfiUlen haben, sie ist 
ein Gemeingut bdder, das Mann und Frau der höheren Stände 
gleichmassig gcgtn die Misire des Lebens geschützt hat' So 
schreibt Otto Ottman, Skriptor der Krakauer Universitätsbibliothek, 
in seinen „Beitragen zur Kulturgeschichte der pohlischen Frauen*. 
,9 Wenn auch,' so fiLhrt er fort »die litterarische Bildung sehr ver- 
nachlässigt wurde, so schöpften doch Mann und Frau durchgangig 
aus denselben ElementarbQchem ihr primitives Wissen.* 

Den ersten Spuren besonderer Madchenschulen begq;nen wir 
im XnL Jahrhundert Es waren Klosterschulen, in denen man 
nur Lesen, Schreiben, Religion und Handarbeiten lernte. Erst 
als die französischen Orden, der ,» Visitation* im Jahre Z654 und 
des i,Sacr6 Coeur^ z688, nach Polen Obersiedelten, um Madchen- 
schulen zu gründen, wurde das Programm der weiblichen Kloster- 
schule erweitert Sie lehrte , französische ^>rache, Gesang, gute 
Blanieren, Politik und allerid nOtdiche Dinge und zierliche 
Arbeiten*. Dieses neue Programm hatte die Aufhebung der ge- 
meinsamen Erziehung der Geschlechter zur Folge. Von jetzt an 
gab man ihrer Ausbildung eine verschiedene Richtung: fOr den 
Knaben bestimmte man Latein und Griechisch als Grundlage 
seiner Ausbildung, fbr das Madchen Französisch, Musik und Hand- 
arbeiten. Es wurde Mode, die Kenntnis der französischen Sprache 
als Zeichen einer trefilichen Madchenerziehung zu betrachten. 



— 340 — 



Sogar in der Privaterziehung verliess man die alte Sitte, die 
Schwester an den lateinischen Stunden teilnehmen zu lassen, die 
der Geistliche dem Bruder erteilte, eine Sitte, die doch üQr das 
spatere Leben der Frau sehr nQtzIich gewesen war in einer Zeit, 
da sie oft den jahrelang abwesenden oder verstorbenen Mann 
in der Verwaltung des Gutes oder vor Gericht zu vertreten ge- 
habt hatte. Man zog es jetzt vor, die Madchen um des guten 
Accents willen einer französischen Lehrerin anzuvertrauen oder 
sie in die Klöster der gerade bevorzugten Orden zu schicken. 
Daraus ergaben sich auch Veränderungen in dem Charakter des 
Familienlebens und in der Art des Finfliisses, den die Frauen auf 
die Entwicklung der nationalen Kultur ausübten. 

Den Klosterschfllerinnen, die nach Haus zurflckkamen und 
nach dem Willen der Eltern sich froh veriieirateten, fehlte es 
nicht nur an praktischen Kenntnissen, wie sie sich ihre Matter 
durch fortwahrende Beteiligung an den Hausarbeiten erworben, 
sie standen auch den öffentlichen Interessen fem, die in jener 
Zeit das Hauptgesprächsthema der Alten waren bei der langen 
Mittagstafel oder am Kamin. FOr die lauschenden Jungen beiderlei 
Geschlechts waren diese Gesprftche immq: wie eine EinfQhrung 
in die Politik und die wichtigen nationalen Fragen der Zeit gewesen 
und hatten ihr Verständnis und ihr Interesse daftür von finh an 
geweckt An solchem Verständnis und infolge dessen an Interesse 
fehlte es den Klosterzöglingen. An ein beschauliches Leben ge- 
wöhnt, fühlten sie sich unbehaglich in der grossen Gesellschaft, 
die sich in wilden Zerstreuungen, wie Jagd und Scheibenschiessen, 
ebenso gefiel wie in politischen Diskussionen, in der derbe Scherze 
an der Tagesordnung waren, wenn auch die Sittlichkeit streng 
war. Den Beschäftigungen und Zerstreuungen ihrer Umgebung 
entfremdet, unfilhig zu den auf Körperkraft und Gewandtheit be- 
rechneten geselligen Unterhaltungen, suchten die Klosterzöglinge 
durch Eleganz, durch Empfindsamkeit und den Reiz der Schwache 
zu glänzen. Sie zerstreuten sich durch die LektOre firanzösiscber 
Bücher, an denen die Intensität ihrer geistigen Interessen und 
zugleich die schwärmerische Bigotterie ihrer religiösen Ober- 
zeugungen sie Geschmack finden liess. Ihr nordisches Temperament 
und die erziehliche Macht, die eine, Jahrhunderte alte, kraftige 
Kultur auf den Charakter ausübte, schützte sie noch im allgemeinen 
vor sittlichem Verfall, aber doch verfehlte ihre Bildung ihren 
Einfluss auf ihr Tbun und ihre Lebensanschauungen nicht Statt 

zu tüchtigen Gutsbesitzerinnen und zu Bürgerinnen mit dem 



— 341 — 

Bewusstsein ihrer nationalen Pflichten auszubilden, suchten sie je 
nach den Umstanden in ihrer eigenen Umgebung zu verwirklichen, 
was sie in den Bachern entzQckte, richtete sich ihr Streben auf 
ein künstlerisches Salonleben. Auch die Ehe betrachteten die 
Frauen anders als frühert nicht als das Mittel, als Mutter und 
Hausfrau ihre Bürgerpflichten zu erf&llen, sondern als eine Ver* 
bindung, die sie glücklich machen und ihre Sehnsucht nach send* 
mentaler Liebe stillen sollte. 

Das Streben der Frauen nach feineren Sitten» nach Herzens- 
freiheitt Deganz und Schönheit führte wohl zu einer allgemeinen 
Verfeinerung der sittlichen und geistigen Kultur, aber auch zu 
Verweichlichung und Sinnlichkdt Der neue Reiz, den diese 
Kultur den Frauen verlieh, gefiel den Mflnnem, und das sicherte 
diesem System der Mädchenerziehimg seinen Bestand, so lange, 
dass es, durch Jahrhunderte ausgeübt, den Polinnen eine angeborene 
Grazie verliehen hat, die sie von den andern slavischen Frauen 
unterscheidet 

Ebenso hat auf den Qiarakter der Polin die Disziplin der 
Klostererziehung gewiiict, sie entwickelte in ihr OpferwiUigkeit, 
Ausdauer und Kraft zur Entbehrung, Pflichtgefühl auf Kosten der 
Fähigkeit zur Kritik, zur eigenen Oberiegung, zur Selbstverant- 
wortlichkeit 

Diese Erziehung schuf einen Abgrund zwischen den An* 
schauungen und dem Lebensideal der Manner und denen der 
Frauen, einen Abgrund aber auch in der Bildung und Denkweise 
der Frauen selbst 

Die obenerwähnten Schulen waren für die Tochter des Adels 
bestimmt Die Bürger* und Bauemmadchen begann man erst seit 
der zweiten Hälfte des XVL Jahrhtmderts zuweilen in die Pfair- 
schulen zu schicken, und um dieselbe Zeit erschlossen sich den 
Protestanten auch öffentliche Schulen (so Z553 in Posen). Auch 
in Lemberg scheinen damals die Stadtschulen au%eblüht zu sein; 
es beisst, dass damab auch die Mädchen gewandt die lateinischen 
Klassiker deklamiert bitten. In Krakau wurde um die Mitte des 
ZVnL Jahrhunderts eine Schule erOffiiet, die als das erste Vorbild 
der heutigen Haushaltungsschule gelten kann. 

Das waren aber Ausnahmen, \md im allgemeinen war die 
Bildung der Mädchen des Volks ebenso vernachlässigt, wie die 
der höheren Stände oberflächlich \md bigott Den ersten Anstoss 
zur Hebimg dieser Missstände verdanken wir der staatlichen 
Erziehungskommission, die im Jahre Z775 eingesetzt wurde und 



— 342 — 

sich des Mädchenschulwesens annahm. Sie regte verschiedene 
Nonnenorden, wie die Schwestern der Barmherzigkeit und die 
Mariawitinnen, zur GrQndung von Mädchenschulen an, Madchen- 
schulen eines neuen Typus, die ihre Zöglinge auf ihre kOnftigen 
hauslichen Pflichten etwas gründlicher vorbereiteten. Die neu 
gq;rQndeten Volksschulen nahmen auch Madchen auf, und in 
starker bevölkerten Gegenden wurden auch besondere für sie allein 
begründet Die Zahl dieser Schulen war schon 1790 auf 93x6 
gewachsen, die von etwa 74 izo Madchen besucht wurden. 

Nach den grossen politischen StOnnen, die uns die Un- 
abhängigkeit raubten, berief im Jahre z8o8 die derzeitige Kammer 
fOr Erziehungswesen ein Frauenkomitee zur Beaufsichtigung der 
Madchenschulen (Warschau zahlte damals 36 Anstalten) und zur 
Bearbeitung eines neuen Lehrplans, der im Jahre x8zo die Be- 
stätigung der Kammer erhielt Die Neuerungen waren nicht sehr 
weitgreifend, immerhin aber f&hrte das Komitee mehr Arithmetik 
und sogar Buchftlhrung ein, ausserdem ,,die Lehre von der 
physischen und moralischen Kindererziehung* und sie empfahl 
den Dtem, dass sie die Madchen an Stelle der Musik Gärtnerei 
und Landwirtschaft lernen Hessen, und j^Aesthedk in ihrer An- 
Wendung auf die Häuslichkeit', um sie so auf ihre Pflichten als 
Gutsbesitzerinnen vorzubereiten. 

Eine ahnliche Anerkennung der Berechtigung und BefUiigung 
der Frau zur Mitarbeit an der Schulleitung und Verwaltung be- 
deutete eine Verfügung fOr den Teil Polens, der schon unter 
russischer Regierung stand. Die autonomen Behörden des 
Gouvernements Wolynien erhielten im Jahre z8o8 die Eriaubnis, 
in einer kleineren Stadt ein Lehrerinnenseminar zu gründen. Die 
Oberleitung dieser Anstalt sollte in der Hand einer fOr diesen 
Posten qualifizierten Frau li^en, die ehrenamtlich durch die 
Kaiserin selbst ernannt wurde und nur ihr verantwortlich war. 
War diese Stellung auch nicht dotiert, so gab sie doch durch 
das Recht regelmassiger AufsichtsfQhrung und Kontrolle einen 
weitreichenden Einfluss. 

Zu dem Pension des Seminars gehörte: Polnisch, Italienisch, 
Französisch, Deutsch, Moral, Geographie, Arithmetik, Geschichte, 
Pädagogik, Musik und Singen, Nähen und Spinnen in den 4 ersten 
Jahren, und in den a letzten: Physik, Qiemie, Botanik, Logik, 
Gesetzeskunde, praktische Gärtnerei, Zeichnen, Sticken. Daneben 
hatten die Schülerinnen praktische Übungen im Unterrichten, als 
Korepetitorinnen der unteren Klassen. Das waren schon bedeutende 



— 343 — 

Erweiterungen; aber die unglQckliche Kriegszeit unterbrach rasch 
die angeknüpften Reformen. 

Sie wurden im Jahre i8az wieder aufgenommen durch ein 
neues zu diesem Zweck eingesetztes Komitee, das diesmal aus 
Männern bestand. Unter dem Einfliiss jedoch der damals 
herrschenden katholischen Reaktion wurde der von diesem 
Komitee ausgeari>eitete Plan nur mit bedeutenden Beschrankungen 
genehmigt Als Ziel der Madchenbildung wurde angegeben« sie 
solle eine praktische Vorbereitung sein auf die «stillen häuslichen 
Pflichten, von deren Erf&llung manchmal der sichere Wohlstand 
der Familie abhangt*. 

Von praktischen Vorschlagen zu einer Reform der Madchen- 
endehung handelten auch die Schriften unsrer grOssten Padagogin 
Frau TaiUka-Hofinanowa. Ihre Verdienste sind bedeutend und 
liegen auf den verschiedensten Gd>ieten. Sie lenkte die Madchen- 
erziehung wieder auf mehr nationale Bahnen und trat energisch 
gegen die unvemOnftige Bevorzugung des Französischen auC sie 
schuf uns eine Jugendlitteratur und schenkte uns viele pädagogische 
Schriften, die uns fehlten. Taäska geht von der Anerkennung 
der Überlegenheit des mannlichen Geistes aus und rat den Frauen, 
«nicht nach vielem Wissen zu verlangen, sondern das gründlich 
zu treiben, was der weiblichen Begabung entspricht', aber sie 
verlangt von ihnen tüchtige Arbeit an der eigenen Ausbildung 
und fährt sie zu einer ernsten Auffassung ihrer Pflichten gegen 
Familie und Volk. In Anerkennung ihrer grossen Verdienste um 
die pädagogische Litteratur wurde Tadska 1824 zur Inq>ektorin 
der Madchenpensionate und Schulen in Warschau ernannt und 
im folgenden Jahr zur Lehrerin der Moral in dem dortigen 
Gouvemanteninstitut. Nach dem Kriege von 1831 aber musste 
Taüska diese Stellung au%eben und wurde nach dem Ausland 
verbannt 

Das Prinzip, Madchenschulen von Frauen beaufsichtigen 
zu lassen, wurde, trotz mancher Änderungen in den äusseren 
Verhaltnissen, bis zum Jahre z86o aufirecht erhalten. Dann aber 
hob eine Regierungsverfügung die weibliche Schulaufsicht au£ 

Bnen ebenso bedeutenden Kinflnss wie Tai&ska, aber nach 
ganz andrer Richtung, übte auf viele Generationen unserer Frauen 
Narcyza Zmicho wska, eine für ihren Beruf begeisterte Padagogin, 
ein rcdcher, weitschauender Geist und dichterisch hochbegabt Ihr 
Streben charakterisiert ihr Begriff von Glück: Das grOsste Glück 
besteht in dem Glück des ganzen Volkes, dem Licht der Sonne 



— 344 — 

und dem Licht des Geistes und in der Arbeit aller — an aller 
Erlösung. Solche Tendenzen verfocht sie mit Wort \md Tbat, in 
Gedichten, Romanen und pädagogischen Schriften, die f&r ihre 
Zeit (1847 — 1859) einen ernsten wissenschaftlichen Wert haben. 
Sie hat z. B. das erste Lehrbuch der Geographie in polnischer 
Sprache geschrieben. Entfiusiastin filr alles Edle und Grosse, hat 
Zmichowska unsre Frauen aufgerufen, die Fesseln der Engheragkeit 
und GeistesbeschrSnkung zu brechen, und ist so eine der ersten 
und einflussreichsten VorkSmpferinnen der Frauenbewegung in 
Polen geworden. 

n. 

Der gegenwärtige Stand der Mädchenerziehimg Jn Polen. 

A. Rossiseh-Polen. 

1. Volksschule» 

Der Plan der Volksschule ist im Königreich Polen filr Knaben 
und Madchen derselbe. Bis zur zweiten Klasse (von unten 
gerechnet) ist in den Dörfern der Unterricht gemeinsam. Schul- 
zwang besteht nicht Die Zahl der Volksschulen in Dörfern \md 
kleineren Städten betragt 32x4 mit einer Frequenz von 
xSoooo Kindern. In Warschau sind die stadtischen Volksschulen 
filr Knaben tmd Madchen getrennt und es bestehen filr Knaben 
X06, für Madchen 45. - Private Elementarschulen von zwei Klassen 
bestehen filr Mädchen 24, filr Mädchen und Knaben gemeinsam zx; 
ausserdem 8 jüdische Madchenschulen (xa fOr Knaben). In 
samtlichen Elementarschulen Warschaus (die konfessionellen 
jüdischen Schulen, «Heder* genannt, eingerechnet) waren X897 
nnge&hr 9643 Mad chen« 

Die Besoldung der Ldirer bezw. Lehrerinnen an der Volks- 
schule betragt je nach den örtlichen Verhaltnissen von X50 bis 
300 Rubel jahrlich. FOr die Besetzung eintraglicher Stellen werden 
natoriich die Ldirer bevorzugt Sie werden auch in besonderen 
Seminaren ausgebildet, die filr die Lehrerinnen nicht bestehen. 
Um die Stellung einer VolksschuUehrerin zu eriangen, muss das 
Madchen vier Klassen eines staatlichen Gymnasiums absolvieren 
oder eme entsprechende Prüfung bestehen undeineProbe-Unterrichta- 
stnnde geben. Sie bekommt dann das 2Eeugnis einer Unterlehrerin. 
Der Mangel an Beschäftigung nötigt oft genug unsre Madchen, 
auch wenn sie 7 Gymnasialklassen durchgemacht haben, sich zur 
Volksschule zu melden; aber sie bekommen selten eine Stelle, 
mannigfacher äusserer Hindemisse wegen. 



— 345 — 

2. SekundAranterricht 

Der Sekundaninterricht fOr Mädchen ist entweder staatlich 
oder privat Die Privatanstalten befolgen aber genau den Lehr- 
plan für die staatlichen. Es giebt im Königreich Polen nur vier- 
klassige und siebenklassige Gymnasieut d. h. die beiden niederen 
Ordnungen. Ihr Pensum umfasst in allen Klassen: Religion» 
Russisch, Polnisch, Französisch, Deutsch und Mathematik (die in 
den Madchengymnasien bis zum Pensum der fünften Klasse des 
Knabengymnasiums einschliesslich getrieben wird). Dazu kommt 
von der L bis V. Klasse Geographie, von der IIL Klasse an 
Geschichte (allgemeine und Geschichte Russlands), in der IV. 
Zoologie, in der V. Botanik und Mineralogie, in der VL und VH 
Physik, mathematische Geographie und PfldagogiL Den ent- 
sprechenden Privatanstalten hat man nur 6 Klassen zugestanden, 
es fallen fflr sie also die Gegenstände der letzten Klasse staatlicher 
Anstalten aus. An Nebenfächern kommen noch Handarbeiten, 
Zeichnen und Schonschreiben hinzu, die beiden letzten Fächer 
entsprechend den Plänen der Knabengymnasien. Ein Mädchen- 
gymnasium mit einem den Knabengymnasien vollkommen analogen 
Programm, wie in Moskau, giebt es in Polen nicht Auch keines 
der achtklassigen sogenannten „Ministerialgymnasien', in denen 
das Ziel in Mathematik dem der VIL Knabenklasse entspricht, und 
ausserdem fakultatives Latein, Logik, Geschichte der Pädagogik, 
Didaktik und Methodik zum Pensum gehört 

Das Schulgeld in den Gymnasien mit vier bis sieben Klassen 
beträgt 50 Rubel jährlich. In Warschau sind vier staatliche 
Gymnasien — eine in jedem Gouvernement der Stadt — mit im 
ganzen ^5x6 Schülerinnen. Die Lehrerinnen bekommen jährlich 
50 Rubel fOr jede Wochenstunde; aber die Zahl der Frauen in 
diesen Stellungen ist ganz unbedeutend. 

In Privatanstalten bekommen die Lehrerinnen 75 Kopeken bis 
I Rubel fOr die Stunde. Der letzte Satz gilt aber nur ausnahms- 
weise, während die Lehrer je nachdem z bis 5 Rubel Ar die 
Stunde bekommen. 

Um in Sekundäranstalten — oder auch in Privathäusem — 
Unterricht zu erteilen, mOssen die Lehrerinnen die sieben Klassen 
eines staatlichen Gymnasiums absolvieren, oder sie mOssen, wenn 
sie in einer Privatanstalt vorbereitet sind, an einem Knaben- 
gjrmnasium vor einer Kommission eine PrOfung bestehen und eine 
Ftobelektion erteilen. Haben sie diese bestanden, so mOssen sie 



— 346 — 

sich noch vom Kuratorium des Landes eine Unterrichtserlaubnis 
verschaffen. Unterrichtet eine Lehrerin ohne diese Erlaubnis, so 
sind sie und ihre Arbeitgeber (die Leitung der Anstalt oder die 
Eltern ihrer SchQlerinnen) strafbar. Die Strafe betragt zoo bis 
300 Rubel und im zweiten Wiederholungsfall Gefltognis. 

Noch allgemeiner als der Mangel an G3rmnasien erster 
Ordnung wird der Mangel an Lehrerinnenseminaren empfunden. 
Aber bis jetzt sind alle Bemühungen, die behördliche Genehmigung 
zur Errichtung eines solchen zu ertialten, ohne Erfolg geblieben. 

3. Privatunterricht 

Die bei weitem nicht zureichende Zahl der Dementarscbulen 
und die beschränkten Pensen der SekundSranstalten nötigen uns, 
diesen Mangel auf privatem Wege zu ergänzen. Deswegen ist 
der Privatunterricht im Königreich Polen viel verbreiteter als z. B. 
in Galizien, und die 2MI der Lehrenden viel zahlreicher. 

Die Programme des Privatunterrichts richten sich zum Teil 
nach den Planen der Öffentlichen Schulen, wenn nämlich die Eltern 
die Madchen auf Staatsprüfungen vorbereiten lassen; häufiger aber 
noch berücksichtigt er besonders die fremden Sprachen, Geschichte, 
Litteratur, Kirnst, Musik etc.; wenn es sich um die Vervoll- 
ständigung der Bildung erwachsener Mädchen handelt, auch häufig 
Naturwissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie etc. 

Bei den geltenden Bestimmungen über die Prüfungszeugnisse 
der Lehrerinnen ist es schwer, die Zahl der Privatlehrerinnen 
genau zu bestimmen. Ihr Gehalt bei jährlichem Engagement 
schwankt zwischen xao und 800 Rubel, bei monatlichem zwischen 
5 und 35 Rubel für eine Stunde täglich, der Stundenpreis zwischen 
35 Kopeken tmd 2 Rubel. Das Gehalt der Lehrer kann doppelt 
so hoch veranschlagt werden. 

Ist auch das Durchschnittsgehalt der Lehrerin sehr gering, 
so wird den Eltern doch der Privatunterricht der Kinder teuer 
genug. Man hat deshalb vielfach Zirkel von meh r e ren Kindern 
oder Mädchen gebildet Durch neue Bestimmungen, die in den 
letzten Jahren erlassen worden sind, ist solche Selbsthilfe aller- 
dings sehr erschwert Eltern und Lehrende sind jetzt gezwungen, 
für solche Zirkel besondere Genehmigung nachzusuchen. Die 
Zahl der Teilnehmerinnen ist auf sechs oder zwOlf festgesetzt 
Die Stunden müssen bei der Behörde angemeldet und ihrer 
Au£ncht unterstellt werden. 



— 347 — 

4. Universitftt 

Erfolglos blieben auch die Petitionen um Zulassung der Frauen 
zur Universität Warschau, und so waren unsere Frauen genötigt, 
in Petersburg oder im Auslande zu studieren« Am meisten gingen 
sie nach Paris und nach den Universittten der Schweiz, wo sie 
zwischen 1878 und 1894 ein Drittel der Gesamtzahl der Hörerinnen 
ausmachten. Die grOsste Schwierigkeit fOr diese im Ausland 
studierenden Polinnen ist die Nostrifizierung des auslAndischen 
Diploms; es sind dazu neue PrOfongen nötig, die gewöhnlich ein 
paar Jahre in Anspruch nehmen. Zur Ablegung dieser Prüfungen 
sind einige Universitäten in Russland bestimmt Die Möglichkeit 
zu dieser Nostrifizierung war immerhin eine Gunst, deren wir 
aber beraubt wurden, als die Medizinkurse in Petersburg seiner 
Zeit aufgdioben wurden. Nun mussten viele unserer Frauen, die 
Medizin studiert hatten, sich mit einem Hebammen- oder Masseusen- 
zeugnis eine Existenz im Lande zu schaffen suchen, oder sie mussten 
sich im Ausland niederlassen. Das haben viele auch gethan; auch 
manche, die das Doktordq>lom einer philosophischen Fakultftt er- 
worben hatten. Philosophinnen tmd Naturwissenschaftlerinnen, 
mussten dasselbe thun. 

Dass dem Lande auf diese Weise die Kräfte so vieler be- 
gabter und gebildeter Frauen entzogen wurden, übte naturgemflss 
einen ungünstigen Einfluss auf die Entwicklung der Frauen- 
bewegung in Polen. Sie hat hier mit so grossen Schwierigkeiten 
zu kämpfen, dass sie sich noch auf keine andre eindrucksvollere 
Weise bethatigen konnte, als in dem massenhaften Auswandern 
tmserer Studentinnen nach den auslflndischen Universitäten. 

B. Osterreieblseh -Polen. 

In dem TeQe Polens, der unter österreichischer R^erung das 
Land Galizien gebildet hat, wurde die Mädchenerziehung lange 
Zeit hindurch vernachlässigt, so dass im Jahre z868, als der 
kaiserlich königliche Landesschulrat eingesetzt- wurde, im Lande 
nur 54 Mädchenschulen bestanden, von denen man 7 als höhere 
bezeichnete, trotzdem sie keinen bestimmten Plan hatten. Vier 
von diesen sieben waren Klosterschulen. 

1. Volksschule. 

Die Zahl der Volksschulen ftlr beide Geschlechter beträgt 
jetzt 3736, {Qr Mädchen allein X3X, ftlr Knaben allein 238. An 
Privatschulen verschiedener Art bestehen ftlr beide Geschlechter 
Z07, fiOr Mldchen 68, ftlr Knaben 57. — 



( 



- 348 - 

Von den Volksschulen wird aber zur Zeit in 463 kein Unter* 
rieht erteilt aus Mangel an Ldirpersonal oder anderer lokaler 
Hindemisse wegen. Unter diesen Verhaltnissen kann der Schul- 
zwang, der seit 1869 eingeführt ist, nicht Überall zur Durchf&hning 
kommen. Er verpflichtet zum Schulbesuch bis zum 14. Lebensjahr 
auf dem Lande, und in den Städten bis zur Absolvierung der 
VL Klasse. Falls ein Madchen oder ein Knabe vorher 14 Jahre 
alt wird, sind sie verpflichtet, mindestens zwei Jahre hindurch die 
abendliche Fortbildungsschule zu besuchen, wo das Schulpensum 
wiederholt wird. 

In den Volksschiilen sind augenblicklich 

3808x6 Madchen, 4x4861 Knaben; 
in den Privatschulen 

X5 848 Madchen, 18478 Knaben; 
in Fachschulen oder zu Hause 

22846 Madchen, 32846 Knaben. 
Die Volksschulen werden von den Gemeinden untertialten, die dazu 
notwendigen Mittel werden aber der LandesbehOrde übergeben, 
die die Schulen verwaltet In den Städten stehen die Schulen 
jedoch unter autonomer Verwaltung der Stadtgemeinde, die 
Aufsicht liegt dem Landschulrat ob. 

Der Unterrichtsplan ist {Qt beide Geschlechter derselbe. In 
Dörfern und kleineren Städten ist der Untenicht bis zur IV. Klasse 
gemeinsam. In der L Klasse wird unterrichtet in Religion, Polnisch 
oder Ruthenisch (je nach der Gegend) sowie in den AnfieuigsgrQnden 
der Geographie, Vaterlandsgeschichte und Naturbeschreibung, 
deren Behandltmg sich in den oberen Klassen entsprechend 
spezialisiert und entwickelt In der IL konunt dazu Zeichnen und 
üQr die Madchen Handarbeiten, in der IIL und IV. Deutsch, in der 
VL und Vn. etwas Physik, Chemie und allgemeine Geschichte. 

Am Unterricht tmd an der Leitung der fbr beide Gesdilechter 
gemeinsamen Schulen sind die Lehrerinnen in demselben Ver- 
hältnis beteiligt wie die Lehrer. Die Dorfschulen stehen sogar 
häufiger unter weiblicher als unter mannlicher Leitung, die Zahl 
der Lehrer Überwiegt daher in den vierklassigen Stadtschulen. 
Die Madchenschulen stehen ausschliesslich unter weiblicher Leitung, 
und der Unterricht wird nur von Lehrerinnen gegeben, ausser 
dem Religionsunterricht 

Die eifiigen Bemühungen der Volksschullehrerinnen haben 
gleiche Besoldung des Unterrichtspersonals beider Geschlechter 
durchgesetzt; mit der einzigen Ausnahme, dass die alteren Lehrer 



— 349 — 

eine froher erworbene penOnlicbe Zulage weiter bezieben, an der 
die Lehrerinnen nicht partizipieren und die einen Unterschied von 
ZOO Gulden ausmacht Diese Gruppe von hoher besoldeten 
Lehrern ausgenommen, umfasst die Gehaltsskala vier Stufen von 
jahrlich 300 bis zaoo und mit den Zulagen bis Z500 Gulden. In 
den Dörfern werden die Zulagen durch Wohnung, Garten und 
Heizung dargestellt» Das Ruhegehalt berechnet sich nach dem 
Gehalt ohne die Zulagen. Das Lehipersonal ist zu 22— -a6 Wochen* 
stunden verpflichtet; ausserdem ist die ganze Buchführung der 
Schule zwischen den Leiterinnen und den Klassenlehrerinnen 
geteilt, die fiOr diese Arbeit nicht besonden bezahlt werden. Unter 
denselben Bedingungen sind Lehrerinnen an den unteren Klassen der 
Knabenvolksschulen angestellt, und ihreZahl wachst von Jahr zu Jahr. 

Der Plan, Schulinspektorinnen zu berufen, ist noch nicht ver« 
wirklicht worden, obwohl schon mehrmals die Rede davon ge- 
wesen ist Die Lehrerinnen der Stadt Lemberg haben 1897 die 
Wahl dner Schulvorsteherin als Vertretung der Lehrerschaft im 
Krdsschulrat durchgesetzt Diese Neuerung rief den Vy^derspruch 
der Ldu-er hervor, die alle möglichen Bnwande gegen die Wahl 
erhoben, aber von dem Staatstribunal damit zurQckgewiesen 
wurden. Es reichten dann Lehrer und Lehrerinnen gemeinsam 
eine Petition ein, es mOge künftig die Lehrerschaft durch.zwei 
Personen im Kreisschulrat vertreten sein, durch eine Lehrerin fOr 
die MAdchen-, einen Lehrer für die Knabenschulen. Die Petition 
ftmd gOnstige Aufnahme, und so verdankt die Lehrerschaft den 
Ldurerinnen den Gewinn einer zweiten Stimme im Kreisschulrat, 
von dem so vide ihrer wichtigen Interessen abhangen. 

Ausser den schon erwähnten, unentgeltlichen Abendklassen 
f&r lladchen, die vor Absolvierung der sechsten Klasse abgq^gen 
sind, haben wir in grosseren Städten besondere Fortbildungskurse, 
fOr die das Schulgeld monatlich a Gulden beträgt Es sind theo- 
retische: Litteratur, fremde Sprachen und allgemeine Geschichte, 
und praktische: Handelslehre und Buchführung, Wasche- und 
Kkidemaherei, Putzmachen und Sticken. Die Kurse sind je nach- 
dem ein- oder zweijAhrig. Daneben wird ein halbjähriger Koch- 
kursus gehalten. 

Die Lehrerinnen fOr die Volksschulen werden in besonderen 
Seminaren, aber ganz in derselben Weise wie die Lehrer, aus- 
gebildet Es bestehen drei staatliche Lehrerinnenseminare und 
ein privates mit gleichen Berechtigungen; sie zahlen zusammen 
674 Schalerinnen. Ldu*erseminare bestehen dagegen zehn mit 



_ 350 — 

2305 Schalem» fOr die im Budget x 14 000 Gulden fOr Stipendien 
ausgesetzt sind, wahrend zu demselben Zweck fiOr die Lehrerinnen 
nur x6ooo Gulden bestimmt sind. 

Nach 4 jahrigem Seminarkurs und Ablegung einer ReifeprOfimg 
und nach einer sjahrigen Obungszeit an einer öffentlichen Volks- 
schule muss die Aspirantin die DementarprOiung bestehen, die 
ihr die Berechtigung zum Unterricht an Volksschulen giebt; zwei 
Jahre spater darf sie sich zur StadtschulprOfung melden. Diese 
PrQlung machen die Lehrerinnen zusammen mit den Lehrern vor 
einer Kommission, zu der schon seit Jahren eine der eifrigsten 
Vertreterinnen unsrer Frauenbewegung gehört, Frau Stephanie 
Wechsler, und zu der in den letzten Jahren noch einige Seminar- 
lehrerinnen berufen wurden. 

Der Schulrat befördert die Vorbereitung der Lehrer zu den 
Stadtschulprüflingen, die sie dann auch zu Inspektorstellen be- 
fthigen, durch Urlaub mit Belassung des Gehalts, Stipendien von 
30—40 Gulden und Vorbereitungskurse. FOr Lehrerinnen giebt 
es weder Stipendien noch Vorbereitungskurse, und sie haben noch 
Schwierigkeiten, den Urlaub ohne Gehalt zu erlangen. Trotzdem 
aber und trotz der geringen Zahl der Madchenseminare hatten 
sich im letzten Jahrzehnt 3522 Frauen zu den StadtschulprOfimgen 
gemeldet, von denen 9337 das Reifezeugnis erlangten, wahrend von 
den 90Z4 mannlichen Kandidaten desselben Zeitabschnitts nur 1704 
die Prflfimg bestanden. Die Zahl der Lehrerinnen, die im Besitz 
dieses 2^gnisses sind, ist schon der der Lehrer fast ^eich: 4x59 
gcg^ 4x64 Lehrer. Die Bevorzugung der Lehrer zeigt sich aber 
deutlich darin, daas es nur X546 Lehrer giebt, die nicht in die 
diesem Diplom entsprechenden Stellungen gerOckt sind, gegen 
26x3 Lehrerinnen. Seit X896 hat der Lehrerinnenverein, der dank 
seiner tQchtigen Sekretärin FrL Angelika Aleksandrowicz 
schon manche Verdienste um die Hebung des Lehrerinnenstandes 
hat, Vorbereitungskurse fOr die StadtschulprOfimgen eingerichtet 
I.>etzthin hat auf Ersuchen dieses Vereins der Schulrat auch die 
Bedingungen f&r die Besetzung der Oberlehrerstelle am Lemberger 
Lehrerinnenseminar dahin geändert, daas nun auch Frauen sich 
um sie bewerben können; und in der Folge wurde eine Ldumn 
mit der StadtschulprOfung, die ausserordentliche Hörerin an der 
Universität war, an diesen Posten berufen, und diesem Beispid 
folgten noch zwei andre Städte. Bis dahin waren Frauen nur fOr 
NebenflUcher, Französisch, Zeichnen, Handarbeiten und dergleichen, 
an Seminaren angestellt In Hauptfächern waren nur ausnahms- 



— 35X — 

weise bei der Eröffiiung des Lemberger Seminars 1871 zwei 

Frauen angestellt worden, die zwar kein Universitftüdiplom 

hatten, aber durch ihre frohere pädagogische Thatigkeit 

bekannt waren. 

2. SekundAronterricht 

Staatlicher und stadtischer SekiindSrunterricht fOr Madchen 
existiert in Gaüzien noch nicht Der X900 erlassene Plan fOr die 
neuen Madchenlyceen in Osterreich hat in Galizien ebenso wenig 
Beifall gefunden wie in Wien. Im allgemeinen wollten die Stadt-, 
gemeinden keine Ausgaben daftbr machen, sodass nur in Krakau 
und Lemberg die bestehenden theoretischen Fortbildungskurse in 
zwei Schulen versuchsweise nach diesem Plan umgestaltet wurden, 
wahrend ausserdem nur eine Privatschule ihn QbemahnL Es giebt 
in den beiden Hauptstädten Galiziens 35 Privatschulen, unter ihnen 
14 Klosterschulen. Auch unter den Privatschulen der Provinz 
befinden sich 8 grosse Klosteranstalten. 

Der Widerstand gegen den neuen Plan fOr die Lyceen geht 
vor allem von den Frauen aus, die auf alle mögliche Weise dem 
Gemeinderat zu verstehen geben, dass sie etwas andres wQnschen. 
Der öffentliche Einfluss, den die galizischen Frauen durch ihr 
Gemeinderats- und Landtagswahh'echt auszuüben im stände sind« 
verleiht ihren WQnschen Nachdruck. Schon 1882 hatte der 
Gememderat von Lemberg beschlossen, ein Untergymnasium (die 
ersten vier Klassen) fOr Madchen zu gründen, vor allem auf An- 
regung des Professors Soleski, eines eifrigen Vertreters der 
Madchenbildung und der Lehrerinneninteressen. Unglücklicher- 
weise nötigte der grosse Mangel an Volksschullehrerinnen damals 
den Gemeinderat, die fOr das Gymnasium bewilligten Mittel zur 
Anstellung von Volksschullehrerinnen zu verwenden. Erst 1893 
kam der Frauenbibliotheksverein bei dem Landtage in einer 
Petition mit 4000 Unterschriften um die Gründung eines Madchen- 
gymnasiums ein. Die Petition wurde der Regienmg zur Be- 
rücksichtigung überwiesen, hatte aber keinen Erfolg. Im folgenden 
Jahr erklarte sich der erste Kongress der polnischen Pädagogen 
in Lemberg für die Gründung einer Anstalt, die Madchen f&r die 
Maturitätsprüfung vorbereitete, und ernannte sogar eine Kommission 
zur Durchführung dieses Beschlusses. Die Konunission und die 
Frauenvereine entfalteten nun eine rege Agitation für die Sache durch 
Petitionen und Versammlungen — und hatten schliesslich Erfolg. 

Im Frühjahr 1896 wurde in Krakau der ,, Verein filr die Madchen- 
gymnasialschule'' gqpründet und im Herbst ein Gymnasium er- 



öffnet unter der Leitung des Schulrats Trzaskowski, eines er- 
fahrenen Pädagogen, der schon lange fbr die Reform der Frauen- 
bildung eingetreten war. 

In dem Gymnasium werden Schülerinnen aufgenommen, die 
die sieben Klassen der Volksschiile durchgemacht haben. Das 
Gjrmnasxum war erst vier-, dann fOnfjAhrig, entsprechend dem 
Knabengymnasium. Das Schulgeld betragt xoo Gulden jährlich 
und deckt fast die Kosten der Anstalt, deren Ausgaben igoo/igoi 
7404,^ Gulden, deren Einnahmen 6625 Gulden betrugen. Jetxt 
erhält das Gymnasium von der Stadt und vom Landtag eine 
Subvention von je 500 Gulden. Die 2MI der Stunden beträgt in 
allen Klassen 30. Zwdmal haben die SchQlerinnen des G3rmnasiums 
schon Maturitätsprüfungen abgelegt Sie finden vor einer 
Kommission an bestimmten Knabengjrmnasien statt Im Jahre 1900 
waren es si Abiturientinnen, von denen 16 bestanden, 6 sogar mit 
Auszeichnung. Von den übrigen trat i zurück, und 4 musstea 
die Prüfung in einem Gegenstande nachholen. Der Gesundheits- 
zustand war dank sorgfältiger Fürsorge durch G3rmnastik, Spazier- 
gänge etc. ausgezeichnet 1901 bestanden von 18 Abiturientinnen 16, 
und 4 von ihnen mit Auszeichnung. Der Unterricht liegt in den 
Händen eines Direktors, einer Anzahl von Gymnasiallehrern und 
von 5 Lehrerinnen, von denen 3 ihren Licenciaten an einer Schweizer 
Universität erworben haben. Die Zahl der Schülerinnen beträgt 
augenblicklich (1901) 105. 

In Lemberg wurden zwei Mädchengymnasien im Jahre 1897 
durch Privatlehrerinnen eröffnet, die aber die Leitung ihrer An- 
stalten diplomierten Direktoren übertragen mussten. Diese Kurse 
sind, wie ein 1901 gegründetes drittes Gymnasium, 6jährig und 
stellen dieselben Aufiiahmebedingungen wie die Krakauer. Sie 
haben zusammen 170 Schülerinnen. Daneben mehrt sich die Zahl 
der Mädchen, die, aus den verschiedensten galizischen Provinzen 
kommend, auf Grund privater Vorbereitung vor der Kommission 
das Examen bestanden. Schon als man 1897 um die Gründung 
des ersten Mädchengymnasiums petitionierte, konnte man sich 
darauf berufen, dass schon 50 Mädchen ihre Prüfung vor der 
Kommission bestanden hatten. 

ä Universität 

Zur Universität wurden auf zahlreiche Petitionen hin zunächst 
1896 90 Lehrerinnen mit Stadtschulprüfung als Hospitantinnen zu- 
gelassen, deren Zahl sich rasch verdoppelte. Um den Frauen 



— 353 — 

ausserixalb der Univenitat eine Statte zur BeMedigung ihres 
Wissensdurstes zu schaffen, gründete man dann den ,, Verein fikr 
Akademische Kurse fOr Frauen''. Dieser richtete im Winter drei- 
monatlidie Kurse aber Gesdiichte, Philosophie, Litteratur, Sozio» 
logie und Naturwissenschaft^ ein, die 330 Zuhörerinnen zählten, 
trotzdem aber den Zudrang der Frauen zur Universität nicht ver- 
minderten. Endlich 1897 kam die unbeschränkte Zulassung der 
Frauen zur philosophischen Fakultät Die Hospitantinnen mit 
Stadtschullehrerinnenzeugnis smd dadurch ausserordentliche 
Hörerinnen geworden. Auch die Zahl der ordentlichen Hörerinnen 
mit dem Maturitätszeugnis wächst, besonders seit auch die 
medizinische Fakultät den Frauen erschlossen ist, von Jahr zu Jahr. 
In Krakan studierten im Wintersemester 2901/02: 

OrdentL Hörerinnen AusserordentL Hosp. 

Medizin la 6 5 

Philosophie ... 29 90 Q5 

Das sind 234 Studentinnen gegen 58a Studenten dersdben 
Fakultäten. 

In Lemberg studierten Medizin 22, philosophische Fächer 88. 
In diesem Jahre wurden auch 7 Frauen zum Polytechnikum zu- 
gelassen, und eben jetzt (Februar 290a) hat das Ministerium die 
von den Frauenvereinen erbetene Zulassung der Frauen zur 
Handelsakademie genehmigt 

Dozentinnen an der Universität giebt es noch nicht Nur 
zwd Pharmazeutinnen haben ihr Magisterdiplom in Krakau er« 
worben, und eine Medizinerin hat ihr schweizerisches Zeugnis in 
Lemberg nostrifiziert Die PrQfung pro facultate docendi fOr 
die Mädchenlyceen ist noch nicht genehmigt 

Bne besondere Frauenhochschule besteht in Lemberg seit 2868, 
die nach dem Namen ihres GrOnders «Baraniecki-Kurse'' genannt 
wird. Sie umfasst Kurse fOr Kunst, Naturwissenschaften und 
sprachlich-historische Fächer, und zwar im Kunstkursus ausser 
praktischem Zeichnen Malen und Bildhauen, Anatomie, Kunst« 
geschichte, Perspektive, Kunsttechnologie (jeder Gq;en8tand 
4a Stunden); im naturwissenschaftlichen: populäre Astronomie 
(23 Stunden), Physik, Chemie, Botanik (je 44 Stunden), Zoologie 
(55 Stunden), Mineralogie (23 Stunden), Hygiene (22 Stunden). 
Die Hörerinnen dieses Kursus sind verpflichtet, aiich an den 
Hauswirtschaftskursen teilzunehmen. Im sprachlich-historischen 
Kursus treibt man allgemeine (63 Stunden) imd pohüsche (4aStunden) 

Haadbaeh d«r Fraa«Bb«w«f «Bf. HL TdL 93 



— 354 — 

Litteratur; Geschichte (4a Stunden), P&dagogik und Aes&etik 
(21 Stunden). 

Zweifellos war es ein grosses Verdienst» aus eigenen Mittehi 
tiiese Kurse ins Leben zu rufen, und sie haben viel dazu bei- 
getragen, den Frauen einen weiteren Horizont zu geben und ihren 
Wissensdurst zu wecken. Die einjährigen Kurse waren aber nicht 
genagend, um eingehende Kenntnis des behandelten G^;enstandes 
zu vermitteln. Von x86&— 1891 waren sie von 3030 Hörerinnen 
besucht, von denen 1016 Freistellen hatten. Das Schulgeld betragt 
je nach den Gegenständen 96—79 Gulden. Um ihnen den Charakter 
freier Studienanstalten und denUntenichtderUniversitatsprofessoren 
XU erhalten, mussten die Kurse unabhängig vom Schulrat bleiben 
und sich selbst erhalten. Die Mittel dazu wurden von dem GrOnder 
(39000 Gulden) und einigen dafOr interessierten Personen auf- 
gebracht (9909 Gulden). Nach dem Tode Baranieckis führte die 
Stadt sein Unternehmen weiter. Die jahrliche Subvention beträgt 
6000 Gulden. Die Leitung hat Professor RostafiAskL Die Kurse 
sind seitdem in zwdjahrige verwandelt, nehmen Prüfungen ab und 
erteilen Zeugnisse. Man vermehrte die Zahl der Vortragsstunden 
und fügte an neuen Unterrichtsgegenständen hinzu: Mathematik, 
Biologie, Plqrsiologie, Nationalökonomie, Geschichte der Philosophie, 
Geschichte der katholischen Kirche, christliche Ethik, Die Zahl 
der Teilnehmerinnen hat sich trotz der Zulassung der Frauen zur 
Universität nicht vermindert Von 1893 — 1901 besuchten die Kunst« 
kurse 905, die wissenschaftlichen 431 Teilnehmerinnen, ein Beweis, 
dass sie einem BedOrfiiis entsprechen. 

• 
Dieser flüchtige Oberblick mag beweisen, dass der Stand der 
Frauenbildung in Galizien nicht nur andern Landern gleichkommt, 
sondern in mancher Beziehung hoher ist Die grosse Aufgabe 
ist die Ausgestaltung des SekundSrunterrichts der Madchen. Ais 
Massstab dieser Ausgestaltung gut die al^lnische Tradition von 
der gleichen Bildung für Blann und Frau. Dabei würden sich die 
Bestrebungen zur Hebung des Madchenunterrichts der in Aussicht 
stehenden Reform des Knabenunterrichts fln«rtilii>«i>n, einer Reform, 
die unter Beschränkung der klassischen Studien die naturwissen- 
schaftlichen Fächer und die körperliche Ausbildung mehr zur 
Geltung bringen soH 




Das Mädchen^chulWe^en 
in Frankreich. 

Von Profeitor Dr. J. WjehgraiiL 



Lttterator« 

P. Rottsielot, Histoire de T^ucation des femmes en Fnmce. 
a BAnde. Paris z88a. ^ Oct Gröard. L'Enseignement Secondaire 
des filles. Paris X8Q3. — Camille Söe, Lyc^es et coU^es de jennes 
filles. Paris» 7. AufL Z9oa — Derselbe, Revue de Tenseigneiiient des 
jennes filles. Paris, von z88z an. — Wychgram, Das weibliche 
Unterrichtswesen in Frankreich. Leipzig z886. (Französische Über- 
setzung mit ZosStzen und Erweiterungen. Paris 2889.) — Waetzoldt, 
Das Madchenschulwesen des Auslandes, in Wychgrams Handbuch des 
höheren BlAdchenschulwesens. Leipzig 2897. ^ Mey, Frankreichs 
Schulen in ihrem organischen Bau und ihrer historischen Entwicklung, 
a. AufL Leipzig Z90Z. — Braggemann und Groppler, Das Volks- 
und Fortbildungsschulwesen Frankreichs im Jahre z9oa Berlin Z90Z. 



J-/as höhere Mtdchenschulwesen Frankreichs als Veranstaltung 
der öffentlichen Gewalten ist verfaflltniamAssig jung; es stammt 
erst aus dem Jahre z88o imd ist durch einen g e s etzgeberischen 
Akt geschaffen worden. Gleichwohl sind die Bestrebungen, den 
Mädchen eine dem Wesen und den besonderen BedOrfnissen 
ihres Geschlechtes entsprechende Bildung zu geben, in Frankreich 
alter als in irgend einem Lande; das spiegelt sich in einer sehr 
umfangreichen, bis in das 24. Jahrhundert zurQckrdchenden 
Litteratur und in bedeutenden Veranstaltungen Privater wieder. 

litterarische Erörterung der auf lladchenerziehung und »unter« 



— 356 — 

rieht bezQglichen Fragen bq;innt mit Pierre Dubois und 
Christine de Pisan und erreicht einen Höhepunkt in dem 
berühmten Traktat F^nelons: De l'^ducation des filles, der nicht 
nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland (A. ä Francke) 
grossen Widerhall fand. Fast gleichzeitig mit Ftoelon schrieb 
Mme. de Maintenon ihre (von Grdard neuerdings herausgegebenen) 
Avis aux maltresses de St Cyr. Das x8. Jahrhundert ist besonders 
reich an Schriften, die eine bessere geistige Bildung der Frau 
beArworten (u. a. 1730 Abh6 de St Pierre» Projets pour 
perfectionner I'^ducation des filles; Z779 Mme. de Miremont, 
Trait^ de T^ducation des femmes et cours complet de 
rinstruction). Insbesondere sind die in den Verhandlungen der 
Versammlungen der Revolution vorgelegten Denkschriften über 
eine grundlq^de Neugestaltung des Madchenunterrichtes von 
Condorcet und Lakanal von grosser, wenn auch nicht prak- 
tischer Vynrkung gewesen. Wenig mehr als eine Umschreibung 
und nur dann tmd wann eine Weiterentwicklung der pädagogischen 
Ideen der Revolutionszeit enthalten Schriften der ersten Hfllfte 
des achtzehnten Jahrhunderts wie: Mlle. de R^musat, Essai sur 
r^ducation des femmes, 182^ Mme. Guizot, £ducation domestique 
ou lettres de famille sur I'^ducation, z8a6; nur die noch heute 
sdir lesenswerte Education progressive ou ^tude du cours de la 
vie der Mme. Necker de Saussure erhebt sich über diese 
Schriften, zumal durdi feinsinnige Darlegungen psychologischer 
tmd methodischer Art 

Die praktischen Veranstaltungen entsprechen zu keiner Zdt 
der litterarischen Erörterung. Im siebzehnten Jahrhundert ist nur 
der Versuch der Mme. de Maintenon merinvürdig, auf durchaus 
weltlicher Grundlage eine geschlossene Unterrichtsanstalt f&r 
Madchen zu gründen, das Institut de St Cyr, das allgememer 
bekannt ist durch den Umstand, dass Racine filr die von den 
Schülerinnen veranstalteten Feste seine Schauspiele Esther und 
Athalie geschrieben hat Die didaktischen Ergebnisse dieses Ver- 
suches sind gleich den erzieherischen nicht erheblich gewesen, 
tmd nach wenigen Jahren nahm Mme. de Blaintenon ihre Zuflucht 
zu althergebrachten Formen der Erziehung, indem sie St Cyr in 
ein reguläres Kloster verwandelte. Der Misserfolg lag indessen 
weniger an einem Mangel richtiger Einsicht (vielmehr zeigen die 
obenerwähnten Avis durchaus gediq^e pädagogische An- 
schauungen der Frau von Maintenon) als an der Einwirkung des 
Hofes, die sie nicht verhindern konnte. Im 18. Jahrhundert be- 



— 357 — 

hemcbt, wie in den vorhergehenden« die Kirche durchaus den 
Unterricht der weiblichen Jugend; ikst ausnahmslos wurden die 
Töditer der gebildeten Stande im Kloster erzogen, und die Mehr- 
heit der gleichzeitigen Urteile lautet äusserst abflülig Qber das, 
was die Lehrschwestem sowohl in didaktischer als in erzieherischer 
Hinsicht leisteten. Immerhin dOrfte die klösterliche Erziehung 
doch der häuslichen noch Qberl^en gewesen sein; was hiervon 
von glaubwQrdigen Personen erzahlt wird, bestätigt nur die tief- 
gehende Entartung der französischen Familie um jene ZmL 

Gegen diese Verderbnis bilden die Reformprojekte I,akana1s 
imd Condorcets die natOrliche Reaktion, als deren Vorarbeiter 
man Talleyrand nennen muss. Alle drei verlangen völlige 
Gleichstellung der Frau mit dem Bianne, dafem der Volksschul- 
unterricht in Betracht kommt; ausserdem — am eingehendsten hat 
das Condorcet motiviert*) — dringen sie auf die Errichtung 
besonderer Sekundär- sowie Gewerbeschulen für Madchen. Hat 
die Revolution selbst nichts Positives an Anstalten geschaffen, so 
hat sie doch der Entwicklung einen starken Impuls gegeben durch 
das Gesetz vom 19. Dez. 2793, durch das, en^^egen den anfangs 
auf reine Staatsschulen gerichteten Tendenzen der Revolution, 
unter gewissen Kautden eine weitgehende Unterrichtsfireiheit 
gewährt wurde. So hat sich, umsomehr als die nachfolgenden 
Rq;ierungen, auch die Napoleonische, an jenem Prinzip festhielten, 
ein sehr ausgedehntes Privatschulwesen entwickelt; es waren die 
Anstalten, die unter dem Namen pensionnats und pensions de jour 
bis auf den heutigen Tag bestehen und die bis auf den Gesetzea- 
antrag des Herrn Camille S^e in Gemeinschaft mit den Klöstern 
fast die einzigen höheren Bildungsanstalten fOr das weibliche 
Geschlecht gewesen sind. Das Prototyp dieser Anstalten schuf 
Mme. de Campan, eine Frau von ausserordentlicher Bedeutung, 
die ehemalige Lehrerin der Hortense und Emilie Beauharnais, 
spater von Napolten an die Spitze der Erziehungshauser der 
L^on düonneur in Ecouen berufen. 

Die höheren Privatmadchenschulen entwickelten sich mit dem 
Erstarken des BOrgertums gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts 
in durchaus erfreulicher Weise; der Staat griff insofern ein, als 
er diejenigen unter ihnen, die nach Lehrkörper, Studiendauer und 
Lehrzielen aber den Durchschnitt hinausgingen, der Volksschul- 



I) VgL Um«, d« Gcalit, Ad*le et TUodor« IL ^ 

S) VgL Coadorect, Oaq a ^to drea snr FiaslniatoB pobliqM lUm.i o. • ia 
Oot!VI<m conplkm Bd. IL 



- 358 - 



au&icht entzog und sie unmittelbar den (mit den preussischen 
Provinzialschulkoll^lien zu vergleichenden) Akademieverwaltungen 
unterstellte. Zu diesen Privatschulen, die im übrigen hinsichtlich 
ihres Programms und ihrer Organisation bunte Verschiedenheit 
aufwiesen, gesellten sich dann gq^en Ende der sechziger Jahre 
die sogenannten Cours de la Sorbonne. Ins Leben gerufen 
durch die auf Anregung Jules Simons entstandene »Association 
pour Tenseignement secondaire des jeunes filles'', die auch die 
thttige Unterstützung des damaligen Kultusministers Duruy erfohr, 
wurde in diesen Cours eine planmflssige Erweiterung der durch 
die besseren Privatschulen vermittelten Madchenbildung angestrebt; 
sie fimden statt in Gebäuden des Staates und der Munizipalität 
•und wurden gehalten von der Elite d^ Gymnasiallehrer. 

Immeriiin genügten doch die Privatschulen und die Cours 
nicht dem von weiten Kreisen der Bourgeoisie empfundenen Be- 
dür&is; sie boten weder eine organisch sich aufbauende Schul- 
bildung noch auch waren sie in hinreichender Anzahl über das 
ganze Land verbreitet; nur Paris und die allergrössten Centren 
hatten Nutzen von ihnen. Daher setzte sehr bald nach dem Kriege, 
veranlasst auch durch den Ernst der Zeit» eine Bewegung ein auf 
Errichtung staatlicher und kommunaler höherer Madchenschulen 
in allen Stftdten Frankreichs. An der Spitze dieser Bewq^ung 
stand der Staatsrat Camilie Sde, gestützt von einer Reihe der 
hervorragendsten Männer Frankreichs, wie Jules Simon, Jules 
Ferry, Henri Martin, Octave Gr^ard, ErnestLegouv^ u. a. 

Im Jahre 2879 reichte Camilie S^e einen Antrag auf plan- 
mflssige Errichtung von öffentlichen höheren Mfldchenschiilen beim 
Abgeordnetenhause ein. Nach viel£schen, sehr heftigen und fOr den 
damaligen Zustand der öffentlichen Meinung sehr charakteristischen 
Kflmpfen wurde dieser Antrag Gesetz am 21. Dezember x88o; ge- 
ringe Modifikationen des Wortlautes, die insbesondere vom Senate 
gewünscht worden waren, thaten der allgemeinen Tendenz keinen 
Abbruch. Das Gesetz bestimmt x. dass der Staat, in Gemeinschaft 
mit den Departements und den Städten, höhere Unterrichtsanstalten 
fOr Mfldchen errichten wird; 2. dass diese Anstalten grundsätzlich 
Externste sein sdlen; jedoch wird die Errichtung von Intemats- 
veranstaltungen im Bedürfhisfalle nicht ausgeschlossen sein; 3. dass 
der Staat, die Departements und die Kommunen Freistellen in ge- 
nügender Zahl an diesen Anstalten stiften werden; 4. dass der 
Unterricht folgende Gq;enstande umfassen soll: Moralimterricht; 
Muttersprache und heimische Litteratur; allgemeine Kenntnis der 




— 359 — 

alten und neueren Litteraturen; Geographie; firanzösische Ge* 
schichte und Oberblick Qber die allgemeine Geschichte; Rechnen, 
nebst den Dementen der Arithmetik und Geometrie; Chemie; 
Physik; beschreibende Naturwissenschaften; Gesundheitslehre; 
Haushaltungskunde; Handarbeiten; allgemeine Gesetzeskunde; 
Zeichnen; Gesang; Turnen; 5. der Religionsunterricht wird von 
den Geistlichen der betreffenden Religionsgesellschaften in den 
Schulgebfluden, aber ausserhalb der lehrplanmässigen, im Staats- 
auftrage erteQten Unterrichtsstunden gq^ben; die Wahl der be- 
treffenden Geistlichen unterliegt der Genehmigung des Unterrichts- 
ministers; 6. mit den Anstalten können pAdagogische Kurse ver- 
bunden werden; 7. zur Aufnahme ist das Bestehen einer PrQfimg 
erforderlich; 8. die Anstalten haben ein förmliches Abgangs- 
examen, Qber das ein Diplom ausgestellt wird; 9. die Leitung der 
Anstalten darf nur von einer Frau geführt werden; der Unterricht 
wird von geprüften Lehrern tmd Lehrerinnen erteilt 

Die vom Conseil Sup6rieur de T Instruction Publique aus- 
gearbeiteten LehrpULne wurden durch die Ausfbhrungsverordnung 
Duruys vom 98. Juli 1882 amtlich eingefohrt Die lyc^es de 
jeunes filles sind fünfklassig, sie nehmen die SchQlerinnen nach 
vollendetem X2. Lebensjahre auf und behalten sie bis zum voll- 
endeten siebzehnten Jahre. Die Klassen zerfidlen in zwei Gruppen, 
einen Unterkursus (x. — ^3. Jahr) und einen Oberkursus (4. und 
5. Jahr). Die durch jene Ausführungsverordnung eingeführten 
LebrplAne haben von 1882 — 1897 bestanden, sind in letzterem 
Jahre von einer Konunission des obersten Untemchtsrates neu 
durchberaten und in wesentlichen Punkten umgestaltet worden. 
Den neuen Planen liegt folgende Stoff- und Untemchtsverteilung 
zu Grunde. 

PRKMTftRE ANN£E. 

Langue et littdmtnre fiwfaises 5 heures. 

Langues Vivantes 3 heures. 

Histoire a heures. 

Geographie z heure. 

Mathdmatiques a heures. 

Histoire naturelle z heure. 

Coutnre a heures au minimum. 

Dessin a heures au mmtfnnm 

Solf&ge z heure au minmint^, 

G3nauiaatiqtte x heure Vi an minimum, 

Total ao heures Vf 



DEimtHE AKN££. 

Langue et litUratnn fruifaües 5 henret. 

Languet vivtntei 3 heitres. 

Hätoire 3 heures. 

Gfognphie i beare. 

Mathäutiqaes a heoies. 

Histoire mtardle i henre. 

CouOire 8 henm in """""Tim 

Desnn s hemt «a mmimam. 

Solche I henre au mioininm. 

GjFmiiattiqae i henre '/i an minimmn. 

Total ao henrea ■^. 

TR0ISI£ME ANNtE. 

Uocale I henre. 

Langne et litt^nOtre fintn^aiaea 3 henra ■/„ 

Languet Vivantes 3 henres. 

HiHotre 

Gtfogr^thie i henre. 

Matbämatiques 

Physiqne et chimie 

£conomie domeatiqne et hygiine . . . . la confiirencea de i h. 

CoBture 

Deatin 

Solf^ 

Gymnaatiqne i henre '/i au i 

ToTAI. ai henre«. 

QUATRitME AItN££. 

Horale i henre. 

Lai^e et littäatore francaiaea 3 heurea. 

■ndennes i beere. 

■ Vivantes 3 henres. 

Histoire a henres. 

Gtegraphie Vi henre (x h. peadant 

an aemcBtre). 

Cosmognphie i/i henre (i h. pendant 

un semettre). 

Plqrsiqoe i henre Vi- 

Anatomie, pbysiologie animale et vtfgttale, 

bygiiae i henre. 

ToXAI, 13 henres Vf 




- 36x - 



COXJSS PACULTATIFS. 

Uath^matiques a heitres. 

Langue vxvante compl^mentaire a heores. 

Coutnre a heores au miniinqTn. 

Dessin a heures au minimqm. 

Solfi&ge z heure au minimqTn. 

Gymaastique i heure 'A ao mminmm. 

Total lo heures Vi- 

Total otstRAL 84 heures. 

cinqui£me ann£e. 

Psychologie appliqu^ k la morale et k 
röducation a heures. 

Langue et litterature fran^aises a heures. 

Littdratures ^trangires z heure. 

Langues Vivantes 3 heures. 

Histoire a heures. 

Notions de droit usuel Vt heure (z h. pendant 

un seniestre). 

Physique et chimie a heures. 

Anatomie, Physiologie animale et v^gtftale, 
hygi^ne z heure. 

Total Z3 heures Vt. 

COXJSS PACULTATIFS. 

Math^matiques a heures. 

Langue vivante compkmentaire a heures. 

Couture a heures au minimum. 

Dessin a heures au minimum. 

Solf^e z heure au minimum. 

Gymnastique z heure Vt au minimum. 

Total zo heures Vt. 

Total G^znftSAL .... . 24 heures. 



Der oberste Unterrichtsrat veröffentlichte gleichzeitig mit vor- 
stehendem Progranun ausgefohrte Lehrplftne, die f&r den Unter- 
zichtsbetrieb sämtlicher Anstalten massgebend sind. Sie sind zu 
umfiuigreich» als dass sie hier ihrem ganzen Inhalte nach ab- 
gedruckt werden könnten. CharakteristiBche Punkte sind folgende. 
In den drei obersten Unterrichtsjahren wird eine zusammenhangende 

I) CabIU« S4«, Lm Ijcim et eoD*f« d« J«8DM SQm. Pttls 19001 S.7S«C 



_ 302 — 

EinfOhrung in die Moral und Phflosophie g^eben, d. h. es werden 
die Grundb^riffe unseres sittlich -sozialen Lebens erörtert und, 
unter Heranziehung auch der historischen Entwicklung, die ethischen 
Probleme in gemeinverständlicher Weise behandelt Im letzten 
Jahre schliesst sich unmittelbar daran eine, auch auf pädagogische 
Dinge zielende Erörterung der psychologischen Grundb^riffe. — 
Der Unterricht in französischer Sprache und Litteratur gdit, der 
Grundtendenz des ganzen französischen Unterrichtswesens gemäss, 
unvergleichlich viel weiter als der entsprechende muttersprachliche 
Unterricht in Deutschland. Es wird nicht nur ein fbr uns ganz 
ungewohntes Gewicht auf die schriftliche und besonders mOndliche 
Handhabung der Muttersprache gelq^ sondern auch eine Einsicht 
in ihre Wandlungen und ihren Bau vermittelt; die Schriftsteller» 
lektOre, bei der stark auf die private Beschäftigung der Schüle- 
rinnen gerechnet wird, ist sehr ausgedehnt; ihr Schwergewicht 
liegt auf dem siebzehnten Jahrhundert, doch auch das x8. kommt 
in den ftlr unsere moderne Entwicklimg wichtigen Erscheinungen 
(Voltaire, Rousseau, Montesquieu) wohl zu seinem Rechte. Da- 
g^en tritt die Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert verhältnis- 
mässig zurück. In den letzten beiden Jahren wird auch ein Über- 
blick über die griechische, lateinische imd die modernen Litteraturen 
g^eben an der Hand der Lektüre ausgewählter Stücke; hierzu 
werden Chrestomathien gebraucht mit kinrzen Proben, wahrend 
der Unterricht in der heimischen Litteratur das gesundere Prinzip 
der vertiefenden Lektüre ganzer Werke durchführt — Der Unter- 
richt in den fremden Sprachen wird heute durchw^ nach der bei 
uns so genannten Reformmethode ertdlt; doch ist das Lehrziel 
der Anstalten mehr die Lektüre der Klassiker als die möglichst 
gewandte praktische Handhabung des fremden Idioms. <) — In der 
Geschichte, die aufs engste mit der Geographie didaktisch 
verbunden ist, stehen die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge 
an erster Stelle. — Der Rechenunterricht mündet (3. bis 5. Schuljahr) 
in die Behandlung der Planimetrie, Stereometrie und Algebra; mit 
ihm ist auch verbunden die Behandlimg der astronomischen 



t) Etaigm dtotsdM W«kc mOfco ■ndentan. welch« AnwiU fetroffcnnd wm cmkht 
wM. Zmm Jahr: Hcbd, Sfhitrkltflithi ; Niebnhr, Enlhlimf«a aas der tu e ch li rh e n 
Hddeueit; Lcediif Fabela. — Zweites Jdta*: Aaerbecfa Berfteeele; Beaediz, Hnietfaeeter; 
Spgrri, HddL — Drittes Jahr: MSaas TOBBanihelm, Gdts, Wühela TeU; FrsTtaf, Bilder aas 
^ > — tsd ier VerfaBgtBhcit; Griaai, VöDumMrchea; Chanrisso, ScUeaflü; WOdemath, 
SntUaafea. * Viertes Jahr: Nadiaa, Ilaria Staart, Henauia aad Dorothea; UUaad, 
Heiae; Goethea aad ScfaiUers Lyrik. * Fttaftes Jahr: Ipfaigeale, WaHeasteiB 0m Aassaf), 
ZMcbtaaf aad Wahriielt (eiaielae Bacher); FeaditeralebeB, Diltetik der Seele; Falda 
Talisman 




— 3^ — 

Dementarbegriffe. — Die Physik wird lediglich e]q>erimental 
gelehrt; in den grosseren Schulen ist den Zöglingen reichliche 
Gel^enhdt geboten, die Experimente selbst zu machen; es ist in 
dieser Hinsicht deutlich der Fjnfluss wahrnehmbar, den die 
modernen amerikanischen Schulzustftnde, die von mehreren 
französischen Pädagogen, z. B. Buisson, Compayrö, genau 
studiert worden sind, auf die französischen Schulen ausgeObt 
haben. — Eigenartig ist der Unterrichtskursus in Haushaltskunde 
und Gesundheitslehre, von denen die e rst e re sich auch auf die 
Lehre von den Versicherungen und auf die Buchhaltung ausdehnt 
Hinsichtlich der Organisation finden sich folgende EigentQm» 
lichkeiten der lyc^es de filles. Die beiden Oberkurse zerüsdlen in 
Cours obligatoires und G>urs facultätüs; der ersteren Gruppe sind 
die grundl^enden nationalen Fftcher und eine fremde Sprache 
zugewiesen, der andren Mathematik, die zweite fremde Sprache 
und die technischen Fächer. Diese Einrichtung dient in gleicher 
Weise als Schutz gegen OberbOrdung und zur Vertiefung imd 
Konzentrierung. — Die Leitung der. Lyctfes et coUiges de filles 
liegt grundsätzlich und thatsachlich allenthalben in der Hand von 
Frauen. Die Lehrkräfte waren zunächst, da man noch nicht Ober 
die genügende Zahl gut vorgebildeter Lehrerinnen verfQgte, 
minnlich und weiblich; jetzt dürften nur wenige Anstalten noch 
Lehrer haben, jedenfalls sind sie nur im Nebenamt beschäftigt 
Alle Anstalten ressortieren unmittelbar von dem Akademierektor 
und werden von den Inspecteurs d'Acaddmie (etwa unsem Pro- 
vinzialschulrSten entsprechend) beaufsichtigt — Die meisten An- 
stalten sind mit Ganz- oder Halbintematen verbunden, obgleich 
auch heute noch der Extematscharakter gesetzlich ist Man hat 
durch die Errichtung von Logier- und Verpflegungsgelqpenheiten 
dem Herkommen Rechnung tragen müssen. — In dem inneren, 
disziplindlen Betrieb zeigt sich ebenfalls stark der T^iwfl^iiw des 
auch von den heutigen französischen Pftdagogen durchaus nicht 
mehr gebilligten Herkommens; so ist z. R das Frflmienwesen der 
Knabengymnasien fast ohne Unterschied auch auf die höheren 
Madcheüchulen übertragen. Angenehm berührt es, dass alle 
Schülerinnen, Externe wie Interne, eme einheitliche Tracht tragen, 
solange sie sich im SchulgebSude aufhalten (schwarzes Obericleid). 
Schliesslich sei noch erwähnt, dass mit vielen lyc6es und coUiges 
sogenannte Oasses pr^paratoires verbunden sind, deren Lehrplan 
auf den Emtritt in die eigentliche höhere Madchenschule vor- 
bereitet Es sind 3 Klassen (9. — zz. Lebensjahr), in denen auch die 



— 364 — 

fremden Sprachen schon getrieben werden. Ihnen geht sehr oft 
noch eine sogenannte Ciasse enüantine voraiiC die unmittelbar an 
das erste Volksschuljahr bezw. an den häuslichen Unterricht im 
Lesen und Schreiben anschliesst 

Im Jahre 1900 gab es, abgesehen von dem Ijc^ in Tunis, 
69 lyctfes und coU^es. Staat, Departements und G>mmunen haben 
diese Anstalten mit einem Kostenauiwand von insgesamt etwa 
29 Millionen geschaflTen; die jährlichen Betriebskosten belaufen 
sich auf etwa 4 Millionen, wovon etwa eine Million durch das 
Schulgeld gedeckt wird. 

In engstem Zusammenhang mit den lyc6es und colliges steht die 
grosse Ecole normale supörieure de l'enseignement secon- 
daire des jeunes filles. Sie ist, ebenfalls auf Antrag des Staats- 
rates Camille Sde, im Jahre z88x beschlossen und bald nachher 
eröffiiet worden. Sie befindet sich in Sivres. Ihr Zweck ist es, die 
vollberechtigten Lehrerinnen für die Oberklassen der ii<Vheren 
Mädchenschulen auszubilden. Die Anstalt ist durchaus eine wissen- 
schaftliche; sie steht nach ihrer Bestimmung imd ihren Leistungen 
noch über dem Universitätsunterrichte, gleichwie auch die berühmte 
Ecole normale für Gymnasiallehrer in der Rue dXJlm in Paris nur 
die geistige Elite der Studenten zur Weiterbildung aufnimmt Das 
unmittelbare Ziel der Anstalt zu S^vres ist, die Zöglinge zur 
Agr^iation, dem ^Oberlehrer^ezamen vorzubereiten. Diese Prüfung 
wird imterschiedslos von männlichen und weiblichen Kandidaten 
abgeleistet; sie ist Konkurrenzprüfung, d. h. es werden nur so 
viele Prüflinge f&r bestanden erklärt, als jeweilig Oberiehrerstellen 
an den Anstalten des Landes vakant sind. Die Prüfung kann je- 
weilig nur für ein einziges Fach abgeleistet werden; ihre An- 
forderungen sind höher als die des deutschen Oberlehrerexamens, 
insofern als zu der Voraussetzung selbständiger wissenschaftlicher 
Arbeit noch die Forderung eines recht erheblichen Masses von 
schriftlicher und ' mündlicher Darstellungskunst hinzutritt, worauf 
bei uns bekanntlich zum grossen Nachteil der Schulen und des 
Jugendimterrichtes selber fiast kein Gewicht gelegt zu werden pflegt 

Die Hochschule zu S^vres hat drei Jahrgänge für jede der 
beiden grossen UnterrichtsstoflQpiippen (lettres imd sdences). Der 
Unterricht wird überwi^end von Professoren der Sorbonne erteilt 
Die Signatur desselben ist selbständige Arb^t der Schülerinnen, 
die übrigens alle im Alter der deutschen Studenten stehen. Der 
Professor ist nur der Leiter dieser Arbeiten; man kann die 
Methode am ersten vergleichen mit der in unseren historischen. 



— 3ß5 — 

sprachlichen u. s. w. UniversiUUsseminarien; nur in einem wesent- 
lichen Punkte unterscheiden sie sich doch von diesen* das ist die 
BerQckaichtigung der Anforderungen des spateren Amtes. Nicht 
als ob .besondere Unterrichtsprazis geObt wQrde; eine Obungs- 
schule ist Oberhaupt nicht vorhanden. Dagegen dient der spateren 
unterrichtlichen Tliatigkeit mittelbar, aber sehr vorteilhaft , die 
unausgesetzte Rockaicht auf die Form der Darstellung, den münd- 
lichen und schriftlichen Gebrauch der Sprache, und endlich die 
Sto£Fwahl, die sich stets auf wirklich bedeutende Gegenstände 
erstreckt; die weder mit dem künftigen Amt, noch auch mit irgend- 
welcher aUgemeinen Idee zusammenhangende, handwerksmastrige 
Kleinarbeit, mit der der deutsche Student so viel wertvolle Zeit 
vargeuden muss, kennt die Vorbereitung in S^vres so wenig wie 
die der Gymnasiallehrer an der Pariser Normalschule. Die Grund- 
satze der Arbeit, die seiner Zdt von Männern wie Octave Gr^ard, 
Eraest Legouv^ Z6vort imd Lemonnier aufgestellt worden sind, 
finden sich in dem oben dderten Sammelwerk von Camille S6t 
S. 984 ff. und 99681 

NatOrlich kann die Ecole normale supdrieure von S^vres 
nicht sämtliche höheren Madchenschulen des Landes mit Ober- 
lehrerinnen versehen; daher bereiten sich auf das Amt viele 
Damen auch auf den Universitäten vor. Die meisten gelangen 
allerdings nicht zur Agrdgation, sondern b^nOgen sich mit dem 
sogenannten Certificat d'apdtude pour l'enseignement secondaire 
des jeunes filles. Dieses Examen ist anders organisiert als die 
Agrdgation und hat einen minder wissenschaftlichen, mehr prak- 
tischen Charakter, ist aber auch recht schwer. In den unteren 
und mittleren Klassen (Qasses prdparatoires und erste ^Pdriode* 
der dasses secondaires) berechtigen auch nundere Examina zur 
Unterrichtserteilung. 

Die Besoldung der Direktricen und Lehrerinnen an den rein 
staatlichen lycdes de filles ist recht gut Die Direktricen erhalten, 
dafem sie die Agrdgation bestanden haben, 5000—6500 Qn Paris 
5500—7000) Pres.« die mit minderen Profungen 4000 (4500)— 6000 
(6500). Die professeurs titulaires (die eigentlichen Oba-lehrerinnen 
mit voller akademischer Bildung — agr^tion — ) 3000 (3500) bis 
4200 (4700), die mit minderen Prüfungen 3500 (3000) — ^3400 (3900). 
— Die Zeichenlehrerinnen ; z8oo (2400)— 2400 (3000); die Tum- 
lehrerinnen: 1200 (z6oo) — x6oo (2000); die Handarbeitslehrerinnen: 
z8oo (2300)— 2700 (3200); die Gesanglehrerinnen:' 1200 (z6oo) bis 
z8oo (2200). Der gesamte Verwaltungsdienst in den lyc6es wird 



- 366 - 

auch von Frauen verrichtet insbesondere auch die finanziellen 
Obliegenheiten des 6cononiat). — In den coU&ges de filles 
(stadtischen Patronats) sind die Gehalter erheblich geringer 
(Direktricen 3600—4000; Oberlehrerinnen 9500—3400). 

Bemeri:t sei noch» dass wenn auch die Aufsicht Ober den 
Unterrichtsbetrieb in den lyc6es und coU&ges dem Unterridits- 
minister und seinen Organen (s. o. S. 3^ unmittelbar zusteht, 
andrerseits doch erheblichere Veränderungen in dem Lehrplan dem 
Minister nur nach Anhörung des aus verschiedenen Lebenskreisen 
zusammengesetzten Conseil Sup^eur de Ilnstruction Publique » 
zu dem auch Lehrerinnengehören, zu vollziehen gestattet ist 

Auch im Volksschulwesen der dritten Republik ist der 
Frau eine durchaus führende Rolle in den Mädchenschulen Ober- 
tragen worden; sämtliche Madchenschulen, dafem sie selbständige 
Ganze bilden, sind nur mit Lehrerinnen besetzt Hierbei ist 
fireilich zu berOcksichtigen, dass die französische Regierung die 
Verheiratung der Lehrerinnen ohne irgendwelche Rückwirkung 
auf ihre amtliche Stellung zulässt, ja man wOnscht sogar grund- 
sätzlich verheiratete Lehrerinnen. In sehr zahlreichen kleineren 
Gemeinden ist die Lehrerin die Frau des mit ihr wirkenden 
Lehrers. — FOr den Volksschuldienst wird die Französin auf den 
Volksschullehrerinnenseminaren (öcoles normales primaires) vor- 
bereitet, deren jedes Departement eins besitzt Auch der Unter- 
richt in den Seminarien liegt fast durchw^ in den Händen von 
Frauen. Um aber f&r diesen Unterricht alle Garantien zu schaffen, 
hat man eine besondere Ausbildungsanstalt für Seminar- 
lehrerinnen (6cole normale sup^eure de Tenseignement primaire 
de jeunes filles) in Fontenay-auz-Roses bei Paris errichtet 
Auch in dieser Anstalt herrscht ein wissenschaftlicher Geist; sie 
ist eine Art Hochschule mit starker Betonung des individuellen 
Studiums. Eine sehr starke Rolle spielt natOrlich die Pädagogik, 
ihre Theorie, ihre Hilfswissenschaften und ihre Geschichte. Auch 
diese Anstalt wird, wie die zu Sivres, von einer Frau geleitet, 
doch steht ihr ein Directeur d'dtudes zur Seite, was bis vor 
kurzem einer der ersten Schulmänner Frankreichs, der Greneral- 
inspektor P6caut, gewesen ist 

Dass das Kindergartenwesen ganz und gar in den Händen 
von Frauen Uegt, ist selbstverständlich; da es vielfach, ja vor- 
wi^end von den Kommunen organisiert und imterhalten wird, 
bietet es sehr zahlreichen Mädchen der unteren Volksklassen eine 
inhaltlich und oft auch finanziell recht befriedigende Beschäftigung. 



- 367 - 

FOr die gewerbliche Ausbildung der weiblichen Jugend sorgt 
Frankreich durch ein grossartig organisiertes ForAüdungs- und 
Gewerbeschulwesen (^oles primau-es sup^rieures; ^coles 
professionnelles). Die fbr das nachschulpflichtige Alter der 
Mädchen aus dem Volke (Arbeiter- und kleineren BOrgerstande) 
bestimmten Anstalten werden im allgemeinen in zwei Gattungen 
geschieden: z. die eigentliche höhere Volksschule und a. die 
gewerblichen Schulen. *) Jedoch ist bei der ersten Gattung eine 
solche Mannichfaltii^eit der Organisation vorhanden« dass sich die 
Grenzen gtgen die zu zweit genannte oft verwisdien. Die höhere 
Volksschule (£cole primaire supdrieure) setzt grundsätzlich mit 
einer allgemeinen Ford>ildung ein, erweitert darum zunächst 
den Lehrstoff der Volksschule und gdit dann zu industriellem 
Unterrichte über; jedoch finden sich auch — zumal in Paris und 
den grösseren Bevölkerungscentren -* Anstalten, in denen jene 
allgemeine Ford>ildung der gewerblichen nicht zeitlich vorangeht, 
sondern gleichzeitig (unter Verteilung auf den Vor- und Nachmittag) 
auftritt Die höheren Volksschulen haben» wenn sie als solche 
bezeichnet werden sollen, mindestens 3 Jahreskurse; ist bloss ein 
Jahreskurs vorhanden, so gilt er lediglich als cours compl6mentaire 
der gewöhnlichen Volksschule. Sehr zahlreiche höhere Volks- 
schulen aber haben drei gesonderte Klamen, einzelne auch vier; 
alsdann erst nennt man sie ^oles primaires supdrieures de plein 
ezerdce. Es giebt in Frankreich (1900) fllr beide (jeschlechter 
zusammen 486 cours compl6mentaires (393 fllr Knaben, 163 filr 
Madchen) und 376 vollständige höhere Volksschulen, in denen 
die Zöglinge bis eventuell zum z8. Lebensjahre Unterricht finden; 
von diesen sind 194 ftlr Knaben, 8a filr Madchen bestimmt Ober den 
Aufschwung, den das höhere Volksschulwesen in den 13 Jahren 
von 1884—1897 genommen hat, möge folgende Tabelle orientieren: 

Z884 Z890 Z897 

Knaben ...... az »9 99873 386ZZ 

Bfadchen jts^ ZZ099 86047 

Zusammen . . aBQ^a 40572 64658 

Es erhdlt daraus, dass die Beteiligung der weiblichen Jugend in be- 
deutend höherem Prozentsatze gestiegen ist, als die der Tnannltrhifn. 
Der Lehrplan der to>les primaires sup^eures ist nicht filr 
alle Anstalten derselbe. Man wendet in ausgiebigem Masse den 
Grundsatz an, ihn filr die verschiedenen Teile des Landes ver- 



I) VgL bten Rtppoct rar rorgMdMtiMi et U dtaitioa de Praraiga—ra f primaire 
poblk cn Fraaea. Per n ae p e cti en G^atfrala. Fuie, I iaprii Beii e aadooale 



schieden zu gestalten und die BedOr&isse, die aus den lokalen 
Industrien und Erwerbsverbaltnissen erwachsen, zu berüctiiditigen. 
Der Ministerialerlass vom ai. Januar 1693 (§ 35) setzt etwa 
folgendes fest: Moral und BOrgerlehre — französische Sprache 
und Litteratur — Geschichte — Geographie — neuere Sprachen — 
Gesetzeskunde und Volkswirtschaftslehre — Elemente der Algebra 
und Planimetrie — Kassen- und BuchfOhrung — Naturkunde in 
Anwendung auf Landwirtschaft, Handel und Gewerbe — geo- 
metrisches Zochnen ^ OmainentzeicfaiieQ ^ Modellieren — 
Turnen — Holz- und Ssenarbeiten fOr die Knaben — Nihen, 
Zuschneiden und andre Arbeiten fttr die Mädchen. Wo es 
möglich ist, d. h. in einigermassen grosseren Verhältnissen, bildet 
man besondere landwirtschafiliche, kaufmlnniscbe und gewerbliche 
Abteihu^T^. Nachfolgende Tabelle gidit eine Aufstellung Qbe- 
die Zätverteiltmg, wobei jedoch immer zu berücksichtigen ist, 
dass je nach den BedOifiissen der Landschaft oder des Ortes 
dne oder die andere Abteilung ganz w^bleibt (me z. B. die 
landwirtschaftliche in Pariser Schulen) oder bedeutend verstärkt 
werden kann (wie z. B. die geweri>licfae Abteilung ebenda). 



U nterrichtsgegenstan d 

Moral 

FranzOBiscfa 

Schreiben 

Geschichte und BOrgerlehre 

Geographie 

Lebende Sprachen 

Mathematik 

Kechnungs- und BuchfOhrung . 

Physik und Chemie 

Naturgeschichte und Hygiene . 

Acker- und Gartenbau . . . 

Gesetzeskunde und Volkswirt- 
schaft 

Zeichnen und Modeliieren . . 

Praktische Arbeiten .... 

Turnen 

Gesang 

Ijacb Bedarf zu verteilende 
Stunden 



hl 



»■ I 3- 



*V. 4'/. 



- 369 - 

Wenngleich grundsätzlich diese Aufstellungen für die Mädchen- 
schulen mit berechnet sind, so ist doch in diesen Schulen fast 
allenthalben eine starke, aber w^en ihrer Ungleichmässigkeit 
nicht ziffemmässig festzustellende Modifikation zu beobachten zu 
Gunsten einer Verstärkung des Unterrichtes in den spezifisch 
weiblichen Gewerben (Putzmachen, Korsettarbeiten und dergleichen). 
Seine höchste Entwicklung hat das höhere Volksschulwesen fOr 
Mädchen in den Pariser Schulen Ecole Sophie Germain und 
Ecole Edgar Quinet gefimden. Das Charakteristische dieser 
Anstalten ist, dass der die allgemeinen Fächer der Volksschule 
fortsetzende Unterricht gegenober der höheren Knabenvolksschule 
stark hervortritt, was seine Erklärung darin findet, dass man bei 
dem Mädchen immer auf eine starke ROckkehr in die Familie und 
auf die kflnftigen Au^pü>en der Frau und Mutter ROckaicht 
nimmt 

Neben diesen höheren Volksschulen bestdien in ganz Frank- 
reich, mitunter selbst in Städten mittlerer Grösse, eigentliche Ge- 
werbe- und Handels- und Haushaltungsschulen fbr Mädchen 
(Ecoles professionnelles et mdnagäres). Bei der sehr starken Be- 
teiligung der Frauen im Handel und Gewerbe — bekanntlich 
arbeitet die Frau, nicht nur in den unteren und kleinbOrgerlichen 
Schichten, regelmässig in dem Geschäft des Mannes mit, indem sie 
die Buch- und KassenfQhrung besorgt *- sind die Handelsschulen 
fOr Mädchen besonders verbreitet, während die Haushaltungs- 
schulen gieringere Ausdehnung haben, was sich wiederum erklärt 
einmal aus der allgemein bekannten natOrlichen Anstelligkeit der 
französischen Frau zur Führung des Haushaltes imd sodann aus 
der Anspruchslosigkeit des mittleren Borgerstandes in Bezug auf 
materielle Verpflq;ung. 

Ober die Beteiligung des weiblichen Geschlechtes (Lehrerinnen 
und Lernende) und deren Verhältnis zu der des männlichen am 
französischen Volksschulwesen ergiebt sich das Nähere aus fol- 
gender Aufstellung, ^) die den Stand von 1897 bezeichnet 

Kindergärten (dcoles matemelles): 5683 (öfientliche 9574, 
private 3109). 

Gesamtzahl der Volksschulen: 83 654 (öfientliche 67 579, 
private 16075). 

Gesamtzahl der Klassen: 145955. 



VfL Jott, Aanaairt de rEnMifiMBCBt primairB, Jahrguif vgoo. Paris Armaad Colin. 
Handbuch der Fraaenbewef eng; UL TeiL 24 



— 370 — 

Lehrpersonal der öffentlichen Volksschulen: 
56 376 Lehrer (56 373 weltlich, 3 kirchlich), 49 398 Lehre- 
rinnen (40383 weltlich, 9013 kirchlich). 

Lehrpersonal der privatenVolksschulen: X0963 Lehrer 
(1378 weltlich, 96^ kirchlich), 35540 Lehrerinnen (5500 welt- 
lich, 30040 kirchlich). 

Lehrpersonal der höheren Volksschulen: X098 Direk- 
toren, Professoren und Lehrer .für Knaben, 395 Vor- 
steherinnen und Lehrerinnen fOr Madchen; Hilfskräfte: 
422 fOr Knaben« 196 fOr Madchen. 

Zahl der SchOler in den Kindergarten: 729648 
(45a 989 in öffentlichen, 377 359 in privaten Kindergärten). 

Zahl der Schaler in den Volksschulen: Knaben 
3 747 718, Mädchen 3 713 043. 

Zahl der Schaler in den cours compUmentaires: 
ca. 15000 Knaben und ebensoviel Mädchen. 

Zahl der Schaler in den höheren Volksschulen: 
^ 989 junge Leute, zo 430 junge Mädchen. 

Da alle Schulveranstaltungen der französischen Republik 
jylalques* sind, d. h. des konfessionellen Charakters entbehren, so 
haben sie mit der sehr mächtigen Gq;ner8chaft der katholischen 
Kirche zu kämpfen. In den letzten Jahren hat die Kirche in der 
That die Staatsschulen in der Frequenz nicht unerheblich ge- 
schädigt, indem sie allenthalben Konkurrenzuntemehmimgen schuü 
Die immer noch nachwirkenden, althergebrachten Anschautmgen 
weiter Kreise aber die Erziehung der Mädchen, bei der man den 
Einfluss der Kirche am wenigsten entbehren will, erklären diese 
Erscheinung nicht genagend: von grösster Tragweite ist dabei der 
Umstand, dass'die katholischen Schulen sich die Methoden und 
alle didaktischen und materiellen Fortschritte des Staatsunter- 
richtes zu eigen gemacht haben und dass sie nach der Seite des 
Unterrichtes wie der Erziehung vortreffliche Resultate erzielen. 
So ist auch in dieser Beziehung die Unterrichtsreform der dritten 
Republik indirekt sehr nOtzlich geworden. 



Der5tand der Frauenbiidun^ in Belgien. 

Von Professor Dr. Holiirleh Bisehoff. 



Elementarunterricht. 

In Belgien besteht bis auf den heutigen Tag kein Schulzwang. 
Dem allgemeinen Gebrauche gemäss kommen die Kinder mit dem 
6. Lebensjahre in die Schule, um sie mit dem xa. zu verlassen. 
Auf dem Lande verlassen die Kinder die Schule vielfach noch 
firOher, gewöhnlich unmittelbar nach ihrer ersten Konununion, die 
fflr die Knaben in das ii., für die Madchen in das lo. Lebensjahr 
fiült Das gesetzlich festgestellte Schulalter reicht vom 6. bis 
14. Jahre. Der vollständige Elementarunterricht umfasst dem- 
entsprechend 4 Stufen. Der Unterricht der 4. Stufe, die dem Alter 
von 19 — 14 Jahren entspricht, wird jedoch nur von sehr wenigen 
Schalem besucht Nach dem letzten amtlichen Bericht Ober den 
Elementarunterricht, der bis zum Jahre 1896 reicht, waren in diesem 
Jahre von mehr als einer Million schulpflichtiger Kinder nur 
5543 Knaben und 3904 Mädchen in der 4. Stufe. Zu derselben 
Zeit befanden sich aber 36 266 Kinder im Alter von 13 — 24 Jahren 
in der Schule, ein Beweis, dass das Eintrittsalter auch sehr ver- 
schieden ist Die Absolvierung der drei ersten Stufen gilt durch- 
gängig in Belgien als volbtändiger Elementarunterricht Im Jahre 
1896 haben nur 33451 Kinder die Schule, nach vollständigem 
Unterricht in diesem Sinne, verlassen. Das trostlose Endergebnis 
ist folglich, dass in Belgien nicht einmal der 4. Teil der schul- 
pflichtigen Jugend einen vollständigen Elementarunterricht geniesst 
Dementsprechend konnten im Jahre 1896 11,41 V« Rekruten weder 
lesen noch schreiben. 

Es giebt in Belgien drei verschiedene Arten von Qementar- 
schulen: 

X. Gemeindeschulen (^coles communales). 
a. Adoptierte Schulen (to>les adopttfes). 
3. Freie Schulen (öcoles libres). 

04* 



— 37» — 

Die Gemeindeschulen stehen unter Leitung der Gemeinde- 
verwaltungen« die das Recht auf Errichtung, Ernennung des Lehr- 
körpers u. s. w. haben und die Kosten der Unterhaltung tragen 
mOssen mit Hilfe der Provinzialverwaltungen und des Staates. 
Erstere müssen das Ergebnis einer gesetzlich bestinunten Steuer- 
einnahme ausschliesslich dem Dienste des Unterrichtes widmen, 
letzterer verteilt seine Subsidien nach folgenden Bestimmungen: 

A. Einklassige Schulen: 

z. Kategorie (51 und mehr Schaler): 740 Frs. 
a. n (36—50 Schaler): 690 1, 

3- w (ao— 35 , ): 640 » 

B. Mehrklassige Schulen: 

I. Kategorie: 740 Frs. fOr eine Klasse; 640 Frs. für jede weitere. 
^ V ^ V w rine I, 590 » » » w 

3- 9 640 » ^ eine , 540 » » » » 

Adoptierte Schulen sind bestehende freie Schulen, die von der 
Gemeinde und vom Staate anerkannt werden und dann dieselben 
Vergünstigungen gemessen me die Gemeindeschulen. Die Be- 
dingungen, die eine Schule erfüllen muss, um adoptiert werden 
zu können, sind gesetzlich festgestellt*) Freie Schulen, die in 
Belgien fast ausschliesslich von Ordensleuten geleitet werden, stehen 
unter keinerlei Aufsicht — Der oberste Grundsatz der jetzigen 
Schulpolitik ist die Decentralisierung; das Schulwesen ist den Gre- 
meinden in die Hände gegeben. Wie diese sich der Schule gegen- 
über verhalten, sagt der letzte amtliche Bericht: ,,Die Gemeinde- 
verwaltungen der grösseren Orte, besonders der Städte, sind durch- 
schnittlich sehr besorgt für das Gedeihen der Schulen; sie machen 
es zu einer' Ehrensache, die ihnen vom Gesetze zugestandene Auf- 
gabe mit löblichem Eifer zu erfüllen. Anders steht es auf dem Lande. 
Sei es infolge von Untüchtigkeit in der Verwaltung, selbstischen 
Vorurteilen oder unüberwindlicher GleichgUtigkeit, die ländlichen 
Gemeindeverwaltungen legen meistens gar kein Interesse für die 



>) Le prodcdt de a centiines addhicuBicls au prindpai des contributions 
*) Dieae BediBfuafea sind folfende: z. Die Schule moM in einem passenden Lokale 
eingerichtet sein. a. Die Ldvcr oder Lehrerinnen mfisscn wenigstens xor Hilfte diplonien 
sein. 3. Die Schule muss sich dem ▼om Staate anigesteUten Lehrprogramm fügen. 4. Sie 
mnss sich der staatlichen Aufsicht unterwerfen. 5. Arme Kinder mttssen kostenlosen 
Unterricht geniessen. & Die Zahl der wöchentlichen Lehrstunden darf nicht g eiings r sein 
als zwanzig. 




— 373 — 

Schulen an den Tag; sie sind weit davon entfernt, das Schul- 
wesen als den wichtigsten Gegenstand ihrer Wachsamkeit und 
FOrsorge zu betrachten.'' 

Die Gesamtausgaben fOr den Qementanmterricht belaufen sich 
auf durchschnittlich 30 Millionen Francs jahrlich. Davon üedlen 
15 Millionen den Gemeinden zur Last, 13 Millionen dem Staate, 
2 Millionen den Provinzialverwaltungen. Die Zahl der Schulen 
und Schaler war un Jahre 1896 folgende: 

Zahl Schaler 

Kleinkinderschulen .... 2769 X64540 
Elementarschulen: 

a) kommunale 4304 475 158 

b) adoptierte 2242 276904 

Fortbildungsschulen 

(dcoles d*adultes) .... 1937 80959 

Letztere könnte man vielleicht besser als Abendschulen be- 
zeichnen, wie man sie Qbrigens durchgängig hier zu Lande nennt, 
weil sie wahrend der Winterabende fllr Erwachsene gehalten 
werden. Den Lehrplan dieser Schulen setzt die betreffende Gre- 
meindeverwaltung fest nach den lokalen BedOrfoissen. Den 
Unterricht erteilen die angestellten Gemeindelehrer imd Lehrerinnen. 
Der durchschnittliche Zuschuss, den sie im Jahre 2896 dafür 
eriiielten, betrug fOr die Lehrer 252 Frs., fiOr die Unterlehrer 306, 
für die Lehrerinnen 279, f&r <iie Unterlehrerinnen 303. 

Die freien Schulen sind teilweise vom Staate subsidiiert, teil- 
weise nicht Erstere müssen gewisse Bedingungen erfüllen und 
sich gewissen Forderungen imterwerfen — wie z. B. Annahme des 
staatlichen Lehrplans — , letztere sind in jeder Beziehung ganz 
frei, erhalten hingegen auch keine UnterstQtzung. Ein Posten von 
jahrlich 300000 Frs. ist seit 2895 ftlr die freien Schulen aus- 
gesetzt und wird nach denselben Bestimmungen verteilt wie fOr 
die Gemeindeschulen. Die freien Knabenschulen werden meisten- 
teib von den j^BrOdem der christlichen Schulen* geleitet und sind 
durchgängig stark besucht; die freien Mädchenschulen von ver- 
schiedenen weiblichen Orden. Der freie Unterricht in Belgien ist 
also fast ausschliesslich ein streng katholischer. Die jetzige 
Regierung fördert denselben nach Kräften. 

Einen Vergleich zwischen den verschiedenen Dementarschulen 
ermöglichen folgende Angaben, die ich dem letzten amtlichen 
Bericht entnehme. Der Prozentsatz der Schaler, die im Jahre 2896 



— 374 — 

die Schule nach genossenem vollständigen Unterricht (3 erste 
Stufen) verlassen haben, war folgender: 

Kommunale Schulen 96 

Adoptierte Schulen ..... 24 
Freie subsidiierte Schulen . . . z8. 

Die 4. Stufe des Qementanmterrichts war besucht: in .den 
Kommunalschiden von 3973 ScbQlem, in den adoptierten von 900, 
in den dreien von 670. 13- bis Z4jflhrige SchQler be&nden sich 
in den Gemeindeschulen in der Zahl von ^ 056, in den adoptierten 
von 8052» in den freien von 513a. Ober die ganz freien, d. h. 
nicht subsidiierten Schulen fehlt jedwede Statistik. 

Das Lehrprogramm umfasst folgende Fächer: Religion und 
Sittenlehre, Lesen, Schreiben, Rechnen, System der Masse und 
Gewichte, GrundzQge der französischen, viamischen oder deutschen 
Sprache (je nach den Ortschaften), Erdkunde, Geschichte Belgiens, 
AnfangsgrOnde der Zeichenkxmst, Gesundheitslehre, Gesang und 
Turnen. FOr Mädchen umfiust das Programm überdies Hand- 
arbeit, fOr Knaben auf dem Lande die ersten Begriffe der Land- 
wirtschaftslehre. Alle diese Fächer sind obligatorisch für jedwede 
Schule, die Anspruch macht auf eine staatliche Unterstützung. 
Den Gemeindeverwaltungen steht es jedoch frei, dieses Programm 
zu erweitem, und die gewöhnlichsten Erweiterungen betreffen die 
Einfilhrung einer zweiten Sprache neben der Muttersprache des 
betreffenden Landstriches (Französisch in Vlämisch- und Deutsch- 
Belgien, Vlämisch oder Deutsch im Wallonenlande), die Grundzüge 
der Naturwissenschaften, der belgischen Verfassung, der Geometrie, 
der Buchhaltung, Handfertigkeit fOr Knaben, Hauswirtschafts- 
kunde f&r Mädchen, -r-' Die Anzahl der täglichen . Schulstunden 
bestimmt das Gesetz vom 90. September 1884 indirekt, indem es 
einer die staatliche Anerkennung nachsuchenden Schule vorschreibt, 
einen wöchentlichen Stundenplan von 90 Stunden aufzuweisen, in 
welchem die Religion und die Handarbeit nicht einbegriffen 
sein sollen. 

Mit Ausnahme der eben angedeuteten Unterschiede ist also 
der Lehrplan für Knaben und Mädchen derselbe. Vollständig 
gemeinsamer Unterricht für Knaben und Mädchen findet nur in 
einigen ganz kleinen Ortschaften statt In diesem Falle ist ein 
Lehrer damit beauftragt, dem eine Handarbeitslehrerin für die 
Mädchen zur Seite steht Teilweise gemeinsamer Unterricht — 



— 375 — 

für die zwei ersten Schuljahre — ist etwas häufiger und wird 
meistenteils von einer Lehrerin besorgt Durchgangig sind jedoch 
in Belgien Knaben- und Madchenschulen ganzlich getrennt 

In Bezug auf die zu leistende Arbeit stehen Lehrerinnen und 
Lehrer so ziemlich gleich. Ein kleines Obergewicht zu Ungunsten 
ersterer kann nur durch den von ihnen geforderten Handiarbeits- 
untenicht bewirkt werden. Sind in ein und derselben Gemeinde 
mehrere Schulen, so kann eine Lehrerin mit der Leitung und der 
Aufsicht Ober die gesamten Madchenschulen beauftragt werden. 
Eine eigene Ortsschulaufseherin findet man in einigen grösseren 
Städten. 

Die Bestimmung des Gehaltes von Lehrern und Lehrerinnen 
stdit den Gemeindeverwaltungen fi^eL Jedoch hat der Staat ein 
Minimum festgesetzt das die Gemeinde streng innehalten muss, 
wenn sie der staatlichen Subsidien nicht verlustig gehen wilL 
Folgende Tabelle giebt einen Oberblick Ober die Gehalts Verhältnisse: 

Ober- Ober- Unter- Unter- 
lehrer lehrerin lehrer lehrerin 
5. Kategorie: Gemeindenvon zsooEin- 

wohnem und weniger zaoo zaoo zooo xooo 

4. Kategorie: Gemeinden von 1501 bis 

zoooo Einwohnern Z400 1300 xzoo zxoo 

3. Kategorie: Gemeinden von zoooi 

bis 40000 Einwohnern 1600 1400 xaoo izoo 

a. Kategorie: Gemeinden von 4000z 

bis ZOO 000 Einwohnern .... z8oo z6oo Z3oo zaoo 
z. Kategorie: Gemeinden von mehr 

als zooooo Einwohnern .... 2400 aooo Z400 zaoo 

Oberdies haben Oberiehrer und -lehrerinnen Anrecht auf freie 
Wohnung oder auf eine Wohnungsentschadigung, die folgender- 
massen bemessen ist: 

In den Gemeinden der 5. Kategorie 200 Frs. 
» a. , 600 I, 

n !• » 800 » 



Nach jemaliger vierjähriger Dienstzeit haben Lehrer und 
Lehrerinnen Anrecht auf eine Gehaltserhöhung von zoo Frs., bis 
ihr Gehalt das festgesetzte Minimum um 600 Fra. Obersteigt Im 



— 376 — 

Jahre 1896 betrug das diirchschnittliche Gebalt für Lehrer 1676, 
ÜQr Unterlebrer 1605, fOr Lehrerinnen 1642, fOr Unterlehrerinnen 
1535 Frs. 

Die Aufsicht aber die Elementarschulen wird von Provinzial- 
und Kantonalinspektoren ausgeübt Jede Provinz besitzt einen 
oder zwei General-Inspektoren, denen mehrere Kreis-Inspektoren 
untergeordnet sind. Erstere sind verpflichtet, in zweijähriger 
Jahresfrist jede Schule ihres Kreises einmal zu besuchen, letztere 
in einjähriger Frist Viermal im Jahre beruft der Kreis-Schul- 
inspektor Lehrer und Lehrerinnen zu einer Konferenz (confdrence) 
zusammen. Diese Zusammenkünfte sind ftlr beide Geschlechter 
getrennt Besondere Inspektoren ftlr den Religionsunterricht 
werden von den kirchlichen Behörden ernannt und vom Staate 
bestätigt Für die weibliche Handarbeit kann jeder Provinzial- 
Inspektor mit Bewilligung des Ministers eine Aufseherin bezeichnen, 
die jedoch kein Anrecht auf bestimmtes Gehalt, sondern nur aul 
Entschädigung ihrer Auslagen hat Einem jeden Mitgliede eines 
Gemeinderats steht es frei, füe Schulen seiner Gemeinde zu be- 
suchen, jedoch unter der Bedingung, keine Bemerkimg zu machen 
und keine Frage zu stellen. 

n. 

Gewerbe- tmd Hatishaltongsschtilen. 

Die erste Gewerbeschule für Mädchen wurde im Jahre 1865 
aus freien Mitteln in Brüssel gegründet Bald beteiligten sich 
jedoch die Brüsseler Gemeindeverwaltung und der Staat durch 
Gewährung von Subsidien an dem Unternehmen, das schndl 
aufblühte. Der Unterricht umfasst allgemeine und professionelle 
Lehrfächer, namentlich das Malen auf Spitzen, Fächön, Porzellan, 
Fayence, Stoffen und Glas, das Nähen und die AVäsche, das 
Schneidern, die Kunstblumenfabrikation und Handelslehre. Eine 
zweite derartige Schule wurde 2873, auch aus freier Initiative, in 
Brüssel gegründet Ihr heutiger Lehrplan ist nahezu derselbe, wie 
der eben angeführte. Im Jahre 1884 wurde in Brüssel mit Unter- 
stützung der Eisenbahn Verwaltung, ein Unterrichtskursus für 
Eisenbahn-, Post- und Telegraphenwesen gegründet Im Jahre x888 
gründete der „Verein für den gewerblichen Unterricht der Frauen* 
ebendort eine dritte Schule, die zugleich Haushaltungsschule ist — 
Dem Beispiele von Brüssel folgten bald die andern Städte. Die 
ersten gewerblichen Schulen für Mädchen wurden gqjündet in 



— 377 — 

Antwerpen 1874, Mons z886, Verviers 1886, Gent z888. Im 
BrOsseler Vororte St Josse- Ten -Noode wurde seit z886 der 
Elementarunterricht mit dem gewerblichen in der Weise verbunden, 
dass der Vormittag ersterem, der Nachmittag eines jeden Schul- 
tages letzterem gewidmet war. Die Neuerung hatte grossen Erfolg 
und ist vielfach nachgeahmt worden. 

Die erste Haushaltungsschule wurde 1873 in Couillet (Provinz 
Hennegau) gegrQndet durch den Fabrikdirektor Smits. Gelegentlich 
eines Besuches dieser Schule überzeugte sich der Prinz von Chimay 
von der Nützlichkeit derartiger Anstalten und widmete sich mit 
Begeisterung ihrer Verbreitung. In rascher Folge entstanden 
auf seine Anregung eine Reihe von Haushaltungsschulen in der 
Provinz Hennegau,' deren Statthalter er war. Im Jahre 1877 
wandte er sich an die Regierung mit der Bitte, sein Unternehmen 
zu unterstützen. Diese erklärte sich gerne dazu bereit unter der 
Bedingung, dass die neu zu gründenden Schulen mit den be- 
stehenden Gemeindeschulen verbunden werden sollten. Ein 
amtlicher Lehrplan fOr Haushaltungsschulen erschien jedoch erst 
im Jahre 1887. Im Jahre 1889 wurde von der Regierung für jede 
Provinz ein Komitee ernannt mit dem Auftrage, den Haushaltungs- 
unterricht zu fördern. Seit 1891 sind besondere Aufseherinnen 
für denselben ernannt worden. 

m. 

Der mittlere Unterricht 

Den mittleren Unterricht erster Stufe nennt man in Belgien 
denjenigen, der zwischen dem Dementarunterricht imd dem 
Gymnasialunterricht steht; letzterer heisst hierzulande der mittlere 
Unterricht zweiter Stufe. Wir haben uns hier nur mit dem 
mittleren Unterricht erster Stufe zu beschäftigen, da derjenige 
zweiter Stufe, der Gjmnasialunterricht also, für Mädchen voll- 
ständig fehlt Der mittlere Unterricht für Mädchen ist erst durch 
das Gesetz vom 15. Juni 1881 geschaffen worden. Mit einem 
Schlage wurden 50 mittlere Mädchenschulen ins Leben gerufen, 
die ausschliesslich vom Staate unterhalten wurden. Die jetzige 
Regierung hat diese Zahl auf 34 herabgedrückt, dagegen die 
freien Schulen begünstigt, die seitdem wie Pilze aus der Erde 
geschossen sind. Der mittlere Mädchenunterricht liegt also fast 
ausschliesslich in den Händen der religiösen Orden; nahezu 20 
verschiedene weibliche Orden befassen sich damit Die von den- 



Zahl 


Frequenz 


Zahl 


Frequenz 


78 
5 

47 


5^3« 
Z796 

668a 


34 
6 


1787 
Z599 



- 378 - 

selben geleiteten Schulen sind in ihrem Lehrplan vollständig frei, 
keinerlei Aufsicht unterworfen, gemessen aber auch keine staatliche 
Unterstützung. FOr die noch vorhandenen 34 Staatsschulen tragt 
der Staat allein die Kosten, für die kommunalen, die, nur mehr 6 an 
der Zahl, von den Gemeindeverwaltungen grösserer Städte unter- 
halten werden, verleiht er einen Zuschuss gleichzeitig mit den 
Provinzialverwaltungen. 

Dem letzterschienenen amtlichen Bericht aber den mittleren 
Unterricht, der bis zum Jahre 2899 reicht, entnehme ich folgende 
Zahlen. In diesem Jahre waren in Belgien vorhanden: 

Knabenschulen: Midchenschulen: 

a) Staatliche • . . 

b) Kommunale . . 

c) Bischof liche • . 

d) Von Ordensleuten 

geleitete 32 5069 183 19 802 

e) Von Privatpersonen 

geleitete 96 2663 33 z8aa 

Den 78 staatlichen Knabenschulen mit 5332 Schülern stehen 
also 105 freie gegenaber mit 240308 Schalem, den 34 Mftdchen- 
schulen mit nur 2787 Schalerinnen, 225 freie mit 32 733 Schalerinnen. 

Die mittleren Staatsschulen kosteten der Regierung im Jahre 
2899 die Gesamtsimmie von 962976 Frs. Den kommunalen 
Knabenschulen verlieh sie einen Zuschuss von 53502 Frs.; den 
Mftdchenschulen einen von 32 956 Frs. 

Der Lehrplan der Mittelschulen hat im Jahre 2897 eine voll- 
ständige UmAndex^mg erfahren. Das vom liberalen Ministerium 
ausgearbeitete Gesetz vom Jahre 2882 hatte die Mittelschulen so 
organisiert, dass sie vor allem als Vorstufe zum Gymnasialunter- 
rieht dienen sollten. Nach Absolvierung einer Mittdschule konnte 
ein Schaler gewöhnlich direkt in die IIL Klasse der modernen 
Humaniora eintreten. Die neue Verordnung vom 20. September 
2897 verleiht der Mittelschule einen selbständigen Zweck, giebt 
dem Unterricht eine auf praktische Bedarfnisse hinzielende Richtung 
und spezialisiert infolgedessen die Studien vom 2. Jahre an. Der 
Unterricht zerfällt also in einen allgemeinen und in einen speziellen, 
der sich auf Handel, Industrie und Landwirtschaft bezieht In 
acht Knabenschulen sind versuchsweise drei verschiedene Ab- 
teilungen eingerichtet worden: eine handelswissenschaftliche, eine 



^ 



— 379 — 

Industrielle und eine landwirtschaftliche. Ebenso ist versuchs- 
weise in drei Mädchenschulen eine besondere handelswissenschaft- 
liche Abteilung gegründet worden. Der allgemeine Unterricht ist 
fOr Knaben- und Mädchenschulen fast vollständig gleich. Er um- 
fasst fflr Madchen ft)lgende Fächer: Religion, Muttersprache, erste 
und zweite Nebensprache, Geographie, Geschichte, Mathematik, 
Naturwissenschaften und Gesundheitslehre, Hauswirtschaftalehre, 
Zeichnen, Handarbeit, Musik, Turnen. Das besondere Programm 
der handelswissenschaftlichen Abteilung «mfasst das Handelsrecht, 
die Buchhaltung, wirtschaftliche Geographie und eine vierte 
Sprache. 

Für jedwedes dieser Fächer enthält die neue Verordnung vom 
z6. September 2897 eingehende Vorschriften, allgemeine, wie der 
Unterricht zu gestalten, und besondere, in wie weit derselbe von 
Jahr zu Jahr fortgeftlhrt werden muss. Als Probe teile ich hier 
die allgemeinen Vorschriften mit in Bezug auf den Unterricht in 
der Muttersprache, die mit Racksicht auf den deutschen Teil 
Belgiens, im amtlichen Bericht auch deutsch verfasst sind: „Die 
Lehrerin wird mit Voriiebe solche LesestQcke — sei's litterarischer, 
sei*s wissenschaftlicher Art — auswählen und zur LektQre 
empfehlen, die geeignet sind Familiensinn zu wecken, Achtung 
vor häuslichen Tugenden einzupflanzen, die Pflichten der Frau 
zu lehren, auf den hohen Wert der Häuslichkeit hinzuweisen, die 
Wichtigkeit des Sparens zu zeigen und die erhabene Rolle der 
Frau als Erzieherin der Kmder hervorzuheben. — Zu Aufsätzen 
sind vor allem solche Themata zu wählen, die sich auf das Leben 
der Frau im Familien- und Freundeskreise beziehen, auf die 
Pflichten der jungen Mädchen« auf die Beschäftigung im Haushalt, 
auf Mittel zu eigener Weiterbildung u. s. w." 

Fast allen Mittelschulen sind Vorbereitungsschulen angegliedert, 
die den Elementarschulen entsprechen. Das Eintrittsalter ist auf 
za Jahre festgesetzt tOr Mädchen sowohl als fflr Knaben; die 
Studien dauern drei Jahre. Coeducation findet im mittleren Unter- 
richt nicht statt 

Die Gehaltsverhältnisse von Lehrern und Lehrerinnen der 
Mittelschulen, hier rtfgents imd r^gentes genannt, sind ganz die- 
selben. Das Gehalt bewegt sich zwischen 2000 und 3500 Frs.; 
eine Erhöhung desselben ist in nächste Aussicht gestellt 

Die Inspektion der Mittelschulen ist dieselbe wie die fllr die 
Gymnasien. Von den sieben Inspektoren hat niu* einer aus- 
schliesslich die Mittelschulen in seinem Bereich, die sechs andern 



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beaufsichtigen zugleich beiderlei Unterrichtsanstalten. Die modernen 
Sprachen, das Zeichnen und das Turnen haben einen besonderen 
Inspektor. Eine Dame ist mit der Aufsicht Ober den Handarbeits- 
unterricht in den Mädchenschulen beauftragt 

IV. 

Der NormalimterrichL 

Wie in allen Unterrichtszweigen, so giebt es auch in Belgien 
in Bezug auf den Normalunterricht staatliche und fireie Anstalten. 
Für den Dementarunterricht bestehen z8 staatliche Seminare, 9 
für Lehrer und 9 für Lehrerinnen. Erstere zfthlten im Jahre 1896 
— das letzte, fOr welches offizielle statistische Angaben vorhanden — 
34a Schüler, letztere 313 Schülerinnen. Den staatlichen Seminaren 
stehen 40 fireie gegenüber, la für Lehrer und a8 für Lehrerinnen. 
Sie hatten im Jahre 1896 zoiz Schüler und 1530 Schülerinnen. 
Die Staatsseminare teilten in demselben Jahre an 97 Lehrer und 
173 Lehrerinnen Diplome aus, die fireien Seminare an 247 Lehrer 
und 634 Lehrerinnen. Schlagend ist hier wieder das Ober- 
gewicht des freien Unterrichts über den staatlichen. Die freien, 
sämtlich von religiösen Orden geleiteten Seminare sind alle vom 
Staate anerkannt, haben folglich das Recht, giltige 2^gnisse aus- 
zuteilen. Die liberalen und sozialistischen Gemeindeverwaltungen 
haben sich zur Regel gemacht, nur staatlich diplomierte Lehrer 
\md Lehrerinnen zu ernennen; die katholischen Verwaltungen 
geben den frei diplomierten bei Ernennungen den Vorzug. So 
wird das ganze Unterrichtswesen von dem Treiben der politischen 
Parteien beherrscht 

Das zum Eintritt in eine Normalschule erforderliche Alter ist 
z6 Jahre. Die Studien dauern jetzt vier Jahre. Zwischen dem 
Lebrplan für. Lehrer und dem fiQr Lehrerinnen besteht kein wesent- 
licher Unterschied. Eine Eintrittsprüfung wird verlangt Das 
Programm der Schlussprüfung ist folgendes: 

I. Obligatorische Fächer: Sittenlehre, Verfassung imd Gesetz- 
gebung Belgiens, Pädagogik und Methodologie, Muttersprache, eine 
zweite Sprache, Arithmetik. Erdkimde, Geschichte, Landwirtschaft 
(für Knaben), Handarbeit (fQr Mädchen), Schreiblehre, Zeichnen, 
Vokalmusik, Gymnastik. 

a. Fakultative Fächer: Geometrie und Naturwissenschaften 
(Grundzüge), Buchhaltung, Gesundheitslehre, Algebra (fOr Knaben), 
Hauswirtschaftslehre (für Mädchen). 



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Der Staat besitzt 4 Bildlingsanstalten fidr Lehrer und Lehrerinnen 
der Mittelschulen, 3 für erstere und 3 für letztere. Diese Zahl 
wQrde jedoch nicht ausreichen, wenn hier nicht wieder der freie 
Unterricht ei^gänzend einträte. Es giebt 9 freie Bildungsanstalten, 
deren Zeugnisse dieselbe Giltigkeit haben, wie die der Staats- 
schulen. Teilweise oberUlsst also der Staat die Ausbildung seiner 
eigenen Lehrer den freien Anstalten. jQnglinge werden mit 17 Jahren, 
Mädchen mit z6 zugelassen nach Bestehen einer Eintrittsprüfung. 
Die Studien dauern zwei Jahre. Im ersten Studienjahr hat der 
Lehrplan einen allgemeinen Charakter; das zweite zerfällt in drei 
Abteilungen, z. eine litterarische, a. eine wissenschaftliche, 3. eine 
für moderne Sprachen. Die Schlussprüfung, nach welcher das 
Diplom der i^r^gente" ausgestellt wird, bezieht sich auf folgende 

Fächer: 

A. Litterarische Abteilung: 

z. Französische Sprache (Aufsatz), Versifikation, litterarische 
Analyse; Geschichte der Litteratur bis Malherbe; die Litteratur im 
Z9. Jahrhundert; oder: Vlämische Sprache (Aufsatz und Geschichte 
der niederländischen Litteratur bis zum z6. Jahrhundert) für die 
SchQlerinnen, die in einer vlämischen Schule unterrichten wollen. 

2. GrundzQge der allgemeinen und vergleichenden Grammatik. 

3. Eine moderne Sprache (Vlämisch, Deutsch oder Englisch); 
wenn Vlämisch gewählt wird, dann: Obersicht der Litteratur, 
namentlich